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Der Mythos Großstadt in Erich Kästners ‚Fabian – Die Geschichte eines Moralisten'

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Roman der ‚Neuen Sachlichkeit‘
2.1. Das Prinzip Fabian

3. Die Hure Babylon
3.1. Berlin – Ein Kabarett der Anonymen?
3.2. Wo ist der Moralist geblieben
3.3. Der Gang vor die Hunde

4. Kein Poesiealbum – eine Satire!

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit dem Mythos Großstadt in Erich Kästners ‚Fabian – Die Geschichte eines Moralisten‘[1]. Dieses durchaus gesellschaftskritische Werk Kästners, der vielen Lesern vermutlich lediglich als Kinderbuchautor bekannt ist, beleuchtet das Thema Großstadt und damit Berlin unter einem längst vergessenen oder für uns unbekannten Blickwinkel.

Eng verbunden mit diesem Roman ist der Begriff der Neuen Sachlichkeit. Durch jene Hauptströmung der Weimarer Republik wird eine detailliertere Beschreibung des Großstadtromans der zwanziger und dreißiger Jahre erst möglich. Die Merkmale der Literatur dieser Bewegung werden mit dem Roman in Verbindung gesetzt, welcher daraufhin einer Gesellschaftsanalyse unterzogen wird. Es soll also herausgestellt werden, inwieweit das Großstadtmotiv in Fabian[2] mit der Neuen Sachlichkeit in Verbindung gebracht werden kann. Im Mittelpunkt stehen die Großstadt Berlin und ihre epochenspezifische Darstellungsweise. Im Gegensatz zu anderen, schillernderen Beschreibungen Berlins vermag Erich Kästner hier ein sehr satirisches und auch negatives Berlinbild zu zeichnen. Diese Darstellung wirft die Frage auf, ob die Großstadt, in diesem Fall das Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, den moralischen Verfall des Menschen in Gang setzt. Die Arbeit will also zeigen, dass Kästner hier nicht ein Bild der Großstadt, sondern den Verfall des Menschen durch die Großstadt schafft. Wie verhalten sich der im Werk im Fokus stehende Mensch und die Stadt Berlin zueinander? Dabei ist es interessant, zu untersuchen welche Atmosphäre er zu genau diesem Zweck im Buch entstehen lässt und mit welchen Mitteln er den Verfall der Großstadtgesellschaft schildert. In einer Schlussbemerkung werde ich ein Fazit zur Darstellung der Großstadt im Roman abgeben.

2. Roman der ‚Neuen Sachlichkeit‘

„Und wer die Dummheit beging, diesen Stil die ‚Neue Sachlichkeit‘ zu nennen, den möge der Schlag treffen!“[3]

Obwohl Erich Kästner sich Zeit seines Lebens vehement dagegen ausgesprochen hat, wird sein Roman Fabian heute von der Wissenschaft beinahe übereinstimmend als „Dokument der Neuen Sachlichkeit begriffen, die mit der so genannten Stabilisierungsphase [zwischen 1924 bis 1932] übereinstimmt.“[4] Fabian entstand in Kästners ‚goldenen Jahren‘[5] (1927 – 1933). Das im Oktober 1931, und damit in Zeiten der Weimarer Republik, erschienene Werk „[war] für seine damaligen Verhältnisse […] ein langsam geschriebenes Buch, es sollte besonders gut gelingen […].“[6]

Die Literatur der Neuen Sachlichkeit ist als eine der Hauptströmungen der Weimarer Republik zu bezeichnen. Trotz der Popularität, die Kultur und Literatur gerade in diesem Jahrzehnt erfuhren, ist jene Bewegung lange Zeit lediglich ungenügend dokumentarisch und theoretisch aufgearbeitet worden.[7]

In der Hauptphase der Weimarer Republik konnte die Neue Sachlichkeit vor allem als „eine unpolitische, ideologisch neutrale Strömung“[8] verstanden werden, die sich konträr zum Expressionismus verhielt. Im Gegensatz zur irrationalen Vorstellung des Expressionismus, befasst sich die Neue Sachlichkeit mit der Umkehr zu den Dingen, der Rückkehr zur Klarheit. Der Begriff selbst ist der bildenden Kunst entnommen und diente bereits 1925 Gustav Friedrich Hartlaub zur Betitelung der Mannheimer Kunstausstellung „‘realistischer‘ junger Maler“[9]

2.1. Das Prinzip Fabian

Erich Kästner sträubte sich vielleicht vor dem Ausdruck der Neuen Sachlichkeit, weil sein Roman keinen wirklichen Bruch mit dem Irrationalismus folgerte. „Fabian […] ist zwar vom Thema her ‚sachlich‘: die wirtschaftliche, politische und ‚moralische‘ Krise wird durchleuchtet. Aber in dem Maße, wie der Autor die Katastrophe als unabwendbar, dem rationalen Zugriff entzogen, darstellt, steht auch dieser Roman, trotz seiner sozialkritischen Aussage, in einer Entwicklung, die dem bürgerlichen Irrationalismus verpflichtet ist.“[10]

