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Die Kapitalformen nach Bourdieu - Welchen Einfluss haben sie auf die Migrationsentscheidung?

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kapitalformen nach Bourdieu
2.1. Ökonomisches Kapital
2.2. Kulturelles Kapital
2.3. Soziales Kapital
2.4. Symbolisches Kapital
2.5. Kapitalumwandlungen

3. Der Einfluss der Kapitalformen auf die Migrationsentscheidung11
3.1. Der Einfluss ökonomischen Kapitals
3.2. Der Einfluss kulturellen Kapitals
3.3. Der Einfluss sozialen Kapitals
3.4. Der Einfluss symbolischen Kapitals

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Franzose Pierre Bourdieu (*1930-2002) zählt zu den bedeutendsten Soziologen der heutigen Zeit. In den drei Jahrzenten seiner Forschungstätigkeit schrieb er über dreißig Bücher und verfasste etliche Aufsätze und Vorträge. Auffallend ist die thematische Vielfalt seines umfassenden Lebenswerkes. So führte er beispielsweise Studien durch in den Bereichen der Politischen Soziologie, der Sprachsoziologie und der Bildungssozio- logie durch und beschäftigte sich in seinen Aufsätzen mit den Themen der Religions-, Rechts- und Kunstsoziologie, sowie der Soziologie der Bürokratie. Er widmete sich außerdem der Ethnologie, den Geschlechter- und Generationenverhältnissen, der Kunst, der Photographie, der Kulturpolitik, dem Sport und auch der Mode (vgl. Schwingel 1995). Die meisten Arbeiten liegen in deutscher Sprache vor, jedoch liegt zwischen der übersetzten Version und der französischen Erstveröffentlichung meist ein längerer Zeit- raum. In Deutschland wurde Bourdieu vor allem durch die Veröffentlichung des Werkes „Die feinen Unterschiede“ (1982) bekannt (vgl. Krais 2004). Nachdem er 1982 schließ- lich an das Collège de France berufen wurde, erhielt er 1993 die Médaille d'or des Centre National de Recherche Scientifique, die höchste akademische Auszeichnung, die in Frankreich vergeben wird. Außerdem wurde ihm 1997 der Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen verliehen.1

Nachfolgend wird das Bourdieusche Kapitalverständnis vorgestellt und mit dem Begriff der Migration verbunden. Das Feld Migration wurde aufgrund seiner aktuellen Relevanz gewählt. Laut des Bundesministeriums des Inneren2, hat die internationale Mobilität in den letzten Jahren stark zugenommen und wirkt sich vor allem auf die Zuwanderung in die Industrieländer Europas aus. Auch in Deutschland bestimmen Begriffe wie Migration, Integration und Assimilation die aktuelle politische Integrationsdebatte und sind täglich in den Medien und in der Öffentlichkeit präsent. Die Entscheidung zur Migration ist dabei Ursprung jeglichen Integrationsprozesses, der in der aktuellen Debatte thematisiert wird. Im Folgenden soll daher der Einfluss der Bourdieuschen Kapitalien auf die Migrationsentscheidung beleuchtet werden.

Nach einer kurzen Vorstellung Pierre Bourdieus wird zunächst dargestellt, was nach der Bourdieuschen Theorie unter Kapital allgemein zu verstehen ist. Anschließend werden die verschieden Kapitalformen im Einzelnen definiert, wobei in einem gesonderten Ab- schnitt auf die Möglichkeiten der Umwandlung der vorher erläuterten Kapitalarten eingegangen wird. Daran anknüpfend wird der Einfluss der verschiedenen Kapitalformen auf die Migrationsentscheidung herausgearbeitet und evaluiert.

