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Anselmus zwischen zwei Welten - Phantastischer Realismus in "Der goldne Topf"

Hausarbeit 2007 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Phantastischer Realismus in „Callot’s Manier“

2. Die Symbolik im Goldnen Topf
2.1. Das Kristall - „Ins Kristall bald dein Fall!“
2.2. Der Spiegel
2.3. Der goldne Topf

3. Bürgerliche vs. Wunderbare Welt
3.1. Philisterwelt
3.2. Gut und Böse
3.3. Erzählerfigur

4. Schlusswort - Anselmus als Dichter

Literaturangaben

1. Einleitung - Phantastischer Realismus in „Callot’s Manier“

„Ein Märchen aus der neuen Zeit“, so der Untertitel des Werks, trifft in diesem Fall nur halb zu. Märchenhafte Elemente findet man viele: den ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse, Magie, Liebe, ein Wunderland. Diese märchenhaften Elemente reihen sich allerdings in eine völlig reale, nachzuweisende Welt: die Welt des Dresdens um 1800. Wir erfahren genaue Zeitangaben, den „Himmelfahrtstage“1 (einem Tag, an dem sich dem Gläubigen Unsichtbares offenbart, während andere der irdischen Lust nachgehen2 ), sowie genaue Ortangaben, wie das „Schwarze Tor“3 in Dresden. Es ist eine Integration des Wunderbaren in die Realität4.

Dieser Machart gibt Hoffmann selbst einen Namen: die Sammlung, in der Der goldne Topf erscheint, nennt er Fantasiestücke in Callot`s Manier, weil er sich dabei an den Darstellungen des französischen Kupferstechers Jacques Callot (1592-1635) orientiert, die auch „das Phantastische, das Skurrile und Exzentrische, das Außergewöhnliche in das gewöhnliche Leben treten lassen“5. Gesehenes wird so vermischt, dass Mischwesen entstehen, die man weder Realität noch Fantasie zuordnen kann. Und ebenso gestaltet sich die Geschichte um den goldnen Topf: in einen realen Handlungsraum mit realen Personen schleichen sich langsam wundersame Ereignisse um den Studenten Anselmus ein, die sich weiter verflechten und sich zum Schluss zu einer eigenen, phantastischen Welt neben der Realen entwickelt und diese sogar teilweise überlagert.6

2. Die Symbolik im Goldnen Topf

2.1. Das Kristall - „Ins Kristall bald dein Fall!“

Ein viel genutztes Element der Erzählstruktur im Goldnen Topf ist das Kristall. Es tritt, meistens in Verbindung mit dem Wirkungsumfeld von Lindhorst und Serpentina, in vielfältiger Weise auf.7

Zum ersten Mal wird das Kristall direkt zu Beginn der 1. Vigilie in einer Drohung der alten Rauerin nach ihrem Zusammenstoß mit dem tollpatschigen Studenten Anselmus erwähnt. „Ins Kristall bald dein Fall - ins Kristall!“8 lautet ihr Fluch, der selbst für den noch unwissenden Leser nichts Gutes verheißen kann. Ihre Prophezeiung erfüllt sich schließlich am Ende der neunten Vigilie, in der Anselmus nach vorangegangener Unvorsicht, und Unglaubens, in eine Kristallflasche gesperrt wird. Das „Element des Wunderbaren“9, wie es von Pikulik charakterisiert wird, dient jedoch nicht nur dazu, Anselmus seiner Freiheit zu berauben, vielmehr erreicht er die letzte Stufe seiner Entwicklung innerhalb der Erzählung, nämlich die des Glaubens, durch die machtvolle Umschließung des „verfestigten, erstarrten Schein“10, dem Kristall. Es ist eine machtvolle Sphäre der Läuterung, wie Oesterle es beschreibt, in der die erstarrte Einbildungskraft den Studenten Anselmus von den gesellschaftlichen Zwängen befreien will.11

