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Suizid als philosophisches Problem

Examensarbeit 2010 80 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Zur Terminologie
1. Selbstmord, Freitod oder Suizid?
1.1 Differenzierung
1.2 Definition
2. Freiheit
2.1 Definition
2.2 Selbstbestimmung am Lebensende

II. Suizid: Bewegung vom Sein zum Tod
1. Lebensbegriff und die Frage nach dem Sinn des Lebens
2. Der Umgang mit dem Phänomen Tod

III. Der Suizid in der Philosophiegeschichte
1. Antike
1.1 Platon und Aristoteles
1.2 Die Stoa
2. Christliches Mittelalter
2.1 Augustinus
2.2 Thomas von Aquin
3. Neuzeit
3.1 Renaissance: Michel de Montaigne
3.2 Aufklärung
3.2.1 David Hume
3.2.2 Immanuel Kant
4. 19. Jahrhundert
4.1 Arthur Schopenhauer
4.2 Friedrich Nietzsche
5. 20. Jahrhundert
5.1 Existentialismus
5.1.1 Jean-Paul Sartre
5.1.2 Albert Camus
5.2 Ludwig Wittgenstein

IV. Jean Amérys Hand an sich legen als Beispiel für den Umgang mit der Suizidproblematik in der Postmoderne
1. Aufbau
2. Inhalt
2.1 Einleitende Begriffsklärung
2.2 Die Gleichheit der Suizidanten vor dem Absprung
2.3 Lebenslogik vs. Todeslogik
2.4 Natur vs. Norm
2.5 Der échec
2.6 Humanität und Dignität
2.7 Der Freitod als letzte Möglichkeit, Humanität und Dignität zu bewahren
2.8 Das Verhältnis vom Ich zum eigenen Körper
2.9 Die Botschaft des Freitodes
2.10 Der Freitod als Akt der Befreiung
2.11 Ultimes Zögern oder Polemik?
3. Das philosophische Potential
4. Würdigung und Kritik

Schluss

Bibliographie
Abkürzungsverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur
Lexika, Wörterbücher und sonstige Hilfsmittel

Einleitung

»In statistischer Hinsicht wissen wir heute alles über den Selbstmord, aber was das Grund- problem angeht, ist man kaum weitergekommen und wird auch nicht weiterkommen, solange stillschweigend die Gewißheit herrscht, daß das Leben um jeden Preis besser ist als der Tod.«[1]

Statistiken sind bekanntlich wichtige Instrumentarien für Medizin, Psychologie und Psychiatrie, wenn es darum geht, die Epidemiologie einer Krankheit oder eines krankhaften Verhaltens zu untersuchen. Doch handelt es sich beim Suizid bzw. bei suizidalem Verhalten überhaupt um eine Krankheit, welche auf diese Weise erfasst und wissenschaftlich untersuchbar gemacht werden kann? Der Suizid als »Krankheit zum Tode also«, an der schon Goethes Werther nach Ansicht des übrigen Personals des Briefromans zugrunde ging? In Anbetracht der Tatsache jedoch, dass Selbsttötung keineswegs nur ein Problem der Mediziner und Psychotherapeuten ist, sondern die Diskussion um ihre Deutung bzw. Bedeutung über verschiedenste Disziplinen bis in die Kultur- geschichte, Religion und Philosophie reicht, scheint sie doch zumindest mehr zu sein, als nur ei- ne statistisch erfassbare Krankheit. Sie ist HEFTI-SCHAFFER zufolge vielmehr »eine menschliche Möglichkeit«[2] und gleichzeitig »das beunruhigendste Lebensproblem«[3]. Allein der Mensch be- sitzt die Fähigkeit, sich selbst das Leben zu nehmen, da nur er eine vollkommen ausgeprägte Vorstellung vom eigenen Ich und somit die Fähigkeit zur Selbstreflexion besitzt.[4] Insbesondere ist er sich zudem der Beendbarkeit der Existenz bewusst, was eine weitere Voraussetzung für den Suizid ist.[5]

Es ist nun Eines, zu untersuchen, warum Menschen sich suizidieren, ein Anderes, zu fragen, ob es sich dabei um einen wertpositiven oder -negativen, zu verherrlichenden[6] oder zu verdam- menden[7] Akt handle. Somit sind die Ausgangspositionen der psychiatrischen und der philosophi- schen Betrachtungsweise der Selbsttötung grundlegend verschieden: Der Mediziner macht seine Aussagen aufgrund jener Erfahrungen, welche er durch die Untersuchung von Menschen nach einem Suizidversuch und durch die psychiatrische Autopsie von Suizidanten gewinnt. Die Empi- rie zeigt RINGEL[8] zufolge dabei immer deutlicher, dass sich die überwiegende Mehrzahl der Sui- zidenten in einem außergewöhnlichen seelischen Zustand befinde, welchen man »mit guten Gründen einen krankhaften nennen kann und der einen drängenden, mehr oder minder zwingen- den Einfluß ausübt - so sehr, dass der Ausdruck Freitod immer unhaltbarer erscheint«[9]. Aller- dings sollte man sich stets vor Verallgemeinerungen hüten, denn man kann, wie HAMMER[10] da- gegen halten, dass auch erwiesene Krankheit nicht zwingend allen Sinn von jeder Tat des Kran- ken wegnimmt. Jeder Suizdent mag in seiner Handlung einen Sinn erkennen, und sei es keinen anderen, als den, einem Leben zu entkommen, dem er sich nicht (mehr) gewachsen fühlt.

Betrachtet man verschiedene Philosophen bzw. philosophische Schulen, so zeigt sich schnell, dass der Suizid zu jeder Zeit als weit mehr als eine Krankheit erachtet wurde und wird. Er stellt vielmehr ein moralisches Problem dar, ja sogar das einzig wirklich ernste philosophische Problem, wenn es nach A. Camus geht, der zu Beginn seines Werkes Der Mythos des Sisyphos feststellt:

»Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten.«[11]

Doch was ist es, dass die Suizidproblematik zu einem solch existentiellen Problem in der Philo- sophie macht? Ist es die (vermeintliche) Absurdität, die jeder Außenstehende sofort mit der Selbsttötung in Verbindung bringt, welche eine radikale Verneinung des eigenen Lebens und somit des jedem Menschen eo ipso inhärenten Lebenswillen darstellt, die Suizidhandlungen zu einem Problem solchen Ausmaßes werden lässt? Bei der Frage danach lohnt sich ein erneuter Blick auf das Eingangszitat: MINOIS problematisiert hier, dass die in stillschweigendem Einver- nehmen entstandene Meinung, dass das Leben um jeden Preis besser sei als der Tod, zur allge- meinen Gewissheit avanciert ist. Ebendiese Gewissheit scheint der Suizid radikal anzugreifen und lässt sie somit fragwürdig erscheinen.

Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, den Suizid aus philosophischer Perspektive zu betrachten. Einleitend und in Bezug auf die Problematik sensibilisierend soll eine Abgrenzung der Begriffe Selbstmord, Freitod, Suizid und Selbsttötung sowie eine Definition vorangestellt werden. Außerdem wird der zweite für diese Arbeit wichtige Begriff Freiheit bzw. Selbstbestimmung definiert. Der Begriff der Freiheit ist dahingehend wichtig, als dass im Bezug auf die Erlaubtheit bzw. Unerlaubtheit der Selbsttötung immer wieder darauf Bezug genommen wird.

Weil Suizid Sterben bedeutet, ist die Frage danach, was überhaupt Sterben und Tod sowie Leben heißt bzw. die Frage nach dem Sinn des Lebens, ebenfalls wichtig für die Suizidproblematik. Um diese Fragen soll es daher in Kapitel II gehen.

Daraufhin gibt Kapitel III einen Überblick darüber, wie der Suizid in der Geschichte der Philosophie gesehen wurde/wird. Grob kann man dabei zwischen zwei Positionen unterscheiden, welche mit dem Streben nach Transzendenz und der Verneinung der Transzendenz einhergehen. Während die einzelnen Ansichten hier horizontal abgearbeitet werden, befasst sich Kapitel IV dann beispielhaft anhand einer ausführlichen Analyse von Amérys Hand an sich legen auf vertikale Weise mit der postmodernen Phase, in welcher der Suizid aufgrund von Überforderung und Selbstverausgabung des Subjekts als letzte Möglichkeit gesehen wird, der Biographie einen Sinn zu geben, bevor eine Zusammenfassung die Arbeit beschließt.

I. Zur Terminologie

1. Selbstmord, Freitod oder Suizid?

1.1 Differenzierung

Der selbst herbeigeführte Tod hat verschiedene Namen, welche in der Alltagssprache häufig synonym verwendet werden, ohne, dass man weiter darüber nachdenkt: Selbstmord, Freitod, Selbsttötung und das Fremdwort Suizid. Allerdings impliziert schon der Gebrauch des einen oder anderen Begriffes eine bestimmte Sichtweise auf die Problematik dieser Todesart, da die Begrif- fe nicht streng synonym sind, sondern vielmehr verschiedene Denotationen und Konnotationen aufweisen.[12]

Der Begriff Selbstmord ist »ein deutliches Wort«[13] und hat eine klare, einfache Aussage: Die Bezeichnung unterstellt, dass derjenige, der sich das Leben nimmt, ein Verbrechen begeht. Nicht nur in kirchlich-christlicher Hinsicht schwingt hier eine negative Wertung mit, sondern auch aus rechtsbegrifflicher Sicht. So bedeutet der Begriff Mord im Rechtswesen eine vorsätzliche, ge- waltsame und daher unrechtmäßige Tötung menschlichen Lebens. Im StGB wird definiert:

»Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebes, aus Habgier oder sonst aus niederen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tö- tet.«[14]

Mord ist also eine neben anderen Arten der Tötung. Er ist gekennzeichnet durch niedere Beweg- gründe als Motiv und durch die Art der Durchführung (z. B. auf heimtückische Weise) oder den Zweck, andere Straftaten zu ermöglichen oder zu verdecken. WITTWER[15] hat aufgezeigt, dass der Anwendung dieser Definition auf den Suizid beträchtliche Schwierigkeiten im Weg stehen. Er weist darauf hin, dass es unmöglich sei, dass sich eine Person »auf heimtückische Weise«, »zur Befriedigung des Geschlechtstriebs« oder »aus Habgier« tötet. Sie kann sich durch ihre Selbsttö- tung nicht bereichern, weil sie nach ihrem Tod nicht mehr existiert. Ebenso wenig kann sie sich selbst heimtückisch behandeln, denn in diesem Fall müsste sie sich ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen töten, was unmöglich ist.

Ferner steht der Begriff Selbstmord in christlicher Tradition[16] und ist dadurch stark von der Moral der Kirche geprägt, welche den Suizid als ein Verbrechen gegen das Gottesgeschenk Le- ben und somit gegen Gott selbst verurteilt und deshalb als Sünde ansieht. Aufgrund dessen ist der Begriff Selbstmord in höchstem Maße (ver-)urteilend und durch seine negative Konnotation da nicht angebracht, wo auf wissenschaftlicher Grundlage über die Selbsttötung gesprochen wer- den soll. So fordert auch JÖRNS: »Wer das Wort ›Selbstmord‹ wählt, sollte die Assoziation mit- bedenken, die das Wort auslöst.«[17]

Der Begriff Freitod hingegen wird oft als Euphemismus für die Selbsttötung gesehen. Diese Bezeichnung impliziert, dass sich ein Mensch selbstbestimmt, d.h. in vollem Bewusstsein und frei für den Suizid entscheidet. Die Frage, die sich hier allerdings sofort stellt, ist, ob der Mensch tatsächlich frei ist, wenn es um diese Entscheidung geht.

Da mit der Selbsttötung ein Entschluss einhergeht, nämlich der, sein Leben zu beenden, muss ihr auch ein Entscheidungsprozess vorangehen. Der Suizid ist also eindeutig das Resultat einer Entscheidung. Fraglich bleibt aber, ob es sich um eine freie Entscheidung handelt oder ob die Entscheidung nicht vielmehr einen Ausdruck von Not darstellt. Während für Améry der Frei- tod in Anlehnung an Baechler ein »Privileg des Humanen«[18] darstellt, so ist für HEFTI-SCHAFFER »kaum eine Handlung so unfrei wie die suizidale«[19]. Sie macht in diesem Zusammenhang auf das hebräische Wort für Selbsttötung, Hitabbed, aufmerksam, welches übersetzt soviel wie ›sich selbst verlieren‹ bedeutet, und fragt sich, ob dies nicht eher dem Zustand des betroffenen Men- schen entspreche.[20] Auch WITTWER[21] hält die Freiheitsunterstellung für zumindest zweifelhaft. Er verweist diesbezüglich auf die empirische Forschung, aus der hervorgeht, dass einige Suizid- handlungen unter starkem psychischem Druck oder im Affekt begangen werden. Daher möge die Bezeichnung Freitod wohl auf einige Fälle, jedoch nicht auf alle zutreffen. Folglich ist auch der Begriff Freitod nicht geeignet, um im Verlaufe der Arbeit durchgängig Verwendung zu finden.

