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Zur Form und Funktion des Prologs der Ewigkeit in Andreas Gryphius' "Catharina von Georgien"

Ein Sarg der recht entdeckt wie kurtz der Menschen Länge

von Tom Kräplin (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die inhaltliche Prologform und deren Funktion
A. Des Menschen ewige Suche nach Ewigkeit
B. Reichtum und Macht
C. Die Eitelkeit der Menschen
D. Die Wahl zwischen Himmel und Hölle

III. Die darstellerische Prologform und deren Funktion
A. Die Szenenanweisung
B. Die Szenenstichserie von Bieber und Using

IV. Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis
Anhang

I. Einleitung

Eine der zentralsten aller Fragen bei Nachforschungen in der Literaturwissenschaft ist die Form eines Textes und deren Funktion. Eine Systematik im Aufbau eines Werkes kann eine Interpretation womöglich beeinflussen und hat eine bestimmte Absicht, mit welcher der Autor das Verstehen seines Textes in eine gewisse Richtung lenkt. Dieser Systematik, womit hier die Korrelation zwischen Form und Funktion eines Textes gemeint sein soll, wird in dieser Arbeit nachgegangen. Das Trauerspiel des Andreas Gryphius aus dem Jahre 1657 birgt für die Erschließung solcher Korrelationen viele Möglichkeiten, weil sein Werk Catharina von Georgien auch szenisch umgesetzt wurde1 und eine Realisierung auf der Bühne — zumindest das Bühnenbild betreffend — in der Szenenstichserie von Gregor Bieber und Johann Using belegt ist. Hierdurch bietet sich die Gelegenheit, nicht nur allein den Text und dessen Szenenanweisungen hinsichtlich beabsichtigter Funktionen zu interpretieren, sondern parallel auch die vorgesehene praktische Umsetzung des Dramentextes in Nachforschungen mit einzubeziehen. Speziell soll in den folgenden Ausführungen der Prolog Mittelpunkt der Betrachtung sein. Der Grund hierfür liegt darin, dass der Monolog der Protagonistin Catharina maßgeblich das Thema des Dramas vorgibt, somit in kompakter Form den Sinn des Trauerspiels aufzeigt und gewissermaßen als ein Extrakt dessen angesehen werden kann, was in den fünf Abhandlungen vordringlich Thema ist, nämlich ein dargebotenes „Beyspiel vnaußsprechlicher Beständigkeit“.2 Die personifizierte Ewigkeit stellt die Eitelkeit auf Erden als schlechteste aller Eigenschaften der Menschen dar und zeigt auf, wie der Mensch zu „unvergängliche[r] Ehre“3 kommt. Mit nicht geringer Absicht wurde an dieser Stelle auf eine inhaltliche Einbettung des Prologs in das gesamte Werk verzichtet. Denn betrachtet man das Vorwort zur Catharina von Georgien hinsichtlich der Aneinanderreihung der einzelnen Elemente des gesamten Trauerspiels, wird eine autarke Stellung des Prologs erkennbar. Der Prolog steht für sich und könnte nicht nur als Vorwort sondern auch als Epilog in das Trauerspiel eingefügt werden ohne dabei den Inhalt zu verzerren. Diese unabhängige Stellung des Prologs gegenüber dem übrigen Text ist der zweite Grund, weshalb jener im Zentrum meiner Ausführungen steht.4

Zu Beginn wird hauptsächlich aus einer inhaltlichen Perspektive versucht, die Form des Vorworts zu erschließen und Funktionen zu ermitteln, um anschließend durch Deutung von Theaterzeichen solch Form und Funktion aus dem Blickwinkel darstellerischer Praxis auszumachen.

