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Identitätskonstruktionen - Frauenbilder im transkulturellen Kontext des deutsch-türkischen Films

Magisterarbeit 2011 104 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Migrationsgeschichte und der deutsch-türkische Film

2. Identität
2.1 Identitätskonzepte
2.1.1 George Herbert Mead
2.1.2 Erik Homburger Erikson
2.1.3. Identität als Prozess - Gemeinsamkeiten und Unterschiede
2.2 Die weibliche Identität

3. Kultur
3.1 Der Kulturbegriff nach Wolfgang Welsch
3.1.1 Der traditionelle Kulturbegriff
3.1.2 Multikulturalität
3.1.3 Interkulturalität
3.1.4 Transkulturalität
3.2 Identität, Kultur und Migration

4. Frauenbilder im transkulturellen Kontext des deutsch-türkischen Films
4.1 40 qm Deutschland
4.1.1 40 qm Deutschland - Handlungsanalyse
4.1.2 Turna - Figurenanalyse
4.1.3 Filmsprache
4.2 Yasemin
4.2.1 Yasemin - Handlungsanalyse
4.2.2 Yasemin - Figurenanalyse
4.2.3 Filmsprache
4.3 Gegen die Wand
4.3.1 Gegen die Wand - Handlungsanalyse
4.3.2 Sibel - Figurenanalyse
4.3.3 Filmsprache
4.4 Die Fremde
4.4.1 Die Fremde - Handlungsanalyse
4.4.2 Umay - Figurenanalyse
4.4.3 Filmsprache

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis
Internetquellen
Filmkritiken
Abbildungen
Filme

Anhang
A) Sequenzprotokolle
a) 40 qm Deutschland
b) Yasemin
c) Gegen die Wand
d) Die Fremde

1. Einleitung

Der deutsch-türkische Film hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen, dabei kommt der Darstellung der weiblichen Identität eine spezielle Rolle zu: Fatih Akins Gegen die Wand, der, neben vielen weiteren nationalen und internationalen Preisen, mit dem Goldenen Bären auf der Berlinale 2004 ausgezeichnet wurde, und einer der aktuellsten Film des deutsch-türkischen Films, Feo Aladags Die Fremde, dem deutschen Beitrag für die Oscarverleihung 2011 in der Kategorie "Bester Nicht-englischsprachiger Film", stehen für die Wichtigkeit und Aktualität in der Darstellung und Thematisierung der Konflikte denen die Frauen ausgesetzt sind. Die Filmemacher nehmen durch ihre Inszenierungen dabei Einfluss auf das mediale Bild der deutsch-türkischen Frau und ihre Wahrnehmung durch die Gesellschaft. Diese Frauen stehen nicht nur einem innerfamiliären Generationskonflikt gegenüber, es wird auch der gesellschaftliche Konflikt thematisiert. Der Konflikt der Identität in dieser Form ist kontinuierlich, da sich die kulturellen Grenzen einer Gesellschaft immer mehr auflösen und sich daraus eine transkulturelle Gesellschaft entwickelt.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie die Identitäten von Frauen vor dem Hintergrund der Transkulturalität im deutsch-türkischen Film konstruiert werden. Man sollte annehmen, es habe ein Wandel im Verständnis der Filmemacher stattgefunden: Die Identität der Frauen im deutsch-türkischen Film[1] hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Die Filme 40 qm Deutschland (Tevfik Baçer, 1985), Yasemin (Hark Bohm, 1988), Gegen die Wand (Fatih Akin, 2004) und Die Fremde (Feo Aladag, 2010) thematisieren allesamt die Schicksale von Frauen mit Migrationshintergrund: Die Protagonistinnen leben als türkische Einwanderer oder Einwandererkinder der ersten oder der zweiten Generation in Deutschland. Ihre Identität und ihr Kulturverständnis sind dadurch entscheidend geprägt. Wie sich ihre Identität vor dem Hintergrund der Transkulturalität entfaltet und wie der Prozess ihrer Identitätsfindung inszeniert wird, ist Gegenstand dieser Untersuchung.

1.1 Aufbau der Arbeit

Im Folgenden wird die Geschichte der Migration reflektiert, um die gesellschaftlichen Veränderungen und die hieraus resultierenden

Herausforderungen der Migranten zu beleuchten. Es schließt sich ein Überblick über deutsch-türkische Filme an, um eine Entwicklung ihrer Machart nachvollziehen zu können (Kapitel 1). Vor der Filmanalyse wird auf theoretischer Ebene erläutert, wie Identitäten beschaffen sind, wie sie entstehen und was sie auszeichnet. Der erste Teil (Kapitel 2) erörtert anhand der klassischen Identitätskonzepte von George Herbert Mead und Erik Homburger Erikson, wie Identität zu verstehen ist, und geht auf die Besonderheiten der Identität von Frauen ein. Der zweite Part (Kapitel 3) widmet sich dem Verständnis von Kulturalität: Wolfgang Welschs Transkulturalitätskonzept wird dokumentiert. Die Bezeichnungen Multi-, Inter- und Transkulturalität bedürfen einer Erklärung, genauso wie der traditionelle Kulturbegriff. Damit verbunden ist die Analyse der Funktion von Stereotypen und Vorurteilen. Anschließend werden die Merkmale von Kultur und Migration herausgestellt und die Unterschiede der kulturellen Auffassung extrahiert, um die Identität der Frauen im deutsch-türkischen Film zu inspizieren. Die dritte Sektion (Kapitel 4) dient der Analyse der vier Filme: 40 qm Deutschland, Yasemin, Gegen die Wand und Die Fremde. Die Filme werden anhand der systematischen Filmanalyse[2] anvisiert. Hierbei fließen die gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich Identität und Kultur in die Untersuchung ein und werden angewandt. Es gilt, Antworten auf Fragen zu liefern, wie die Frauenfiguren sowie ihre Identität konzipiert und charakterisiert sind. Ferner ist zu klären, in welchem Maße sich die Identitätskonstruktionen im Laufe der Zeit ändern. Welche Identität übernehmen die Frauen im Film vor dem Hintergrund der Transkulturalität?

