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Freiheit für die Besitzenden! - John Lockes Menschenbild und sein Verständnis vom Staat

Hausarbeit 2011 30 Seiten

Literaturwissenschaft - Allgemeines

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 John Locke im England des 17. Jahrhunderts

3 Der politische Philosoph John Locke
3.1 Der Naturzustand, das Naturgesetz und der Sozialvertrag
3.2 Arbeit schafft Eigentum
3.3 Der Staat, die Regierung und die Gewaltenteilung
3.4 Der freie Mensch im Lockschen Staat

4 Wirkung

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] „John Locke", Farbstifte auf Papier, 32 x 24 cm,1999

Wiedergabe der Bilder von Werner Horvath, mit ausdrücklicher Einwilligung des Künstlers

1 Einleitung

Die Anregung zu dieser Hausarbeit ergab sich aus der Beschäftigung mit dem Kurs „Sozialphilosophie des 18. Jahrhunderts“[1] als Teil des Moduls 3E „Diskur-sier Entwurf: Wissen, Aufklärung, Handeln“ im Zuge des Masterstudienganges „Europäische Moderne: Geschichte und Literatur“ an der FernUniversität Hagen.

In der großen Zahl wichtiger Theoretiker und Denker, die sich mit politischen Fragen ihrer Zeit auseinandergesetzt haben, fällt der englische Philosoph und politi­sche Theoretiker John Locke als eine besonders interessante Figur auf. Ein englischer Gentleman und einer der wenigen Menschen, der sich mit seiner umfassenden Bildung ein Urteil über zahlrei­che Sachverhalte von der Politik über die Religion, die Pädagogik, die Medizin, die Wirt­schaft, die Technik bis hin zu zahlreichen Themen aus allen Bereichen der Philoso­phie bilden konnte. Weiter interessant ist die Tatsa­che, dass John Locke sich von einem eher strikten und konservativen Menschen, der absolutistische Zustände akzeptieren konnte, hin zu einem relativ toleranten, im Grundsatz liberalen und freiheitsliebenden Bürger entwickelte, jedenfalls in dem Maße, das in seiner Zeit möglich war, ohne ein Revolutionär zu sein. Ein drit­ter Grund liegt in seiner großen Wirkung, die seine erkenntnistheoretischen Schrif­ten, vor allem aber seine politische Philosophie offensichtlich bis heute hat.

John Locke wird als Kind seiner Zeit und seiner Klasse beschrieben. Der Zeitbe-zug und die erlebte Geschichte (beispielsweise hielt sich Locke wäh­rend der Ent-hauptung Charles I. am 30.01.1649 nur wenige hundert Meter vom Richtplatz entfernt betend in seiner Schule auf)[2] können bis zu einem gewissen Grad seine Überlegungen in Bezug auf das Individuum, die Gesellschaft und den Staat verdeutlichen oder erklärbar machen. Dazu werden Lockes Vita und die zentralen historischen Gegebenheiten im England des 17. Jahrhunderts knapp dargestellt. Begleitende geisteswissenschaftliche und politische Entwicklungen der Zeit finden, wie auch Lockes Auslandsaufenthalte und die Bekanntschaften mit namhaften Persönlichkeiten seiner Zeit, Erwähnung.

Im Hauptteil der Arbeit werden, vorrangig unter Nutzung des politischen Haupt-wer­kes Lockes, der „Two Treatises of Government“ (i.d.R. in der deutschen Übersetzung von Hans Jörn Hoffmann, die sich auf die maßgebliche englische Ausgabe stützt, die von Peter Laslett in den Jahren 1964 bzw. 1980 herausgege­ben wurde)[3] und ggf. notwendiger weiterer Werke, die Vorstellungen Lockes zum Thema Eigentum und zur Frage, wer denn der freie Mensch im Lockschen Staat ist, Gegen­stand der Diskussion sein. Die Be­griffe: Naturzustand, Naturgesetz, So-zialvertrag, Selbsterhaltung, Eigentum, Ar­beit, Staat, Gewaltentei­lung, Regierung und wenn notwendig weitere sich erge­bende Themen werden besprochen, um damit die Titelthese zu untermauern oder zu widerle­gen.

