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E-Partizipation - Chancen und Grenzen der Jugendbeteiligung im Internet am Beispiel des Pilotprojekts HUWY

Diplomarbeit 2010 137 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

A E-Partizipation - Chancen und Grenzen

1. Einleitung
2. Erkenntnisinteresse und Untersuchungsziel
2.1 Forschungsstand
2.2 Fragestellungen und methodisches Vorgehen
2.3 Aufbau der Arbeit

B Politik, Internet und Jugend
3. Politik und politische Beteiligung
3.1 Demokratie und Partizipation
3.2 Politische Partizipation
3.2.1 Definition
3.2.2 Formen
3.2.3 Dimensionen
3.3 Erklärungsfaktoren politischer Partizipation
3.3.1 Sozialstruktur und Ressourcenausstattung
3.3.2 Motive: Werte, Normen, Interessen und Einstellungen
3.3.3 Rationale Erklärungsvariablen
3.3.4 Netzwerke, soziales Engagement und Sozialkapital
3.3.5 Variablen der Makroebene
3.3.6 Resümee
3.4 Entwicklungstendenzen politischer Partizipation
3.5 Politische Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen
3.5.1 Politische Involvierung
3.5.2 Politische Partizipation
4. Internet und Politik
4.1 Das Internet aus demokratietheoretischer Sicht
4.2 Digitale Gesellschaft - das Internet auf dem Weg in die Gesellschaft
4.3 Chancen und Risiken des Internets für die Politik
4.3.1 Information
4.3.2 Kommunikation
4.3.3 Partizipation
4.4 Bestandsaufnahme von E-Partizipationsangeboten
4.5 Das Pilotprojekt HUWY

C Empirische Analyse
5. Methodische Vorgehensweise
5.1 Qualitative Leitfadeninterviews
5.2 Auswahl der Untersuchungsobjekte
5.3 Transkription
5.4 Qualitative Inhaltsanalyse
5.5 Ergebnisse der Untersuchung

D Schlussbetrachtung
6. Fazit
6.1 Zusammenfassende Würdigung
6.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang 1: Leitfaden

Anhang 2: Zusammenfassung der einzelnen Fälle mittels Generalisierung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Gesellschaftliche und politische Partizipation

Abb. 2: Die Erweiterung des Repertoires politischer Aktivitäten

Abb. 3: Faktorenbereiche und Variablen politischer Partizipation

Abb. 4: Entwicklung des politischen Interesses in Deutschland

Abb. 5: Mediennutzung als politische Informationsquelle: 12-25 Jährige

Abb. 6: Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 1983-2009 nach Altersgruppen ..

Abb. 7: Entwicklung der Internetnutzer in Deutschland nach Geschlecht

Abb. 8: Entwicklung der Internetnutzer in Deutschland nach Alter

Abb. 9: Internetnutzung in Deutschland nach Bildung 2010

Abb. 10: Onlineanwendungen 2010: Gesamt, 14-19 Jährige, 20-29 Jährige

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Formen politischer Partizipation - realweltlich und virtuell

Tab. 2: Politisch aktive Freunde nach Schulabschluss: 16-29 Jährige

Tab. 3: Politische Partizipation, Bereitschaft und Aktivitäten: 16-29 Jährige

Tab. 4: Entwicklung der Onlinenutzung in Deutschland

Tab. 5: Tägliche Nutzungsdauer der Medien 2010: Gesamt versus 14-19 Jährig

Tab. 6: Potenzielle politische Wirkungen des Internets

Tab. 7: Nutzung politischer Online-Informationen

Tab. 8: Nutzung politischer Online-Partizipation

Tab. 9: HUWY-Workshops für Gruppenleiter: Teilnehmer aus Deutschland

Tab. 10: Interviewpartner

Tab. 11: Transkriptionsregeln

Tab. 12: Kategoriensystem

Tab. 13: Anzahl politischer Aktivitäten der Interviewpartner, offline und online

Tab. 14: Politische Aktivitäten der Interviewpartner im Vergleich

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A E-Partizipation - Chancen und Grenzen

1. Einleitung

“Democracy is the government of the people, by the people, for the people” (Abraham Lincoln, zit. nach Schultze 2010a: 137)

Mit den neuen technischen Möglichkeiten des Internets und seiner rasanten Verbrei- tung zum Massenmedium wurde die demokratietheoretische Debatte um das Ver- hältnis zwischen Politik und Medien wiederbelebt und nach den Konsequenzen für den politischen Prozess und die Gesellschaft gefragt. Zu Beginn der sozialwissen- schaftlichen Auseinandersetzung in den frühen 1990er Jahren mit dem Einfluss des Internets auf die Politik stand die Idee, das Internet bewirke eine Stärkung der De- mokratie nach dem Konzept Barbers (1994, zuerst 1984) und stelle möglicherweise eine Äneue Demokratie als Lebensart“ (Siedschlag 2005: 139) dar. Die Enthusiasten in der politikwissenschaftlichen Internetdebatte schürten die Hoffnungen von einer "Wiederbelebung" der politischen Agora (vgl. Grossman 1995). Pessimistische Stimmen sahen darin eher die Gefährdung durch einen Äelektronischen Populismus“ (Leggewie/Bieber 2001: 37). Die Debatte um das Verhältnis neue Medien und Poli- tik wurde durch die gleichzeitige Überschätzung und Unterbewertung der neuen Me- dien geprägt sowie von einem Technikdeterminismus überlagert. Die Diskussion war mit positiven und negativen Erwartungen überfrachtet. Gegenwärtig bewegt sich die Debatte um eine digitale Demokratie zwischen beiden Extremen. Mit dem Interesse an internetgestützter Politik und der Entfaltung der Demokratie im Informationszeit- alter rücken einmal mehr Fragen der ÄRepräsentation, Partizipation, Deliberation, Responsivität und dem Spannungsverhältnis zwischen Chancengleichheit und Effizi- enz“ (Siedschlag 2003: 10) in den Mittelpunkt der politikwissenschaftlichen For- schung zur Beziehung zwischen Politik und Internet.

Ausgangspunkt für derartige Überlegungen stellen die Defizite der repräsentativen Demokratie dar. Ein wesentlicher Bestandteil dieser ist die politische Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger1 durch regelmäßige Wahlen. Partizipation als Kern- element der Demokratie steht jedoch einer sinkenden Wahlbeteiligung auf allen Ebe- nen gegenüber2. Zudem sind langfristige Trends zu beobachten, die auf Defizite der repräsentativen Demokratie hinweisen: eine rückläufige Mitgliederzahl in Parteien und Interessengruppen (vgl. Statistisches Bundesamt 2008: 390) sowie geringes Ver- trauen der Bürger in politische Akteure und Parteien (vgl. Bertelsmann Stiftung 2004: 67f). Daneben ist ein Anstieg der Beteiligung und Bedeutung von unkonventi- onellen Partizipationsformen - verstanden als um Protestaktionen erweiterte Partizi- pationsformen etablierter wahl- und parteibezogenen Aktivitäten (vgl. Gabriel/Völkl 2005: 535ff) - seit der partizipatorischen Revolution der 1970er Jahre (vgl. Bar- nes/Kaase 1979) zu konstatieren. Diese Entwicklung kann als Antwort auf gesell- schaftliche Veränderungen wie Individualisierung, sozialer Wandel, Wertewandel, Bildungsexpansion, Globalisierung sowie technologischen Fortschritts gedeutet wer- den (vgl. Hoffmann-Lange/Gille 2009: 298f; Schultze 2010a: 138f). Trotz dieser Entwicklungen befürwortet die Mehrheit der Deutschen die Demokratie als beste Staatsform. Außerdem ist kein eindeutiger Trend einer Ab- oder Zunahme der Zu- friedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie auszumachen (vgl. Statistisches Bundesamt 2008: 397f), so dass nicht Politikverdrossenheit, sondern vielmehr von einem Verlust der Legitimität politischer Institutionen die Rede sein kann (vgl. Amnå 2010: 7).

Insbesondere die in den letzten Jahren stetig gestiegene Verbreitung des Internets ermöglicht es heute nicht nur politischen Akteuren, Kommunen, Unternehmen oder öffentlichen Verwaltungen, sich dieses Mediums zu bedienen: Etwa für den Wahl- kampf, wie es Barack Obama für seinen Präsidentschaftswahlkampf 2008 genutzt hat (vgl. Fliegauf/Novy 2009) oder die Bereitstellung von Informationen und Dokumen- ten im Internet. Auch für einen wachsenden Teil der Bürger ist es möglich, eine brei- te Palette elektronischer Partizipationsformen zu nutzen. Hiermit sind die vielfältigen Möglichkeiten gemeint, wie beispielsweise Petitionen im Internet einzureichen, zu veröffentlichen, zu unterzeichnen und zu diskutieren (vgl. Lindner/Riehm 2009: 496). Auch Kundgebungen können mit Hilfe des Internets schneller und effizienter organisiert werden, so geschehen nach der umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 im Iran. Weiterhin können Informationen im Internet mit geringem Kosten- und Zeitaufwand abgerufen, die eigene Meinung in politischen Weblogs kundgetan oder die Kommunikation mit Politikern in Online-Konsultationen3 genutzt werden. All diese Aspekte geben Hinweise auf die Formierung einer neuen politischen Praxis (vgl. Amnå 2010: 7).

