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Die EU-Osterweiterung anhand des Konstruktivismus

Seminararbeit 2001 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der konstruktivistische Ansatz

III. Der konstruktivistische Ansatz bei der Osterweiterung der EU

IV. Analyse der Osterweiterung anhand des Konstruktivismus
IV.1 Ausgangspunkt des europäischen Erweiterungsgedanken
IV.2 Analyse der aufgestellten Hypothesen zur OE der EU
IV.2.1 Aus der Sicht der EU
IV.2.2 Aus der Sicht der MOEL
IV.2.3 Ursachen für eine Rangordnung unter den Beitrittskandidaten

V. Warum kommt es bei den Beitrittsverhandlungen zu Verzögerungen bei der EU

VI. Schluss

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der Zerfall der Sowjetunion hat Europa in Unordnung gebracht. Die westeuropäischen Staaten wurden von dieser Entwicklung überrascht. Diese Umwälzungen stellten den europäischen Integrationsprozess vor eine große Herausforderung. Die Europäische Union entwickelte sehr schnell ein neues Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Sicherstellung der Stabilität des Kontinents. Es spielte sicherlich auch ein wenig Euphorie bei den europäischen Westmächten mit, als sie nach ihrem „Sieg über den Kommunismus“ zunächst mit dem Versprechen, alle europäischen Staaten in die europäische Union aufzunehmen, reagierten. Die Teilung des Kontinents sollte durch die Erweiterung der Union endgültig überwunden werden. Diese Euphorie sollte bald gebremst werden. Zwar hatte niemand von einer bedingungslosen Integration der zentral- und osteuropäischen Staaten gesprochen, aber nur allmählich wurde klar, dass die Erweiterung für die beiden Seiten, die Europäische Union und die neuen postkommunistischen Beitrittsbewerber, ein Test auf Leib und Nieren werden würde.

Just zu dieser Zeit des Umbruchs verlangte man in der Politikwissenschaft, genauer in ihrem Teilbereich der Internationalen Beziehungen, nach einem neuen theoretischen Ansatz. Die bisherigen Theorien, die auf dem Rationalismusprinzip basieren, wie der Realismus, der Liberalismus und der Institutionalismus, wiesen in dieser Welt der Umbrüche einige Unschlüssigkeiten auf und schaffen es nur noch in Teilbereichen die Weltpolitik zu erklären. Besonders auf dem speziellen Gebiet der Osterweiterung der Europäischen Union (OE) können ein paar Hypothesen der oben genannten Denkschulen falsifiziert werden. Die Forschung versuchte nun mit dem Konstruktivismus durch einen soziologischen Ansatz[1] die Weltpolitik neu zu erklären.

Die vorliegende Arbeit soll anhand des Konstruktivismus die OE erklären, ihren Verlauf skizzieren, sowie den zu erwartenden Ausgang prognostizieren. Zunächst wird dazu in einem kleinen Abschnitt auf den Grundansatz des Konstruktivismus eingegangen. Danach soll es um die Verarbeitung des konstruktivistischen Ansatzes mit dem Thema der OE der EU gehen und, daran orientiert im Hauptteil meiner Arbeit, um die Überprüfung der konstruktivistischen Hypothesen hinsichtlich der OE.

II. Der konstruktivistische Ansatz

Der Konstruktivismus nimmt an, dass die soziale Welt durch gesellschaftliches Handeln und die Sinninterpretationen der Akteure konstruiert wird. Der Konstruktivismus sieht die soziale Welt und ihre Strukturen also nicht als objektiv gegeben, sondern als intersubjektiv konstituiert an.[2] Die Strukturen und Akteure konstituieren sich in der konstruktivistischen Grundannahme wechselseitig.[3] Nationalgesellschaftliche und internationale Strukturen konstituieren Akteure. Sie vermitteln ihnen eine soziale Identität und verschaffen oder beschränken sie dadurch in ihren Handlungsmöglichkeiten. Die Akteure reproduzieren und verändern diese Strukturen aber ihrerseits durch ihre Interaktionen und ihre Alltagspraxis.

