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Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: zwischen Medikamenten und nicht-medikamentöser Therapie

Masterarbeit 2010 40 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist ADHS?

3. ICD-10 und DSM-IV

4. Diagnose

5. Prävalenz und komorbide Störungen

6. Behandlungsmöglichkeiten und Förderkonzepte
6.1. Medikamentöse Behandlung
6.1.1. Wirkungsweise und Erfolgsversprechen
6.2. Nicht-medikamentöse Behandlung
6.2.1. Konzentrationstraining
6.2.2. Achtsamkeit
6.2.3. Heilpädagogisches Voltigieren
6.2.4. Kritisch zu betrachtende Therapieansätze

7. Die Rolle des Grundschullehrers
7.1. Der Klassenraum und die Klassengemeinschaft
7.2. Der Lehrer
7.3. Der Unterricht

8. Kritische Schlussbetrachtung

9. Anhang

10. Literatur

1. Einleitung

In deutschen Schulen fallen Kinder immer häufiger wegen ihres unruhigen und teilweise aggressiven Verhaltens auf. Dieses Phänomen prägte sich insbe- sondere in den letzten Jahrzehnten sehr deutlich aus, es handelt sich in vielen Fällen um die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, oft auch mit Hyperaktivität. Das betroffene Kind ist unruhig, kann sich nicht konzentrieren und wird immer wieder auffällig, indem es eine starke Ablenkbarkeit, motorische Unruhe und Konzentra- tionsprobleme aufweist und häufig aggressiv wird (vgl. Fehse 2003, 19/38 Minu- ten). Die vier Leitbegriffe Impulsivität, Unaufmerksamkeit, Kreativität und Empa- thie sind die Hauptkennzeichen einer Aufmerksamkeitsdefizit-Störung mit Hyper- aktivität. Familien, in denen ein Kind mit dieser Störung lebt, haben massive Pro- bleme, die sich in einem Teufelskreis verschlimmern, wenn man nicht frühzeitig und richtig interveniert. Diese Probleme treten sowohl im Privaten, als auch in der Schule und im Umfeld auf. In dieser Arbeit sollen Interventionsmaßnahmen vor- gestellt und bezüglich ihrer Wirksamkeit in Hinblick auf eine Symptomlinderung einer ADHS kritisch bewertet werden.

ADHS ist das deutschlandweit gebräuchliche Akronym für die Aufmerk- samkeitsdefizitstörung mit Hyperaktivität. Die Störung hat sich insbesondere in Deutschland als Hyperkinetische Störung (HKS) etabliert. In der Umgangsspra- che ist sie auch besser bekannt als das „Zappelphilipp-Syndrom“, beruhend auf der Figur „Zappelphilipp“ aus dem Kinderbuch von Heinrich Hoffmann aus dem Jahre 1848. Im internationalen Raum spricht man weitestgehend von Attention Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) oder Attention Deficit Disorder (ADD), die- ser Begriff wird auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Bezeichnung dieser Erkrankung verwendet (vgl. Imhof, Skrodzki und Urzinger 2007, S. 9).

