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Gewalt an beruflichen Schulen

Diplomarbeit 2006 79 Seiten

Didaktik - BWL, Wirtschaftspädagogik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Berufliche Schulen
2.1 Institutionen
2.2 Schülerprofil

3. Gewalt
3.1 Definition von Aggression
3.2 Definition von Gewalt
3.3 Dimensionen von Gewalt
3.3.1 Die physische Gewalt
3.3.2 Die psychische Gewalt
3.3.3 Die strukturelle Gewalt
3.4 Berufliche Schulen und Gewalt

4. Gründe für Gewalt und Aggression
4.1 Erklärungsmodelle für Gewalt und Aggression
4.1.1 Frustrations-Aggressions-Theorie
4.1.2 Lerntheoretische Ansätze
4.2 Schulinterne Faktoren
4.2.1 Schulische Strukturen
4.2.2 Umfeld der Schülerinnen und Schüler
4.3 Schulexterne Faktoren
4.3.1 Familie und Erziehung
4.3.2 Medien
4.3.3 Gesellschaft

5. Gewaltprävention an beruflichen Schulen
5.1 Der Lehrer als Mediator
5.2 Maßnahmen gegen Gewalt verursacht durch schulinterne Faktoren
5.2.1 Prävention mittels schulischer Strukturen
5.2.2 Prävention durch Eingreifen in das Umfeld der Schüler
5.3 Maßnahmen gegen Gewalt verursacht durch schulexterne Faktoren
5.3.1 Gewaltprävention durch Arbeit mit der Familie
5.3.2 Unterbindung von Gewalt durch Medienerziehung in der Schule
5.3.3 Maßnahmen gegen gesellschaftliche Ursachen von Gewalt

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

8. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema Gewalt an Schulen zieht seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Eine besondere Aktualität erhält die Problematik durch Aufsehen erregende Berichterstattungen in der Presse, unter anderem über die Rütli Hauptschule in Berlin und das neu in Kraft getretene Gesetz über das Handy Verbot an bayrischen Schulen.

Lehrerinnen und Lehrer der Rütli Hauptschule des Stadtbezirkes Neuköln in Berlin haben sich mit einem verzweifelten Hilfeschrei an Politik und Öffentlichkeit gewandt, da sie mit der eskalierenden Gewalt an ihrer Schule völlig überfordert waren und sich nicht mehr anders zu helfen wussten. Als Hauptursache für die dramatische Situation wird in der Öffentlichkeit gerne der Ausländeranteil von über 80 % an dieser Schule genannt.

Im Freistaat Bayern ist seit April 2006 ein Gesetz in Kraft, das das Benutzen von Handys an der Schule – selbst in Pausen – untersagt. Dadurch soll unter anderem verhindert werden, dass die Schülerinnen und Schüler untereinander Gewaltvideos austauschen.

Weitere teilweise spektakuläre Vorfälle haben zu einer gesteigerten Gewaltsensibilisierung bei Schülern, Lehrern und Eltern geführt und erkennbar gemacht, dass Gewalt an Schulen existiert, und in unterschiedlicher Form erlebt wird. Gewalt ist für manche Schülerinnen und Schüler zwischenzeitlich ein erprobtes Mittel zur Durchsetzung eigener Bedürfnisse. Sie reicht von der Verrohung des Umgangstons, verbaler Beleidigung, Mobbing und Vandalismus, bis hin zu Körperverletzung oder sogar Mord.

Von vielen Schulen wird nicht über das Problem hinweggesehen, im Gegenteil, es gibt massive Anstrengungen, um diesem Thema entgegen zu wirken. Einen weiteren aktuellen Bezug erhält meine Arbeit dadurch, dass Interventions- und Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt an Schulen in den letzten Jahren stets verstärkt wurden.

Es geschieht immer wieder, dass Einzelfälle das gesamte Schulsystem in Frage stellen. Es gilt also in erhöhtem Maße Gewaltprävention an den Schulen durchzuführen, denn an vielen Schulen gibt es Probleme mit Gewalt. Dennoch gehen etliche Schulen mit diesem Problem nicht offensiv um, sondern verschleiern es, aus Angst vor einem möglichen Imageverlust. Die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer sind im Umgang mit Gewalt unsicher und wirken oft überfordert. Der Hilfeschrei an die Öffentlichkeit von den Lehrerinnen und Lehrern der Rütli Schule hat dies ganz offensichtlich dargelegt.

Die anscheinend unaufhaltsam zunehmende Gewalt an Schulen führt immer wieder zu öffentlichen Diskussionen und um sich greifenden Besorgnissen. Die Ereignisse am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt im April 2002 rückten diese Problematik erneut in den Vordergrund der Aufmerksamkeit, und verschafften ihr eine ebenso traurige wie alarmierende Notwendigkeit.

Die gegenwärtige öffentliche Diskussion über Gewalt an Schulen lässt leider fragwürdige Ursachenzuschreibungen erkennen. Durch reißerische Überschriften, spektakuläre Begriffsverwendungen und dramatische Bilder in den Medien erfolgt eine realitätsfremde Dramatisierung der Thematik. Auch die Überlegungen zu Problemlösungsmöglichkeiten werden damit stark erschwert, wobei nicht selten vorschnelle Maßnahmen als einzig richtige Reaktionsmöglichkeiten gefordert werden. Massive unrealistische Überzeichnungen der Gewalterscheinungen im Sinne des Sensationsjournalismus führen nach einer gewissen Zeit zu einer Abstumpfung und Abwendung von dem Problem und vielmehr zu nachlassender Sensibilisierung oder undifferenzierten Reaktionen bei breiten Bevölkerungsgruppen.

Es stellt sich die Frage, wo ein schulischer Weg zwischen Verneinen der Problematik Gewalt auf der einen, und idealistischem Aktionismus auf der anderen Seite zu finden ist.

