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Entspringt das Unheimliche in Maupassants "Horla" (auch) den eingesetzten Mitteln der Verunsicherung?

Seminararbeit 2008 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Das Selbst
1.1.Blickpunkt: Selbst
1.2.Das unsichere Selbst

2.„Ich bin verloren!“
2.1.Orientierungslosigkeit
2.2.Einsamkeit

3.Unmittelbarkeit und Gefangenschaft
3.1.Der Autonome Innere Monolog

Schluss

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Einleitung

Der Horla von Guy de Maupassant[1] ist eine sehr bedrückende und unheimliche Erzählung. Das hat verschiedene Gründe – alle sind jedoch im Text begründet. Mein Interesse besteht darin, zu untersuchen, wie das Unheimliche der Erzählung selber entspringt. Dafür bediene ich mich der Erzähltheorie: ein wenig Martinez[2] und zur Ergänzung Petersen[3]. Konkret gilt mein Interesse der Frage, ob das Angstmachende am Horla in der Verunsicherung, genauer dem Fehlen von Referenzpunkten, der begrenzten Sicht, und in der unentrinnbaren Unmittelbarkeit des Tagebuches begründet liegt. Ich werde jedoch nicht nur auf das Formale eingehen, sondern auch inhaltliche Aspekte hinzuziehen.

Martinez’ Stimme und Modus erachte ich für wichtig für meine Analyse: Die Stimme ist unerlässlich, weil der Erzähler und seine Stellung zum Geschehen eine dominante Rolle spielt. Der Modus ist ebenso wichtig, weil dazu die Distanz und die Fokalisierung gehört, was beim Horla auch auffällig ist. Schliesslich benutze ich zur Ergänzung Petersens Perspektive und Point of View, um die Sehweise der Erzählung genauer bestimmen zu können. Ergänzend werde ich auch inhaltlich analysieren, wie die Unsicherheit erzeugt wird, jedoch auch auf die oben genannten Punkte bezogen.

Meine Thesen sind: Unheimlich ist die Erzählung Der Horla, weil

1. Durch die unsichere Wahrnehmung der (erzählten) Aussenwelt und das schwankende Innere des Erzählers Unsicherheit und Verwirrung generiert wird.
2. Durch die eingeschränkte Sicht und das Fehlen von Referenzpunkten der Bezug zur Aussenwelt und die Orientierung verloren geht, und weil die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die Distanz zu Anderen, dies begünstigt – woraus wiederum Unsicherheit entsteht.
3. Die Unmittelbarkeit, die durch den stream of consciousness entsteht, unentrinnbar ist und auch fördernd auf die vorhergehenden Punkte wirkt.

Aus allen drei Punkten resultiert Eines: Verwirrung und Unsicherheit. Und dass dies ein Unheimlichkeitsfaktor ist, da bin ich mir sicher...

1.Das Selbst

1.1. Blickpunkt: Selbst

Die Sicht im Horla ist auffällig begrenzt. Der Fokus liegt auf dem Erzähler selbst, und fast alles, was die Aussenwelt anbelangt, wird uns vorenthalten. Dies liegt zum einen in der Tagebuchform begründet, denn ein Tagebuch ist nichts anderes als Reflexion über die eigene Person und somit eine Art Zwiegespräch mit sich selbst – ein Spiegel für das Selbst. Andererseits lässt sich die eingeschränkte Perspektive auch schlichtweg dadurch erklären, dass der Erzähler ein autodiegetischer[4], deutlich intern fokalisierter[5] Ich-Erzähler[6] ist, der die Perspektive auf sein Inneres richtet und fast ausschliesslich über seine eigenen Erlebnisse, Gedanken und Gefühle schreibt. Da der Erzähler selbst der Held der Erzählung, eben ein autodiegetischer Erzähler ist, liegt die Ich-Form und die interne Fokalisierung auf der Hand. Die Ereignisse werden durch seine Augen erzählt. Was jedoch hinzukommt, ist die verwendete Innensicht[7] und ein Point of View[8], der sich meist durch Detailreichtum, also Nähe auszeichnet. So auch hier:

Ich trat in dieses riesengrosse Kleinod aus Granit, das luftig-leicht wirkt wie eine Brabanter Spitze, überdeckt mit Türmchen und schlanken Dachreitern, zu denen enggewundene Treppen emporführen, ein wahres Gewimmel von Türmen und Zinnen, die in den blauen Himmel der Tage und in den schwarzen Himmel der Nächte ihre bizarren Köpfe hinausrecken, starrend von wunderlich seltsamen Tiergestalten, Schimären, Teufelsfratzen, riesengrossen ungeheuerlichen Blumen, und untereinander durch zierliche, feingemetzte Bogen, mit reichem Bildwerk verziert, verbunden. (S. 151)