Die bevorzugte Gattung der neusachlichen Strömung stellte der Zeitroman dar.[11] Er war bestens geeignet, um die Parallelen von Industrialisierung, Urbanisierung, Arbeits- und Vergnügungsstätten, Prostitution, politischen wie sexuellen Umbrüchen der Weimarer Republik auszudrücken. Als Berichterstatter ihrer Zeit versuchten die Autoren diese kritisch zu beleuchten. All diese Themen, die kennzeichnend für den Roman der Neuen Sachlichkeit sind, lassen sich auch in Kästners Fabian wiederfinden.

Erzählt wird hier die Geschichte des Dr. phil. Jakob Fabian, „32 Jahre alt, Beruf wechselnd, zur Zeit Reklamefachmann, Schaperstraße 17, herzkrank, Haarfarbe braun“[12]. Ein Zuschauer seines eigenen Lebens, unfähig zu handeln, der seinen Freund verliert, die Liebe findet und auch wieder einbüßt, von der Arbeitslosigkeit eingeholt wird und dann stirbt, als er sich endlich durchringen kann zu handeln. Empfindungen werden hierbei weitestgehend ausgeklammert, mit Nüchternheit wird beschrieben. Die Wirklichkeit der Darstellung erweist sich jedoch zunehmend als ein Ausstellungsstück hinter einer Glasfassade.[13] So ist es naheliegend, dass die Metapher des kalten Glases eines der führenden Motive des Fabian ist.[14] Diverse Male durchkreuzt die Glasmetaphorik den Handlungsgang und wird stets von Kästner genutzt, um Handlungsweisen der Gesellschaft als auch die Fabians kritisch zu beleuchten.

„Wir schrieben Aufsätze und Diktate, wir lernten scheinbar, und es war gleichgültig, ob wir es taten oder unterließen. Wir sollten ja in den Krieg. Saßen wir nicht wie unter einer Glasglocke, aus der langsam aber unaufhörlich die Luft herauspumpt?“[15]

Fabian begreift an dieser Stelle, dass die Zeit „sich die Luft zum Atmen abgräbt, also alles Lebensnotwendige entzieht.“[16] Die Glasglocke veranschaulicht sein eigenes, kleines Gefängnis, welches ihn zur vollkommenen Tatenlosigkeit verdammt hat. Des Weiteren taucht das Glasmotiv in diversen Träumen Fabians auf und kündigt damit schon die schicksalhafte Wendung der Geschichte an. In einer beinahe apokalyptischen Untergangsvision träumt Fabian von einer Maschine die Menschen vervielfältigt. Das „unerreichbare Abbild“ verbirgt sich hinter glitzerndem Glas und wird dadurch für die Menschen unantastbar[17]. Der Mensch wird reproduziert, es ist möglich ihn unendlich oft wiederherzustellen. Fabians Alptraum spricht damit ein im aktuellen Kontext bestehendes Thema an – das Klonen. Die Angst, dass die eigene Einzigartigkeit eliminiert wird, und durch eine Armee ausdrucksloser Roboter ersetzt wird, erschrickt sowohl den Leser als auch Fabian. Durch die Imagination lässt sich allerdings auch eine Brücke zur zunehmenden Industrialisierung schlagen. Die Vervielfältigung des Einzelnen beziehungsweise die Möglichkeit ein besseres Pendant für ihn zu finden, lassen das Individuum für die Gesellschaft unbrauchbar werden. Diese Thematik wird letztendlich auch durch den Erfinder Kollrepp aufgegriffen und kritisiert, der daraufhin sein gesamtes Leben überdenkt.

Es wird nur allzu deutlich, dass das Glasmotiv Fabians Abstand zu seiner Umwelt unterstreicht, den er sich stets zu bewahren versucht. Das Glas verspricht Distanz. Für Fabian ist die Glasplatte ein willkommenes Schutzobjekt, hinter dem er Zuflucht suchen kann. Hier kann ihm keiner zu nahe kommen, hier muss er sich nicht beteiligen. Eigentlich entspricht das ja genau der Rolle, die er augenscheinlich so gern innehat – der unbeteiligte Beobachter. „Glas erscheint im Roman insgesamt als Medium, das Kälte ausstrahlt und Fabians neusachlichen Verzicht auf Emotionen [wiederspiegelt]“[18] Üblicherweise „verzichtet [der neusachliche Roman] auf komplexe Entwicklungsstränge, Bildungsgeschichten und Wechselbeziehungen zwischen den Figuren. Im Vordergrund steht weniger das persönliche Schicksal des Romanhelden als die scheinbar unbeteiligt geschilderte Außenwelt.“[19] Motive wie Industrialisierung, Zeitungswesen, Kapitalismus u.a., die dem zeitgemäßen Großstadtleben entnommen sind, deuten darauf hin, dass Fabian der Neuen Sachlichkeit zugerechnet werden kann.[20]