Akteurs- und Strukturbegriff sind im Konstruktivismus gleichermaßen offen. Alexander Wendt, der bei seinem vertretenen konstruktivistischen Ansatz als Hauptakteure speziell die Staaten in der internationalen Politik hervorhebt, vertritt dabei eine andere Strömung als andere Vertreter der konstruktivistischen Richtungen, die auch nicht-staatliche Akteure als entscheidend betrachten. Der realistisch geprägte Strukturbegriff von der „Anarchie“ in den internationalen Beziehungen wird von „Wendt“ folgendermaßen relativiert: „Anarchy is what states make of it“.[4]

Die Identitäten, Interessen und Präferenzen der Akteure bilden sich durch die soziale Umwelt, wie z.B. die internationalen Strukturen. Das Zusammenspiel zwischen Identitäten und Interessen muß daher bei der Untersuchung eines Forschungsgegenstands eine entscheidende Rolle spielen. Staaten existieren als Teil einer internationalen Gesellschaft, die auf bestimmten normativen Grundlagen beruht, wie z.B. auf der Anerkennung staatlicher Souveränität in Bezug auf ein angebbares Territorium.

Das Handeln der Akteure ist als normgeleitet anzusehen. Soziale Normen sind intersubjektiv geteilte, wertgestützte Erwartungen angemessenen Verhaltens mit ausreichender „Kommunalität“ und „Spezifität“[5]. Im Bereich der Auswirkung der Normen auf das Akteursverhalten stimmen auch die rationalistischen Denkschulen dem konstruktivistischen Ansatz zu. Diese Denkschulen gestehen den Normen aber nur einen regulativen Charakter zu. Damit wirken Normen nur als Beschränkungen oder Anreize auf das Handeln ein. Sie werden nur wegen der Folgen auf ihre Beachtung oder Nicht-Beachtung in die Abwägungen mit aufgenommen. Der Konstruktivismus hingegen schreibt den Normen zusätzlich zu ihrem regulativen auch einen konstitutiven Charakter zu.[6] Normen prägen damit bestimmte Ziele und Interessen der Akteure. Über Sozialisierungsprozesse verinnerlichen Akteure bestimmte soziale Normen und machen sie sich zu eigen. Die rationalistischen Denkschulen setzen bei den Akteuren ein rein eigennütziges und nutzenmaximierendes Handeln voraus. Sie denken an das Modell des „homo oeconomicus“6 und setzen dem Akteursverhalten die „Logik der Konsequenzialität“6 zugrunde.

Ganz anders geht der Konstruktivismus vom Modell des „homo sociologicus“6 aus und nimmt beim Akteursverhalten die „Logik der Angemessenheit“6 als Grundlage. Akteure versuchen sich also nach dem Konstruktivismus sich ihrer sozialen Rolle gemäß zu verhalten, die ihnen – in ihrer eigenen Sichtweise – in der konkreten Situation zukommt. Das Handeln der Akteure ist von deren Wissen und ihrer Wahrnehmung abhängig, d. h. die Akteure bestimmen, welche Bedeutung soziale Strukturen für sie haben. Staaten verhalten sich z. B. normgerecht, da sie sich als Teil einer internationalen Gemeinschaft verstehen aus der sie nicht ausgeschlossen werden wollen. Auch unbequeme Befolgung von Normen nehmen sie dann häufig wie selbstverständlich in Kauf. Die Strukturen in den internationalen Beziehungen sind also bedeutungslos ohne einen intersubjektiv geteilten Anteil von Normen und Handlungen.

