Lade Inhalt...

Trainings- und Sporttherapie bei Erkrankungen der Wirbelsäule

Konservative Therapie bei Rückenschmerzen

Wissenschaftlicher Aufsatz 2011 48 Seiten

Medizin - Orthopädie

Leseprobe

Inhaltsübersicht

Zusammenfassung/Summary

1. Biomechaník der Wirbelsäule
1.1. Funktion des Wirbelsegmentes
1.2. Bandscheibe
1.2.1. Bandscheibe und mechanische Belastung
1.2.2. Bandscheibe bei degenerativen Veränderungen
1.3. Wirbelsäulenbänder
1.4. Wirbelkörper
1.5. Muskulatur der Wirbelsäule
1.6. Verhalten der Strukturen bei Bewegungen
1.7. Der Einfluss der Rumpfrotation auf die LWS
1.8. Kräfte und Belastung des Wirbelsegmentes Kraftfluss in der Wirbelsäule

2. Pathologische Veränderungen des Wirbelsegmentes
2.1. Schäden der Bandscheibe Die „Heilung“ nach einem Bandscheibenprolaps
2.2. Weitere Degenerationserscheinungen der Wirbelsäule
2.3 Weitere Ursachen für Instabilitäten
2.4. Stenose (Verengung) des Spinalkanals
2.5. Verletzungen der Wirbelsäule

3. Diagnostik bei Wirbelsäulenerkrankungen
3.1. Anamnese
3.2. Klinische Untersuchung
3.3. Neurologische Untersuchung
3.4. Röntgendiagnostik
3.4.1. Wertung der pathologischen Veränderungen
3.5. Weitere Diagnostik
3.6. Klassifizierung chronischer Rückenschmerzen

4. Therapie
4.1. Belastung und Entlastung der Wirbelsäule
4.1.1. Lagerung
4.1.2. Die Extension
4.1.2.1. Wirkung der Extension
4.1.3 Haltung und Rückenschmerz Therapeutische Ziele zur Verbesserung der Haltung:
4.2. Weitere Basistherapien beim Rückenschmerz
4.2.1. Physiotherapie der Wirbelsäule
4.2.2. Andere Therapien beim Rückenschmerz
4.3. Krafttraining der Wirbelsäulenmuskulatur
4.3.1. Durchführung des Rumpfmuskeltrainings
4.3.2. Training der Schulterblatt- und Schultermuskulatur
4.3.3. Training der Rückenstrecker
4.3.4. Training der Bauchmuskeln
4.3.5 Training der Rumpfrotatorenmuskulatur
4.4. Behandlungsziele
4.5. Behandlungsstrukturen
4.6. Überlastungssyndrome bei Rückentherapien Glossar

Literatur

Dr. Christoph Schönle

Arzt für Orthopädie, Chirotherapie, Rehabilitative und Physikalische Medizin, Sportmedizin, Sozialmedizin, Osteopathie (L1)

Zusammenfassung

Zur Behandlung von Rückenschmerzen steht eine Reihe von nicht-operativen Therapien zur Verfügung. Will man diese Therapiemöglichkeiten gezielt anwenden, so sind die Kenntnisse über die biomechanische Belastbarkeit der Wirbelsäule im gesunden und im erkrankten Zustand hilfreich. Dazu ist es auch notwendig, die vielfältigen Ursachen der Rückenschmerzen (Bandscheibendegeneration, Instabilität, Verbiegung, knöcherner Kontakt, Nervenkompressionssyndrom, Gelenkblockierung u .v. a.) möglichst genau zu analysieren. Rückenschmerzen können beispielweise schon durch bestimmte Lagerungstechniken gelindert werden. Bei Gefügelockerung oder Wirbelgleiten kann die Stabilität der Wirbelsegmente durch Kräftigung bestimmter Muskeln erhöht werden. Bei Haltungsschwächen oder Fehlhaltungen können durch Kräftigungs- und Dehnungsübungen Haltungskorrekturen erreicht werden. Bei Bandscheibenschäden wird die Druckentlastung der Bandscheiben durch ein gezieltes, rückenschonendes Training der Rumpfmuskulatur bewirkt. Die Kräftigung der Rumpfmuskulatur ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode, die vielfach therapeutische Effekte aufweisen kann, wenn sie unter biomechanischen Gesichtspunkten durchgeführt wird.