Vorwiegend Kinder im Vor- und Grundschulalter leiden an einer starken Ausprägung dieser psychischen, genetisch determinierten, „kognitiv-funktionalen Beeinträchtigung“ (Wohnhas-Baggerd 2004, S. 13), die sie bis ins Jugend- und Erwachsenenalter beeinträchtigt. In dieser Arbeit konzentriere ich mich auf Kinder mit diesem Störbild, da ich in meinem Beruf als Grundschullehrerin mit Kindern, die an einer ADHS leiden, konfrontiert sein werde. Zu Beginn meiner Arbeit werde ich einen Überblick über die Störung, sowie ihre Kennzeichen und Diagnosemög- lichkeiten geben. Da es bei der ADHS-Behandlung ein sehr breit gefächertes Angebot gibt, werde ich mich auf drei verschiedene Ansätze zur Behandlung konzentrieren. Der Erste ist ein umfassendes Konzentrationstraining, der Zweite ist durch bewusste Sinneswahrnehmung bestimmt, der Dritte fokussiert sich auf Be- wegungstherapie. Von diesen lassen sich unzählige weitere Methoden zur Inter- vention ableiten. Ich werde diese drei kurz vorstellen, um sie dann bezüglich ihrer Wirksamkeit zur ADHS-Therapie differenziert zu bewerten. Im Anschluss werde ich kritisch zu betrachtende Behandlungsmaßnahmen aufzeigen. Im weiteren Verlauf der Arbeit möchte ich mich insbesondere auf die Rolle des Lehrers in ei- ner erfolgreichen ADHS-Behandlung beziehen, seine Probleme und Möglichkei- ten im Umgang mit Kindern, die an einer ADHS leiden, aufzeigen und analysie- ren, um schlußendlich zu einer idealen Kombination von Behandlungsmöglichkei- ten kommen. Im Folgenden werde ich den Begriff „Schüler“ sowohl für Mädchen als auch für Jungen, also „Schülerinnen und Schüler“, und den Begriff „Lehrer“ für die Berufsbezeichnung einer Lehrkraft verwenden, unabhängig vom Geschlecht der Betroffenen, um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten.

2. Was ist ADHS?

Das Syndrom ist ein „komplexes Krankheitsbild […], bei dessen chroni- schem Verlauf durch alle Lebensalter hindurch ein Zusammenspiel von neurolo- gischen und psychosozialen Faktoren wirksam wird“ (Drüe 2007, S. 46). Die Er- krankung wird also multifaktoriell begünstigt, der Ausbruch hingegen beruht auf genetischen Ursachen, wahrscheinlich ausgelöst durch Erbfehler auf den Chro- mosomen 5 und 11 (vgl. Skrodzki 2009, S. 165), weshalb man eine ADHS nicht heilen kann. Es handelt sich um eine Neurotransmitterstörung im Gehirn, so die auf dem Gebiet führenden Forscher, bei der die Rezeptoren des Botenstoffs Do- pamin betroffen sind. Das führt dazu, dass die ankommenden Signale nicht richtig verarbeitet werden können (vgl. Döpfner, Frölich und Wolff Metternich 2007, S. 19f; Freund 2008; Kühle und Gamerdinger 2010). Man kann also von einer „Stö- rung der Reizregulation“ (Fehse 2003, 19, 38 Minuten) sprechen. Laut Drüe bele- gen Zwillings- und Adoptionsstudien eindeutig, dass eine ADHS weder anerzogen noch das Resultat ungesunder oder sozial problematischer Lebensumstände ist (vgl. 2007, S. 45f). Der Einfluss von pränatalen Faktoren oder Komplikationen bei der Geburt bzw. in den ersten Lebenstagen kann weitestgehend ausgeschlossen werden, ebenso wie Nahrungsmittelunverträglichkeiten keine Ursache einer

ADHS sein können (vgl. Döpfner, Frölich und Wolff Metternich 2007, S. 18f). Die Ausprägung und der Verlauf des Störbildes werden jedoch von Milieubedingungen und psychosoziale Faktoren immens beeinflusst, weshalb Therapiemaßnahmen eine spürbare Linderung der Symptomatik versprechen (vgl. Döpfner, Frölich und Wolff Metternich 2007, S.20; Esser 2008, S. 208).