Das Berlin der zwanziger Jahre wird von dem Germanisten Fabian geschildert. Und obwohl er stets als Zuschauer durch den Großstadtdschungel schreitet, ist er trotzdem „kein neutraler Beobachter, sondern parteiisch wie alle Moralisten.“[21] Dennoch behält er die passive Rolle bei, die es ihm leicht macht sich zu verschiedenen Schauplätzen des modischen Berlins der zwanziger Jahre treiben zu lassen. „Dieser Held ist keiner, nicht einmal ein negativer, er ist eine Sonde.“[22] Ganz im Gegensatz zum Bild der goldenen Zwanziger Jahre wird dem Leser die Sicht eines Satirikers geboten. Und wie Kästner von Anfang an in seinem Vorwort betont, geht es diesem keinesfalls um eine wirklichkeitsgetreue Großstadtdarstellung. Vielmehr wird Berlin in überhöhter Weise als ein Raum beschrieben, der keinen Platz für Moral und Sittlichkeit hat, geschweige denn für eine Gesellschaft, die sozialkritisch und nicht kapitalistisch ist. Es ist zu bemerken, dass die Erzählung ein hohes Maß an autobiographischen Zügen aufweist. Fabian ist im selben Alter wie Kästner, entspringt demselben kleinbürgerlichen Milieu, lebt wie der junge Kästner in Berlin. Bei all den Ähnlichkeiten darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Biographie des jungen Kästners nicht so fortschreitet wie die des jungen Fabian. Kästner war erfolgreich und hat sich bis heute seine Zeitlosigkeit beibehalten. Dennoch weisen Figuren des Romans auf Personen seines eigenen Umfeldes hin. Es ist offensichtlich, dass der Autor seinen Protagonisten benutzt, um mit erhobenem Zeigefinger auf den Leser zu schauen. Der Moralist aus dem Jahr 1931 wollte und will auch heute noch warnen. Diese Absicht wird an anderer Stelle in dieser Arbeit jedoch noch einmal ausführlich aufgegriffen und erläutert.

Durch die Vogelperspektive des Moralisten Fabian und unterstützt durch die neusachlichen Motive, erhält der Leser einen Einblick in das weniger ruhmreiche, sondern vielmehr chaotische, sittenlose Berlin – eine Stadt der Träume verwandelt sich in eine Untergangsvision.

[...]


[1] Kästner, Erich: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München 2009.

[2] Das Werk wird im Folgenden mit Fabian abgekürzt

[3] Kästner, Erich: Lyriker ohne Gefühl. In: Neue Leipziger Zeitung, 4.Dezember 1927. Zitiert nach: Johan Zonneveld: Erich Kästner als Rezensent 1923 – 1933. Frankfurt am Main/ Bern/ New York 1991. S.222.

[4] Rauch, Marja: Erich Kästner. Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München 2001. S.23.

[5] Vgl. Doderer, Klaus: Erich Kästner. Lebensphasen – politische Engagement – literarisches Wirken. Weinheim/ München 2002. S. 55.

[6] Hanuschek, Sven: Keiner blickt dir hinter das Gesicht . Das Leben des Erich Kästner. München 1999. S. 195.

[7] Becker, Sabina (Hg.): Neue Sachlichkeit im Roman. In: Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Hrsg. V. Sabina Becker und Christoph Weiss. Stuttgart/Weimar 1995. S.7.

[8] Rauch (2001). S.23.

[9] Paucker, Henri R. (Hg.): Neue Sachlichkeit. Literatur im `Dritten Reich` und im Exil. Stuttgart 1974. S. 13.

[10] Paucker, Henri R. (Hg.): Neue Sachlichkeit. Literatur im `Dritten Reich` und im Exil. Stuttgart 1974. S. 14.

[11] Vgl. Rauch (2001). S. 24

[12] Kästner (2009). S. 14.

[13] Vgl. Rauch (2001). S. 24

[14] Ebd.

[15] Kästner (2009). S. 61.

[16] Rauch (2001). S.87.

[17] Vgl. Kästner (1931) S. 147.

[18] Rauch (2001). S. 88.

[19] Ebd. S.24.

[20] Vgl. Schikorsky, Isa: Erich Kästner. München 1998. S.83.

[21] Ebd.

[22] Klotz, Volker: Forcierte Prosa. Stilbeobachtungen an Bildern und Romanen der Neuen Sachlichkeit. In: Erich Kästner. Werk und Wirkung. Hrsg. V.Rudolf Wolff. Bonn 1983. S.82.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640914760
ISBN (Buch)
9783640914715
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171856
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
Erich Kästner Fabian Neue Sachlichkeit Großstadtroman Berlin Zwanziger Jahre

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