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Die Sittlichkeit der Demokratie

Ein Vergleich der Konzeptionen von Émile Durkheim und Jürgen Habermas

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 36 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Emile Durkheim
2.1 Soziologieverständnis nach Durkheim
2.2 Die Physik der Sitten und des Rechts
2.3 Probleme der Sozialintegration
2.3.1 Neue Form des Individualismus
2.4 Moral und Regeln
2.4.1 Moralitäten
2.4.1.1 Familienmoral
2.4.1.2 Berufsmoral
2.4.1.3 Staatsbürgerliche Moral
2.4.1.4 Verhältnis und Wechselwirkungen der Moralitäten
2.5 Konzeption des politischen Systems
2.5.1 Wesen und Funktion des Staates

3. Jürgen Habermas
3.1 Einleitung
3.2 Gesellschaftstheorie nach Jürgen Habermas
3.3 Moral
3.4 Der Diskursbegriff
3.5 Kommunikative Vernunft als Grundlage des Rechts
3.6 Verhältnis von Rechtsphilosophie und politischer Theorie
3.6.1 Rechtsphilosophie
3.6.2 Politische Theorie
3.6.3 Normative Vorstellung der Demokratie
3.6.3.1 Theorie der Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft
3.6.3.2 Institutioneller Wirkungsbereich der Öffentlichkeit
3.7. Konzeption des politischen Systems
3.7.1 Das Demokratieprinzip
3.7.1.1 Recht als Kategorie der gesellschaftlichen Vermittlung
3.7.2.1 Aufgaben und Funktionen des Rechts
3.7.2.2 Paradigmen des Rechts
3.7.2.3 Kategorien des Rechts

4. Vergleich Durkheim - Habermas

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Aktualität Émile Durkheims Vorlesungsreihe Physik der Sitten und des Rechts, als Versuch den Kult des Individuums mit den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen zu verbinden, scheint auch in heutiger Zeit, nach Weltwirtschaftskrise, Vorwürfen des Werteverfalls nachwachsender Generationen und Verunsicherung in allen Teilen der Bevölkerung in westlichen Gesellschaften von höchster Brisanz zu sein. Die Wirtschaft ist in Zeiten der Globalisierung aus den Fugen geraten und es wird nun mittels staatlicher Hilfe versucht diese wieder auf den rechten Weg zu bringen: Der Staat springt ein wo die Wirtschaft, nach Durkheim: die Moral der Wirtschaft und somit die Moral der Individuen versagt hat. Den rechten Weg, ein Wirtschaftssystem zu organisieren, dass der Gesellschaft dienlich ist und in Zeiten von Modernisierung und Globalisierung die gesamte Weltbevölkerung betrifft, scheint im zivilgesellschaftlichen Diskurs kaum von Bedeutung.

Stattdessen machen sich Verunsicherung, Perspektivlosigkeit sowie das Gefühl unzulänglicher Integration in den Gesellschaften breit und dienen als Gründe für mangelnde Partizipation am demokratischen System, dass sich letzten Endes ja nur durch Beteiligung der Bürger legitimiert. Diese Strömungen und Tendenzen, insbesondere bei den Verlierern der Globalisierung, in extreme politische Lager sind Folgen, die sich noch nicht ablesen lassen, sicherlich aber nicht für ein hohes Maß an Demokratie, im Sinne Durkheims einer ausgeprägten staatsbürgerlichen Moral, im Habermaschen Verständnis von einer politischen Öffentlichkeit sprechen. Emile Durkheim in seiner Vorlesungsreihe Physik der Sitten und des Rechts, als auch Jürgen Habermas in seinem gesamtheitlichen Schaffen, versuchen die Frage der sozialen Integration in die Gesellschaft, ohne Verzicht auf die individuellen Werte umfassend zu beantworten.