Die Aufmerksamkeitsdefizitstörung äußert sich auf vielfältige Weise und verläuft bei jedem Betroffenen unterschiedlich. Typisch für eine ADHS ist die frü- he Feststellung der seit der Geburt bestehenden Störung, denn schon kurz nach der Geburt fallen Kinder, die an einer ADHS leiden, auf. Sie sind oft Schreibabys, können nur schlecht schlafen. Die eindeutige Diagnose wird meist im Alter von sechs Jahren gestellt, da die Kinder in der Schule besonders auffällig reagieren. Die Konzentration der Betroffenen ist insbesondere bei kognitiven Aufgaben nur von kurzer Dauer. Sie leiden an unorganisierter und überschäumender Aktivität und Impulsivität, welche sie nicht autonom steuern oder regulieren können. Häu- fig sind sie nicht in der Lage, sich über einen längeren Zeitraum auf eine Tätigkeit zu konzentrieren, geschweige denn, diese zu beenden (vgl. Dilling, Mombour und Schmidt 2010, S. 317). Ein weiteres Kardinalsymptom einer ADHS ist, dass Be- troffene ihre Aufmerksamkeit aufgrund von mangelnder Ausdauer und großer in- nerer und motorischer Unruhe schnell von einem Reiz zum nächsten ablenken lassen. Dieses Phänomen, und hier sind sich die Fachspezialisten einig, tritt ins- besondere in unpassenden Situationen auf, in denen Stille, Ruhe und ein hohes Maß an Konzentration gefordert sind, so beispielsweise in der Schule. Unter ADHS leidende Kinder können nicht auf ihrem Platz sitzen bleiben, haben Pro- bleme beim Melden, können nicht abwarten bis sie an der Reihe sind etc. Auch Wippen und Zappeln, Wackeln und Lärmproduktion (nicht nur stimmlich, auch mit Gegenständen) sind typische Merkmalsausprägungen, die sehr abrupt auftreten (vgl. Döpfner, Schürmann und Lehmkuhl 2006, S. 13ff; Freund 2008; Wohnhas- Baggerd 2004, S. 11).

ADHS-Kinder fallen immer wieder durch ihr aktives (z.B. Aggressionen und oppositionelles Handeln) und passives (z.B. Unaufmerksamkeit) dissoziales Ver- halten auf, was eine natürliche Bindung zu Gleichaltrigen und der Familie er- schwert, sowie zu Isolation und sozialer Ausgrenzung führt. Es kommt zu einer regelrechten Spirale, die nur schwer aufzuhalten ist. Je größer die soziale Ausgrenzung, um so weniger können sich ADHS-Patienten zu gesellschaftlich konformem Verhalten und Konzentration motivieren, daraus resultieren wiederum er- neute und verstärkte Folgeerscheinungen, die eine gelungene Interaktion zusätz- lich belasten. Menschen, die nicht mit der Problematik der Aufmerksamkeitsdefi- zit-Störung vertraut sind, erachten diese Kinder sogar (fälschlicherweise) als „Versager“ (Knölker, Mattejat und Schulte-Markwort 2000, S. 278). Insbesondere wegen solcher Vorurteile ist ein professioneller Umgang mit ADHS unumgänglich.

Die an der Erkrankung leidenden Kinder neigen sehr zu versehentlichen Unfällen und haben aufgrund ihrer Überaktivität oft Probleme mit der Einhaltung von Regeln, sie brechen diese häufig, vielfach nur versehentlich. Dies ist nicht nur im familiären Kreis ein Problem, sondern lässt auch die schulischen Leistungen leiden, was viele Quellen bestätigen (vgl. Dilling, Mombour und Schmidt 2010, S. 317f; Goldstein 2003, S. 23; Hüther und Bonney 2005, S. 7f; Wohnhas-Baggerd 2004, S. 17). Studien haben laut Wohnhas-Baggerd belegt, dass ADHS-Kinder nicht selten kognitiv beeinträchtigt sind und auch die motorische und sprachliche Entwicklung im Vergleich zu ‚gesunden’ Kindern verzögert abläuft. Aus diesen Problemen entwickelt sich oft ein geringes Selbstwertgefühl. Generell sind sie nicht in der Lage, ihr Verhalten ständig zu kontrollieren und bewusst zu steuern (vgl. 2004, S. 17).

