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Kann Haruki Murakamis "Sputnik Sweetheart" aufgrund Isers Fiktionalitätstheorie poetologisch gelesen werden?

Seminararbeit 2009 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Isers Fiktionalitätstheorie

2. Isers Fiktionalitätstheorie als Poetologie

3. Sputnik Sweetheart (fiktionalitäts-)poetologisch gelesen

4. Interpretationsmöglichkeiten

Fazit

Bibliographie

Einleitung

In Isers Fiktionalitätstheorie ist eine, wenn nicht die, zentrale Aussage, dass Fiktionalität Grenzüberschreitung sei. Genau dies ist die zentrale Thematik in Haruki Murakamis Sputnik Sweetheart. Wiederholt wird von einem fiktionalen Rahmen und der Überschreitung von Grenzen der Fiktion gesprochen, die Protagonistin des Romans vollzieht diesen Grenzübertritt sogar selbst. Aufgrund dieser Gemeinsamkeiten zwischen Isers Theorie zur Fiktionalität und dem Roman Sputnik Sweetheart möchte ich untersuchen, ob eine poetologische Lesart für Sputnik Sweetheart anwendbar ist, wenn man Isers Fiktionalitätstheorie als Poetologie ver- steht.

Dazu werde ich zuerst die relevanten Thesen bzw. die Hauptthese von Isers Fiktionalitätstheorie herausarbeiten, um dann im Vergleich mit Definitionen von Poetologie zu diskutieren, ob Isers Fiktionalitätstheorie auch als Poetologie verstanden werden kann. Danach werde ich mit den bis dahin gewonnenen Erkenntnissen Sputnik Sweetheart 1 analysieren, indem ich den Versuch unternehme, den Roman fiktionalitäts-poetologisch zu lesen. Zu guter Letzt werde ich die Interpretationsmöglichkeiten diskutieren, die sich daraus ergeben.

1. Isers Fiktionalitätstheorie

„Literarische Texte - so lautet eine heute weithin geteilte Ansicht - sind fiktionaler Natur.“ (Iser 1991, 18). Mit dieser Ansicht werden die fiktionalen Texte von Texten unterschieden, die sich im Gegensatz dazu auf die >Wirklichkeit< beziehen. Diese Dichotomie von Fiktion und Wirklichkeit ist Teil unseres so genannten >stummen Wissens<, also Allgemeinwissen. Diese Opposition birgt aber Probleme in sich: Fiktionale Texte sind meist nicht durchgängig fiktiv, sondern enthalten auch reale Elemente, genauso wie nicht ganz klar gesagt werden kann, dass nicht-fiktionale Texte gar keine fiktiven Elemente enthalten.2 Diese Schwierigkeit spiegelt sich auch in der Forschung - es gibt unzählige Versuche, Fiktionalität zu bestimmen, die zum Teil unterschiedlicher nicht sein könnten, aber zu eine einheitliche Definition von Fiktionalität ist selbst in Literaturwissenschaftlichen Lexika nicht zu finden.

Iser versucht nun die Probleme, die sich durch die Dichotomie von Fiktion und Wirklichkeit ergeben, zu umgehen, indem er ein Drittes Element einführt: Das Imaginäre. Durch diese Hinzufügung ergibt sich statt einer Dichotomie eine Triade, die sich aus dem Realen, dem Fiktiven und dem Imaginären zusammensetzt. Das Reale ist „als die aussertextuelle Welt ver- standen, [... d]as Fiktive als intentionaler Akt“ (Iser 1991, 20). Dass das Fiktive als Akt defi- niert wird, begründet Iser darin, dass es damit vom Seinscharakter befreit werde, der es immer nur als das Nicht-Wirkliche, also den Gegensatz zum Realen verstehbar mache. Dies ist für seinen Ansatz unerwünscht, da er genau diese Dichotomie aufheben will. Das Imaginäre schliesslich ist schwierig zu bestimmen - es ist eher etwas Mentales, Geistiges, das sich im Text durch den Akt des Fingierens manifestiert. Iser gibt aber keine genaue Bestimmung dieses Begriffs - ein Kennzeichen des Imaginären ist seine Gestaltlosigkeit, Unbestimmtheit, die sich wohl auch in dessen Beschreibung niederschlägt.3