Einleitung

Mit der Entwicklung eines knöchernen Rückgrates vor 400 Millionen Jahren stellten sich Krankheiten und Störungen der Wirbelsäule ein. Schon in der Kreidezeit litten Dinosaurier an einer Spondylosis deformans der Wirbelsäule. Bandscheibenschäden und Osteochondrosen verschonten auch nicht den Steinzeitmenschen 1. Obwohl die moderne Medizin einen enormen, bisher nie dagewesenen diagnostischen und therapeutischen Fortschritt erreicht hat, ist es nicht gelungen, den Rückenschmerz zu besiegen. Unverändert wird die Menschheit von Beschwerden auf dem Boden degenerativer Wirbelsäulenveränderungen geplagt.

1. Biomechanik der Wirbelsäule

1.1. Funktion des Wirbelsegmentes

Ein Wirbelsegment besteht nach JUNGHANNS 2 aus zwei Wirbelkörpern und der dazwischen liegenden Bandscheibe. Es ist dreidimensional beweglich. Die Segmentbewegung wird limitiert durch

- die Wirbelsäulenbänder (vorderes und hinteres Längsband, Lig. flavum, Lig. interspinale u.a.)
- die Bandscheibe, die bindegewebig an den Grund- und Deckplatten der benachbarten Wirbelkörper verankert ist
- die Wirbelsäulenmuskeln
- knöchern durch die Wirbelgelenkfortsätze.

1.2. Bandscheibe

Die prallelastische Bandscheibe besteht aus einem festen Faserring (Anulus fibrosus) und einem weichen, gallertartigen Kern (Nucleus pulposus). Sie dient als Pufferzone zwischen den Wirbelkörpern, welche die Körperlast des Rumpfes auch bei verschiedenen Haltungen annähernd gleichmäßig auf die Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper verteilt.

Bei aufrechter Haltung im Laufe des Tages verliert die Bandscheibe an Höhe (im Bereich der unteren LWS 11 %), was durch einen Flüssigkeitsverlust und ein leicht verstärktes Vorwölben des Bandscheibenringes bedingt ist3. Dadurch ist ein Größenverlust bis zu 2 cm möglich4.

Bei Vorbeugung des Oberkörpers wölbt sich die gesunde Bandscheibe ventral stärker vor, während die Vorwölbung dorsal abnimmt. Dies hat seine Ursache in der erhöhten Zugspannung der äußeren Lamelle des dorsalen Faserringes. Dadurch wird der Anulus fibrosus dorsal gespannt und eine Vorwölbung zurückgezogen. Außerdem bewegt sich der obere Wirbelkörper bei Vorbeugung relativ zum unteren Wirbelkörper nach vorn, und dieser Effekt trägt zusätzlich zur Verminderung der dorsalen Vorwölbung der Bandscheibe bei. Ein Zusammenhang von Vorbeugung und der Entstehung von Bandscheibenschäden - etwa durch ein Herausquetschen des dorsalen Bandscheibenringes - besteht nicht und ist auch anderweitig nicht belegt, zumindest wenn keine degenerativen Veränderungen im dorsalen Bandscheibenbereich vorliegen.

1.2.1. Bandscheibe und mechanische Belastung

Die hohe Beanspruchung der lumbalen Bandscheiben bei axialer Last - oft bei gleichzeitiger Seitneigung und Rotation des Rumpfes - und die Angaben der Patienten legen die Vermutung nahe, dass biomechanische Faktoren für die Entstehung eines Bandscheibenvorfalles ursächlich sind. Ein eindeutiger Beweis steht aber bis heute aus.