Besonders relevant ist diese Entwicklung im Kontext politischer Beteiligung junger Menschen4, die bei dem Gebrauch von konventionellen Partizipationsformen, wie etwa bei Wahlen oder aktiver Parteiarbeit di]e kleinste unterproportionale Gruppe darstellen, sich stattdessen eher unkonventionellen Formen, beispielsweise der Betei- ligung an Unterschriftensammlungen oder Demonstrationen, zuwenden (vgl. Spann- ring 2008: 29f; Marien et al. 2010: 141f). So kann in Hinblick auf das politische Inte- resse, die Wahlbeteiligung und die Mitgliedschaft in Parteien eine Kluft zwischen den Jüngeren und Älteren konstatiert werden, was als Warnsignal für eine geringe politische Integration junger Menschen gedeutet werden kann (vgl. Statistisches Bundesamt 2008: 383-401). Aus diesem Grund wird gerade im Kontext von jungen Menschen die Hoffnung geschürt, dass der Einsatz von Informations- und Kommu- nikationstechnologien (IuK) Äzu mehr politischem Engagement und Bewusstsein und somit zu mehr gesellschaftlicher Partizipation führen kann“ (Maier-Rabler/Neumayer 2008: 3f). Ein Hinweis für diese denkbare Entwicklung ist das Internetnutzungsver- halten der Jugendlichen. Es handelt sich bei dieser Altersgruppe um die sogenannten Digital Natives, ein Label, welches für eine Generation verwendet wird, die im Ge- gensatz zu den Digital Immigrants mit dem Internet aufgewachsen ist und daher ei- nen routinierten und selbstbewussten Umgang mit diesem noch relativ jungen Medi- um pflegt (vgl. Prensky 2001). Kritisch dazu wird gesehen, dass diese Generation wie auch Generationen davor neue Medien als Teil ihrer Freizeitbeschäftigung nutzt, also zum Gewinnen von Freundschaften oder für die Kommunikation mit Freunden, dies demnach ein Bestandteil der Sozialisation darstelle (vgl. Schulmeister 2009). Zudem muss darauf hingewiesen werden, dass mit dem Ausdruck Digital Natives junge Menschen in Bezug auf die natürliche Nutzung und Handhabung des Internets oftmals idealisiert werden (vgl. Selwyn 2007: 35).

2. Erkenntnisinteresse und Untersuchungsziel

Vor dem Hintergrund eines rasanten gesellschaftlichen Wandels in den entwickelten Demokratien, der von Globalisierung, Individualisierung, Entstrukturierung und Entgrenzung gekennzeichnet ist, wird von jungen Menschen heute zunehmend Ei- geninitiative und Selbstverantwortung gefordert (vgl. Hurrelmann et al. 2006: 31- 36). Die Folgen sind die Auflösung traditioneller soziopolitischer Milieus und verän- derte Lebensentwürfe (vgl. Hoffmann-Lange/Gille 2009: 295). So erhält die politi- sche und soziale Beteiligung junger Menschen einen wichtigen Stellenwert auf der gesamtgesellschaftlichen, institutionellen und individuellen Ebene. Die Beteiligung einer nachwachsenden Generation in einer Gesellschaft, in der die Entwicklung der politischen Kultur, einer lebendigen Demokratie und aktiven Zivil- und Bürgerge- sellschaft immer wichtiger wird, gewinnt an Bedeutung. In Hinblick auf eine Ägerin- gere Integration durch die Arbeitswelt und der Prozesse von Europäisierung und Globalisierung“ (Gaiser et al. 2006: 211) muss der soziale Zusammenhalt immerzu von Neuem hergestellt und stabilisiert werden. Desweitern verändern sich Institutio- nen und schaffen neue Beteiligungsstrukturen und Möglichkeiten, sich einzubringen. So steht das Individuum in der Art und Weise, wie es sich auf diese komplexe Welt einlässt, vor schwer kalkulierbaren Entscheidungen (vgl. ebd.: 211f). Außerdem wird die Jugend als Seismograph für Veränderungsprozesse begriffen, so dass der Bezie- hung der Jugendlichen zur Politik und Gesellschaft auch innerhalb der Forschung eine hohe Bedeutung zukommt (vgl. Schneekloth 2006: 103).

Gleichzeitig machen eine Reihe von Initiativen und Projekten sowohl auf nationaler als auch auf internationaler beziehungsweise europäischer Ebene, die sich um eine neue Dimension der Bürgerbeteiligung mit Hilfe des Internets bemühen (vgl. u.a. Bundesministeriums des Innern 2008), auf einen hohen Stellenwert digitaler IuK für die repräsentative Demokratie aufmerksam. Beispielsweise wurden partizipative Elemente als Erweiterung der repräsentativen Demokratie in den Vertrag von Lissa- bon aufgenommen und sollen innerhalb verschiedener Programme und Initiativen in Zukunft umgesetzt werden5. Auch die Herausforderungen der Informationsgesellschaft durch die neuen Technologien stehen auf der politischen Agenda der Europäischen Union. So soll unter anderem die Medienkompetenz gefördert und Exklusion durch die Förderung des Internetzugangs verhindert werden. Daher wurde die Strategie Europa 20206 der Europäischen Kommission ins Leben gerufen, innerhalb dieser die Initiative Digitale Agenda für Europa diese Ziele verfolgt7.

Beide Gesichtspunkte verknüpft die eParticipation Preparatory Action8, die auf Ini- tiative des Europäischen Parlaments das Ziel verfolgt, bürgerschaftliches Engage- ment durch Partizipation mit Hilfe des Internets zu testen und zu fördern. Das Be- streben startete im Jahr 2006 als Reaktion auf erwähnte demokratische Strukturprob- leme. Mit Hilfe der neuen IuK sollen Instrumente entwickelt werden, die zu einer höheren Beteiligung an regionaler, nationaler und europäischer Politik führen sollen. Im Zuge dessen wurden 21 Projekte vergeben. Eines davon ist das Pilotprojekt Hub Websites for Youth Participation (HUWY)9 und soll in dieser Arbeit untersucht wer- den.

Innerhalb des EU-Projekts, das in Deutschland am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) betreut wird, soll jungen Menschen zwischen 16 und ca. 24 Jahren die Gelegenheit gegeben werden, aktuelle Fragen rund um die poli- tisch-rechtliche Gestaltung des Internets zu diskutieren und die Entwicklung von Ideen mit Hilfe dezentraler Diskussionen online oder offline voranzutreiben. Die Besonderheit des Projekts im Vergleich zu herkömmlichen E-Partizipationsprojekten besteht darin, dass die Diskussionen dort stattfinden sollen, wo sich die Jugendlichen ohnehin mit ihren Freunden und Bekannten treffen (beispielsweise in Jugendforen, Blogs oder sozialen Netzwerken). Die Jugendlichen sind in der Gestaltung ihrer Dis- kussionen frei, es können ein oder mehrere Themen innerhalb einer beliebigen Grup- pengröße und Zeitspanne diskutiert werden. Weiterhin werden spezielle Hub- Webseiten (übergeordnete Seiten) im Internet bereitgestellt, um die Ideen der jungen Teilnehmer zu sammeln und zu organisieren. Es wird eine ÄHub“ für jedes an HUWY beteiligte Land (Großbritannien, Irland, Deutschland und Estland) sowie eine für die EU-Ebene bereitgestellt. Dort werden Informationen angeboten, um die Diskussionen und deren Resultate zu unterstützen und schließlich zu veröffentlichen. Die am Projekt involvierten politischen Entscheidungsträger können die Ergebnisse und Anregungen lesen und Rückmeldungen zur Nützlichkeit der Diskussionsergeb- nisse für aktuelle und anstehende politische Entscheidungsprozesse geben. Ein be- sonderer Erfolg des Projekts wäre es, wenn Ideen der jungen Teilnehmer in die poli- tischen Debatten zur politisch-rechtlichen Gestaltung des Internets einfließen wür- den.

Wesentliche Ziele des Pilotprojekts sind die Einbindung Jugendlicher in den politi- schen Prozess, die Förderung des politischen Interesses und die Nutzung der Web- Expertise der Teilnehmer. Weiterhin werden E-Partizipations-Tools sowie das de- zentrale Modell getestet. Erreicht werden sollen die Jugendlichen insbesondere über Jugendpresse Deutschland e.V., der ca. 10.000 junge, medieninteressierte Mitglieder zählt sowie über die Kontaktaufnahme durch andere Jugendvereine und - organisationen (von politischen Jugendorganisationen wie zum Beispiel dem Deut- schen Gewerkschaftsbund über Umwelt- und Naturschutzverbände bis zu den Pfad- findern und Jugendorganisationen der Hilfswerke) auf Regional-, Landes- und Bun- desebene.

Die Verfasserin der vorliegenden Arbeit ist seit Mai 2009 am Fraunhofer ISI als stu- dentische Hilfskraft in den operativen Ablauf des Pilotprojekts involviert. Der Zu- gang zu Projektablauf und -inhalten sowie zum Forschungsfeld entstanden in diesem Kontext.

Im Fokus dieser Arbeit stehen nicht die innerhalb des Pilotprojekts von den Jugendlichen behandelten Themen (Policy-Ebene). Untersucht werden die Folgen, die sich aus dem besonderen Konzept, des dezentralen und frei gestaltbaren Diskussionsmodells für die Nutzerstruktur des Pilotprojekts ergeben. Insbesondere stehen folgende Fragen im Fokus dieses Forschungsvorhabens:

(1) Welche Faktoren tragen zur E-Partizipation bei beziehungsweise verhindern diese?
(2) Welche Folgen lassen sich durch die Nutzung von E-Partizipationsangeboten für den politischen Prozess und die Demokratie ableiten?

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt vor allem auf demokratietheoretischen Aspekten (Polity-Ebene) sowie auf Erkenntnissen der empirischen Partizipationsforschung (Politics). Mit Blick auf die herausragende Rolle des Internets innerhalb der The- menstellung werden auch kommunikationswissenschaftliche Sichtweisen einfließen.

2.1 Forschungsstand

Bisher liegen in der Forschungsliteratur vor allem Einzelfallbeschreibungen vor, wo- gegen vergleichende empirische Strukturierungen sowie einheitliche Evaluations- maßstäbe für Partizipationsprojekte kaum zu finden sind. Folglich ist es nicht mög- lich, empirisch begründete allgemeine Aussagen über Wirkung und Erfolgsfaktoren elektronischer Partizipation zu machen (vgl. Albrecht et al. 2008: 6; Kuhn 2006: 31). Dies liegt zum einen an der spezifischen Anlage der jeweiligen E- Partizipationsprojekte sowie an dem relativ jungen Forschungsinteresse. Meist stüt- zen sich Untersuchungen auf Pilotprojekte im europäischen und nordamerikanischen Raum, die kleine Nutzerzahlen aufweisen und zeitlich begrenzt sind (vgl. Macin- tosh/Whyte 2008). Außerdem beziehen sich eine Reihe von Untersuchungen auf das Angebotsverhalten im Bereich E-Government10 und E-Administration11 beziehungs- weise intermediärer Organisationen12. Für den Bereich elektronische Beteiligung junger Menschen lassen sich kaum evaluierte Projekte finden, die sich ausschließlich an diese Zielgruppe richten und für den Zweck der vorliegenden Untersuchung rele- vant wären. Da eine Entsprechung der Ausgangslage für die Untersuchung des hier behandelten Pilotprojekts nicht vorliegt, wird der Forschungsstand aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

In Hinblick auf demokratiefördernde Potenziale, also ob das Internet politische Gleichheit fördert und bisher nicht involvierte Bevölkerungsgruppen mobilisiert werden können sowie Partizipation auf neuen Wegen genutzt wird, sind zwei Studien neueren Datums zu nennen. Beide untersuchen je eine Partizipationsform, indem sie die Teilnahme an der realweltlichen Partizipationsform mit der jeweilig adaptierten Online-Form vergleichen.

