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Thomas Hobbes und der Kontraktualismus

Seminararbeit 2011 21 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wissenschaft für Frieden

2. Wahrnehmung und Sprache
2.1 Der Wahrnehmungsprozess
2.2 Klugheit
2.3 Sprache

3. Die Leidenschaften
3.1 Hedonismus
3.2 Der Naturzustand als Krieg
3.3 Die Friedensneigung des Menschen

4. Der Vertrag
4.1 Der Weg zum Vertrag
4.2 Akt der Staatsgründung
4.3 Das Wesen des Souverän

5. Rousseau

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die politischen Wirren des 17. Jahrhunderts in England und Schottland beeinflussten in wohl nicht unerheblichem Maße das Denken eines Mannes, der als Begründer des Kontraktualismus gilt. Thomas Hobbes von Malmsbury lebte von 1588 bis 1679 und war vor allem durch die Wissenschaft seiner Zeit geprägt. Er hatte Umgang mit einigen Größen seiner Zeit, unter anderem mit Gilles Personne de Roberval, Pierre Gassendi, Galileo Galilei und René Descartes.[1]

Hobbes, der in besonderem Maße von der Mathematik beeindruckt war,[2] schuf eine Staatsphilosophie, die sich durch eine enorme Einheitlichkeit auszeichnet, trotz dessen dass sie sich in mehreren Werken manifestiert. Primär in seinem dreigeteilten Werk Elementa Philosophiae und in Leviathan legt er die Idee des Übergangs vom natürlichen zum künstlichen Menschen dar. Hobbes schafft die Theorie des Gesellschaftsvertrages, deren Kern die Notwendigkeit von staatlicher Herrschaft ist. In einem dreistufigen Argumentationsmuster, dass bei den physikalischen Gegebenheiten und der kognitiven Funktionsweise der Lebewesen beginnt und über die Betrachtung des Menschen im individuellen und sozialen Kontext in einer Theorie des Staates und seiner Herrschaft mündet, inhäriert Hobbes seine Ansichten über Naturphilosophie, Anthropologie und politische Philosophie. Auch eine Moraltheorie lässt sich in den Werken finden, die jedoch keine wirkliche Moralphilosophie darstellt, da sie rein hedonistisch begründet ist.[3]

Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, Hobbes’ Überlegungen, die Voraussetzungen der Vertragstheorie sind oder diese direkt zum Gegenstand haben, darzulegen. Besonderer Fokus liegt dabei auf den Fragen, ob eine staatliche Gewalt notwendig ist und inwieweit sie ungeteilt sein muss.

Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird dabei auf eine Deutung der Titelkupfer von Leviathan und De cive verzichtet.

1. Wissenschaft für Frieden

Hobbes war begeisterter Wissenschaftler. Doch die Wissenschaft dient keinem Selbstzweck. Es existiert kein Wissen um des reinen Wissens Willen. „Die Vernunft ist der Schritt, die Mehrung der Wissenschaft [lediglich] der Weg und die Wohlfahrt der Menschen das Ziel.“[4] Dieses Ziel kann nur der Frieden sein, da die sicherste Forderung der natürlich menschlichen Vernunft darin besteht, „dem gewaltsamen Tode als dem höchsten Übel der Natur auszuweichen“.[5] Den Frieden anzustreben, ist außerdem ein Gebot der rechten Vernunft.[6]

Für Hobbes ist also die praktische Wissenschaft von besonderer Bedeutung. Auch wenn er deutlicher Gegner der Lehren von Aristoteles war, vertritt der Begründer der Vertragstheorie höchstwahrscheinlich den aristotelischen Leitsatz: „[Das] Ziel der politischen Untersuchung ist ja nicht das Erkennen, sondern das Handeln.“[7] Doch im Gegensatz zu Aristoteles geht es ihm nicht darum, Frieden durch moralische Gerechtigkeit zu gewährleisten. Hobbes’ Gerechtigkeitsbegriff bezieht sich nur auf die Einhaltung von Verträgen, die nichts anderes sind, als eine Vereinbarung der Übertragung von Rechten.[8] Ihm geht es um den Zwang, Verträge zu halten, was wiederum die Voraussetzung für Frieden ist.