Anders verhält es sich mit dem Begriff Selbsttötung. Dieser ist moralisch wertneutral und kann sowohl auf freie als auch auf zwanghafte Handlungen angewendet werden. In der Wissenschaft hat sich ferner der Begriff Suizid (von lat. sui caedere, sich selbst töten) etabliert. Zwar wird der lateinische Begriff nicht nur als ›Selbsttötung‹, sondern auch als ›Selbst- mord‹ ins Deutsche übersetzt, doch sorgt er aufgrund des Verfremdungseffektes, welcher mit dem Fremd- und Altsprachlichen gegeben ist, für mehr Sachlichkeit und schafft Abstand zum Integrierten. WITTWER[22] weist außerdem auf die Etymologie des Wortes hin, welche dafür spricht, es eher mit ›Selbsttötung‹ zu übersetzen. Suizid wurde im 17. Jahrhundert in Anlehnung an homicidium gebildet. Weder im Altgriechischen noch im klassischen Latein gab es ein ver- gleichbares Kompositum.[23] Abgeleitet ist das Wort von dem lateinischen Verb caedere bzw. occidere, welches neutral als ›töten‹ zu übersetzen ist. Dem pejorativen ›morden‹ entspricht eher necare.[24]

Da zusammenfassend sowohl Suizid als Terminus technicus als auch sein deutsches Pendant Selbsttötung wertneutral sind, werden diese beiden Begriffe im Folgenden durchgehend verwendet, wenn vom selbst herbeigeführten Tod gesprochen wird und sofern die Wiedergabe fremder Haltungen oder Meinungen keine andere Terminologie fordert.

1.2 Definition

Unter Suizid wird in medizinischer Fachliteratur[25] diejenige Handlung verstanden, welche die ausführende Person, der Suizident[26], mit der Absicht der tödlichen Selbstverletzung unternimmt und diese als Folge der Handlung in einem absehbaren Zeitraum unmittelbar nach Beginn der Handlungsausführung für wahrscheinlich hält. Auch absichtliches Unterlassen (z. B. der Nah- rungsaufnahme oder der Einnahme lebensnotwendiger Medikamente) fällt hierbei unter den Begriff der Handlung, da diesem auch eine bewusste Entscheidung vorangeht. LINDNER- BRAUN[27] unterscheidet diesbezüglich in aktive und passive Handlungen. Ferner wird auch in der Rechtssprechung (§ 13 StGB Abs. 1) Unterlassen mit Handeln gleichgestellt.

Die genannte Definition schließt beispielsweise Fälle wie Tod durch regelmäßigen und übermäßig hohen Alkohol- oder Drogenkonsum aus. Zwar ist auch dies eine Art von selbstver- schuldetem Tod, allerdings geschieht die Selbstzerstörung dabei meist über einen sehr langen Zeitraum hinweg und nicht »in absehbarer Zeit«. Zudem kann auch nicht von einer direkten Ab- sicht gesprochen werden, da viele Alkohol- und Drogenabhängige sich lediglich betäuben, nicht aber suizidieren möchten. Lebensgefährliche Sportarten wie beispielsweise Extrembergsteigen oder Drachenfliegen können, im Falle eines aus ihnen resultierenden Todes, ebenfalls nicht als Suizidhandlungen im Sinne der o. g. Definition gewertet werden, auch wenn man über die Ausübenden derselben in der Alltagssprache gerne einmal sagt, sie seien »lebensmüde«. Die Handlung des Bergsteigens bzw. Drachenfliegens wird nämlich nicht mit der »Absicht der tödlichen Selbstverletzung« ausgeführt, und eine Handlung, welche als Suizidhandlung gewertet wird, impliziert stets eine solche Intention.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, welches infolge der Fähigkeit zur Selbstreflexion um die Begrenztheit seiner Existenz und um die Möglichkeit, sich selbst das Leben zu nehmen, weiß.[28] Zwar sind auch bei bestimmten Tiergattungen Verhaltensweisen bekannt, welche - meist in Panikzuständen - zur Selbsttötung führen[29], doch fällt es schwer in diesem Zusammenhang von Suizid zu sprechen, da dieser, wie bereits erwähnt, eine Vorstellung vom eigenen Ich, also Selbstreflexion, und insbesondere auch das bewusste Erleben der Beendbarkeit der eigenen Exis- tenz als Voraussetzung hat. Der Suizid ist somit ein spezifisch menschliches Phänomen.[30]

Suizid wird in der Psychiatrie und Psychologie häufig als Ende einer Lebenskrise verstan- den. Dabei sind Krisen psychologisch gesehen alles andere als pathologisch, sondern gehören vielmehr zum Leben und zur Entwicklung des Menschen dazu. So gibt es beispielsweise unver- meidbare lebensspezifische (z. B. Pubertät, Adoleszenz, Menopause) oder biographische Krisen (z. B. Kündigung, Trennung etc.). Pathologisch wird eine Krise erst dann, wenn der Mensch sich nicht mehr alleine daraus befreien kann und medizinische Hilfe benötigt (Phase 4 der Krisenent- stehung nach CAPLAN). Kann der Betroffene die Krise alleine nicht bewältigen, so wird sein Zu- stand für ihn unerträglich, woraus ein psychischer Zusammenbruch resultieren kann. Die Macht intensiver (suizidaler) Gefühle und der Zusammenbruch schaffen eine Situation, in welcher der Betroffene entweder untergeht oder neues Wachstum erlebt. Eine Krise kann also auch ein An- trieb zur Neuorientierung werden. Doch hierfür ist fast immer die Unterstützung anderer Perso- nen nötig.[31]

Vom Suizid ist schließlich noch der Suizidversuch zu unterscheiden. Suizidversuche sind etwa einhundert Mal häufiger als Suizide. Allerdings handelt es sich hierbei lediglich um einen Schätzwert, da nur tödlich verlaufende Suizide statistisch erfasst werden, nicht aber versuchte. Dass nicht jeder versuchte Suizid zu einem »erfolgreichen« wird, liegt zum Teil daran, dass nicht hinter jedem Versuch eine tatsächliche Tötungsabsicht steckt. In der Psychiatrie und Psychologie differenziert man zwischen der parasuizidalen Geste mit Appellfunktion, welche vielmehr ein Hilferuf an die Umgebung als ein tatsächlicher Todeswunsch ist, der parasuizidalen Handlung, bei der es z. B. bereits zu einer Intoxikation kommt, die überlebt wird, und nach der es beim Aufwachen zu einer Art »Entlastung« kommt, und schließlich dem tatsächlichen Suizidversuch, welchem ein Sterbewille inhärent ist.[32]

Der suizidale Mensch sieht die Selbsttötung als einzigen Ausweg aus einer ausweglosen Si- tuation. Obwohl es sich hierbei um ein höchst individuelles Empfinden handelt, ist allen Betrof- fenen die je subjektive Erfahrung der Hoffnungslosigkeit und der gefühlten sozialen Isolation gemeinsam. Améry spricht in diesem Zusammenhang von der »Abwesenheit der Anderen«[33].