Eine Petentenbefragung zum Modellversuch ÄÖffentliche Petitionen“ beim Deut- schen Bundestag13 (vgl. Riehm/Trénel 2009) zeigt, dass es kaum gelungen ist, neue Bevölkerungsgruppen durch die Möglichkeit der Einreichung öffentlicher Petitionen via Internet zu mobilisieren. Beide Gruppen - Einreicher herkömmlicher und öffent- licher Petitionen - unterscheiden sich erheblich vom Durchschnitt der Bevölkerung. Es sind vor allem Männer, Bürger mit einem hohen Ausbildungsniveau, eine hohe Zahl an Selbstständigen sowie überdurchschnittlich politisch Engagierte, die eine Petition einreichen. Allein in Bezug auf die Jüngeren in der Gruppe der Einreicher öffentlicher Petitionen wurde eine begrenzte Mobilisierung durch das Internet festge- stellt: 32,7% derjenigen, die eine öffentliche Petition eingereicht haben, sind zwi- schen 20 und 39 Jahren (im Vergleich dazu gehören nach dem Mikrozensus 33,2% der deutschen Bevölkerung dieser Altersgruppe an), wogegen 13,2% dies auf traditi- onellem Wege getan haben. Allerdings sind Einreicher öffentlicher Petitionen in ei- nem noch höheren Maße engagiert als die der traditionellen Petitionen. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass die Befragungen ein gutes Jahr nach Beginn des Modell- versuchs durchgeführt wurden und davon auszugehen ist, dass die Bekanntheit unter den ohnehin politisch Aktiven größer war als bei den politisch eher Inaktiven. Ob die festgestellten sozialen Ungleichheiten in Bezug auf die Einreichung öffentlicher Peti- tionen weiter bestehen, sobald eine größere Öffentlichkeit über diese neue Form des Petitionsverfahrens erfahren wird, bleibt abzuwarten und durch weitere Erhebungen zu messen.

Escher (2010) untersuchte die spezielle Beteiligungsform Kontaktaufnahme mit Poli- tikern über die von der Nichtregierungsorganisation mySociety initiierten Internet- plattform WriteToThem.com in Großbritannien. Hierbei hat er ebenfalls einen Ver- gleich der Partizipierenden dieser Online-Form mit denen der realweltlichen Form politischer Beteiligung sowie einen Vergleich der Nutzerstruktur mit der britischen Gesamtbevölkerung vorgenommen. Dabei bleiben die sozial privilegierten Nutzergruppen überrepräsentiert - online noch mehr als offline. Besonders auffällig zeigt sich dies bei den Variablen Geschlecht, Bildung und Einkommen. Die Untersuchung hat aber auch ergeben, dass die eher politisch inaktiven Bevölkerungsteile, beziehungsweise diejenigen, die diese Form der Beteiligung zum ersten Mal nutzten, eine große Anzahl an Beteiligten an der Internetplattform WriteToThem.com ausmacht und nach Escher somit mobilisiert werden konnten.

Die Auswertung der Anmeldedaten zum Hamburger Bürger-Dialog - Bürgerbeteili- gung an der Haushaltsplanung hinsichtlich der Nutzerstruktur ergab ein ähnliches Bild wie bei der Internetplattform WriteToThem: eindeutig mehr Männer als Frauen (85% versus 15%) und Bürger mit vergleichsweise hoher Bildung (75% mit (Fach-) Hochschulreife/Hochschulstudium) beteiligten sich daran (vgl. Lührs/Hohberg 2007b: 61). Lührs (2007a: 51) weist darauf hin, dass die vergleichsweise hohe Zahl an Frauen mit über 60%, die sich an einem vergleichbaren Projekt, den Familiendis- kursen (siehe Kapitel 4.4) in Hamburg und München beteiligten, darauf hindeutet, Ädass das Geschlechtsverhältnis nicht so sehr durch das Medium, als vielmehr durch das Thema selbst bestimmt wird“ (ebd.). hberrepräsentiert waren auch die Alters- gruppen der 18-29 Jährigen (35% versus 15% des Hamburger Durchschnitts in dieser Altersgruppe) und die der 30-44 Jährigen (41% versus 26%). Dagegen haben sich die unter 18 Jährigen, wie in anderen Internetdiskursen, kaum beteiligt (vgl. Lührs/Hohberg 2007b: 61f).

Inwieweit es zu einer Mobilisierung, verstanden als die Ädurch das Internet hervorge- rufene Zunahme der politischen Aktivitäten von Bürgern“ (Emmer 2005: 86; Hervorhebung im Original) in Deutschland gekommen ist, wurde in einem mehrjäh- rigen Panel zur ÄPolitischen Online-Kommunikation“ untersucht. Die Erhebungen aus den Jahren 2002 und 2003 bestätigen, dass es zu einer begrenzten Mobilisierung der Bürger im Bereich der Nutzung politischer Informationsangebote gekommen ist (vgl. Emmer 2005: 177). In der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2000 wurde eine Zu- nahme der interpersonalen Kommunikation über Politik festgestellt (vgl. Em- mer/Vowe 2004: 206). Jedoch wurde bisher kein Einfluss der Internetnutzung auf die Aktivitäten politischer Beteiligung abgeleitet (vgl. Emmer et al. 2010).

Auf Basis der Daten aus den Jahren 2003 und 2008 im Rahmen desselben For- schungsprojekts wurde eine Typologie hinsichtlich der individuellen politischen Kommunikation in Deutschland erstellt und miteinander verglichen. Fünf Typen wurden sowohl 2003 als auch 2008 identifiziert, wobei im Jahr 2008 einer großen Gruppe der politisch Desinteressierten und Passiven (der Passive Mainstreamer re- präsentiert mit 49% fast die Hälfte der Deutschen) mehrere kleinere gegenüber ste- hen. Der Eigennützige Interessenvertreter macht 14% der Bevölkerung aus, dessen Merkmale vor allem die Distanz gegenüber dem Internet sowie die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft oder einem Berufsverband sind. Der traditionell Engagierte macht 10% der Bevölkerung aus und zeichnet sich durch die Nutzung herkömmli- cher politischer Kommunikationswege und sein Engagement aus, wobei der Organi- sierte Extrovertierte mit 8% die kleinste Gruppe ist und sich parteiaffin und kommu- nikativ zeigt. Der Bequeme Moderne hebt sich durch seine politische Aktivität via Internet, Internetaffinität in Bezug auf Informationsbeschaffung und Kommunikation sowie einen jungen Altersdurchschnitt hervor und stellt mit 19% der Gesamtbevölke- rung im Jahr 2008 die zweitgrößte Gruppe dar. Insgesamt lassen sich weniger nen- nenswerte Unterschiede beider Untersuchungszeitpunkte feststellen. Außerdem liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es durch das Hinzutreten des Internets nicht zu einer Abspaltung einer Informationselite kommt. ÄVielmehr formatiert sich neben den hoch gebildeten, klassisch Aktiven (Organisierter Extrovertierter) eine neue Gruppe von jüngeren Aktiven (Bequeme Moderner)“ (vgl. Füting 2010: 127; Hervorhebung im Original), die das Internet in allen Kommunikationsformen bevorzugen.

Eine andere repräsentative Studie für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren im Auf- trag des Bundesministeriums des Innern (BMI) bestätigt, dass diejenigen, die sich bisher auf traditionellem Wege politisch beteiligt haben, auch das Internet hierfür nutzen (vgl. Albrecht et al. 2008: 125). Die Strukturen der Offline-Beteiligung wer- den demnach online reproduziert (vgl. auch Gabriel/Mößner 2002: 220; Hoecker 2002: 42f).

Insbesondere bei Jugendlichen ist jedoch erkennbar, dass diese Strukturen durch die Nutzung neuartiger, interaktiver Onlineanwendungen des Web 2.014 (auch als Äsozia- le Medien“ bekannt) für politische Zwecke aufgebrochen werden. Die Forschungs- gruppe Smith/Schlozman/Verba/Brady (2009) untersuchte hierzu das politische En- gagement in sozialen Netzwerken sowie die politische Artikulation unter US- Bürgern im Internet15. Diese neuen Online-Formen politischer Beteiligung sind die Domäne der Jungen (18-24 Jährige), während die Gegenüberstellung der Nutzung von Online- und Offlineformen (unter anderem Kontakt zu Politikern, Unterzeich- nung einer Petition, Schreiben eines Leserbriefs) zeigt, dass die junge Altersgruppe unter den Offlinebeteiligten sowie unter allen Internetusern die kleinste Nutzergrup- pe ausmacht. Hinzu kommt, dass der sozioökonomische Status (Einkommen und Bildung) kaum mehr einen Einfluss auf die Beteiligung in sozialen Netzwerken so- wie die politische Artikulation im Internet hat. Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass im Gegensatz zu Älteren vor allem junge Menschen Angebotsformen des Web 2.0 nutzen (vgl. Busemann/Gscheidle 2009: 357). Außerdem stellen sie eine Nutzergruppe dar, die sich in einer Entwicklungsphase befindet, in der die Aussage- kraft bezüglich Einkommen und Bildung nicht eindeutig ist (vgl. Smith et al. 2009: 42, 49-57).