1.2 Migrationsgeschichte und der deutsch-türkische Film

Die Migrationsgeschichte des Nachkriegsdeutschlands lässt sich nach Rainer Geißler in vier Phasen einteilen. Die erste Phase, die Anwerbe- und Gastarbeiterphase (1955-1973), beginnt mit der Anwerbung von Menschen aus den Mittelmeerländern als Gastarbeitern. Aufgrund des Wirtschaftsaufschwungs in den 50er-Jahren in Deutschland herrschte ein Arbeitskräftemangel, den man mit Gastarbeitern zu überwinden hoffte. Es wurden entsprechende Abkommen mit Italien (1961), Spanien (I960), Griechenland (I960) und der Türkei (1961) geschlossen. Die deutschen Stellen gingen vom Rotationsprinzip aus: Die angeworbenen Arbeitskräfte sollten, nach einigen Jahren Arbeit in Deutschland, in ihre Heimat zurückkehren, dafür kamen neue Arbeiter.[3]

In der zweiten Phase, der Konsolidierungsphase (1973 - ca. 1980), reagierte die Regierung auf die Ölkrise, Wirtschaftsrezession und die drohende Arbeitslosigkeit mit einem Anwerbestopp. Im Gegensatz zu der Zahl der ausländischen Arbeitskräfte nahm die der ausländischen Wohnbevölkerung stetig zu. Dies lässt sich mit dem Nachzug der Familien der Einwanderer und hohen Geburtenraten erklären. Die Bereitschaft der Arbeitskräfte, in Deutschland zu bleiben, wuchs, damit verbunden war auch die Forderung nach einer Eingliederung des bleibewilligen Teils der Arbeitsmigranten.[4]

Mit der Abwehrphase (1981/82 - ca. 1998), der dritten Phase, konzentrierten sich die politischen Anstrengungen auf eine Abwehr unerwünschter Zuwanderer, deren Zahl trotz allem stark anstieg. Deutschland mutierte zu einem „Einwanderungsland wider Willen“.[5]

Seit 1998 existiert die vierte Phase - die Akzeptanzphase. Den Deutschen ist mittlerweile bewusst geworden, dass aus demographischen und ökonomischen Gründen Arbeitsmigranten gebraucht werden und auch in Zukunft notwendig sind. Es ist obsolet, Migranten in die Gesellschaft zu integrieren. Dies ist schon seit Langem Gegenstand politischer Diskussionen und des öffentlichen Interesses. Anders als in der Abwehrphase ist Integration mittlerweile mit Migration im öffentlichen Bewusstsein eng verbunden.[6]

Ebenso wie sich die Geschichte der Migration verändert, hat sich auch die filmische Auseinandersetzung mit diesem Thema weiterentwickelt. Künstler und Filmschaffende sind „Vermittler, Zeugen und Seismographen gesellschaftlicher Krisen, Widersprüche, Moden und Stimmungen, selbst dann, wenn sie sich aus allem zurückziehen und scheinbar verstummen“.[7] Filme fungieren also als ein Spiegel der Gesellschaft und orientieren sich zeitlich an der politischen Geschichte, was im Fall des deutsch-türkischen Films die Geschichte der Migration beinhaltet.

Schon zu Beginn der 1960er-Jahre gab es vereinzelt Filme, die die Probleme der Migration plakatierten: Franz Peter Wirth inszenierte 1961 den Liebesfilm Bis zum Ende aller Tage und zeigte einen Film, der sich „mit den Anfeindungen, Vorurteilen und Ausgrenzungen befasste, denen ausländische Bürger damals ausgesetzt waren“.[8] Auch Franz Antel illustrierte in seinem österreichischen Heimatfilm Ruf der Wälder (1965) die Probleme der Gastarbeiter.[9] In den 1970er- und 1980er-Jahren kam es zu einem Aufschwung an Filmen, die das Problem der Fremdheit aufgriffen. Auch tauchten hier die ersten Filme von Filmschaffenden nicht-deutscher Herkunft auf, der Schwerpunkt lag jedoch bei Regisseuren deutscher Herkunft. Rainer Werner Fassbinders Angst essen Seele auf (1974), Werner Schroeters Palermo oder Wolfsburg (1980) und Tevfik Bauers 40qm Deutschland (1985) sind die wohl bedeutendsten Filme der Phase.[10] Sie alle behandeln Themen wie gesellschaftliche Probleme, Ablehnung, Isolation und Fremdheit: Die Filmemacher „stellten auf künstlerischer Ebene das Sprachrohr für eine gesellschaftliche Randgruppe, die über keine Lobby verfügte - nicht im gesellschaftlichen Leben, und in der Kunst schon gar nicht.“[11] Die Filme zu dieser Zeit waren geprägt von der Visualisierung eines Problemkinos, inszeniert von deutschen Regisseuren: Das deutsche Kino führte den „so genannten Gastarbeiter mit aufklärerischem Impetus als Opfer einer wirtschaftsorientierten Ausländerpolitik vor, die sich nicht um Integration scherte“.[12]

In den 1970er- und 1980er-Jahren rückte zunehmend auch das Schicksal der Frauen in den Fokus: „Zweifach fremd als Frau und als Ausländerin - sprachlos, rechtlos, ausweglos.“[13] Es entstanden Filme wie Helma Sanders-Brahms Shirins Hochzeit (1975), Hark Bohms Yasemin (1988) und Jeanine Meerapfels Dokumentarfilm Die Kümmeltürkin geht (1984/1985).

In den 1990er-Jahren übernahm die Generation der Einwandererkinder die Regie bei vielen Filmen. In Deutschland geboren, inszenierten sie nun ihre Träume, Sorgen und Hoffnungen.[14] Daraus gingen Filme wie Geschwister - Karde§ler (Thomas Arslan, 1997), Fatih Akins Langspielfilmdebüt Kurz und Schmerzlos (1998), Züli Aladags Elefantenherz (2002) und Kutlug Atamans Lola und Bilidikid (1999) hervor. Das Thema „Migration“ war für die erste Generation der Einwandererkinder immer noch brisant, „anders als für ihre Eltern ist das Leben ,zwischen den Kulturen“ für sie [aber] kaum ein Thema mehr“.[15] Es wurden Sujets inszeniert, die sich von einer problemorientierten Darstellung entfernt haben.

In den 1990er- und 2000er-Jahren etablierten sich die Frauen-zentrierten Filme, nun skizzierten jedoch Frauen der zweiten und dritten Generation als Regisseurinnen ihre Sicht der Konflikte und der Gesellschaft. In diesem Kontext lassen sich Filme wie der Dokumentarfilm Wie Zucker im Tee (Hatice Ayten, 2001), Töchter zweier Welten (Serap Berrakarasus, 1990/1991) und Auslandstournee und En Garde (Ayçe Polat, 1999 und 2003/2004), in denen Frauen aus Sicht der zweiten Generation der Einwanderer konzipiert werden, exemplifizieren.