Selbsttötung ist dennoch nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches, psychohygienisches Problem. Von der kleinsten bis zur größten Gemeinschaft in der der Einzelne lebt, können, abhängig von ihrer Einstellung zu dieser Frage, Impulse ausgehen, welche den Suizid fördern oder hemmen.[34]

2. Freiheit

2.1 Definition

Die Frage, ob die Menschen in ihren Handlungen und Entscheidungen frei sind, ist so alt wie die Philosophie. Dabei ist der Begriff Freiheit ein ursprünglich politischer Begriff für den charakte- ristischen Status gleichberechtigter Bürger eines Gemeinwesens, welcher durch nachfolgende Problematisierungen mehr und mehr zu einer Grundbestimmung menschlichen Handelns und Seins überhaupt geworden ist.[35] Die Freiheitsfrage bezieht sich nicht nur auf menschliche Hand- lungen, sondern auch auf deren Unterlassen. Man spricht dann von passiven Handlungen. Frei- heit bedeutet negativ formuliert die »Abwesenheit von Zwang«[36], also Unabhängigkeit von Fremdbestimmung und somit Selbstbestimmung, wobei man unter Selbstbestimmung versteht, dass man selbst seinem Tun den bestimmten Inhalt gibt.[37] Freiheit tritt auf zwei verschiedenen Ebenen auf, zum einen als die Selbstbestimmung des Handelns (Handlungsfreiheit) und zum anderen als die des Wollens (Willensfreiheit).[38]

Handlungsfreiheit besteht im elementarsten Sinn schon dort, wo sich jemand im Sinne seiner eigenen Kräfte und Möglichkeiten bewegen kann.[39] In einem engeren und spezifisch menschli- chen Sinn besteht Handlungsfreiheit erst dort, wo jemand einen Spielraum von alternativen Mög- lichkeiten des Verhaltens sieht und eine davon auswählen kann. Freiheit heißt hier, handeln und auch nicht handeln (libertas exceritii) oder das eine und auch ein anderes tun können (libertas specificationis).[40] Nach KUHLENKAMPFF lässt sich dies folgendermaßen explizieren: »A ist (war) zum Zeitpunkt t frei sich in der Weise V zu verhalten, genau dann, wenn es zum Zeitpunkt t in A’s Macht liegt (gelegen hat), sich in der Weise Nicht-V zu verhalten«[41]. Ebenso definiert KEN- NY[42] Freiheit über den Besitz der Fähigkeit auch auf eine andere Weise handeln zu können. Es geht also darum, ohne äußeren Zwang bewusst und freiwillig zu handeln.

Da die Freiheit des einen mit der des anderen in Konflikt geraten kann, sind politische Gesetze der Konfliktregelung notwendig, durch welche die Handlungsfreiheit eines jeden eingeschränkt, zugleich aber gesichert wird. Überdies ist dort, wo man rechtlich das tun kann und darf, was man möchte, das Wollen seinerseits durch physische, psychische, soziale und andere Bedingungen vielfach bestimmt. Dieser Tatbestand mannigfacher Determination lässt sich nicht leugnen und stellt die Freiheit in Frage.[43]

Willensfreiheit besteht darin, dass der Wille sich letztlich nicht von etwas anderem, den An- trieben der Sinnlichkeit oder auch von sozialen Zwängen, bestimmen lässt, sondern selbst Ur- sprung seines »So-u[nd]-nicht-anders-Wollens«[44] ist. Dies heißt keineswegs, dass der Mensch seine vielfältigen Bedingungen einfach abstreifen und aus dem Nichts neu anfangen könnte. Vielmehr sind Bedingungen vorhanden, aber nicht als unabänderliche Fakten, sondern der Mensch kann sich in ein Verhältnis zu ihnen setzen, sie benennen, beurteilen und anerkennen oder aber verwerfen und auf ihre Veränderung hinarbeiten. Dieses Moment des Selbstverhältnisses ist der freie Wille.[45]

Selbstbestimmung bedeutet also zusammenfassend nicht, dass man ohne jede einschränken- de Bedingung entscheiden kann. Tatsächlich fallen Entscheidungen immer unter biographischen und gesellschaftlichen Bedingungen, welche Wahrnehmungen wie Motive prägen und Hand- lungsspielräume, auch jenseits der durch Moral und Recht gezogenen Grenzen, einschränken. Gleichwohl wird den Menschen Autonomie zugeschrieben und ihre Entscheidungen werden als Ausdruck von Selbstbestimmung respektiert. Das ist natürlich nur so lange der Fall, wie die äu- ßeren Bedingungen nicht auf einen Zwang hinauslaufen, bei dem von freiwilligem Handeln kei- ne Rede mehr sein kann. Aber auch dann, wenn Menschen sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, müssen sie Entscheidungen oft in einer Situation mehr oder weniger großer Bedrängnis treffen. Daraus folgt jedoch noch nicht generell, dass von selbstbestimmtem Entscheiden hier nicht die Rede sein kann.[46]

2.2 Selbstbestimmung am Lebensende

Der Anspruch auf Selbstbestimmung erstreckt sich auf Entscheidungen am Ende des Lebens und an diesem Punkt setzen die bioethischen Kontroversen der Gegenwart ein. Es steht zur Diskussi- on, »ob und in welcher Weise man über den eigenen Tod eigenständig verfügen können soll«[47] bzw. darf.

Während Meinungsumfragen in der Bevölkerung zeigen, dass von einer großen Mehrheit[48] etwa gefordert wird, Patientenverfügungen anzuerkennen, da man selbst entscheiden dürfen sol- le, ob und wie man medizinisch behandelt werden möchte, falls man in einen Zustand gerät, in dem man keine eigenen Entscheidungen mehr treffen kann, so wird hingegen sehr viel zurück- haltender über die Frage geurteilt, ob es ein Akt legitimer Selbstbestimmung sei, seinem Leben willentlich ein Ende zu setzen. Die kulturelle Dominanz von Selbstbestimmung in modernen Ge- sellschaften hat demzufolge laut Nationalem Ethikrat[49] bisher nicht dazu geführt, dass sich die Einstellung durchgesetzt hat, Entscheidungen über das eigene Leben sollten vollständig in das Belieben des Einzelnen gestellt sein. So ist etwa der Suizid keineswegs entmoralisiert worden. In repräsentativen Erhebungen im Rahmen des »World Value Survey« wurden zwischen 1981 und 2000 diverse Verhaltensweise auf einer Skala von 1 (= »darf man unter keinen Um-ständen«) bis 10 (= »in jedem Fall in Ordnung«) eingeschätzt. Den Suizid haben die Befragten in Deutschland (West) um den Wert 3 herum eingestuft, also deutlich im negativen Bereich.[50] Aus diesen Daten folgt, dass die Straflosigkeit der Selbsttötung im Recht, welche in Deutschland mit dem StGB von 1871 eingeführt wurde, nicht mit einer Billigung im moralischen Urteil der Be-völkerung einhergeht.