Als Lehrkraft kann man jederzeit mit dem Thema Gewalt in Berührung kommen. Ich möchte mit Hilfe meiner Arbeit herausfinden, wie berufliche Schulen, speziell die Berufsschulen, diese Problematik verhindern und abwehren können, und wie ich als Lehrer darauf reagieren kann. In Deutschland gibt es verschiedene Institutionen, die mit dem Begriff berufliche Schulen zusammenhängen. Aus diesem Grund gehe ich in meiner Arbeit auf eine Form gezielt ein, die Berufsschule. Die Berufsschule halte ich im Zusammenhang mit dem Thema Gewalt an beruflichen Schulen aus zwei Gründen am interessantesten: zum einen trifft an der Berufsschule eine gemischte Schülerschaft zusammen, die sich aus verschiedenen sozialen Schichten, aber auch durch unterschiedliche Vorbildung und Altersstruktur zusammensetzt. Zum anderen führt beinahe jede Berufsausbildung über die Berufsschule zum Abschluss, deswegen sind dort die Schülerzahlen um ein Vielfaches höher als an anderen beruflichen Schulen. Durch die Spezialisierung auf die Berufsschule wird mir meine Arbeit erleichtert, da ich mich immer auf eine bestimmte Form der beruflichen Schulen beziehen kann. Außerdem steht mir zur Berufsschule eine größere Menge an Daten zu Untersuchungen über Gewalt an beruflichen Schulen zur Verfügung, im Gegensatz z.B. zu Fachoberschulen oder Berufsoberschulen.

Kernziel meiner Arbeit ist es, zu ermitteln, welche Interventions- und Präventionsmaßnahmen den beruflichen Schulen zur Verfügung stehen, um gegen das Problem Gewalt einzuschreiten, wer mit diesen Maßnahmen erreicht werden kann, und wo die Grenzen dieser Maßnahmen liegen.

Um das Thema „Gewalt an beruflichen Schulen“ genau zu erläutern, sind mehrere aufeinander aufbauende Schritte zu erledigen. Zuerst stecke ich ab, welche Institutionen mit dem Begriff berufliche Schulen zusammenhängen, und wie sich deren Schülerprofil zusammensetzt (Kapitel 2). Als nächstes muss man Gewalt - und damit Aggression - definieren und die verschiedenen Erscheinungsformen erklären (Kapitel 3). Anschließend gilt es die Gründe genau zu hinterfragen, warum Gewalt an Schulen auftritt (Kapitel 4).

Abschließend gehe ich intensiv auf die Möglichkeiten ein, die ich als Lehrer an einer beruflichen Schule besitze, um das Problem „Gewalt“ einzudämmen (Kapitel 5). Hier ist besonders wichtig herauszufinden, wie groß die Reichweite der Möglichkeiten ist, die mir als Lehrer an einer beruflichen Schule zur Verfügung stehen.

Nur wenn Hintergründe der Gewalt klar sind und man weiß, an welchen Orten Gewalt ausgeübt wird, Formen und Methoden der Gewaltanwendung bekannt sind, wird es gelingen, erfolgreich gegen die Problematik vorzugehen. Die Beschäftigung mit einer so wichtigen, komplexen und herausfordernden Thematik, wie der Gewalt an Schulen, kann niemals abgeschlossen werden. Es gilt sich auf immer neue Formen und Probleme einzustellen, und gezielt Maßnahmen dagegen zu treffen.

Besonders moderne Lehrerinnen und Lehrer müssen die veränderten Bedingungen des Schullebens erkennen und sich bestmöglich auf Probleme mit Gewalt einstellen. Diese Möglichkeit möchte ich mir, sowie anderen Lehrerinnen und Lehrern an beruflichen Schulen bieten, um das Schulleben so effektiv und gewaltfrei wie möglich zu gestalten.

2. Berufliche Schulen

Zu Beginn dieser Arbeit muss man den Gegenstand Schule zuerst betrachten. Will man untersuchen, welche Arten von Gewalt an Schulen, speziell an beruflichen Schulen vorkommen und möchte man später die Interventions- und Präventionsmaßnahmen behandeln, muss man die Institution Berufsschule im Zusammenhang der beruflichen Schulen sehen und die Schülerstruktur analysieren. Um den Gründen für Gewalt auf den Grund zu gehen, ist es zudem wichtig, die Grundstrukturen der Schule zu hinterfragen, bzw. die Schülerschaft zu kennen. Welche Schüler finden sich am Lernort Berufsschule, welches Alter haben diese und aus welchem sozialen Umfeld kommen sie? Wie ist eine Berufsschule aufgebaut? Welche Arten der Bildung macht diese möglich? Dies sind Fragen, die ich im Vorfeld dieser Arbeit beantworten sollte. Denn bereits hier können mögliche Gründe von Gewalt verankert sein. Klärt man zu Beginn den Gegenstand Schule und Schüler, weiß man, welchen Faktoren man als Lehrer gegenüber steht, und wo bzw. wie man bereits Vorboten und Indikatoren für Gewalt und Aggression unterbinden kann.

Es gibt viele unterschiedliche berufliche Schulen, die zu verschiedenen Abschlüssen führen. In folgendem Kapitel will ich zuerst darlegen, welche verschiedenen Formen es gibt, und zu welchen Abschlüssen oder Berechtigungen für weiterführende Schulen sie führen (Kapitel 2.1).

Ich werde bereits hier meinen Schwerpunkt auf die Berufsschule legen, denn dies ist für meine spätere Lehrerlaufbahn von Relevanz, da ich zunächst in meinem zweijährigen Referendariat an einer Berufsschule tätig bin, und anschließend als Lehrer auch an einer Berufsschule unterrichten möchte. Außerdem durfte ich in meiner 21/2 -jährigen Ausbildung zum Bankkaufmann in der Kreissparkasse Kelheim meine eigenen Erfahrungen über die Institution Berufsschule sammeln und möchte diese Erfahrungen auch in die Diplomarbeit einfließen lassen.

Im Anschluss daran gebe ich einen Einblick, von wie vielen Schülerinnen und Schülern die Schulen besucht werden und wie sich die Schülerschaft an einer beispielhaft gewählten Berufsschule zusammensetzt (Kapitel 2.2).

