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Die Interkulturalitätsthematik in der Lyrik Derek Walcotts

Seminararbeit 2009 17 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interkulturalität in der Literatur
2.1. Allgemein
2.2. Interkulturalität in der Literatur des Postkolonialismus

3. Die Interkulturalität bei Derek Walcott
3.1. Interkulturalität inhaltlich
3.1.1. A Far Cry from Africa
3.1.2. The Schooner Flight
3.2. Interkulturalität sprachlich und stilistisch

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur
5.3. Internetquellen

1. Einleitung

“I who am poisoned with the blood of both, where shall I turn, divided to the vein?” DW[1]

„Vergiftet mit dem Blut vieler verschiedener Kulturen“, das ist Derek Walcott, der Literatur-Nobelpreisträger von 1992, geboren auf der karibischen Insel St. Lucia, aufgewachsen unter Einflüssen aus dem niederländischen, afrikanischen und dem karibischen Kulturraum.[2]

Er wird oft als Autor zwischen zwei Welten bezeichnet: Einerseits ist er, durch die Bildung die er genießen durfte, europäisch geprägt - seine Mutter war Leiterin einer Methodistenschule und verschaffte ihm dadurch den Zugang zu Kunst und Literatur. Andererseits wurde er natürlich auch durch die karibische Kultur beeinflusst, der Kultur in der er groß wurde und die sich über die Sklaventransporte hinweg erhalten und sich in seiner Heimat entwickelt hatte. Derek Walcott ist einer der bekanntesten Autoren der sogenannten „Hybrid-Literatur“, die die kulturelle Vermischung im karibischen Raum darstellt. Diese sei kein Verlust, oder gar eine Abkehr von bestehenden Kulturen, sondern ein kultureller Neugewinn. Ihm war es sehr wichtig, dass diese Mischkultur neben der traditionellen und sehr angesehenen europäischen Literatur bestehen kann und als solche akzeptiert wird.[3]

Die Interkulturalitätsthematik im Werk Derek Walcotts soll in dieser Arbeit im Vordergrund stehen. Zunächst wird sich allgemein mit dem Begriff der Interkulturalität in der Literatur auseinandersetzt. Folgend wird dieser unter dem Deckmantel des Postkolonialismus noch genauer betrachtet.

Im nächsten Punkt wird auf die Interkulturalität in Walcotts Werk selbst eingegangen, beginnend mit der Fragestellung, wie die Interkulturalität inhaltlich und thematisch ausdrückt wird. In diesem Sinne wird weiterführend Sprache und Stil analysiert. Ziel der Arbeit ist es zu zeigen, inwiefern die Interkulturalitätsthematik Walcotts Lyrik berührt und wieso sie in seinem Werk so präsent ist.

2. Interkulturalität in der Literatur

2.1. Allgemein

Allgemein versteht man unter dem Begriff der „Interkulturalität“ die Beziehung zwischen einer oder mehrerer Kulturen (lat. „inter“ = unter, zwischen).[4] Er bezeichnet einen Komplex kultureller Kommunikation und Interaktion, es handelt sich also um einen Austausch zwischen Personen oder Gruppen fremder Herkunft. Es existieren zahlreiche verschiedene Kulturen und somit auch Kulturgrenzen, sowie Kulturunterschiede, andererseits sind die Grenzen fließend und die Unterschiede nicht unbedingt absolut.[5]

Interkulturalität ist ein immer währender Prozess der Selbstreflektion über die eigene, gewohnte Kultur, und den vergleichenden Blick auf fremde Kulturen.