Es scheint also, als gebe es in modernen Gesellschaften moralische Pflichten gegen sich selbst, welche der Selbstbestimmung Grenzen setzen. Zu diesen Pflichten scheint - zumindest in den Köpfen der meisten Menschen - der Respekt vor dem eigenen Leben zu gehören. Dennoch gibt es faktisch Suizide und somit stellt sich die Frage, wie diese unter dem Aspekt der Freiheit menschlicher Entscheidung zu betrachten sind.

II. Suizid: Bewegung vom Sein zum Tod

Seit jeher finden sich Fragen nach dem Sinn des Lebens sowie Definitionen des Lebensbegriffes wie auch die Thematik des Todes in der philosophischen Diskussion. Die gesellschaftliche Be- wertung der Selbsttötung ist dabei eng verknüpft mit der Einstellung zu Leben und Tod im All- gemeinen, welche sich im Verlauf der historischen Epochen immer wieder gewandelt hat.[51]

Da Suizid Sterben bedeutet, ist er zwischen Leben und Tod angesiedelt, und somit erscheint es notwendig, sich in knapper Form mit dem Leben sowie dem Tod auseinanderzusetzen, denn bei der Frage nach Sinn oder Unsinn bzw. Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des Suizids geht es, wie HAMMER in seiner Abhandlung treffend formuliert, »um Leben und Tod«[52].

1. Lebensbegriff und die Frage nach dem Sinn des Lebens

Leben bedeutet

»neben dem komplexen biologischen System organischer Strukturen und Funktionen wesentlich die zwischen Geburt u[nd] Tod gegebenen Entfaltungs- u[nd] Selbstbestimmungsmöglichkeiten des Menschen als Person.«[53]

Hierbei sind Beginn und Ende dieses »hochevolutiven Prozessgeschehens«[54] ohne Zweifel Grenzsituationen, welche - wenn überhaupt - nur vom vollständig entwickelten Ganzen des in Frage stehenden Entwicklungsbogens bestimmt werden können. Die langsam zunehmende und behutsam abnehmende Werdepotenz menschlichen Lebens ist als solche überhaupt nur von ihrer in Struktur und Verhalten gleichermaßen reifen Aktualität her zu erkennen. Eine Vernachlässi- gung dieser Erkenntnis führt HAMMER[55] zufolge zu einem biologistischen Minimalismus und Reduktionismus, welcher für die moderne medizinische Diskussion über Leben kennzeichnend sei (vita reducta):

»Menschliches Dasein wird unter der Hand seiner Bioethiker zum bloßen Komplex von nur mit komplizierten Labormethoden nachweisbaren physikalisch-chemischen Vorgängen. Wie aber mag es um das ›Innere‹ eines Lebens bestellt sein, dessen einzige Äußerung für den Grenzbereich von Anfang und Ende im Ausschlag aufwendiger elektronischer Instrumente besteht?«[56]

Biologische Prozesse liefern demzufolge keine Kriterien für den Wert des Lebens oder die Beur- teilung von Phänomenen, welche gewissermaßen als sinnkonstituierend angesehen werden kön- nen, wie z. B. Streben nach Glück. Die biologischen Lebensprozesse und -organismen enthalten keine Teleologie als Maßstab für die Zweckmäßigkeit menschlichen Lebens. Somit sind die im deutschen Grundgesetz verankerte unantastbare Menschenwürde und das gleiche Recht aller Menschen auf Leben nicht an physische, psychische oder intellektuelle Leistungen gebunden. Entscheidende Kriterien des Lebens sind vielmehr Freiheit und Verantwortung, welche für ein menschenwürdiges Leben zumindest der Möglichkeit nach gegeben sein müssen.[57]

Wie unzureichend menschliches Leben als Summe chemisch oder physikalisch gesteuerter Reaktionen begriffen ist, zeigt HÖFFE zufolge die Bedeutung des Todes für das Leben: »Der Tod ist zwar auch das Ende bestimmter biologischer Funktionen, konstituiert aber den jeweils einma- ligen geschichtlichen Wert des L[ebens]«[58]. Notwendig gegenüber Biologismus wird folglich ein anthropologischer, am erfahrbaren menschlichen Verhalten orientierter Begriff des Lebens, wel- cher HAMMER[59] zufolge nicht ohne umfassende Erhellung des Lebensphämomens ethisch wertet. Dieser kann sich auf antike Ansätze griechischen Denkens berufen: So sind für die Stoa Leben und Tod an sich indifferent. Erst als vernunft- und naturgemäßer Vollzug wird Leben sinnvoll. Ebenso preist auch Aristoteles im neunten Buch seiner Nikomachischen Ethik den Wert des Le- bens als ein Gut für den Tugendhaften und Tüchtigen. Dieser lebt in innerem Einklang mit sich selbst und begehrt und tut nach außen das Rechte.[60] Diese Stelle der Nikomachischen Ethik ist von großer Bedeutung für einen philosophisch vertieften Lebensbegriff.[61]

Der Suizident bricht nun durch seine Selbsttötung den natürlichen Lebensprozess ab. Sein vorgezogener Tod bedeutet für ihn, dass er nicht mehr sein muss bzw. nicht mehr sein kann. »[N]icht mehr sein können«[62] deutet in diesem Zusammenhang für HEFTI-SCHAFFER auf den Verlust des Lebenssinnes hin und die Frage nach dem Sinn des Lebens sei oft die »Hauptfrage«[63], welche ein Suizident sich stellt. Diese Sinnfrage umfasst alles, was zum Leben gehört. Sie ist die Frage, welche die Ganzheit des Menschen betrifft.

Stellt man die Frage, welchen Sinn das Weiterleben habe, und sucht man nach Antworten darauf, so nimmt man an, dass Leben und Sinn des Lebens zusammengehören.[64] Leben, welches als sinnvoll erlebt wird, ist auf ein Wozu bzw. Wofür ausgerichtet und hat einen Inhalt. Dieser Sinn des Lebens wird zugleich als die Kraft angesehen, welche den einzelnen Menschen dann auch Schicksalsschläge ertragen lässt. Dabei ist der Lebenssinn immer an die Biographie ge- knüpft. Das bedeutet, dass die Frage, ob das Leben sinnvoll für jemanden ist oder nicht, immer nur von der betroffenen Person beantwortet werden kann: »Der Lebenssinn wird individuell er- lebt, ist persönlich biographisch gebunden und bleibt es auch durch alle ihn verändernden Lebensphasen und Lebenssituationen hindurch.«[65] Der Sinn eines Menschenlebens kann dem ein- zelnen Menschen nicht beliebig von einem anderen durch Deutung seiner Biographie und Le- benssituation eröffnet werden. Dieser Satz ist unbestreitbar: »Es geht in der Sinnfrage um mich selbst«[66]. Eine andere Person kann dem Suizidenten gegenüber lediglich ihren Glauben und ihre Überzeugung bekennen, dass das Leben Sinn habe, auch wenn dieser für den Betroffenen mo- mentan nicht nachvollziehbar sei und von diesem erst wieder selbst gedeutet werden müsse.