Laborversuche zur Provokation von Bandscheibenvorfällen an Präparaten

Bei Kompression von Segmenten der Lendenwirbelsäule bricht immer der Lendenwirbelkörper, eine Verletzung des Faserringes der Bandscheibe oder ein Vorfall von Bandscheibengewebe werden nie beobachtet5. Das Ergebnis ist unabhängig davon, ob es sich um eine einmalige oder wiederholte Belastungen handelt. Die Überlastung führt zu einer irreversiblen Eindellung der Grund- oder Deckplatten der Wirbelkörper, gelegentlich mit Eindringen von Bandscheibengewebe in die Spongiosa.

Nur bei Hyperflexion (Vorbeugung über die physiologische Grenze hinaus) und gleichzeitiger hoher axialer Belastung kann das dorsale Band reißen und der Anulus fibrosus sich lösen6. Dieser Mechanismus kann den durch einen Unfall hervorgerufen Bandscheibenvorfall erklären: Beispielsweise beim mißglückten Abgang von einem Turngerät tritt eine hohe Belastung beim Auftreffen auf den Boden bei gleichzeitiger Hyperflexion des Körpers auf. Dieser Ursachen sind aber sehr selten.

Die Rolle bestehender Einrisse im Anulus fibrosus wurde ebenfalls experimentell untersucht. Hierzu wurde der äußere Faserring 1mm tief eingekerbt. Bei experimenteller axialer Belastung ereigneten sich wiederum Frakturen der Wirbelkörper. Ein Bandscheibenvorfall wurde wiederum nicht beobachtet.

Eine lumbale Bandscheibe mit einer radialen Fissur, die vom Zentrum bis 1 mm an die Peripherie reicht, zeigte in Laborversuchen keinen Prolaps. Bei Überlastung brach auch hier der Wirbelkörper, der Anulus fibrosus blieb unverletzt5.

Auch der Einfluss der Rotation auf die Entstehung eines Bandscheibenvorfalles wurde untersucht:

Bei intakten Facettengelenken reicht der Bewegungsumfang von etwa 2 Grad im lumbalen Bereich nicht aus, um den Anulus fibrosus zu schädigen. Wahrscheinlich kann auf diese Weise kein Bandscheibenvorfall hervorgerufen werden.

1.2.2. Bandscheibe bei degenerativen Veränderungen

Ganz anders verhält sich die Bandscheibejedoch bei degenerativen Veränderungen. Hier reichen schon Alltagsbelastungen aus, um den spröden und teils eingerissenen Anulus fibrosus weiter einreißen zu lassen. Auch alle anderen pathologischen Veränderungen wie eine spinale Stenose, Gefügelockerungen, knöcherne Randzacken, Bandscheibenvorwölbungen oder -vorfälle, Wirbelgelenksarthrosen u.v.a. haben eine starke Veränderungen der normalen Biomechanik zur Folge.

1.3. Wirbelsäulenbänder

Die Bänder der Wirbelsäule tragen neben den Bandscheibenfasern, die in den Grund- und Deckplatten der Wirbelkörper verankert sind, entschieden zur Stabilität der eigentlich sehr instabilen "Säule" bei. Sie funktionieren wie die Verspannungen eines Schiffsmastes. Lässt eines oder mehrere der Seile in der Spannung nach - etwa durch eine Verletzung, oder durch ein Einsinken der Bandscheiben (Degeneration) - dann wird die Verspannung locker. Die anderen Bänder müssen nun höhere Spannungen aufnehmen. Gleichzeitig gerät das lockere Band bei endgradigen Bewegungen plötzlich unter hohe Spannung, was zu einem harten Anschlagen des Bandes am Knochenansatz führt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1

Die wichtigen Bänder((Lig. =Ligamentum) der Lendenwirbelsäule. Gerade bei den unelastischen Bändern kann eine Höhenminderung der Bandscheibe zu einem Verlust der Haltefunktion des Bandes („relative Bandinsuffizienz“) und anschließend zum plötzlichen „Anschlagen “ bei einer Bewegung führen 7.