In dieser Arbeit wird ausschließlich die männliche Form „Migrant“ benutzt, wobei die- ser Begriff die Migrantinnen selbstverständlich mit einschließt. Die genderneutrale Sprache wird bewusst vermieden, da die Verwendung einerseits ein flüssiges Lesen des Textes erschwert und eine Geschlechterspezifizierung andererseits nicht zur Klärung der Fragestellung beiträgt. Des Weiteren ist zu beachten, dass mit den Migranten nicht alle Personen gemeint sind, die beabsichtigen zu migrieren oder alle Personen, die Mig- rationshintergrund haben, sondern eher die durchschnittlichen Migranten. Zwar erwei- sen sich derartige Stereotypisierungen oft als problematisch aber im Rahmen dieser Ar- beit wird es jedoch als notwendig erachtet, um die Komplexität dieser Arbeit zu verrin- gern und trotzdem zu einer angemessenen Schlussfolgerung zu gelangen.

2. Die Kapitalformen nach Bourdieu

Im Wesentlichen nennt Bourdieu vier verschiedene Arten von Kapital: das ökonomische, das kulturelle, das soziale und das symbolische Kapital.

Zu Beginn seiner Arbeit unterstreicht Bourdieu (2005: 49), dass jegliche Form von Kapital in einem gewissen Zeitlauf akkumuliert wird. Demnach eignen sich Personen im Laufe vieler Jahre ihr Wissen an und besitzen es nicht von Geburt an. Kapital ist folglich in internalisierter und in sachlicher Form akkumulierte Arbeit. Nach Bourdieu ist Kapital „als vis insita [ ] eine Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt“ und gleichzeitig „[ ] - als lex insita - auch grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt“ (Bourdieu 2005:49).

Der Begriff des Kapitals wird von Bourdieu mit Macht gleichgesetzt. Genauer gesagt, versteht der Soziologe jegliche Form von Kapital als Verfügungsmacht über ein Pro- dukt, das im Vorfeld und über einen Zeitraum erarbeitet wurde (vgl. Bourdieu 1995: 10). Er schreibt den verschiedenen Kapitalformen jeweils verschiedene Arten von Macht zu. So ergibt sich aus ökonomischem Kapital eine andere Form von Macht als aus dem sozialen Kapital. Das Auftreten einer bestimmten Kapitalart hängt vom An- wendungsbereich3 und von den erwarteten Transformationskosten ab.

2.1. Ökonomisches Kapital

Unter ökonomischem Kapital ist das Kapital zu verstehen, das unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar ist und sich in Form des Eigentumsrechts institutionalisieren lässt (vgl. Bourdieu 2005: 52). Dazu gehören Gegenstände wie Geld, Schmuck und Aktien. Personen, die über genug Geld verfügen, können direkt in ihre Bildung investieren, d.h. ihr ökonomisches in kulturelles Kapital umwandeln. Obwohl das ökonomische Kapital die Grundlage für die Kapitaltheorie bildet bedeutet dies nicht, dass die anderen Kapitalsorten Ausprägungen des ökonomischen Kapitals sind.

2.2. Kulturelles Kapital

Kulturelles Kapital ist unter bestimmten Voraussetzungen in ökonomisches Kapital transformierbar. Diese Kapitalart wird zum Beispiel in Form von schulischen Titeln sichtbar gemacht. So können jene Personen mit einem abgeschlossenen Studium ein höheres Einstiegsgehalt erwarten als diejenigen, die kein abgeschlossenes Studium nachweisen können. Der schulische Titel einer Person repräsentiert folglich das kultu- relle Kapital und kann somit in ökonomisches Kapital umgesetzt werden. Bourdieu dif- ferenziert zwischen den folgenden drei Arten von kulturellem Kapital (vgl. Bourdieu 2005: 53).