Ausgehend von Durkheims Vorlesungsreihe Physik der Sitten und des Rechts, erstmals gehalten in Bordeaux Ende des 19. Jahrhunderts, lassen sich auch heutige gesellschaftliche Probleme erkennen. Dem zentralen Problem der sozialen Integration der Individuen in die Gesellschaft und zugleich der Genugtuung des Kults des Individuums genügen zu müssen, stellt Durkheim auf den Prüfstand. Innerhalb diese Ausarbeitung sollen die diversifizierten Moralspähren nach Durkheim näher betrachtet und den Fragen der Verhältnisse und Wechselwirkungen der Moralitäten darlgelegt werden, um der anschließenden Frage auf den Grund zu gehen, inwieweit die Moral und Regeln der sozialen Integration unterstützend für ein Modell des Staates wirken können, sodass der Nutzen der Kollektive und in ihnen, die Individuen in den Mittelpunkt des Staates rücken.

Dem will ich Jürgen Habermas Entwurf mit großem Wirkungsbereich entgegenstellen. Jürgen Habermas entwarf Anfang der 90er Jahre eine Rechtsphilosophie, die der gleichen Frage nach sozialer Integration der Individuen auf den Grund ging. Der Habermasche Ansatz soll hier mittels der kommunikativen Vernunft, dem Diskursprinzip, sowie der Konzeption des politischen System mit Hilfe des Rechts skizziert werden, um im Anschluss die beiden Autoren und ihre Ansätze in einem eigenen Kapitel zu vergleichen.

Dem anschließend folgt ein kurzes eigenes Fazit in wie weit die vorgestellten Theorien ein emanzipatorisches Potential für die Individuen und in folge dessen für die moralischen Instanzen, wie Berufsgruppen im Sinne von Durkheim oder der politischen Öffentlichkeit in Anlehnung an Habermas bietet.

2. É mile Durkheim

2.1 Soziologieverständnis nach Durkheim

Émile Durkheim begreift die Soziologie als Strukturanalyse und Wissenschaft der sozialen Tatbestände.1 Diese soziale Tatsachen, entsprungen aus der Assoziation der Individuen besitzt durch eben jene eine hohe historische Variabilität. Die Aufgabe der Soziologie beinhaltet das klassifizieren, reflektieren und beurteilen eben jener sich stetig verändernden sozialen Tatbestände. Die sichtbaren gesellschaftlichen sozialen Strukturen sind für Durkheim im Recht so herauskristallisierbar, dass die Soziologie sich notwendigerweise mit der Analyse des Rechts auseinander zu setzen hat.2 Insbesondere die Rechtsentwicklung der Menschlichkeit in den Menschenrechten nimmt seit den politischen Revolutionen, vornehmlich durch die französische Revolution mit ihrem Ende 1799, zu. Der Mensch in seinem gesellschaftlichen Stellenwert zählt nahezu alles, nebst der Verehrung des Göttlichen - als höchstes Gut - das es auf Erden zu wahren gibt.

Das Recht wird seit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen als konstitutive Bedingung des Lebens gesehen und bildet die universale Struktur des sozialen Lebens, welches die zentrale Methode eines Gegenstandbereiches bildet, der sich seinerseits juridisch begann auszubilden.

Der von Durkheim gesetzte Schwerpunkt in Physik der Sitten und des Rechts ist die Analyse von Sanktionsbewährten Verhaltensregeln in vergleichender Perspektive3, beruhend auf vorangegangenen Werken, die im Kern eine Auseinandersetzung arbeitsteiliger Gesellschaften bildet und die gesellschaftliche Ordnung sich subsumtionslogisch um das Strafrecht konzentriert.4 Die Rechtspflicht, der die Individuen nachkommen, wird zum Kriterium sozialer Strukturen, die ihrerseits durch vorhandene Sanktionen indiziert werden.

Die Sitten und das Recht sind vor diesem Hintergrund für Durkheim nicht als physische, mentale oder individuelle Tatsache zu begreifen, sondern als soziale.5

2.2 Die Physik der Sitten und des Rechts

Die Grundidee, die Durkheim in Physik der Sitten und des Rechts entwirft, ist die eines moralischen Rahmens in modernen Gesellschaften und wie diese in der Sozialstruktur verankert sind.6 Hierbei legt Durkheim ein ethisches Maximalprogramm, dem ein minimales Institutionenprogramm zur Seite steht, vor.7 Durkheim versteht unter der Physik der Sitten und des Rechts die moralischen und rechtlichen Tatbestände, welche mittels Sanktionierungen das menschliche Verhalten regeln.8 Die Grenzziehung zwischen Individuum und Gesellschaft via Sanktionen dient der moralischen Disziplin des einzelnen.9 Das soziale Leben und das Miteinander der Individuen sind somit durch Standards der Moral oder des Rechts konstatiert.10

