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Train-the-Trainer – Seminare für Patientenschulungen

Analyse und Bewertung von Lehrzielen und Inhalten

Bachelorarbeit 2010 166 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Abstract

2. Einleitung

3. Methoden
3.1. Allgemeines methodisches Vorgehen
3.2. Literaturrecherche
3.3. Identifikation relevanter Indikationsgebiete

4. IST – Stands – Analyse der Konzeption von Train – the – Trainer – Seminaren

5. Bedeutung von Patientenschulung als Teil der medizinischen Therapie

6. Qualitätsanforderungen an Patientenschulungen aus verschiedenen Perspektiven

7. Stand der Forschung zu Train – the – Trainer - Seminaren

8. Patientenschulungen und Train - the – Trainer - Seminare in der Pneumologie am Beispiel Asthma bronchiale
8.1. Patientenschulungsprogramme für Asthma bronchiale
8.2. Antizipation von Inhalten des Nationalen Ambulanten Schulungsprogramms für erwachsenen Asthmatiker (NASA)
8.3. Antizipation von Inhalten des Train – the – Trainer - Seminars für das Patientenschulungsprogramm NASA

9. Antizipation von Kompetenzen der Trainer und Inhalte von TTT - Seminaren

10. Zusammenfassung und Diskussion

11. Literaturverzeichnis

12. Abbildungsverzeichnis

13. Tabellenverzeichnis

14. Anhang
Anhang 1: IST - Stands - Analyse der Konzeption und der Inhalte von TTT - Seminaren: Tabellen
Anhang 2: IST - Stands - Analyse der Konzeption und der Inhalte von TTT- Seminaren: Benutzte Quellen
Anhang 3: Stand der Forschung: Tabellarische Zusammenfassung von Publikationen zu TTT - Seminaren

15. Erklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleich- wohl für beiderlei Geschlecht.

Es wird außerdem ausdrücklich darauf hingewiesen, dass im Rahmen dieser Arbeit immer wieder Inhalte gegliedert werden, die im Sinne einer ganzheitlichen Sicht „eigentlich“ nicht zu trennen sind. Diese Separation dient einer besseren Übersicht und Strukturierung der Thematik.

1. Abstract

Einleitung Train-the-Trainer-Seminare (TTT-Seminare) werden als Maßnahme zur Quali- tätssicherung von Patientenschulungen gefordert. Das derzeitige Angebot ist sehr hetero- gen und wenig transparent. Summative Evaluationsstudien liegen nur wenige vor, begrün- dete Qualitätsstandards existieren nicht.

Durch eine IST-Stands-Analyse werden als Ergebnis Empfehlungen für die Inhalte von TTT-Seminaren abgeleitet und Anforderungen an künftige Trainer formuliert.

Methodik In einer systematischen Literatur- und Datenbankrecherche wurden 49 Patien- tenschulungsprogramme für Erwachsene für 7 Indikationsgebiete identifiziert.

Für 26 Programme lagen TTT-Seminare vor, für 14 Seminare konnte eine Inhaltsanalyse durchgeführt werden.

Ergebnis Die multidimensionalen Anforderungen an Schulungsleiter1 sind hoch und kön- nen aufgrund der Heterogenität der beteiligten Berufsgruppen nicht vorausgesetzt werden. Nach Ergebnissen einer Evaluationsstudie sind diese in Didaktik der Erwachsenenbildung, Gesprächsführung und Moderation ungenügend ausgebildet, die Kenntnisse zur Evaluati- on von Schulungsmaßnahmen sind gering. Der Wunsch nach Unterstützung und der Be- darf an Fortbildung ist hoch, die tatsächliche Qualifikation der Schulungsmitarbeiter durch TTT – Seminare jedoch ungenügend. Die derzeitige Angebotsstruktur von TTT – Seminaren ist so unübersichtlich und divergierend, dass von einem qualitätsgesicherten und flächendeckenden Angebot nicht ausgegangen werden kann.

Schlussfolgerung Um eine Dissemination qualitätsgesicherter und evaluierter TTT- Seminare zu erreichen, ist eine Standardisierung durch Manualisierung und Evaluierung dringend geboten. Verbindliche Qualitätsstandards müssen formuliert und Konzeptionen erstellt werden. Diese sollten durch Evaluationsstudien auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und anschließend als standardisierte Fortbildungsmaßnahmen in die Praxis implementiert werden.

2. Einleitung

Train-the-Trainer-Seminare (TTT-Seminare) werden als Maßnahme zur Qualitäts- sicherung von Patientenschulungen gefordert. Qualitätsanforderungen für Patienten- schulungen wurden sowohl indikationsübergreifend als auch indikationsspezifisch von mehreren Fachgesellschaften formuliert. Begründete Qualitätsstandards für TTT - Semina- re und Anforderungen an die Qualifikation der „Trainer“2 existieren derzeit noch nicht. Die Datenlage ist insgesamt noch sehr gering und über die erforderlichen Inhalte ist wenig bekannt.

Das ursprüngliche Ziel dieser Arbeit bestand darin, anhand ausgewählter Manuale deren ausgeschriebenen Lehrziele und Inhalte zu analysieren, zu vergleichen und nach didakti- schen Gesichtspunkten zu bewerten. Die Recherche wurde dabei prinzipiell auf chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter beschränkt und aufgrund fehlender Manuale zuneh- mend auf mehrere Indikationsgebiete ausgedehnt und in einem prozess-haften Geschehen den Ergebnissen immer wieder neu angepasst.

Als Resultat dieser Arbeit werden anhand von Kriterien aus der wissenschaftlichen Litera- tur, eigenem Expertenwissen und als Ergebnis der durchgeführten IST-Stands-Analyse Empfehlungen für Inhalte von TTT-Seminaren und Anforderungen an die Kompetenzen von Trainern formuliert, sowie Qualitätskriterien zur Weiterentwicklung von TTT- Seminaren vorgeschlagen.

3. Methoden

3.1. Allgemeines methodisches Vorgehen

Um TTT - Seminare von Patientenschulungen für chronische Krankheiten identifizieren zu können, wurde die Recherche in einem mehrstufigen Prozess durchgeführt. Für eine erste Orientierung wurden die im Dezember 2009 und Januar 2010 veröffentlichten Patienten- schulungsprogramme und TTT - Seminare der Datenbank des „Zentrums Patienten- schulung“ in Würzburg gesichtet und nach Zielgruppen in Erwachsene und Kin- der/Jugendliche sortiert (vgl. Zentrum Patientenschulung Würzburg). Diese Angaben wur- den durch statistische Daten ergänzt, um medizinische und sozioökonomische Perspektiven mit einbeziehen zu können. Als Gesamtergebnis der einführenden Recherche wurden fol- gende sieben Indikationsgebiete für eine systematische Literaturanalyse ausgewählt, deren wesentlichen Aspekte unter dem Punkt „Identifikation relevanter Indikationsgebiete“ auf Seite 9 ausführlicher beschrieben sind:

- Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems
- Krankheiten der Atemorgane
- Stoffwechselkrankheiten
- Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems
- Neurologische Krankheiten
- Gastroenterologische Krankheiten
- Tumorerkrankungen

3.2. Literaturrecherche

Nach Festlegung der Indikationsgebiete wurde für die IST – Stands - Analyse (vgl. Kapitel 4) mit untenstehenden Schlüsselwörtern gezielt in den gängigen Datenbanken der Medizin, Psychologie und Pädagogik gesucht und durch Angaben von Homepages verschiedener Fachgesellschaften ergänzt. Die Schlüsselwörter wurden über alle Quellen hinweg und für die gesamte Recherche verwendet.

