Lade Inhalt...

Ernst Jüngers Widerstandstypen im Vergleich: Waldgänger und Anarch

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 37 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Der Waldgang
3.1 Überblick
3.2 Form und Aufbau
3.3 Inhalt
3.3.1 Der Urnengang
3.3.2 Die Bedrohung
3.3.3 Furcht
3.3.4 Der Wald
3.3.5 Das Schiff
3.3.6 Der Waldgang
3.3.7 Der Waldgänger als Typus
3.3.8 Flucht in die Fiktion
3.3.9 Mensch und Gesellschaft
3.3.10 Freiheit
3.3.11 Sprache als Schlüssel

4. Eumeswil
4.1 Überblick
4.2 Form und Aufbau
4.3 Inhalt
4.3.1 Weltpolitische Lage
4.3.2 Posthistoire
4.3.3 Martin Venator – Der Anarch
4.3.4 Machthaber Eumeswils
4.3.5 Politische Situation
4.3.6 Staat und Individuum
4.3.7 Der Anarch
4.3.8 Anarchist und Partisan
4.3.9 Der Wald: Umgebung und Fluchtort

5. Vergleich von Waldgänger und Anarch
5.1 Historische Umgebung
5.2 Menschenbild
5.3 Geschichtsverständnis
5.4 Begründung des Widerstandes
5.5 Widerstand in der Praxis
5.6 Waldgänger und Anarch in Eumeswil
5.7 Waldgänger, Anarch und Einziger

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

Ernst Jünger erlangte seine übernationale Bekanntheit als Schriftsteller vor allen Dingen durch die literarische Verarbeitung seiner Kriegserlebnisse im ersten Weltkrieg. Während der unruhigen Nachkriegszeit und der Weimarer Republik veröffentlichte er als Journalist eine Vielzahl von Artikeln und Essays mit größtenteils radikaler Stoßrichtung und starkem Rechtsdrang. Obwohl er den Nationalsozialismus anfangs unterstützte und förderte, lehnte er später wiederholt Reichstagsmandate für die NSDAP ab und stellte sich auch öffentlich mehr oder weniger direkt gegen das Regime – was bekanntermaßen nicht ungefährlich war. In der Strömung der Konservativen Revolution, zu der neben Thomas Mann, Oswald Spengler, Carl Schmitt und anderen auch Ernst Jünger gezählt wird, nimmt er aufgrund seiner zeitweise undurchsichtigen Positionen die wohl sonderbarste Stellung ein - und bot damit eine breite Angriffsfläche für Kritiker aus sämtlichen Lagern. Jünger begeisterte dabei durch hohes sprachliches Niveau, außergewöhnliche Verknüpfung von Realität und Fiktion und polarisierte mit häufig radikalen und ungewöhnlichen Ansichten. Auch nach 1945 und einem vorübergehenden Publikationsverbot ist auffällig, dass die Veröffentlichungen in unterschiedlichster Weise interpretiert, kritisiert und gelobt werden, bei einer stets unnormalen Zusammensetzungen der Lager von Gegnern und Fürsprechern. Spätestens mit seinem 1951 veröffentlichten Essay „Der Waldgang“ bewegte sich Ernst Jünger tendenziell in Richtung eines „konservativen Anarchismus“, der in unterschiedlichster Weise ausgelegt wurde. Auch in den folgenden Jahren taucht das Thema immer wieder mehr oder weniger deutlich in Veröffentlichungen auf. 1977 greift Jünger in seinem Roman „Eumeswil“ das Thema Anarchismus und Widerstand nochmals ausführlich auf und entwirft dabei gewissermaßen ein Gegenmodell zu seinem im Waldgang entwickelten Menschentypus des Waldgängers: den Anarchen. Durch die Analyse der beiden Idealtypen, ihre Stellung in Sachen Menschenbild, Einschätzung der allgemeinen Lage, Freiheit, Gefahr und Ausweg, werden Parallelen und Unterschiede aufgezeigt. Zusätzlich wird die Integration von Versatzstücken Max Stirners „Einzigem“ untersucht, sowie die Punkte herausgearbeitet, die der Konzeption des Einzigen Stirners entgegenstehen. Ein abschließendes Fazit versucht, die Konzepte des Waldgängers und Anarchen, nochmals gegenüberzustellen und dabei vor allem den Unterschied im erzählerischen Rahmen der beiden Bücher festzumachen.