Mittlerweile thematisiert der deutsch-türkische Film universelle Themen: Fatih Akins Gegen die Wand (2004) zeigt zwar das Schicksal der Deutsch-Türkin Sibel, dennoch sind die Themen des Films allgemeingültige, von speziell türkischen Konflikten oder gar einem Problemkino kann hier keine Rede mehr sein. Eine Besonderheit repräsentiert Feo Aladags Die Fremde (2010): Der Film ist insofern ein Fortschritt, als dass er als erster narrativer Spielfilm explizit das Thema „Ehrenmord“ behandelt.[16]

Diese Abhandlung soll keine Bewertung der zu analysierenden Filme beinhalten, sie soll nicht extrahieren, wie authentisch und realistisch die Filme sind, es gilt vielmehr, herauszufiltern, wie die Frauenfiguren im Film konstruiert werden.

2. Identität

Identität bedeutet Gleichsetzung: Ein Individuum setzt zum Beispiel seine Sichtweisen, seine Moral mit seiner Umwelt gleich. Das bedeutet, er identifiziert sich mit ihr.[17] Verschiedene Faktoren, subsumiert aus sozialen, psychologischen, geographischen und anderen Aspekten, tragen zur Identitätsbildung bei. Nicht nur die Zugehörigkeit zu einer Nation oder Kultur, sondern auch die Identifikation mit einer sozialen Schicht oder Gruppe bilden die soziale Identität. Demnach sind Identitäten „einheitsstiftende Konstruktionen, die es erlauben, Verhaltensweisen und Einstellungen verstehbar zu machen. [...] Sie sind Konstrukte, die für die Erklärung und Steuerung von Verhalten und Einstellungen zentral sind.“[18] Identitätsbildung ist ein Prozess, der eine ständige Auseinandersetzung mit anderen Individuen sowie Gruppen der Gesellschaft verlangt und sich verschiedenen Sichtweisen, Normen, Werten oder gar Stereotypen widmen muss.[19] Identität wird geprägt im Austausch mit anderen. „Identität ist das, was einen Menschen zu dem macht, als der er sich zeigt.“[20]

Im Folgenden sollen verschiedene Identitätskonzepte aus soziologischer und psychoanalytischer Perspektive[21] näher präzisiert werden. Zu betrachten und zu vergleichen sind die Identitätskonzepte von George H. Mead und Erik H. Erikson, denen jeweils eine hohe Bedeutung in der soziologischen Identitätskonzeption beigemessen wird. Mead kreierte in seinem postum veröffentlichten Buch „Geist Identität und Gesellschaft“ (1934) sein Identitätskonzept, welches eine „enorme(...) Wirkung auf Soziologie, Sozialpsychologie und Erziehungswissenschaften des 20. Jahrhunderts“[22] hervorgerufen hat.

Erikson veröffentlichte 1966 sein Werk „Identität und Lebenszyklus“, eine Weiterentwicklung der Psychoanalyse Sigmund Freuds, es veranschaulicht den zweiten bedeutenden Zweig der Identitätsforschung.[23] Erikson verwendete als Erster den Begriff Identität und gilt mit seinem Werk als der Begründer der Identitätstheorie, auf den sich „die gesamte soziologische Diskussion über Identität“[24] bezieht.

2.1 Identitätskonzepte

Im Allgemeinen wird zwischen der personalen oder individuellen und einer kollektiven Identität differenziert. Kollektive Identitäten können in soziale, ethische, religiöse oder kulturelle Identitäten eingeteilt werden; die Bildung einer Identität beschreiben sowohl George Herbert Mead als auch Erik H. Erikson als einen lebenslangen Prozess. Die Identität entwickelt und ändert sich fortwährend über die Dauer ihrer Existenz.

2.1.1 George Herbert Mead

Nach dem amerikanischen Sozialpsychologen George Herbert Mead (1863 - 1931) ist „das Grundprinzip der gesellschaftlichen Organisation des Menschen die Kommunikation“.[25] Ebendies trifft auch für Identität zu: Ohne Kommunikation zwischen einem Individuum und anderen ist kein Bewusstsein somit keine Identitätsbildung möglich.[26] Kommunikation beschränkt sich nicht nur auf die Sprache, sondern umfasst auch wortlose Äußerungen wie Zeichen (Sinnesreize, Reaktionen, die instinktiv geschehen), Gesten (eine Handlung oder ein Verhalten, das einen bestimmten Sinn zum Ausdruck bringt) oder signifikante Symbole (Gesten oder Zeichen, die über eine konkrete Situation hinausweisen und einen allgemeinen Sinn besitzen).[27]

Mead zufolge ist Kommunikation ein Prozess, bei dem Menschen aus ihrer beiderseitigen Reaktion eine Vorstellung von sich selbst und anderen bekommen. Das Verständigen über das eigene Handeln und Denken ist unerlässlich zur Bildung eines Selbstbewusstseins. Kommunikation spielt sich dabei nicht nur zwischen einem Individuum und seinen Mitmenschen ab, auch innerhalb des Individuums geschieht Kommunikation.[28] Eine Person sagt das, was sie äußert, auch zu sich selbst.

Ein weiteres Prinzip der Kommunikation ist die Rollenübernahme anderer: Ein Individuum muss sich in die Rolle eines anderen versetzen, um abschätzen zu können, wie das Gegenüber reagiert.[29] Man denkt also über das eigene Verhalten nach und versucht, einzuschätzen, wie das Gegenüber reagieren wird. Indem das Individuum etwas mitteilt, befindet sich diese Person „selbst in der Rolle der anderen Person, die sie auf diese Weise anregt und beeinflusst. Indem sie diese Rolle der anderen übernimmt, kann sie sich auf sich selbst besinnen und so ihren eigenen Kommunikationsprozess lenken.“[30] Das Überdenken der Handlung soll also nicht nur dem Gegenüber die Situation begreifbar machen, sondern ebenfalls dem Individuum selbst. Auch die Reaktionen des Gegenübers können so eingeschätzt werden. Dieser Prozess gilt als der „Ursprung des Selbstbewusstseins“.[31]

Identität basiert auf Selbstbewusstsein (self-consciousness): Ein Individuum kann erst über den Weg der Rollenübernahme zu einer eigenen Identität gelangen. Es muss sich mit anderen Augen sehen und sich seiner eigenen Standpunkte im Kontrast zu anderen bewusst werden.[32] Das Individuum kann sein Handeln und Denken durch innere Kommunikation reflektieren und dann agieren. Somit ist das Individuum Subjekt und Objekt in einer Person.