Die Sozialität, welche das Individuum umschließt, vollzieht sich hingegen nicht nur außerhalb des Individuums, was das Individuum zum Außenseiter der Gesellschaft stempelt, sondern übt gleichzeitig einen Zwang auf dieses aus: Die Gesellschaft als Zwangsgestalt, dem das Individuum notwendigerweise innewohnt.11 Das soziale Leben der in der Zwangsgestalt der Gesellschaft innewohnenden Subjekte versteht Durkheim als das vereinte Streben zur Verwirklichung gemeinsamer Ziele. Dies vereinte Streben der Subjekte, die Erzeugung und Sicherung des gesellschaftlichen Friedens durch die Individuen im Kollektiv, sei der wahre Zweck den die Gesellschaft innehat.12

2.3 Probleme der Sozialintegration

Durkheim zeigt die zu verarbeitende Spannung auf, die zwischen dem Kollektiv, verkörpert durch die Gesellschaft, und den individuellen Bestrebungen, bedingt durch die Pluralität der verschiedensten Ebenen der Wertspähren, entstehen.13 In der Vorlesungsreihe Physik der Sitten u]nd des Rechts konzipiert Durkheim institutionelle Reformvorschläge, die eben jene Probleme der Sozialintegration, ausgelöst durch die differenzierten Wertspähren der Subjekte, durch ein Gleichgewichtsmodell der verschiedenen Moralitäten aufheben sollen. Jene Zunahme der Komplexität in modernen Gesellschaften bedarf nach Durkheim eines größer angelegten Regelwerkes der Moral.14

Die moralischen Bindungen die das funktionale Zusammenspiel von der politischen Gesellschaft, den Organisationen, den Sekundärgruppen, und dem Individuum durch die einzelnen Moralitäten herstellen wird in dem nachfolgendem Schaubild veranschaulicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.1 Neue Form des Individualismus (Kult des Individuums)

Besonders hervorgehoben wird in Durkheims Werk die Idee des Kollektivideals umhüllt mit dem Individualismus, die sich in der Historie immer weiter durchsetzte.15 Der moralische Individualismus, auf Kant rekurrierend, wird zur zentralen Wertidee in westlichen modernen Gesellschaften. Nicht der konkrete Mensch steht im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern die Konstruktion des idealen Menschen, dem idealen Konstrukt des Individuums an sich.16

Trotz der entstehenden, sich immer weiterentwickelnden Individualität ist es für das Subjekt nach Durkheim unmöglich kein Gefühl für das Ganze zu entwickeln, sondern die Rücksichtnahme auf die in der Gesellschaft Lebenden spielt, angesichts der Tatsache, dass Durkheim den Mensch als soziales Wesen definiert, für das Individuum immer eine tragende Rolle.17 Dieses kollektive Zusammenleben der Individuen zeichnet sich durch Verpflichtung aus, die anhand von Moral und Regeln definiert werden.

Insbesondere die Veränderung der Moralität infolge der stattfindenden Säkularisierung in westlichen Gesellschaften hebt Durkheim hervor. Der Verpflichtungscharakter gegenüber Gott habe sich im Laufe der Zeit drastisch geändert, so dass die Moral sich in modernen Gesellschaften gegenüber rationalen Prinzipien behaupten muss und der Individualismus nun selbst zur Religion wird, denn diese Zivilreligion sei der letzte Wert der von den Individuen noch Zuspruch erhalte: der Kult des Individuums. Diese überindividuelle Religion wahrt nach Durkheim die soziale Integration der Individuen, bedingt durch die neu erzeugte höchste Autorität gegenüber dem Individuum an sich.