II. Die inhaltliche Prologform und deren Funktion

Um eine übersichtliche Darstellung der Vorrede zu erhalten, unterteile ich dieselbe in inhaltliche Schwerpunkte. Zitierte Verse (V.) beziehen sich auf die verwendete Ausgabe.5

A. Des Menschen ewige Suche nach Ewigkeit

Dass überhaupt die Ewigkeit im Einstieg des Trauerspiels spricht und dargestellt wird, ist in der Allegorese darin begründet, dass die Æternitas ein Attribut göttlicher Trinität ist. Sie gilt als Gottes „Schickung“6, als missio Dei. Die Ewigkeit beginnt im Prolog mit einer nicht minder melancholischen Beschreibung der Welt und nennt diese „kummerreich“7. Hier seien die Menschen auf „dürren Todtenbeinen“8 unterwegs und suchten nach der Ewigkeit selbst. Nichts auf der Welt sei ewig, alles „bricht und felt“.9 Schon in diesen ersten Versen des Prologs entsteht der Eindruck einer recht verurteilenden oder sogar fast schadenfrohen, verspottenden Figur der Ewigkeit, die allen Menschen auf Erden das eigene Misslingen vorhält, das Ewige zu finden. Dieses verzweifelte Suchen sieht Loos wiederum als einen Beweggrund, weshalb die Ewigkeit hier auftritt:

Im Moment, da angesichts der ersten, theologisch noch unaufgeklärten Erfahrung von Vergänglichkeit der Welt das schlimmste theologische Übel, die Verzweiflung an der Welt und am eigenen Heil droht, läßt Gryphius die Ewigkeit auf den Platz treten.10

Geht man davon aus, dass Gryphius sich streng an rhetorische Regeln zur Schaffung eines tragischen Werkes hielt, so kann die Vermutung bestehen, dass sich der Autor an das „Einpflanzen von Beständigkeit“11, wie Opitz es in Trojannerinnen vorschlägt, orientiert. Denn „'durch Beschawung der Mißligkeit deß Menschenlichen Lebens in den Tragoedien'“12 wird durch häufiges Nennen von vanitas die constantia eingeübt.13 Auf dem Weg das Ewige zu finden, brechen und fallen die Gebeine der Menschen und jede einzelne Persönlichkeit wandelt sich letztendlich in Nichts: „Wo sich Eu’r ichts / in nichts verkehrt.“14 Ausgehend von physischen Merkmalen wie den Gebeinen, setzt auch der nächste Vers mit einer körperlichen Eigenschaft des Menschen ein, die Menschen seien blind. Beim Streben nach Ewigkeit suche man am falschen Ort und nichts als bloße Illusionen seien das Resultat aller Anstrengungen: „Die jhr vor Warheit nichts als falsche Träum‘ erwischt!“15 Die Ewigkeit öffnet den Blinden die Augen und zeigt ihnen die „ewige Untreue alles Sinnlichen“16 auf. Man gibt sich mit Pfützten statt einer Quelle zufrieden, stillt seinen Durst nach Ewigkeit mit verunreinigtem Wasser anstatt das reine Quellwasser zu trinken.17 Diese Aneinaderreihung von Antithesen, Wahrheit vs. Traum und Pfützten vs. Quelle, verstärken die Äußerungen der Ewigkeit, die Menschen seien völlig auf dem falschen Weg, sie zu finden.18 Die Sterblichen werden in die Irre geführt, in ein Labyrinth und werden dort so verführt, dass sie nicht mehr wissen wohin sie eigentlich gehen: „Ein Irrlicht ists was Euch O sterbliche! verführet | Ein thöricht Rasen das den Sinn berühret.“19

Die Ewigkeit betont des Menschen kurze Lebenszeit, dass er stets älter wird und damit zugleich vergänglich. Es scheint, als ob die Ewigkeit kein Verständnis dafür hat, weshalb der Mensch mit seiner „handvoll Jahre die der Himmel [ihm] nachsieht“20 danach strebt, das Ewige nahe zukommen und gibt einen Hinweis darauf, dass die Lebenszeit eines Menschen zu kurz sei, um auf Erden das Ewige zu erlangen.21 Als Paradoxie kann der Vers „Diß Alter das vergeht in dem es blüht“22 verstanden werden. Mit jedem Jahr, das ein Mensch älter wird, glaubt derselbe, der Ewigkeit ein Stück näher kommen zu können. Doch die Blüte des Lebens entfaltet sich, vergeht aber im gleichen Moment und resultiert in Unmut.23

