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Das Phänomen des Verstehens

Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Martin Heidegger, Leo Spitzer und Peter Szondi

Seminararbeit 2009 51 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hermeneutik und der hermeneutische Zirkel
2.1. Die Hermeneutik bei Heidegger und Gadamer
2.2. Der hermeneutische Zirkel

3. Martin Heidegger
3.1. Vorbetrachtungen zu Hölderlins Hymne Andenken
3.2. Auslegung von Hölderlins Hymne Andenken

4. Leo Spitzer
4.1 Linguistics and Literary History
4.2 The Style of Diderot

5. Peter Szondi
5.1 Über philologische Erkenntnis und Einführung in die literarische Hermeneutik
5.2 Celan-Studien. Durch die Enge geführt

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Verstehens ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Ob es darum geht, einen Gesprächspartner, einen wissenschaftlichen Aufsatz oder ein Kunstwerk zu verstehen, immer sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass hier etwas Fremdes an uns herantritt und Verständnis fordert. Wie funktioniert Verstehen? Wie kommt Verständnis einer Sache zustande? Was beeinflusst den Vorgang des Verstehens? Dies sind Fragen, die Wissenschaftler aller Disziplinen und Epochen beschäftigten.

Ein bedeutender Begriff hierbei ist das ‚Vorverständnis‘. Das Herantreten an etwas, das es zu verstehen gilt, kann nie losgelöst von dessen Tradition und der Tradition desjenigen, der verstehen will, geschehen. Der angehende Verstehende bringt seine Vorgeschichte, sein Leben, sein Wissen und die gesamte Geistesgeschichte, von der er geprägt ist, in den Verstehensprozess mit ein. Es ist ihm unmöglich, ohne gewisse Vorstellungen an das zu verstehende Objekt heranzutreten. Er hat schon bevor er sich mit dem Gegenstand auseinandersetzt, gewisse Vor-stellungen und Erwartungen, die ganz und gar in seinem Verstehenshorizont verwurzelt sind. Auf der anderen Seite steht das, was es zu verstehen gilt. Dieses ist seinerseits von seinen spezifischen Traditionen geprägt und liegt vielleicht weit ausserhalb des Horizonts des Betrachters. Erschwerend kommt hinzu, dass das zu verstehende Objekt ein Fremdes ist und sich dem Betrachter nicht ohne Weiteres öffnet.

In der Philologie hat das Problem des Verstehens weitreichende Debatten ausgelöst. Die Kernfrage ist, wie ein Schriftstück von einem Ausleger verstanden werden kann. Jeder Ausleger läuft Gefahr, dass sein Vorverständnis ihm den Blick auf die Schrift verstellt. Wie kann also mit dem Vorverständnis umgegangen werden? Damit verknüpft sind auch Fragen nach dem Sinn eines Textes, und ob es so etwas überhaupt gibt, nach der Autorintention, inwiefern ein Text in die Zeitgeschichte eingebunden wird und wie viel Bedeutung der biographisch-psychologischen Deutung zugemessen wird.

In dieser Arbeit soll diesen Fragen nachgegangen werden. Dies geschieht anhand eines theoretischen Überblicks zur Hermeneutik, dem hermeneutischen Zirkel und dem damit verbundenen Problem des Verstehens in Anlehnung an Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode. Danach werden die theoretischen Überlegungen dreier bedeutender Autoren des 20. Jahrhunderts – Martin Heidegger, Leo Spitzer und Peter Szondi – zum Thema vorgestellt und die jeweilige Umsetzung ihrer Prämissen an Deutungsbeispielen erläutert. Es wird untersucht, wie die Autoren mit dem Problem des Verstehens umgehen und ob sie ihren eigenen Vorgaben in den Deutungen treu bleiben. Was die Arbeit nicht will, ist einen kritischen Kommentar zu den Deutungen zu liefern. Ein solches Unterfangen übersteigt das Wissen und den Anspruch der Autorin und könnte weder den Interpretationen noch den Werken gerecht werden. Die Auseinandersetzung mit dem Vorgehen der Autoren und die Umsetzung ihrer theoretischen Überlegungen steht im Zentrum. Auch soll keine eigene Interpretation der Werke versucht werden, weshalb davon abgesehen wird, sie in ihrem ganzen Wortlaut wiederzugeben. Es werde bloss einzelne Stellens zitiert, um die Erläuterungen zu veranschaulichen. In einem Schlusswort werden die Ergebnisse kurz zusammengefasst und eigene Gedanken zum Thema erläutert.