Vor einer knappen Schlußbetrachtung wird an einigen Beispielen die Wirkung und Bedeutung der Theorien und Vorstellungen John Lockes in der Philosophie, der praktischen Politik und der Literatur und Kultur aufgezeigt.

2 John Locke im England des 17. Jahrhunderts

Das 17. Jahrhundert ist für England und die anderen Teile der britischen Insel eine politisch und gesellschaftlich ungemein aufregende Zeit. Einige markante Sach- verhalte, Begriffe und Namen aus der politischen Ge­schichte sollen das ver-deutlichen: Petition of Rights, Enthauptung Charles I., Bürger­krieg zwischen Krone und Parlament, Konflikte zwischen Anglikanern, Protestanten und Katholiken, England als Republik, Oliver Cromwell, die Pest und der Brand von London, Habeas Corpus Akte, Glorious Revolution, Wilhelm III. von Oranien, Declaration of Rights usw.. Der Historiker Veit Valentin nennt in seiner „Weltgeschichte“ diese Zeit ‚Das englische Jahrhundert‘.[4] Die „Stanford Ency-clopedia of Philosophy“ bewertet den genannten Zeitraum als „one of the most extraor­dinary centuries of English political and intellectual history.”[5]

Am 29. August 1632 wird John Locke in Wrington in der Grafschaft Somerset, nicht weit von Bristol, als erstes Kind des Rechtsanwalts John Locke senior und dessen Frau Agnes, geb. Keene, im Elternhaus der Mutter geboren und noch am gleichen Tag in der direkt benachbarten Pfarrkirche ge­tauft.[6] Bereits kurze Zeit später kehrten Mutter Agnes und ihr Neugeborenes an den ständigen Wohnort von John und Agnes Locke, dem nahen Pensford, zurück.

Das Farmhaus in Belluton oberhalb von Pensford, in dem Locke seine Kindheit und Jugend verbrachte, hatte der Großvater Nicholas 1624 seinem Sohn John Locke sen. übereignet. Nicholas Locke war Tuchverleger und hatte es zu Wohl­stand und Ansehen gebracht. John Locke sen., der neben seiner Tätigkeit als Rechts­anwalt Sekretär der Friedensrichter von Somerset war, hatte neben der Im-mobilie in Pensford auch ein wenig Landbesitz von seinem Vater geerbt, aus dem er ein kleines Pachteinkommen erzielte. Er wird als streng und still beschrie­ben und so erzog er auch seinen Sohn John. Der Großvater Lockes mütterlicherseits arbeitete in Wring­ton als Gerber, einem in dieser Tuchmachergegend an-gesehenen Beruf. Einige Gerber zählten sogar zum niedrigen Landadel, der Gen-try. John Lockes Mutter Agnes war zur Zeit seiner Geburt 35 Jahre alt und damit knapp zehn Jahre älter als ihr Mann. Von seiner Mut­ter hat Locke später gesagt, dass sie „a very pious woman and an affectionate mother“ gewesen sei.[7]

Eine besondere Bedeutung kam der religiösen Orientierung der Menschen zu. In Somerset dominierte im 17. Jahrhundert die puritanische Richtung der Anglican Church. „Locke was born in Wrington to Puritan parents of modest means.”[8] Nach den vorliegenden Informationen kann man alles in allem sagen, dass die Familie Locke der ländlichen Mittelschicht angehör­te und insgesamt als eher moderate Puritaner anglikanischen Glaubens angesehen wurde.[9]

1642 brach der Bürgerkrieg zwischen dem Parla­ment und der Krone aus. Die Royalisten unterlagen. Die Mehrheit des Parlamen­tes, die von den Puritanern gestellt wurde, obsiegte. John Locke sen. kämpfte auf Betreiben seines Freundes Oberst Alexander Popham als Hauptmann in der Kavallerie der Parlamentsarmee. Popham war auch einer der Friedensrich­ter, für die Locke sen. arbeitete. Als Par-lamentsabgeordneter für die Stadt Bath schlug dieser John Locke als Kandidaten für die Westminster School, damals die beste Private School Englands, vor.