Die Berufsschule muss man im Zusammenhang von Gewaltprävention und Schule auf eine andere Weise erschließen, als die übrigen Schulen. Dies ist verständlich alleine durch die unterschiedlichen Vorbildungen an der Schule und den großen Altersunterschieden in den Klassen. Einen großen Unterschied zu anderen Schulen bilden außerdem die vielen verschiedenen Berufserziehungsaufgaben, denn, neben Mitglied in einer Familie, ist der Jugendliche für den Berufsschullehrer:

„Künftiger Träger eines handwerklichen, industriellen oder kaufmännischen Berufes, womit er gleichzeitig auch soziales Glied einer entsprechenden Berufs- und Arbeitsgemeinschaft wird.“[1]

2.1 Institutionen

Innerhalb der beruflichen Schulen in Bayern können acht Schulformen unterschieden werden, die jeweils unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen: die klassische Berufsschule, das Berufsvorbereitungsjahr und das Berufsgrundschuljahr, die Berufsfachschule, die Fachschule, die Berufsaufbauschule, die Fachoberschule und das berufliche Gymnasium.

Bis zum vollendeten 18. Lebensjahr müssen Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland, aufgrund der Teilzeitschulpflicht, eine Schule besuchen, unabhängig ob sie eine Ausbildung absolvieren oder nicht. Absolventen der Hauptschule, die keine Ausbildung beginnen, können im Berufsgrundschuljahr Grundqualifikationen eines Berufsfeldes erwerben, auf die in einer Ausbildung in diesem Bereich aufgebaut werden kann. Wurde die Hauptschule ohne Abschluss absolviert, kann die Berufsreife mit Hilfe eines Berufsvorbereitungsjahres (BVJ) nachgeholt werden. Die Erfüllung der Schulpflicht wird mit beiden Formen sichergestellt.[2]

Das wesentliche Kennzeichen der dualen Ausbildung ist die Aufteilung der Ausbildung auf die beiden Träger Betrieb und Berufsschule, die miteinander kooperieren. Der betriebliche Teil der Ausbildung findet im Betrieb statt, wobei im Betrieb selbst inner- und überbetriebliche Schulungen abgehalten werden.

An der Berufsschule wird der schulische Teil der dualen Ausbildung absolviert. Ihr Ziel ist die „fachtheoretische und allgemein bildende Begleitung einer betrieblichen Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf. Neben Fächern, die einen konkreten beruflichen Bezug haben (z.B. Buchführung), werden auch berufsübergreifende Fächer (z.B. Deutsch) unterrichtet. In jüngerer Zeit sind es vor allem Fächer zur politischen Bildung, die verstärkt in den Lehrplan aufgenommen wurden.“[3] Um die Kulturhoheit der Länder zu wahren, werden die Lehrpläne der Berufsschulen von den Ländern erlassen.[4]

Daneben gibt es die Möglichkeit der Ausbildung in einer Berufsfachschule oder Fachschule. An diesen Schulen werden Ausbildungen angeboten, die mit Beteiligung eines Ausbildungsbetriebes absolviert werden, andererseits Ausbildungen, für die es keine duale Ausbildung gibt (z.B. Physiotherapeut/in), dabei wird die gesamte Lehrzeit an der Fachschule verbracht.

Die Berufsaufbauschule hat den Erwerb eines mittleren Bildungsabschlusses mit Übergangsmöglichkeiten zur Fachoberschule oder dem beruflichen Gymnasium zum Ziel.

Die Fachoberschule baut auf dem Realschulabschluss auf. In ein- oder zweijährigem Vollzeitunterricht bereitet sie auf den Besuch der Fachhochschule vor. In einigen Ländern, wie auch in Bayern, kann mittels FOS 13 oder Berufsoberschule, die allgemeine Hochschulreife erworben werden.

Das berufliche Gymnasium ist eine gymnasiale Oberstufe mit berufsbezogenen Schwerpunkten. Aufbauend auf dem mittleren Schulabschluss führen technische Gymnasien und Wirtschaftsgymnasien zur allgemeinen Hochschulreife.

Je nach Bundesland gibt es zusätzlich weitere spezielle berufliche Schulen, weswegen ich mich in meiner Arbeit weitestgehend auf das Bundesland Bayern beschränke.

2.2 Schülerprofil

Die verschiedenen Bereiche der beruflichen Schulen in Bayern und die dementsprechende Anzahl der Schülerinnen und Schüler sind Tabelle 1 zu entnehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Schüler an beruflichen Schulen in Bayern – Schüler insgesamt und Prognose[5]

Wie man mittels der Tabelle erkennen kann, ist die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in den Berufsschulen um ein Vielfaches höher als an anderen beruflichen Schulen, wie etwa den Berufsfachschulen oder den Wirtschaftsschulen.

Ein weiterer Aspekt, der aus der Tabelle deutlich wird, ist, dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler an den beruflichen Oberschulen (BOS) im Zeitverlauf stetig wächst. Dies ist dadurch zu erklären, dass viele Jugendliche nach dem Schulabschluss zuerst eine Lehre absolvieren und im Anschluss daran die fachgebundene oder allgemeine Hochschulreife nachholen, um im späteren Berufsleben durch einen höheren Abschluss bessere Chancen zu haben.

Die mittels Modellrechnungen ermittelten Prognosen für die zukünftige Anzahl der Schülerinnen und Schüler aus dem Kalenderjahr 2005 verdeutlichen, dass auch in Zukunft die absolute Mehrheit der Schülerschaft an beruflichen Schulen von den Berufsschulen gestellt wird. Aus diesem Grunde ist es meiner Ansicht nach von Vorteil, bei der Thematik Gewalt an beruflichen Schulen, gezielt auf Berufsschulen einzugehen, denn die Berufsschule bildet hinsichtlich Schüleranzahl die zentrale Säule der beruflichen Schulen. Ein Indikator von Gewalt sind somit die hohen Schülerzahlen an den Berufsschulen. Der Rückgang der Gesamtschülerzahl an den Berufsschulen im Zeitverlauf lässt sich durch den Mangel an Ausbildungsplätzen und durch geburtenschwache Jahrgänge erklären.