„Für die Identität ist es notwendig, daß die Person auf sich selbst reagiert. Dieses gesellschaftliche Verhalten liefert das Verhalten, in dem Identität auftritt. Außer dem sprachlichen kenne ich kein Verhalten, in dem der Einzelne sich selbst Objekt ist, und soweit ich sehen kann, ist der Einzelne solange keine Identität im reflektiven Sinn, als er nicht sich selbst Objekt ist. Diese Tatsache gibt der Kommunikation entscheidende Bedeutung, da sie ein Verhalten ist, bei dem der Einzelne in dieser Weise auf sich selbst reagiert.“[33]

2.1.1.1 Play und Game

Mead unterscheidet in der Entwicklung der Identität zwischen zwei sozialen Stadien, in denen ein Kind lernt, sich an ein System anzupassen und seine Identität zu entfalten: das Rollenspiel oder play und das Mannschaftsspiel oder game} [34] Im play übernimmt das Kind die Rolle verschiedener signifikanter anderer Menschen - Bezugspersonen aus dem nahen sozialen Umfeld.[35] Es springt in die Perspektive der einzelnen Rollen und probiert verschiedene Standpunkte aus. Es denkt und handelt genau wie die Person, die es verkörpert:

„Es hat in sich Reize, die in ihm selbst die gleiche Reaktion auslösen wie in anderen. Es nimmt diese Reaktionen und organisiert sie zu einem Ganzen. Das ist die einfachste Art und Weise, wie man sich selbst gegenüber ein anderer sein kann.“[36]

Auch im game können Rollen gespielt werden. Das Kind trifft aber nun auf andere Personen und muss sich an Regeln halten. Es muss sich auf ein komplexes Zusammenspiel einstellen können und die Rollen seiner Mitspieler erkennen sowie zuordnen können, um einen fehlerfreien Ablauf zu erzielen. Die Handlungen aller Mitspieler beeinflussen sich gegenseitig, deshalb muss sich das Kind in die Perspektiven der anderen Mitspieler hineinversetzen können. Den Unterschied zum play erklärt Mead so: „Das spielende Kind muß hier bereit sein, die Haltung aller in das Spiel eingeschalteten Personen zu übernehmen, und diese verschiedenen Rollen müssen eine definitive Beziehung zueinander haben.“[37]

Alle Handlungen der Beteiligten müssen abgeschätzt werden. Mead nennt „die Summe aller Perspektiven in einem bestimmten Handlungszusammenhang (...) den generalisierten [oder verallgemeinerten] Anderen“.[38] Der verallgemeinerte Andere ist also im Grunde eine Norm der gesellschaftlichen Vorstellungen, etwas, das man in einer bestimmten Situation von sich und von anderen zu tun erwartet. „Die Haltung dieses verallgemeinerten Anderen ist die der ganzen Gemeinschaft."[39] Im game verinnerlicht das Kind die Perspektiven und Haltungen der Anderen, der verallgemeinerte Andere beeinflusst die Reaktion des Einzelnen. Das bedeutet also, die ganze organisierte Gruppe, der verallgemeinerte Andere, verleiht dem Einzelnen eine eigene Identität: „Der Einzelne hat eine Identität nur im [sic!] Bezug zu den Identitäten anderer Mitglieder seiner gesellschaftlichen Gruppe.“[40]

2.1.1.2 1, Me und Seif

Eine eigene und einzigartige Identität generiert sich zum einen aus dem Inneren des Individuums, zum anderen aus der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umgebung und der Gesellschaft. Mead diagnostiziert deshalb zwei korrespondierende und ineinander übergreifende Komponenten der Identität: das I (oder das Ich) und das me (oder das ICH). Abels bezeichnet das „I“ als das „impulsive Ich“ [41] , eine vorsoziale und unbewusste Instanz.[42] Das „I“ strebt sozusagen gegen die im game gewonnene „soziale Selbstdisziplinierung des Individuums, dieja mit der Orientierung am generalisierten Anderen erfolgt“,[43] an. Es hat einen spontanen Charakter und äußert sich in Träumen, der Phantasie und Spontaneität.

Ihm gegenüber steht das me: Hier werden die Bilder, die andere von einem Individuum besitzen, reflektiert. Abels nennt es das „reflektierte Ich“.[44] Das me kann gleichgesetzt werden mit dem Begriff der sozialen Identität oder der sozialen Grundlage der Identität. Es versammelt die Bilder, die andere mit einem Individuum verbinden und dementsprechend reagieren, was sie erwarten und wie sie ein Individuum einstufen. Diese Bilder, Einschätzungen und Vorstellungen wurden im game gesammelt und dienen nun dem Individuum, das sich in die Rolle der anderen hineinversetzt hat, als Lernobjekt.[45] Mead schreibt dazu:

„Das ,Ich‘ [I] ist die Reaktion des Organismus auf die Haltungen anderer; das ,ICH‘ [me] ist die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt. Die Haltungen der anderen bilden das organisierte ,ICH‘ [me], und man reagiert darauf als ein ,Ich‘

[I].“[46]

I und me beeinflussen sich und formen eine Einheit. Dies macht die Bildung einer Identität aus.

„Das ,Ich‘ [I] ruft das ,ICH‘ [me] nicht nur hervor, es reagiert auch darauf. Zusammen bilden sie eine Persönlichkeit, wie sie in der gesellschaftlichen Erfahrung erscheint. Die Identität ist im wesentlichen ein gesellschaftlicher Prozeß, der aus diesen beiden unterscheidbaren Phasen besteht. Gäbe es diese beiden Phasen nicht, so gäbe es keine bewußte Verantwortung und auch keine neuen Erfahrungen.“[47]

Aus diesem wechselseitigen Verhältnis kristallisiert sich ein reflexives Bewusstsein heraus: das seif. Abels übersetzt die Vokabel seif mit „Identität“.[48] Das seif ist nicht als Faktum oder unveränderbarer Zustand zu verstehen, sondern als Prozess, der sich durch die sich entwickelnden Perspektiven von I und me verändert. Durch die Erinnerung der Reaktionen anderer und die Reflexion des eigenen Tun und Handelns wird das seif permanent neu definiert. Das seif ist „das aktuelle reflexive Bewusstsein des Individuums von sich selbst und von den gesellschaftlichen Strukturen, unter denen es denkt und handelt.“[49] Das seif - das heißt, die Identität - verändert sich ständig, es wird von dem I und dem me erzeugt, die sich wiederum in einem ständigen Prozess befinden.

2.1.2 Erik Homburger Erikson

Der dänisch-amerikanische Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson (1902­1994) konzipiert ein Identitätsmodel nach einem psychoanalytischen Erklärungsansatz, das einem festen Plan folgt, in dem sich das reflexive Bewusstsein eines Individuums entwickelt. Die Ausbildung der Identität lasse sich „wie ein Fahrplan“[50] lesen.