Locke trat im Herbst 1647 dort den Unterricht an. 1650 schaffte er die Prüfung zum ‚Kings Scholar‘, was neben einem Internatsplatz bedeutete, dass er nach erfolgreichem Schulabschluss als ‚Scho­lar‘- Stipendiat nach Oxford oder Cam-bridge gehen konnte. Unterrichtsfächer waren Latein, Griechisch, Hebräisch und Arabisch. Daneben Literatur, Arithmetik und Geographie.

1652 erhielt Locke das ersehnte Stipendium für Oxford und zog im Herbst ins Christ Church College ein. Das Studium, das mittelalterlich-scholastisch orientiert war, umfasste die alten Sprachen, Metaphysik, Logik und Ethik. Zusätzlich bedurfte es des Hörens und Wiedergebens von zwei Predigten pro Tag. 1656 wurde Locke der Bachelor of Arts verliehen. Trotz der Möglichkeit einer juristi­schen Ausbildung entschied er sich zum weiterführenden Magister-Studium. Neben den oben genann­ten Fächern hörte Locke Geschichte und Natur-philosophie. Er schloss das Studium vorzeitig erfolgreich im Juni 1658 ab.

Außerhalb des normalen Fächerkanons legte er besonderes Augenmerk auf medizini­sche Fragestellungen. So las er eine Vielzahl von medizinischen Büchern und exzerpierte umfangreich daraus. Er besuchte auch Vorlesungen verschiedener Mediziner, die experimentellen Methoden anhingen. Daneben hatte er engen Kon­takt zu dem Naturwissenschaftler Robert Boyle, dessen zentrale Arbeitsmethode ebenfalls das Experiment war. Lockes Bemühen, den Doktorgrad in Medizin zu erlangen, war nicht von Erfolg gekrönt. Erst 1675 sprach die Universität ihm den Grad eines Bachelor der Medizin zu. Damit durfte er öffentlich praktizieren.

Mit Erwerb des Magister Artium nahm Locke, wie es üblich war, als ‚senior stu­dent‘ eine Dozententätigkeit auf. In Griechisch und Rhetorik war er zunächst Lec-tu­rer, eine Art Tutor und im Jahre 1664 Zensor für Moralphilosophie. Insge­samt war Locke mit Unterbrechungen bis 1684 Mitglied der Universität Oxford.

Ab 1660 begann Locke seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit. Die er-sten Arbeiten wurden allerdings nie veröffentlicht. Seine (acht) Abhandlungen über das Naturgesetz aus dem Jahre 1664, die er möglicherweise als Vorlesungen konzi­piert hatte, erschienen erst 1954.

Sein Vater starb 1661 und hinterließ ihm etwas Land und einige Cottages.[10] Der Locke-Kenner Peter Laslett nennt den Vater anlässlich des Todes den „ Squire of Belluton.“[11] Ein Squire ist ein „ englischer Landjunker, Gutsherr, Groß­grund-besitzer. [12] Die Einnahmen aus dem Erbe sicherten John Locke dauerhaft ein nicht sehr hohes, aber sicheres Einkommen und machten ihn somit finanziell weitgehend unabhän­gig.

Obwohl Locke zeitlebens Junggeselle blieb, hatte er in jüngeren Jahren doch eine umfängliche Korrespondenz mit und eine deutliche Neigung zu Frauen. Die Liebe seines Lebens traf Locke, als er bereits 50 Jahre alt war. Es war die damals 23jährige Tochter des Platonikers Ralph Cudworth, Damaris Cudworth. Diese Liebe wandelt sich während Lockes Aufenthalt in Holland (1683-1689) dann aber in eine Freundschaft, die, trotz der Heirat Damaris Cudworth‘ 1685 mit Sir Wil­liam Masham, buchstäblich ein Leben lang hielt.