2.4 Moral und Regeln

Für Émile Durkheim heißt sich moralisch verhalten, nach einer Norm zu handeln, die das Verhalten in dem Fall entscheidet, ehe wir noch gezwungen sind, Partei zu ergreifen. Der Bereich der Moral ist der Bereich der Pflicht, und die Pflicht ist eine vorgeschriebene Handlung.18 Dem folgend, kann die Moral der Gruppe, institutionell durch das Kollektiv legitimiert, nur dort Geltung besitzen, wo sie durch eine Autorität geschützt ist und eben jene Autorität, die Macht des Kollektivs gegenüber den individuellen Neigungen und Grenzüberschreitung, wahrt.19 Die allgemeine Moral, internalisiert durch die Individuen, findet sich folglich in der Gesamtheit der Gesellschaftsmitglieder, der Universalmoral wieder.20

Bedingt durch die diversifizierten Wertvorstellungen der verschiedenen Kollektive, schließen sich unterschiedliche Moralauffassungen der Individuen an,21 da sich die Moral verändert und sich von Mensch zu Mensch unterscheidet, abhängig von Kategorien wie Geschlecht, Alter oder Staatsangehörigkeit. Daraus entstehen unterschiedliche Pflichten, die es für das jeweilige Individuum zu erfüllen gibt.22 In jeder Gesellschaft gibt es sowohl parallel funktionierende Moralitäten, als auch diametral entgegengesetze.23 In eben diesem Fall wahren die Organisationen, im Kern moralisch intendiert, die individuellen Interessen gegenüber den Kollektiven, die Einhaltung der Regeln, was notfalls mit Zwangsmitteln der Sanktionierung von statten geht.24 Je größer sich die Gruppe gestaltet, desto ausgeprägter sind die Unterschiede der individuellen Interessen und desto notwendiger werden die moralischen Instanzen.25

Durkheim unterscheidet zwei Arten von Verhaltensregeln. Zum einen die Regeln, welche gegenüber sich selbst gelten - die individuelle Moral - , zum anderen die gegenüber der Menschheit im Allgemeinen - die Gemeinschaftsmoral - Geltung beanspruchen. Um beiden Moralitäten gerecht werden zu können, führt Durkheim die Regel der Universalmoral ein, die gegenüber anderen, der Gemeinschaft, und der eigenen Identität gilt.26

Die bereits im vorangegangene Teil eingeführte Pluralisierung der Moral in komplexen Gesellschaften, ist nach Durkheim die Autorität einer bestehenden Moral und deren integrative Leistung nur noch begrenz gegeben.27

Daher bilden die Regeln der individuellen Moral den ontologischen Vorrang für jegliche Ausbildung anderer Moralitäten. Durkheim erklärt dies durch die neu erfahrene Wertschätzung des Individuums, die als Bindung fungiert, wie ehemals die Religion als heilige Autorität. Der individuelle Charakter, herausgetreten aus der gesellschaftlichen Masse wird nun zum Gegenstand der moralischen Achtung und bildet das oberste Ideal.28

2.4.1 Moralitäten

Émile Durkheim unterscheidet innerhalb der allgemeinen Moral, wie im vorangegangnen Kapitel kurz skizziert, drei Arten von Moralitäten die sich in der Gesellschaft wieder finden. Die häusliche - von Durkheim als Familienmoral bezeichnet - sowie die staatsbürgerliche Moral zeichnen sich durch ein hohes Maß an Verallgemeinerungsfähigkeit aus, wogegen die Berufsmoral durch den partikularen Charakter charakterisiert wird.29

2.4.1.1 Familienmoral

Die Familienmoral als Hort der Moral, verbunden durch Gemeinsamkeiten in Gedanken, Gefühlen und Interessen, umfasst das gesamte Dasein der Mitglieder und zeichnet sich durch Selbstlosigkeit der Mitglieder aus, die eine moralische Einheit bilden. Vor allem die physische Nähe, die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen und der Kult der Gemeinschaft sind zentrale Faktoren, die die Bedeutung der Familie innerhalb der Gesellschaft aufzeigen.30 In ihren Strukturen stellt die Familie für Durkheim die verkleinerte Form der politischen Gesellschaft dar.