Genau wie für George Herbert Mead spielt auch für Erikson die Erkenntnis des Individuums seiner selbst eine wichtige Rolle. Identität bedeutet aber nicht nur das Bewusstsein seiner selbst, sondern auch die „Kompetenz der Meisterung des Lebens“.[51]

2.1.2.1 Die Entwicklung der Ich-Identität

Als Schüler Sigmund Freuds führte Erikson die Einsichten Freuds zur Psychoanalyse weiter, indem er das klassische Psychoanalyse-Strukturmodell weiterentwickelte, welches er mit den von Freud eingeführten Termini Ich, Es und Über-Ich [52] operationalisierte.[53]

Unter Identität versteht Erikson ein Gefühl von Kontinuität und Einheitlichkeit:

„So ist Ich-Identität (...) das Gewahrwerden der Tatsache, daß in den synthetisierenden Methoden des Ichs eine Gleichheit und Kontinuierlichkeit herrscht und daß diese Methoden wirksam dazu dienen, die eigene Gleichheit und Kontinuität auch in den Augen der anderen zu gewährleisten.“[54]

Erikson differenziert zwischen einer persönlichen Identität und einer sozialen Gruppenidentität, ohne diese beiden Komponenten kann eine Identität nicht entstehen. Die persönliche Identität erfasst die Wahrnehmung der „eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit“.[55] Eine Gruppenidentität bildet sich, wenn auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen. Die personale Identität verlangt also, dass das Individuum einzigartig ist, die Gruppenidentität fordert hingegen eine Anpassung an die Normen der Gesellschaft. Für eine gelungene Ich- Identität müssen diese beiden Komponenten bewusst in Einklang gebracht werden. Das Ich soll ein Selbstbewusstsein, ein Selbstgefühl konstituieren und sich „zu einem definierten Ich innerhalb einer sozialen Realität entwickeln]“.[56]

Erikson klassifiziert die Entfaltung der Identität in verschiedene Phasen. Identität entwickele sich zwar lebenslang, doch „die entscheidende Weichenstellung [erfolgt] in der Adoleszenz (...), denn dort verlässt der Heranwachsende allmählich primäre, gemeinschaftliche Beziehungen und bereitet sich auf zweckgerichtete, gesellschaftliche Beziehungen vor“.[57] Die Erfahrungen, die durch die Überwindung der einzelnen Krisen gesammelt werden können, bereiten jeweils auf die nächste Phase vor. Eine ausgeprägte Ich-ldentität kann aber erst in der Adoleszenzphase erlangt werden:

„Es sollte damit [mit der Ich-ldentität] ein spezifischer Zuwachs an Persönlichkeitsreife angedeutet werden, den das Individuum am Ende der Adoleszenz der Fülle seiner Kindheitserfahrungen entnommen haben muß, um für die Aufgaben des Erwachsenenlebens gerüstet zu sein.“[58]

Jede Phase enthält einen Höhepunkt, der in eine kritische Phase tritt und aus der gegen Ende der Phase eine bleibende Lösung hervorgeht. Diese Lösung fördert eine bestimmte Grundhaltung des Menschen zu sich selbst und zur Gesellschaft. Jede Phase und somit jede Grundhaltung baut aufeinander auf. Des Weiteren erlangt das Individuum in jeder Phase eine Tugend, also eine Grundstärke oder Eigenschaft, die dem Individuum eine feste Struktur und Sicherheit im Umgang mit sich selbst und anderen geben.[59]

„Das menschliche Wachstum soll hier unter dem Gesichtspunkt der inneren und äußeren Konflikte dargestellt werden, welche die gesunde Persönlichkeit durchzustehen hat und aus denen sie immer wieder mit einem gestärkten Gefühl innerer Einheit, einem Zuwachs an Urteilskraft und der Fähigkeit hervorgeht, ihre Sache »gut zu machen«, und zwar gemäß den Standards derjenigen Umwelt, die für diesen Menschen bedeutsam ist.“[60]

Kommt es zu einem Gleichgewicht zwischen der persönlichen Entwicklung, also der erfolgreichen Bewältigung der einzelnen Krisen, und der sozialen Umwelt, können die Stärken und Tugenden in das Ich des Individuums so integriert werden, dass sie die bevorstehenden Probleme und Krisen der nächsten Phase bewältigen helfen können.[61]

2.1.2.2 Die Phasen im Lebenszyklus

Erikson unterscheidet zwischen acht Phasen im Lebenszyklus, die entscheidende Frage in jeder Phase lautet „Wer bin ich?“.[62] Die Ausbildung der Identität geschieht zwar über diese acht Phasen und ist eine lebenslange Entwicklung, die ausschlaggebende und entscheidende Phase ist jedoch die der Adoleszenz. Das Individuum erhält hier die Ich-Identität: „Das heißt aber nicht, daß die Identitätsbildung mit der Adoleszenz beginne oder ende: sie ist vielmehr eine lebenslange Entwicklung, die für das Individuum und seine Gesellschaft weitgehend unbewusst verläuft.“[63]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Phasen der Identitätsbildung nach Erikson[64]

In der ersten Phase, die zeitlich im Säuglingsalter anzuordnen ist, herrscht also der Konflikt zwischen Vertrauen und Misstrauen. Das Individuum ist absolut von seiner Bezugsperson abhängig, es existiert eine Unsicherheit, ob seine Bedürfnisse erfüllt werden oder nicht. Wird dieser Konflikt positiv durchlaufen, vertraut also das Individuum seiner Bezugsperson und werden im Gegenzug seine Ansprüche nicht enttäuscht, erlangt es die Tugend Hoffnung.[65]

In der zweiten Phase, dem Kleinkindalter, wird das Individuum zum einen mit der Ausbildung des eigenen Willens und zum anderen mit dem Willen anderer konfrontiert. Es kann zu Missverständnissen zwischen dem eigenen Können und den Anforderungen der Bezugspersonen kommen. Gelingt es, ein Gleichgewicht zwischen dem eigenen Willens und den Anforderungen der Bezugspersonen herzustellen, ist die Krise überwunden, und das Individuum erlangt die Tugend Wille[66] Gestärkt kann es in die nächste Phase übertreten: das Spielalter.