Die starke Friedensneigung, die sich besonders in Leviathan abzeichnet, ist vermutlich durch Hobbes’ Lebensumstände bedingt. Er verbrachte zwecks der politischen Unruhen in England seine Lebenszeit von 1640 bis 1651 im Pariser Exil.[9]

2. Wahrnehmung und Sprache

2.1 Der Wahrnehmungsprozess

Für Hobbes sind die naturphilosophischen Prämissen ebenso vorbereitend für seine politischen Überlegungen, wie die anthropologischen. Dies zeigt sich deutlich an der Texthierarchie im Leviathan und noch offensichtlicher in der Dreiteilung der Elementa Philosophiae in De corpore, De homine und De cive. Die Überlegungen zu den Grundlagen der Philosophie, die Hobbes versucht in De corpore zu erläutern, können zwecks der Aufgabenstellung dieser Arbeit nur oberflächlich behandelt werden.

Der Begründer des Kontraktualismus ist Empirist, genauer Sensualist, was schon in Kapitel 1 §2 von De corpore deutlich wird. Hobbes meint, dass „Erfahrung nichts anderes [...] als Gedächtnis“[10] sei. Seiner Ansicht nach gleicht Erkenntnis dem Addieren bzw. Subtrahieren von wahrgenommenen Dingen und deren Eigenschaften. Jegliches Wissen stammt aus Empfindung, die, wenn man sie rekapituliert, zu Erinnerung führt. „Denn empfinden, dass man empfunden habe, heißt sich erinnern.“[11] Wahrnehmen besteht in der Veränderung des affizierten Körpers. Ganz im Sinne eines Vorgriffs auf die ersten beiden Newton’schen Gesetze formuliert Hobbes, „daß ein Ding, wenn es in Bewegung ist, ewig in Bewegung sein wird, wenn nichts anderes es anhält“ und „wenn ein Ding still liegt, ohne daß es von etwas bewegt wird, liegt es für immer still“.[12] Die sich daraus ergebene Konsequenz ist, dass Hobbes die Wahrnehmung der Menschen wie der Tiere als einen passiven Vorgang, der in den Sinnesorganen von statten geht und über Druck weitergeleitet wird, betrachtet. Dieses Bild einer rein mechanischen Wahrnehmungstheorie scheint aus der Sicht moderner Sinnesphysiologie, die von biochemischen und bioelektrischen Reizübertragungen ausgeht,[13] überholt. Jedoch ist das Grundprinzip des Affizierens dasselbe.

2.2 Klugheit

Dass Hobbes Wahrnehmung, Empfindung, Einbildung und Erinnern dem Menschen nicht als arteigenspezifisch zurechnet, scheint selbstverständlich, da Tieren dies ebenfalls inhärent ist. Verwunderlich scheint jedoch, dass er selbst die Klugheit nicht allein den Menschen zuspricht. Hobbes vertritt dabei die These, dass es „Tiere [gibt], die einjährig mehr beobachten und das, was zu ihrem Wohl beiträgt, klüger verfolgen, als dies ein zehnjähriges Kind tun kann.“[14] Doch dies suggeriert, dass es sinnvoll ist, zwecks Klugheit, unterschiedliche Arten von Lebewesen in einer frühen Entwicklungsphase zu vergleichen. Dass die Klugheit eines erwachsenen Menschen, die eines Tieres möglicherweise deutlich überragt und dies eventuell als Abgrenzungskriterium gelten könnte, bleibt unbeachtet.