Das inkorporierte Kulturkapital bezeichnet das kulturelle Kapital, das im Laufe eines Verinnerlichungsprozesses angehäuft wurde (vgl. Bourdieu 2005: 55). Es meint also nicht nur die schulische Bildung, sondern die allgemeine Bildung und die daraus resul- tierenden Kompetenzen. Diese Kapitalakkumulation ist als persönliche Investition zu sehen, die mit erheblichem Zeitaufwand verbunden ist. Das Delegationsprinzip kann nach Bourdieu (2005: 55) ausgeschlossen werden, da sich die Inkorporation von Bil- dungskapital nicht durch eine außenstehende Person in die Tat umsetzen lässt.

Das inkorporierte Kulturkapital ist demnach körpergebunden und somit fester Bestand- teil einer Person, der nicht kurzfristig übertragen werden kann (vgl. Bourdieu 2005). Es ist damit auch nicht möglich inkorporiertes Kulturkapital durch Kauf oder Tausch zu erlangen. Ein Student könnte zwar beispielsweise seine Hausarbeiten von einem Kommilitonen schreiben lassen, das Erlernen und somit die Fähigkeit wissenschaftliche Texte zu verfassen kann er dadurch jedoch nicht erlangen.

Objektiviertes Kulturkapital ist hingegen materiell übertragbar. Allerdings lässt es sich nur in Beziehung zu inkorporiertem Kapital bestimmen. Bourdieu führt hier bezogen auf den Besitz eines Gemäldes ein Beispiel an. So sei ein Gemälde zwar materiell über- tragbar, der Genuss oder Gebrauch setze jedoch kulturelle Fähigkeiten voraus (vgl. Bourdieu 2005: 59). Erst die kulturellen Fähigkeiten ermöglichen den Genuss des Ge- mäldes und sind somit inkorporiertes Kulturkapital. Sie können materiell erworben werden, beispielsweise durch ökonomisches Kapital, oder aber auch symbolisch ange- eignet werden. Die symbolische Aneignung setzt wiederum inkorporiertes Kulturkapital voraus. Objektiviertes Kulturkapital existiert folglich auf diesen zwei Ebenen.

Die dritte Form des kulturellen Kapitals ist das institutionalisierte Kulturkapital. Inkor- poriertes, also körpergebundenes Kulturkapital kann durch Objektivierung in institutio- nalisiertes Kulturkapital konvertiert werden. Diese Kapitalausprägung ist somit als Zeugnis für kulturelle Kompetenz zu werten, sie überträgt dem Inhaber einen dauerhaf- ten, rechtlich garantierten formellen Wert in Form von Titeln (vgl. Bourdieu 2005: 61). Die Geltung ist unabhängig von der Person des Trägers und behebt somit das Problem der Körpergebundenheit. Damit ist die Geltung eines Titels unabhängig vom tatsächli- chen Kulturkapital einer Person. Während das einfache Kulturkapital unter ständigem Beweiszwang steht, wird die durch den Titel anerkannte und garantierte Kompetenz zu keinem Zeitpunkt hinterfragt, da sie schlicht akzeptiert wird (vgl. Bourdieu 2005). Durch den Erwerb eines Bildungstitels wird dem Besitzer folglich eine institutionelle Anerkennung verliehen. Dieses ermöglicht einen Vergleich der Personen anhand des Bildungstitels. Inkorporiertes Kulturkapital kann dagegen schlecht miteinander vergli- chen werden, da es nicht nach außen sichtbar gemacht werden kann.

[...]


1 http://www.suhrkamp.de/autoren/pierre_bourdieu_535.html

2 http://www.zuwanderung.de/cln_165/ZUW/DE/Home/home_node.html

3 Unter dem Anwendungsbereich ist das Feld zu verstehen, in dem eine Person vorhat zu agieren. Mit einem sozialen Feld ist ein Netz von sozialen Positionen, Machtverhältnissen und Handlungsregeln gemeint (vgl. Bourdieu 1995).

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640919109
ISBN (Buch)
9783640919628
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172132
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Kapitalformen Migration Migrationsentscheidung

Autor

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Titel: Die Kapitalformen nach Bourdieu - Welchen Einfluss haben sie auf die Migrationsentscheidung?