Im qualitativen Teil der 14. Shell-Jugendstudie 2002 wurde der Zusammenhang zwi- schen aktuellen Formen und Zugängen politischen sowie gesellschaftlichen Engage- ments einerseits und der Internetnutzung im Rahmen dessen untersucht (vgl. Pi- cot/Willert 2004). Hier zeigte sich, dass das Internet Jugendlichen vor allem hinsicht- lich der Initiierung eigener Projekte, der Informationssuche zu etablierten Initiativen und Anschlussmöglichkeiten an Gruppen Chancen bietet. Darüber hinaus zeichnete sich ab, dass die Attraktivität des Internets in seiner lockeren, hierarchiearmen und vernetzten Struktur liegt. Entsprechend folgt das Engagement im Internet geringen Onlineenzyklopädie Wikipedia bietet ihren Nutzern die kostenlose Möglichkeit, Artikel abzurufen, zu veröffentlichen oder zu verändern. Auf Foto- und Videocommunitys wie Flickr oder YouTube können Internetnutzer Fotos oder Videos einstellen, untereinander vernetzen und kommentieren. Facebook oder StudiVZ gehören zu den sozialen Netzwerken, auf denen User sich mit einem eigenen Profil darstellen, kommunizieren und vernetzen können. Es sind soziale und berufliche Netzwerke zu unterscheiden, die weitere vielfältige Funktionen anbieten. Soziale Lesezeichensammlungen (z.B. Delicious) dienen dazu, persönliche Lesezeichen anderen mit indexierten Schlagwörtern zur Verfügung zu stellen (vgl. Busemann/Gscheidle 2009: 357f). verbindlichen Formen und wird von den Jugendlichen selbst gestaltet und dosiert.

Seit der 14. Shell-Jugendstudie ist die Entwicklung des Internets durch Äsoziale Me- dien“ sowie seine ÄEinbindung in und teilweise Verschmelzung mit jugendlichen Lebenswelten“ (Albert et al. 2010: 49) weiter vorangeschritten. Der 16. Shell Ju- gendstudie 2010 zufolge, findet politische Kommunikation für Jugendliche auch im Internet statt. Insbesondere für eine Gruppe von Jugendlichen (18% aller Jugendli- chen) mit allgemein hoher Partizipationsbereitschaft und starkem Interesse an Politik kommt die Beteiligung an politischen Aktivitäten über das Internet (69%) in Frage (vgl. Schneekloth 2010: 149).

Im Allgemeinen deutet der Forschungsstand hinsichtlich des partizipativen Potenzi- als des Internets darauf hin, dass sowohl offline als auch online vor allem der soziale Status den größten Einfluss auf die Beteiligung der Bürger hat. Dabei zeichnet sich ein erhebliches Potenzial hinsichtlich politischer Partizipation im weiteren Sinne gerade in der jungen Altersgruppe ab. Dies wird vor allem durch die Interaktivität des Netzes und der zunehmenden Nutzung von Web 2.0-Angebote hervorgerufen16. Der weitere Forschungsbedarf resultiert aus den hier dargestellten Entwicklungen. Daher ist die vorliegende Arbeit als Beitrag einzuordnen, ein Pilotprojekt im Bereich E-Partizipation mit einer spezifischen Zielgruppe, Anlage und Partizipationsform zu analysieren. Die Untersuchung des HUWY-Projekts ist jedoch mit ähnlichen, ein- gangs dargestellten Problemen konfrontiert.

2.2 Fragestellungen und methodisches Vorgehen

Das Internet und sein Beitrag zur Demokratie

Ein höherer sozioökonomischer Status der Bürger verstärkt die Beteiligungswahr- scheinlichkeit und wirkt sich direkt und indirekt auf die politische Partizipation aus. Ausgehend von der Ressourcenausstattung entsteht eine Kluft zwischen den politisch Aktiven und den politisch Inaktiven. Dieser Erklärungsansatz wurde 1972 als sozio- ökonomisches Standardmodell von Verba/Nie formuliert und ist nach wie vor gültig. Weder der Anstieg des Bildungsniveaus oder des Wohlstandes in den meisten westli- chen Ländern noch die Verbreitung der Massenmedien hat zu einer gleichen Beteili- gung aller Bevölkerungsgruppen geführt. Für alle Partizipationsformen lässt sich eine Äselektive Rekrutierung der ressourcenstarken Teile der Bevölkerung“ (Deth 2009: 154) feststellen, was der normativen Vorstellung einer Demokratie widerspricht, die dem Prinzip der politischen Gleichheit seiner Bürger folgt.

Auch wenn das Internet eine Vielfalt an neuen Beteiligungsmöglichkeiten bietet, verschärfen der ungleich verbreitete Internetzugang in der Bevölkerung sowie die unterschiedliche Internetnutzung die Kluft (vgl. Initiative D21 2010). Dieses Muster lässt sich verstärkt in Bezug auf politische Partizipationsaktivitäten im Internet feststellen (vgl. u.a. Escher 2010). Andererseits schließt sich diese Kluft bezüglich der jungen Nutzer von Online-Partizipationsformen einer Studie der Forschergruppe um Smith (2009) zufolge. An dieser Stelle ist erneut darauf hinzuweisen, dass die wenigen bisher untersuchten Online-Partizipationsformen sich meist nicht vergleichen und sich keine eindeutigen Effekte ableiten lassen.

Das Pilotprojekt HUWY mit seiner spezifischen Zielgruppe der 16-24 Jährigen und seiner besonderen Struktur, versucht die Nutzungsgewohnheiten und Wünsche der jungen Menschen in Hinblick auf diese Art der Online-Partizipation zu berücksichti- gen. So beteiligen sich Jugendliche eher an unkonventionellen Formen, möchten in den politischen Prozess eingebunden werden und nutzen zum großen Teil soziale Netzwerke. Zudem bewegen sich nahezu alle deutschen Jugendlichen zwischen 14 und 29 Jahren (96,1% im Jahr 2009 und 99,1% im Jahr 2010) gelegentlich im Inter- net (vgl. Eimeren/Frees 2010; Busemann/Gscheidle 2009; Eimeren/Frees 2009; Spannring 2008: 29f; Europäische Kommission 2001). Somit ist die Frage durchaus plausibel, ob das sozioökonomische Standardmodell auch auf die Nutzerstruktur der Beteiligten an HUWY zutrifft oder die besondere Gestaltung des Projekts tatsächlich die Kluft verringern kann und so zu mehr politischer Gleichheit beiträgt, also Demo- kratie durch das Internet gefördert wird. Die Hypothese lautet somit:

H1: Die Teilnehmerstruktur des Pilotprojekts HUWY folgt nicht den etablierten Beteiligungsmustern entsprechend des sozio- ökonomischen Standardmodells.

Es wird zu prüfen sein, ob die HUWY-Teilnehmer die Jugendlichen der deutschen Gesamtbevölkerung in Bezug auf Geschlecht, Altersstruktur und vor allem sozio- ökonomische Ressourcenausstattung (hier Bildung) repräsentieren. Je kleiner die Differenz, desto eher wurde das Ziel der politischen Gleichheit erreicht. Dies stellt ein etabliertes Bewertungskriterium der Partizipationsforschung dar (vgl. Deth 2006) und ermöglicht es, die Effektivität von E-Partizipationsprojekten zu messen.

Das Internet und sein Beitrag zur Partizipation

Da die Massenmedien zur Herstellung der Öffentlichkeit sowie zur Meinungs- und Willensbildung beitragen (vgl. Strohmeier 2004: 72f), wurde insbesondere durch die Interaktivität des Internets die Hoffnung geschürt, die neuen Beteiligungsmöglichkei- ten würden durch das Internet die politische Partizipation steigern. Es stellt sich die Frage, ob Online-Partizipation als Alternative oder Erweiterung der politischen Be- teiligung der Bürger gesehen werden kann und das Internet tatsächlich das Potenzial besitzt, einen neuen politischen Raum zu formieren, wie es Grossman 1995 erwartet hatte. Frühere Diskussionen wurden häufig von einem technischen Determinismus überlagert, so dass inzwischen tendenziell die Meinung vertreten wird, das Internet habe weder einen eigenen politischen Raum geschaffen, noch habe es zu einer basis- demokratischen Politikgestaltung beigetragen (vgl. Siedschlag 2005: 139).

Andererseits löst das Netz in der Altersgruppe der 16-29 Jährigen herkömmliche Medien als Quelle politischer Informationen ab (57% versus 26,4% in 2007). Darüber hinaus unterhält sich fast die Hälfte der 16-29 Jährigen (2007) online über Politik (vgl. Emmer/Wolling 2009: 100). Das Einbeziehen von dezentralen Diskussionen im virtuellen (z.B. in Onlineforen, Onlinecommunitys) oder realweltlichen Raum stellt eines der Projektziele dar. Die dezentrale und offene Anlage des Projekts könnte die jungen Menschen motivieren, sich politisch einzubringen. Um diesen Sachverhalt näher zu beleuchten, wird folgende Hypothese untersucht:

H2: Die politische Partizipation der am Pilotprojekt HUWY betei- ligten Jugendlichen unterscheidet sich von ihrer Offline- Beteiligung.

Ein Vergleich zwischen der Online- und Offlinebeteiligung der Teilnehmer dient als Überprüfung dieser These. Anhand einer Reihe von Partizipationsformen im Online- und Offlinebereich sowie der politischen Kommunikation werden das politische En- gagement und das politische Internetnutzungsverhalten den gesamtdeutschen Jugend- lichen gegenübergestellt. Sollte das Engagement beziehungsweise diese Form der Partizipation bisher keine Rolle im Leben der Jugendlichen gespielt haben, sie sich demnach zum ersten Mal in dieser oder ähnlicher Form engagieren, würde dies die Hypothese bekräftigen. Somit könnte elektronische Partizipation zu mehr politischer Beteiligung beitragen.

Die Internetnutzung und sein Einfluss auf die Partizipation im Netz

Robert Putnam (2000; 1993) kommt der Verdienst zu, die Variable Sozialkapital in die politische Partizipationsforschung eingeführt zu haben. Soziale Aktivität in Netzwerken sowie soziale Kontakte erhöhen demnach die Wahrscheinlichkeit, sich politisch zu beteiligen (vgl. Gabriel 2004: 326-333). In Bezug auf die politische Par- tizipation junger Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren hat sich gezeigt, dass poli- tische Diskussionen mit dem besten Freund signifikante Korrelationen mit politi- schen Partizipationsformen aufweisen (vgl. Westphal et al. 2008: 91). Angesichts der Tatsache, dass vier von fünf Jugendlichen regelmäßig Onlinecommunitys nutzen (vgl. Eimeren/Frees 2009: 341), könnte diese Nutzungsgewohnheit einen Einfluss auf die Online-Partizipation haben, zumal das Projekt dezentrale Diskussionen unter anderem in sozialen Netzwerken vorsieht. Daraus lässt sich die Hypothese ableiten:

H3: Die Nutzung von Onlinecommunitys beeinflusst die politische Beteiligung der Jugendlichen im Internet positiv.