Die korrekte Interpretation des Verhaltens stellt leider oftmals ein Problem dar, denn fachfremde Personen geben der angeblich fehlgeschlagen Erziehung durch die Eltern die Schuld am Verhalten des Kindes. Die Eltern erachten ihre pädagogischen Fähigkeiten dann als nicht qualifiziert genug (vgl. Dürre und Dürre 2004, S. 65; Knölker, Mattejat und Schulte-Markwort 2000, S. 278). Diese Frust- spirale muss durchbrochen werden, um eine adäquate Behandlung und somit ei- ne Linderung der Ausprägungen einer Hyperkinetischen Störung zu erreichen.

Um eine ADHS zweifelsfrei diagnostizieren zu können, müssen nahezu all diese Kennzeichen situationsübergreifend auftreten, das heißt, sie dürfen nicht nur im familiären Kontext oder in der Schule in Erscheinung treten, sondern müs- sen die Kinder durch den ganzen Tag verfolgen und jederzeit zum Ausdruck kommen können. Darüber hinaus müssen sie länger als sechs Monate anhalten, um als Hyperkinetische Störung diagnostiziert werden zu können. Des weiteren sollten Unaufmerksamkeit sowie Überaktivität in Kombination auftreten und den Betroffenen sowie deren Umfeld ein eindeutiges Leiden verursachen (vgl. Goldstein 2003, S. 15; Knölker, Mattejat und Schulte-Markwort 2000, S. 277). Erst wenn die aufgeführten Symptome im Vergleich zu anderen Kindern in der gleichen Altersgruppe, auf demselben Intelligenzniveau und in ähnlichen Situationen überdurchschnittlich stark ausgeprägt sind, dann kann man von einer ADHS sprechen (vgl. Dilling, Mombour und Schmidt 2010, S. 318; Wohnhas-Baggerd 2004, S. 17). Im Erwachsenenalter bessert sich die Symptomatik, wobei sich die Krankheit bei vielen Erwachsenen verstärkt in anderen Problemen, also in komorbiden Störungen (siehe Kapitel 5), äußert.

Man spricht von einer Erkrankung, sobald es eine physische Ursache für die Störung gibt (vgl. Hüther und Bonney 2005, S. 11). ADHS ist demnach eine Erkrankung, weil es sich um eine Störung der Botenstoffübertragung im Gehirn handelt. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich daher die Begrifflichkeiten ‚krank’ für Kinder, bei denen eine ADHS diagnostiziert wurde, und ‚gesund’ für Kinder ohne ADHS verwenden. Diese Termini sind medizinisch korrekt, aus päd- agogischer Sicht hingegen fragwürdig, da man den betroffenen Kindern ein Stig- ma auferlegt und sie von Kindern ohne ein ADHS-Leiden separiert. Ich werde ‚krank’ und ‚gesund’ nicht mit denunzierendem Hintergrund, sondern zur einfache- ren Bezeichnung der von einer ADHS Betroffenen bzw. nicht Betroffenen ver- wenden. Diese Schwierigkeit ist eine grundlegende Problematik der Erziehungs- wissenschaft und auch in anderen Lebensbereichen, denn überall ist eine willkür- liche Normalitätsvorstellung Grundlage für die Bewertung von Verhaltensweisen. Doch was ist normal? Auch bei der eindeutigen Diagnose von ADHS kommt es hier zu Meinungsdifferenzen, denn das Verhalten der in Frage kommenden Kin- der muss stark vom ‚Normalen’ abweichen (vgl. Rühling 2003, S. 28). Deshalb wurden die ICD-10 und das DSM-IV zur eindeutigen Klassifikation entwickelt.

