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Umgang der politischen Bildung mit „Politikverdrossenheit“

Referat (Ausarbeitung) 2011 12 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Begriff „Politikverdrossenheit“

3. Politikverdrossenheit als Gefährdung der demokratischen Ordnung?

4. Politikverdrossenheit als Lehr- und Lernpotenzial

5. Politikverdrossenheit als Lehr- und Lernblockade

6. Unterricht und politische Realität

7. Grenzen des politischen Unterrichts

8. Zusammenfassung der Abschlussdiskussion im Seminar

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem schwer zu definierenden und vielfältig verwendeten Begriff Politikverdrossenheit und dessen Wirkungen auf die politische Bildung. Dabei soll die Frage beantworten werden, welche Chancen und Gefahren aus der Politikverdrossenheit für die politische Bildung erwachsen. Dafür ist es zunächst notwendig, den Begriff der Politikverdrossenheit und dessen Erscheinungsformen in der Gesellschaft einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. In besonderer Weise sollen hierbei Jugendliche als wichtige Adressaten der politischen Bildung einbezogen werden. Am Ende der Ausführungen werden wesentliche Ergebnisse der Abschlussdiskussion im universitären Seminar vorgestellt.

2. Der Begriff „Politikverdrossenheit“

Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürte im Jahre 1992 das Wort „Politikverdros- senheit“ zum Wort des Jahres. Dieser Begriff findet bis in die Gegenwart eine bemer- kenswerte Präsenz im Sprachgebrauch des medialen und wissenschaftlichen Umfel- des. Dabei ist Politikverdrossenheit alles andere als klar definiert. Wie facettenreich dieser Gegenstandsbereich ist, spiegelt sich vor allem in dem Auftreten von analogen Begriffen wie Demokratieverdrossenheit, Politikmüdigkeit, Parteienverdrossenheit oder politisches Desinteresse wieder. So verwundert es aufgrund der Unbestimmtheit des Begriffes nicht, dass hinsichtlich seiner Relevanz für die Analyse und Beschrei- bung der Bürger-Politik-Beziehung kontroverse Diskussionen geführt werden.[1]

Arzheimer hat in seinen Forschungen deutlich gemacht, dass der Begriff der Politik- verdrossenheit als politische und empirische Analysekategorie überholt ist. Denn für empirische Untersuchung und von Verdrossenheitseinstellungen würden andere Analysekonzepte weitaus präzisere Ergebnisse liefern.[2] Aber auch wenn Politikver- drossenheit als ein deskriptives Konstrukt verstanden wird, können darunter die un- terschiedlichsten Bewertungen von Politik und Politikverhalten zusammen gefasst werden. Für Welzel liegt der Wert des Politikverdrossenheitsbegriffs in seiner Sam- melbezeichnung für bestimmte Merkmale, „die allesamt einen Verlust an Vertrauen in die etablierten Institutionen und Mechanismen politischer Repräsentation anzeigen.“[3]

Festzuhalten bleibt die einhellige Meinung der Fachliteratur, dass keine präzise Defi- nition für Politikverdrossenheit existiert. Deswegen wird sie in einem erweiterten Sin- ne als Oberbegriff für Verdrossenheit mit einer Reihe spezifischer politischer Objekte verstanden.“[4]

Die unterschiedlichen Dimensionen der Politikverdrossenheit können in den ver- schiedensten Erscheinungsformen untersucht werden. Huth schreibt, die Auswirkun- gen des Verdrusses seien bei drei gesellschaftlich-politischen Ebenen anzutreffen: der Mikroebene, die neben der persönlichen Einstellung (Enttäuschung, Zweifel, De- sinteresse) das politische Verhalten (Wahlverhalten, politisches Engagement) um- fasst, der Mesoebene, welche die sozialen Gebilde (Parteien, Verbände, Verein) be- trifft und der Makroebene, die sich auf gesellschaftliche, politische Struktu- ren/Prozesse (Unterstützung für Politiker, Mediendemokratie) bezieht.[5] Die vielseiti- gen Formen politischer Verdrossenheit machen deutlich, dass es sich hierbei um breit gefächerte Erscheinungen der politischen Wahrnehmung handelt.