Das Individuum ist nun zur sicheren Erkenntnis gelangt, dass es „ein Ich ist, nun muss es herausfinden, welche Art von Person es werden will“.[67] Die Grundzüge, die George H. Mead im play beschrieben hat, können auch bei Erikson erkannt werden. Das Individuum reproduziert verschiedene Rollen und muss „sich das sozial Zulässige vor(...)nehmen und das Falsche ()unterlassen.“[68] Gelingt ihm die Überwindung des Konflikts, gewinnt er die Eigenschaft der Zielstrebigkeit.[69]

In der vierten Phase befindet sich das Individuum im Schulalter, und es muss sich den Anforderungen der Bezugspersonen stellen. Wird es ihnen gerecht, bildet sich ein Gefühl von „Leistung oder Werksinn“[70], scheitert es an den Anforderungen, kommt ein Minderwertigkeitsgefühl auf.[71]

In der Adoleszenz angekommen, nach Erikson die Phase, in der die Identität eines Individuums festgelegt wird, wird sich das Individuum „seiner selbst im Spiegel neuer anderer (...) bewusst“.[72]

„Aber in der Pubertät werden alle Identifizierungen und alle Sicherungen, auf die man sich früher verlassen konnte, erneut in Frage gestellt, und zwar wegen des raschen Körperwachstums, das sich nur mit dem in der frühen Kindheit vergleichen lässt und dem sich jetzt die gänzlich neue Eigenschaft der physischen Geschlechtsreife zugesellt.

Der wachsende und sich entwickelnde Jugendliche ist nun, angesichts der physischen Revolution in ihm, in erster Linie damit beschäftigt, seine soziale Rolle zu festigen. Er ist in manchmal krankhafter, oft absonderlicher Weise darauf konzentriert, herauszufinden, wie er, im Vergleich zu seinem eigenen Selbstgefühl, in den Augen anderer erscheint und wie er seine früher aufgebauten Rollen und Fertigkeiten mit den gerade modernen Idealen und Leitbildern verknüpfen kann.“[73]

Mit dem Übertritt in das Erwachsenenalter werden das aufgebaute Selbstbild der Kindheit, und damit auch die Identifikationen, durch andere geprüft. Das Individuum wendet sich von den alten, elterlichen Bezugspersonen ab und sucht sich neue Bezugspersonen, die es völlig neu bewerten. Auch das Individuum selbst muss kontrollieren, inwiefern seine eigenen „kindlichen Identifizierungen“[74] zu denen der Gesellschaft passen. Um eine gesunde Identität ausbilden zu können, muss das Individuum zum einen eine Kontinuität zwischen dem in der Vergangenheit Gewonnenen und der Zukunft schaffen können. Zum anderen muss das Bild, das andere von ihm besitzen und erwarten, mit seinem Selbstbild übereinstimmen.[75] Die Fähigkeit, die in dieser Phase ausgebildet wird, ist die Treue als „die feste Verpflichtung auf Ideale und idealisierte Personen“.[76] Das Individuum entscheidet sich in dieser Phase also, was und wer es sein will und mit welchen Haltungen, Personen und Werten es nicht identifiziert werden will: eine Ich-Identität wird aufgebaut.

Die sechste Phase ist die Phase des jungen Erwachsenenalters. In dieser Zeit ist die Entwicklung der Identität von der Partnerschaft bestimmt: Gelingt es, eine positive, liebevolle Partnerschaft einzugehen, entsteht ein „wechselseitiges Gefühl der Intimität“[77], misslingt dies, kommt es zur Isolierung[78] Liebe ist die Tugend, die in dieser Phase erworben wird.[79]

In der Phase des eigentlichen Erwachsenenalters werden das Individuum und sein Partner mit der Bereitschaft, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, konfrontiert. Entscheidet man sich dafür, konstituiert sich die Fürsorge. Wird vor der Verantwortung zurückgeschreckt, läuft man Gefahr, sich völlig in sich selbst zurückzuziehen.[80]

In der achten Phase, dem reifen Erwachsenenalter, steht das Individuum am Ende seiner Entwicklung. Es soll auf sein Leben zurückblicken und seinen Werdegang akzeptieren. Die letzte Tugend, die das Individuum generieren kann, ist die Weisheit.[81]

2.1.3. Identität als Prozess - Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Identität wird in beiden Konzepten als ein fortlaufender Entwicklungsprozess verstanden. Dieser Prozess geschieht im Austausch mit anderen Individuen, ohne Gesellschaft kann keine Identität entstehen. Ebenso messen beide Konzepte dem Prozess der Selbsterkenntnis und der Reflektion eine hohe Bedeutung bei.

Erikson fuhrt eine gelungene Identitätsbildung jedoch zurück auf eine Wechselwirkung von sozialen Einflüssen und dem Ergebnis von Krisen, die ein Individuum überwunden hat, und der Sozialisation der Umwelt. Er sieht die Bildung der Ich-Identität in der Phase der Adoleszenz abgeschlossen, danach könne nur noch eine Variation der Identität auftauchen. Mead hingegen fundiert eine erfolgreiche Identitätsbildung auf gesellschaftliche Aspekte, insbesondere kommunikative Aspekte. Ohne Kommunikation sei keine Identitätsbildung denkbar.

2.2 Die weibliche Identität

Die Entwicklung von Individuen unterliegt, wie oben beschrieben, komplexen Prozessen. Wendet man die Konzepte auf konkrete Beispiele wie Mann und Frau an, ergibt sich die Fragestellung, ob sie unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen und wie diese voneinander abweichen. Frauen verhalten sich gemäß der ihnen zugeschriebenen Geschlechterrolle: „Die Frau wurde und wird als die ’nach dem Unwesentlichen hin modifizierte Ergänzung’ des Mannes gesehen und den für alle Menschen geltend deklarierten, sich faktisch jedoch an männlichen Wertmaßstäben orientierenden Theorien subsumiert.“[82] Männern wird demnach eine Normalität zugeschrieben, Frauen werden nur als die Ergänzung, des Mannes konstruiert. Männer fungieren also als Maßstab zur Deskription der Weiblichkeit.