3. ICD-10 und DSM-IV

Zur einheitlichen Diagnose des vielfältigen Krankheitsbildes und zur Erfas- sung des Betroffenheitsgrades stehen zwei offizielle Standards zur Verfügung. Die ICD-10 ist die „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“1, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO entwickelt wurde und mittlerweile in der 10. Revision vorliegt. Die ICD-10, also die „Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen“, die vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information im Auftrag vom Bundesministerium für Gesundheit in Kooperation mit der Kassen- ärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ins Deutsche übertragen wurde und seither gepflegt wird, wird seit 1998 bzw. 2000 insbesondere für die Verschlüsselung von Todesursachen (ICD-10-WHO) sowie von Diagnosen der ambulanten und statio- nären Versorgung (ICD-10-GM, wobei GM für German Modification steht) ge- nutzt. Seit März 2007 wird im Auftrag des WHOFIC Netzwerks bereits an der 11. Revision gearbeitet. Diese Überarbeitung umfasst sowohl eine systematische Überprüfung neuer Erkenntnisse, die die Klassifikation betreffen, als auch die Er- stellung eines ICD-11 Entwurfs mitsamt ersten Erprobungen. In den Folgeschrit- ten werden die Erneuerungen standardisiert, mit der gängigen Gesundheitstermi- nologie verknüpft und veröffentlicht. Eine erste Vorstellung der Ergebnisse wird bei der Weltgesundheitsversammlung 2014 erwartet, um sie 2015 einzuführen (vgl. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information 2010, S. 1310; Üstün et al. 2007, S. 2, 21). Bis dahin gilt in Deutschland die ICD-10-GM Version 2010, die seit dem 1.1.2010 verwendet wird2.

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Hyperaktivität ist auf der Grund- lage klinisch-diagnostischer Leitlinien in Kapitel V „F9 Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ (Dilling, Mombour und Schmidt 2010, S. 315) in die Unterkategorie „F90 Hyperkinetische Störungen“ (ebenda.) eingeordnet. Man unterscheidet mehrere Formen und Ausprägungen, hier wird also zwischen der einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0), der hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens (F90.1), sonstigen hyperkineti- schen Störungen (F90.8) und der nicht näher bezeichneten hyperkinetischen Stö- rung (F90.9) unterschieden. Die weiteren Kategorien, unter anderem Störungen des Sozialverhaltens und Tic-Störungen, können als Folge- oder Begleitstörungen auftreten (ebd., S. 320f; Grafik im Anhang).

Mit Hilfe dieses Klassifikationssystems soll eine Abgrenzung der Symptome von ADHS ermöglicht werden, wobei eine einheitliche Diagnose aufgrund der Vielfältigkeit der Krankheitsmerkmale sehr kompliziert ist. Die im vorangegange- nen Kapitel beschriebenen Symptome treten nicht bei jedem Kind in gleicher Weise auf und auch, wenn ein Symptom gar nicht auftritt, kann die Aufmerksam- keitsdefizit-Störung vorliegen. Deshalb müssen aus dem Bereich der Unaufmerk- samkeit mindestens sechs Kriterien erfüllt werden, aus dem Bereich der Hyperak- tivität drei und aus dem Bereich Impulsivität eins (vgl. Tabelle 14.1 im Anhang).

Der Anspruch der Internationalität der ICD-10 hat zur Folge, dass die Krite- rien zur Diagnose breit gefächert sind, da sie sich beispielsweise auch auf Krank- heitsfälle in Entwicklungsländern beziehen und nicht nur den europäischen oder amerikanischen Standards entsprechen. Seit 1840 wurde unter anderem deshalb ein nationales Klassifikationssystem, insbesondere für „Schwachsinn/Wahnsinn“ (Saß, Wittchen, Zaudig und Houben 2003, S. IX), auf empirischer Grundlage in Amerika entwickelt, welches seit 1952 als DSM bekannt ist. Unter DSM-IV ver- steht man die mittlerweile vierte Ausgabe des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“, also dem „Diagnostischen und Statistischen Handbuch für psychische Störungen“. Dennoch bemühen sich die Entwickler, beide Klassifikati- onssysteme miteinander kompatibel zu gestalten und die Diagnosekriterien anzu- gleichen (vgl. Döpfner, Schürmann und Frölich 2007, S.11; Saß, Wittchen, Zaudig und Houben 2003, S. IXff, XI).

