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Bildungs- und Erwerbsbiographien in Japan

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Begriffe und Daten
2.1 Begriffe
2.2 Daten

3 Pierre Bourdieu – kulturelle Reproduktion

4 Bildungsbiographien
4.1 Das Bildungssystem in Japan
4.2 Statistische Befunde zum japanischen Bildungssystem
4.3 Reproduktion im japanischen Bildungssystem

5 Erwerbsbiographien
5.1 Typische Karrieren
5.2 Reproduktion im Berufsleben

6 Abschließende Bemerkungen

Literatur

1 Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit Bildungs- und Erwerbsbiographien in Japan. Vor dem Hintergrund des Studiums der Arbeit von Pierre Bourdieu in Studienbriefen und Literatur habe ich mich gefragt, ob die von Bourdieu beobachtete kulturelle Reproduktion auch in Japan zu finden ist. Oft wird Japan als „Degreeocracy“ dargestellt, als eine Gesellschaft, in der der Bildungsabschluss und die besuchte Bildungseinrichtung mehr für die soziale Stellung eines Individuums zählen als zum Beispiel die Herkunft und die finanziellen Ressourcen der Familie. Da der Zugang zu Bildungseinrichtungen fast ausschließlich durch Aufnahmeprüfungen, also rein nach Leistung geregelt ist, entsteht der Eindruck, dass er daher eine große Chancengleichheit bietet.

Während meines eigenen fünfjährigen Japanaufenthaltes habe ich aber oft festgestellt, dass diese Behauptungen nicht oder nur begrenzt stimmen. An meiner Universität, eine der Top- Universitäten des Landes, hatten die meisten Studenten einen akademischen gehobene-Mittelklasse-Familienhintergrund. Beide Eltern meiner Kommilitonen waren in der Regel Akademiker – die Väter oft Angestellte in großen Unternehmen oder Beamte, die Mütter meist Hausfrauen mit Hochschulabschluss. Ich habe daher nach empirischer Forschung gesucht, die sich mit diesem Thema beschäftigt, um herauszufinden, ob Japan tatsächlich eine so homogene Mittelklassegesellschaft mit so hoher Chancengleichheit ist, wie oft behauptet wird, oder ob nicht vielmehr Pierre Bourdieus Theorie der kulturellen Reproduktion auch auf Japan zutrifft.

2 Begri11e und Daten

2.1 Begriffe

In dieser Arbeit geht es um Lebens- und Erwerbsbiographien. Die Verwendung dieser Ausdrücke möchte ich ebenso wie verschiedene soziologische Begriffe zunächst einmal kurz klären.

Unter der Bildungsbiographie einer Person soll in dieser Arbeit die gesamte formelle Bildung und Ausbildung bis zum Eintritt ins Berufsleben verstanden werden. Daran anschließend ist unter Erwerbsbiographie der berufliche Werdegang einer Person vom Eintritt ins Berufsleben bis zur Rente zu verstehen.

Auf Pierre Bourdieus Konzept der kulturellen Reproduktion, mit den dazugehörigen Kapitalbegriffen werde ich im 2. Kapitel gesondert eingehen.

Im Text verwende ich an einigen Stellen japanische Begriffe zur Illustration spezifisch japanischer Konzepte. Die Romanisierung dieser japanischen Begriffe erfolgt nach dem Hepburn-System. Lange Vokale sind dabei durch ein Circonflex hervorgehoben, zum Beispiel Kyôiku mama, Bildungs-Mama. Die japanischen Begriffe im Text sind zur besseren Kenntlichmachung kursiv gedruckt.

2.2 Daten

Die empirischen Daten, auf die ich mich in dieser Arbeit hauptsächlich beziehe, wurden vom Soziologen Hiroshi Ishida ausgewertet und stammen vom Social Stratification and Mobility National Survey (SSM), das 1975 in Japan durchgeführt wurde. Ziel der Erhebung waren Männer im Alter von 20 bis 69 Jahren, die verwertbare Stichprobe umfasste 2724 Personen. Die wichtigsten Variablen für Ishida waren Bildung, Qualität der besuchten Universität, erste sowie derzeitige berufliche Position, Einkommen, Bildung der Eltern, Beruf des Vaters, und weitere Details aus dem familiären Hintergrund (Ishida 1993, S. 25-45). In den Jahren 1985, 1995 und 2005 fanden weitere SSM-Erhebungen statt, von denen mir aber keine Auswertungen voliegen.

Hiroshi Ishida ist Professor für Soziologie an der renommiertesten Universität Japans, der Tokyo University. Sein Forschungsschwerpunkt ist soziale Mobilität.

Nicht zuletzt um neuere Entwicklungen zu belegen, benutze ich Ishidas Daten auch Daten aus offiziellen Quellen wie dem japanischen Statistics Bureau und Ministerien.

3 Pierre Bourdieu — kulturelle Reproduktion

Ein zentrales Konzept der Arbeit von Pierre Bourdieu ist das der kulturellen Reproduktion, das er zusammen mit Jean-Claude Passeron ausführlich in Reprodustion 1970, bzw. 1977 in der englischen Übersetzung, darlegt. Unter Reproduktion versteht Bourdieu, dass das etablierte Bildungssystem soziale Unterschiede nicht verringert, sondern perpetuiert. Das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital, das Kinder und Jugendliche mitbringen, spielt nach Bourdieu eine entscheidende Rolle in ihrem gesamten Werdegang (Bourdieu & Passeron 1977).

Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu den sachlichen und finanziellen Besitz (Fuchs-Heinritz & König 2010, S. 143).