Doch auch an anderen Stellen findet man Referenzen auf das Kristall. Die Töne, die Anselmus bei seiner ersten Begegnung mit der als Schlange erscheinenden Serpentina vernimmt, erinnern ihn ebenfalls an „Kristallglöckchen“12 (die Stimme Veronika Paulmanns klingt für Anselmus dagegen gar nicht „wie eine Kristallglocke“13 ). Außerdem hat das Kristall einen festgelegten Stellenwert in der realen Welt des damaligen Dresdens, denn der aufmerksame Leser findet das glänzende Element auch im Dekor und Schmuck der Villa des Archivarius Lindhorst wieder. Zu guter Letzt findet sich das Kristall auch in der Wunderwelt selbst, namentlich in Atlantis, wieder. Denn es fließt in Bächen und Quellen durch das Land14, befindet sich somit in verflüssigter Form und erscheint nicht in seinem erstarrten Zustand, wie in der realen Welt. Es ist schließlich wieder in seine ursprüngliche Form zurückgekehrt.

2.2. Der Spiegel

Ein weiteres schwerwiegendes Motiv der Erzählung ist der Spiegel. Er gehört praktisch zur Grundausstattung der Handlungsräume der realen, wie der mystischen Seite.

Ein Spiegel wird meist als eine Art Tor oder Fenster betrachtet, durch das man etwas Wahres, oder auch etwas Unwahres erkennen soll. Der Archivarius Lindhorst besitzt einen solchen Spiegel in Form eines Ringes, den er an seiner Hand trägt. Er nutzt seinen Ring als Portal, durch das Anselmus seine liebste Serpentina sehen kann.15

Spiegel werden jedoch auch von der anderen, der bösen, mythischen Seite genutzt, von der alten Rauerin. In der siebten Vigilie erhält Veronika, nach einer Zeremonie mit der Hexe, einen polierten „Metallspiegel“16 durch den sie ihr wiederum Liebstes, Anselmus, sehen kann. Zudem kann sie den Spiegel zur Beeinflussung des Studenten benutzen. Er hat also eine ähnliche Funktion, wie der Spiegel des Archivarius, allerdings ist er nicht aus Kristall, sondern aus wesentlich unreinerem Metall gefertigt. Bereits hier zeigen sich die Unterschiede der beiden magischen Welten. Und trotzdem eint der Spiegel beide Welten zu ein und derselben Geschichte: dem Mythos von Atlantis. Während gegen Ende des Märchens der Spiegel des Archivarius seinen Zweck vollends erfüllt hat, zerbricht der Spiegel der Hexe in dem Moment, in dem sie besiegt wird, als deutliches Zeichen des Triumphes der guten über die böse Macht17.18

In der letzten Vigilie, in welcher der Archivarius den Erzähler selbst in die Handlung eingreifen lässt, taucht das Spiegelmotiv erneut auf. Denn immer wenn der Erzähler versucht sein Werk in Nachtwachen zu beenden, halten ihm tückische Geister („Cousins germain der getöteten Hexe“19, wie er vermutet) einen Spiegel vor, in dem er sein eigenes, abgekämpftes Antlitz erblickt, was ihn jedes Mal zum Aufhören bewegt. Nach einem Punsch bei Archivarius Lindhorst dagegen, bekommt er die Gelegenheit in den spiegelnden Kristallbach zu schauen, Frieden mit sich selbst zu finden - nachdem er Atlantis wahrhaftig vor sich gesehen hat - und seine Geschichte fertig zu stellen20.

Als letzter und wichtigster Spiegel in der Erzählstruktur wirkt jedoch der goldne Topf.

2.3. Der goldne Topf

Ähnlich wie bei dem Spiegel handelt es sich bei dem goldnen Topf um eine Art visuelles Portal, durch welches die „Gestaltungen der jenseitigen Welt sichtbar werden“21. Er hat seinen Ursprung in der Welt des Salamanders, wo ein gütiger Erdgeist den Topf mit den Strahlen eines Diamanten poliert hat, so dass sich ihr „wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichen Widerschein“22 spiegelt. Er wird Serpentina als „MitGift“23 für ihren Ehemann, und sozusagen Erlöser, mitgegeben.24 Derweil wird er in der Bibliothek des Archivarius aufbewahrt, bis er seine Bestimmung, als „Behälter für die Lilie der Reinheit und Keuschheit“25, erfüllt.