Das DSM-IV-TR unterscheidet bei der Störung der Aufmerksamkeit, der Aktivität und des Sozialverhaltens vier ADHS-Typen, die sowohl an einer Auf- merksamkeitsstörung als auch an Hyperaktivität und Impulsivität leiden. Der vor- wiegend unaufmerksame Typ (314.00 bzw. F98.9) hat einen Schwerpunkt auf Symptomen der Aufmerksamkeitsstörung, der vorwiegend hyperaktiv-impulsive Typ (314.01 bzw. F90.1) hingegen ist situationsübergreifend und das persönliche Wohlbefinden beeinträchtigend von Hyperaktivität und Impulsivität betroffen, lei- det aber kaum an Unaufmerksamkeit. Der ADHS Mischtyp (314.01 bzw. F90.0) weist beide Problemfelder gleichermaßen in seinem Verhalten auf. Der vierte Ty- pus, der unterschieden wird, ist der einer nicht näher bezeichneten ADHS (314.9 bzw. F90.9), bei der nicht alle Kriterien erfüllt sind oder bei der die Patienten schon älter als sieben Jahre alt waren, als die Symptome zum ersten Mal auftra- ten. Die Zuordnung der Betroffenen zu diesen Typus-Kategorien sollte alle sechs

Monate überprüft und bei Bedarf revidiert und neu angepasst werden (vgl. Döpfner, Schürmann und Frölich 2007, S. 14; Grafik im Anhang; Saß, Wittchen, Zau- dig und Houben 2003, S. 118ff), um eine korrekte Diagnose zu gewährleisten.

4. Diagnose

Eine der schwierigsten Aufgaben ist diese Diagnose von ADHS, welche erst nach einer gründlichen Fremdanamnese gestellt werden kann, da viele der Störungsmerkmale durchaus altersgemäßen Handlungsweisen bei Kindern im Vorschul- bzw. Grundschulalter entsprechen, so zum Beispiel energiegeladenes Verhalten, Lärmen, Toben und Konzentrationsprobleme, oder sie können Zeichen einer anderen Erkrankung oder Behinderung sein. Außerdem ist auf die gezielte Wahl eines Fachspezialisten wertzulegen, da Ärzte, die nicht mit dem genauen Störbild einer ADHS vertraut sind, dazu neigen, diese Krankheit vorschnell zu diagnostizieren, ohne zuvor alle anderen Ursachen für das Verhalten auszu- schließen (vgl. Leuzinger-Bohleber, Brandl und Hüther 2006, S. 136; Saß, Witt- chen, Zaudig und Houben 2003, S. 124f).