B. Reichtum und Macht

Im Folgenden werden die Äußerungen der Ewigkeit konkreter und nehmen mehr Bezug auf einen speziellen Lebensumstand. Die Fürsten–Dialektik wird als Beispiel verwendet, um selbst die Vergänglichkeit in höchsten Ämtern zu verdeutlichen. Auch Thronhalter sind vergänglich und es ist gleichgültig, welche gesellschaftliche Stellung man inne hat oder welchem Stand man angehört.24 Diese Warnung an Personen höherer Ämter weißt Verbindungen zur Darstellung des Schicksals, der Fortuna auf, die das Rad des Lebens dreht und die Leben der Menschen mitentscheidet. In Boccaccio‘s De casibus virorum illustrium (ca. 1358) etwa ist die Fortuna in den Geschichten von Prinzen, die von ihrem hohen Status als Thronfolger in die Tiefe fallen und sterben, die Entscheidende. Das Schicksal ist demnach eine maßgebliche Einflussgröße für das Ewigwerden. So kann es schnell passieren, dass des „Fürsten heylig Blut“ fließt, weil dieser von einem anderen Thron seiner Macht beraubt wird. Hierin kann auch eine Bemerkung dessen gesehen werden, dass selbst heilige Personen wie zum Beispiel der erwähnte Fürst, nicht vor dem Schicksal und dem Tod sicher sind, Heilige also keine Vorteile genießen, ewig zu werden: „Er zog in seinem freudenFeste / Mit des Triumphes Gepränge zu dem Todtentanz.“25 Auch mit Siegen, die ein Überwinder und Kämpfer für sich beanspruchen kann, muss er doch wie alle Sterblichen in den Tod gehen. Eine Metapher mit der das Vergängliche erneut betont wird, tritt zum Teil wörtlich auch schon in Andreas Gryphius‘ Sonett Es ist alles eitell auf. Darin thematisiert Gryphius die Hauptsünde in der katholischen Theologie, die Eitelkeit des Menschen. Der Titel des Sonetts stammt aus dem Alten Testament und ist im Buch Kohelet 1,2 erwähnt.

Es ist alles eitell Du sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auff erden.

Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein: Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein

Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden. Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht vndt trotzt ist morgen asch und bein. Nichts ist das ewig sey / kein ertz kein marmorstein.

Itz lacht das gluck vns an / bald donnern die beschwerden. Der hohen thaten ruhm mus wie ein traum vergehn.

Soll den das spiell der zeitt / der leichte mensch bestehn.

Ach! Was ist alles dis was wir für köstlich achten /

Als schlechte nichtigkeitt / als schaten staub vnd windt. Als eine wiesen blum / die man nicht wiederfindt.

Noch will was ewig ist kein einig mensch betrachten. 26

Die Eitelkeit wird in der Bibel dahingehend abgewertet, dass sie den Menschen von Gedanken an Gott ablenkt. Vielmehr sei der Mensch auf sich selbst konzentriert. Dabei verliert er die Verbindung zu Gott. Dieser Narzismus ist die Ursache für das Scheitern des Menschen ewig zu werden. Im weiteren Prolog äußert die Ewigkeit die Inhalte dieser Eitelkeit des Menschen. Ihre Paläste stürzen ein, welche den Besitzern sogar noch zu eng sind.27 Das Übermaß und die Unangemessenheit mit denen die Menschen leben, werden an dieser Stelle angeklagt. Bei Euripides (485 v.Chr. – 406 v.Chr.) spricht von einer Überschreitung des Maßes, welches als Kern einer Tragödie durch die áıy – die Vergeltung für die Überschreitung des richtigen Maßes – jenes wieder hergestellt wird.28 Seneca (4 v.Chr. – 65 n.Chr.) greift in Aciem nostram multa nimio splendore repercutiunt (Trügerischer Luxus) das Trügerische im Luxus auf:

Wir bewundern mit dünnen Marmorplatten verkleidete Wände, obwohl wir wissen, wie das ist, was darunter steckt. Wir betrügen unsere Augen und wenn wir die Decken mit Gold überziehen, worüber freuen wir uns da, als über eine Lüge.29