2.3 Sprache

Die bereits erwähnten kognitiven Leistungen sind die Voraussetzung für die Sprache, die zunächst dem Ordnen und Rekapitulieren von Gedanken dient, welche infolge dessen auch anderen mitgeteilt werden können.[15] Sprache ist demzufolge Bedingung für Vernunft und Wissenschaft. Hobbes unterscheidet zwischen einer vorkommunikativen und einer kommunikativen Form.[16] In ersterer Variante dient die Sprache als Merkzeichen. „Denn wenn nur ein einziger Mensch in der Welt wäre, würden sie [-die Merkzeichen-] zur Unterstützung seines Gedächtnisses ihm nützlich sein, während sie zur Mitteilung, wenn niemand da wäre, dem etwas mitgeteilt werden könnte, nicht dienen könnten.“[17] Kommunikativ hat die Sprache elementare Bedeutung für das Politische, denn „ohne sie hätte es unter den Menschen weder Staat noch Gesellschaft, Vertrag und Frieden gegeben“.[18] Sie ermöglicht außerdem, „dass wir befehlen und Befehle verstehen können.“[19]

Diesen positiven Aspekten stehen jedoch auch negative entgegen. Durch die Sprache ist es möglich, etwas als gut zu deklarieren, obwohl es schlecht ist und umgekehrt.[20] Hobbes spielt dabei wohl auf die Sophisten an, die die Eigenart der Sprache nutzen, dass in ihr und nicht in den bezeichneten Dingen der Wert gut bzw. schlecht immanent ist.[21] Zusätzlich verwirft Hobbes auch Metaphern als negative Verwendung der Sprache, was kontraproduktiv ist, weil er sie selbst zur Argumentation heranzieht. Nicht zuletzt der Titel Leviathan spielt auf das Seeungeheuer aus dem Buch Hiob des alten Testamentes an.[22]

Drei Faktoren der Sprache sind für die weitere Analyse von besonderer Bedeutung. Erstens ist sie dem Menschen eigentümlich. Er ist auch ohne sie ein Mensch, doch nur ihm steht die Möglichkeit des Spracherwerbs zu.[23] Die Sprache ist somit das Unterscheidungskriterium zum Tier.[24] Inwiefern von Geburt an Taubstumme nach dem Genannten als Menschen gelten können, bleibt unklar, da Hobbes diesen Sonderfall nicht aufgreift.

Zweitens ist die Sprache notwendige Bedingung für den Staat, da erst durch sie komplexe soziale Kommunikation möglich ist.

Drittens ist sie Bedingung für Vernunft und dadurch auch für Wissenschaft, welche durch reines Verknüpfen von Wissen charakterisiert ist.[25] Nach Hobbes bedeutet Wissenschaft also hauptsächlich Kausalforschung, da es primär um Folgewissen geht.[26] Für ihn existiert jedoch logischerweise auch Tatsachenwissen, was aber nicht Gegenstand von Wissenschaft ist.

3. Die Leidenschaften

Hobbes vertritt ein materialistisches, sensualistisches und nominalistisches Menschenbild. Besonders durch seine Ansicht, dass die Wahrnehmung ein passiver und rein mechanischer Prozess ist, ist auch der Determinismus hinzuzurechnen, da aufgrund von Hobbes’ Kognitionstheorie kein freier Wille möglich ist. Der Mensch handelt zwar nach eigenem Willen. Dieser ist aber durch seine Leidenschaften bestimmt, welche er wiederum nicht beherrscht.

Die folgende Analyse lässt sich zweiteilen. Zunächst stehen die individuellen und im Anschluss die sozialen Leidenschaften im Fokus der Untersuchung.

3.1 Hedonismus

Für Hobbes besteht ein naturalistischer Hedonismus, der sich in den Trieben des Verlangens bzw. Abneigens manifestiert.[27] Die Gegenstände des Begehrens sind gut und die des Hasses böse.[28] Wichtig zu beachten ist dabei, dass ein guter Gegenstand nicht an sich, sondern immer nur für jemanden gut ist.[29] Als dritte Möglichkeit kann ein Ding auch belanglos sein. Aufgrund dessen, dass Hobbes von einem hedonistischen Menschen ausgeht, muss das größte Gut, die Glückseeligkeit, im ungehinderten Streben nach Begehrtem liegen. Dieses kann durch den vertretenen Sensualismus kein Ende haben, denn „nicht empfinden heißt: nicht leben.“[30] Hobbes beschreibt sogar, ganz im Vorgriff auf den Utilitarismus von Bentham,[31] ein hedonistisches Kalkül.