3. Der Waldgang

Der 1951 veröffentlichte Essay „Der Waldgang“ ist der Mittelteil einer Trilogie von Veröffentlichungen. „Über die Linie“ erschien 1950 in der Festschrift zu Martin Heideggers 60.ten Geburtstag und beschäftigt sich mit der nach Jüngers Ansicht „schwersten Krankheit der Moderne“[1]: dem Nihilismus. Dabei analysiert er dessen verheerende Auswirkungen auf die Lage des Einzelnen im Zeitalter der Massengesellschaft, des Kollektivismus und der Nivellierung, um mit dem Fazit zu schließen, dass der Nihilismus zwar immensen Schaden verursacht habe, seine Überwindung aber folgen werde, da der Nullpunkt bereits überschritten sei (was Martin Heidegger übrigens vier Jahre später in wiederum Jüngers Festschrift zum 60.ten Geburtstag bestritt).

3.1 Überblick

Im Waldgang beschäftigt sich Ernst Jünger mit Auswegen aus der in „Über die Linie“ beschriebenen Gegenwartsanalyse des nihilistischen Technokratismus: dem Widerstand des Einzelnen. „Es ist keine Idylle die sich hinter dem Titel verbirgt. Der Leser muss sich vielmehr auf einen bedenklichen Ausflug gefasst machen, der nicht nur über vorgebahnte Pfade, sondern auch über die Grenzen der Betrachtung hinausführen wird.“[2] Der wachsenden ökonomischen und geistigen Ausbeutung, die in Natur und Menschen nichts mehr erkennt als „ein Reservoir kinetischer Energie“[3], stellt Jünger eine Anleitung zum Widerstand entgegen, als Pflicht des Einzelnen vor ewigen kosmischen Gesetzen. Dazu ist nicht jeder in der Lage. Der Waldgänger ist darum gefordert, den Einzelnen ihre Macht und Freiheit bewusst zu machen, und so zur Überschreitung des Nullmeridians des Nihilismus zu befähigen. Dazu braucht es die Unterstützung von Dichtung, Philosophie und Theologie, welche die gewaltige Überlegenheit der musischen über die technische Welt sichtbar machen, die gefestigten Meinungsbilder und Wahrnehmungen zerstören und ewige Prinzipien des Seins, der Natur und des Menschen an sich freilegen. Die Überwindung der Todesfurcht - als Quelle aller Angst- ist dabei die wichtigste Vorraussetzung. Die Sprache als Mittel und größter Schatz der Menschheit stellt das entscheidende Werkzeug dar, um nach dem ewigen Prinzip David gegen Goliath[4] den Menschen aus den „Klauen des Leviathan“ zu befreien.

3.2 Form und Aufbau

Das Essay ist gegliedert in 34. Kapitel, nacheinander werden in fast strenger Reihenfolge die einzelnen Annahmen und Konsequenzen abgekanzelt. Aus dem sukzessiven Aufbau entsteht eine Spannungskurve auf das Ende des Buches hin. Durch Einschübe von praktischen, mythologischen und geschichtlichen Beispielen werden zudem Querverlinkungen und weitere Bedeutungsspielräume eröffnet. Jünger arbeitet häufig mit Bildern und Gleichnissen: neben dem Wald, auch der Vergleich des Schiffs mit dem Wald, dem Brunnen zu dem der Mensch über die Sprache in sich hinab steigen kann und den Gefahren der Maschinenwelt und des Leviathan. Der Waldgang stellt in der Verwendung der Sprache eine Verknüpfung von politischer Philosophie, Literatur und Theologie dar, dabei versteht es Jünger geschickt Anleihen aus allen drei Gattungen zu verwenden, ohne dabei zu sehr in eine Richtung abzudriften. Als relationale Bezugspunkte des Werkes spielen Friedrich Nietzsche und dessen Konzept des Nihilismus, der Einzige Max Stirners und Oswald Spenglers zyklisches Geschichtsmodell eine Rolle.