1665 wurde Locke Sekretär des Gesandten am brandenburgischen Hof in Kleve. Der Kurfürst von Brandenburg sollte in der Auseinandersetzung zwischen Hol-land und England bewogen werden, sich an die Seite der Engländer zu stellen. Das tat dieser nicht, aber Locke konnte im Herzogtum Kleve, wie später auch in Holland, eine in England nicht bekannte Toleranz in Glaubensfragen erleben, so dass er seine früher strenge Haltung in religiösen Fragen langsam zu ändern be-gann.[13]

1666 begegnete Locke Lord Anthony Ashley-Cooper. Der spätere 1. Earl of Shaftes­bury war ein fähiger, mächtiger und reicher Politiker, der für eine konsti-tutio­nelle Monarchie, die Herrschaft des Parlamentes, eine protestanti­sche Thron-folge, die koloniale Expansion und freien Handel stand. Lord Ashley-Cooper be-durfte im Sommer 1666 in Oxford medizinischer Hilfe und traf so John Locke. Beide freundeten sich an. Locke wurde 1667 nicht nur Ashley-Coopers Hausarzt, sondern auch dessen Sekretär, Rechercheur und vor allem aber politi­scher Berater.

Spätestens mit seinem Umzug nach London war John Locke in der praktischen Politik angekommen. 1667 veranlasste Ashley-Cooper seinen Freund, den „ Essay concerning Toleration[14] zu verfassen, in dem Locke sich bereits zu einer ge-wissen religiö­sen Toleranz bekannte, die allerdings nicht für Atheisten und für Katholiken (‚Papisten‘) galt. Bemerkenswert ist, dass Locke, offen­bar unter dem Einfluss der Kenntnisse aus seiner Tätigkeit für Ashley-Cooper, auch wichtige wirtschaftliche Gründe für eine tolerante Haltung findet.[15] Sein Hauptwerk in Fragen der Toleranz[16] wird schließlich, mehrere einschlägige Schriften waren schon vorausgegangen, die berühmte „ Epistola de tolerantia“, in der er fordert, dass der Staat nicht in religiöse und kirchliche Angelegenheiten eingreift (Trennung von Kirche und Staat).[17]

Hier, in der Zusammenarbeit mit Lord Ashley-Cooper, wandelte sich Locke von einem eher royalistisch geprägten Untertanen zu einem tendenziell liberalen Bürger. Wie weit diese Liberalität ging und wo ihre Grenzen lagen, ist hier noch zu untersu­chen.

Locke diente im Interesse Ashley-Coopers als Sekretär der ‚Lords Proprietors of the Carolinas‘ und des staatlichen ‚Board of Trade and Plantations‘ (1673- 1674). Diese Aufgaben verschafften ihm einen exzellenten Überblick über die Wirtschaft, den Außenhan­del und die Kolonien Englands.[18] Für den Staat Caro-lina verfasste er mit Ashley-Cooper einen Verfassungsentwurf, der in der Kolo­nie aber kein geltendes Recht wurde. 1668 wurde Locke Mitglied der 1660 gegründe-ten ‚Royal Society‘ zu London, die erklärtermaßen nur experimen­tell bewiesene Wissenschaft akzeptieren wollte. Das war bis dahin nicht die übliche wissen-schaftliche Methode, die vor allem in der Lektüre der alten Meis­ter lag.

Lord Ashley-Cooper, seit 1667 Mitglied des fünfköpfigen königlichen Rates, wurde 1672 zum 1. Earl of Shaftesbury und gegen Ende des Jahres sogar zum Lord Chancellor ernannt. Der König, der insgeheim zum Katholizis­mus tendierte, verlor allerdings nach einem Jahr sein Vertrauen in den Earl. Dieser gründete als Sammelbecken der Opposition den ‚Green Ribbon Club‘, aus dem dann die ‚Whigs‘[19] wurden, die ab dem späten 17. Jahrhundert eine der wichti­gen parla-mentarischen Gruppierungen im Londoner Unterhaus war. Aus ihr entstand im 19. Jahrhundert die liberale Partei.