Ein Vergleich der genutzten Internetangebote und des Nutzungsumfangs zwischen den HUWY-Teilnehmern und der jungen Gesamtbevölkerung soll klären, inwieweit diese These zutrifft.

Für die Analyse der Hypothesen erfolgt eine deskriptive Untersuchung der wichtigsten Erklärungsfaktoren politischer Partizipation. Hierzu zählen die sozialstrukturellen Merkmale und individuelle Ressourcenausstattung sowie Werte, Normen, Interessen und Einstellungen, die durch die Sozialisation erworben werden. Ebenso spielen die Mitgliedschaft und das Engagement in gesellschaftlichen Gruppen und interpersonalen Netzwerken eine wichtige Rolle (vgl. Steinbrecher 2009: 56-71).

Um die Hypothesen sowie die Forschungsfrage prüfen beziehungsweise abschlie- ßend beantworten zu können, werden komplementäre Daten eingesetzt (Triangulation). Die Fallstudie stützt sich zum einen auf qualitative Leitfadeninterviews, die mit den Teilnehmern des HUWY-Projekts in Deutschland geführt werden sowie auf mehrere quantitative Erhebungen.

Die Signifikanz der Ergebnisse aus der qualitativen Analyse fällt angesichts der geringen Nutzerzahl eher gering aus, so dass diese Untersuchung vielmehr einen Einblick in das Partizipationsverhalten der Projektteilnehmer, deren politische Orientierungen und Ziele ermöglicht.

Unter den quantitativen Untersuchungen werden zum Verhältnis Jugend und Politik insbesondere der Jugendsurvey17 des Deutschen Jugendinstituts (vgl. Gaiser/Rijke 2006; Gaiser et al. 2006) sowie die 15. und 16. Shell-Jugendstudie18 (vgl. Shell Deutschland Holding 2006 und 2010) herangezogen. Eine Datenbasis zum politi- schen Onlineverhalten bietet das Projekt ÄPolitische Online-Kommunikation“19 (vgl. Emmer/Wolling 2010; 2009). Für den Bereich der Internetnutzung werden die ARD/ZDF-Onlinestudien20 verwendet (vgl. Eimeren/Frees 2010; Busemann/ Gscheidle 2009; Eimeren/Frees 2009).

An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Abgrenzung der (einbezogenen) Alters- gruppen bei den hier hinzugezogenen Analysen variiert. Nach methodologischen Gesichtspunkten stellt dies eine der häufigsten Fehlerquellen im Bereich der politi- schen Jugendforschung dar (vgl. Hoffmann-Lange 2006: 58). Dieser Umstand kann im Rahmen der vorliegenden Untersuchung jedoch nicht vermieden werden.

2.3 Aufbau der Arbeit

Im Folgenden wird zunächst auf den Gegenstand der Arbeit, die politische Partizipation, eingegangen. In Kapitel 3 wird hierzu der demokratietheoretische Hintergrund, die Definition, Formen und Dimensionen politischer Beteiligung dargestellt. Erklärungsfaktoren, Entwicklungstendenzen und Stand der Jugendbeteiligung bilden den Ausgangspunkt für die Untersuchung der Hypothesen.

Kapitel 4 erweitert den Analyserahmen um die Dimension Internet. Darin wird der demokratietheoretische Hintergrund des Internets nachgezeichnet. Weiterhin werden die Sozialstruktur sowie das Internetnutzungsverhalten der Onliner, mit Fokus auf die jungen Internetnutzer, als wesentliche Voraussetzung für die politische Nutzung des neuen Mediums dargestellt. Danach wird darauf eingegangen, welche neuen Möglichkeiten das Internet für die politische Partizipation bietet. Das Kapitel schließt mit einer Bestandsaufnahme der E-Partizipationsangebote sowie mit einer Vertiefung des hier untersuchten HUWY-Projekts ab.

Die methodische Vorgehensweise wird in Kapitel 5 dargestellt. Hierzu wird das in dieser Arbeit verwendete Erhebungsverfahren des Leitfadeninterviews begründet. Danach wird auf die Auswahl der Untersuchungsobjekte eingegangen und das Auswertungsverfahren, die qualitative Inhaltsanalyse, eingegangen. Abschließend folgt die Darstellung der Ergebnisse.

In der Schlussbetrachtung in Kapitel 6 werden die Ergebnisse der Untersuchung zu den Chancen und Grenzen der Jugendbeteiligung im Internet sowie zu den Folgen für den politischen Prozess und die Demokratie dargestellt. Ein Ausblick bildet den Abschluss.

B Politik, Internet und Jugend

3. Politik und politische Beteiligung

Demokratie und politische Beteiligung sind untrennbar miteinander verbunden, denn die ÄHerrschaft oder Machtausübung des Volkes oder Herrschaft der Vielen“ (Schmidt 2010: 17) Älebt von der Beteiligung ihrer Bürger und Bürgerinnen“ (Hoe- cker 2006: 3). So stellten Verba/Schlozman/Brady (1995: 1) in ihrer Studie zur poli- tischen Partizipation fest:

ÄCitizen participation is at the heart of democracy. Indeed, democracy is unthinkable without the ability of citizens to participate freely in the governing process. Through their activity citizens in a democracy seek to control who will hold public office and to influence what the government does.“

Partizipation ist demnach ein wesentliches Kernelement der Demokratie (vgl. Schultze 2010a: 137) und stellt zugleich ein Themenfeld in der politikwissenschaftlichen Forschung dar (vgl. Gabriel/Maier 2009: 518).

In wissenschaftlichen Debatten zur modernen Demokratietheorie kommt der Partizi- pation je nach Modell eine unterschiedliche Bedeutung zu. Auch das Potenzial des Internets als Erweiterung der Beteiligungsmöglichkeiten wird innerhalb der Demo- kratiemodelle unterschiedlich bewertet (vgl. Kapitel 4.1). Demzufolge bedarf es ei- ner Systematisierung der in der vorliegenden Arbeit verwendeten Demokratietheo- rien, um anhand dieser die spätere Einordnung der Ergebnisse vornehmen zu können.

Nach einem Abriss über die in der wissenschaftlichen Diskussion zu unterscheiden- den Demokratiemodelle21 und des jeweiligen Partizipationsverständnisses wird auf die Abgrenzung zwischen politischer und sozialer Partizipation eingegangen. Es werden die Beteiligungsformen, die ebenfalls im Internet wiederzufinden sind, sowie die Dimensionalisierung der Formen aufgezeigt. Darauf aufbauend wird eine Reihe von Faktoren dargestellt, die für die Offline- und Online-Beteiligung als Erklärung dienen. Außerdem lassen sich einige Entwicklungstendenzen der Bürgerbeteiligung identifizieren. Es folgt eine empirische Bestandsaufnahme der Jugendbeteiligung.

3.1 Demokratie und Partizipation

Der Begriff der politischen Partizipation sowie Formen, Reichweite und Zweck der Beteiligung werden in verschiedenen modernen Demokratiemodellen unterschiedlich bewertet (vgl. Hoecker 2006: 4). Eine häufig verwendete Differenzierung ist die nach empirischen oder realistischen Demokratietheorien und die nach einem normativen Demokratieverständnis22.

(1) Die empirischen oder realistischen Demokratietheorien beziehungsweise die liberale Demokratie bei Habermas (1996) beschreiben den Ist-Zustand sowie das existente Funktionieren einer Demokratie (vgl. Guggenberger 2010: 145), worin Repräsentation sowie demokratische Elitenherrschaft im Vordergrund stehen.

Es liegt ein instrumenteller Partizipationsbegriff vor. Nach Verba/Nie/Kim (1978: 46) umfasst politische Beteiligung Äthose legal activities by private citizens that are more or less directly aimed at influencing the selection of governmental personnel and/or the actions they take“. An diese Definition angelehnt, formulierten Bar- nes/Kaase (1979: 42) politische Partizipation als Äall voluntary activities by indivi- dual citizens intended to influence either directly or indirectly political choices at various levels oft the political system“. Diesem Partizipationsverständnis liegen die Sicherung des Einzelnen und die Chancen, seine eigenen Interessen durchzusetzen, zugrunde (vgl. Schultze 2010b: 138). Den Hintergrund bildet, in Anlehnung an Schumpeter als ein Vertreter dieses Modells, das nicht eindeutig bestimmbare Ge- meinwohl, die Reduktion der Demokratie auf eine Methode sowie der eher unmün- dige Bürger (vgl. Schumpeter 1972: 428f, 432f). Weitere Begründungen für diesen Ansatz liegen nach Seymour M. Lipset (1962: 20) in der Wahrung der Stabilität und des Gleichgewichts aufgrund der Eingrenzung von Partizipationsmöglichkeiten.

(2) Die normativen Demokratietheorien bieten eine Alternative zum empirischen oder realistischen Ansatz und haben eine eher idealtypische Sicht auf die Demokratie. Sie beschreiben, was Demokratie ausmachen sollte und zeigen die Gründe für ihre Überlegenheit auf (vgl. Guggenberger 2010: 145).

Partizipation bedeutet hier Ätaking part in the process of formulation, passage and implementation of public policies“ (Parry et al. 1992: 16). In diesem Ansatz wird Partizipation als Ziel und Wert an sich beschrieben. Es geht nicht ausschließlich da- rum, Einfluss zu nehmen und die eigenen Interessen durchzusetzen, vielmehr stehen Selbstverwirklichung innerhalb des politischen Prozesses sowie die politische und soziale Teilhabe möglichst Vieler in möglichst zahlreichen Bereichen der Gesell- schaft im Zentrum. In diesem Zusammenhang formulieren Verba/Nie (1972: 1): ÄWhere few take part in decisions there is little democracy; the more participation there is in decisions, the more democracy there is.“ Die Legitimität wird folglich insbesondere durch die direkte Beteiligung eines politisch kompetenten Volkes ga- rantiert, das konsensorientiert und kommunikativ im Sinne des Gemeinwesens han- delt. Direktdemokratische Partizipationsformen und der prozessuale Charakter politi- scher Beteiligung werden sowohl von Barber (1994) als Vertreter der partizipatori- schen Demokratietheorie als auch von Habermas (1996), Benhabib (1996) und Fishkin (1995) als Vertreter der deliberativen Demokratie betont (vgl. Schultze 2010b: 636; Hoecker 2006: 6f).