2. Hermeneutik und der hermeneutische Zirkel

„Als Lehre vom Verstehen beschäftigt sich die Hermeneutik mit der Interpretation von literarischen Texten, aber auch mündlichen Äusserungen sowie anderen sinntragenden Konstruktionen.“1 Die Geschichte der Hermeneutik geht auf die Antike zurück, in der die klassischen Homer-Interpreten zwischen der grammatisch-rhetorischen Deutung – welche nach der Autorintention fragt – und der allegorischen Deutung – die im Rahmen eines zeitgenössischen Kontextes den mehrfachen Schriftsinn sucht – unterscheiden. In der Bibelhermeneutik steht der Vergleich von Altem und Neuem Testament im Vordergrund und auch die Jurisprudenz bedient sich der Hermeneutik zur Auslegung von Gesetzesschriften. Im 18. Jahrhundert tritt dann erstmals eine literarische Hermeneutik in Erscheinung, die sich mit den Regeln der Textauslegung beschäftigt.2

Ende des 18. Jahrhunderts stellt Friedrich Schleiermacher das Subjektive an der Auslegung ins Zentrum. Ein Ausleger muss sich in den Autor hineinversetzen und so das von ihm untersuchte Werk inspiriert und vom Geist des Autors beseelt neu schöpfen und schliesslich ebenso gut wie oder besser verstehen als der Urheber selbst. Um sich der so subjektiv erreichten Deutung zu versichern, stellt Schleiermacher dem Ausleger einen Katalog von Regeln zur Seite, mit denen er seine Interpretation an einzelnen Teilen des Werks überprüfen kann. Hier kommt die Zirkelstruktur des Verstehens explizit zur Sprache: Das durch psychologisch-künstlerisches Einfühlen erratene Ganze wird an der sprachlichen Auslegung der Einzelteile rückversichert.3

Eine Erweiterung erfährt der hermeneutische Zirkel durch Wilhelm Dilthey, der neu den individuellen Standpunkt des Auslegers mit der Geistesgeschichte in Beziehung bringt. Das Verstehen eines Werkes geschieht nun auf der Basis des Miterlebens, das die Horizonte des Autors und des Interpreten zusammenbringt. Damit wird die Kluft des Zeitenabstands, die bis anhin zwischen Interpret und Urheber bestand, überwunden.4

In Sein und Zeit identifiziert Martin Heidegger das Verstehen als eine Lebensbedingung, als eine Bedingung des In-der-Welt-Seins. Der Heidegger Schüler Hans-Georg Gadamer hat sich in Wahrheit und Methode intensiv mit Heideggers Gedanken zum Verstehen auseinandergesetzt und daraufhin seine Ideen zur Hermeneutik formuliert. Auf die Arbeiten von Heidegger und Gadamer wird im Folgenden näher eingegangen.

2.1. Die Hermeneutik bei Heidegger und Gadamer

Für Heidegger ist das Verstehen „der ursprüngliche Seinscharakter des menschlichen Lebens selber“.5 Nichts im alltäglichen Leben kann ohne Erkennen und Verstehen vonstattengehen. Verstehen bezieht sich somit erst sekundär auf Texte oder Ähnliches.6 Gadamer erkennt in Wahrheit und Methode die Bedeutung, die Heideggers Überlegungen für die Hermeneutik haben.