Interkulturelles Bewusstsein soll für die kulturelle Vielfalt sensibilisieren und zeigen, dass es sowohl Gemeinsamkeiten, als auch Gegensätze gibt.[6]

In der Literatur wurde und wird sich auch heute noch häufig mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Die sogenannte „Interkulturelle Literaturwissenschaft“ beschäftigt sich genauer mit der Interkulturalität und deren Aspekte innerhalb der Literatur, die in zahlreichen Arten auftreten können. Wie zum Beispiel in der Darstellung von Kulturbegegnungen oder Kulturkonflikten in Texten, oder auf rein formaler Ebene in der sprachlichen Ausgestaltung von Texten . Besonders deutlich werden interkulturelle Aspekte auf der intertextuellen Ebene, in der verschiedene Literaturen anderer Kulturen in Textpassagen direkt oder indirekt erwähnt werden.

Sie können sich ebenfalls im historisch-biographischen Kontext des Autors bewegen, welcher seine interkulturellen Erlebnisse in seinem Werk verarbeitet.[7]

Das Werk der interkulturellen Autoren ist meist durch ihre kulturelle Herkunft und ihre Erfahrungen geprägt. Oft wird aus der Sicht unterdrückter Völker erzählt, die scharfe Kritik an ihren Eroberern üben, wie beispielsweise in der postkolonialen Literatur.

Häufig wird sich auch mit der Suche nach der eigenen Identität beschäftigt, da viele der interkulturellen Autoren unter mehreren Kultureinflüssen aufgewachsen sind und nicht wissen, für welche Kultur sie sich letztendlich entscheiden sollen.[8]

Besonders wichtig für diese Autoren ist außerdem, dass ihre interkulturelle Literatur gleichberechtigt neben der traditionellen, altbewährten Literatur existiert.

2.2. Interkulturalität in der Literatur des Postkolonialismus

Der Beginn der Beschäftigung mit Interkulturalität in der Literatur ist stark mit dem Ende der Kolonialzeit und der daraus resultierenden postkolonialen Literatur verknüpft. Die neu erworbene Freiheit mancher ehemals unterdrückter Kolonien führte zum Verschieben von Konstellationen im Zusammenleben der Menschen. Es stellte sich die Frage nach der Identität, sowie nach der kulturellen und religiösen Zugehörigkeit, denn die Unterdrücker zwangen den Kolonien ihre Kultur auf, beuteten sie aus und die Einwohner wurden somit zu Opfern des Imperialismus.[9]

Solche Erfahrungen werden von den postkolonialen Autoren verarbeitet.

Ihnen ist es ein starkes Bedürfnis an ihre alten Traditionen anzuknüpfen. Dieser Versuch stellt sich aber als schwierig heraus, da der unverfälschte Ursprung durch die Vermischung mit der europäischen Kultur nicht mehr existent ist.

Daher versuchten viele einen eigenen, durch den „ Mix der Traditionen“, selbstbestimmten literarischen Weg zu finden.

Es soll beispielsweise gezeigt werden, dass Europa auch nur ein Teil der Welt ist und dass es nicht mehr selbstverständlich ist, die europäische Geistesgeschichte als die Geistesgeschichte der gesamten Menschheit zu betrachten. Nicht nur die europäische Literatur, sondern auch die Literatur der ehemaligen Kolonien hat ihrer Meinung nach Anerkennung und Respekt verdient.[10]

Thematisiert wird die Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Kolonialen Erbe“ und der Darstellung von Problemen und Konflikten, die sich aus dieser Situation ergeben. Es werden dabei beispielsweise interkulturelle Grenzgänge, multikulturelle „Schockerlebnisse“ und die Beziehung der dritten Welt zu den Industrienationen geschildert.[11] Durch die Vermischung der literarischen Traditionen und der Beschreibung interkultureller Begebenheiten wird klar, dass die postkoloniale Literatur unweigerlich mit dem Begriff der Interkulturalität verbunden ist. Sie reflektiert sowohl die Mentalität als auch die politisch-kulturelle Situation der ehemaligen Kolonien.[12]

Die postkolonialen Autoren entstammen den verschiedensten Nationen und Kulturen, die von der Kolonisation betroffen waren. Sie kommen beispielsweise aus Afrika, Australien, Indien oder aber der Karibik. Neben ihren eigenen speziellen Charakteristiken, haben alle diese Literaturen den Kolonialismus als gemeinsamen Nenner. Meist stehen die Spannungen zwischen der Kolonialmacht und der Kolonie im Vordergrund. Oft soll eine Abgrenzung zur Kolonialmacht dargestellt werden, um einen Ausdruck der Selbstständigkeit zu implizieren. Es wird also keine reine Imitation der Literatur oder Kultur der Kolonialmacht mehr betrieben, sondern die eigene Kreativität dargestellt.