Schlüsselwörter

Für die Literaturrecherche wurden folgende Schlüsselwörtern verwendet, die bei der kon- kreten Suche gezielt miteinander kombiniert wurden:

Krankheiten

Asthma bronchiale, chronische Erkrankungen, COPD, Diabetes mellitus, Epilepsie, Gast- roenterologie, Herz – Kreislauf, Hypertonie, Koronare Herzkrankheit, Krebs, Morbus Crohn, Neurologie, Onkologie, Pneumologie, rheumatoide Arthritis, Rheumatologie Patientenschulung/ TTT-Seminar

Compliance, curriculare Planung, Evidenzbasierung, Fortbildung, Krankheitsbewältigung, Krankheitsmanagement, Lebensqualität, Lebensstiländerung, Manual, Patientenschulung, Qualitätsssicherung, Qualitätsstandards, Schulungsprogramm, Selbstmanagement, Trai- nerqualifizierung, Trainervoraussetzung, Trainerzertifizierung, Train – the – Trainer – Seminar, Weiterbildung

Abbildung 1: Zusammenfassung der verwendeten Schlüsselwörter

Datenbanken der Medizin, Psychologie und Pädagogik

Für die Recherche wurden folgende Datenbanken benutzt:

- Cochrane Library
- FIS Bildung Literaturdatenbank
- Medline
- PsycINFO
- PSYNDEX
- PubMed
- WISO

Fachgesellschaften

Ergänzend wurde auf den Homepages von folgenden Fachgesellschaften nach weiter- führenden Informationen und Hinweisen nach veröffentlichten Schulungsprogrammen ge- sucht:

- Arbeitsgemeinschaft diabetologisch tätiger Ärzte e.V. (AND)
- Bundesverband der Pneumologen (BdP)
- Deutsche Atemwegsliga e.V.
- Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG)
- Deutsche Gesellschaft für Epileptologie (DGfE e.V.)
- Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP)
- Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz – Kreislaufer- krankungen (DGPR)
- Deutsche Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs)
- Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh)
- Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)
- Deutsche Rheuma Liga Bundesverband e.V.
- Fachgruppe Gesundheitspsychologie der DGPs

Fachzeitschriften

Als Teilergebnis der Recherche wurden folgende Fachzeitschriften als inhaltsrelevant identifiziert und daraufhin gezielt nach Artikeln zu den Themen „Patientenschulung“ und „TTT-Seminare“ durchsucht:

- Der Diabetologe
- Diabetologie und Stoffwechsel
- Die Rehabilitation
- Pneumologie
- Prävention und Gesundheitspsychologie
- Prävention und Rehabilitation
- Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation
- Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin
- Zeitschrift für Gesundheitspsychologie
- Zeitschrift für Rheumatologie

Sonstiges

Zur Ergänzung statistischer Daten und zur Bestandsaufnahme aktueller Patienten- schulungsprogramme wurde zusätzlich in folgenden Internetportalen recherchiert:

- Bundesversicherungsamt (BVA)
- Deutscher Ärzteverlag GmbH
- Deutsche Berichterstattung des Bundes (DBE)
- FIDAM - Forschungsinstitut der Diabetes – Akademie Mergentheim der Diabetes- Akademie Mergentheim
- Kassenärztliche Vereinigung Baden – Württemberg (KVBW)
- Kirchheim Verlag Mainz
- Robert-Koch-Institut
- Statistisches Bundesamt
- Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutsch- land (ZI)
- Zentrum Patientenschulung Würzburg

3.3. Identifikation relevanter Indikationsgebiete

Um zu Beginn der vorliegenden Arbeit einen Überblick über die häufigsten chronischen Erkrankungen im Erwachsenenalter zu bekommen, wurden zunächst sozioökonomische Daten des Statistischen Bundesamtes, des Robert – Koch – Institutes, verschiedener Krankenkassen und des Bundesversicherungsamtes in Bonn herangezogen. Das Bundes- versicherungs-amt (BVA) ist seit der Einführung der sog. „Disease-Management- Programme (DMP)3 “ im Jahr 2003 für die Akkreditierung von Patientenschulungspro- grammen im ambulanten Bereich zuständig. Die ermittelten Angaben wurden durch epidemiologische Fakten aus der Medizin ergänzt. Wichtig für die abschließende Auswahl der Indikationsgebiete waren zusätzlich folgende selbstgesetzte Kriterien:

- Liegt im Krankheitsverlauf eine erhöhte Morbidität und/oder Mortalität vor, die durch eine aktive Beteiligung der Erkrankten verzögert oder verhindert werden kann?
- Ist eine Einflussnahme der Erkrankten auf den Verlauf, die Prognose und/oder die Lebensqualität durch eigenverantwortliches Handeln möglich?
- Ist das Krankheitsbild so häufig, dass von dem Vorliegen eines Patientenschulungs- programms ausgegangen werden kann und weiterführend die Notwendigkeit und Existenz eines TTT-Seminars abgeleitet werden kann?

Als Gesamtergebnis wurden sieben relevante Indikationsgebiete ausgewählt, die im Folgenden anhand zentraler Aspekte vorgestellt und beschrieben werden. Aufgrund der Komplexität wurde die Darstellung in der Regel auf ein Erkrankungsbild innerhalb des Fachgebietes beschränkt.

Krankheiten des Atmungssystems am Beispiel „Asthma bronchiale“

„Asthma bronchiale ist eine chronisch entzündliche Erkrankung der Bronchialschleimhaut und geht mit einer Überempfindlichkeit der Atemwege einher“ (vgl. Petermann & De Vries, 2006, S. 254). Die Erkrankung verläuft progredient und ist von einem unvorher- sehbaren Verlauf gekennzeichnet. Asthma bronchiale ist nach Petermann & de Vries (2006, S.254) mit einer Prävalenz von 9-14% der kindlichen und 4-5% der erwachsenen Bevölkerung eine der häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland. Die Prognose kann durch eine konsequente, langfristig durchgeführte medikamentöse Therapie und einem adäquat durchgeführten Selbstmanagement durch die Erkrankten deutlich verbessert werden. In ca. 20% der Fälle kann nach Herold (2009, S. 346) Beschwerdefreiheit und in ca. 40% eine Besserung erreicht werden. Trotz der Fortschritte in der Medizin, der potentiellen Effektivität und Effizienz von Patientenschulungsmaßnahmen ist die Versorgungpraxis defizitär. Deutschland zählt noch immer zu den Ländern mit der höch- sten Mortalitätsrate bei Asthma bronchiale (Herold, 2009, S.346).

Krankheiten des Herz – Kreislaufsystems am Beispiel „Koronare Herzkrankheit“ Unter Koronarer Herzkrankheit oder „Chronisch ischämische Herzkrankheit“ wird die Manifestation der Arteriosklerose in den Herzkranzarterien verstanden. Sie gilt mit ihren Manifestationen, wie z.B. Herzinfarkt, in den westlichen Industrienationen als Haupttodesursache „Nummer 1“. Die Lebenszeitprävalenz in Deutschland beträgt für Männer 30%, für Frauen 15%; die Inzidenz steigt mit dem Lebensalter an (vgl. Bundesbe- richterstattung des Bundes 2002/2003). Als Hauptrisikofaktoren für die frühzeitige Ent- wicklung einer Arteriosklerose werden Zigarettenrauchen, arterielle Hypertonie, ungünsti- ges Lipidprofil (LDL – Erhöhung, HDL – Erniedrigung), Diabetes mellitus, Lebensalter (Männer > 45 Jahre, Frauen > 55 Jahre) und genetische Prädisposition genannt (Herold, 2009, S.219). Aufgrund epidemiologischer Entwicklungen wird eine Zunahme der Bedeu- tung und Relevanz erwartet (Maaz et al., 2007, S.18). In der folgenden Abbildung sind die zehn häufigsten Todesursachen für die Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2007 dar- gestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Darstellung der zehn häufigsten Todesursachen 2007 nach Geschlecht.