3.3 Inhalt

Im Gegensatz zum Roman Eumeswil, stellt der Essay „Der Waldgang“ gewissermaßen die Anleitung und argumentative Begründung eines zivilen Widerstandes dar. Dabei entwirft Jünger eine Art politische Theorie mit Anleihen aus Mythologie und Literatur, jedoch mit argumentativ wissenschaftlichem Aufbau. Da sich der Waldgang an einer klaren Argumentationslinie orientiert wird versucht, den Verlauf des Buches anhand der Kapitelfolgen und bestimmter thematischer Knotenpunkten zu dokumentieren und analysieren.

3.3.1 Der Urnengang

Am Beispiel des Urnengangs eines unbekannten Bürgers einer rechts- oder linksgerichteten Diktatur soll eingangs die vordergründige Scheinfreiheit der Zeit veranschaulicht werden: der Schein der freien Wahl, gegenüber einer Übermacht des Staates deren „Fragen sich dem Verhör annähern“[5]. Diese Situations-beschreibung, die stellenweise an George Orwells 1984 erinnert, wurde Jünger als zu extrem vorgeworfen, denn damit habe „der Autor die Grenzen zwischen Massendiktatur und plebiszitärer Demokratie verwischt.“[6] Dagegen ist jedoch einzuwenden, dass Jünger dabei die Prozentverhältnisse der Wahlergebnisse während der Hitler-Diktatur (oder Diktaturen allgemein) als Beispiel nimmt – und nicht die eher ausgeglichenen Verteilungen während der Weimarer Republik oder zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland.

Weiter konstatiert Jünger eine Verschärfung bei gleichzeitiger Vereinfachung der Fragen der Zeit und weist darauf hin, dass die Freiheit Nein zu sagen begrenzt durch die Methodik der Abstimmung und die Absichten des Fragestellers sind. Denn dieser will durch die Abstimmung seine Übermacht demonstrieren. Dazu ist jedoch wichtig, dass eine gewisse Summe von Gegenstimmen die Angst im Volk vor dem „inneren Feinde“ Aufrecht erhält, was dem Nein auch einen kriminellen Charakter verleiht. Zu diesem Gefallen sollte man nach Jüngers Verständnis nicht bereit sein, erstens, da es unnötig in Gefahr bringt und vielmehr zweitens, weil es taktisch unklug ist, sofern man wirklich zum Widerstand bereit ist.

Dabei richtet sich Jünger jedoch nicht gegen Wahlen generell, schließlich gebe es Länder „in denen man noch echte Wahlen kennt“[7], außerdem sei die Gegenstimme weder sinnlos noch verloren, und lasse vielmehr auf hoher sittlicher Stufe keine Einwände zu[8]. Trotzdem gibt es für Jünger effektivere Formen des Nein-Sagens, beispielsweise den Fabrikarbeiter, der das Wort „Hunger“ an die Fabrikwand schreibt, oder jemanden, der anstatt auf dem Wahlzettel, ein „Nein“ auf eine beliebige Hausmauer schmiert. Denn schließlich sei der Träger der Nein-Stimme noch kein Waldgänger, wenngleich er eine wichtige Vorraussetzung dafür erfüllt. Durch das Tätigsein im „Hier und Jetzt“ - im Waldgang selbst - kommt die Freiheit des Einzelnen in der Welt zum Vorschein. Damit überwindet er den Nihilismus in sich selbst. In den Worten von Ernst Niekisch: er ist „der permanente Protest des Geistes gegen den Ungeist, der Substanz gegen Substanzverlust, des Individuums gegen das Kollektiv“[9]. Die Grundfrage der Zeit ist die Frage an den Menschen nach seiner Macht, sie wird an den Einzelnen gestellt.