Dieser Detailreichtum unterstreicht die interne Fokalisierung, das Wahrnehmen durch die Augen des Erzählers. All diese Beschreibungen sind für das Vorantreiben der Handlung eigentlich überflüssig, aber sie üben eine andere Funktion aus: sie erschaffen die Illusion einer unmittelbar durch die Augen der Figur stattfindenden Wahrnehmung – wir sind im Kopf des Erzählers. Und zwar ob wir wollen oder nicht. Uns werden Anhaltspunkte von aussen vorenthalten:

Als ich nun etwa vierzig Minuten geschlafen hatte, schlug ich die Augen wieder auf, ohne mich zu rühren, oder irgend zu bewegen, aufgeschreckt durch eine unerklärliche Erregung, ein seltsam unbestimmtes, rätselhaftes Angstgefühl. Zunächst sah ich gar nichts, dann plötzlich wollte mir sein, eine Seite des aufgeschlagenen Buches auf dem Tisch habe sich ganz von selbst umgewendet. Kein Lufthauch war durch das Fenster hereingekommen. Ich starrte ganz überrascht darauf hin und wartete. Nach etwa vier Minuten sah ich, ja, ich sah mit eigenen Augen, wie eine andere Seite sich aufhob und auf die vorhergehende niederfiel, als hätte sie ein Finger umgeblättert. Mein Lehnstuhl war leer, schien jedenfalls leer. Doch war mir bewusst, dass Er da war, dass Er an meinem Platz sass und las. (S. 171f., Hervorhebungen des Verf.)

Die Hauptperson wacht auf, „aufgeschreckt durch eine unerklärliche Erregung, ein seltsam unbestimmtes, rätselhaftes Angstgefühl“ (S. 171). Hier steht das Innere der Hauptperson, spezifisch das Angstgefühl, im Mittelpunkt und wird detailliert beschrieben, aber was genau dieses Gefühl ausgelöst hat, wird uns vorerst nicht mitgeteilt. Die Vorgänge im Inneren der Hauptfigur werden uns differenziert geschildert, die Wahrnehmung der Aussenwelt hingegen suspekt gemacht: „ wollte mir sein “ (S. 171), die „Seite [¼] habe sich ganz von selbst umgewendet“ (S. 171), und der Stuhl „ schien jedenfalls leer“ (S. 171/172). Das alles sind Formulierungen, die die Vagheit der Wahrnehmung betonen und auf alles andere als eine sichere Umgebung mit feststehenden Anhaltspunkten schliessen lässt. Denn die Umgebung der Hauptfigur wird zwar beschrieben, aber sie bleibt im Unbestimmten und Unsicheren durch Ausdrücke des Zweifels („wollte mir sein“, „schien“) und den Konjunktiv („habe sich umgewendet“). So wird die Aussenwelt unglaubhaft gemacht und ins Ungreifbare gerückt, ganz im Gegensatz zur Innenwelt der Figur. Obwohl versichert wird, das unerklärliche und unheimliche Phänomen der von unsichtbarer Hand umgeblätterten Seite habe er „mit eigenen Augen“ (S. 171) gesehen, bleibt die Sicherheit aus. Die einzige Perspektive, die erzählt wird, ist die Perspektive der Hauptfigur, und genau deren Augen können wir nicht trauen – schliesslich traut nicht einmal er selbst seinen Augen (siehe oben). Dieses begrenzte Wissen über die Aussenwelt verunsichert und verwirrt uns ebenso wie die Hauptfigur - das einzig Sichere bleibt die Innenwelt. Oder etwa doch nicht?...

1.2. Das unsichere Selbst

Aber auch die Innenwelt des Erzählers ist unsicher und gerät je länger je mehr aus den Fugen. Dies zeigt sich vor allem an den Stellen, wo er an seiner Vernunft zweifelt und die Verwirrung sich im Stil niederschlägt.

6. Juli. – Ich werde wahnsinnig! Heute nacht hat wieder jemand meine ganze Wasserflasche leergetrunken. Oder vielmehr: ich habe sie ausgetrunken! War ich es aber wirklich? Bin ich’s gewesen? Wer denn könnte es sonst gewesen sein? Wer? O mein Gott! Werde ich verrückt? Wer kann mich retten? (S. 154f.)