1.4. Wirbelkörper

Die Spongiosastruktur eines gesunden Wirbelkörpers ist recht spärlich; und auch die Kortikalis ist dünn, höchstens 2-3Mal so dick wie die Spongiosabälkchen7. Dies reduziert das Gewicht der Wirbelsäule. Gleichzeitig reicht diese Leichtbauweise aus, um einer Kompression von immerhin 1000 kp standzuhalten. Bei Osteoporose, Metastasen oder anderen knochenzehrenden Krankheiten kann allerdings die Stabilität des Wirbelkörpers schnell nachlassen. Die Kompressionsbelastung auf das Wirbelsegment LW3/4 liegt beim Stehen bei etwa 100 kp und bei alltäglichen Tätigkeiten bei 300 bis 400 kp. Im Liegen reduziert sich diese Belastung auf 30 kp 8.

Allerdings ist die Kraftübertragung von Wirbelkörper zu Wirbelkörper nicht der einzige Kraftfluß. Starke Spongiasabögen gehen vom Wirbelkörper in die beiden Wirbelbögen über, woraus zu schließen ist, dass ein weiterer Teil der Kompressionskräfte auch auf die Wirbelgelenke abgeleitet wird. Die Wirbelbögen dienen zudem als Hebel, über den die starken Rückenmuskeln das Wirbelsegment bewegen können.

1.5. Muskulatur der Wirbelsäule

Wie ein Korsett umspannen die geraden und die schrägen Bauchmuskeln das Abdomen (Abb. 15). Im rückwärtigen Anteil verstärken der kräftige M.iliopsoas und der M. quadratus lumborum die Zuggurtung.

Bei den Rückenmuskeln sind drei Schichten zu unterscheiden:

- Der M. latissimus dorsi ist der breitflächigste Muskel der Lendenwirbelsäule
- Darunter liegt der M. erector spinae, der vom Kreuzbein schräg nach oben zu den Rippen zieht. Dieser Faserverlauf spricht besonders auf ein Muskeltraining mit Streck- oder Rotationsbewegungen an
- Aber auch die tiefen Muskelschichten der Lendenwirbelsäule, wie der M. iliocostalis, der M. longisssimus u. a. werden bei Streck- und oder Rotationsübungen der Brustwirbelsäule trainiert.

Drehungen im Bereich der Brustwirbelsäule werden unter anderem durch die Kontraktion der tieflumbalen Rückenstrecker bewirkt.

1.6. Verhalten der Strukturen bei Bewegungen

Bei Vorneigung des Rumpfes sind in der gesunden LWS folgende Veränderungen zu beobachten:

- Entsprechend dem Körperhebel des Rumpfes spannt sich die Rückenstreckmuskulatur an
- Die Cauda equina mit den Spinalnerven gleitet - in Relation zu den Wirbelkörpern - nach kopfwärts, die Nervenwurzeln werden im Nervenaustrittsloch nach oben gezogen
- Die Cauda equina wird wie ein Gurt über die gewölbte Wirbelsäule gespannt
- Die Wirbelgelenke gleiten auseinander
- Das hintere Längsband (Lig. longitudinale posterius) und die Kapselstrukturen der Wirbelgelenke werden zunehmend angespannt (s. Abb.1, linkes Bild)
- Teile der hinteren (dorsalen) Bandscheibe werden angespannt, Teile der vorderen Bandscheibe komprimiert; das Resultat ist neben der Vorwölbung des Anulus fibrosus nach vorn auch eine leichte Wanderung des weichen Kernes nach hinten, die um so größer ist,je mehr degenerative Veränderungen im hinteren Anulus fibrosus vorhanden sind
- bei endgradiger Beugung übernimmt das Ligamentum interspinale die Stabilisierung, die Rückenstreckmuskulatur ist nicht mehr aktiv (s. Abb. 1, linkes Bild).
- Das vordere Längsband wird entspannt. Bei maximaler Rückneigung (s. Abb. 1, rechtes Bild) drehen sich die Verhältnisse um, es treten folgende Veränderungen auf:
- Die Cauda equina entspannt sich im Wirbelkanal
- Die Cauda equina wandert - im Vergleich zu den Wirbelkörpern - nach unten, dadurch werden die Nervenwurzel in das Nervenaustrittsloch geschoben
- Das vordere Längsband wird angespannt
- Die Wirbelgelenke werden komprimiert.
- Das Nervenaustrittsloch wird kleiner.
- Es tritt eine Vorwölbung der Bandscheibe nach hinten auf.