Das Fiktive, das im Folgenden wegen seines Aktcharakters als Akt des Fingierens bezeichnet wird, steht in fiktionalen Texten sowohl zum Realen als auch zum Imaginären in einer Beziehung. Im fiktionalen Text wird lebensweltliche Wirklichkeit wiederholt (wobei sich fiktionale Texte natürlich nie darin erschöpfen), und gerade in dieser Wiederholung wird das Imaginäre, das an sich unbestimmt ist, in eine Gestalt gezogen.4

Das Wesentliche Merkmal des Akts des Fingierens ist die Grenzüberschreitung. Die Grenzüberschreitung beim Akt des Fingierens ist aber in Bezug auf das Imaginäre und das Reale unterschiedlich:

„In der Überführung wiederholter lebensweltlicher Realität zum Zeichen für anderes manifestiert sich die Grenzüberschreitung als eine Form der Irrealisierung; in der Überführung des Imaginären als eines Diffusen in bestimmte Vorstellungen geschieht ein Realwerden des Imaginären.“ (Iser 1991, 22).

Dies sind die generellen Wechselbeziehungen des Fiktiven mit dem Realen und dem Imaginären in der Triade. Genauer betrachtet ergibt sich für Iser jedoch, dass es nicht nur einen, sondern verschiedene Akte des Fingierens gibt, die im fiktionalen Text für die Vermittlung zwischen dem Imaginären und dem Realen sorgen. Das Kennzeichen der Grenzüberschreitung bleibt jedoch für alle Akte des Fingierens, auch wenn diese Grenzüberschreitung unterschiedlich ausgestaltet sein mag.5

Iser differenziert die verschiedenen Akte des Fingierens nach ihrer Funktion in den Akt der Selektion, der Kombination und der Selbstanzeige aus. Unter der Selektion wird dabei ver- standen, dass aus den vorhandenen Umweltsystemen gewisse Elemente für den Text selektio- niert und dekomponiert werden. Die Grenzüberschreitung findet hier dadurch statt, dass die Elemente der Realität, die für den Text selektioniert und dekomponiert werden, nicht mehr der Struktur der Realität entsprechen, der sie entnommen wurden. Die Selektion macht „die Bezugsfelder des Textes als die in seiner Umwelt gegebenen Systeme kenntlich, die in dem Augenblick ihre Konturierung erfahren, in dem sie überschritten werden.“ (Iser 1991, 25). Der Selektionsakt erst macht also die Umweltsysteme zum Gegenstand der Wahrnehmung, weil er ein Akt der Überschreitung ist. Die aus der Realität übernommenen Elemente sind aber deswegen nicht fiktiv, sondern nur der Akt der Selektion ist ein Akt des Fingierens, weil er die Begrenzung der Systeme überschreitet. Eine Überschreitung im Akt der Selektion ge- schieht weiterhin durch die Doppelung, die durch die Auswahl geschieht: Durch die Selektion von Elementen aus der Realität wird die Wahrnehmung nicht nur auf diese selbst gerichtet, sondern auch auf die weggelassenen Elemente. Damit geschieht die Betrachtung des im Text Gegenwärtigen durch Abwesendes und des Abwesenden durch das im Text Präsente - was auch wieder eine Grenzüberschreitung ist. Innerhalb der Selektion geschehen ausserdem die Vorgänge des Tilgens, Ergänzens und Gewichtens, die in der Realität vorhandene Zuordnun- gen für den Text dekomponieren. Dies sind „basale Operationen der Weltherstellung“ (Iser 1991, 26) nach Goodman. Kurz zusammengefasst, die Selektion als Akt des Fingierens ist die Grenzüberschreitung von Text und Textumwelt.6