Um zu zeigen, wie unterschiedlich die Schülerschaft an Berufsschulen ist, führe ich beispielhaft die Berufsschule B3 in Nürnberg auf, an der ich zwischen Januar und Februar 2006 meine schulpraktischen Studien im Rahmen meines Studiums absolviert habe. Die Bildungsschwerpunkte der Berufsschule B3 Nürnberg liegen auf Gastronomieberufen, Nahrungsmittelhandwerksberufen, Augenoptikern und Lagerwirtschaftsberufen. Im Schuljahr 2005/06 haben 3110 Schüler die Schule besucht, wovon 45 % weiblich und 63 % volljährig waren, und wurden dabei von 78 Lehrkräften unterrichtet.

Die Vorbildung der Schülerinnen und Schüler setzte sich folgendermaßen zusammen:

- Hauptschulabschluss 50 %
- Realschulabschluss 34 %
- Fachhochschulreife 4 %
- Hochschulreife 3 %
- Förderzentrum 1 %
- ohne Schulabschluss 8 %

Die Breite der unterschiedlichen Vorbildung verdeutlicht, dass man die Berufsschule hinsichtlich Schülerschaft gegenüber anderen Schulen differenziert beurteilen muss. Das Beispiel der Berufsschule B3 in Nürnberg zeigt, dass alleine durch die unterschiedlichen Vorbildungen Potenzial besteht, dass sich Gruppen in der Schule bilden können. Gruppen können dazu führen, dass Gewalt entsteht (siehe Kapitel 4.2.2 Umfeld der Schülerinnen und Schüler). Dadurch dass an einer Berufsschule eine große Heterogenität in der Schülerschaft existiert, können leicht Divergenzen und Streitigkeiten entstehen, die zum Auftreten von Gewalt führen.

3. Gewalt

Viele Menschen bewegt die Frage, was gegen die anscheinend zunehmende Aggressivität und Brutalität im schulischen Kontext unternommen werden kann.

Die gegebene Lage ist bedenklich und fordert dazu heraus, pädagogische und gewaltpräventive Maßnahmen zu unternehmen. Erst eine gründliche Kenntnis und Analyse der tatsächlichen Gegebenheiten ermöglicht erfolgsversprechende praktische Handlungsansätze.

Um Ursachen der Gewalt auf den Grund gehen zu können und daraus Lösungsansätze zu entwickeln, sind zunächst zwei wichtige Schritte notwendig, nämlich die Begriffe Aggression und Gewalt zu definieren.

Es gibt sehr viele und unterschiedliche Definitionen von Aggression und Gewalt. Ich beschreibe hier die geläufigsten Erklärungen und Erläuterungen, die für die Schule und damit für meine Arbeit wichtig sind.

Ich will nicht verschleiern, dass Gewalt auch ein Problem der Erwachsenenwelt ist, aber für meine Arbeit geht es um die Formen von Gewalt, die an beruflichen Schulen, besonders an der Berufsschule, auftreten. Aus diesem Grund gehe ich gezielt auf Aspekte der Gewalt ein, die sich auf Jugendliche und angehende Erwachsene beziehen.

Gewalt kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise erklärt werden. Auch in der Literatur gibt es unzählige verschiedene Versuche und Modelle, um Gewalt zu beschreiben. Deswegen ist es für meine Arbeit sehr wichtig, den Begriff eindeutig zu definieren und das Feld abzustecken, das für meine Arbeit relevant ist. Die Erklärungen, die ich am wichtigsten erachte, besonders in Bezug zu meiner Arbeit, werde ich in Kapitel 3.2 darstellen.

Eng im Zusammenhang mit dem Begriff Gewalt ist der Begriff Aggression verbunden. Dies macht es erforderlich, auch den Begriff Aggression zu klären, und mögliche Abgrenzungen zum Begriff Gewalt zu betrachten (Kapitel 3.1). Ich habe mich dafür entschieden, Aggression zuerst zu erklären, weil Aggression häufig als Ausgangspunkt von Gewalt gesehen wird.

Um besser in die Problematik der Gewalt einsteigen zu können werde ich anschließend unterschiedliche Dimensionen von Gewalt beschreiben (Kapitel 3.3).

In Kapitel 3.4 gehe ich abschließend darauf ein, welcher Zusammenhang zwischen Schulen und Gewalt besteht, d.h. welche Formen an Schulen auftreten und wie hoch das Ausmaß von Gewalt dort ist.

3.1 Definition von Aggression

In diesem Kapitel möchte ich nun abklären, welche Bedeutung die Begriffe Aggression und Aggressivität haben. Der Begriff „aggressiv“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „angriffslustig.“[6]

In der Fachliteratur werden Gründe aufgeführt, warum man die beiden Begriffe Aggression und Gewalt voneinander unterscheiden muss. „Die unterschiedlichen, sich überschneidenden Definitionen von Aggression beinhalten leider keine Abgrenzung zum Thema Gewalt. Vielfach wird jedoch das Wort Gewalt gewählt, um eine Abgrenzung zum erwähnten kreativen Aspekt der Aggression zu begehen. Grundsätzlich ist der Aggressionsbegriff in seiner Funktion dem Gewaltbegriff übergeordnet.“[7]

„Wenn man von Gewalt spricht, muss man auch über Aggression sprechen, da Gewalt ohne Aggression nicht möglich wäre. Aggression ist die Handlung selbst. Somit verhält sich Aggressivität zu Aggression wie Gewaltbereitschaft zu Gewalt. Des Weiteren kann man über Aggression sagen, dass sie ein Verhalten ist, dessen Ziel eine Beschädigung oder Verletzung eines anderen Individuums ist.“[8] Demnach kann man als Ausgangspunkt von Gewalt die Aggression sehen.

Aus diesen beiden Ansätzen ist erkennbar, dass Aggression und Gewalt zwar auf das Gleiche abzielen, beide aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Aggression kann als Grundlage von Gewalt gedeutet werden.

Erich Fromm beschreibt menschliche Aggression näher und unterscheidet dabei zwei Formen der Aggression: Zum einen verwendet er die „gutartige Aggression für Reaktionen und Abwehr gegen Angriffe“, zum anderen bezeichnet er die „spezifisch menschliche Leidenschaft zu zerstören und absolute Kontrolle über ein Lebewesen zu haben“ als „bösartige Aggression bzw. Destruktivität bzw. Grausamkeit.“[9] Fromm hält die „gutartige Aggression für eine biologisch adaptive, defensive, dem Leben dienende Aggression, die notwendig ist, um grundlegende Interessen gegen Bedrohungen zu verteidigen.“[10]

„Ziel der defensiven Aggression ist es, Leben zu erhalten“, wobei Fromm sowohl „Angriff als auch Flucht als Reaktionsmöglichkeiten“[11] ansieht.