(vgl. Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2009, S. 253)

Stoffwechselkrankheiten am Beispiel „Diabetes mellitus Typ 2“

Der Erkrankung Diabetes mellitus Typ 2, als weitere klassische lebensstil – und altersab- hängige Erkrankung (Herold, 2009, S. 672-674), wurde im Jahr 2006 aufgrund der welt- weiten, epidemieartigen Ausbreitung durch die Vereinten Nationen als erster, nichtinfekti- ösen Krankheit der Status einer Epidemie zugesprochen (Kulzer et al., 2008a, S. 266). Aus vielen Studien und historischen Verläufen ist bekannt, dass die Prävalenz von Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 mit dem Ausmaß der Überernährung steigt. Durch die Zu- nahme von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen verschiebt sich das Manifestations- alter zunehmend nach vorne. So sind bereits 4% der jugendlichen Adipösen in den USA an einem Diabetes mellitus Typ 2 erkrankt (Herold, 2009, S.672). Auch in Deutschland wird neben einer generellen Ausbreitung der Erkrankung von einer kontinuierlichen Zunahme von Diabetes mellitus Typ 2 im jüngeren und mittleren Lebensalter ausgegangen (Kulzer et al., 2008a, S. 266).

Krankheiten des Muskel – Skelett- Systems am Beispiel „Rheumatoide Arthritis“

Bei Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises handelt es sich um Autoimmuner- krankungen mit meist unbekannter Ätiologie. Die Prävalenz im Erwachsenenalter liegt bei 1% und steigt ab einem Lebensalter von 55 Jahren auf 2% an. Die Erkrankung ist bei circa 70 % der Betroffenen durch einen schubweisen und bedrohlichen Verlauf gekennzeichnet. Die rheumatoide Arthritis gehört mit zu den häufigsten Ursachen für Hilfe – und Pflege- abhängigkeit in der deutschen Bevölkerung. Nach 20 Jahren Krankheitsdauer sind bis zu 50 % der Betroffenen erwerbsunfähig, die Lebenserwartung ist im Durchschnitt um 7 Jahre vermindert (Herold, 2009, S.626). Herold betont ausdrücklich die Bedeutsamkeit und Notwendigkeit einer krankheitsmodifizierenden Therapie innerhalb von 3 Monaten nach gesicherter Diagnosestellung (Herold, 2009, S. 622).

Aufgrund der Chronizität, dem oft progredient verlaufendem Krankheitsgeschehen und der Einflussnahme des Patienten am eigenen Krankheitsverlauf ist Patientenschulung neben einer medikamentösen Therapie, einer individuellen ärztlichen Betreuung und physikalisch therapeutischen Maßnahmen wesentlicher Baustein einer adäquaten, umfassenden Therapie (Ehlebracht – König, 2003a, S.6).

Neurologische Krankheiten am Beispiel „Epilepsie“

Epilepsie beruht neben einer genetischen Prädisposition für eine erhöhte Anfalls- bereitschaft auf einer Störung des Gehirns. Die geschätzte Prävalenz von Epilepsie liegt in Deutschland bei 0,5 – 1%. Nach Angaben des „Informationszentrums Epilepsie“ der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie e.V. (vgl. Deutsche Gesellschaft für Epileptolo- gie e.V., Informationszentrum Epilepsie) wird außerdem davon ausgegangen, dass ca. 5% der deutschen Bevölkerung einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall erleiden, ohne jedoch eine manifeste Epilepsie zu entwickeln. Epilepsie ist heute immer noch eine Erkrankung, die mit Unsicherheit, Ängsten und Vorurteilen besetzt ist. Patientenschulung spielt eine wesentliche Rolle bei der aktiven Krankheitsbewältigung und ermöglicht eine offene Auseinandersetzung mit der Erkrankung im geschützten Rahmen einer Gruppe. Der Erwerb von Wissen über Behandlung und Prognose, aber auch von Selbstmanagement – Strategien ist für eine aktive Mitgestaltung der Behandlung wesentlich. Neben einer Stei- gerung der Lebensqualität soll schulungsübergreifend eine bessere Integration in die Ge- sellschaft und ein offener Umgang mit der Erkrankung ermöglicht werden (vgl. Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V.).

Gastroenterologische Krankheiten am Beispiel „Chronisch entzündliche Darmer- krankungen“

Die Ätiologie von „Morbus Crohn“ und „Colitis ulcerosa“ ist unbekannt, eine familiäre Häufung wird beobachtet (Herold, 2009, S. 450). Der progrediente Verlauf mit kolikarti- gen abdominellen Beschwerden, wiederkehrenden und belastenden Untersuchungen sowie Operationen und Einschränkungen in der Lebensmittelauswahl, können die Lebensqualität der Betroffenen im Alltag sehr einschränken. Im Rahmen einer Patientenschulung ist neben einer intensiven und stark individualisierten Beratung der Aspekt der Krankheitsbe- wältigung sicher zentral.

Tumorerkrankungen

„Unter Krebs werden alle bösartigen Neubildungen einschließlich der Lymphome und Leukämien verstanden“ (Krebs in Deutschland, 2005/2006, S. 19). Die Prävalenz und Inzidenz steigt seit Jahren kontinuierlich an. Als Ursache dafür werden neben einem generellen Anstieg an Neuerkrankungen auch verbesserte Überlebenschancen der Erkrankten, durch Fortschritte in der Medizin, genannt. Ein weiterer Grund wird in der demografischen Veränderung der Altersstruktur gesehen, da das Risiko, an Krebs zu erkranken, mit zunehmendem Alter steigt. Die Ätiologie ist nicht für alle Krebsarten bekannt. Als bedeutsame Risikofaktoren werden in der Literatur Umweltfaktoren, Zigaret- tenrauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel genannt (Krebs in Deutschland, 2005/2006, S. 19). Patientenschulungen spielen im Rahmen der Krankheitsbewältigung, der körperlichen (Re-) Aktivierung und der Suche nach persönlichen Ressourcen eine wichtige Rolle.

Nach Festlegung auf die sieben beschriebenen Indikationsgebiete wurde die Bestandsaufnahme im Hinblick auf vorhandene Patientenschulungsprogramme und deren TTT-Seminare durchgeführt. Das weitere Procedere und die abschließenden Ergebnisse der IST-Stands-Analyse werden im nächsten Kapitel beschrieben.

4. IST – Stands – Analyse der Konzeption von Train – the – Trainer – Seminaren

1. Arbeitsschritt: Bestandsaufnahme von Patientenschulungsprogrammen

In einem ersten Arbeitsschritt wurde für eine Bestandsaufnahme von Patientenschulungs- programmen eine systematische Literatur – und Datenbankrecherche in den oben genannten Quellen durchgeführt. Diese erstreckte sich auf den Zeitraum Dezember 2009 bis Ende April 2010. Als Ergebnis wurden 49 Patientenschulungsprogramme für Erwachsene zu den genannten Indikationsgebieten identifiziert.

2. Arbeitsschritt: Bestandsaufnahme von Train – the – Trainer - Seminaren

Die Bewertung dieser 49 Patientenschulungsprogramme erfolgte in einem zweistufigen Verfahren. Zuerst wurde das grundsätzliche Vorhandensein eines programmspezifischen TTT–Seminars überprüft. Für 26 der 49 Schulungsprogramme wurden TTT–Seminare angeboten. Als zweiter Schritt war eine Analyse und Bewertung der identifizierten TTT- Seminare geplant. Als Mindeststandard dafür wurde das Vorliegen eines strukturierten Manuals für den Trainer des TTT-Seminars festgelegt. Trotz vielfältiger Strategien (Internetrecherche, persönliche und schriftliche Kontaktaufnahme mit den Autoren oder Anbietern) war es im vorgegebenen Zeitraum nicht möglich, ein einziges Manual zur An- sicht zu erhalten.

