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Schönheitsideale und Schönheitshandeln

in der modernen Gesellschaft

Examensarbeit 2011 77 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

I INHALTSVERZEICHNIS

II DARSTELLUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 SCHÖNHEIT
2.1 Schönheit und Sozialisation
2.2 Schönheitsideale
2.2.1 Jugendlichkeit
2.2.2 Schlank gleich schön
2.2.3 Wider der Norm - Dicksein in unserer Gesellschaft
2.2.4 Fitness

3 SCHÖNHEITSHANDELN
3.1 Haare
3.2 Mode
3.3 Tätowierungen
3.4 Bodybuilding und Bodyshaping
3.5 Diäten
3.6 Schönheitsoperationen

4 FAZIT

5 QUELLENVERZEICHNIS

II DARSTELLUNGSVERZEICHNIS

Darstellung 1: Schönheitsideale

Darstellung 2: Da Vincis vitruvianischer Mensch

Darstellung 3: Jugendlichkeit

Darstellung 4: Bild der 66-jährigen Mutter Melanie Manchots

Darstellung 5: Twiggy

Darstellung 6: Wider der Norm

Darstellung 7: BMI-Tabelle

Darstellung 8: BMI unter Berücksichtigung des Alters

Darstellung 9: Haare

Darstellung 10: Mode

Darstellung 11: Tätowierungen

Darstellung 12: Bodybuilding

Darstellung 13: Schönheitsoperationen

1 Einleitung

Ab dem Zeitpunkt unseres Entstehens im Mutterleib sind wir Menschen soziale Wesen und unser Körper stellt das wesentlichste Interaktionsin- strument dar, was wir haben. Über ihn nehmen wir die unterschiedlichs- ten Umweltreize in uns auf und wirken ebenfalls über ihn auf die Um- welt ein. „Der Körper kommuniziert immer, er sendet dauernd Signale, die die Mitmenschen empfangen und deuten (sollen).“ (Villa 2007, 23) Jeden Tag unseres Lebens spielt unsere körperliche Dimension also eine bedeutende Rolle. Wir riechen, schmecken, hören, fühlen, sehen und führen die verschiedensten Bewegungen und Handlungen mit dem zentralen Handlungsinstrument (ebd. 18) Körper aus.

Dabei kann die körperliche Existenz in zwei Dimensionen unterschie- den werden und zwar in Körper und Leib. Diese Unterscheidung geht auf HELMUTH PLESSNER (1892 - 1985) zurück, der von dem Doppel- aspekt der Existenz als Körper und Leib spricht (Plessner 2003, IV, 367). Der Körperbegriff impliziert dabei, dass man in reflektorischer oder instrumenteller Hinsicht in ein distanziertes Verhältnis zum eige- nen Körper treten kann. „Mit unserem Körper können wir etwas ma- chen, ihn formen oder manipulieren.“ (Villa 2007, 19) Dies umfasst der ebenfalls auf PLESSNER zurückgehende Begriff der exzentrischen Po- sitionalität. Das Leibsein meint das innere individuelle, subjektive Erle- ben, Gewahren, Spüren und Merken (vgl. Abraham 2010, 18), das prä- reflexiv ist und nicht im leiblichen, sondern lediglich im sprachlichen Modus kommuniziert werden kann. „Der Leib ist, anders als der Körper als Oberfläche und Wissensbestand, nicht beliebig konstruier- und ma- nipulierbar.“ (Villa 2007, 24)

Beide Seiten konstituieren eine Einheit, sie bilden zusammen den Kör- perleib. Dennoch lässt sich im Zeitalter der Medien, der Schönheitsope- rationen, des Fitnessrummels und des Diätenbooms eine zunehmende Konzentration auf die körperliche Dimension oder, um es mit den Wor- ten VILLAS zu sagen, eine Entwicklung hin zur „Leibvergessenheit und Körperbesessenheit“ (Villa 2007, 20) beobachten. Sie spricht von einer kulturellen Verdinglichungstendenz, wobei der Körper als zu optimie- rende Masse betrachtet wird, „nicht als eigenlogischer und lebendiger Leib, der immer auch die Spuren einer individuellen Biographie trägt und damit auch Spuren des Alterns und der Erfahrungen […].“ (ebd., 20)

Der Körper wird immer mehr zum Darstellungsmedium, er wird manipu- liert und inszeniert für eine erfolgreiche Partizipation an der Gesell- schaft. Zu erklären ist dies mit den Errungenschaften der Moderne, die mit der Loslösung von auf Religion und Tradition fußenden Selbst- und Weltbildern einherging. Der Mensch hat seit jeher die Aufgabe, sein Le- ben selbst zu gestalten und sich in der Gesellschaft zu verorten, was bisher aufgrund der Herkunft erfolgte. Die Entwicklung führte also „weg von einer Determinierung durch Klasse und Stand, hin zu einer Freiheit vielfältiger Optionen.“ (Abels 2006, 225) Was auf der einen Seite als ein Zugewinn anmutet, beinhaltet auf der anderen Seite das Muss, sich in den komplexen gesellschaftlichen Strukturen zurechtzufinden und zu positionieren (vgl. Villa 2007, 22). Das Individuum hat keine eindeutige Orientierung mehr in Form fester Bahnen oder „normaler“ Muster (vgl. Abels 2006, 223), vielmehr zeichnet sich die Individualisierung1 durch eine Vielzahl an Alternativen aus. Man kann viele Wege einschlagen, nahezu alles kaufen und noch viel mehr erleben, ganz nach dem Motto, dass alles möglich ist. Damit bietet sich einem zwar eine große Aus- wahl, aber demgegenüber stehen der Verzicht und der Misserfolg sowie die Aussicht darauf, etwas zu verpassen. Mit der Entgrenzung der Mög- lichkeiten geht folglich eine zunehmende innere Unklarheit und Unsi- cherheit einher. „Die Wirkung der Wahl einer Option kann letztendlich nicht eingeschätzt werden“ (Posch 2009, 182), doch das Individuum muss die Konsequenzen tragen. Man ist also zur Eile gezwungen, da- mit man möglichst viele dieser Optionen wahrnehmen kann. Dadurch findet eine Beschleunigung der Welt statt, die auf der zunehmenden Säkularisierung fußt. Glücks- und Heilserwartungen werden nicht mehr ins Jenseits projiziert, sondern im Diesseits, im Hier und Jetzt erwartet. Folglich verringert sich die Weltzeit auf die Lebenszeit.