Die vielen Fragen sind Ausdruck der inneren Verwirrung, die die Hauptfigur empfindet. Die Unsicherheit darüber, ob er oder jemand anders die Wasserflasche ausgetrunken hat und ob er wahnsinnig wird oder nicht, schlägt sich auch in den kurzen Phrasen nieder: „War ich es aber wirklich? Bin ich’s gewesen?“ Die Fragen klingen, als ob es ihm den Atem verschlagen hätte, kurzatmig und angstvoll. „Wer? O mein Gott!“ sind sogar nur Ausrufe ohne jegliche Verben, die die Angst, vielleicht sogar Panik, noch eher symbolisieren. Ausserdem korrigiert der Erzähler sich selber in Bezug auf die Person, die die Wasserflasche ausgetrunken hat: zuerst ist es „jemand“, dann „ich“, dann wiederum „War ich es aber wirklich?“. Die Zweifel und die Verunsicherung darüber lassen nicht nach. Im weiteren Verlauf des Textes wechseln die Pronomen in Bezug auf den Wasserflaschen-Austrinker noch mehr:

Jemand hat – oder besser: ich habe alles Wasser und ein wenig Milch getrunken. Weder Wein noch Brot noch die Erdbeeren hat man angerührt. (S. 155, Hervorhebungen des Verf.)

Zuerst ist es wieder „jemand“, dieser wird zu „ich“, und das wiederum sogar zu „man“. Die Hauptfigur hat keine eindeutig abgrenzbare Identität mehr, vielmehr eine, die „schwankt und wogt“ wie die Wahrnehmung der Aussenwelt.[9] Die Identität des Erzählers verschwimmt mit der des nächtlichen Trinkers, das „jemand“, das für diesen steht, wird zum „ich“ des Erzählers. Danach wird seine Identität noch diffuser, indem das anonyme „man“, das beide – den nächtlichen Trinker und den Erzähler – unter einen Hut bringt, in Beziehung zu beiden gesetzt wird – sie werden gleichgesetzt.

Des Weiteren ist folgende Stelle auch repräsentativ für die innere Verwirrung des Erzählers:

Dann... dann... konnte ich also... morgen... oder später einmal, irgendwann einmal... (S. 172)

Hier zeichnet sich der Stil durch Ellipsen und Auslassungen aus, die den unmittelbaren Gedankenstrom repräsentieren. Die Unterbrüche der Auslassungspunkte sind das Stocken der Gedanken, wo der Erzähler nicht mehr weiter weiss, die Wiederholung des Wortes „dann“ ebenso. Auch das Verschieben der Tat auf „irgendwann einmal“, das zuerst entschlussfreudig mit „morgen“ anfängt und die dann auf „später einmal“ verschoben wird, wirkt eher unschlüssig und verwirrt. Die Stellen, in denen der Innere Monolog, fast schon ein stream of consciousness zum Tragen kommt, sind diejenigen Stellen, in denen die Verwirrung am meisten zum Ausdruck kommt – der Grund dafür liegt in der Unmittelbarkeit des Gedankenstromes.[10]

Die schwankende und unsichere Identität erzeugt, zusammen mit der verunsichernden Wahrnehmung der Aussenwelt[11] und der inneren Verwirrung der Hauptfigur (siehe oben), ein Gefühl der Verunsicherung und (inneren und äusseren) Orientierungslosigkeit, das letztendlich im Unheimlichen resultiert.

[...]


[1] Ich zitiere aus folgender Ausgabe: Guy de Maupassant: Der Horla, in: Mamsell Fifi und andere Erzählungen.

Übers. v. Walter Widmer. Zürich 1983, S. 144-182.

[2] Martinez, Matias/Scheffel, Michael (2007): Einführung in die Erzähltheorie.

[3] Petersen, Jürgen H./ Wagner-Egelhaaf, Martina (2006): Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft.

[4] Ich stütze mich auf die Definition von Martinez/Scheffel (2007), Einführung in die Erzähltheorie, S. 82ff.

[5] Ich stütze mich auf die Definition von Martinez/Scheffel (2007), Einführung in die Erzähltheorie, S. 64ff.

[6] Ich stütze mich auf die Definition von Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 46.

[7] Ich stütze mich auf die Definition von Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 51.

[8] Ich stütze mich auf die Definition von Petersen (2006), Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 51.

[9] Vgl. 2.1, S. 6: „Die Bäume tanzten rundum, der Boden schwankte und wogte.“ Die Aussenwelt ist jetzt nicht mehr gesichert, sondern nur noch ein schwankendes Gebilde, auf das kein Verlass mehr ist: Der Boden wird einem unter den Füssen weggezogen. Die Orientierung hat er jetzt vollends verloren – er weiss nicht mehr, wo er hergekommen ist.

[10] Vgl. 3.1 Der Autonome Innere Monolog.

[11] Vgl. 1.1 Blickpunkt: Selbst.

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640915583
ISBN (Buch)
9783640916047
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171890
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
Gut bis sehr gut
Schlagworte
entspringt unheimliche maupassants horla mitteln verunsicherung

Autor

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