Wegen der Beschreibung des Menschen als ein rein auf die eigenen Interessen gerichtetes Wesen, verwundert es, dass Hobbes auch Leidenschaften wie Nächstenliebe und Gutmütigkeit anführt.[32]

[...]


[1] Vgl. Höffe (2010), S. 31.

[2] Trotz dieser Begeisterung, reichte sein Verständnis nicht aus, um mit Mathematikern wie Descartes oder Leibniz mitzuhalten. Vgl. Höffe (2010), S. 41.

[3] Vgl. Kap. 1; 3.2; 3.3.

[4] Hobbes (1984), S. 37.

[5] Hobbes (2008)c, S. 135.

[6] Vgl. ebd., S. 147.

[7] Aristoteles (2008), S. 46 1095a.

[8] Vgl. Kap. 4.1.

[9] Vgl. Hirschberger (2007), S. 190.

[10] Hobbes (2008)a, S. 6.

[11] Ebd., S. 76.

[12] Hobbes (1984), S. 13; Zur Newton’schen Mechanik Vgl. Munowitz (2005), S. 73 ff.

[13] Vgl. Schröger (2010), S. 110 ff.

[14] Hobbes (1984), S. 22.

[15] Vgl. Hobbes (2008)a, S. 7 bzw. Hobbes (1984), S. 24 f.

[16] Vgl. Höffe (2010), S. 93.

[17] Hobbes (2008)a, S. 11.

[18] Hobbes (1984), S. 24.

[19] Hobbes (2008)b, S. 111.

[20] Vgl. Hobbes (2008)c, S. 133.

[21] Vgl. Hobbes (2008)a, S. 20.

[22] Vgl. AT Hiob 40, (25) ff.; An dieser Stelle des Buches Hiob erfolgt eine deutliche Charakterisierung des Seeungeheuers Leviathan. Gemeinsamkeiten zwischen dem biblischen Leviathan und dem Souverän in Thomas Hobbes’ Gedankenexperiment sind nur oberflächlich.

[23] Vgl. Hobbes (1984), S. 23.

[24] Es besitzen beispielsweise auch Graupapageien die Möglichkeit, menschliche Sprache zu verstehen und anzuwenden. (Vgl. Pepperberg (2002)) Nach Hobbes’ Erklärung, würden diese somit automatisch als Mensch gelten.

[25] Dabei wird Hobbes’ Idee des rechnenden Verstandes, die bereits in Kap. 2.1 angeführt wurde, ein weiteres Mal deutlich.

[26] Vgl. Hobbes (1984), S. 63.

[27] Vgl. ebd., S. 39 f.

[28] Vgl. ebd., S. 41; Das Wort böse suggeriert eine moralische Wertung, die Hobbes höchstwahrschein- lich nicht beabsichtigt. Die Bezeichnung schlecht passt in diesem Fall besser.

[29] Vgl. Hobbes (2008)b, S. 114; Diese Ansicht widerspricht deutlich Platons Ideenlehre. Vgl. Platon (2006)a, S. 413 ff. St.507a ff.; soll nur als Beispiel dienen, da sich die Ideenlehre in vielen Werken Platons manifestiert.

[30] Hobbes (2008)b, S. 118.

[31] Vgl. Bentham (2008), S. 79.

[32] Vgl. Hobbes (1984), S. 43.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640911509
ISBN (Buch)
9783640909582
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171587
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
Schlagworte
Hobbes Kontraktualismus Vertragstheorie Vertrag Mensch Staat Leviathan Bürger

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