Der Topf ist, laut Wöllner, ein Symbol für das Künstlertum, in dem sich der Künstler nach allen irdischen Bemühungen selbstverwirklichen kann und als Lohn die Wahrheit erfährt, die wohl schon immer in ihm lag und nur erweckt werden musste. Ebenso ist es Anselmus ergangen, der hier als Exempel für einen bemühten Künstler gesehen werden kann.26

Er wird durch den goldnen Topf auf seine Bestimmung, ein Leben als Dichter in Atlantis, vorbereitet, denn er sieht in ihm sich selbst mit Serpentina, als Vorschau dessen, was noch passieren wird: die Vereinigung der beiden. Anselmus wird durch die Vision seiner Geliebten beflügelt und der Weg zu einem für Anselmus erfolgreichen Ausgang der Geschichte wird geebnet.27

Am Ende wird sich dann schließlich die Prophezeiung des Erdgeistes erfüllen und der Topf hat seinen Platz in Atlantis wieder eingenommen. Als Serpentina ihn vor dem Tempel in ihren Händen hält, sprießt aus ihm die Lilie, die nun zu einem Zeichen für die „Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen“ und „höchster Seligkeit“28 geworden ist.

3. Bürgerliche vs. Wunderbare Welt

3.1. Philisterwelt

Wie bereits erwähnt, ist der geographische Rahmen des Märchens um das Dresden um 1800 gelegt. Die Figuren, die bürgerlichen sowie die mystischen, befinden sich alle in diesem Handlungsraum und erst in der letzten Vigilie wird die Handlung teilweise nach Atlantis verlegt.

[...]


1 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 5.

2 Vgl. Zeuch: Umkehr der Sinneshierarchie. S. 282

3 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 5.

4 Vgl. Geisler/Winkler: Entgrenzte Wirklichkeit. S. 8.

5 Detering: Hoffmanns Erzählungen. S.

6 Vgl. Wührl: Erläuterungen und Dokumente. S. 108.

7 Hofmann: Der goldne Topf. S. 5.

8 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 5.

9 Pikulik: Anselmus in der Flasche. S. 342.

10 Oesterle: Hoffmann: Der Goldne Topf. S. 210.

11 Vgl. Pikulik: Anselmus in der Flasche. S. 354. Oesterle: Hoffmann: Der goldne Topf. S. 211.

12 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 9.

13 Ebd. S. 17.

14 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 100.

15 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 33.

16 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 61.

17 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 94.

18 Vgl. Wührl: Erläuterungen und Dokumente. S. 26. Zeuch: Umkehr der Sinneshierarchie. S. 276.

19 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 96.

20 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 100 f.

21 Wöllner: E.T.A. Hoffmann und Franz Kafka. S. 89.

22 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 70.

23 Oesterle: E.T.A. Hoffmann: Der goldne Topf. S. 183.

24 Misch weist hier auf den Pandora-Mythos als mögliche Quelle Hoffmanns hin. Vgl: Misch: Pandora in Dresden. S. 145.

25 Oesterle: E.T.A. Hoffmann: Der goldne Topf. S 183.

26 Vgl. Wöllner: E.T.A. Hoffmann und Franz Kafka. S.84.

27 Vgl. Geisler/Winkler: Entgrenzte Wirklichkeit. S. 33. Wöllner: E.T.A. Hoffmann und Franz Kafka. S. 78.

28 Hoffmann: Der goldne Topf. S. 101.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640915903
ISBN (Buch)
9783640916238
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v172001
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
Hoffmann Der goldne Topf Phantastik Phantastischer Realismus Anselmus

Autor

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