Der künstlerische Anspruch ist hoch, daher wird im selben Atemzug auch die Gleichstellung mit der europäischen Literatur gefordert.[13]

Der postkolonialistische Stil ist vor allem in der englischsprachigen Literatur verbreitet. Autoren wie Chinua Achebe im afrikanischen Raum, der sich beispielsweise zur Aufgabe macht, das primitive Bild Afrikas zu berichtigen, sowie der indische Autor Salman Rushdie, der sich mit der indischen Geschichte auseinandersetzt[14], oder aber der karibische Dichter Derek Walcott, dessen Lyrik in Bezug auf die Interkulturalität in dieser Arbeit näher untersucht werden soll, verarbeiten in ihren Werken die Interkulturalitätsthematik, die in der kolonialen Vergangenheit ihren Ursprung fand.

3. Die Interkulturalität bei Derek Walcott

3.1. Interkulturalität inhaltlich

Die Interkulturalität ist ein besonders präsentes Thema im Gesamtwerk Derek Walcotts. Geprägt von zweierlei Kulturen, der traditionell britischen und der karibischen, stand er schon von Kindesbeinen an zwischen zwei Welten. Dies zeigt sich bereits in seinen frühen Gedichten.

Walcott orientierte sich besonders zu Beginn seiner Karriere an europäischen Vorbildern, wie zum Beispiel Dylan Thomas, Elliot und ganz besonders an Shakespeare.[15] Überall in seinem Werk lassen sich literarische Bezüge zu diesen Schriftstellern finden, wie zum Beispiel in seinem Gedicht „A City’s Death by Fire“, in dem er den Brand seiner Heimatstadt Castries von 1948 thematisiert und sich dabei an T.S. Elliotts „The Fire Sermon“ aus dem Langgedicht „The Waste Land“ (1922) anlehnt.[16]

Imitation sei für ihn völlig legitim, es sei nicht nur eine Form der Schmeichelei, sondern auch der Kreation. Zwei Dinge seien nie völlig gleich, denn alles was man hervorbringt sei individualistisch. Außerdem hätten großartige Dichter keine Zeit, originell zu sein, so Walcott.[17]

Er äußerte sich dazu in einem Interview: „[…] take models that where in literature - Auden, Maceice, Dylan Thomas- and make them your own.[18]

Man sollte auf Traditionen zurückgreifen und daraus etwas Eigenes schaffen, egal aus welcher Tradition. Er möchte sich nicht für eine einzige entscheiden, denn das sei schädlich, provinziell und hindere den Menschen am Lernen.

In den westindischen Schulen wird den Schülern beigebracht, sich nicht an anderen, und vor allem nicht an weißen Dichtern zu orientieren, denn nur das Eigene sei das Beste.[19]

Dagegen wehrt sich Walcott vehement, denn „the biggest absurdity would be: ‘Don’t read Shakespeare because he was white.’”[20]

Hier lässt sich also bereits eine Problematik feststellen: Viele seiner westindischen Kollegen halten nicht viel von der Imitation europäischer Dichter und pochen auf Kreationen der eigenen Kultur. Geprägt von beiden Kulturen kann Walcott sich aber nicht für eine Kultur entscheiden, er will nicht zwischen Möglichkeiten auswählen, sondern alle vorhandenen ergreifen und das kulturelle Erbe mit seinem eigenen Stempel versehen.[21]