„Durch Heideggers transzendentale Interpretation des Verstehens gewinnt das Problem der Hermeneutik einen universalen Umriss, ja den Zuwachs einer neuen Dimension. Die Zugehörigkeit eines Interpreten zu seinem Gegenstande, die in der Reflexion der historischen Schule keine rechte Legitimation zu finden vermochte, erhält nun einen konkret aufweisbaren Sinn, und es ist die Aufgabe der Hermeneutik, die Aufweisung dieses Sinnes zu leisten.“7

Erkennen gründet sich darauf, dass der Erkennende und das Erkannte von der Seinsart der Geschichtlichkeit, das heisst, historisch vorhanden und bedingt sind. So kann es auch kein Verstehen geben, bei dem nicht die Totalität der Geschichte mitschwingt und dieses beeinflusst.8 Der Erkenntnishorizont des Erkennenden fliesst in den Verstehensprozess mit ein und somit ist das Interpretieren eines Textes so wie er dasteht, nach Heidegger zunächst nichts anderes als die „selbstverständliche, undiskutierte Vormeinung des Auslegers“.9

Gadamer greift diesen Gedanken auf und führt den Begriff des ‚Vorverständnisses‘ ein. Für ihn beginnt die Auseinandersetzung mit einem Text immer als ein Entwerfen. Im Lesen wirft sich der Leser einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich eine erste Spur eines Sinnes im Text zeigt. Dieser zeigt sich wiederum nur, weil der Leser den Text bereits auf bestimmte Erwartungen hin liest. „Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was da steht.“10

Um Verstehen zu können, muss man sich seiner Vorverständnisse, Vormeinungen und Entwürfe bewusst sein und diese am Text prüfen, denn „es gibt hier keine andere Objektivität, als die Bewährung, die eine Vormeinung durch ihre Ausarbeitung findet“.11 Vom Erkennenden wird gefordert, dass er sich dem Text gegenüber offenhält und empfänglich ist für die Andersheit des Textes. Wichtig ist hierbei, dass eine solche Offenheit und Empfänglichkeit weder Neutralität noch Selbstauslöschung voraussetzt. „Es gilt, der eigenen Voreingenommenheit innezusein, damit sich der Text selber in seiner Andersheit darstellt und damit in die Möglichkeit kommt, seine sachliche Wahrheit gegen die eigene Vormeinung auszuspielen.“ Der Verstehende muss bestrebt sein, seine Vormeinungen zu kontrollieren, um so das rechte Verständnis zu gewinnen. 12

Gadamer sieht eine Schwierigkeit in der negativen Konnotation des Wortes ‚Vorurteil‘, die ihm seit der Aufklärung anhaftet und bis heute unser Verständnis von dem Begriff bestimmt. In dem Begriff liege durchaus nicht bloss die Bedeutung ‚falsches Urteil‘, sondern er trägt in sich die Möglichkeit, sowohl positiv wie auch negativ gewertet zu werden. Die Aufklärung hat mit ihrer Forderung nach der Vernunft als einzig gültigem Instrument zur Unterscheidung zwischen richtig und falsch das Vorurteil in ein schlechtes Licht gerückt. Vorurteil bedeutet in diesem Sinn, unreflektiertes, nicht auf Vernunft basierendes und somit ungültiges, unbrauchbares Urteil.13