3.2 Politische Partizipation

In der vorliegenden Arbeit wird die politische Partizipation im Internet untersucht. Hierbei ist von Aspekten etablierter Formen und Erklärungsmodelle auszugehen, so dass elektronische und realweltliche Partizipation weitgehend deckungsgleich verwendet werden beziehungsweise für die Online-Beteiligung adaptiert werden können. Diese methodische Vorgehensweise folgt der Literatur zur elektronischen Partizipation (vgl. u.a. Lindner 2007; Kuhn 2006).

3.2.1 Definition

Das unterschiedliche Partizipationsverständnis und die jeweiligen Funktionen von Partizipation, die je nach demokratietheoretischer Konzeption differenziert werden, wurden in Kapitel 3.1 erläutert. Auch wenn eine Vielfalt von Definitionen politischer Partizipation mit unterschiedlichen Schwerpunkten vorliegen, können vier gemeinsame Aspekte konstatiert werden (vgl. Deth 2006: 170f).

Bezüglich politischer Partizipation wird die Rolle des ÄBürgers“ in den Mittelpunkt gestellt. Diese bezieht sich nicht etwa auf Menschen als Politiker oder Staatsbeamte. Mit politischer Partizipation wird eine „Aktivität“, also Tätigkeit bezeichnet. Fernse- hen oder das bloße Interesse an Politik stellt demnach noch keine politische Partizi- pation dar, kann aber als Vorstufe zur Partizipation bezeichnet werden. Politische Information dient schließlich als Voraussetzung für politische Beteiligung23 (vgl. Kuhn 2006: 30). Weiterhin wird die "Freiwilligkeit“ betont, wonach Aktivitäten un- ter gesetzlichen Vorgaben oder Richtlinien nicht als Partizipation gewertet werden können. Zuletzt muss ein Bezug zur ÄRegierung und Politik“ hergestellt werden. Ei- ne Beschränkung auf bestimmte Bereiche oder Stadien des politischen Prozesses gibt es nicht (vgl. Deth 2006: 170f).

Aufgrund der Verwischung von politischer und sozialer Sphäre in modernen Gesell- schaften durch das Eingreifen des Staates in alle denkbaren Lebensbereiche, ist poli- tische Partizipation nicht einfach von sozialer abzugrenzen. Die Aufnahme des Sozi- alkapitalkonzepts Anfang der 1990er Jahre (vgl. Putnam 1993) durch die Partizipati- onsforschung belebte das Interesse am bürgerschaftlichen Engagement wieder und trieb diese Entwicklung voran. Eine weitere Frage schließt den politischen Bezug beider Formen ein. Es ist nicht immer eindeutig feststellbar, ob eine Aktivität poli- tisch motiviert ist, einen politischen Zweck erfüllen soll oder politische Adressaten anspricht (vgl. Norris 2002). Gabriel/Völkl (2005: 529) verstehen unter sozialer Par- tizipation

Äalle individuell oder gemeinsam mit anderen ausgeführten freiwilligen Aktivitäten, die nicht unter die Erwerbstätigkeit fallen und das Ziel verfolgen, sich selbst oder anderen unent- geltlich materielle oder immaterielle Güter wie Geld, Pflege, Wohlbefinden, Unterhaltung oder soziale Kontakte zur Ver- fügung zu stellen.“

Der Schwerpunkt sozialer Beteiligung liegt demnach nicht auf politischer Einflussnahme, sondern auf Integration und Unterstützung auf sozialer Ebene. Dazu zählen Ädie Mitgliedschaft und aktive Mitarbeit oder Übernahme von Ämtern in Freiwilligenorganisationen, das ehrenamtliche Engagement sowie das Erbringen von Hilfsleistungen für andere Menschen“ (vgl. ebd.: 529f).

Der Unterschied zwischen sozialer und politischer Partizipation kann zweidimensio- nal anhand der Organisationsform auf der einen und Ziele und Inhalte auf der ande- ren Seite dargestellt werden (vgl. Abbildung 1). Dies ist in Hinblick auf die Untersu- chung politischer Beteiligung und dessen Operationalisierung durch die Mitglied- schaft in einer der zugehörigen Organisationen notwendig (vgl. Kapitel 3.3.4).

Es können drei Organisationsformen unterschieden werden: (1) traditionelle Vereine, Verbände und Organisationen; (2) informelle Gruppierungen und schließlich (3) Ak- tionen, die eher temporär, situativ oder punktuell stattfinden. Innerhalb dieser For- men nehmen der formale Organisationsgrad sowie die zeitliche und normative Ver- bindlichkeit ab. Hinsichtlich der Ziele und Inhalte stehen politische, interessen- oder gruppenbezogene Ziele sowie nicht-politische, private Interessen im Vordergrund. Die Verallgemeinerbarkeit der Ziele beziehungsweise Inhalte nimmt innerhalb dieser Dimension ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gesellschaftliche und politische Partizipation

Organisationsform:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: (Gaiser/Rijke 2006: 221)

(1) Zur traditionellen Beteiligungsform zählen institutionalisierte Organisationen des Äintermediären Systems“, in dem große Organisationen und Verbände zu finden sind. Diese zeichnen sich durch eine funktionale Gliederung und Mitgliedschaft so- wie eine langfristige und starke Bindung aus. Beispiele hierfür sind Parteien, Ge- werkschaften, Berufsverbände oder Wohlfahrtsverbände, die gruppenspezifische Großorganisationen darstellen. Weiterhin sind Vereine oder Organisationen zu nen- nen, die bürgerschaftliche Privatinteressen bündeln und von öffentlicher Relevanz sind. Beispiele sind Sportvereine, gesellige Vereinigungen oder Jugendverbände.
(2) Die zweite Organisationsform umfasst die Gruppierungen und Initiativen, die sich in den 1970er und 1980er Jahren als ÄNeue Soziale Bewegung“ außerhalb der Parlamente und der konventionellen Politik etabliert haben. Auch wenn sie mittler- weile fest verankert und finanzstark sein können, zeichnen sie sich durch ihren in- formellen Charakter aus. Die meisten Gruppierungen in diesem Bereich lassen sich unter einem politischen Gesichtspunkt zuordnen, da mit dem Auftreten informeller Organisationen gleichzeitig die Ausweitung der politischen Beteiligung erfolgte.
(3) Die dritte Sichtweise umfasst situative, zeitlich begrenzte und einzelne Beteili- gungsaktionen mit dem Ziel, politisch Einfluss zu nehmen. Dieser Bereich erfährt insbesondere seit dem Entstehen unkonventioneller Partizipationsformen seit der partizipatorische Revolution der 1970er eine Erweiterung (vgl. Gaiser/Rijke 2006: 220ff).

Aus der wissenschaftlichen Forschung zur politischen Partizipation werden die angeführten Entwicklungen deutlich (vgl. Abbildung 2). Der Forschungsgegenstand, der sich in den 1940er und 1950er Jahren auf Wahlakt und Wahlkampfaktivitäten beschränkte, weitete sich kontinuierlich aus.

Vor einem traditionellen Hintergrund von Politik entsprachen weitgehend Aktivitä- ten bei politischen Kampagnen und die Kommunikation zwischen Bürger und Beam- ten den untersuchten Formen politischer Beteiligung in den frühen 1960er. Während in den frühen 1970er Jahren einerseits konventionelle Formen, die der traditionellen Politik zuzuordnen sind, um Kampagnenarbeit und direkten Kontakt zwischen Bür- ger, Beamten und Politiker erweitert wurden (vgl. Verba/Nie 1972), wurden anderer- seits neue Formen wie Ablehnung und Protest bei empirischen Untersuchungen hin- zugenommen, die als unkonventionell bezeichnet wurden (vgl. Barnes/Kaase 1979).

Letzter Höhepunkt erfuhr die Erweiterung des Repertoires politischer Aktionen in den 1990er Jahren. Gründe liegen zum einen in den gesteigerten Beteiligungsmög- lichkeiten beispielsweise mit Hilfe des Internets sowie in der nicht mehr eindeutigen Grenzziehung zwischen politischer und soziale Partizipation in modernen Gesell- schaften (vgl. u.a. Putnam 2000), was zur weitgehenden Aufgabe der analytischen 28 und empirischen Trennung beider Bereiche führte (vgl. Deth 2009: 146)24. Selbst die grobe Klassifizierung aller Beteiligungsformen, die in unterschiedlichen Studien zur politischen Partizipation Verwendung fanden, ergäbe eine Liste mit ca. 70 Aktivitäten (vgl. Deth 2006: 175-177).

Abbildung 2: Die Erweiterung des Repertoires politischer Aktivitäten in der wissenschaftlichen Analyse

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach (Deth 2006: 171f)

3.2.2 Formen

Die Formen politischer Partizipation können theoretisch nach mehreren typologisch plausiblen Klassifikationsmerkmalen im Verhältnis von Gegensatzpaaren unter- schieden werden: erstens repräsentativ-demokratisch (Wahl, Parteimitgliedschaft) versus direkt-demokratisch (Referendum, Petition); zweitens verfasste (z.B. Wahl, Bürgerbegehren) versus nicht-verfasste Partizipation (z.B. Bürgerinitiative), wobei der Grad der institutionellen Verankerung als Unterscheidungsmerkmal dient; drit- tens legale (z.B. Streik) versus illegale Beteiligung (z.B. Hausbesetzung, Gewalt ge- gen Personen und Sachen) und viertens konventionelle (z.B. Wahl, Parteiarbeit) ver- sus unkonventionelle Partizipation (z.B. gewalttätige Protestaktionen) je nach öffent- licher Anerkennung (vgl. Schultze 2010b: 636).

Während unkonventionelle Beteiligungsformen sowie die ÄNeuen Sozialen Bewe- gungen“, die dieser Kategorie zuzuordnen sind, in den 1970er Jahren in Konflikt mit den damaligen sozialen Normen standen (vgl. Deth 2006: 171f), zählen diese Formen der Partizipation inzwischen weitgehend zum konventionellen Repertoire. Empirische Untersuchungen belegen eine beachtliche Ausweitung der Nutzung unkonventioneller Formen (vgl. Marien et al. 2010), die vor allem als Ergänzung zu konventionellen genutzt werden (vgl. Bertelsmann Stiftung 2004: 14).