Im Normalfall ist auch bei maximaler Rückneigung das Nervenaustrittsloch weit genug, um keine Nervenkompression hervorzurufen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Die Beweglichkeit der Lendenwirbelsegmente wird durch starke Bänder (rot), die Gelenkkapsel der Wirbelgelenke (grün) und die Stellung der Wirbelgelenke selbst begrenzt. Bänder in oranger Farbe: Vorderes Band = Lig. longitudinale anterius, Band an der Rückseite der Bandscheiben = Lig. longitudinale posterius. Band in roter Farbe: Lig. interspinale. Grüne Strukturen: Kapsel der Wirbelgelenke.

Bei Vorneigung (linkes Bild) und bei Rückneigung des Rumpfes (rechts) werden unterschiedliche Strukturen angespannt. Auch die Weite des Nervenaustrittsloches ändert sich, der Spinalnerv (gelb) hat vor allem bei Rückneigung weniger Platz.

Der Übergang von LW4 und LW 5 zum Kreuzbein ist ein besonderen Verhältnissen unterworfen: Von Mensch zu Mensch variieren die Winkel zwischen Kreuzbein und der Wirbelsäule stark. Im ungünstigen Fall entsteht hier eine Art Scharnier, das durch ständiges Vor- und Rückneigen des Rumpfes überlastet werden könnte. Vor allem bei pathologischen Veränderungen wie einem Bandscheibenverschleiß, aber auch beim Wirbelgleiten ist die Belastungsfähigkeit in diesen Segmenten reduziert.

1.7. Der Einfluss der Rumpfrotation auf die LWS

Die Drehbewegung des Rumpfes scheint ein in der menschlichen Bewegung natürliches Element zu sein.9. Beim Anheben einer Last erfolgt zunächst eine kleine Rotationsbewegung des Rumpfes. Dadurch wird die Last beschleunigt und näher an den Körper herangebracht. Je schwerer die gehobene Last, desto größer auch die Rotationsbewegungen 10. Bei der Rumpfrotation und Seitneigung wirken verschiedene Muskelgruppen - je nach Winkelstellung der einzelnen Wirbelsegmente - synergistisch oder antagonistisch zusammen.

Die Rotation der Wirbelsäule findet zum größten Teil in der Brustwirbelsäule statt. Dort rotieren die Wirbelgelenke, übereinander gleitend wie Dachziegel, problemlos auf einer Kreisbahn (s. Abb 2, linkes Bild).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2

Verhalten eines Wirbelsegmentes der Brustwirbel- (BWS) undder Lendenwirbelsäule (LWS) bei Rotation. In der BWS verschieben sich die Wirbelgelenke auf einem Kreisbogen, dessen Zentrum in derMitte des Wirbelkörpers liegt (grauer Punkt). Dadurch ist eine gute Rotation mit nur geringer Abscherung der dazwischen liegenden Bandscheibe (kleine Pfeile) möglich. In derLWS liegt das Rotationszentrum - bedingt durch dieparallele Anordnung der Wirbelgelenke - dorsal vom Spinalkanal. Bei Rotation des Segmentes wird das Segment deutlich auseinander geschert, wodurch die dazwischen liegende Bandscheibe geschert wird (nach1 ).