In der folgenden Grafik sind die Ergebnisse der ersten zwei Arbeitsschritte dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bestandsaufnahme von Patientenschulungsprogrammen für chronische Erkrankungen anhand ausgewählter Krankheitsbilder und deren Manuale

3. Arbeitsschritt: Inhaltsanalyse ausgewählter Train – the – Trainer – Seminare

Als Konsequenz darauf wurde für den dritten Schritt eine Inhaltsanalyse auf anderem Wege angestrebt. Die Datengewinnung erfolgte aus mehreren Quellen. Die meisten Informationen wurden der Datenbank des Zentrums Patientenschulung (vgl. Zentrum Patientenschulung Würzburg) entnommen, die zunächst auf ihre Aktualität hin überprüft und teilweise korrigiert wurden. Diese Angaben wurden durch weitere öffentlich zugäng- liche Informationen (wie z.B. Anmeldeformulare, Werbeflyer, Homepages der Anbieter) ergänzt. Bei unvollständigen Angaben erfolgte eine Kontaktierung der Anbieter per Tele- fon oder per Mail. Die Angaben blieben trotzdem lückenhaft. Für 12 der 26 TTT–Seminare konnten die Inhalte nicht ermittelt werden. Dadurch beschränkte sich die Inhaltsanalyse auf die verbleibenden 14 Seminare, deren ermittelten Angaben, unter Differenzierung der Ebe- nen Kognition, Handeln und Emotion, in der folgenden Tabelle zusammengefasst sind4:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten5

Tabelle 1: Zusammenfassung der Inhaltsanalyse ausgewählter TTT–Seminare (n = 14)

Eine detaillierte Beschreibung der ermittelten Informationen, vor allem bezüglich Inhalte und Durchführung der TTT-Seminare, wurde tabellarisch erstellt und befindet sich im Anhang6.

Ergebnisse

Im Zeitraum Dezember 2009 bis April 2010 wurden 49 Patientenschulungsprogramme für die Indikationsgebiete Asthma bronchiale, Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Herz – Kreislauferkrankungen, Endokrinologie und Stoffwechsel, Rheumatolo- gie, Neurologie, Gastroenterologie und Onkologie für Erwachsene identifiziert. Für 26 Patientenschulungsprogramme wurden TTT–Seminare angeboten. Von diesen waren für 14 Seminare die ausgeschrieben Inhalte transparent. Als zentrale Ergebnisse der IST- Stands-Analyse können folgende Punkte festgehalten werden:

- Große Heterogenität
- Mangelnde Transparenz bezüglich Ziele, Inhalte, Methoden und Kosten
- Defizitäre Manualisierung, Standardisierung und Evaluierung
- Fehlende Qualitätsstandards
- Schwerpunkt in Vermittlung von Krankheits- und Behandlungswissen
- Mangelnde Vernetzung der drei Ebenen Kognition, Handeln und Emotion

Abbildung 4: Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse der IST – Stands - Analyse

Große Heterogenität

Es existiert eine Vielzahl von höchst heterogenen TTT-Seminaren für unterschiedliche Indikationsbereiche, die sich hinsichtlich zentraler Aspekte sehr unterscheiden. Die Varianz der Anbieter, der Dauer und Zugangsvoraussetzungen sowie der Zertifizierungs- möglichkeiten sind groß und werden im Folgenden stichpunktartig zusammengefasst:

- Anbieter: Fachgesellschaften, Fachkliniken, Forschungsinstitute, Kostenträger (Deutsche Rentenversicherung Bund), Pharmafirmen, private Anbieter, Zentral- institut für die Kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland
- Dauer: 0,5 – 4 Tage
- Voraussetzungen für die Teilnehmer:
- Berufserfahrung/Schulungserfahrung ist keine Bedingung
- Berufserfahrung/Schulungserfahrung ist erwünscht
- detaillierte Vorgaben zur erforderlichen Berufsausbildung und Berufserfah- rung/ Schulungserfahrung sind formuliert
- Hospitation vor der Teilnahme am TTT-Seminar wird gefordert
- Zertifizierungsmöglichkeiten:
- ohne Angaben
- zeitlich unbegrenzt gültig
- zeitlich begrenzt
- Auffrischungsseminare sind Bedingung für eine Verlängerung der Zertifi- zierung

Mangelnde Transparenz bezüglich Ziele, Inhalte, Methoden und Kosten

TTT – Seminare werden oft von den Entwicklern selbst angeboten und sind in Zielen, Inhalten, Methoden und Kosten wenig transparent und teilweise schwer durchschaubar. Die Kosten sind für manche Angebote nicht ersichtlich und variieren für die restlichen Angebote sehr (bis 800.-€ für 4 Tage). Aufgrund der ungenauen Angaben und der sehr aufwendigen Recherchearbeit wurde auf eine weitere Analyse der verwendeten Methoden für alle 14 TTT-Seminare verzichtet. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem TTT-Seminar „NASA7 “ für das Krankheitsbild Asthma bronchiale erfolgt in Kapitel 8.

Defizitäre Manualisierung, Standardisierung und Evaluierung

Die im Moment angebotenen TTT-Seminare sind weder standardisiert noch manualisiert. Damit fehlt die wesentliche Grundlage für eine Überprüfung der Qualität. Dies spiegelt sich auch in der sehr geringen Anzahl bisher durchgeführter Evaluationsstudien wieder.

Im Rahmen der Recherche wurden lediglich sechs Publikationen zu TTT - Seminaren gefunden, auf die im Kapitel 7 (vgl. Tabelle 5) und im Kapitel 8 (vgl. 8.3.) noch näher eingegangen wird. Drei dieser TTT-Seminare fanden im Rahmen von Forschungsprojek- ten statt. Die vierte Publikation beschreibt die berufsbegleitende Ausbildung zur Diabetesberaterin DDG und kann nach eigenem Empfinden nur im weitesten Sinne zu den TTT-Seminaren, so wie sie im Rahmen dieser Arbeit behandelt werden, hinzugerechnet werden. Somit kann von einem flächendeckenden Angebot qualitätsgesicherter, standardi- sierter und manualisierter TTT-Seminare für die „normale Versorgungspraxis“ nicht aus- gegangen werden.

Fehlende Qualitätsstandards

TTT- Seminare werden in der wissenschaftlichen Literatur von vielen Autoren und Fachgesellschaften zur Qualitätssicherung von Patientenschulungen gefordert. Qualitäts- standards oder Empfehlungen zur Qualitätssicherung von TTT-Seminaren wurden im Rahmen dieser Arbeit nicht gefunden. Qualifikationen in Form von Zertifizierungen unterliegen keinen überprüfbaren Kriterien und scheinen von den Anbietern selbst gewählt. Der Nutzen potentiell zu erwerbender Zertifikate war nicht immer klar. Zertifizierungen, die über das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland erworben werden können, berechtigen den niedergelassenen Kassenarzt zur Abrechnung ambulanter Schulungsmaßnahmen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Regelungen innerhalb der einzelnen Bundesländer können hierbei jedoch variieren.

Andere Zertifizierungen eröffnen Abrechnungsmöglichkeiten mit verschiedenen gesetzlichen Krankenkassen, wenn zusätzlich bestimmte berufliche Qualifikationen nachgewiesen werden können. Offizielle Regelungen mit den privaten Krankenkassen existieren nach eigener Recherche nicht, sondern müssen im Einzelfall entschieden werden. Andere Zertifikate wurden im Rahmen von Forschungsprojekten vergeben, die für eine Kostenabrechnung mit den Krankenkassen nicht geeignet sind und eher als Fortbil- dungsnachweis für die Teilnehmer zu werten sind. Eine Orientierung der Inhalte an Quali- tätsanforderungen von Fachgesellschaften für Patientenschulungen waren für die Indika- tionsgebiete Rheumatologie, Diabetologie und Pneumologie erkennbar. Im Bereich Epilep- sie wurden zwar keine offiziellen Qualitäts-standards gefunden, dafür aber ein sehr detail- liert ausgearbeitetes TTT-Seminar für das Schulungsprogramm „MOSES8 “.