Die Unterscheidung anhand dieses Gegensatzpaares ist im Vergleich zu den oben genannten weniger trennscharf, da die Zuordnung politisch-kulturellen Veränderungen unterlegen ist (vgl. Lindner/Blümel 2008: 8). Andererseits bleibt eine Unterscheidung hinsichtlich der Dimensionalisierung und für die Betrachtung der Jugendbeteiligung sinnvoll (vgl. Kapitel 3.5.2).

Nach Gabriel/Völkl (2005: 535) wird in dieser Arbeit unter konventioneller Partizipation, die in erster Linie als legal, mittelbar und verfasst gilt, alle wahl- und parteibezogenen Aktivitäten verstanden. Dazu zählen beispielsweise die Mitarbeit in politischen Organisationen oder Parteien, die Teilnahme an Wahlen oder die Kontaktaufnahme mit Politikern. Zur unkonventionellen Partizipation hingegen zählen legale Protestaktionen, wie die Teilnahme an genehmigten Demonstrationen, die Beteiligung an Unterschriftensammlungen oder Boykotte.

Betrachtet man die politische Wirklichkeit, überschneiden sich die Klassifikations- merkmale politischer Partizipation und können miteinander kombiniert werden (vgl. Buse/Nelles 1975: 87-110). Die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Be- teiligungsformen soll hier vernachlässigt werden, da illegale Formen eher selten ge- nutzt werden (vgl. Deth 2009: 150). In Tabelle 1 sind die verschiedenen, nach Klas- sifikationsmerkmalen kombinierten und für die Online-Beteiligung adaptierten For- men dargestellt. Einige Typen werden erst durch die technische Vielfältigkeit des Internets möglich und finden realweltlich keine Entsprechung. Meist handelt es sich jedoch um virtuelle Pendants realweltlicher Partizipationsaktivitäten (vgl. Lindner 2007: 89).

Tabelle 1: Formen politischer Partizipation - realweltlich und virtuell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Entwickelt in Anlehnung an Buse/Nelles (1975: 87-110) und Lindner/Blümel (2008: 9)

Die vielfältigen Beteiligungsformen stellen unterschiedliche Anforderungen an den Bürger. Je nach Partizipationsaktivität ist nach dem Grad der Komplexität, des Aufwands und der Kosten zu unterscheiden, ebenso wie in Bezug auf Betroffenheit und Intensität bei der Verfolgung eines politischen Ziels. Die einfachste Beteiligungsform stellt die Wahl dar (vgl. Schultze 2010b: 636). Die Partizipation via Internet zeichnet sich insgesamt durch weniger Aufwand und Kosten aus, wogegen direktdemokratische (realweltliche) Formen meist mit einem höheren Maß an Beteiligung und Kosten verbunden sind (vgl. Lindner 2007: 89).

3.2.3 Dimensionen

Den Ausgangspunkt, um Partizipationsaktivitäten empirisch nach Form (und Nutzertypen) zu klassifizieren, bilden Plausibilitätsannahmen auf Grundlage der oben dargestellten Variablen. Diese werden anhand systematischer Tests der Annahmen über die Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen politischen Aktivitäten geprüft (vgl. Gabriel/Völkl 2005: 532). Folglich liegt eine Vielzahl von Typologien vor, die oftmals ähnliche Bezüge aufweisen25.

Anhand von 17 Items, die in der ÄCitizenship, Involvement, Democracy“-Studie (CID-Studie) 2001 verwendet wurden, beschreibt Steinbrecher (2009: 154f) mit Hilfe einer exploratorischen Faktorenanalyse die Partizipationsstruktur in Deutschland. Das Ergebnis sind folgende vier Dimensionen, die insgesamt etwa 48,5 Prozent der Varianz der einbezogenen Beteiligungsformen erklären können:

(1) Kontakt- und Parteiaktivitäten: Kontaktieren von Politikern, öffentlichen Be- diensteten oder Organisationen; Mitarbeit in Parteien; Teilnahme an politischen Versammlungen; Mitarbeit in anderen politischen Organisationen
(2) Protestaktivitäten: Teilnahme an Demonstrationen oder Streiks; Tragen von Aufnähern und Ansteckern; Teilnahme an Unterschriftensammlungen bezie- hungsweise Unterschreiben einer Petition; Sammeln von Spendengeldern; Mitar- beit in Bürgerinitiativen
(3) Konsumorientierte Aktivitäten: Kauf oder Boykott von Produkten; Geldspen- den
(4) Wahlbeteiligung: Wahlbeteiligung an letzter Bundestagswahl; illegaler Protest (letztere Aktivität korreliert allerdings negativ)

An dieser Stelle ist anzumerken, dass eine empirische Dimensionalisierung entschei- dend vom Datensatz und den verwendeten Items abhängt, so dass unterschiedliche Akzentuierungen dimensionaler Strukturen vorliegen (vgl. ebd.: 158). Innerhalb em- pirischer Untersuchungen lassen sich jedoch ähnliche Strukturierungsversuche fin- den. Danach stellt ÄWählen“ immer eine eigenständige Beteiligungsform dar. ÄKon- takt- und Parteiaktivitäten“ werden teilweise als jeweils eigene Typen betrachtet, wobei ÄProtestaktionen“ wiederum meist eine Form politischer Partizipation bilden (vgl. Deth 2009: 147). Eine relativ neue Form politischer Partizipation ist die Dimension ÄKonsumentenbeteiligung“. Zudem ist zu hinterfragen, inwieweit Äfreiwillige Mitarbeit in nicht-politischen Organisationen“ aufgrund der Förderung politischen Engagements (vgl. u.a. Bertelsmann Stiftung 2004: 131) eine neue Dimension bildet oder wie in dieser Strukturierung mit dem Item ÄMitarbeit in Bürgerinitiativen“ zu den Protestaktivitäten gezählt werden kann.

3.3 Erklärungsfaktoren politischer Partizipation

Ein wesentliches Ziel der Partizipationsforschung ist die Erklärung des politischen Partizipationsverhaltens. Es wird demnach nach dem ÄWarum“ gefragt, also der Identifikation der Einflussfaktoren, die eine Wirkung auf die politische Beteiligung der Bürger haben.

In Hinblick auf die Forschungsstrategie richten sich Analysen aufgrund der Konzeptualisierung politischer Beteiligung als Individualakt vor allem auf die Mikroebene. Idealerweise müsste jedoch eine umfassende Partizipationsforschung Ämit Mehrebenenansätzen arbeiten“ (Westle 1994: 139). Das bedeutet, Kennzeichen der Mikro-, Meso- und Makroebene mit einbeziehen. Analytisch wird je nach Forschungsstrategie je eine Ebene verstärkt fokussiert.

Untersuchungen auf der Makroebene stützen sich auf Merkmale des Systems insge- samt, beispielsweise das Wahl- und Parteiensystem und/oder arbeiten mit aggregier- ten Individualdaten. Diese werden meist international und im Längsschnitt vergli- chen, wobei Nachteile in der Gleichwertigkeit oberflächlich betrachteter Systeme liegen sowie in der Gefahr, falsche Schlüsse auf Individualhandlungen zu ziehen.

Eine andere Strategie stützt sich auf die Untersuchung von personenbezogenen Umfragedaten und findet vor allem im nationalen als auch im internationalen Vergleich Verwendung - im internationalen Falle mit Berücksichtigung von Indikatoren der Makroebene. Diese Vorgehensweise ist mit hohen Kosten und damit meist auf die Begrenzung von nationalen Querschnittsuntersuchungen verbunden. Außerdem besteht in der Umfrageforschung immer die Unsicherheit in Bezug auf ausgesagtem und tatsächlichem Verhalten (vgl. ebd.: 139f).

Die Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen Forschungsstrategien ist nicht im- mer eindeutig zu ziehen. Ebenso spielen Verschränkungen zwischen den Ebenen eine Rolle, da etwa Gruppenzugehörigkeiten mobilisierende Effekte aufweisen oder der institutionelle und kulturelle Rahmen Einflüsse auf die politische Partizipation haben (vgl. Deth 2009: 145).

Bei der Analyse politischer Partizipation wurde eine Reihe von Modellen entwickelt, die politische Partizipation erklären. Die bekanntesten Erklärungsversuche sind das Ressourcen-Institutionen-Modell nach Verba/Nie/Kim (1978), das weiterentwickelte Ressourcen-Sozialisations-Mobilisierungs-Modell von Verba/Schlozman/Brady (1995) und das Rational-Choice-Modell politischer Partizipation von der For- schungsgruppe um Opp (1984). Da sich innerhalb der Modelle einzelne Erklärungs- faktoren überschneiden sowie Parallelen bei einigen Variablen beziehungsweise Gruppen von Variablen festzustellen sind (vgl. Gabriel/Völkl 2005: 559-568), wird im Folgenden auf einzelne Variablen zur Erklärung politischer Partizipation einge- gangen26 und die Modelle nur am Rande behandelt. Dieses Vorgehen bietet den Vor- teil, zu erklärende Variablen für die Umsetzung des Forschungsvorhabens überneh- men zu können.

3.3.1 Sozialstruktur und Ressourcenausstattung

Nach einem der wichtigsten Erklärungsmodelle, dem sozioökonomischen Standard- modell (Verba/Nie 1972: 123-137), das im Zeitverlauf erweitert wurde (Verba et al. 1995), bestimmt die sozioökonomische Ressourcenausstattung das Partizipationsver- halten der Bürger. Demnach ist politische Partizipation abhängig von Bildung, Ein- kommen und beruflichem Status. Je höher die sozioökonomische Ressourcenausstat- tung, desto größer sind die Beteiligungswahrscheinlichkeit sowie die Beteiligungsfä- higkeit. Ressourcenstarke Bevölkerungsgruppen zeichnen sich durch Wissen, Presti- ge und einem besseren Zugang zu Kommunikationsnetzwerken aus und können so leichter partizipieren. Zudem begünstigen Ressourcen die Entwicklung und Verstär- kung der politischen Einstellung, was sich wiederum positiv auf die Wahrnehmung eigener politischer Kompetenzen (political efficacy) oder das Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft auswirkt. Daraus lässt sich schließen, dass sich der sozioöko- nomische Status direkt und indirekt (durch politische Einstellung sowie Motive) auf die politische Beteiligung auswirkt (vgl. Verba/Nie 1972: 125ff).