Im Gegensatz zu der gutartigen Aggression, einem Instinkt, definiert Fromm die bösartige Aggression als „spezifisch menschlich“. Sie stellt „das Ergebnis der Interaktion verschiedener sozialer Bedingungen mit den existentiellen Bedürfnissen des Menschen“[12] dar.

Nach Fromm gibt es somit grundlegende Bedürfnisse, wenn diese nicht erreicht werden, kann eine mögliche Reaktion Destruktivität bzw. Grausamkeit sein.

Wenn man die Definition von Fromm auf die Institution Schule anwendet, gilt es zu verhin-dern, dass bösartige Aggression erst entsteht. Die Schule bietet einen Nährboden für die bösartige Aggression, da hier das Zusammentreffen verschiedener sozialer Bedingungen ermöglicht wird, z.B. im Unterricht oder auf dem Schulhof. Das Zusammenspiel dieser sozialen Bedingungen kann sich zwischen Schülern, Lehrern und natürlich auch in der Lehrer-Schüler-Beziehung äußern.

Im Lernort Schule, v.a. in der Berufsschule, treffen erwachsene Jugendliche unterschiedlicher Herkunft und Vorbildung aufeinander. Dieser Umstand wirkt sich auf das Schulleben aus, und beeinflusst es. Sind nun aggressive, unzufriedene Jugendliche zusammen, kann dies schnell zu bösartiger Aggression und damit zu Gewalthandlungen führen.

Durch die bösartige Aggression wiederum wird dann die gutartige Aggression hervorgerufen, da sich die einzelnen Individuen schützen und wehren müssen. Es kann somit ein Teufelskreis entstehen, wobei sich beide Formen der Aggression abwechselnd erhöhen.

In engem Zusammenhang mit Aggression steht der Begriff Aggressivität, eine Definition davon findet sich u.a. bei Ortner und Ortner:

„Damit kann man Aggressivität im übergreifenden Sinn als ein Verhalten verstehen, das unter dem dranghaften Antrieb steht, Personen oder Objekte in verletzender oder zerstörerischer Absicht anzugreifen und ihnen verbal oder körperlich Schaden zuzufügen, der sich bei Perso-nen physisch oder psychisch auswirken kann.“[13]

In Abgrenzung zu Aggression bezieht sich Aggressivität häufig „auf die individuelle Ausprä-gung bei einem einzelnen Menschen (Karl ist aggressiver als Franz).“[14]

Es gibt zahlreiche Definitionsversuche in der Fachliteratur, um die Begriffe Aggression und Aggressivität zu erklären, trotz Unterschieden lässt sich folgender Minimalkonsens finden:

Mit Aggression ist ein Verhalten gemeint, welches auf eine Beschädigung von Sachen oder Verletzung von Personen abzielt. Aggressivität wäre demnach die Begrifflichkeit für die Absicht, direkt oder indirekt, verdeckt oder offen, physisch oder verbal, verletzend oder beschädigend zu handeln.[15]

Jacques Vontobel führt dazu folgendermaßen aus:

„′Gewalt′ und ′Aggression′ liegen auf verschiedenen begrifflichen Ebenen: Aggression meint die Bereitschaft und das Verhalten eines ′Täters′. Gewalt dagegen ist am Zustand des ′Opfers′, an seiner Schädigung abzulesen. Aggression ist eine Täter – Motivation und – Befindlichkeit, Gewalt ist ein Effekt sozialen Verhaltens, eine ′Opferbeschreibung′.“[16]

Meiner Meinung nach stehen Aggressivität und Aggression auf einer Ebene und bezeichnen die innere Einstellung eines Menschen. Wenn eine Person aggressiv ist, nimmt er das Entstehen von Gewalt in Kauf. Aggression ist somit die Basis für Gewalt.

Heutzutage wird kaum mehr eine Unterscheidung zwischen den Begriffen Aggression und Gewalt gemacht, beide scheinen miteinander austauschbar zu sein. Die Beurteilung des Schülerverhaltens wird somit vereinfacht, da es als aggressiv oder gewalttätig bezeichnet werden kann. Im Rahmen meiner Diplomarbeit werde ich die Begrifflichkeit der Gewalt bevorzugen, diese im Folgenden für meine Arbeit definieren und anschließend die für berufliche Schulen relevanten Dimensionen von Gewalt erläutern.

3.2 Definition von Gewalt

Es ist für meine Arbeit sehr wichtig, den Gewaltbegriff eindeutig festzulegen, da sich in der Literatur unzählige Definitionen des Begriffes finden lassen. Bei der Bestimmung des Begriffes und der Festlegung der Dimensionen von Gewalt habe ich mich entschlossen, Erläuterungen zu wählen, die auch für den schulischen Bereich geeignet sind. Eine allgemeingültige Definition von Gewalt zu finden, welche für sämtliche Bereiche zutrifft, ist unmöglich. Wie bereits erwähnt, wird der Begriff Gewalt heute nicht mehr von dem Begriff Aggression getrennt, dies wird durch die Tatsache verständlich, dass gewalttätiges Handeln Aggressionen mit einschließt. Ich versuche das Feld von Gewalt, das für meine Arbeit interessant und wichtig ist, bestmöglich abzustecken und aus den Definitionen der Fachliteratur heraus, eine eigene Definition zu finden. „Allgemein wird dann von Gewalt gesprochen, wenn einem Menschen gegen dessen Willen ein Verhalten oder Tun aufgezwungen wird.“[17]

Die Kriminologie definiert Gewalt einerseits als personale und anderseits als strukturelle Gewalt. Letztere soll die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, bzw. die Zwangsmerkmale im sozialen System darstellen. Die personale Gewalt wird in die physische und psychische Gewalt unterteilt.[18] In den Kapiteln 3.3.1 bis 3.3.3 werde ich diese Begriffe näher beschreiben.