Qualitätsstandards zur Durchführung von Patientenschulungen in der medizinischen Reha- bilitation sind im sog. „Klassifikationssystem therapeutischer Leistungen“ der Deutschen Rentenversicherung Bund (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund, KTL 2007) verankert. Darin wird die Ausbildung der Schulungsleiter in Moderation und Gruppenleitung (vgl. Kapitel 6, Tabelle 3) ausdrücklich gefordert. Zur Umsetzung dieser Forderung werden von der Deutschen Rentenversicherung Bund zwei Möglichkeiten angeboten. Zum einen wird für alle indikationsspezifischen Curricula des sog. „Gesundheitstrainingsprogramms“ der Deutschen Rentenversicherung Bund auf die online verfügbare „Rahmenkonzeption“ (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund, 2005b, Rahmenkonzeption) verwiesen, die u.a. Anregungen zur didaktischen Gestaltung von Patientenschulungsmaßnahmen enthält. Zum anderen wird einmal pro Jahr ein TTT – Seminar (für ca. 15 Teilnehmer) mit dem Titel:

„Train-the-Trainer (TTT): Patientenschulung und Gesundheitstraining in der medizini- schen Rehabilitation“ (vgl. Deutsche Rentenversicherung Bund, 2010) für Mitarbeiter und „Interessierte“ angeboten. Diese Form der Qualifizierung von Schulungsleitern wird sicher weder dem Bedarf noch den Erkenntnissen der Lehr - Lern – Forschung mit der Forderung nach z.B. einem hohen Anteil an übenden Elementen, gerecht.

Schwerpunkt in Vermittlung von Krankheits- und Behandlungswissen

In allen 14 TTT – Seminaren wurde als einzige Gemeinsamkeit Krankheit- und Behand- lungswissen auf der kognitiven Ebene vermittelt. Aspekte zur Organisation von Patienten- schulungen scheinen ein weiterer Schwerpunkt dieser TTT-Seminare zu sein. Theoretisches Grundlagenwissen in den Bereichen Pädagogik und Psychologie wurde in der Hälfte aller Veranstaltungen vermittelt. Genauere Aussagen können an dieser Stelle nicht gemacht werden, da aufgrund der oft unscharfen Formulierungen keine klaren und allgemein gültigen Aussagen möglich sind.

Mangelnde Vernetzung der drei Ebenen Kognition, Handeln und Emotion

Lehrziele und Lerninhalte waren, wie eben erwähnt, nicht immer eindeutig tituliert und erkennbar. Somit kann zum einen die didaktische und methodische Umsetzung der Lehrziele nur tendenziös beurteilt werden, zum anderen ist die mangelnde Transparenz der Inhalte zu bemängeln. Prinzipiell erscheint aber der vorgegebene Zeitrahmen für das Erlernen und Einüben von Techniken zur Gesprächsführung und zum Erwerb von Methodenkompetenz bei allen Angeboten zu eng gesteckt. Als zentrales Ergebnis der durchgeführten Inhaltsanalyse kann gefolgert werden, dass der kognitive Aspekt der Wissensvermittlung selbst in den TTT–Seminaren, die Elemente zur Didaktik und Kommunikation enthalten, noch überwiegt. Rhetorik, Didaktik, Methodentraining, Gesprächsführung und Elemente zur Selbsterfahrung werden im Durchschnitt zu wenig integriert und beachtet. Der Einbezug und die Vernetzung aller Sinnesmodalitäten muss für einen effektiveren Lernprozess in künftigen Konzeptionen stärker beachtet werden.

Schlussfolgerungen für die weitere Vorgehensweise

Da aufgrund fehlender Manuale ein Vergleich oder eine nähere Analyse ausgewählter Konzeptionen bezüglich Lehrziele und Inhalte nicht möglich war, wurde als Konsequenz darauf eine Änderung in der weiteren Vorgehensweise dieser Arbeit vorgenommen. Um relevante Inhalte für TTT – Seminare und Anforderungen an die Kompetenzen von Trai- nern formulieren zu können, war zunächst eine umfassendere Auseinandersetzung mit An- forderungen an Patientenschulungen für chronische Erkrankungen aus verschiedenen Sichtweisen nötig (vgl. Kapitel 5 und Kapitel 6). Im Anschluss daran wurden relevante Aussagen aus der wissenschaftlichen Literatur zu TTT – Seminaren zusammengetragen (vgl. Kapitel 7). Anhand des Krankheitsbildes Asthma bronchiale erfolgte eine intensivere Auseinandersetzung mit dem derzeit am häufigsten in der Praxis angewandten Schu- lungsprogramm NASA und den dazu angebotenen TTT – Seminaren (vgl. Kapitel 8). Als Gesamtergebnis der durchgeführten IST – Stands – Analyse und nach der Sichtung der wissenschaftlichen Literatur wurden relevante Inhalte für TTT – Seminare deutlich, An- forderungen an die Kompetenzen von Trainern abgeleitet und Qualitätskriterien für eine Weiterentwicklung von TTT – Seminaren herausgearbeitet (vgl. Kapitel 9).

In den folgenden zwei Kapiteln werden zunächst indikationsübergreifende Hintergrund- informationen für die Praxis von Patientenschulungen für chronische Erkrankungen aus der Literatur beschrieben.

5. Bedeutung von Patientenschulung als Teil der medizini- schen Therapie

Hintergrund und Relevanz

Patientenschulungen für chronische Erkrankungen werden als fester Bestandteil der medi- zinischen Therapie über alle Indikationsgebiete hinweg beschrieben.

Chronische Erkrankungen sind dynamische Erkrankungen, die eine lebenslange Auseinandersetzung und Anpassungsleistung der Erkrankten an den jeweils aktuellen Krankheitsverlauf erfordern (Faller, 2001). Eine Heilung ist in der Regel nicht möglich, sodass die Erkrankung als ein Teil des Lebens akzeptiert, bestmöglich in den individuellen Alltag und in das persönliche Lebenskonzept integriert werden muss. Das folgende Kapitel beschreibt zunächst indikationsübergreifend wesentliche Hintergründe, Ziele und Inhalte von Patientenschulungen. Im weiteren Verlauf werden Aspekte zur Effektivität und Effizienz von Patientenschulungen und vorhandene Defizite aus der Literatur beschrieben. Um die Komplexität und die multidimensionalen Anforderungen an Patientenschulungen und deren „Akteure“ zu verdeutlichen, werden am Ende dieses Kapitels unterschiedliche Perspektiven der „Beziehungskiste Patientenschulung“ aus eigener Sicht zusammengefasst.

Begriffsdefinitionen

Die Entwicklung von Patientenschulung in den letzten 20 Jahren ist vor dem Hintergrund der neuen Definition von Gesundheit durch die World Health Organisation (WHO) zu sehen. In der sog. „Ottawa – Charta“ (WHO, 1986) wurde Gesundheit als ausdrücklich positiver Zustand hervorgehoben und damit ein neues Verständnis von Gesundheit und Krankheit eingeleitet (Pimmer & Buschmann - Steinhage, 2008). Der Begriff „Gesundheitsförderung“ wurde dabei als Oberbegriff für sämtliche Maßnahmen der Gesundheitsprävention über folgende Zielsetzung formuliert:

"Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Gesundheitsförderung zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin“ (WHO, 1986).

Innerhalb der Gesundheitsförderung sind verschiedene Begrifflichkeiten angesiedelt, die nicht immer klar voneinander abgegrenzt, verwendet werden. Gesundheitsbildung beinhaltet alle Maßnahmen zur Gesundheitsaufklärung, Gesundheitsberatung, Gesund- heitstraining und Patientenschulung. Zur besseren Übersicht wurden die verschiedenen Begriffe und Maßnahmen von Gesundheitsförderung in einer Grafik zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Begriffliche Einordnung der Patientenschulung in verschiedene Maßnahmen der Gesundheitsförderung (vgl. Reusch et al., 2004, S. 8)

Auch der Begriff „Patientenschulung“ wird nicht einheitlich verwendet. Er bezieht sich in der Regel auf Maßnahmen der Sekundär – bzw. Tertiärprävention für Menschen mit bereits bestehenden, meist chronischen Erkrankungen (Petermann, 1997).