Als zweite Differenzierung im Akt des Fingierens bezeichnet Iser die Kombination von Text- elementen. Sie ist die innertextuelle Entsprechung zur Selektion. Die Kombination „reicht von der lexikalischen Wortbedeutung über die eingekapselte Textumwelt bis hin zu den Schemata, durch die Figuren und deren Handlungen organisiert werden.“ (Iser 1991, 27). Als Akt des Fingierens muss auch die Kombination das Kennzeichen der Grenzüberschreitung aufweisen. Dies manifestiert sich einerseits darin, dass die Grenzen der lexikalischen Be- stimmtheit überschritten werden (z.B. durch Neologismen), andererseits durch die Über- schreitung der Grenzen der aus der Textumwelt selektierten Elemente (z.B. werden die sche- matisierten Ansichten, die aus der Textumwelt entnommenen Elementen gebildet werden, überschritten), und zuletzt durch die Überschreitung der Grenzen der Schemata selbst, indem z.B. der Held die Begrenzungen seiner semantischen Räume überschreitet. Die Kombination schafft damit innertextuelle Relationierung. Denn durch die Kombination der Elemente wer- den Relationen geschaffen, die sich wiederum auf die Elemente selbst, zumindest aber auf deren Wahrnehmung auswirken. Diese Relationierung aber setzt nicht nur die Elemente selbst zueinander in eine Beziehung, sondern auch zum Ausgeschlossenen: Wie bei der Selektion gilt auch hier wieder, dass die Grenze zwischen Präsentem und Abwesendem überschritten wird, da sich nur durch das Abwesende die präsente Relationierung wirklich konturiert zeigt.7 Drei Ebenen der Entgrenzung bzw. der Grenzüberschreitung ergeben sich aus dem Akt der Kombination bzw. der daraus entstehenden Relationierung: Die Ebene der Umgeltung von Geltung, was v. a. durch die Relationierung der aus der Textumwelt entnommenen Elemente geschieht. Die zweite Ebene ist die der Organisation semantischer Räume, die wie oben be- schrieben z.B. der Held überschreiten kann. Die dritte Ebene ist die der lexikalischen Relatio- nierung, wo Entgrenzungen der lexikalischen Bestimmtheit und Überschreitungen semantischer Grenzen ]geschehen.8

Zusammenfassend gesagt, ist die Kombination als Akt des Fingierens die Grenzüberschrei- tung innertextueller Bezugsfelder. Als Anmerkung sei noch gesagt, dass die Relationierung, die aus der Kombination entsteht, gemäss Iser die konkrete Gestalt des Imaginären ist.9

„Dieses wird niemals ganz in Sprache eingehen können, wenngleich das Fiktive als Konkretisierung des Imaginären der Bestimmtheit sprachlicher Formulierung bedarf, um das, was es vorzustellen gilt, so zu modalisieren, dass es wirksam zu werden vermag.“ (Iser 1991, 34).

Somit wird durch die Differenzierung des Fiktiven auch der Begriff des Imaginären besser geklärt.

Die dritte Differenzierung des Fiktiven benennt Iser als den Akt der Entblössung der eigenen Fiktionalität. Es ist ein Merkmal von Literatur, dass sie dem Leser Fiktionalitätssignale gibt, und damit ihre eigenen Fiktionalität entblösst. Die Welt, die der fiktionale Text durch die oben beschriebene Selektion und Kombination schafft, wird durch die Entblössung der eige- nen Fiktionalität in die Klammern des Als-Ob gesetzt. Wirklichkeit wird im fiktionalen Text zwar wiederholt, aber durch die Einklammerung wird das Wiederholtwerden überschritten. Damit steht die Welt des fiktionalen Texts für eine Realität, die keine Realität ist, die aber sich so vorgestellt werden soll, als ob sie eine sei, damit sie diesen Verweis schaffen und Wirkung zeigen kann. Dies verbindet die Welt des fiktionalen Textes mit einem >Unmögli- chen<, dem die Wohlbestimmtheit fehlt - dies bezeichnet Iser wieder als das Imaginäre, wo- mit wieder durch eine Differenzierung des Akt des Fingierens der Begriff des Imaginären eingegrenzt wurde. In diesem Verweis auf etwas, das es so nicht gibt, liegt auch die für den Akt des Fingierens charakteristische Grenzüberschreitung.10

Durch die Einklammerung der Textwelt in eine Als-Ob-Welt wird ein gelenkter Vorstellungsakt initiiert, der als das Imaginäre zu bezeichnen ist. Die Entblössung als Akt des Fingierens vollzieht damit eine doppelte Grenzüberschreitung: Erstens die Überschreitung über die Grenze der Textwelt hinaus, zweitens die Überschreitung der Grenze in das Diffuse des Imaginären hinein (also in die Vorstellungswelt des Subjektes, welches sich durch die Realisierung der Textwelt selbst temporär irrealisiert).11