3. Politikverdrossenheit als Gefährdung der demokratischen Ordnung?

Im Rahmen der Diskussion über Politikverdrossenheit drängt sich jedoch die Frage auf, inwieweit diese Erscheinungsbilder politischer Verdrossenheit eine Gefährdung für die deutsche Demokratie darstellen. So scheint die breite Öffentlichkeit den Be- fund, dass Jugendliche in der Bundesrepublik ein relativ niedriges Interesse an Poli- tik zeigen[6], generell als einen Abstand der jungen Generation von Demokratie und Gesellschaft zu werten. Beobachtet man jedoch aufmerksam das Engagement von Jugendlichen im sozialen und politischen Bereich, muss die Charakterisierung einer politikverdrossenen Jugend jedoch stark eingeschränkt werden. Denn deren politi- sche Partizipation findet heute weniger in den traditionellen Formen (z.B. Parteien oder Verbände) statt, sondern eher in unkonventionellen Strukturen, die auch kurz- fristige politische Beteiligungsgelegenheiten bieten (z.B. Bürgerinitiativen, Online- Petitionen).[7] Insofern sind bei der Jugend weder eine generelle Politikverdrossenheit noch eine dramatische Reduzierung politischer Beteiligung festzustellen. Wenn sich Jugendliche also dem Staat und seinen Organisationen formal immer weiter entzie- hen, ist ein materielles Desinteresse an Politik nicht zwangsläufig anzunehmen. Vielmehr scheinen alternative Anlässe und Motivationen das politische Engagement zu beeinflussen. Dieser Annahme folgend, verschwimmen also die Konturen der etablierten Politik beziehungsweise vollziehen sich einem Wandel. Es wäre jedoch ein Trugschluss hierin eine unmittelbare Aushöhlung des demokratischen Systems zu sehen. Denn beispielsweise sind sinkende Wahlbeteiligungen oder geringere Par- teimitgliedzahlen in erster Linie Ausdruck einer Parteienkrise und nicht einer direkten Demokratieverdrossenheit. Ferner unterliegen auch die unter den Jugendlichen prä- ferierten Partizipationsformen vordergründig demokratischen Spielregeln. Freilich sind bei anderen Dimensionen der Politikverdrossenheit (z.B. Repräsentationsdefizit, Legitimationskritik) die resultierenden Gefahren für die demokratische Ordnung we- niger überschaubar. Jedoch bleibt festzuhalten, dass Politikverdrossenheit kein un- mittelbarer Ausdruck der Schwächung von Demokratie sein muss.

Diese Feststellung ist insofern wichtig, weil die politische Bildung junge Menschen zu mündigen Demokraten erziehen soll. Sie hat weiterhin den Auftrag „… die Interessen und Fähigkeiten der Bürgerinnen und Bürger auf politische Zusammenhänge zu len- ken, ihre politischen Kenntnisse und Fähigkeiten zu erweitern, ihre Urteilskraft zu stärken und ggf. ihr politisches Engagement zu fördern.“[8] Politische Bildung vermag auch im Angesicht von Politikverdrossenheit diese Ziele zu erreichen, weil Verdros- senheit und Politikkritik an sich nicht gegen die demokratische Kultur gerichtet sind. Diesbezüglich untersuchte Brigitte Geißel in einer empirischen Erhebung, ob kritikbe- reite Bürger bezüglich ihrer Profile eine demokratischen Ressource oder eher eine Gefahr darstellen. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass demokratieförderliche Merkmale bei kritikbereiten Demokraten höher ausgeprägt sind, als bei nichtkritikbe- reiten Demokraten und bei Personen, die der Demokratie als Systemmodell ableh- nend gegenüberstehen.[9] Es bleibt festzuhalten, dass Kritik in einer Demokratie als Dimension politischer Kommunikation eine entscheidende Rolle spielt.

[...]


[1] Vgl. Uhl, Herbert: Politische Bildung in Zeiten der „Politikverdrossenheit“. Politikkritik als Blockade oder Lernpotenzial? In: Kempf/Gloe [Hrsg.]: Politikwissenschaft und politische Bildung: nationale und internationale Perspektiven. Wiesbaden 2010, S. 218 f.

[2] Vgl. Arzheimer, Kay: Politikverdrossenheit. Bedeutung, Verwendung und empirische Relevanz eines politikwissenschaftlichen Begriffs. Wiesbaden 2002, S. 294 f.

[3] Welzel, Christian: Politikverdrossenheit und der Wandel des Partizipationsverhaltens. Zum Nutzen direktdemokratischer Beteiligungsformen. In: Zeitschrift für Parlamentsfragen. Heft 1, Baden-Baden 1995, S. 142 ff.

[4] Vgl. Pickel, Gert: Jugend und Politikverdrossenheit. Zur politischen Kultur im Deutschland nach der Vereinigung. Opladen 2002, S. 35.

[5] Vgl. Huth, Iris: Politische Verdrossenheit. Münster 2004, S. 412 f.

[6] Vgl. Shell Deutschland Holding [Hrsg.]: „16. Shell Jugendstudie - Jugend 2010“, Frankfurt am Main 2010, S. 84.

[7] Vgl. Uhl 2010, S. 220.

[8] Schubert, Klaus/Klein, Martina: Das Politiklexikon. 4. Auflage, Bonn 2006.

[9] Vgl. Geißel, Brigitte: Kritische Bürgerinnen und Bürger - eine Gefahr für die Demokratie? In: APuZ 12/2006, S. 7 f.

Details

Seiten
12
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640917259
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172028
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
Politische Bildung Politikverdrossenheit Politikverdrossenheit UND Schule Politikverdrossenheit UND Unterricht

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