„Es gibt eine durch das männliche Wertesystem bestimmte Öffentlichkeit, in der Weiblichkeit als ,natürliches‘ Stigma und damit implizit als ,Zeichen beschädigter Identität“ (...) betrachtet wird.“[83]

Claudia Böger wendet die Stigma-Kategorien des amerikanische Soziologen Erving Goffman auf die weibliche Identitätsproblematik an: Heben sich bestimmte Verhaltensweisen oder äußere Attribute von der gesellschaftlich definierten Kategorie des „Normalen“ ab, kommt es, Goffman zufolge, zu einer Stigmatisierung. Das stigmatisierte Individuum erzeugt hierauf ein Gefühl der Minderwertigkeit. Stigmata sind Attribute, die ein Individuum abwerten und „mit dem Stereotyp dessen, was ,ein gegebener Typus von Individuum sein sollte“, unvereinbar sind“.[84] Jedoch sind Eigenschaften immer in Bezug zu ihrem Kontext und Typus zu interpretieren: Während eine Eigenschaft das Stigma eines Individuums bedeutet, kann sie für das andere Individuum die Normalität bestätigen.[85]

Goffman unterscheidet grundsätzlich zwischen drei Stigma-Kategorien:

- physische Deformationen („physical deformations“[86] )
- individuelle Charakterfehler („blemishes of individual character“[87] )
- Stigmata bezüglich Rasse, Geschlecht, Nation oder Religion („tribal stigma“[88] )

Frauen können die ihrem physischen Körper zugewiesenen Attribute als stigmatisierend empfinden. Die ständige Konfrontation mit vorgeschriebenen Schönheitsformen, denen Frauen nicht oder nicht mehr entsprechen, bewirken, dass Frauen die ihrem Aussehen zugeschriebenen Attribute als Stigma erfahren. Generell werden Ideale, somit auch das von weiblicher Schönheit, durch den Mann definiert[89] ; so werden nicht nur die körperlichen Vorstellungen weitergetragen, auch Wertvorstellungen werden geprägt, die für Frauen selbst relevant erscheinen. Frauen sehen sich somit durch den Blick der Männer, um sich ihrer selbst, also ihrer Identität, bewusst zu werden. Demnach imitieren sie den generalisierten Blick der Gesellschaft, um sich ihrer Rolle bewusst zu werden.

Die zweite Kategorie Goffmanns betrifft Frauen, die sich nicht der konstruierten Norm entsprechend verhalten, und thematisiert die Eigenverantwortlichkeit. Böger nennt unter anderem alleinerziehende Mütter als Beispiele: Anders als alleinerziehende Männer werden diese stigmatisiert, ihr Verhalten wird als „Fehltritt“[90] beurteilt, „die Frau hat schuld; ihr wird die Verantwortung zugeschoben“.[91] Auch Promiskuität wird Frauen als negatives Attribut zugeschoben, Männern hingegen gilt es eher als „Ehrenstigma“.[92] Stigmatisiert wird zum Beispiel nur die Prostituierte, nicht aber ihr (männlicher) Kunde. Homosexuelle sind insofern stigmatisiert, als dass ihnen weibliche Attribute zugeteilt werden.[93] Das Prinzip der Stigmatisierung kann ebenso auf Kategorien wie Rasse, Nation oder Religion angewendet werden.

Die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins schildern sowohl Mead als auch Erikson in ihren Identitätskonzepten: Ein Individuum muss sich seiner selbst im Kontext der Gesellschaft bewusst werden, um eine eigene Identität schaffen zu können.

3. Kultur

Identität und Kultur stehen in einer regenerativen Wechselbeziehung, sie beeinflussen sich gegenseitig und bauen aufeinander auf. Genau wie Identität ist Kultur ein schwer zu fassender und zu beschreibender Begriff. Dennoch soll versucht werden, eine dienliche Definition zu liefern, die für ein Verständnis von Kulturalität sorgt. Kultur differenziert die eigene Nation, Haltung oder Lebensweise von anderen.[94] Es sind verschiedene Ansätze des Kulturbegriffs vorhanden, wenn es zur Vermischung von mehreren Kulturen kommt. Deshalb soll im Folgenden zunächst der traditionelle Kulturbegriff nach Herder erörtert werden. Herder gebrauchte den Terminus „Kultur“, um Unterschiede zu verdeutlichen; er gilt als der Autor, der „die Pluralität menschlicher Lebensweisen (...) ins Bewusstsein gerückt hat“.[95] Daran anschließend werden die Vokabeln Multi-, Inter- und Transkulturalität näher erläutert, die von Wolfgang Welsch in seinem Aufsatz diskutiert wurden. Außerdem sollen die Besonderheiten von Migration, Kultur und Identität fokussiert werden.

[...]


[1] Der Begriff „Migrantenkino“ ist zumindest für die aktuelleren Filme der 1990er-Jahre bis heute nicht mehr treffend. Das Bewusstsein der Filmschaffenden und der Zuschauer hat sich geändert. Die Regisseure sind in Deutschland aufgewachsen und sehen Deutschland als ihre Heimat an. Deshalb wird im Folgenden der Terminus „deutsch-türkischer Film“ benutzt.

[2] Faulstich, Werner: Grundkurs Filmanalyse. München: Wilhelm Fink Verlag 2002.

[3] Geißler, Rainer: Vom Gastarbeiterland zum Einwanderungsland. Herausforderungen an das Mediensystem. In: Rainer Geißler, Horst Pöttker: Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten inDeutschland. Problemaufriss-Forschungsstand-Bibliographie. Bielefeld: transcript2005. S. 16f.

[4] Ebd. S. 19f.

[5] Geißler, R.: Vom Gastarbeiterlandzum Einwanderungsland. S. 20f.

[6] Ebd. S.21f.

[7] Mai, Manfred: Künstlerische Autonomie und soziokulturelle Einbindung. Das Verhältnis von Film und Gesellschaft. In: Manfred Mai, Rainer Winter: Das Kino der Gesellschaft - die Gesellschaft des Kinos. Interdisziplinäre Positionen, Analysen und Zugänge. Köln: Herbert von Halen Verlag 2006. S. 24f.

[8] Deutsches Filminstitut - DIF e.V. (Hrsg.) Kino und Migration in der BRD.Online unter: http://www.filmportal.de/df706/Artikel,,,,,,,,ED28C9EDE813B8B4E03053D50B370497,,,,,,,,,,,,, „„„„„„„.html [Zugriff 28.01.2011].

[9] Deutsches Filminstitut - DIF e.V. (Hrsg.) Kino und Migration in der BRD.

[10] Deutsches Filminstitut - DIF e.V. (Hrsg.) Kino und Migration in der BRD.

[11] Ebd.

[12] Nicodemus, Katja: Ankunft in der Wirklichkeit. Mit Fatih Akins „Gegen die Wand“ siegt das deutsche Kino über die deutschen Träume von einer Leitkultur. Erschienen in: Die Zeit, 19.02.2004. Online unter: http://www.filmportal.de/df/ac/Artikel,,,,,,,,ED2E253DAFB98F17E0 3053D50B372C94,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html [Zugriff 28.01.2009].