Locke war dabei stets an der Seite des Earls. Dieser geriet auf Grund seiner Akti-vitä­ten und wegen bestimmter Schriften, die man in der Öffentlichkeit Locke zu-schrieb, stark unter Druck. Locke ebenfalls, so dass dieser sich, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, auf einen längeren Frankreichaufenthalt begab. Nicht zuletzt wegen seiner Atemwegsbeschwerden und des entsprechenden Klimas dort ging Locke zunächst nach Montpellier. Anfang 1677 erhielt er Nachricht von der Verhaftung des Earls of Shaftesbury, der für ein Jahr im Tower festgesetzt wurde. Locke nutzte die Zeit in Frankreich, um neben Reisen im Land vielfältige Gesprä­che mit Philosophen, Medizinern und anderen Wissenschaftlern zu pflegen. Den Tagebüchern Lockes ist zu entnehmen, dass er häufig an einem seiner Haupt­werke, dem „Essay über den menschlichen Verstand“[20] arbeitete, den er wahr­scheinlich 1671 begonnen hatte und der schließlich 1689 vordatiert veröffent­licht wurde.[21]

Anfang 1679 kehrte Locke auf Bitten Shaftesburys nach England zurück. Im sel-ben Jahr erließ das Parlament die ‚Habeas-Corpus-Akte‘, mit der der Schutz der persönli­chen Freiheit gewährleistet und willkürliche Verhaftungen ausgeschlossen werden sollten.

In den Jahren zwischen 1680 und 1682 erarbeitet Locke den Hauptteil seiner poli­tisch-philosophischen Schrift „Two Treatises of Government“.[22]

Im Parlament stritten die royalistischen ‚Tories‘, die den König als von Gott ein-gesetzt sahen, gegen den kein Widerstandsrecht geltend gemacht werden kann, mit den ‚Whigs‘, die den Protestantismus stützten, sich auf das Naturrecht berie­fen, eine konstitutionelle Monarchie befürworteten und den katholischen Bruder Charles II. vom Thronerbe ausschließen wollten.[23] Mitte 1681 wurde der Earl of Shaftesbury verhaftet und des Hochverrats angeklagt, zunächst freigesprochen, aber bald wieder verhaftet. Seiner wahrscheinlichen Hinrichtung wegen einer ge-plan­ten Staatsverschwörung entging der Earl durch seine Flucht 1682 nach Hol­land. Dort verstarb er bereits im Januar 1683.

Wegen seiner loyalen Haltung zum Earl of Shaftesbury sah sich auch Locke Nachstel­lungen ausgesetzt. Im September 1683 floh er daher ebenfalls nach Hol­land. Die englische Regierung versuchte, seine Auslieferung zu erreichen. Das misslang. Dafür ließ der König John Locke, der in Oxford noch ‚senior student‘ war, 1684 aus der Universität ausschließen.

Charles II. starb 1685. Ihm folgte sein katholische Bruder, der als James II. den englischen Thron bestieg. Ein Katholik war nun Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Diese Situation war für viele Engländer inakzeptabel. Als James drei Jahre später sogar einen männlichen Thronerben präsentierte, riefen einflussreiche Kreise den protestantischen Neffen und Schwiegersohn William of Orange aus den Niederlanden zu Hilfe. Der landete am 15. November 1688 in England und James II. floh noch im Dezember nach Frankreich.

Die folgende Zeit ist als ‚Glorious Revolution‘ in die Geschichtsbücher eingegangen:

„Das göttliche Recht der Könige weicht der Etablierung der Souveränität beim Parla­ment, das die Nachfolgefrage regelt und die Krone wie ein gewöhnliches Staats­amt (mit den damit verbundenen Befugnissen) vergibt. Mit seinen ‚Two Treati­ses of Government‘ (1690) liefert John Locke…, der Theoretiker des bürger­lich-liberalen Staatsgedankens, eine Beschreibung der neuen Lage, die auf ei­nem ‚Trust‘ basiere, einer Treuhandschaft, die Krone und Parlament zum Nut­zen des mit Widerstandsrechten ausgestatteten Volks ausüben.“[24]

Locke segelte im Februar 1689 mit der späteren Königin Mary II. zurück nach England. Öffentliche Ämter wies er zunächst zurück. Die Londo­ner Luft setzte seiner Gesundheit sehr zu und er fuhr so oft wie möglich hinaus aufs Land. Im selben Jahr lernte Locke auch Isaac Newton kennen, den er sehr schätzte und eine „führende Persönlichkeit der neuen Naturwissenschaft"[25] nannte.

1691 schließlich zog er sich auf den Landsitz seiner Freunde Sir Francis and Lady Masham, vormals Damaris Cudworth, beim Flecken Oates in der Gemeinde High Laver in Essex, etwa 40 Kilometer nördlich von London, zurück. Von dort übte Locke weiter einen beträchtlichen Einfluss auf das politische Geschehen aus.