Den kulturellen Kapitalbegriff gliedert Bourdieu in drei Untergruppen: die objektivierte Form, die Bücher, Kunstwerke, und ähnliche Sachgegenstände umfasst, die leicht in Geld, also ökonomisches Kapital, konvertierbar sind (Fuchs-Heinritz & König 2010, S. 143), die inkorporierte Form, die die Kenntnisse und Fertigkeiten, die eine Person durch Bildung erwirbt (Fuchs-Heinritz & König 2010, S. 144), sowie die institutionalisierte Form, die durch Abschlusszeugnisse und Bildungstitel dargestellt wird (Fuchs- Heinritz & König 2010, S. 145). Das durch Erziehung und Bildung erworbene kulturelle Kapital hilft einem Individuum, „symbolischen Reichtum“, also von den höheren Schichten der Gesellschaft als wünschenswert angesehene Verhaltensweisen und Vorlieben, zu decodieren und anzuwenden (Bourdieu und Passeron 1977).

Unter sozialem Kapital versteht Bourdieu die zwischenmenschlichen Beziehungen – die Möglichkeiten, Hilfe von anderen zu erhalten, oder seine Meinung und Wünsche in Gruppensituationen durchsetzen zu können (Fuchs-Heinritz und König 2010, S. 146).

Bourdieu betont, dass je besser die Ausstattung mit diesen drei Kapitalarten während der Bildung ist, ein Individuum desto größere Chancen hat, im späteren Leben erfolgreich zu sein.

4 Bildungsbiographien

4.1 Das Bildungssystem in Japan

Das schulische Bildungssystem in Japan ist strukturell stark am US-amerikanischen Bildungssystem orientiert. Die Schulpflicht beginnt mit sechs Jahren, zu diesem Zeitpunkt werden die Kinder in die sechsjährige Grundschule eingeschult. Darauf folgt die dreijährige Mittelschule, dann die nochmals dreijährige Oberschule. Anschließend gibt es die Möglichkeit, vierjährige Universitäten, zweijährige Kurzuniversitäten oder Fachschulen zu besuchen. Ein duales System der Berufsausbildung wie in Deutschland gibt es nicht. In jeder Schulform gibt es neben den öffentlichen Schulen eine Vielzahl von privaten Bildungseinrichtungen. Es gibt keine Pflicht zur Vorschule wie in Frankreich, aber öffentliche Kindergärten und private Vorschulen. (MEXT 2010) Schematisch ist das japanische Bildungssystem auf der untenstehenden Grafik des Bildungsministeriums dargestellt. In den meisten Schulen besteht Uniformpflicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 1: Schematische Darstellung des japanischen Bildungssystems.

Quelle: Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) 2010

4.2 Statistische Befunde zum japanischen Bildungssystem

Ungefähr 60 Prozent der Kinder eines Jahrgangs besuchen einen Kindergarten oder eine Vorschule (MEXT 2006a, S. 9). Der Anteil der privaten Kindergärten und Vorschulen ist über die Jahre relativ konstant zwischen etwa 60 und 65 Prozent geblieben. Im Jahr 2005 betrug der Anteil der privaten Vorschulen 59,9 Prozent (MEXT 2006b). Von den Kindern, die einen Kindergarten besuchen, besuchen aber ca. 80 Prozent Einrichtungen in privater Trägerschaft (MEXT 2006c).

Von den Grundschulen sind weit weniger in privater Trägerschaft, und nur ein Prozent der Kinder besucht eine private Grundschule (MEXT 2006a, S. 4). Von den Mittelschülern besuchen unter 10 Prozent eine private Einrichtung, von den Oberschülern bereits ein knappes Drittel (MEXT 2006a, S. 4). Seit 1975 liegt der Anteil der Mittelschüler, die weiter auf die Oberschule gehen, bei über 90 Prozent. Im Jahr 2005 betrug der Anteil 97,6 Prozent (MEXT 2006a, S. 9). Die Zahl der kombinierten Mittel- und Oberschulen hat seit der Schulreform 1999 zugenommen, bereits davor gab es aber besonders in privater Trägerschaft sogenannte Fahrstuhlsysteme – d.h. die automatische Aufnahme in die nächsthöhere Schule desselben Trägers. Neben den Schulen gibt es zahlreiche Nachhilfeschulen, die auf die Aufnahmeprüfungen für die nächsthöhere Stufe des Bildungssystems vorbereiten. Diese sind immer in privater Trägerschaft.

Nach der Oberschule kehrt sich das Verhältnis zwischen privaten und öffentlichen Schulen um – über 90 Prozent der Studenten der Junior Colleges sind an privaten Einrichtungen eingeschrieben, und knapp drei Viertel der Universitätsstudenten an privaten Universitäten. Der Anteil der Oberschüler, die danach eine tertiäre Bildungseinrichtung besuchen, liegt bei über 50 Prozent.

Die Zahl der graduierten Studenten, also in Master- und Promotionsprogrammen, hat seit 2000 kontinuierlich zugenommen; 2005 führten knapp 20 Prozent eines Jahrgangs ihre Studien weiter. Der Anteil der Frauen ist dabei weit unter 50 Prozent. (MEX 2006a, S. 5).

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Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640913657
ISBN (Buch)
9783640912346
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171752
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Soziologie Bourdieu Japan Pierre Bourdieu Bildungssoziologie Kultur Reproduktion kulturelle Reproduktion Bildung Herkunft Familie

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Titel: Bildungs- und Erwerbsbiographien in Japan