Für Gadamer „[liegt] eben hier der Punkt, an dem der Versuch einer philosophischen Hermeneutik kritisch einzusetzen hat“. 14 Es gilt, die negative Konnotation des Vorurteils aufzuheben. Denn eine Existenz, die nicht im Schatten ihrer Geschichte steht und so begrenzt und bedingt wird, ist undenkbar. Dies entzieht der Idee einer absoluten Vernunft den Boden. Vernunft ist nur als reale, geschichtlich bedingte denkbar, die auf die Gegebenheiten angewiesen ist, an denen sie sich betätigt.15 Ins Zentrum dieser Überlegungen rückt Gadamer die Frage, wie legitime von illegitimen Vorurteilen unterschieden werden können. Die Legitimation der Vorurteile kann durch Prüfung ihrer Herkunft und Geltung geschehen, denn das Verstehen kann erst in seine eigentliche Möglichkeit kommen, „wenn die Vormeinungen, die es einsetzt, nicht beliebige sind.“16 Gadamer hat eine entscheidende Entdeckung gemacht, wenn er sagt, dass wir immer schon im Lichte (oder Schatten) unserer Tradition stehen. Dies führt ihn zu der Frage, ob die Tradition in der Hermeneutik nicht zu ihrem Recht gebracht werden muss.17 „Am Anfang aller historischen Hermeneutik muss die Auflösung des abstrakten Gegensatzes zwischen Tradition und Historie, zwischen Geschichte und Wissen von ihr stehen “.18

Eine weitere Errungenschaft Gadamers ist der Ausbau Diltheys Gedanken zum Zeitenabstand. Wie oben bereits erwähnt, erreichte Dilthey durch die Zusammenführung von Fremdhorizont und Horizont des Auslegers eine Überbrückung des Zeitenabstands zwischen Werk und Ausleger. Gadamer fügt dem hinzu, dass ein Werk von der Zeit desjenigen, der es interpretieren will, beeinflusst wird. Die Auslegung ist immer an die geschichtliche Situation des Auslegers und damit an die Geistesgeschichte gebunden. „Nun ist die Zeit (...) nicht [mehr] ein gähnender Abgrund, sondern ist ausgefüllt durch die Kontinuität des Herkommens und der Tradition, in deren Lichte alle Überlieferung sich zeigt.“19

So ist auch das Werk bei Gadamer nicht hermetisch gegen seine Aussenwelt abgeschlossen. Im Verstehensprozess bringt der Verstehende seinen Erkenntnishorizont in den Text ein und verändert ihn dadurch. Die Meinungen oder Möglichkeiten von Text und Interpret treffen aufeinander und treten in einen Dialog. Da ein Text immer seinen Autor übertrifft, kann das Ziel einer Auslegung nicht sein, bloss die Autorintention aufzudecken, daher ist Verstehen „kein nur reproduktives, sondern auch ein produktives Verhalten.“20 Im Gegensatz zu Schleiermacher ist bei Gadamer jedoch nicht das vollkommene, seelische Sichversetzen in den Autor das Ziel des Verstehens, vielmehr muss daraufhin gearbeitet werden, die Perspektive des Autors anzunehmen und von da aus seine Meinung in ihr sachliches Recht zu bringen und gelten zu lassen. „Es ist die Aufgabe der Hermeneutik, dies Wunder des Verstehens aufzuklären, das nicht eine geheimnisvolle Kommunion der Seelen, sondern eine Teilhabe am gemeinsamen Sinn ist.“21

2.2. Der hermeneutische Zirkel

Eine frühe Form des hermeneutischen Zirkels geht auf Luther zurück, für den das Verstehen der Bibel aus der Auseinandersetzung mit einzelnen Textteilen in Bezug auf das ganze Werk erreicht werden kann. Der Philosoph und Theologe Friedrich Schleiermacher erweiterte den Zirkel nach subjektiver und objektiver Seite hin: Wie das einzelne Wort in den Zusammenhang des Satzes, der Satz in den Zusammenhang der Passage und die Passage in den Zusammenhang des Werkes gehört, so gehört auch das Werk in den Zusammenhang seines Genres und das Genre in den Zusammenhang der Geistesgeschichte. Auf der anderen Seite gehört das einzelne Werk als schöpferischer Akt in das Seelenleben des Autors.22 Von Dilthey wurde der Begriff des Horizonts in seiner individuellen Form beim Ausleger und als allgemeiner, geschichtlicher beim Kunstwerk ins Spiel gebracht. Die heute gebräuchliche Bedeutung des Zirkels geht auf Heidegger und Gadamer zurück, die jedes Verstehen als eine Deutungshandlung und eine Begegnung zwischen Fremdhorizont und Horizont des Auslegers sehen.23