Prof. Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld definiert den Begriff Gewalt im Zusammenhang mit Schule sehr treffend und verständlich: „Gewalt in der Schule umfasst das gesamte Spektrum von Tätigkeiten und Handlungen, die physische und psychische Schmerzen oder Verletzungen bei den im Bereich der Schule handelnden Personen zur Folge haben oder die auf die Beschädigung von Gegenständen im schulischen Raum gerichtet sind. Gewalt in der Schule umfasst alle Übergriffe und Bedrohungen, die im unterrichtlichen Geschehen stattfinden, und auch alle diejenigen, die im ausserunterrichtlichen Bereich auftreten.“[19]

Meier versteht Gewalt als „jede Einflussnahme, die zur Einschränkung der körperlichen und psychischen Handlungsmöglichkeiten führt. Eine besondere Unterscheidung bezieht sich auf die direkte oder personale Gewalt einerseits, bei deren Ausübung eindeutig ein Individuum als Akteur identifiziert werden kann, sowie die indirekte oder strukturelle Gewalt andererseits, die Wirkung haben kann, ohne dass sich hierbei ein Akteur benennen ließe. Aus diesem Letztgesagtem kann gefolgert werden, dass Gewalt und Gewaltausübung entpersonalisiert wird.“[20]

Weiter führt Meier auf, dass „Ungleichheit und Unterdrückung als Nährboden für Gewalt betrachtet werden könnten, sie aber selbst als Gewalt zu bezeichnen, trüge mehr zur Verwirrung denn zur Klärung bei.“[21]

Trotz unterschiedlicher Definitionen lassen sich nach Willems allgemein zutreffende Kriterien einer Gewalthandlung festlegen:

- Einsatz physischer Zwangsmittel
- Vorliegen einer Verletzung bzw. Schädigung
- Vorliegen einer Intention, d.h. die ausdrückliche Absicht der Täter/innen.[22]

Wie die aufgezeichneten Definitionsversuche zeigen, stößt man bei eingehender Betrachtung des Themas recht schnell auf die Erkenntnis, dass Gewalt in vielfältiger Art und Weise auftritt, und dementsprechend viele unterschiedliche Definitionen existieren. Eine einheitliche Definition des Gewaltbegriffes gibt es nicht. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als Gewalt und somit auch „Gewalt an Schulen" selbst zu definieren. Dies birgt jedoch die Schwierigkeit, da jeder Mensch die unterschiedlichsten Erfahrungen mit diesem Thema gemacht hat und auch jeder Mensch eine andere innere Einstellung zur Gewalt hat.

Wie in der Definition über Aggressivität und Aggression bereits erwähnt, bilden diese die Basis für Gewalt. Gewalt kann meiner Meinung nach deshalb als Produkt von Aggressivität und Aggression bezeichnet werden. Gewalt entsteht somit aus der inneren Einstellung der Personen und den äußerlichen Gegebenheiten. Können äußere Umstände aggressive Haltungen von Personen nicht minimieren, entsteht als Folge Gewalt.

Um dazu ein Beispiel aus der Praxis kurz darzustellen: dies bedeutet, dass einige Schülerinnen und Schüler mit einer aggressiven Einstellung in die Schule kommen. Wenn die äußeren Rahmenbedingungen, z.B. Schule oder Lehrer, nun nicht dazu beitragen, dass diese aggressive Haltung abgebaut wird, entsteht Gewalt – es werden Sachen beschädigt oder Personen verletzt.

3.3 Dimensionen von Gewalt

Beim Durchlesen der Literatur zum Thema Dimensionen von Gewalt fand ich immer dasselbe

Ergebnis. Es können drei Grobformen von Gewalt unterschieden werden:

1. Physische Gewalt
2. Psychische Gewalt
3. Strukturelle Gewalt[23]

Es wird zwar eine Unterscheidung gemacht, Gewalt kann aber auch als Kombination der drei Dimensionen auftreten.

Zur Veranschaulichung der Gewaltdimensionen führe ich eine Übersicht nach Theunert an. In der Übersicht wird deutlich, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen der physischen und psychischen Gewalt einerseits und der strukturellen Gewalt andererseits besteht: bei den beiden erstgenannten sind die Ausführenden Individuen bzw. Gruppen, die strukturelle Gewalt dahingegen geht von Repräsentanten von Machtgefügen aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Dimensionen von Gewalt[24]

3.3.1 Die physische Gewalt

„Unter physischer Gewalt fassen wir alle Formen, die körperliche Zerstörung, Verletzung oder Einschränkung zur Folge haben, also die Gewalt, die Menschen anderen Menschen körperlich zufügen.“[25]

Für die Autorin kommen nach der oben aufgeführten Tabelle als Opfer der physischen Gewalt Personen, Tiere oder Sachen in Frage. Die Gewalt gegen Sachen differenziert die Autorin näher und macht eine Unterscheidung: „Gewalt, die sich direkt gegen Sachen richtet und deren Folgen auf diese beschränkt bleiben, und Gewalt, die vermittelt über die Zerstörung von Sachen, Menschen z.B. materiell schädigt, unter Druck setzt, bedroht, psychisch verletzt usw. Im letzten Fall ist die Zerstörung von Sachen die vordergründige Folge, die eigentliche Folge ist die Schädigung von Menschen.“[26] Gewalt gegen Sachen, wie z.B. Vandalismus, trifft auch Personen, die dadurch indirekt geschädigt werden. In Bezug auf die Schule bedeutet dies, dass z.B. durch mutwillige Beschädigung von Schuleigentum die Lehrer indirekt verletzt werden.