Diesen Mittelweg zu gehen fällt Walcott aber nicht leicht, der Spagat zwischen zwei Kulturen macht es ihm schwer sein wahres Ich zu finden. Daher hält er die persönliche Identität für Fiktion und einen undurchschaubaren, nie abgeschlossenen Prozess.[22] Dies scheint vor allem auch daher zu rühren, dass seine Familie auf St. Lucia zu einer gebildeten Minderheit gehörte und er schon früh eine Art kulturelle Sonderstellung in der Gesellschaft inne hatte. Er lernte die Kultur des Common Wealth kennen und lieben, die Kultur derjenigen, die seine Vorfahren in der Zeit des Kolonialismus ausgebeutet und seiner Heimat tiefe Wunden zugefügt hatten.

Er verließ schließlich, von Gewissensbissen geplagt, seine Heimat um sich weiterzubilden, wobei er sich wie ein Verräter fühlte, der ins Exil geht. Dabei wuchs nach und nach die Entfremdung von der karibischen Heimat.[23]

[...]


[1] Walcott, Derek: A far cry from Africa. In: Collected poems: 1948 - 1984. 3. Auflage. New York: Farrar, Straus & Giroux, 1992. S. 18.

[2] Vgl. Loimeier, Manfred: Derek Walcott. In: Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur. Band 11. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. München : Edition Text & Kritik Verlag, 2008. S. 1.

[3] Vgl. ebd. S. 2-5.

[4] Vgl. Interkulturalität: In: Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden. Studienausgabe. 3. Neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Hg. v. Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag, 1999. (Bd. 5). S. 1964.

[5] Vgl. Mecklenburg, Norbert: Das Mädchen aus der Fremde. Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft. München: IUDICIUM Verlag, 2008. S. 91.

[6] Vgl. Braun, Ina / Scheidgen, Hermann-Josef (Hrsg.): Interkulturalität-Wozu? Hamid Reza Yousefi und Peter Gerdsen im Gespräch. Nordhausen: Traugott Bautz Verlag, 2008. S. 15-16.

[7] Vgl. ebd. S. 15.

[8] Vgl. Ackermann, Irmgard: Migrantenliteratur. In: Metzler Lexikon Literatur. Hg. v. Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff. 3. Auflage. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler Verlag, 2007. S. 498-499.

[9] Vgl. Braun, Scheidgen (2008), S. 9-10.

[10] Vgl. Hofmann, Michael: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn, Wilhelm Fink Verlag, 2006. S. 148-150.

[11] Vgl. Lützeler, Paul Michael: Einleitung. In: Der postkoloniale Blick. Hg. v. Paul Michael Lützeler. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997. S. 7-9.

[12] Vgl. Hofmann (2006), S. 148-150.

[13] Vgl. Döring, Tobias: Postcolonial Literatures in English. Stuttgart: Klett Verlag, 2008. S. 17-18.

[14] Vgl. Döring (2008), S. 116-117 + S. 131.

[15] Vgl. Göske, Daniel: Nachwort. In: Walcott, Derek: The Prodigal / Der verlorene Sohn. München: Carl Hanser Verlag, 2007. S. 196.

[16] Vgl. Loimeier (2008), S. 2.

[17] Vgl. Campbell, James: A life in writing: Derek Walcott, 2008. <http://www.guardian.co.uk./books/2008/oct/04/poetry.derekwalcott> (07.09.2009, 14:17).

[18] Campbell (2008), <http://www.guardian.co.uk./books/2008/oct/04/poetry.derekwalcott> (07.09.2009, 14:17).

[19] Vgl. ebd.

[20] ebd.

[21] Vgl. Martens, Klaus: Nachwort. In: Walcott, Derek: Erzählungen von den Inseln. Übers. v. Klaus Martens. München: Carl Hanser Verlag, 1993. S. 134.

[22] Vgl. Göske ( 2007), S. 194.

[23] Vgl. Göske (2007), S. 195.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640906550
ISBN (Buch)
9783640906871
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171350
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Derek Walcott Interkulturalität Lyrik Nobelpreis

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