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Die territoriale Neuordnung Frankreichs während der Revolution

Das Projekt Sieyès-Thouret

Hausarbeit 2007 14 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE BERATUNGEN IN DER NATIONALVERSAMMLUNG
2.1. VORSCHLAG DES COMITÉ
2.2. DIE DE HESSELN-KARTE
2.3. THEORETISCHE ASPEKTE
2.4. „DIVISER POUR UNIR“
2.5. GEGENENTWÜRFE

3. RESÜMEE

LITERATURVERZEICHNIS:
1. QUELLEN:
2. FORSCHUNGSLITERATUR:

ANHANG

1. Einleitung

Am 29. September des Jahres 1789 brachte der Abgeordnete Jacques Guillaume Thouret in seiner Funktion als Sprecher des „Comité de Constitution“ einen Antrag zur Neuordnung der territorialen Gliederung Frankreichs in die Diskussion der Verfassungsgebenden Versammlung in Paris ein1. Dieser Vorschlag, bekannt geworden unter dem Namen „le projet Sieyès-Thouret“, wird im Folgenden der Gegenstand der Untersuchung sein. Es soll die Frage geklärt werden, unter welchen Prämissen und mit welchen Zielen dieser Entwurf, der letztlich von der Nationalversammlung als Grundlage zur weiteren Entscheidungsfindung akzeptiert wurde2, zu Stande kam. Schließlich wird zu klären sein, ob das Projekt wirklich, wie es die Mitglieder des Comité de Constitution darstellten, ausschließlich unter proportionellen Gesichtspunkten entwickelt wurde oder ob nicht auch Rücksichtnahme auf diverse Interessenlagen - im modernen politischen Verständnis die Frage nach Lobbyismus - die Vorbereitungen beinflussten. Zu diesem Zwecke wurden sowohl der Antrag als solcher3 als auch weitere Reden und Meinungsäußerungen vor der Nationalversammlung in die Analyse einbezogen und einer Quellenkritik unterzogen.

2. Die Beratungen in der Nationalversammlung

2.1. Vorschlag des Comité

Die im Gefolge der französischen Revolution vorgenommene Verwaltungsneugliederung des Staatsgebiets bedeutete einen tiefen Einschnitt in die traditionellen territorialen Begebenheiten Frankreichs. Obwohl die Forderung nach einer Neuaufteilung der französischen Provinzen nichts grundlegend neues darstellte4 - bereits im Jahr 1764 schlug der da- malige Kriegsminister Marc-Pierre d'Argenson eine Verkleinerung der Généralités, der Bezirke der französischen Finanzverwaltung, vor5 - beinhaltete die nun aufkommende Diskussion doch eine ganz neue Dimension und eine noch nicht dagewesene Schärfe.6 Denn die historisch „gewachsenen“ Territorien des Ancien Régime sollten in der Vorstellung der meisten Abgeordneten der Nationalversammlung nicht mehr die Grundlage für die neue Gebietsaufteilung darstellen. Alleine die personelle Zu- sammensetzung des für die Ausarbeitung eben jener Gebietsneuaufteilung zuständigen Komitees lässt bereits das Ergebnis ihrer Arbeit in Teilen vorausahnen: Das Komitee konstituierte sich aus fünf Abgeordneten des 3.Standes und lediglich aus jeweils einem des Adels und des Klerus.7 Dass bei einer solchen Konstellation den kirchlichen und aristokratischen Interessen und deren Ländereien eine lediglich untergeordnete Rolle beigepflichtet wurde ist zumindest naheliegend. Vielmehr sollten die Départementsgrenzen nach rein technokratischen Aspekten gezogen werden: „Le Comité a pensé que les bases de la répresentation doivent être, autant qu’il est possible, en raison composé du territoire, de la population, et des contribution.“8 Jedes Département sollte genau eine Fläche von 18 mal 18 Meile, also 324 Quadratmeilen, umfassen. Um die einheitliche Repräsentation der Bürger in der Nationalversammlung zu gewährleisten sollten jeweils ca. 680 stimmberechtigte Bürger - es existierte ja noch kein allgemeines Wahlrecht - in einem Wahlkreis zusammengefasst werden: „[...] dont le sixième en citoyens actifs formerait le taux moyen d’environ 680 votants par canon.“9 Außerdem sollte bei der Wahl der Hauptorte der Départements weiterhin die Regel beachtet werden, dass jeder Einwohner des jeweiligen Départements diesen innerhalb einer Tagesreise zu erreichen in der Lage sein solle. Dies brachte natürlich exponiert an der Küste liegende Großstädte wie zum Beispiel Marseille in die unangenehme Lage, nun theoretisch nicht mehr als Hauptort und damit Verwaltungssitz in Frage zu kommen. So war die Flut an Eingaben, die aus allen Landesteilen über die Nationalversammlung hereinbrach, geradezu gigantisch. Innerhalb einiger Wochen wurden nicht weniger als ca. 10.000 Vorschläge und Bitten bezüglich Berücksichtigung der unterschiedlichsten Interessen eingereicht: Ob von Städten, die um ihre angestammte Rolle als Verwaltungssitz bangten, oder von diversen Adeligen und Klerikern, die um ihre Privilegien und Ländereien besorgt waren - und dies durchaus zu Recht, wie sich alsbald herausstellen sollte. Die Nationalversammlung löste schließlich die hartnäckigsten Konflikte zwischen um den Rang der Départementshauptstadt konkurrierenden Städte mit Hilfe eines Kunstgriffs: Sie erlaubte in einigen Fällen eine alternierende Lösung zwischen den betreffenden Städten, außerdem konnten verschiedene Verwaltungsstellen auf die Gemeinden aufgeteilt werden.10 Schließlich spielte selbstverständlich auch die Herkunft der Abgeordneten eine gewisse Rolle bei deren Entscheidung über die vorzunehmende Grenzziehung, da sie doch immer noch in erster Linie als Repräsentant ihrer jeweiligen Region und Heimat an den Beratungen teilnahmen.