2.4.1.2 Berufsmoral

Émile Durkheim kennzeichnet deutlich den partikularen Charakter der Berufsmoral, denn eine Pflichtverletzung in eben dieser wird aus mangelndem öffentlichen Interesse, durch den Umstand der ausbleibenden Betroffenheit der restlichen Gesellschaftsmitglieder, nur bedingt durch die Verantwortungsträger getadelt.31 Insbesondere die unzureichende Organisationsstruktur und die damit verbundene Sanktionierung mit Hilfe der moralischen Instanzen der wirtschaftlichen Berufe, ziehen laut Durkheim wichtige Konsequenzen nach sich, so dass sich dieser Bereich des sozialen Lebens keiner Berufsmoral bewusst ist. Die Wirtschaft sei es, die ausschwenke und den Frieden der Gesellschaft, durch den Verfall der Moral, störe.32 Der amoralische Charakter des Wirtschaftslebens stellt eine große Gefahr für die Gesellschaft dar.33 Die ausgelösten gesellschaftlichen Anomien können nur durch eine Reorganisation, mittels Regulierung, Zusammenhalt und Moralisierung, der Wirtschaft durch die Beteiligung der betroffenen Gruppen gelöst werden.34 Vornehmlich der den Berufsgruppen im Bereich der Wirtschaft mangelnde Zusammenhalt lässt die moralische Anarchie, sich auszeichnend durch die verkümmerten individuellen Interessen wie Grenzenlosigkeit und Unersättlichkeit, gewähren.35

2.4.1.3 Staatsb ürgerliche Moral

Als wichtigste Regel der staatsbürgerlichen Moral definiert Durkheim die Beziehung der einzelnen Subjekte zur vorherrschenden Autorität.36 Die politische Gesellschaft, bestehend aus verschiedensten Untergruppen, einem Konglomerat voneinander abweichender Berufsgruppen und Familien, zeichne sich durch die Unterordnung unter derselben Autorität aus.37 Dieser Regel ist jene Obliegenheit inne, die besagt, dass „die wichtigste Pflicht der staatsbürgerlichen Moral jene [ist], die der Bürger gegenüber dem Staat und umgekehrt der Staat gegenüber dem Individuum hat.“38 Diese Wechselwirkung betont den moralischen Individualismus, der sich in der staatsbürgerlichen Moral manifestiert. Die Transformation der individuellen Moral, wird durch das regulierte Verhältnis der Individuen untereinander und gegenüber dem Staat zum Ausdruck gebracht und bringt die Wertschätzung des einzelnen nochmals gesondert zu Ausdruck.

Genau diese Gleichsetzung aller Bürger mit ihren individuellen Meinungen unter dem Deckmantel der staatsbürgerlichen Moral bedingt wiederum alle anderen Moralitäten.

2.4.1.4 Verhältnism äß igkeiten der Moralitäten

Die von Émile Durkheim verwendeten sanktionsbewehrten Verhaltensregeln, fußend auf dem Recht, gliedern sich in zwei großen Kategorien. Auf der einen Seite die individuelle Moral, welche Pflichten und Rechte gegen sich selbst beinhalten, auf der anderen Seite die Gemeinschaftsmoral mit den Pflichten und Rechten gegenüber den anderen Menschen - gegenüber der Menschlichkeit. In diesem Rahmen der beiden großen Moralitäten siedelt sich eine dritte Moral an, die die Pflichten und Rechte gegenüber von Gruppen regelt; konkret gegenüber der Familie, gegenüber den Berufsgruppen und gegenüber des Staates. Diese drei Moralitäten, die den von Durkheim entworfenen moralischen Partikularismus veranschaulichen, sind in einem Gleichgewichtsmodell zueinander gestellt und vom Rahmen des politischen Systems in Form des Staates gesichert.

Eine wirkliche Über- oder Unterordnung der Moralitäten, siehe Seite 6, ist nicht vorhanden, da alle die gleichen Abhängigkeiten bezüglich der individuellen Moral und der gesellschaftlichen Moral haben und durch Pflichten und Rechte gesichert sind. Unterscheidungen gibt es bezügliches des moralischen Partikularismus, der in der Familienmoral durchschnittlich ausgeprägt, in der Berufsmoral sehr stark ausgeprägt und in der staatsbürgerlichen Moral wiederum durchschnittlich ausgeprägt ist. Gerahmt wird das durch die individuelle Moral mit hoher Ausprägung bezüglich des moralischen Partikularismus und dem nicht vorhandenem Partikularismus innerhalb der Gemeinschaftsmoral.39 Alle Moralitäten stehen zueinander in Verbindung und bedingen sich gegenseitig: sie beeinflussen die individuelle Moral, als auch die Gemeinschaftsmoral.