[13] Deutsches Filminstitut - DIF e.V. (Hrsg.): Sowohl als auch: Das „deutsch-türkische” Kino heute. Töchter zweier Welten? Frauenfiguren, Filme von Frauen. Online unter: http://www.filmportal.de/df/e£/Artikel„„„„ED2B76113AB83C54E03053D50B3713BC„„„„„„, „,„„„„„.html [Zugriff 29.01.2011].

[14] Deutsches Filminstitut - DIF e.V. (Hrsg.): Kino und Migration in der BRD.

[15] Deutsches Filminstitut - DIF e.V. (Hrsg.) Kino und Migration in der BRD.

[16] Deutsche Filmakademie e.V.: Deutscher Filmpreis, Programmheft 2010. Online unter: http://www.deutsche-filmakademie.de/index.php7idM910 [Zugriff29.01.2011]. S. 27-31.

[17] Janich, Nina; Thim-Marbrey, Christiane: Sprachidentität - Identität durch Sprache. Tübingen: Gunter Narr Verlag 2003. S. 39.

[18] Ebd.,S.41.

[19] Veith, Werner H.: Soziolinguistik. Ein Arbeitsbuch. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2005. S. 47.

[20] Janich, N.; Thim-Marbrey, C.: Sprachidentität - Identität durch Sprache. S. 40.

[21] Kron, Friedrich W.: Grundwissen Pädagogik. München: Ernst Reinhardt Verlag 2009. S. 83f.

[22] Jörissen, Benjamin: George Herbert Mead: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Perspektive des Sozialbehaviorismus. In: Benjamin Jörissen (Hrsg.): Schlüsselwerke der Identitätsforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. S. 88.

[23] Schäfers, Bernhard: Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. S. 72.

[24] Abels, Heinz: Identität. Uber die Entstehung des Gedankens, dass der Mensch ein Individuum ist, den nicht leicht zu verwirklichenden Anspruch auf Individualität und von der Hand in den Mund lebt. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006. S. 275.

[25] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1973. S. 299.

[26] Mead, G.: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 299.

[27] Abels, Heinz; Fuchs-Heinritz, Werner; u.a.: Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998. S. 16ff.

[28] Vgl. Mead, G.: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 300f.

[29] Abels, Heinz: Identität. Wiesbaden 2006, S. 258.

[30] Mead, G.: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 300.

[31] Abels, H.: Identität. S. 260.

[32] Abels, H.: Identität. S. 260.

[33] Mead, G.: Geist, Identitätund Gesellschaft. S. 184.

[34] Abels, H.: Identität. S. 261.

[35] Ebd. S. 261.

[36] Mead, G.: Geist, Identitätund Gesellschaft. S. 193.

[37] Mead, G.: Geist, Identitätund Gesellschaft. S. 193.

[38] Abels, H.: Identität. S. 266.

[39] Mead, G.: Geist, Identitätund Gesellschaft. S. 196.

[40] Ebd. S. 206.

[41] Abels, H.: Identität. S. 265.

[42] Ebd. S. 265.

[43] Ebd. S. 265.

[44] Ebd. S. 266.

[45] Ebd. S. 266.

[46] Mead, G.: Geist, Identität und Gesellschaft. S. 218.

[47] Mead, G.: Geist, Identität und Geseiischaft. S. 221.

[48] Abels, H.: Identität. S. 268.

[49] Ebd. S. 270.

[50] Ebd. S. 276.

[51] Abels, H.: Identität. S. 272.

[52] Vgl. Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. Leipzig, Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1923.

[53] Noack, Juliane: Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus. In: Benjamin Jörissen (Hrsg.): Schlüsselwerke derldentitätsforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. S. 37.

[54] Erikson,ErikH.: IdentitätundLebenszyklus. Frankfurt amMain: Suhrkamp 1973. S.18.

[55] Ebd. S. 18.

[56] Ebd. S. 17.

[57] Abels, H.: Identität. S. 278.

[58] Erikson,E.: IdentitätundLebenszyklus. S. 123.

[59] Ebd. S. 60.

[60] Ebd. S. 56.

[61]

[62] Vgl. Erikson, E.: IdentitätundLebenszyklus. S. 98-120.; Abels, H.:Identität. S.279-289. [Eigene Abbildung].

[63] Abels, H.: Identität. S. 279.

[64] Abels, H.: Identität. S. 280.

[65] Ebd. S. 280.

[66] Abels, H..- Identität. S. 277.

[67] Ebd. S.281.

[68] Ebd. S. 277.

[69] Ebd. S. 277.

[70] Ebd. S. 278.

[71] Erikson,E.: IdentitätundLebenszyklus. S. 106.

[72] Abels, H.: Identität. S. 279.

[73] Erikson,E.: IdentitätundLebenszyklus. S. 107.

[74] Abels, H.: Identität. S. 282.

[75] Ebd. S. 284.

[76] Ebd. S. 284.

[77] Abels, H.: Identität. S. 284.

[78] Erikson,E.: IdentitätundLebenszyklus. S. 118.

[79] Abels, H.: Identität. S. 289.

[80] Böger, Claudia: Erziehung und weibliche Identität. Zur Thematisierung der

Geschlechterdifferenz in derpädagogischen Semantik. Weinheim: Deutscher Studien Verlag 1995. S. 78.

[81] Böger, C.: Erziehung und weibliche Identität. S. 88.

[82] Ebd. S. 43.

[83] Ebd. S. 43.

[84] Goffman, Erving: Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity. New York: Simon &Schuster 1986. S. 4.

[85] Ebd. S. 4.

[86] Ebd. S. 4.

[87] Böger, C.: Erziehung und weibliche Identität. S. 88.

[88] Ebd. S. 90.

[89] Ebd. S. 90.

[90] Ebd. S. 90.

[91] Ebd. S. 90.

[92] Böger, C.: Erziehung und weibliche Identität. S.11.

[93] Fuchs, Max: Kultur Macht Sinn. Einführung in die Kulturtheorie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaft2008. S.11.

[94] Welsch, Wolfgang: Transkulturalität - Die veränderte Verfassung heutiger Kulturen. Ein Diskurs mitJohann Gottfried Herder. Veröffentlicht 1994. Online unter: http://www.via- regia.org/bibliothek/pdf/heft20/welsch_transkulti.pdf, [Zugriff 17.12.2010].

[95] Ebd. S.3.

Details

Seiten
104
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640911561
ISBN (Buch)
9783640909803
Dateigröße
976 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171595
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,3
Schlagworte
film medien deutsch türkisch gegen die wand yasemin 40qm deutschland die fremde germanistik identität mead erikson welsch akin filmanalyse frauen migration Transkulturalität transkulturell

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Titel: Identitätskonstruktionen - Frauenbilder im transkulturellen Kontext des deutsch-türkischen Films