3.3.2 Die Bedrohung

Die Bedrohungen der modernen Welt: der Allmachtsanspruch des Staates und seines Rechtssystems, die Ausweitung der Polizei, das leere und rücksichtslos nihilistische Nutzenstreben der Wirtschaft. Der Staats-, Rechts- und Wirtschaftsapparat umgarnt den Menschen und macht ihn hilflos in Extremsituation oder Katastrophen: „Jeder Komfort muss bezahlt werden. Die Lage des Haustiers zieht die des Schlachttiers nach.“[10] Diese scheinbar hoffungslose Lage schürt die Furcht in den Bürgern und Wählern, führt zu ängstlichem Ausharren vor dem übermächtigen Staat. Unauffälligkeit ist die Devise, auch wenn vielen Bürgern die Unrechtmäßigkeiten und Mutationen der staatlichen Fürsorge und des Rechtssystems durchaus bewusst werden. „Die Furcht gehört zu den Symptomen unserer Zeit“[11], die schlagartig überging vom großen Individualismus zum Kollektivismus und Diktat der Masse (wobei ergänzt werden muss, dass selten die Masse selbst, sondern vielmehr einige wenige an ihrer Spitze die „Ungeschicke“ der Staatsapparate leiteten). Von Jünger genau datiert auf den Tag des Untergangs der Titanic, wo die Hybris des Fortschritts auf die menschliche Panik, der größtmögliche Komfort auf die eiskalte Vernichtung, oder: ein Wunderwerk der Technik auf gefrorenes Wasser prallte – und unterging.

Als weitere Bedrohungen nennt Ernst Jünger den Staat, der sich mit universellem Machtanspruch den Menschen gefügig zu machen versucht. Da sich die Absicht aller Systeme auf die „Zähmung und Dressur im Sinne des Kollektivs“[12] richtet, wird kein Unterschied zwischen Diktatur und demokratischer Verfasstheit gemacht. Beide versuchen schließlich den Menschen von seinen Wurzeln zu trennen: den metaphysischen Zustrom zu verhindern um ihm seine eigene Machtlosigkeit vorzugaukeln.

Jüngers geschildertes bedingungsloses Machtstreben des Staates (und auch des Arbeiters) erinnert an Thomas Hobbes – die Verwendung des Begriffs Leviathan ist überdeutlich. Im Grunde richtet sich Jünger genau gegen die Systematik der Hobbesschen Gesellschaft: die Abgabe der Souveränität aller Einzelnen zu Gunsten eines uneingeschränkten Herrschers bzw. einer Gruppe[13]. Jünger vermittelt mit seinen Schilderungen den Eindruck, diese Art des Staatsmodells sei die Gegenwart. Die Unterdrückung des Einzelnen ist bei Hobbes mehr oder weniger gegeben, zum Wohl aller. Der hobbessche Rechtspositivismus[14], die Reduktion der Religion[15] und vor allem auch die grundsätzliche Furcht des Individuums sind weitere Theoriestücke die im Waldgang auftauchen.