Heidegger verknüpft den Gedanken des Ineinanderspielens von Teilen und Ganzem mit dem Strukturzusammenhang des Lebens. Genau so, wie in einem Text einzelne Passagen etwas vom Ganzen des Werkes ausdrücken und umgekehrt von diesem Ganzen bestimmt werden, so beherbergen auch einzelne Teile des Lebens das Ganze und sind wiederum durch das Ganze beeinflusst.24 Die Hermeneutik im Sinne Heideggers als Ent-deckung und Ent-hüllung setzt voraus, dass das zu Verstehende dem Verstehenden schon vor dem Erkennen bekannt ist, egal ob es sich hierbei um einen Text oder das Dasein handelt. Dies hat eine Zirkelstruktur des Erkennens zur Folge. Das Erkennen als eine Form des Suchens muss im vorherein von dem geleitet werden, das gesucht wird. Der Zirkel ist weder subjektiv noch objektiv, sondern beschreibt das Verstehen als Begegnung zwischen der Überlieferung und dem Interpreten. Den Zirkel zu vermeiden, würde bedeuten, genau das zu verbergen, was entdeckt werden soll. 25 Das Vorverständnis, das unser Erkennen eines Textes leitet ist kein subjektiver Vorgang, sondern bestimmt sich aus der Gemeinsamkeit, die uns mit der Überlieferung verbindet. Diese Gemeinsamkeit ist aber keine starre Gegebenheit, sie ist vielmehr in ständigem Wandel begriffen und verändert unsere Sicht auf das zu verstehende Objekt. „Der Zirkel des Verstehens ist also überhaupt nicht ein ‚methodischer Zirkel‘, sonder beschreibt ein ontologisches Strukturmoment des Verstehens“.26 Für den Prozess des Verstehens bedeutet dies, dass die Einstimmung aller Einzelheiten zum Ganzen das höchste Gebot ist. Bleibt diese Einstimmung aus, so ist das Verstehen gescheitert.27 Bei Gadamer trägt die Begegnung zwischen dem Horizont des Überlieferten und dem des Auslegers die Möglichkeit einer Horizontverschmelzung in sich, diese kann aber nur annäherungsweise erreicht werden, darin begründet sich die unendliche Struktur des Zirkels des Verstehens.28

3. Martin Heidegger

Der erste der drei behandelten Autoren ist Martin Heidegger. Der deutsche Philosoph ist 1889 geboren und zählt zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Seine Bedeutung für die moderne Hermeneutik wurde in den vorhergehenden Kapiteln dargelegt. Im Folgenden wird nun anhand seiner Vorlesung zu Hölderlins Hymne Andenken und den damit verbundenen theoretischen Vorbetrachtungen die Umsetzung seiner hermeneutischen Prämissen untersucht. In einem ersten Teil wird noch einmal genauer auf seine theoretischen Überlegungen eingegangen und anschliessend ihre Anwendung an seiner Deutung der Hymne Andenken nachvollzogen.

3.1. Vorbetrachtungen zu Hölderlins Hymne Andenken

Das erste Kapitel dieses Werkes ist überschrieben mit „Vorbereitung des Hörens auf das Wort der Dichtung“. Diese Überschrift ist bereits ein Fingerzeig in die Richtung, in die Heidegger mit seiner Deutung gehen will. Der Schlüssel zu Hölderlins Dichtung liegt für Heidegger im Hören des Wortes, darauf alleine kommt es ihm an. 29 In den Vorbetrachtungen zur Hymne will Heidegger seinen Studenten den Weg zum Wort Hölderlins bereiten. Doch diesen Weg zu gehen, bedeutet vieles vermeintlich Einleuchtende hinter sich zu lassen und sich vom geläufigen Verständnis von Dichtung zu lösen.