Es gibt somit zwar nur einen Sinn des Lebens für einen Menschen, da er individuell und per- sonalbiographisch ist, aber dennoch ist der Sinn eines Menschenlebens gleichzeitig nie nur an die eigene Person gebunden, sondern greift über diese hinaus. So können z. B. andere Personen, so- ziokulturell vermittelte Werte und Normen, aber auch Ereignisse der Weltgeschichte oder Glau- be Elemente sein, welche den Inhalt des Lebenssinnes für den Einzelnen mehr oder weniger (mit)bestimmen.[67]

JÖRNS beschreibt, dass sowohl die individuelle als auch die überindividuelle Seite des Lebenssinnes sich nicht ausschließen, sondern komplementär zueinander gehören:

»Der überindividuelle Sinn des Lebens umgibt und entläßt immer neu den individuell erfahrbaren Sinn des Lebens. Ohne einen überindividuellen Sinn des Lebens gäbe es einen individuell erfahrbaren, das Leben des Einzelnen tragenden Sinn des Lebens nicht. Der Grund dafür ist von unserem anthropologischen Ansatz her zu finden: Wenn das Leben heißt in Beziehung zu stehen, und wenn Lebensbeziehungen Sinn konstituieren, dann hängt das Individuelle notwendig mit dem Überindividuellen zusammen.«[68]

Daraus lässt sich erkennen, dass die Antwort auf die Frage, ob jemand sein Leben als sinnvoll oder sinnlos erfährt, ganz entscheidend davon abhängt, ob er den Sinn seines Lebens rein individualistisch durch sich und durch das, was er ist oder hat, bestimmt sieht, oder ob er andere und anderes auch als für sich sinngebend anerkennen bzw. erkennen kann.

Sieht ein Individuum nun keinen Lebenssinn mehr, so kann sich die Frage danach ins Gegenteil umwandeln, indem dann nach dem Vorteil des Nicht-mehr-weiter-Lebens gefragt wird.[69] JÖRNS formuliert dies folgendermaßen:

»Wo aber der Sinn des Lebens von einem Menschen so total verneint wird, daß er kein Wozu für das Weiterleben mehr erkennen kann, kann der Suizid eben zu dem einzigen werden, was als Handlung noch Sinn hat.«[70]

Ist für den Nicht-Suizidgefährdeten die Suche nach dem Sinn des Lebens mit dem Erlebenwollen von Sinn und dem Glauben an ein Erlebenkönnen desselben während seiner Lebenszeit verbun- den, so ist die Tragik des akut Suizidalen diejenige, dass er nicht mehr glaubt, während seiner Lebenszeit Sinn erleben zu können, sondern nur noch durch den suizidalen Aufbruch.[71]

2. Der Umgang mit dem Phänomen Tod

Der Tod ist das Ende des Lebens und Sterben die letzte Lebensphase vor dem Tod. Auch wenn sich kein Leben noch einmal leben lässt und wenngleich kein Augenblick wiederkehrt, so scheint doch erst der Tod unwiderruflich und ohne Alternative zu sein. Sterben zu müssen, ist ein unausweichliches Faktum, welches der Mensch zwar mit anderen Lebewesen teilt, allerdings weiß er um die Unausweichlichkeit seines Todes. Dieses Wissen vom Tod begleitet die Menschen permanent. In einem Text von Fink heißt es dazu:

»Die Todesgewißheit geht um in der menschlichen Seinsfrage - und der Menschentod stellt ein ontologisches Problem dar, welches mit den Denkmitteln und Kategorien, die wir auf die erscheinenden Dinge anwenden, nicht exponiert werden kann. Die Nichtung, der das seins- verstehende Wesen sich ausgesetzt weiß, bringt in alle seine Seinsbegriffe eine untergründi- ge Unsicherheit.«[72]

Dieser Unsicherheit begegnen zu müssen, ist eine Bedingung des menschlichen Seins, welche Anlass zu vielfacher Spekulation liefert. Gleichfalls verlangt dem Mensch die Tatsache, dass er sterblich ist, eine Bezugnahme im Dasein ab, welche sich von der Verdrängung des Ereignisses für das eigene Leben bis zu einer Todessehnsucht erstrecken kann.[73] Jeder sollte sich daher die Frage stellen, welche Bewandtnis der Tod für das eigene Sein hat.

Der Suizident scheint sich diese Frage bereits dahingehend beantwortet zu haben, dass der Tod, den er sich selbst gibt, bedeutender ist als das, was er noch erfahren könnte, wenn er Teil dieser Welt bliebe. So lässt sich behaupten, ohne zu sehr spekulativ zu werden, dass der Suizident den Tod als Erlösung von einem Zustand deutet, der für ihn unerträglich geworden ist. Der ersehnte Tod wird zu einer Befreiung von dem, was nicht gewollt ist. Folglich ist dem Phänomen Tod in einer allgemeinen Bestimmung die Eigenschaft inhärent, dass in ihm etwas vermutet wird, was uns zu Lebzeiten nicht zuteil werden kann.[74]

Doch was kann man über den Tod aussagen? Améry beantwortet diese Frage in einer Art wittgensteinscher Sprachkritik, wenn er schreibt, dass es für ihn über den Tod nichts zu denken gibt:

»[…] [W]ohl sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt, aber die Grenzen meiner Welt sind auch die Grenzen meiner Sprache, und vor dem Tod, meiner Anti-Welt, erweist sich auch die Ohnmacht meiner Sprache.«[75]

Wittgenstein[76] schreibt in seinem Tractatus logico-philosophicus zu der Auseinandersetzung mit dem Tod, dass der Tod kein Ereignis des Lebens sei, da man den Tod nicht erleben könne. Hier findet sich der Gedanke Epikurs wieder, nach welchem der Tod nicht zu fürchten sei, da er die Menschen überhaupt nicht betreffe: »Das Schauerregendste aller Übel, der Tod, betrifft uns überhaupt nicht; wenn »wir« sind, ist der Tod nicht da; wenn der Tod da ist, sind »wir« nicht.«[77]

Es wird hier eine Unterscheidung offensichtlich, welche dadurch gekennzeichnet ist, dass der Zustand des Todes nicht dargestellt werden kann. Der Tod ist die äußerste Grenze des Kön- nens[78] und es ist keinem Lebenden bekannt, was nach dem Sterben kommt, da es eine unbestrit- tene Tatsache ist, dass keiner den Tod wirklich erlebt. Das Leere hingegen und das Loch, wel- ches der Tod einer nahe stehenden Person verursacht, kann als Erfahrung gedeutet werden. Dabei wird der Tod nicht primär verstanden, sondern als Jaspers zufolge als »Grenzsituation«[79] er- litten.