Die Diagnose kann mit Hilfe von Fragebögen, die von den Eltern, Freun- den, Bekannten, sowie Lehrern und Erziehern ausgefüllt werden, gestellt werden, indem so die Einordnung des Betroffenen in das DSM-IV oder die ICD-10 erleich- tert wird. Hier ist besonders darauf zu achten, mit welcher Motivation und vor wel- chem Hintergrund die Befragten den Fragebogen ausfüllen, denn sonst kann der Fragebogen für ein und dasselbe Kind sehr differierend oder gar gegenläufig aus- fallen. So haben Erzieher im Kindergarten und Lehrer in der Schule den direkten Vergleich der betroffenen Kinder mit ‚gesunden’ Kindern. Sie können Auffälligkei- ten möglicherweise besser differenzieren, als Personen, die dem Kind persönlich nahe stehen. Eltern empfinden das Verhalten ihrer Kinder beispielsweise als weitaus problematischer und extremer, als es laut ICD-10-Standards und mit Hilfe von Aufmerksamkeits- und Konzentrationstests eingeordnet werden kann, weil das gesamte Umfeld häufig negative Rückmeldungen über das Verhalten des Kindes gibt und die Eltern selbst oftmals mit der häuslichen Situation überfordert sind. Darüber hinaus sind sie generell gut über das Krankheitsbild informiert, sie erwarten demnach eine starke Ausprägung und interpretieren jede Ähnlichkeit mit typischem ADHS-Verhalten als Zeichen einer Aufmerksamkeitsstörung. So werden schon für das Alter und Geschlecht des Kindes normale Verhaltensweisen als Symptome für eine ADHS ausgelegt. Das subjektive Empfinden der Eltern weist demnach vielfach eine Diskrepanz gegenüber standardisierten Tests auf, denn die Einschätzung der Kinder mit Fragebögen passiert aufgrund der persönli- chen Toleranzgrenze (vgl. Goldstein 2003, S. 18). Andererseits kommt es nur zu einer frühzeitigen Diagnose, wenn die Eltern ihr Kind aufmerksam beobachten, abnormale Verhaltensweisen rechtzeitig bemerken und Hilfe bei Spezialisten su- chen. Im Anschluss an eine Fragebogen-Diagnose sollte man das Ergebnis durch gezielte Konzentrationstests beispielsweise von Günter Esser, Manfred Döpfner, Gerd Lehmkuhl oder Hans-Christoph Steinhausen festigen und durch eine Unter- suchung von Psychologen und Sozialpädagogen bestätigen lassen. Die Gesamt- heit der Ergebnisse gilt als Indiz für ADHS, wobei ein eindeutiger Beweis nicht möglich ist (vgl. Skrodzki 2009, S. 166).

Es eröffnen sich also sogar für Experten durchaus Probleme bei der Dia- gnose, denn die Symptome einer ADHS können auch auf andere Störungen zutreffen, so zum Beispiel auf Über- oder Unterforderung der Kinder in der Schule. Durch die übersteigerten Anforderungen oder die aufkommende Langeweile können einzelne Schüler ähnlich auffällige und ADHS-typische Verhaltensweisen zeigen. Die verminderte Konzentrationsfähigkeit könnte aber auch auf eine Intelligenzminderung hinweisen, wohingegen innere Unruhe ebenso medikamentös bedingt sein kann oder durch möglicherweise emotionale Probleme hervorgerufen wird. Diese anderen möglichen Ursachen für das Störverhalten müssen ausgeschlossen werden, bevor man eine ADHS diagnostizieren kann (vgl. Döpfner, Frölich, Wolff Metternich 2007, S. 14ff; Saß, Wittchen, Zaudig und Houben 2003, S. 124f). Unaufmerksamkeit und Überaktivität können auch für eine Angststörung sprechen, wenn sie als ängstliche oder depressive Unruhe auftreten. In diesem Fall werden sie als F40- F43 bzw. F93 verschlüsselt und nicht als Hyperkinetisches Syndrom oder Aufmerksamkeitsdefizit-Störung diagnostiziert (vgl. Dilling, Mombour und Schmidt 2010, S. 320; Saß, Wittchen, Zaudig und Houben 2003, S. 124ff), um nur einige Beispiele für Diagnosen anderer Krankheitsbilder mit ähnlichen oder gleichen Symptomen zu nennen.

[...]


1 Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2010). „ICD-10 Inter nationale Klassifikation der Krankheiten“. Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information. 10. Revision. Verfügbar unter http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/index.htm [April 2010]

2 Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (2010). „Geltungszeiten der Klassifikationen ICD-10, OPS, und ATC/DDD sowie von MeSH in Deutschland“. Deut-sches Institut für Medizinische Dokumentation und Information. Verfügbar unter http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/gueltig.htm [April 2010]

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Titel: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: zwischen Medikamenten und nicht-medikamentöser Therapie