Am 28. Oktober 1704 starb John Locke im Beisein seiner Freundin Lady Damaris Cudworth Masham in seinem Arbeitszimmer in Oates.

3 Der politische Philosoph John Locke

Das umfangreiche Werk John Lockes befindet sich bis heute in einer intensiven Aufarbeitung. Bereits kurz nach Lockes Tod gab es Werk-Ausgaben und ab Ende des 18. Jahrhunderts dann auch relativ umfassende Publikationen, aber erst heute wird begonnen, eine wissenschaftli­che Gesamtausgabe zu edieren. Die soge-nannte „Clarendon Edition of the Works of John Locke“ ist auf 30 Bände an-gelegt. Bis heute sind 14 Bände dieser kritischen Ausgabe erschienen.[26]

Lockes philosophisches Gesamtwerk

John Locke wird philosophiegeschichtlich in den Nachschlagewerken häufig mit zwei Begriffen gekennzeichnet, die miteinander in Beziehung stehen: dem Empi-ris­mus (auch die englische Philosophie genannt) und - aus einer stärker gesamt-europäischen Sicht - der Aufklärung. Nach Hans Joachim Störig ist der Empi­ris-mus die „Aufklärung in England. [27] Schon Karl Vorländer ordnete in sei­ner Phi-losophiegeschichte Locke unter „Die Philosophie der Aufklärung. [28]

Im Grunde bezeichnet ‚Empirismus‘[29] nur einen erkenntnistheoretischen Ansatz. Heute ge­braucht man ihn aber auch zur Kennzeichnung einer Epoche und Rich­tung der Philosophie. Wie das Quasi-Synonym ‚englische Philoso­phie‘ klar macht, muss es eine besondere Beziehung zu den Menschen auf der britischen Insel haben. Und da trifft man auf die strengen, pflichtgetreuen Purita­ner Lockes, die sich im Laufe der Jahrhunderte eine Reihe politischer Freiheiten er­kämpft hatten: „ Der Puritanismus […] hat mit seiner nüchternen Strenge und seinem Ethos der praktischen Arbeit bei der Formung des englischen Volkscharak­ters eine entscheidende Rolle gespielt.“[30]

Wegbereiter der ‚Englischen Philosophie‘ waren u.a. Roger Bacon (1219-1294), der als einer der ersten die Naturwissenschaften zur Erkenntnisgewinnung heran­zog und des­sen Namensvetter Francis Bacon (1561-1626), der die induktive Methode als Arbeitsgrundlage der Wissen­schaft propagierte und dessen Ziel die Beherr­schung und Nutzung der Natur war. Und schließlich gibt es den großen Staatsphilo­sophen Thomas Hobbes (1588-1679), den Wegberei­ter des Absolu-tismus, der eine materia­listi­sche, auf der Grundlage der modernen Naturwissen-schaften fußende Weltsicht vertrat.

[...]


[1] Tietz, Udo: Sozialphilosophie des 18. Jahrhunderts. Hagen FernUniversität 2010 (Kurs 34568)

[2] Fox Bourne, Henry R.: The Life of John Locke. In two volumes. Reprint of the Edition London 1876. Aalen Scientia 1969, S. 25

[3] Locke, John: Zwei Abhandlungen über die Regierung. Hrsg. und eingeleitet von Walter Euch-ner; Frankfurt a.M. Suhrkamp 1977 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 231); Locke, John: Zweite Abhandlung über die Regierung. Kommentar von Ludwig Siep; Frankfurt a.M. Suhrkamp 2007, S. 12 (Suhrkamp Studienbibliothek 7); Locke, John: Two Treatises of Government. A critical edition with an Introduction and Apparatus Criticus by Peter Laslett; 2. ed.; Cambridge (u.a.) Cambridge University Press 1980

[4] Valentin, Veit: Weltgeschichte. Band 2; München, Zürich Knaur 1965, S. 589

[5] Uzgalis, William: John Locke. In: The Stanford Encyclopedia of Philosophy 2010; Section 1