3.3.3 Die Furcht

Die Furcht der Menschen vor dem wachsenden Automatismus und seinen Auswüchsen kulminiert in einen kollektiven panikartigen Zustand, von Jünger an jedem beliebigen Ort in Europa beobachtet. An diesem Punkt wird wieder auf die anfangs nicht explizit gestellte Frage verwiesen, wenn auch in zugespitzter Form: Wie kann der Mensch dieser Vernichtung entkommen? Für Jünger im Endeffekt die Frage der Existenz, aus der alle Furcht entsteht – die Todesangst. Entscheidend sei deshalb, ob man den Menschen von der Furcht befreien kann. Doch ganz lässt sich die Furcht nicht verbannen, denn sie ist Dialogpartner im inneren Gespräch. Den Unterschied macht jedoch die Freiheit von der Angst: sie muss „in den Dialog zurückverwiesen [werden], dann kann der Mensch wieder mitsprechen“[16], wodurch seine Entscheidungsfreiheit wieder hergestellt ist. Damit sollen Entscheidungen getroffen werden, die den wunden Punkt des Leviathan treffen, seine Kulissenartigkeit erkennen und so die Vorraussetzung geschaffen werden um die Fesseln der Technik zu sprengen – gerade durch den Einzelnen. So tritt außerdem der freie Mensch wieder zu Tage, als Prinzip, und zwar so wie Gott ihn geschaffen hat, doch „dazu muss oder kann man ihm helfen – als Denkender, als Wissender, als Freund, als Liebender.“[17]

Der Staat und andere Institutionen (z.B. Wirtschaft) machen sich diese Furcht zu Nutze. Der Mensch, der eigentlich Angst hat seine Freiheit zu verlieren, wird in ihren Dienst gestellt indem ihm eine zweite Angst vorgespiegelt wird: die Furcht des Einzelnen vor dem Krieg wird überschattet vor der durch staatliche Propaganda erzeugten Angst vor dem grausamen Feind. Die Angst des Einzelnen seine Freiheit durch die Arbeit zu verlieren, wird zurückgedrängt von der Angst vor sozialem Abstieg und Armut. Daraus resultiert für den Einzelnen der Eindruck der Einsamkeit[18], deshalb stellt er sich bedingungslos hinter die Ziele des Kollektivs - aus Angst verstoßen, alleingelassen zu werden. Jünger vergleicht den Staat auch mit einer großen Maschine, zur Vernichtung des Menschen ersonnen[19].

Im Endeffekt aber kann die Furcht nur vom Einzelnen selbst bezwungen werden[20]. Sofern er Waldgänger sein will, sind zwei Eigenschaften unumgänglich: „er lässt sich von keiner Übermacht das Gesetz vorschreiben“[21], wobei Jünger vor allem auf den Umstand anspielt, dass Gesetze und Rechtssysteme generell zu immanenten Ungerechtigkeiten neigen, sofern man sich am Prinzip der Gerechtigkeit orientiert. Nicht nur im Dritten Reich, auch in anderen Regimen und wohl auch in demokratisch verfassten Staaten, ist Recht nicht unbedingt gerecht. Wer auf Prinzipien der Freiheit zielt, darf sich nicht an durch Praxis und Zufall verwischten Rechtsstandarts orientieren – wenn überhaupt an Prinzipien der Freiheit. Der zweite Punkt ist der Wille sich zu verteidigen, mit allen Mitteln und Ideen der Zeit, wobei darauf hingewiesen wird, sich den Zugang zu ewigen und zeitlich weit überlegenen Mächten offen zu halten[22].

3.3.4 Der Wald

Der Wald ist sinnbildlich zu verstehen, nicht als realer Ort. Er beinhaltet drei Bedeutungsebenen: den mystischen Märchenwald, die ursprüngliche Natur mit ihren kosmischen Gesetzen und Prinzipien sowie einen meditativen Ort im Geist des Menschen, gewissermaßen der Ort einer inneren Emigration. Ohne explizit darauf hinzuweisen strickt Jünger im Verlauf des Buches immer wieder die Vergleiche der Ebenen ein, teils zur Untermalung seiner Argumentationen, teils um durch darin enthaltenen Parallelen die Überleitung zu anderen Themen herzustellen.