In der Lendenwirbelsäule liegen andere anatomische Gegebenheiten vor. Die Wirbelgelenke stehen hier seitlich nebeneinander und kommen schon bei geringer Rotation in Kontakt. Der Drehpunkt der Lendenwirbelkörper liegt, durch die Stellung der Wirbelgelenke bedingt, weit dorsal, etwa in Höhe des Wirbelbogens. Die Folge davon ist eine stärkere Scherbelastung der Bandscheiben (S. Abb. 2, rechtes Bild). Gerade die Scherbelastungen sollen zu Einrissen des Faserringes fuhren. Neuere Untersuchungen zeigen, dass bei Vorneigung die Rotationsfähigkeit der Lendenwirbelsäule noch weiter abnimmt. Dadurch könnte sich die Gefahr einer Schädigung noch vergrößern.

Andererseits ist eine Schädigung der Lendenwirbelsäule durch Scherkräfte im Alltag unwahrscheinlich, weil die Rotation hauptsächlich in der Brustwirbelsäule stattfindet und im Lendenwirbelbereich überwiegend Zug- und Druckkräfte auftreten. Ähnlich einer Kette mit mehreren Segmenten wird die Gesamtrotation des Oberkörpers auf viele Segmente verteilt. In den einzelnen Segmenten tritt nur eine geringe Winkeländerung auf.

1.8. Kräfte und Belastung des Wirbelsegmentes

Die untere Lendenwirbelsäule muss einer besonders großen Belastung standhalten, da sie das ganze Gewicht des Oberkörpers trägt.

Beim Anheben eines Gewichtes aus der Vorbeugung tretenjedoch weitaus höhere Kräfte auf, als es der reinen Gewichtskraft (Oberkörpergewicht plus Last) entsprechen würde. Die hohe Bandscheibenbelastung hat ihre Ursachen im großen Hebelarm der äußeren Lasten - im Vergleich zum kleinen Hebelarm der Rückenstreckmuskulatur. Beim Anheben eines Gewichtes steht die Gewichtskraft gegenüber der Muskelkraft im Verhältnis 1 : 6 (TROUP et al 1985). Zum Anheben des Gewichtes ist daher eine hohe Muskelkraft erforderlich, infolgedessen ist auch die Kompressionskraft auf die Wirbelsegmente sehr hoch.

Leitsatz

Beim Anheben eines Gewichtes rührt die Belastung der Lendenwirbelsäule im Wesentlichen von der Muskelkraft des Körpers selbst her, die äußere Last spielt nur eine kleine Rolle.

Kraftfluss in der Wirbelsäule

Bei einer Kompressionsbelastung erfolgt die Kraftübertragung von einem Wirbelkörper zum anderen

- durch die dazwischen liegende Bandscheibe und
- durch die beiden Gelenkfortsätze (s. Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3

Axiale Kräfte auf einen Wirbelkörper werden wie bei einem dreibeinigen Hocker übertragen: Die beiden hinteren Beine (die Facettengelenke) tragen dabei weniger Last als das vordere Bein (Bandscheibe).

Sind die Säulen der Kraftübertragung, also "Beine" des Stuhls in Abb. 3 gestört - etwa durch einen Bandscheibenschaden, eine Spondylolyse oder gar Spondylolisthesis - dann müssen die restlichen, noch intakten Strukturen vermehrt die Belastung übernehmen. Axiale Kräfte auf die Wirbelsäule werden dann zwar oft noch toleriert, solange sich das pathologische Segment im Gleichgewicht befindet; tretenjedoch Dreh- oder Scherkräfte, oder eine Kippung auf, werden Schmerzen ausgelöst, weil beispielsweise die Bänder unter plötzliche und starke Spannung geraten. Werden im weiteren Verlauf auch die Wirbelsäulenbänder überlastet, dann kippt, rotiert oder rutscht das betroffene Wirbelsegment.