III. Der konstruktivistische Ansatz bei der Osterweiterung der Europäischen Union

Am 31. März 1998 eröffnete die Europäische Union (EU) ihre bilateralen, zwischenstaatlich-en Konferenzen über die Beitrittsverhandlungen von fünf mittel- und osteuropäischen Ländern (MOEL): die Tschechische Republik (TR), Estland (E), Ungarn (U), Polen (P) und Slowenien (S). Zur selben Zeit versprach die EU den anderen fünf am Beitritt interessierten MOEL (Bulgarien (B), Lettland (Le), Litauen (Li), Rumänien (R) und die Slowakei (Slw)) ihre Vorbereitungen für deren Beitritt als vollwertiges Mitglied der EU voranzutreiben und konkrete Beitrittsgespräche sobald als möglich anzustreben. Die Bedingung dafür war, dass diese Länder die dafür nötigen Voraussetzungen innerhalb ihrer Grenzen treffen würden. Seit die OE ein offizielles Ziel und 1993 auf verschiedenen Vorgesprächen zur Beitrittspolitik der EU Thema geworden war, hat sie nun einen konkreten Konfliktgegenstand angenommen.

Die Arbeit wird nun die OE anhand konstruktivistischer Hypothesen skizzieren und analysieren. Dabei werde ich von drei Fragen ausgehen. Zum einen, warum sich die Mitgliedstaaten der EU für eine Erweiterung gen Osten entscheiden? Des Weiteren, warum die MOEL Mitglieder der EU werden wollen? Und als Letztes, warum bisherige Beitrittsgespräche nur mit der TR, E, H, P und S geführt wurden?

Aus konstruktivistischer Sicht stellt die Europäische Union eine internationale, freiheitliche Gemeinschaft dar. Die Erweiterung ist in diesem Sinne der Versuch die freiheitlichen Werte und Normen in den Nichtmitgliedern zu internalisieren. Der Konstruktivismus stellt in diesem Zusammenhang zum einen folgende Hypothese auf: „Je mehr sich die Rechtsordnung, Kultur und Religion eines Beitrittskandidaten mit denen der EU-Mitgliedstaaten in Einklang befindet, desto wahrscheinlicher wird es, dass die EU-Mitgliedstaaten für seine Aufnahme plädieren.“ Die EU erweitert sich somit aus einer Verpflichtung gegenüber ihren konstitutiven Ideen heraus. Wenn ein Land die gemeinschaftlichen Werte und Normen internalisiert und seine Innen- und Außenpolitik daran ausgerichtet hat, dann hat es sich das Recht verdient, als volles Mitglied der EU aufgenommen zu werden. Zum anderen: „Je mehr sich die Bewerberstaaten mit den Werten und Normen der EU identifizieren können, diese als legitim beachten und sie initialisiert haben, desto wahrscheinlicher wird deren Orientierung in Richtung Aufnahme in die EU.“ Die MOEL sind stärker an einer EU – Mitgliedschaft interessiert, je mehr sie die freiheitlichen Werte und Normen der Gemeinschaft akzeptieren und bei sich umsetzen. Daraus folgend wird die EU ihre Einladungen an diejenigen Länder zuerst aussprechen, welche die gemeinschaftlichen und liberalen Werte und Normen schon am weitesten internalisiert haben. Schließlich wird in dieser Arbeit zu klären sein, warum es zu Verzögerungen in dem Prozess der OE der EU kommt.

[...]


[1] Schimmelpfennig, Frank: Double Puzzle of EU Enlargement; unter: www.arena.uio.no/publications/wp99_15htm. S.10/61

[2] Hopf, Ted: The Promise of Constructivism in International Relations Theory; in: International Security, Vol. 23, No.1/1998, S. 172/173.

[3] Boekle, H./ Rittberger V./ Wagner, W.: Soziale Normen und normgerechte Außenpolitik – Konstruktivistische Außenpolitiktheorie und deutsche Außenpolitik nach der Vereinigung; in: Tübinger Arbeitspapiere zur Internationalen Politik und Friedensforschung Nr. 34, 1999. S. 81.

[4] Rittberger, V.: Einführung in die Internationalen Beziehungen (VL/Sommersemsester 2001)

[5] Boekle, H./ Rittberger V./ Wagner, W.: S. 76,

[6] Ebenda S.75

6 Ebenda S.74

6 Ebenda S.74

6 Ebenda S.74

6 Ebenda S.74

Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638217767
ISBN (Buch)
9783640202829
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17132
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
EU-Osterweiterung Konstruktivismus Proseminar Einführung

Autor

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