Wie bereits erwähnt wurde, kann sich der Umgang mit dem Tod im Leben von Todesverdrängung bis Todessehnsucht erstrecken. Daher soll hier nun auf diese beiden Extreme der Todesbegegnung kurz eingegangen werden.

In der Auseinandersetzung mit der Grenzerfahrung Tod findet ein Begegnungsprozess statt, in welchem versucht wird, etwas zu erfassen und zu realisieren, was als Phänomen zwar konkret, als konkrete Erscheinungsform jedoch sehr abstrakt ist. Der Mensch möchte verstehen, was das Wissen um den Tod in seiner Besonderheit auszeichnet. Deshalb ist er versucht, der Sterblichkeit in irgendeiner Weise zu begegnen, um von der dem Gedanken an den Tod innewohnenden Angst loszukommen.[80] Das Vermögen sich dieser Angst zu stellen, ist vielleicht so zu beurteilen, wie CONDRAU[81] es in seinem Aufsatz Todesfurcht und Todessehnsucht beschreibt, dass die Erfahrung des Todes davon abhinge, worin der Mensch den Sinn des Lebens sieht.

Insofern liegt die Vermutung nahe, dass es gelingen könnte, die Angst vor dem Tod mit ei- ner nach außen gerichteten materiellen Sinnsetzung aufzuheben. Diese Betrachtung beschränkt sich auf eine Verdinglichung des Todes, in der das Individuum versucht, sich eine eigene Unan- tastbarkeit durch den Tod zu suggerieren. Ein solches Verhalten zu einer nicht zu ignorierenden Tatsache umgeht vordergründig zwar den Blick in den Abgrund des Nichtseins, nimmt dem Tod aber jede Bewandtnis für das eigene Sein und entledigt sich jedem würdevollen Umgang mit demselben. Wird der Tod als Teil des Daseins nicht mehr wahrgenommen, so kann auch die Er- arbeitung eines Bewusstseins der eigenen Sterblichkeit nicht geleistet werden. Fromm schreibt hierzu, dass ein so geprägter Geist nicht Angst vor dem Tode, sondern Angst davor habe, zu ver- lieren, »[…] was man hat: seinen Körper, sein Ego, seine Besitztümer und seine Identität, die Angst in den Abgrund der Nichtidentität zu blicken, ›verloren‹ zu sein.«[82] Ein in dieser Form verdinglichtes Sein befähigt das Individuum, sich dem, was unbekannt ist, nicht aussetzen zu müssen. Die höchste Steigerung dieser Nichtauseinandersetzung zeigt sich in der Tabuisierung des Todes. Durch diese Art des darüber Schweigens wird der Tod sozusagen negiert.[83]

[...]


[1] Minois, Georges: Geschichte des Selbstmords, Düsseldorf/Zürich 1996, S. 472.

[2] Vgl. Hefti-Schaffer, Miriam S.: Selbstmord: Ein menschliches Phänomen, Zürich 1986, S. 1.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Bronisch, Thomas: Der Suizid. Ursachen, Warnsignale, Prävention, München (5. Aufl.) 2007, S. 8.

[5] Vgl. Hefti-Schaffer, S. 1.

[6] Bspw. Suizid als »Privileg des Humanen«, Baechler, Jean: Tod durch eigene Hand. Eine wissenschaftliche Untersuchung über den Selbstmord, Frankfurt a. M. u. a. 1981, S. 45 ff. sowie in Anlehung an diesen Améry, Jean: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod, Stuttgart (7. Aufl.) 1981, S. 52.

[7] Bspw. Suizid als »äußerste Perversion des Lebens«, Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit, Frankfurt a. M. (11. Aufl.) 1980, S. 230.

[8] Ringel, Erwin: Geleitwort, in: Hammer, Felix: Selbsttötung philosophisch gesehen, Düsseldorf (1. Aufl.) 1975, S. 7 f.

[9] Vgl. ebd., S. 8.

[10] Vgl. Hammer, Felix: Felix: Selbsttötung philosophisch gesehen, Düsseldorf (1. Aufl.) 1975, S. 16.

[11] Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos, Reinbeck bei Hamburg (1. Aufl.) 1999, S. 11.

[12] Vgl. Wittwer, Héctor: Selbsttötung als philosophisches Problem. Über die Rationalität und Moralität des Suizids, Paderborn 2003.

[13] Vgl. Hefti-Schaffer, S.5.

[14] StGB, § 211, Abs. 2.

[15] Vgl. Wittwer, S. 27 f.

[16] Der Begriff Selbstmord konnte zuerst in einem theologischen Werk aus dem Jahre 1643 nachgewiesen werden, vgl. Baumann, Karl: Selbstmord und Freitod in sprachlicher und geistesgeschichtlicher Beleuchtung, Gießen 1934, S. 6.

[17] Jörns, Klaus-Peter: Nicht leben und nicht sterben können. Suizidgefährdung - Suche nach dem Leben, Freiburg (Breisgau) u. a. 1979 (PaR 2), S. 20.

[18] Améry 1981, S. 52.

[19] Hefti-Schaffer, S. 5.

[20] Vgl. ebd., S.5 f.

[21] Vgl. Wittwer, S. 28.

[22] Vgl. Wittwer, S. 28.

[23] Vgl. Daube, David: The Linguistics of suicide, in: Suicide and Life-Threatening Behaviour 7 (1977), S. 144-158.

[24] Bei Daube heißt es hierzu: » homicidia and occidere by no means equal ›murderer‹ and ›to murder‹«; Der neulateinische Ausdruck suicidium ist » like homicidium, […] a neutral expression«, Ebd., S. 160.

[25] Siehe z. B. Bronisch, Thomas: Der Suizid. Ursachen, Warnsignale, Prävention, München (5. Aufl.) 2007, S. 12 ff., LindnerBraun, Christa: Soziologie des Selbstmords, Opladen 1990, S. 30 uvm.

[26] Dies ist die korrekte Ableitung aus dem Lateinischen und vom Duden vorgeschriebene Form bzw. Schreibweise. Die Form Suizidant ist dennoch häufig in der Literatur zu finden, was vermutlich in den meisten Fällen auf Amérys Verwendung derselben in seinem für die Thematik populär und wichtig gewordenen Essay zurückzuführen ist. Améry ist sich dabei seiner abweichenden Schreibweise bewusst. Er musste, da er den Begriff Selbstmord vermeiden wollte eine »neue Terminologie erfinden« und hat so Suizidant als Lehnwort aus dem Französischen eingeführt: »Ich habe den Menschen, der den Suizid vollzieht, den »Suizidanten« genannt. Dies ist nicht völlig korrekt als Ableitung aus dem Lateinischen; eigentlich müßte man »Suizdent« sagen. Dieses Wort erschien mir aber als überaus häßlich (Präsident, Korrespondent, Konsulent, lauter Institutionstitel). »Suizidant« habe ich ver- sucht als Lehnwort aus dem Französischen »suicidant« einzuführen.«, Améry an Heißenbüttel, Brief vom 14.11.1975, in: Bous- sart, Monique: Anhang zu Hand an sich legen, in: Améry Jean: Über das Altern. Hand an sich legen. Werke Bd. 3, hrsg. v. Mo- nique Boussart, Stuttgart 2005, S. 472 f.