Das Imaginäre, das Iser als die konstitutive Energie des fiktionalen Textes bezeichnet, wird durch die verschiedenen Akte des Fingierens in eine konkrete Gestalt gebracht und ist schliesslich diejenige Komponente des fiktionalen Textes, welche die Verschiedenverstehbar- keit des literarischen Textes ausmacht. Es braucht die Vermittlung durch das Fiktive, um mit dem Realen in Beziehung zu treten und verstehbar zu werden. Das heisst, das Imaginäre wird durch diese Vermittlung des Fiktiven in eine Gestalt gebracht, nämlich versprachlicht. Trotz der Versprachlichung wird es aber nicht zur Sprache gebracht, das Imaginäre zeigt sich nur in der Offenheit der Textorganisation. Das Fiktive schafft „dem Imaginären im sprachlichen Gebilde des Textes insofern seine Präsenz, als die Sprache selbst überschritten und folglich hintergehbar wird, um in solcher Hintergehbarkeit das Imaginäre als den Ermöglichungsgrund des Textes gegenwärtig zu machen.“ (Iser 1991, 51). Das markanteste Merkmal des fiktiona- len Textes ist also auf allen Ebenen, in allen Beziehungen, die Grenzüberschreitung.12

2. Isers Fiktionalitätstheorie als Poetologie

Iser schreibt im Vorwort zu seinem Werk Das Fiktive und das Imagin ä re, dass „[die Litera- tur] der organisierte Verbund von Fiktivem und Imaginärem [kennzeichnet], aus dem Litera- tur entsteht und daher ihre mediale Abgrenzung ermöglicht.“ (Iser 1991, 15). Fiktionalität wird damit als Kennzeichen für Literatur an sich erhoben. „Literarische Texte - so lautet eine heute weithin geteilte Ansicht - sind fiktionaler Natur.“ (Iser 1991, 18) - auch dies spricht dafür, dass Iser Literatur über den Begriff der Fiktionalität bestimmt - also seine Fiktionali- tätstheorie als Poetologie versteht.

Was aber ist die Poetologie überhaupt? Poetologie wird häufig mit Poetik gleichgesetzt: „Ne- ben diesen Bemühungen der Dichter selbst um Darstellung von Wesen und Gesetzen ihrer Kunst […] steht seit dem 19. Jh. die wiss[enschaftliche] P[oetik] (gelegtl. auch Poetologie) als allg. theoret. Teil der Literaturwissenschaft […].“ (Wilpert 2001, 617). Die Poetik wird im gleichen Lexikonartikel als „die Lehre und Wissenschaft von Wesen, Gattungen und Formen der Dichtung sowie den ihnen eigenen Gehalten, Techniken, Strukturen und Darstellungsmit- teln […].“ (Wilpert 2001, 616) definiert. Poetik kann aber im Gegensatz zu Poetologie auch den normativen Aspekt meinen, den die Poetologie als deskriptive Lehre der Dichtung nicht beinhaltet:

„Mit der Auffassung von der Dichtung wandelt sich die Form der P[oetik]: aus der pro- grammatisch-deduktiven, regelsetzenden (normativen) P[oetik] als Lehrbuch für eine vermeintlich lernbare Technik des Dichtens, die zugleich nach allg. formalen Kriterien wertet, wird seit Ausgang des 18. Jh. und eigtl. erst im 20. Jh. die beschreibend-induktive P[oetik], die aus vergleichender Beobachtung des Einzelwerks zur Feststellung der Formeigenheiten und Gattungsgesetze führt.“ (Wilpert 2001, 616).

[...]


1 Murakami, Haruki: Sputnik Sweetheart, 2004.

2 Vgl. Iser 1991, 18f.

3 Vgl. Iser 1991, 20f.

4 Vgl. Iser 1991, 20f.

5 Vgl. Iser 1991, 21-24.

6 Vgl. Iser 1991, 24-27.

7 Vgl. Iser 1991, 27-30.

8 Vgl. Iser 1991, 30-33.

9 Vgl. Iser 1991, 34.

10 Vgl. Iser 1991, 35-40.

11 Vgl. Iser 1991, 40-45.

12 Vgl. Iser 1991, 47-51.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640915590
ISBN (Buch)
9783640916061
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171891
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
Sehr gut
Schlagworte
kann haruki murakamis sputnik sweetheart isers fiktionalitätstheorie sehr

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