In dieser Arbeit wird die Definition von Mühlig (2001) als Grundlage genommen.

Danach ist Patientenschulung „ … eine systematische Informationsvermittlung mit defi- nierten Zielen, spezifischen Inhalten und standardisierten Methoden, die eine Veränderung im Wissen, der Einstellung und im Verhalten von Patienten erzielen und ihren eigenver- antwortlichen Umgang mit der Erkrankung stärken soll“ (Mühlig, 2001, S. 115, zitiert nach Mühlig, Schultz, de Vries & Petermann, 2000).

Ziele

Ziele für Patientenschulungen fallen je nach Sichtweise und wissenschaftlicher Disziplin sehr unterschiedlich aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Petermann (1997) hat die globalen Ziele von Patientenschulung in der folgenden Grafik vereinfacht dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Globale Ziele von Patientenschulung (vgl. Petermann, 1997, S.6)

Demnach soll Patientenschulung die aktive Mitarbeit der Patienten bei der Behandlung ihrer Erkrankung verbessern, zu einer Erhöhung der Lebensqualität führen und zu einer Reduzierung sozioökonomischer Kosten im Gesundheitswesen beitragen.

Die Ziele strukturierter Patientenschulungen auf Patientenebene werden von Faller (2001) folgendermaßen beschrieben:

Patientenschulung "… hat das Ziel, die Mitarbeit (Compliance) der Betroffenen bei der medizinischen Behandlung zu verbessern und ihre Fähigkeit zum selbstverantwortlichen Umgang mit ihrer Erkrankung (Selbstmanagement) in Kooperation mit professioneller Hilfe zu stärken. Der Patient soll durch den Erwerb von Wissen, Fertigkeiten und Kompe- tenzen in die Lage versetzt werden, informierte Entscheidungen bezüglich seiner Lebens- führung (Empowerment) …" zu treffen (Faller, 2001, S.97).

Inhalt

Zur Erreichung dieser Ziele enthalten Schulungsprogramme in der Regel folgende Komponenten (modifiziert nach Faller, 2001, S.99):

- Information über Krankheit und Behandlung
- Training von Fertigkeiten zur Selbstdiagnostik und Selbstbehandlung
- Maßnahmen zur Motivierung, Risikofaktoren zu vermindern und einen gesund- heitsförderlichen Lebensstil anzunehmen
- Verbesserung von Copingfertigkeiten und Stressbewältigung
- Psychologische Unterstützung zum Abbau von Angst und Depression

Die beschriebenen Komponenten von Patientenschulungen sollten für einen intensiveren Lernprozess über die verschiedenen Ebenen Kognition, Verhalten/Handeln und Emotion/Motivation vermittelt werden. In der folgenden Abbildung sind die Ziele und Inhalte von Patientenschulungen daher unter Differenzierung der verschiedenen Ebenen indikationsübergreifend zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Komponenten einer Patientenschulung (modifiziert nach Faller, 2001)

Effektivität und Effizienz

Die Notwendigkeit der Evaluation von Patientenschulungsmaßnahmen auf ihre Effektivität und Effizienz hat nicht zuletzt eine große gesundheitspolitische Bedeutung. Chronische Erkrankungen sind aufgrund der meist lebenslangen therapeutischen Versorgung und der zunehmenden Prävalenz von Komorbiditäten im Krankheitsverlauf sehr kostenintensiv. Dies erfordert aus gesundheitsökonomischer Sicht eine Implementierung und Dissemination evidenzbasierter Schulungsprogramme, deren Effektivität und Effizienz gesichert ist. Patientenschulungen sind nach derzeitigem Stand der Forschung in unterschiedlichem Ausmaß medizinisch, psychosozial und sozioökonomisch effektiv (Faller et al., 2005, S.22). Die Varianz zwischen den Indikationsgebieten ist groß. Für die Erkrankungen Asthma bronchiale, Diabetes mellitus Typ 2 und Chronische Polyarthritis liegen mehrere Evaluationsstudien vor, für andere Erkrankungen ist die Datenlage noch gering.

Reusch (2009) hat die Wirksamkeit von Patientenschulungen für verschiedene Indikationsgebiete in einer Übersicht zusammengestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Zusammenstellung von Metaanalysen zur Effektivität von Patientenschulungen nach Reusch (2009)

Defizite in der Praxis von Patientenschulung

Trotz des Vorliegens standardisierter, manualisierter und evaluierter Patientenschulungs- programme ist die tatsächliche Versorgungspraxis in vielen Bereichen defizitär. Um die Versorgungsrealität überprüfen und Verbesserungspotentiale ableiten zu können, wurden in der medizinischen Rehabilitation zwei umfangreiche Studien im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte durchgeführt. Im Jahr 2004 wurde die Implementierung des weiter- entwickelten Gesundheitstrainingsprogramms der Deutschen Rentenversicherung Bund in 336 Rehabilitationseinrichtungen durch eine formative Evaluation begleitet (Worrigen & Beckmann, 2007). Als Ergebnis der Auswertung von 287 Einrichtungen konnte eine man- gelnde Orientierung an evaluierten Patientenschulungsprogrammen festgestellt werden. Nur 45% aller Rehabilitationseinrichtungen setzten die Curricula ein. Weitere 26% er- gänzten ihre eigenen Programme mit Elementen zu den Themen Krankheitsbewältigung und Patientenmotivation. Lediglich 20 – 40% der Schulungsleiter verfügten über eine Trainerzertifizierung, die Verwendung frontaler Unterrichtsmethoden (80 – 90 % Vortrag) wurde deutlich bevorzugt. Die Trainer schätzten sich selbst in Hinblick auf Trainingserfah- rung, Motivation und didaktischer Kompetenz mit gut bis sehr gut ein (Mühlig, 2007).

Im Jahr 2005 wurde im Rahmen des Projektes „Zentrum Patientenschulung“ eine bundes- weite Bestandsaufnahme zur aktuellen Praxis von Patientenschulungen für Erwachsene in 771 Einrichtungen der medizinischen Rehabilitation durchgeführt (Friedl – Huber et al., 2007). Von 424 Einrichtungen wurden 1.740 Schulungsprogramme beschrieben, die auf verschiedene Aspekte hin überprüft wurden, um einen Entwicklungsbedarf für weitere Forschungsaktivitäten identifizieren zu können. Das erste zentrale Ergebnis ergab eine ungenügende Orientierung der Schulenden an evidenzbasierten und evaluierten Schulungsprogrammen, so dass ein indikationsübergreifender Optimierungsbedarf hin- sichtlich Standardisierung, Manualisierung und Evaluation von Patientenschulungs- programmen abgeleitet werden konnte.

Das zweite wesentliche Ergebnis zeigte eine mangelhafte didaktische Umsetzung der Inhalte der Patientenschulungsprogramme. In circa ¾ der befragten Einrichtungen wurde ein mittlerer bis hoher Bedarf an Information und Schulung zu Didaktik, Rhetorik und Präsentation angegeben. Der Wunsch nach Unterstützung bei Evaluationsvorhaben war hoch, der Bedarf an externer Unterstützung bei Konzeptentwicklungen gering. Eine vom Arbeitgeber ausgehende Verpflichtung zur Teilnahme an einem TTT-Seminar, als Bedingung für eine Schulungstätigkeit, bestand für weniger als 50% der Mitarbeiter des Schulungsteams. Die Diskrepanz zwischen Fortbildungsverpflichtung und tatsächlichem Angebot wurde von Friedl – Huber et al. (2007, S.19) grafisch dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Zusammenfassung der Fortbildungsverpflichtung für Schulungsmitarbeiter der eingeschriebenen 1.740 Schulungsprogramme aus 424 Einrichtungen der medizinischen Rehabilitation (vgl. Friedl-Huber et al., 2007, S.19)

Mühlig (2007) fasste die Defizite in der Anwendungspraxis von Patientenschulungen in der medizinischen Rehabilitation folgendermaßen zusammen:

Defizite in der Schulungskonzeption

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Defizite in der Anwendungspraxis von Patientenschulung nach Mühlig (2007)

„Beziehungskiste Patientenschulung“

Chronische Erkrankungen sind multifaktorielle Erkrankungen, die neben einer meist lebenslangen medizinischen Therapie eine multidimensionale Sichtweise und Behandlung erfordern (Faller, 2001). Eine reine Wissensvermittlung in Patientenschulungen greift ebenso wie eine Reduktion des erkrankten Menschen auf somatische Parameter, zu kurz.