Heidegger wählt dabei zunächst den Weg der Abgrenzung von allem, „was die Vorlesung nicht will“. Es geht ihm nicht um eine literarhistorische Auseinandersetzung mit Hölderlin und seinem Werk. Damit ist man auf der falschen Fährte, da der Literarhistoriker davon ausgeht, ein Werk erst dann richtig verstehen zu können, wenn er es in die Umstände seiner Entstehungszeit zurückversetzt hat. Doch „die damalige Zeit (...) ist ja für die historische Erfassung genau so verschlossen und genau so offenkundig wie das zu erklärende Werk selbst.“30 Demzufolge ist die Berufung auf historische Tatsachen bei der hier versuchten Suche nach dem Wort der Dichtung eine Irreführung. Dies führt Heidegger zu der Frage, ob so nicht alles dem Belieben ausgeliefert ist und jeder in die Dichtung hineinlesen kann, was ihm gefällt. Doch weder das historische Forschen, noch das wilde Deuten sind erstrebenswerte Verfahren, da beide „im vorhinein gar nicht auf das hören [wollen], was der Dichter sagt.“31

So beschränkt sich die Vorlesung darauf das, „was Hölderlin gedichtet hat zu denken und denkend ins Wissen zu bringen“. Dies wird nötig, da es für uns, die wir keine Dichter sind, keinen andern Zugang zur Dichtung als das Denken derselbigen gibt.32 Dies soll aber nicht bedeuten, dass das Gedicht zu einem Steinbruch von Beweisen für eine Ideologie oder eine Philosophie gemacht wird, aus der diese beliebig gewonnen werden können und die ein jeder für sich nutzen kann.33 Das was entdeckt werden soll, ist einzig „jenes, was dieses Werk ins Werk setzt.“ Es geht nur darum, ob dieses im Gedicht Gedichtete von sich her einen Bezug zu uns aufnimmt und somit uns anspricht und ob dieser Anspruch unser Wesen angeht und nicht nur im subjektiven Erleben hängen bleibt.34

Auch die Ermittlung der Autorintention kann für Heidegger kein Ziel seiner Deutung sein. Denn das Wort des wahrhaften Dichters dichtet immer über seinen Schöpfer und sein Wollen hinaus, in der Verselbstständigung des Dichtprozesses überdichtet das Wort und das in ihm Gedichtete den Dichter. Folglich überdichtet das Wort vollends die, die es hören sollen.35 Unsere einzige Möglichkeit auf den Weg zum Wort zu kommen ist es daher, „das, was den Dichter selbst überdichtet hat, zu ahnen und aus diesem Ahnen ein wesentliches Wissen zu entfalten, in dessen Umkreis alle unsere sonstigen Kenntnisse erst Wurzel und Stand finden“.36

Das dichtende Wort zeichnet sich dadurch aus, dass es in einer ihm eigentümlichen Vieldeutigkeit schwingt. 37 Doch der Weg zum Wort wird verstellt, durch die Entfremdung des Menschen von der Sprache. Für Heidegger liegt das Problem im Verständnis der Sprache als Verkehrsmittel, das Einfachheit und Kürze auszeichnen. Dadurch verlernt der Mensch auf die Vieldeutigkeit des einzelnen Wortes zu hören und nimmt sie als störend wahr. Um auf den Weg zum Wort Hölderlins zu kommen, muss auch diese Entfremdung überwunden werden.38 Heidegger kann uns kein Instrumentarium („Stab und Stecken“) an die Hand geben, mit dem wir das Geheimnis des Hölderlinschen Wortes ergründen können. Er gibt selbst zu, dass das, was versucht wird, an das Unmögliche grenzt und dabei alles schief gehen kann.39 Dem Student und Leser bleibt somit nichts anderes übrig, als Heidegger weiter aufmerksam zu zuhören und sich mit ihm zusammen auf die Suche zu begeben.