2.2. Die de Hesseln-Karte

Einen gewissen Einfluss auf die Überlegungen im Comité de Constitution hatte auch die Karte Frankreichs, die Robert de Hesseln auf Basis der alten Cassini-Karte aus dem Jahr 1744 erstellte.11 Auf ihr war Frankreich nach ausschließlich geometrischen Aspekten in quadratische Untereinheiten aufgeteilt, deren größte Einheit die Départements darstellten, welche wiederum in eine jeweils gleich große Anzahl von Distrikten unterteilt waren und so weiter bis hinab auf die Gemeindeebene. Dass eine solch rein technokratische und lebensfremde Vorstellung in der Realität hätte scheitern müssen, muss wohl selbst dem Autor klar gewesen sein. Dennoch lässt sich an dieser Darstellung ganz gut die damals aufkommende Philosophie der totalen Unterordnung unter rationale und berechenbare Schemata darstellen, ein Drang, dem selbst die Natur unterworfen werden sollte.

2.3. Theoretische Aspekte

Nähert man sich der Frage auf einer theoretischen Ebene, so ist es zunächst nötig, eine Definition von territorialer Herrschaft zu geben, um so die Beweggründe für ihre verschiedenen Ausprägungen verständlich machen zu können. Territoriale Herrschaft kann verstanden werden als „the attempt by an individual or group to effect, influence, or control people, phenomena, and relationships, by delimiting and asserting control over a geographic area”.12 Legt man diese Definition zu Grunde, so lassen sich die unterschiedlichen Herangehensweisen zum einen der französischen Könige und zum anderen diejenige der Nationalversammlung an die Problematik der Verwaltungs- gliederung recht gut herleiten. Während die Krone grundsätzlich von einem geburtsständischen Privilegiensystem ausging, proklamierte die Nationalversammlung sehr bald die prinzipielle Gleichheit der - wenn auch vorerst nur männlichen - Bürger des Staates. Infolgedessen richteten sich auch die territorielle n Vorstellungen an prinzipiell anderen Standarts aus. Dem Anciène Régime waren historische Grenzen von Bedeutung, da es selbst ein dieser Sphäre entwachsener Spross war. Die Nationalversammlung hingegen war, was die Sprengkraft ihrer sozialrevolutionären Ideen anbetraf, ein Kind der Moderne; die Mehrheit der Abgeordneten sprach sich gegen das Ständesystem aus. Hieraus leitete sich ein völlig anderer Impetus für die durchzuführende Verwaltungsgliederung ab: Eben dieser Fall der Standesschranken sollte durch einen einheitlichen Verwaltungsaufbau, der geradezu technokratisch und unnatürlich anmutet, auch für den einzelnen Bürger greifbar werden. Außerdem sollte eine faire und proportionelle Repräsentation der nun ja prinzipiell freien und gleichen Staatsbürger in der Nationalversammlung ermöglicht werden. Diese Vorstellung war mit der uneinheitlichen und - nach aufgeklärtem Verständnis - irrationalen Gliederung des Staatsgebietes schlicht nicht vereinbar. In seinem Rapport vor der Nationalversammlung stellte Thouret diesen Vorschlag folgendermaßen vor:

„Le royaume est partagé en autant de divisions differentes qu’il y a de diverses espèces de régimes ou de pouvoirs: en dioceses, sous le rapport ecclésiastique; en gouvernements, sous le rapport militaire; en généralités, sous le rapport administratif; en baillages, sous le rapport judicataire. Aucune de ces divisions ne peut être ni utilement ni convenablement appliquée à l’ordre représentatif.“13

Durch den Aufbau eines einheitlichen Verwaltungs- Justiz- und Wahlsystem für das] gesamte Land wollten die Autoren des Projekts neben Stabilität für den Staat auch dem Prinzip der Freiheit seiner Bürger Ausdruck verleihen :

„D’une part, vous organisez le gouvernement répresentatif, le seul qui convienne à un peuple libre ; mais sa justice et sa stabilité dependent de l’établissement de l’égalité proportionnelle dans la représentation, et d’un ordre fixe et simple dans les élections.