Weiterhin wurden zum sozioökonomischen Standardmodell die sozialstrukturellen Variablen Geschlecht und Alter als Erklärungsfaktoren hinzugezogen. In Deutschland wurde nach der Wiedervereinigung 1990 zudem die Herkunft berücksichtigt (vgl. Steinbrecher 2009: 58).

Hinsichtlich des Geschlechts gibt es Unterschiede in der Nutzung der Partizipations- formen. Konventionelle beziehungsweise verfasste Formen - mit Ausnahme der Wahlbeteiligung - werden von Männern in höherem Maße genutzt, während Frauen, vor allem jüngere, eher unkonventionelle Formen bevorzugen (vgl. Marien et al. 2010: 141). Mögliche Ursachen liegen nach Westle (1994: 166) in den Rahmenbe- dingungen verfasster Beteiligung wie die regelmäßige zeitliche Bereitschaft sowie die Ablehnung der als durch Männer dominiert vernommenen hierarchischen Struk- turen.

Bezüglich des Alters ist festzuhalten, dass jüngere Altersgruppen sich durch eine besonders geringe politische Beteiligung hinsichtlich verfasster Formen (besonders deutlich bei der Wahlbeteiligung) auszeichnen, während diese mit steigendem Alter zunimmt und im höheren Alter wieder abnimmt. Dieser Effekt ist als ÄStart-up-slow- down-Modell“ bekannt (vgl. Verba/Nie 1972: 138ff). Im Bereich der unkonventio- nellen Beteiligungsformen besteht ein linear negativer Zusammenhang zwischen Alter und unkonventioneller Partizipation. Hier sind junge Menschen in höherem Maße aktiv. Die Partizipationsbereitschaft ist im Vergleich zu tatsächlichem Handeln bei jungen Personen besonders hoch. Diese Personengruppe zeichnet sich durch eine stark ausgeprägte positive Orientierung gegenüber politischem Handeln in diesem Bereich aus. Westle (1994: 166) verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeut- samkeit situativer Faktoren, da besonders Jugendliche auf diese Weise mobilisiert werden können.

Obwohl das politische Engagement insgesamt in postkommunistischen Ländern geringer ist als in Ländern mit seit spätestens 1950 vorherrschenden demokratischen Systemen, haben sich die Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern in Deutschland weitgehend angeglichen (vgl. Gabriel 2004: 320).

[...]


1 Im Folgenden wird der Einfachheit halber die grammatikalisch männliche Form verwendet. Diese steht für beide Geschlechter.

2 Die Wahlbeteiligung zum Deutschen Bundestag 2009 ist mit 70,8 Prozent die niedrigste seit Beste- hen der Bundesrepublik (vgl. Der Bundeswahlleiter 2010: 10). Seit 1979 können die Bürger der Euro- päischen Union die Mitglieder des europäischen Parlaments direkt wählen. Die Wahlbeteiligung ist seitdem kontinuierlich von etwa 62 auf ca. 43 Prozent gesunken (vgl. Niedermayer 2010: 5). In der politikwissenschaftlichen Literatur ist die Bedeutsamkeit einer niedrigen Wahlbeteiligung für die Demokratie umstritten. Hierzu stehen drei Thesen einander gegenüber: Normalisierungs-, Zufrieden- heits- und Substitutionsthese. Schäfer (2009) argumentiert, dass eine niedrige Wahlbeteiligung der Demokratie schade, da Wahlen weniger sozial verzerrt seien und als Äniederschwellige Beteiligungs- form […] stärker als andere Arten politischen Engagements die gleiche Teilhabe“ (ebd.: 37) sichere.

3 Beispielsweise bieten in Deutschland immer mehr Kommunen ihren Bürgern die Beteiligung bei der Aufstellung des Haushalts an (vgl. hierzu URL: <http://www.buergerhaushalt.org/> [Abruf am

08.09.10]). Des Weiteren wurden auf Bundesebene zeitlich befristete Online-Konsultationen zu unter- schiedlichen Themen angeboten. Ein Beispiel ist das Projekt Mitreden übers Internet. Perspektiven deutscher Netzpolitik (Juni-Juli 2010) des Bundesministerium des Innern (URL: <http://www.e- konsultation.de/netzpolitik/> [Abruf am 08.09.10]).

4 Die Altersgruppe der jungen Menschen wird innerhalb der Forschungsliteratur unterschiedlich fest- gelegt. Sie variiert innerhalb der Altersspanne von 12 bis 29 Jahre. Wenn im Folgenden über die Jun- gen oder Jugendlichen die Rede ist, ist vorrangig die Gruppe der ca. 15-29 Jährigen gemeint. Mit der Fokussierung auf die Altersgruppe der Jugendlichen werden mit Älteren diejenigen, die 30 Jahre und älter sind, bezeichnet.

5 Mit Blick auf die demokratischen Beteiligungsmöglichkeiten der europäischen Bürger wurde mit der Unterzeichnung des Änderungsvertrages über die Europäische Union im Dezember 2007 eine wichti- ge politisch-prozedurale Neuerung auf den Weg gebracht: die Europäische Bürgerinitiative. Demnach können sich Unionsbürger nach Art. 11, Abs. 4 direkt an der Politikgestaltung der Europäischen Uni- on beteiligen (vgl. Amt für Veröffentlichungen 2008). In einen öffentlichen Konsultationsprozess zu einem von der Europäischen Kommission vorgelegten Grünbuch (vgl. Europäische Kommission 2009: 9f) bestand breiter Konsens darüber, dass Unionsbürger eine Bürgerinitiative auch online unter- zeichnen können sollten.

6 Strategie Europa 2020: URL <http://ec.europa.eu/eu2020/index_en.htm> [Abruf am 08.08.10].

7 Digitale Agenda für Europa : URL <http://ec.europa.eu/information_society/digital-agenda/ index_de.htm> [Abruf am 08.08.10].

8 eParticipation Preparatory Action: URL <http://ec.europa.eu/information_society/activities/ egovernment/implementation/prep_action/index_en.htm> [Abruf am 08.08.10].

9 HUWY-Webseite: URL <http://www.huwy.eu/> [Abruf am 08.08.10].

11 E-Administration bezeichnet den Einsatz von administrativen Elementen des E-Governments (vgl. ebd.)

12 Vgl. u.a. Kubicek et al. (2009); Lindner (2007); Kuhn (2006) und Bieber (1999).

13 Innerhalb des Modellversuchs (2005 bis 2007) wurde nicht nur ein zusätzlicher Kanal bereitgestellt sondern auch die Publizität des Petitionsprozederes erhöht (vgl. Lindner/Riehm 2009: 496).

14 Von der ARD/ZDF-Onlinestudie werden fünf Angebotsformen des Web 2.0 unterschieden: Web- logs (kurz: Blogs), Wikipedia, Foto- und Videocommunitys, soziale Netzwerke/Communitys und soziale Lesezeichensammlungen/Social Bookmarking. In (meist privaten) Blogs werden Beiträge (Texte und Bilder) verfasst, die oftmals durch Leser kommentiert und verlinkt werden können. Die

15 Zur ersteren Form wurde - bezogen auf soziale Netzwerke im Internet - die Suche nach Informati- onen über politische Akteure oder Kampagnen, Eröffnung oder Beitritt einer politischen Gruppierung oder Aktivität, Hinzufügen eines Politikers oder einer Kampagne als Freund beziehungsweise sich als Fan von solchen darstellen, hinzugezählt. Einen politischen oder gesellschaftskritischen Kommentar in einem Weblog oder auf einer Webseite veröffentlichen, Bilder oder Videos über politische oder soziale Angelegenheiten hochladen, einen eigenen Blog zu politisch oder gesellschaftlich relevanten Inhalten schreiben, politische Inhalte wie Artikel für andere in soziale Netzwerke posten, gehörten zur zweiten untersuchten politischen Beteiligungsform (vgl. Smith et al. 2009: 50).

16 Ein erfolgreicher Einsatz von sozialen Medien findet in der Realisierung einer Vielzahl von Projekten im Bereich der politischen Bildung statt (siehe Kapitel 4.4), die den Schwerpunkt auf eben diese Eigenschaften des Internets legen.

17 Die Grundgesamtheit bilden Jugendliche im Alter von 12-29 Jahren.

18 Die Grundgesamtheit bilden Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren.

19 Repräsentativ für die deutsche Gesamtbevölkerung ab 16 Jahren.

20 Repräsentative Befragung aller Bundesdeutschen ab 14 Jahre seit 1997. 2010 wurde die Grundgesamtheit auf alle deutschsprachigen Bundesbürger ab 14 Jahre ausgeweitet.

21 Eine ausführliche Betrachtung der klassischen und modernen Demokratietheorien bietet Held (1996). Eine übersichtliche Zusammenfassung findet sich bei Schmidt (2010).

22 Dabei ist zu beachten, dass empirische Ansätze gewissen normativen Ansprüchen unterliegen, wie auch normative Modelle empirische Bezüge aufweisen (vgl. Guggenberger 2010: 145). Habermas unterscheidet somit plausibel drei normative Demokratiemodelle: die liberale, die republikanische sowie die deliberative Demokratie (vgl. Habermas 1996).

23 Ein positiver Zusammenhang zwischen der Nutzung politischer Informationen und Partizipation wurde bereits festgestellt (vgl. Brettschneider 1997: 286).

24 Aufgrund der Reziprozität von sozialer und politischer Partizipation und der oft fehlenden eindeutigen Abgrenzung werden beide Formen in der Partizipationsforschung auch als Äbürgerschaftliches Engagement“ zusammengefasst (vgl. Gabriel/Völkl 2005: 529).

25 Eine Zusammenfassung unterschiedlicher empirischer Klassifikationen von Partizipationsformen findet sich bei Gabriel/Völkl (2005: 532-537), eine Übersicht über Partizipationsdimensionen in Deutschland bietet Steinbrecher (2009: 47).

26 Eine umfassende Darstellung der Erklärungsfaktoren politischer Partizipation findet sich bei Steinbrecher (2009: 56-92).

Details

Seiten
137
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640905980
ISBN (Buch)
9783640906116
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171297
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
E-Partizipation politische Beteiligung Jugendliche Internet Pilotprojekt Partizipation

Autor

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Titel: E-Partizipation - Chancen und Grenzen der Jugendbeteiligung im Internet  am Beispiel des Pilotprojekts HUWY