Ernst Jünger verknüpft die drei Ebenen über Bilder und darin enthaltene Analogien. Die Gefahren des Waldes werden im Märchenwald durch Wölfe, Hexen und Riesen symbolisiert. Analog dazu lauern auch für den Menschen als Gattung im Wald des Seins eine Reihe von unbesiegbaren Kräften: die Vergänglichkeit, der Zyklus von Werden und Vergehen oder Mutationen des Seins. Im Inneren ist der Mensch psychischen Gefahren ausgeliefert, beispielsweise der Paranoia, dem Selbstzweifel, dem Nihilismus, der Flucht in Wunschwelten etc. Im Gegensatz dazu finden sich im Märchenwald verborgene Schlösser oder Schätze, gute Jäger finden sich im Wald zurecht. Ursprüngliche Gesetzmäßigkeiten des Seins lassen sich im zweiten Bild erkennen, aus den kosmischen Verhältnissen kann der Erkennende notwenige Schlüsse ziehen und Gefahren ausweichen. Der Wald als meditativer Ort birgt innere Ruhe und Freiheit, er kann den Menschen stärken, ihn leidensfähiger machen oder zu ungeahnten Kräften verhelfen. Der Mensch im Wald ist allein: im Märchenwald als einzelner Mutiger, im Wald des Seins als Gattung Mensch vor der Existenz oder im Inneren, im Kopf. Diese Einsamkeit ist eine zusätzliche Aufgabe an den Einzelnen. Entweder er ist bereits ausgeschlossen aus der Gesellschaft, durch Zugehörigkeit zu einer Minderheit beispielsweise, oder er schließt sich durch die Entscheidung für den Wald selbst aus. Er verlässt den Pfad der Allgemeinheit und geht seine eigenen Wege. „Der Wald ist heimlich“ schreibt Jünger und meint damit wohl: die Entscheidung für den Wald wird ein Geheimnis sein müssen, denn diese Form der Ablehnung der Allgemeinheit ist ebenso unverständlich wie suspekt - und kann unliebsame Konsequenzen zur Folge haben.

Der Weg in den Wald ist unbequem, bestenfalls ein Trampelpfad. Kein Märchenwald ist leicht erreichbar, der bewusste Einblick in ewige Gesetzmäßigkeiten setzt fundiertes Vorwissen und ein unbedingtes Wissen-Wollen voraus. Die Loslösung von den kulturellen und gesellschaftlichen Wahrheiten ist den meisten Menschen zu unbequem oder schlicht nicht möglich.

[...]


[1] Heyer, Ralf. Verfolgte Zeugen der Wahrheit. Dresden: Thelem. 2008. S.110

[2] Jünger, Ernst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.7

[3] Schwilk, Heimo. Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. München: Piper Verlag. 2007. S.465

[4] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.64

[5] Ebd. S.8

[6] Schwilk, Heimo. Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. München: Piper Verlag. 2007. S.463

[7] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.19

[8] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.25

[9] Schwilk, Heimo. Ernst Jünger. Ein Jahrhundertleben. München: Piper Verlag. 2007. S.463

[10] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.40

[11] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.44

[12] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.82

[13] Ottmann, Henning. Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. München: Metzler. 2006. S.292

[14] Ottmann, Henning. Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. München: Metzler. 2006. S.294

[15] Ottmann, Henning. Geschichte des politischen Denkens. Die Neuzeit. München: Metzler. 2006. S.298

[16] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.50

[17] Jünger, Erst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.52

[18] Jünger, Ernst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.82

[19] Jünger, Ernst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.122

[20] Jünger, Ernst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.86

[21] Jünger, Ernst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.57

[22] Jünger, Ernst. Der Waldgang. Frankfurt am Main: Klostermann. 1951. S.57

Details

Seiten
37
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640917983
ISBN (Buch)
9783640918102
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172074
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister Scholl Institut
Note
1,3
Schlagworte
Waldgang Waldgänger Anarchismus Anarch Max Stirner Egoismus Terrorismus Widerstand Widerstandstheorie Ziviler Widerstand RAF Schläfer Eumeswil Der Waldgang

Autor

Zurück

Titel: Ernst Jüngers Widerstandstypen im Vergleich: Waldgänger und Anarch