[6] Die biografischen Angaben zu John Locke sind vorrangig folgenden Quellen entnommen (vgl. Lit-Verz.): King, Peter: The Life of John Locke; London Colburn and Bentley 1830; Fox Bourne 1876; Laslett/Locke/Treatises 1980, S. 1-152; Cranston, Maurice: John Locke. A Biography, Oxford University Press1985; Brandt, Reinhard: § 29. John Locke. In: Die Philosophie des 17. Jhdts.. Bd. 3 England, 2. Halbbd.; Basel Schwabe 1988, S. 619-624; Thiel, Udo: John Locke, Reinbek Rowohlt 1990; Woodfield, Andrew: Locke’s Life and Works, 2004; Aaron, Richard I..: Locke; In: The new Encyclopaedia Britannica. Vol. 23, Chicago (u.a.) Encyclopaedia Britannica 2003, S. 221-225; Uzgalis/SEP/Locke 2010

[7] Cranston 1985, S. 13

[8] Uzgalis/SEP/Locke 2010, Section 1.1

[9] Vgl. dazu auch die biografische Literatur lt. Fußnoten 6 und 11

[10] Cranston 1985, S. 70

[11] Laslett/Locke/Treatises 1980, S. 18

[12] Messinger, Heinz u. Rüdenberg, Werner: Langenscheidts Handwörterbuch Englisch. Teil 1,

9. Aufl.; Berlin Langenscheidt 1975, S. 1178

[13] Siehe auch S. 5f. und Fußnoten 14-17

[14] Locke, John: An Essay concerning Toleration (1667). Veröffentlicht in Fox Bourne 1876,

Bd. 1, S. 174-194.

[15] Vgl. Baumgartner, Wilhelm: Naturrecht und Toleranz; Würzburg Königshausen u. Neumann 1979, S. 23ff. und Euchner, Walter: Locke (1632-1704); In: Klassiker d. polit. Denkens, Bd. 2; München Beck 1987, S. 10

[16] Baumgartner 1979, S. 75f.

[17] Locke, John: Epistola de tolerantia; Gouda 1689

[18] Karl Marx kannte und nutzte Lockes Werke u.a. bei der der Niederschrift des „Kapital“ und schreibt 1867 dort im Band 1 (MEGA Bd. 23; Berlin Dietz 1972) auf S. 412 in der Fußnote 111 über John Locke, dass dieser der Philosoph‘ der politischen Ökonomie für England, Frankreich und Italien ward.

[19] Lexikon zur Geschichte der Parteien in Europa; Stuttgart Kröner 1981, S. 255f.

[20] Locke, John: An Essay concerning human understanding. In four books; London Bassett 1690 (recte 1689) (Deutsch: Essay über den menschlichen Verstand, Altenburg 1757)

[21] Rodgers, G.A.J.: Zur Entstehungsgeschichte des Essay…. In: Locke, John: Essay über den menschlichen Verstand. Hrsg. von U. Thiel; Berlin Akademie Vlg. 1997, S. 11ff.; s.a. Fußnote 35

[22] Thiel 1990, S. 49

[23] Meyer, Rolf: Eigentum, Repräsentation und Gewaltenteilung in der politischen Theorie von John Locke; Frankfurt a.M. (u.a.) Lang 1991, S. 18f.

[24] Der große Ploetz. Auszug aus der Geschichte, 29. Aufl.; Freiburg, Würzburg Ploetz 1981,

S. 684

[25] Thiel 1990, S. 114

[26] Vgl. zur Primärliteratur: Brandt, Reinhard: § 29. John Lo>

[27] Störig, Hans J.: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Bd. 2.; Frankfurt. a.M. Fischer 1976,

S. 13ff.

[28] Vorländer, Karl: Geschichte der Philosophie. 5. Aufl.; Leipzig Meiner 1919, S. 85ff.

[29] Vgl. Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. von Walter Brugger. 17. Aufl.; Freiburg (u.a.) Herder 1985, S. 82f.

[30] Störig 1976, S. 13

Details

Seiten
30
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640906017
ISBN (Buch)
9783640905799
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171300
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für neuere deutsche und europäische Literatur
Note
1,7
Schlagworte
freiheit besitzenden john lockes menschenbild verständnis staat

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