Erneut betont Heidegger die Bedeutung des Hörens für das richtige Hineinkommen in die Dichtung Hölderlins. Dem Hören stellt er das Horchen zur Seite, das ein Innehalten mit allem sonstigen Vernehmen und das völlige Alleinsein mit Kommendem ist. Um hörend zu werden, muss man zuerst horchend gewesen sein und beides wird bedingt durch Warten und Wagen. In Heideggers Worten: „Hörende müssen zuerst Horchende sein und Horchende sind Wagende und Wartende zumal.“40 Mit dem Warten wird dem Gedichteten die Möglichkeit gelassen, den Leser anzusprechen. Doch es muss auch etwas gewagt werden, der Leser muss sich auf die Dichtung einlassen und bereit sein, wenn er angesprochen wird. Horchen und Hören lassen das Gedichtete sprechen.

Nach einem ersten Lesen der Hymne Andenken ist man versucht, vor lauter Schönheit und Poesie in Bewunderung zu versinken und es dabei zu belassen. Doch „verharrten wir in einer solchen Stimmung, dann blieben wir trotz scheinbarer Betroffenheit doch ungetroffen.“41 Ungetroffen von dem, was von dem Gedicht ausgeht, von dem, was es vermag. Eine solche Verzückung angesichts des Gedichtes bleibt zwangsläufig im Genuss hängen und versagt sich den Zugang zum Gedichteten. Es muss also weiter gegangen werden.

Trotz der Ablehnung der literarhistorischen Forschung kann und will Heidegger nicht umhin, die erkennbaren Tatsachen und Gegebenheiten im Gedicht zu beachten. In Andenken ist die Rede von Bordeaux, der Garonne und dem Land und Leben des südlichen Frankreichs. Aus zwei Briefen, die Hölderlin zur Entstehungszeit der Hymne an seinen Freund Böhlendorff geschrieben hat, erfährt man, dass er selbst für eine kurze Zeit in Südfrankreich gelebt hat. Der Schluss liegt nahe, dass Andenken eine Erinnerung an diesen Aufenthalt darstellt.42

[...]


1 Jessing und Köhnen (2007), p 278. Die folgenden Seitenzahlangaben beziehen sich auf dieses Werk.

2 p. 278-280

3 p. 280-281

4 p. 282

5 Gadamer (1986) Band 1, p. 264. Sofern nicht anders vermerkt, beziehen sich alle folgenden Seitenzahlangaben auf dieses Werk.

6 Jessing und Köhnen (2007), p. 283

7 p. 268

8 p. 266

9 Jessing und Köhnen (2007), p. 283

10 p. 271

11 p. 272

12 p. 273-274

13 Bis hierhin: p. 275-280

14 p. 280

15 p. 280

16 p. 272

17 p. 286-287

18 p. 287

19 p. 301-302

20 Jessing und Köhnen (2007), p.284

21 p. 297. Eigene Hervorhebung durch Kursivierung.

22 Gadamer (1986) Band 1, p. 296

23 Jessing und Köhnen (2007), .p. 285

24 Gadamer (1986) Band 1, p. 227-228. Sofern nicht anders vermerkt, beziehen sich die folgenden Seitenzahlangaben auf dieses Werk.

25 Spanos (1976), p. 457

26 p. 298-299

27 p. 269

28 Jessing und Köhnen, p. 284

29 Heidegger (1982), p. 1. Sofern nicht anders vermerkt, beziehen sich alle folgenden Seitenzahlangaben auf dieses Werk.

30 Bis hierhin p. 1-2

31 p. 4

32 p. 12-13

33 p. 5

34 p. 6

35 p. 7

36 p. 7-8

37 p. 11. Eigene Hervorhebung durch Kursivierung.

38 p. 11

39 p. 13

40 p. 13-14

41 p. 21

42 p. 22-23

Details

Seiten
51
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640913749
ISBN (Buch)
9783640912483
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171763
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
Schlagworte
phänomen verstehens auseinandersetzung arbeiten martin heidegger spitzer peter szondi

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Titel: Das Phänomen des Verstehens