Für ein besseres Verständnis der Vielschichtigkeit der Thematik werden in der folgenden Auseinandersetzung die komplexen Sichtweisen, Vernetzungen, Wechselwirkungen und Anforderungen an Patientenschulungen aus mehreren Perspektiven dargestellt. In der ersten Übersicht werden Anforderungen an Menschen mit chronischen Erkrankungen formuliert:

Die Erkrankten sollen:

- Krankheits- und Behandlungswissen erwerben oder vertiefen
- neues Verhalten erlernen, altes verändern und das gewonnene Wissen durch praktisches Üben in Verhaltensveränderungen transformieren und im Alltag beibehalten
- lernen, ihre Erkrankung zu akzeptieren und ihr Leben darauf einzustellen
- Kompetenzen und Fähigkeiten zur Arzneimittelanwendung erwerben und anwenden
- lernen, ihre Therapie dem Krankheitsverlauf selbstständig und immer wieder neu anzupassen
- Risikosituationen und Auslöser für bestimmte Symptome kennen und vermeiden
- akute Verschlechterungen rechtzeitig erkennen und angemessen darauf reagieren
- Basismedikation, Bedarfsmedikation und Notfallmaßnahmen unterscheiden und einsetzen können
- krankheitsspezifische soziale Kompetenzen erwerben
- „unnötige“ Kosten vermeiden

Abbildung 10: Anforderungen an Menschen mit chronischen Erkrankungen (modifiziert nach Mühlig, 2007)

Als Ziele von Patientenschulungen werden daher folgende Punkte genannt:

Patientenschulung soll:

- das Wissen der Patienten über ihre Erkrankung und deren Behandlung vertiefen
- die Patienten zur Eigenverantwortlichkeit motivieren und deren Selbstmanagement- kompetenzen durch das Einüben krankheitsbezogener Fertigkeiten stärken
- die Patienten zu einer Änderung des Lebensstils motivieren
- eine Verbesserung der Therapiemotivation und Mitarbeit bewirken (Compliance)
- mit Hilfe des Empowerment – Ansatzes die Lebensqualität der Patienten erhöhen
- Copingstrategien vermitteln und die Stressbewältigung der Erkrankten verbessern, um eine Reduktion von Angst und Depression zu unterstützen
- über eine Verbesserung der Therapieergebnisse zu einer Senkung von Morbidität und Mortali- tät führen
- durch effiziente und effektive Angebote die Kosten im Gesundheitswesen niedrig halten

Abbildung 11: Ziele von Patientenschulungen für chronische Erkrankungen (modifiziert nach Reusch et al., 2007)

Um diese Ziele realisieren zu können, enthalten Patientenschulungen in der Regel folgende Elemente:

- Informationen über Krankheit und Behandlung
- Training von Fertigkeiten zur Selbstdiagnostik und Selbstbehandlung
- Maßnahmen zur Motivierung, um Risikofaktoren zu vermindern und einen gesundheits- förderlichen Lebensstil anzunehmen
- Vermittlung von Stressbewältigungsstrategien und von Maßnahmen zur Verbesserung von Copingfertigkeiten
- Psychologische Unterstützung zum Abbau von Angst und Depression

Abbildung 6: Inhalte einer Patientenschulung für chronische Erkrankungen (modifiziert nach Faller, 2001)

Damit diese komplexen Ziele und Inhalte mit einer höchstmöglichen Evidenz umgesetzt werden können, werden große Anforderungen an den Schulungsleiter von Patienten- schulungen gestellt, die in der folgenden Abbildung zusammengefasst sind:

Der Schulungsleiter soll:

- den Patienten Wissen über ihre Erkrankung und deren Behandlung vermitteln und vertiefen
- krankheitsspezifische Fertigkeiten zur Selbstdiagnostik und Selbstbehandlung demonstrieren und praktisch einüben
- die Therapiemotivation und Mitarbeit (Compliance) der Patienten stärken
- Fertigkeiten vermitteln, um das erworbene Wissen umzusetzen und in den Alltag integrieren zu können
- zu einer Änderung des Lebensstils motivieren
- selbstbestimmtes Handeln fördern
- krankheitsspezifische soziale Kompetenzen trainieren
- die Einstellung der Patienten zur Erkrankung und deren Bewältigung verbessern, um eine Reduktion von Angst und Depression zu unterstützen
- zu einer Verbesserung der Therapieergebnisse und zur Erhöhung der Lebensqualität der Erkrankten beitragen
- bei der konkreten Umsetzung der Ziele die Ebenen Kognition, Emotion, Motivation und Verhalten mit einbeziehen
- den Unterricht nach didaktischen Gesichtspunkten gestalten, um einen möglichst hohen Lernerfolg zu erzielen

Abbildung 7: Anforderungen an den Schulungsleiter für Patientenschulungen für chronische Erkrankungen (modifiziert nach Mühlig, 2007)

Demgegenüber stehen die unterschiedlichsten Erwartungen, Wünsche, Ziele und Vorstel- lungen der Erkrankten. Diese bringen, jeder für sich, unterschiedliches Vorwissen und Voraussetzungen, wie subjektive Krankheitstheorien oder Krankheitsdauer, mit. In der folgenden Abbildung sind mögliche Erwartungen aus Sicht der Teilnehmer beschrieben:

Patientenschulungen sollen:

- die Lebensqualität erhalten oder wieder herstellen
- helfen, Akutkomplikationen, Folge- und Begleiterkrankungen zu verhindern
- praktische Hilfen für den Alltag bieten
- einen Austausch mit anderen Betroffenen ermöglichen
- krankheitsbedingte Ängste minimieren und Zuversicht vermitteln
- helfen, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten und selbstständig zu bleiben
- spezifische Bedürfnisse und Fragen klären wie z.B. Kinderwunsch, Berufswahl, sozial- rechtliche Aspekte

Abbildung 14: Mögliche Erwartungen der Teilnehmer an Patientenschulungen

Auch die Schulungsleiter bringen natürlich unterschiedliche Erwartungen, Wünsche, Ziele und Vorstellungen mit, die sich wiederum interpersonell und zwischen den verschiedenen Professionen unterscheiden werden. Die Vermittlung der Inhalte, das Anleiten von Übungen ist in einem großen Maße von den persönlichen Kompetenzen und Zusatz- qualifikationen des Schulungsleiters abhängig. So sollte dieser für einen effektiveren Lernprozess alle Sinnesmodalitäten ansprechen und in der Lage sein, Medien und Übungen gezielt auszuwählen. Kommunikation findet auf vielen Ebenen statt und kann den Lern- prozess hemmen oder unterstützen. In der „Beziehungskiste „Patientenschulung“ treffen viele Erwartungen und Anforderungen aufeinander, die eine multidimensionale Sichtweise und den Einbezug vieler Dimensionen erfordern. Die Fokussierung auf eine reine Wissensvermittlung greift zu kurz. Der Erwerb von krankheitsspezifischem Wissen ist eine notwenige Basis, um die Bedeutung von krankheitsbezogenen Verhaltensänderungen zu verstehen. Das Erlernen krankheitsspezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten ist nötig, um das erworbene Wissen in Handeln zu transformieren und in den Alltag übertragen zu kön- nen. Das eigentliche Ziel jeder Patientenschulung ist aber, die Betroffenen in die Lage zu versetzen, sich selbstbestimmt für oder gegen ein neues Verhalten zu entscheiden und das Wissen in selbstgesteuertes Handeln zu übertragen. Dabei spielt die Motivation, veränderte Verhaltensweisen ohne fremde Kontrolle in den Alltag zu übernehmen und als tägliche Routine durchzuführen, eine herausragende Rolle.