Falls von einer Gewichtung zu sprechen ist, dann nur hinsichtlich der staatsbürgerlichen Moral, da diese direkte Auswirkungen auf den Staat hat im Gegensatz zur Familien- oder Berufsmoral. Wenn jedoch die Familen- oder Berufsmoral der Amoralität verfällt, hat dies wiederum Auswirkungen auf die staatsbürgerliche Moral, was, wie wir im weiteren Verlauf noch sehen werden, Auswirkungen auf das staatliche Gebilde hat. So gesehen ist von einer klaren Gewichtung innerhalb Moralitäten nicht auszugehen.

STAAT

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.5 Konzeption des politischen Systems

Sowohl die Machtbalance, als auch die Kommunikation sind entscheidende Rahmenbedingungen die das Verhältnis von Sekundärgruppen und Staat zueinander bestimmen. Nämlich insofern, als aus diesem Spannungsverhältnis die Autonomie des Individuums erwachsen kann. Die Existenz von Untergruppen partikularen sind Grundvorrausetzung zur Bildung der politischen Gesellschaft. Eben diese Autonomie, die Befreiung der individuellen Persönlichkeit, eigentlich jedem Individuum von Geburt an gegeben, bedarf des Staats zur Setzung, Organisation und Verwirklichung dieser Rechte.40

[...]


1 Müller: Soziale Ungleichheit und Gerechtigkeit, S.137

2 Gephart: Gesellschaftstheorie und Recht, S. 346.

3 Schluchter: Individualismus, Verantwortungsethik und Vielfalt, S. 61.

4 Schluchter: Individualismus, Verantwortungsethik und Vielfalt, S. 67. Durkheim: Physik der Sitten und des Rechts, S. 10.

5 Schluchter: Individualismus, Verantwortungsethik und Vielfalt, S. 61.

6 Müller: Soziale Ungleichheit und Gerechtigkeit, S.137

7 Müller: Wertkrise und Gesellschaftsreform, S. 3.

8 Durkheim: Physik der Sitten und des Rechts, S. 10f.

9 Ebenda S. 27.

10 Müller: Soziale Ungleichheit und Gerechtigkeit, S.137.

11 Gephart: Gesellschaftstheorie und Recht, S. 348.

12 Durkheim: Physik der Sitten und des Rechts, S. 30.

13 Dallinger: Gesellschaftstheorie und Recht, S. 45.

14 Durkheim: Physik der Sitten und des Rechts, S. 28.

15 Ebenda S. 85.

16 Schluchter: Individualismus, Verantwortungsethik und Vielfalt, S. 70ff. Seite 4 von 32

17 Durkheim: Physik der Sitten und des Rechts, S. 29, S. 41.

18 Durkheim: 2. Vorwort, Über die Teilung der sozialen Arbeit, S. 41ff.

19 Durkheim: Physik der Sitten und des Rechts, S. 17.

20 Ebenda.

21 Ebenda S. 14.

22 Ebenda S. 13.

23 Ebenda S. 15.

24 Ebenda S. 27.

25 Ebenda S. 28.

26 Ebenda S. 31.

27 Ebenda S. 15-18.

28 Ebenda S. 83f.

29 Ebenda S. 15.

30 Ebenda S. 42ff.

31 Ebenda S. 15ff.

32 Ebenda S. 29.

33 Ebenda S. 24.

34 Ebenda S. 40. S. 48.

35 Ebenda S. 22.

36 Ebenda S. 72.

37 Ebenda S. 68.

38 Ebenda S. 72.

39 Ebenda S. 15

40 Ebenda S. 85. S. 89.

Details

Seiten
36
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783640914586
Dateigröße
936 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171837
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
politische Philosophie

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