Im Gegensatz dazu definiert Meier den physischen Gewaltbegriff enger. Nach Meier bedeutet physische Gewalt „nur die unmittelbare, also direkte physische Schädigung von Menschen oder Sachen mit zielgerichteter Tendenz. Hiernach wird der Gewaltbegriff auf das Einsetzen physischer Stärke eingegrenzt. Der Vorteil dieser Definition liegt darin, dass sie sich auf beobachtbare Elemente bezieht, so dass eine objektive, wissenschaftliche Erfassung möglich wird.“[27] Nach Meier lassen sich mit dieser Definition „Unschärfen bei begrifflichen Abgrenzungen vermeiden und (die Definition) schützt davor, dass der Gewaltbegriff durch eine zu große Anzahl verschiedener sozialer Phänomene, für die er stehen soll, überfrachtet wird.“[28]

„Physische Gewalt kann von einzelnen oder mehreren Personen ausgeübt werden. Als Mittel werden dabei die eigenen körperlichen Kräfte oder Waffen, auch Tiere als solche, eingesetzt. Es ist auch dann von physischer Gewalt auszugehen, wenn jemand eingesperrt wird, wenn man jemandem die Freiheit oder Lebensnotwendiges, wie Wasser, Nahrung oder Liebe entzieht. Die Folgen physischer Gewalt können die körperliche Verletzung und Zerstörung von Menschen, die Beschädigung von Sachen sowie körperliche Beschränkungen, wie eingesperrt sein und Hunger, beinhalten. Physische Gewalthandlungen haben oft langwierige Auswirkungen auf die Betroffenen und hinterlassen nicht selten auch weit reichende psychische Konsequenzen, welche sehr viel länger anhalten können, als der eigentliche Gewaltakt an sich.“[29]

Physische Gewalt ist die Form der Gewalt, die am stärksten im Brennpunkt der Öffentlichkeit steht. Der Hilfeschrei der Lehrerinnen und Lehrer der Rütli Schule in Berlin beruht auf dem unvorstellbaren Ausmaß von physischer Gewalt, bei dem auch die Lehrer selbst einige Male das Opfer waren.

Von physischer Gewalt ist zu sprechen, wenn Schüler ihre Mitschüler oder Andere schlagen. In letzter Zeit kommt zusätzlich dazu, dass diese Taten per Handy gefilmt werden, damit man sich mit seiner ausgeübten Gewalt vor anderen rühmen kann. Das Opfer erleidet durch die Tat selbst physische Gewalt. Dadurch dass Mitschüler diese Tat per Video immer wieder anschauen und darüber reden oder sogar das Opfer verspotten, erleidet es zusätzlich psychische Gewalt.

3.3.2 Die psychische Gewalt

Die unterschiedlichen Formen der psychischen Gewalt sind Diskriminierung, Beleidigung, Drohung und seelische Verletzung. Psychische Gewalt tritt ein, wenn die geistige und seelische Entität eines Menschen beschränkt oder verletzt wird.[30]

„Zur psychischen Gewalt gehören aber auch andere ausdrückende, also körpersprachliche Elemente, welche ergänzend betrachtet werden müssen. Dazu gehören: die Mimik, die Gestik, die Stimmführung, etc. Während Männer ihre Aggressionen eher in Form von Handlungen ausdrücken, setzen Frauen häufiger verbale Formen der Gewalt ein und sind dabei in ihren Attacken persönlicher.“[31]

Die psychische Gewalt ist in der Schule weit mehr verbreitet als die physische Gewalt. Be-leidigen, Erniedrigen, Verspotten steht für viele Schüler egal an welcher Schule auf der Tagesordnung, sowohl als Täter als auch als Opfer. Vielen Beteiligten ist es nicht einmal klar, dass sie gerade Opfer oder Ausführender von psychischer Gewalt geworden sind.

„Der Ausübende ist sich seiner Gewalttätigkeit gar nicht bewusst, begeht sie nicht absichtlich; er verhält sich „so wie immer“. Ebenso nehmen die Betroffenen ihre psychische Verletztheit häufig nicht wahr – sie sind es gewohnt, so behandelt zu werden, halten es für „normal“. Ent-sprechend führen sie ihre Verletztheit nicht auf Gewalt zurück, sie „leiden“, ohne zu wissen, warum.“[32]

Die Verrohung des Umgangstons in der Schule ist ein klares Zeichen für den Anstieg psychischer Gewalt. Diese Verrohung lässt sich auf allen Seiten feststellen, zwischen den Schülern untereinander, zwischen Schülern und Lehrern, aber leider auch manchmal innerhalb des Lehrer-Kollegiums.

3.3.3 Die strukturelle Gewalt

Strukturelle Gewalt bezeichnet „… weniger situative Gewalthandlungen oder abgrenzbare Gewaltakte zwischen Personen, sondern vielmehr gesellschaftliche Zustände, die qua ihrer Existenz und Internalisierung oder qua ihrer repressiven Aufrechterhaltung bei einzelnen oder bei Gruppen von Menschen Schädigungen und „leiden“ erzeugen.“[33]

Entwickelt wurde der Begriff der strukturellen Gewalt 1971 vom norwegischen Konflikt- und Friedensforscher Johan Galtung. Für Galtung liegt strukturelle Gewalt vor, „wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.“[34]

„Gemeint sind dabei grundlegende gesellschaftliche Ordnungssysteme und ökonomische Prinzipien, welche menschliche Lebensentwicklung in sozialer, materieller und ideeller Art verunmöglichen. Das sind tief in den Strukturen eines Gesellschaftssystems, in Organisatio-nen und Institutionen verankerte, also systemimmanente Faktoren, welche zum Beispiel Gruppierungen und/ oder Individuen ausschließen und/ oder benachteiligen können und somit ungleiche Lebenschancen als Folge haben. Bei der Dimension der strukturellen Gewalt-ausübung gibt es keinen fassbaren Gewalttäter. Es existiert keine greifbare Person, die Gewalthandlungen mit Absicht ausübt, und trotzdem ist sie nicht minder wirksam.“[35]

Der Vollzug der strukturellen Gewalt geschieht demnach indirekt und kann nicht einzelnen Personen zugerechnet werden. Auch nehmen Opfer der strukturellen Gewalt diese nicht einmal wahr, denn die „eingeschränkten Lebensnormen sind bereits internalisiert.“[36]

In Bezug zur Schule „wird, bedingt durch die vorherrschenden Strukturen der Beziehungs- bzw. Abhängigkeits- und den Machtverhältnissen, strukturelle Gewalt ausgeübt. Eine quanti-tative Erfassung derselben ist aus bereits erwähnten Gründen nicht möglich. Im einseitigen Pflichtcharakter der Schule lässt sich aber erkennen, dass Schüler und Schülerinnen wohl am meisten von der strukturellen Machtausübung der Institution Schule betroffen sind. Diese manifestiert sich zum Beispiel im klaren hierarchischen Aufbau und in schulischen Maßnah-men, wie die Notengebung und die damit verbundene Leistungspflicht, die Versetzung in ein anderes Schulhaus oder in ganz allgemeinen Ordnungsmaßnahmen, wie das Einhalten vorge-legter Normen. Die von der Schule ausgeübten Zwänge sind also ihrer Art nach unter struktu-reller Gewalt einzuordnen. Diese Zwänge können zu deviantem Verhalten führen und unter anderem zu gewalttätigem und aggressivem Verhalten verleiten.“[37]

Hier wird ersichtlich, dass die Institution Schule zum Auslöser von Gewalt wird, obwohl sie das eigentlich verhindern sollte.