[...]


1 France. Assemblée nationale constituante (1789-1791): Archives parlementaires de 1787 à 1860: recueil complet des débats législatifs et politiques des Chambres françaises. Première série, 1787 à 1799. Tome IX, du 16 septembre 1789 au 11 novembre 1789, Paris 1867, S. 202-206. In der Forschung besteht allerdings kein Konsens über den eigentlichen geistigen Urheber des Rapports; wahrscheinlich stammen die meisten Punkte aus der Feder eines der größten Köpfe der Nationalversammlung, des Abbé Sieyès, der im Juli des selben Jahres eine Denkschrift zu einer möglichen territorialen Neugliederung verfasste, die in weiten Teilen Übereinstimmungen mit dem Rapport Thourets aufweist. In der Thouret- Biographie von Ernest Lebègue ist außerdem eine Aussage Sieyès überliefert, in der er auf die Frage eines Zeitgenossen, ob er denn die wichtigste Rolle bei der Ausarbeitung des Rapports gespielt habe, antwortet: « mieux que cela, le seul! ». Definitiv zu klären wird diese Frage jedoch nicht mehr sein, weshalb man sich heute auf die Doppelbezeichnung « Sieyès- Thouret » geeinigt hat.

2 France. Assemblée nationale constituante (1789-1791): Archives parlementaires de 1787 à 1860: recueil complet des débats législatifs et politiques des Chambres françaises. Première série, 1787 à 1799. Tome IX, du 16 septembre 1789 au 11 novembre 1789, Paris 1867, S. 759.

3 France. Assemblée nationale constituante (1789-1791): Archives parlementaires de 1787 à 1860: recueil complet des débats législatifs et politiques des Chambres françaises. Première série, 1787 à 1799. Tome IX, du 16 septembre 1789 au 11 novembre 1789, Paris 1867, S. 202-206.

4 Nordman, Daniel/Marie-Vic Ozouf-Marignier (Hgg.): Atlas de la Révolution française, 11 Bde., Paris 1989, S. 28.

5 Godechot, Jacques: Les Institutions de la France sous la Révolution et l’Impire, Paris 21968, S.94.

6 Ozouf-Marignier, Marie-Vic: La formation des départements. La présentation du territoire française à la fin du XVIIIe siècle, Paris 1989, S. 42: « À côté des textes hésitants de la période prérévolutionnaire, les discours de l’automne 1789 prennent position d’une façon beaucoup plus catégorique.»

7 Ozouf-Marignier, Marie-Vic: La formation des départements. La présentation du territoire française à la fin du XVIIIe siècle, Paris 1989, S. 35.

8 France. Assemblée nationale constituante (1789-1791): Archives parlementaires de 1787 à 1860: recueil complet des débats législatifs et politiques des Chambres françaises. Première série, 1787 à 1799. Tome IX, du 16 septembre 1789 au 11 novembre 1789, Paris 1867,S. 202.

9 France. Assemblée nationale constituante (1789-1791): Archives parlementaires de 1787 à 1860: recueil complet des débats législatifs et politiques des Chambres françaises. Première série, 1787 à 1799. Tome IX, du 16 septembre 1789 au 11 novembre 1789, Paris 1867,S. 203.

10 Godechot, Jacques: Les Institutions de la France sous la Révolution et l’Impire, Paris 21968, S. 97.

11 Hesseln, Robert de : Nouvelle topographie, ou Description détaillée de la France divisée par des Carrées uniformes, Paris 1780, nach : Bonin, Serge (Hrsg.): Atlas de la Révolution française, 11 Bde. Paris 1989. (Im Anhang der Arbeit ist eine Kopie beigefügt.)

12 Sack, Robert: Human territoriality. Its theory and history, Cambridge 1986, S. 19.

13 France. Assemblée nationale constituante (1789-1791): Archives parlementaires de 1787 à 1860: recueil complet des débats législatifs et politiques des Chambres françaises. Première série, 1787 à 1799. Tome IX, du 16 septembre 1789 au 11 novembre 1789, Paris 1867, S. 202. Hervorhebungen im Original.

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640914272
ISBN (Buch)
9783640914395
Dateigröße
728 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171828
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Sieyès-Thouret Abbé Sieyès Französische Revolution Triangulation Kartographie Départements Département Frankreich Französische Geschichte

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