[27] Vgl. Lindner-Braun, S.30.

[28] Vgl. Ringel, Erwin: Das Leben wegwerfen? Reflexionen über Selbstmord, Wien u. a. (2. Aufl.) 1981, S. 9.

[29] Vgl. Hefti-Schaffer, S. 7.

[30] Vgl. Bronisch, S. 8 u. Hefti-Schaffer, S. 7.

[31] Vgl. Sonneck, Gernot (Hrsg.): Krisenintervention und Suizidverhütung. Ein Leitfaden für den Umgang mit Menschen in Krisen, Wien (4. Aufl.) 1997, S. 37 f.

[32] Vgl. ebd., Bronisch, Lindner-Braun u. a.

[33] Améry 1981, S. 21.

[34] Vgl. Ringel, S. 9.

[35] Vgl. Gessmann, Martin (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch, Stuttgart (23. Aufl.) 2009, S. 236.

[36] Kulenkampff, Arend: Hätten wir anders handeln können? Bemerkungen zum Problem der Willensfreiheit, in: SchJB 59 (1978), S. 17.

[37] Vgl. Höffe, Otfried (Hrsg.): Lexikon der Ethik, München (7. Aufl.) 2008, S. 82.

[38] Vgl. ebd., S. 83.

[39] So leben auch Tiere frei, wenn sie sich in ihrer angestammten Umwelt entfalten und nach den Gesetzen ihrer Art- und Selbsterhaltung bewegen können.

[40] Vgl. Höffe, S. 83.

[41] Kulenkampff, S. 16 f.

[42] »To act freely is to act in possession of the power to act otherwise.«, Kenny, Anthony: Will, Freedom and Power, Oxford 1975, S. 122.

[43] Vgl. Höffe, S. 84.

[44] Vgl. ebd.

[45] Vgl. ebd.

[46] Vgl. Nationaler Ethikrat (Hrsg.): Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende. Stellungnahme, Berlin 2006, S. 18 f.

[47] Ebd., S. 19.

[48] In der repräsentativen Emnid-Umfrage im Auftrag der DGHS verlangten etwa 90 Prozent der Befragten, dass Festlegungen einer Patientenverfügung für Ärzte und Pflegepersonal bindend sein sollen. Beschränkungen der Geltung solcher Verfügungen entsprechen der Umfrage zufolge nicht dem, was die Mehrheit der Bevölkerung möchte. Mehrheitlich abgelehnt werden auch komplizierte formale Erfordernisse als Voraussetzung ihrer Wirksamkeit. In derselben Umfrage lehnten es 78 Prozent der Be- fragten zudem ab, die Geltung der Verfügung auf den Sterbeprozess zu beschränken. Ergebnisse zitiert nach ebd., S. 19 f.

[49] Vgl. ebd., S. 20.

[50] In Spanien und den USA lagen die Werte vergleichsweise noch niedriger, zwischen 2 und 3, in Schweden zwischen 3 und 5. Die Stufe 5 signalisiert hierbei sehr schwache Ablehung, die Stufe 6 sehr schwache Zustimmung. Ergebnisse zitiert nach ebd.

[51] Vgl. Bieri, Oliver: Suizid und sozialer Wandel in der westlichen Gesellschaft. Determinanten und Zusammenhänge im Zeitraum von 1950 bis 2000, Zürich 2005, S. 19.

[52] Hammer, S. 19.

[53] Höffe, S. 173.

[54] Hammer, S. 19.

[55] Vgl. Ebd.

[56] Ebd., S. 21.

[57] Vgl. Höffe, S. 173.

[58] Ebd., S.173 f.

[59] Vgl. Hammer, S. 22.

[60] »Denn das Dasein ist für den ethisch hochstehenden Mann ein Wert.«, Aristoteles: Nikomachische Ethik, Stuttgart 2004, 1166a 11-30.

[61] Vgl. Hammer, S. 22.

[62] Hefti-Schaffer, S. 21.

[63] Ebd.

[64] Vgl. Jörns, S. 66.

[65] Hefti-Schaffer, S.22.

[66] Gollwitzer, Helmut: Krummes Holz - aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens, München (4. Aufl.) 1971, S. 23.

[67] Vgl. Jörns, S. 67.

[68] Ebd, S. 68.

[69] Vgl. Hefti-Schaffer, S. 24.

[70] Jörns, S. 70.

[71] Vgl. ebd.

[72] Fink, Eugen: Metaphysik und Tod, Stuttgart 1969, S. 20.

[73] Vgl. Wode, Kai: »Sich selbst das Leben nehmen«. Versuch einer Typologie des Suizidanten anhand deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts, Hannover-Laatzen (1. Aufl.) 2007, S. 28.

[74] Vgl. ebd.

[75] Améry, Jean: Über das Altern. Revolte und Resignation, Stuttgart (6. Aufl.) 1987, S. 123.

[76] Vgl. Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. WA Bd. 1, Frankfurt a. M. (11. Aufl.) 1997, S. 84.

[77] Vgl. Epikur: Brief an Menoikus, 125, in: Ders.: Briefe, Sprüche, Werkfragmente, Stuttgart 2000.

[78] Vgl. Lévinas, Emmanuel: Die Zeit und der Andere, Hamburg 1984, S. 47.

[79] Vgl. Jaspers, Karl: Tod, in: Ders.: Philosophie. Bd. II: Existenzerhellung, Berlin u. a. (3. Aufl.) 1956 S. 220-229.

[80] Vgl. Wode, S. 29.

[81] Vgl. Condrau, Gion: Todesfurcht und Todessehnsucht, in: Paus, Ansgar (Hrsg.): Grenzerfahrung Tod, Frankfurt a. M. 1978, S. 232.

[82] Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, München (10. Aufl.) 1981, S.123.

[83] Vgl. Wode, S. 30.

Details

Seiten
80
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640918782
ISBN (Buch)
9783640918584
Dateigröße
992 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172089
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisches Seminar
Note
1,75
Schlagworte
Suizid Selbstmord Freitod Selbsttötung Freiheit Leben Tod Sterben Philosophie Philosophiegeschichte Selbstbestimmung Lebensbegriff Sinn des Lebens Platon Aristoteles Stoa Augustinus Thomas von Aquin Michel de Montaigne Hume Kant Schopenhauer Nietzsche Sartre Camus Améry Suizidant Suizidär Lebenslogik Todeslogik échec Humanität Dignität

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Titel: Suizid als philosophisches Problem