2. Pathologische Veränderungen des Wirbelsegmentes

2.1. Schäden der Bandscheibe

Im Laufe des Lebens degeneriert der Anulus fibrosus (Bandscheiben-Faserringes), indem er - wie ein alter Autoreifen - Risse bekommt (Abb.4). Dies geschieht vor allem in den dorsalen Anteilen des Anulus 11. Mehrere kleine Risse können zu einem „Ausleiern“ des Anulus fibrosus und zu einer

Vorwölbung in den Spinalkanal fuhren (= Bandscheiben-Protrusion). Das Entstehen der Risse ist von der Erbanlage, vom Alterungsprozess, von Fehlstellungen und Instabilitäten der Wirbelsegmente, wahrscheinlich auch von der Bandscheibenernährung, eventuell auch von der körperlichen Belastung abhängig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4

Der Anulusfibrosus ist ein aus festen, radialen Bindegewebsfasern bestehender Ring, der den Nucleus pulposus umgibt. Im Laufie des Lebens entstehen vor allem an der Dorsalseite der Bandscheiben Risse, die sich durch Kompressionsbelastungen, Scher- oder Rotationskräfte vergrößern können. Je nach Lage und Häufigkeit der Risse und je nach Festigkeit des übrigen Gewebes kann der unter Druck stehende weiche Kern heraus gepresst werden. Vor allem die größeren Risse (rechte Seite) können Beschwerden bereiten I2.

Reißt der Anulus fibrosus ganz, tritt der unter Druck stehende Nucleus pulposus der Bandscheibe aus (=Bandscheiben-Prolaps). Meist wird der weiche Kern dann noch durch das hintere Längsband zurückgehalten (=gedeckter Prolaps). Dann treten zwar Rückenschmerzen durch die Dehnung des Längsbandes auf, Nervenkompressionszeichen sind aber meist selten. Erst wenn auch das hintere Längsband (Lig. longitudinale posterius) einreißt, tritt der weiche Kern in den Spinalkanal ein (Abb. 5). Dadurch können schlagartig Lähmungen und/oder Sensibilitätsstörungen auftreten. Das Gewebe des Bandscheibenkerns nimmt dabei schnell viel Gewebswasser auf und quillt, wodurch die Nervenkompression verschlimmert werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5

Symptom: Schmerzzunahme bei Vomeigung

Ein degenerierter und instabiler Bandscheibenring kann bei Vorbeugung der Wirbelsäule nach dorsal geschoben werden, wo er auf die Nerven drückt (oberer Pfeil, Etage LW 4/5). Diese Vorwölbung wird als „Protrusion “ bezeichnet. Bei einem Riss des Bandscheibenringes tritt ein Bandscheiben-,,Prolaps “ auf, der durch eine Vorneigung ganz herausgepresst werden kann (unterer Pfeil, Etage LW 5/SW 1).

Die „Heilung“ nach einem Bandscheibenprolaps

Im Laufe der Zeit verliert der hervor gewölbte Nucleus pulposus an Wasser und zieht sich etwas zurück 13. Dadurch lassen die Schmerzen und die Nervenkompressionszeichen nach. Häufig verschwinden die Beschwerden ganz; es bleibtjedoch eine erniedrigte und nur noch wenig elastische Bandscheibe zurück. Dies bedeutet eine Funktionsminderung des betroffenen Wirbelsegments.

Manchmal können die Nerven an dem Bandscheibengewebe verkleben oder narbig umbaut werden, so dass ihre Gleitfähigkeit bei Bewegungen eingeschränkt ist (Abb. 6). Ein geschrumpfter, aber verhärteter Prolaps kann das Rückenmark oder die Nerven ebenfalls stören.

[...]


1 Pathologische Veränderungen des Wirbelsegmentes

Details

Seiten
48
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640910809
ISBN (Buch)
9783640909636
Dateigröße
3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171480
Note
Schlagworte
Wirbelsäulenkrankheit Biomechanik Rumpfmuskeltraining konservative Therapie Instabilität Haltungskorrektur

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Trainings- und Sporttherapie bei Erkrankungen der Wirbelsäule