3.4 Berufliche Schulen und Gewalt

In diesem Kapitel werde ich darauf eingehen wie berufliche Schulen mit Gewalt in Verbindung stehen. Mittels durchgeführten Untersuchungen und Studien in der Literatur werde ich beschreiben, welche Formen von Gewalt an Schulen im Allgemeinen auftreten, und wie hoch das Ausmaß der nachgewiesenen Gewaltdelikte ist. Berufliche Schulen und darunter speziell die Institution Berufsschule, müssen, im Gegensatz zu anderen Schulen, differenziert beurteilt werden, da sie von einer gemischten Schülerschaft hinsichtlich ihrer Vorbildung – bestehend aus Hauptschule, Realschule oder Gymnasium - besucht werden. Außerdem ist die Altersspanne an beruflichen Schulen um einiges weiter als bei anderen Schulen, in einigen Klassen können erhebliche Unterschiede hinsichtlich des Alters auftreten.

Die im Folgenden dargestellten Formen von Gewalt und deren Ausmaß ist für das weitere Vorgehen deswegen wichtig, weil ich bei den Interventions- und Präventionsmaßnahmen speziell auf diese Probleme eingehen kann, die an den beruflichen Schulen immer wieder auftreten. Erst wenn man weiß, um welche Formen von Gewalt an Schulen es sich handelt und deren Ausmaß kennt, kann man gezielt dagegen einschreiten und Prävention betreiben.

Grundsätzlich lassen sich an Schulen zwei Grobformen der Gewalt unterscheiden. Es ist zum einen die Gewalt gegen Sachen zu nennen. Darunter fallen Schmierereien, Beschädigung und Zerstörung von Schulgebäude und Einrichtungsgegenständen, was zur physischen Gewalt zu zählen ist. Zum anderen gibt es die Gewalt gegen Personen, d.h. gegen Mitschülerinnen und Mitschüler aber auch gegen Lehrkräfte. Hierbei treten zwei der oben erwähnten Gewaltformen in Erscheinung, die physische und die psychische Gewalt (vgl. Kapitel 3.3.1 und 3.3.2). Unter die physische Gewalt zählt hauptsächlich Körperverletzung, zu den psychischen Gewaltformen gehören unter anderem Beleidigung, Mobbing, Bedrohung oder Erpressung.

Im Rahmen von Untersuchungen über Erscheinungsformen von Gewalt an Schulen wurde übereinstimmend festgestellt, „dass verbale Attacken, Beschimpfungen und Beleidigungen zwischen Schülern und Schülerinnen im Schulalltag weit verbreitet sind.“[38]

Nach Tillmann „kann von einer Veralltäglichung massiver Gewalttaten in unseren Schulen keine Rede sein. Verbale Attacken unterschiedlichster Art scheinen jedoch den alltäglichen Kommunikationsstil in unseren Schulen, und zwar in allen Schulformen, in bedenklicher Weise zu prägen.“[39]

[...]


[1] Linke, 1998, S. 27

[2] Vgl. Schnabel/Baumert/Leschinsky/Meyer, 2001 in Arnold/Pätzold, 2002, S. 184

[3] Arnold/Pätzold, 2002, S. 184

[4] Vgl. Arnold/Münch, 2000 in Arnold/Pätzold, 2002, S. 186

[5] Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 2005, S. 19 und 22

[6] Maiworm/Menzel, 1985, S. 21

[7] Brönnimann/Gölz, 2001, S. 33

[8] http://www.lui.uni-linz.ac.at/artikel/right/unterricht/gewaltundaggression.htm 2006-03-14

[9] Fromm 1988, S.14

[10] ebenda S. 207f

[11] ebenda S. 219

[12] Fromm, 1988, S. 245

[13] Ortner/Ortner, 1991, S. 110

[14] Nolting, 1992, S. 27

[15] vgl. Bründel/Hurrelmann, 1994, S. 23

[16] Vontobel, 1995, S. 56

[17] Brönnimann/Gölz, 2001, S. 35

[18] vgl. Schwind, 2002, § 2

[19] Hurrelmann/Rixius/Schirp, 1999, S. 211

[20] Meier, 2003, S. 21

[21] ebenda, S. 22

[22] Willems, 1993, S. 92

[23] vgl. u.a. Beigel, 1998, S. 25

[24] Theunert, 1987, S. 70

[25] Theunert, 1987, S. 71

[26] ebenda, S. 72

[27] Meier, 2003, S. 20

[28] ebenda, S. 21

[29] Theunert, 1987 in Brönnimann/Gölz, 2001, S. 38

[30] Vgl. Theunert, 1996, S. 74

[31] Brönnimann/Gölz, 2001, S. 39

[32] Theunert, 1987, S. 76

[33] Schorb/Theunert, 1984, S. 30 in: Theunert, 1987, S. 77

[34] Galtung, 1975, S. 9

[35] Brönnimann/Gölz, 2001, S. 41

[36] Ebenda, S. 41

[37] Brönnimann/Gölz, 2001, S. 42

[38] Weißmann, 2003, S. 31

[39] Tillmann u.a., 1999, S. 16

Details

Seiten
79
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640910656
ISBN (Buch)
9783656060611
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171450
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,0
Schlagworte
Gewalt Berufsschule

Autor

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Titel: Gewalt an beruflichen Schulen