Ein weiteres Mal fragt die Ewigkeit nach dem ihr unverständlichen Sinn der Bemühungen der Menschen, sich auf diese Art und Weise dem Ewigen nähern zu wollen: „nach was doch ringet jhr?“30 Wonach die Menschen ringen, ist auf der irdischen Sphäre nicht zu erreichen, denn das Wesen des Menschen wird erst durch die Anwesenheit Christi erfüllt, womit die Versuche der Menschen auf der Welt, auf dem theatrum mundi nie zum gewünschten Heil führen werden:

Das Wesen, das Herz des Menschen erfüllt sich in und mit der Gegenwart Christi […]. Der Versuch, sich der Erfüllung der Existenz durch die Dinge der Welt zu versichern, ist nicht nur vergeblich, sondern Grund sich steigernder Verzweiflung […].

[...]


1 Das Trauerspiel wurde 1651 erstmals in Köln aufgeführt. Vgl. Kindlers Literatur Lexikon, S. 1826.

2 Gryphius, Andreas: Catharina von Georgien, S. 5. Aus technischen Gründen musste beim Zitieren der Primärliteratur auf frühneuhochdeutsche Schreibweise der Umlaute verzichtet werden und durch hochdeutsche Schreibung ersetzt werden (auch im Titel dieser Arbeit).

3 Ebd., S. 8.

4 Auch Kaminski (Andreas Gryphius, S. 100) konstatiert eine Sonderstellung des Prologs zum restlichen Trauerspiel: “Hat man diese [...] erolgreiche Exposition der Catharina im Prolog der Ewigkeit, der als Prolog einer nicht nur spielexternen, sondern transzendenten Figur in Gryphius’ Trauerspielen einzigartig ist, als programmatischen Neueinsatz zu werten?”

5 Vgl. Gryphius, Andreas: Catharina von Georgien.

6 Loos: Catharina von Georgien und Mystica und Virtus Heroica. In: Daphnis. Zeitschrift für Mittlere Deutsche Literatur, S. 705–721, hier S. 709.

7 V. 1.

8 V. 2.

9 V. 3.

10 Loos: Catharina von Georgien und Mystica und Virtus Heroica. In: Daphnis. Zeitschrift für Mittlere Deutsche Literatur, S. 705–721, hier S. 707.

11 Opitz zitiert nach Gillespie: Studien zum Werk Daniel Caspers von Lohenstein, S. 413.

12 Ebd.

13 Vgl. Gillespie: Studien zum Werk Daniel Caspers von Lohenstein, S. 413.

14 V. 4.

15 V. 7.

16 Gillespie: Studien zum Werk Daniel Caspers von Lohenstein, S.414.

17 Vgl. V. 8.

18 Wie Wolfram Mauser (Dichtung, Religion und Gesellschaft im 17. Jahrhundert, S. 155) feststellt, wurden in der Literaturwissenschaft mit den Begriffen Antithese bzw. Antithetik oft Missverständnisse ausgelöst. Ich verwende den Begriff im Sinne eines Stilmittels, das „Nachdrücklichkeit, Eindringlichkeit und Pointierung im Dienste der Vermittlung eines Gedankens“ (Ebd.) ausdrückt.

19 V. 10.

20 V. 11.

21 Vgl. V. 11.

22 V. 13.

23 Vgl. V. 14.

24 Vgl. V. 15f.

25 V. 25f.

26 Gryphius zitiert nach Kenkel: Was liefert dir die Welt? Rauch, Nebel und Gedichte. In: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur, S. 85–93, hier S. 88.

27 Vgl. V. 28–31.

28 Vgl. Gemoll: Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch, S. 144.

29 Wißmüller: Das Beste von Seneca, S.72f. Ist hier mit Marmor, als Metapher für das übermäßige Streben nach Ewigkeit und in Es ist alles eitell eventuell eine Bezugnahme Gryphius’ auf Seneca zu erkennbar?

30 V.30

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