6. Qualitätsanforderungen an Patientenschulungen aus ver- schiedenen Perspektiven

Patientenschulungen als integraler Bestandteil der Therapie chronisch Kranker unterliegen der Pflicht zur Qualitätssicherung. Die Qualität sollte dabei allgemein bekannten Kriterien der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität entsprechen. Qualitätssicherung in der Patientenschulung beschreibt das Bemühen, die Versorgungsrealität (Schulungsroutine) mit Blick auf einen „Soll – Wert“ (Qualitätsstandards/Schulungsmanual) zu verbessern (Vogel, 2007, S.5). Qualitätssicherung kann intern oder extern erfolgen. Um Qualität in Patientenschulungen messen zu können, ist das Festlegen eines „Soll – Wertes“ nötig, um diesen mit einem „Ist – Zustand“ vergleichen zu können. Vogel (2007, S. 6) beschreibt den idealtypischen Prozess von Qualitätsentwicklung von Patientenschulungen wie folgt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 15: Idealtypischer Prozess von Qualitätsentwicklung von Patientenschulungen nach Vogel (2007, S. 6)

Im Optimalfall fließen die gewonnenen Erfahrungen wieder in die Programmentwicklung mit hinein, sodass eine laufende Qualitätssteigerung und Integration neuer Erkenntnisse erreicht werden kann.

Im Folgenden werden Qualitätsmerkmale bzw. Anforderungen an die Qualität von Patientenschulungen aus verschiedenen Perspektiven dargestellt und am Ende des Kapitels für eine bessere Übersicht zusammengefasst.

Qualitätsmerkmale von Patientenschulungen nach Vogel (2007)

Vogel (2007) hat folgende Qualitätsmerkmale für Patientenschulungen beschrieben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 16: Zusammenstellung von Qualitätsmerkmalen von Patientenschulungen nach Vogel (2007)

Qualitätsanforderungen der Deutschen Rentenversicherung Bund

Die Qualitätsmerkmale für standardisierte Schulungen der Deutschen Rentenversicherung Bund sind im sog. „Klassifikationssystem therapeutischer Leistungen“ im Kapitel „Information, Motivation, Training“ beschrieben und ausdrücklich als verbindlicher Rahmen vorgegeben (Deutsche Rentenversicherung Bund, KTL 2007). Demnach sollen Patientenschulungen in Kleingruppen mit maximal 15 Teilnehmern stattfinden und von einem multiprofessionellen Team durchgeführt werden. Die Schulungsprogramme sollen manualisiert und curricular aufgebaut sein. Die Schulungsleiter sollen unterschiedliche Vermittlungsmethoden verwenden und daher in Moderation und Gruppenarbeit ausgebildet sein (Worrigen & Beckmann, 2007, S.24).

Qualitätsanforderungen der gesetzlichen Krankenkassen

Bis zum Jahre 2002 wurden Patientenschulungen für chronisch kranke Menschen haupt- sächlich im Rahmen der "Ergänzenden Leistungen zur Rehabilitation" auf der Grundlage von § 43 Nr.2 SGB V durchgeführt. Auf dieser rechtlichen Grundlage wurde im Juni 2001 von den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen "Gemeinsame Empfehlungen der Spitzenverbände der Krankenkassen zur Förderung und Durchführung von Patienten- schulungen" erarbeitet, in denen als ein wesentliches Ziel die Fähigkeit des Erkrankten zum Selbstmanagement betont wird (vgl. Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, 2008). Patientenschulungen sollten grundsätzlich in Gruppen durchgeführt werden, Be- zugspersonen mit einbeziehen und interdisziplinäre, informations-, verhaltens- und hand- lungsorientierte Maßnahmen enthalten. Das Schulungspersonal sollte fachlich, pädago- gisch sowie psychologisch qualifiziert sein und patientenorientierte Medien verwenden. Das Vorhandensein strukturierter Schulungskonzepte wird ebenso wie die Dokumentation der erbrachten Leistung gefordert. Ferner wird die Notwendigkeit der sozialen, didakti- schen und methodischen Kompetenz des Schulungsleiters betont und der Erwerb von spe- zifischen Zusatzqualifikationen ausdrücklich gefordert. Um eine flächendeckende Versor- gung chronisch kranker Versicherter zu erreichen, wurden im Jahr 2003 die sog. „Disease Management Programme (DMPs)“ in Deutschland eingeführt. Strukturierte Programme, die zugelassen werden wollen, werden nach festgelegten Kriterien vom Bundesversiche- rungsamt geprüft und zunächst für fünf Jahre akkreditiert (vgl. Bundesversicherungsamt, Disease Management Programme). Derzeit sind strukturierte Schulungsprogramme für die sechs Indikationsgebiete Diabetes mellitus Typ 1, Diabetes mellitus Typ 2, Brustkrebs, Koronare Herzkrankheit, Asthma bronchiale und COPD zugelassen. Vor Einführung der DMPs wurde im Jahr 2002 im Auftrag des AOK Bundesverbandes eine systematische Er- hebung zur aktuellen Praxis von Patientenschulungen zu oben genannten Indikationsgebie- ten durchgeführt. Diese hatte eine Bestandsaufnahme der aktuellen Schulungspraxis und eine Bedarfsanalyse zum Ziel. Als häufigste Defizite wurden fehlende Kostentransparenz und Defizite in der Effizienz der analysierten Programme genannt (Allgemeinmedizin Universität Frankfurt, o.J.). In der folgenden Tabelle sind die Anforderungen der Spitzen- verbände der gesetzlichen Kranken-kassen (2008) und der Deutschen Rentenversicherung Bund (KTL 2007) zusammengefasst:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Zusammenfassung der Qualitätsanforderungen der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen (2008) und der Deutschen Rentenversicherung Bund (KTL 2007)

[...]


1 Schulungsleiter = Personen, die Patientenschulungen durchführen (synonym in dieser Arbeit verwendet: Schulungsleiter, Schulende, Schuler)

2 Trainer = Personen, die TTT-Seminare durchführen (synonym in dieser Arbeit verwendet: Seminarleiter)

3 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den „Disease Management Programmen“ erfolgt in Kapitel 6

4 Für die Darstellung der Inhalte wurden Oberbegriffe gewählt. Die verwendeten Begriffe der Anbieter waren teilweise unscharf formuliert. Da dies eine korrekte Einschätzung der tatsächlichen Lehr- und Lerninhalte erschwerte, können die Angaben der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nur als Tendenz gewertet werden.

5 Produkttraining: Üben der Handhabung eines Gerätes zur Selbstkontrolle eines somatischen Parameters derjenigen Pharmafirma, die auch das TTT-Seminar auch organisiert (vgl. Schulungsprogramm „SPOG“ im Anhang 1)

6 Vgl. Anhang 1 und 2: Tabellarische Zusammenstellung der recherchierten Inhalte und Daten aller Patien- tenschulungsprogramme und deren TTT-Seminare

7 NASA = Nationales Ambulantes Schulungsprogramm für erwachsene Asthmatiker

8 MOSES = Modulares Schulungsprogramm Epilepsie

Details

Seiten
166
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640915644
ISBN (Buch)
9783640916115
Dateigröße
2.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171679
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
Schlagworte
Train-the-Trainer Patientenschulung Didaktik Methodik Inhalte chronische Erkrankungen Stand der Forschung

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Titel: Train-the-Trainer – Seminare für Patientenschulungen