Diese Beschleunigung zeigt sich auch in zwischenmenschlichen Be- gegnungen. Im Zuge der mit der Moderne einhergehenden Verstädte- rung und Industrialisierung wurden die bisher im kleineren Raum statt- findenden gesellschaftlichen Kontakte teilweise ersetzt, aber sicherlich erweitert durch kurzlebige oberflächliche Kontakte. Was nun zählt, ist das Sichtbare, das Äußere des Menschen und damit sein Körper und dessen Inszenierung. Unsere Wahrnehmung des Gegenübers in seiner (Un-)Gepflegtheit, mit seiner spezifischen Körperhaltung, seinem Ge- ruch, seinem Auftreten entscheidet über den Grad der Sym- bezie- hungsweise Antipathie, der (In-)Toleranz, über Ver- oder Misstrauen, bevor wir uns sprachlich kommunikativ mit demjenigen auseinanderge- setzt haben. Ebenso wie wir unser Gegenüber lesen, sind wir auf der leiblichen Ebene auch intuitiv in der Lage, unseren eigenen gesell- schaftlichen Status2 zu erkennen.

„[A]m Körper unserer Mitmenschen [können wir] deren Zugehörigkeit zu den verschiedenen sozialen Gruppen erkennen; wir ‚lesen’ also all die körpergebundenen Zeichen, die uns über die soziale Position unserer Handlungspartner Aufschluss geben.“ (Villa 2007, 26)

Wir verkörpern unsere soziale Zugehörigkeit. Demnach muss der mo- derne Mensch darüber entscheiden, wer und was er ist. Er ist damit ständiger Schöpfer seiner selbst, seiner Individualität3 und seiner Per- sönlichkeit4. Die Gestaltung seines Äußeren entscheidet in vielen Be- reichen, ob er gewinnt oder verliert, ist also ein Mittel, seine Chancen im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf zu erhöhen. „Da er überall vor- zeigbar ist, eignet sich der Körper dazu in besonderer Weise.“ (Waldrich 2004, 63) Er wird zum Kapital. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit gezielten Inszenierungen und Modifikationen des Körpers, die hier unter dem Begriff des Schönheitshandelns subsumiert werden, welches thematisch in den Modernisierungsprozess eingebettet ist, weshalb es mir ein Anliegen war, diesbezügliche Erläuterungen an den Anfang der Arbeit zu stellen. Dabei stelle ich die These auf, dass die Modernisierung zwar mit einer Freisetzung des Individuums einherging, doch gleichzeitig aber auch eine Einbindung in standardisierte Normen stattfand. Dabei gibt die Gesellschaft klare Kriterien bezüglich der äuße- ren Erscheinung vor, nach denen wir unser Gegenüber bewerten.5 Ent- sprechend beschäftigt sich die Arbeit mit Schönheit und Schönheitside- alen, die sozial anerkannte Normen bilden und damit Orientierungs- punkte in einer verunsicherten Gesellschaft bieten. In Bezug auf das Schönheitshandeln wird es vorerst um solche Praktiken gehen, die in- zwischen so selbstverständlich geworden sind, dass man sie kaum mehr wahrnimmt. Dazu gehören Mode, der Umgang mit Kopf- und Kör- perbehaarung und Diäten. Hygiene, Schmuck, Schminke und Parfum, die ebenfalls diesem Feld zugehörig sind, finden keinen Eingang. An- schließend geht es mit Fitness, Tätowierungen sowie Schönheitsopera- tionen als extremster Ausprägung weiter unter die Haut.

2 Schönheit

„ Die Schönheit ist lediglich Verhei ß ung von Glück. “ (Stendhal, zit. n. Liessmann 2009, 8)

Schönheit ist ein Begriff, der uns vertraut ist, er durchdringt unser alltäg- liches Vokab]ular und unser Empfinden. „Schönheit grundiert die Ziele und Wunschvorstellungen unserer Lebenspraxis“ (Liessmann 2009, 7). Es gibt eine ganze Industrie, die sich mit der Herstellung und dem Er- halt von Schönheit befasst. Doch was ist Schönheit? Zunächst möchte ich einige ihrer teils widersprüchlichen Charakteristika anführen, bevor ich zu einer für die Arbeit relevanten Begriffsbeschreibung komme.

Schönheit ist etwas Besonderes, etwas Begehrtes, etwas Außerge- wöhnliches, etwas nicht für jeden Erreichbares, sondern bildet vielmehr eine erstrebenswerte Ausnahme. Damit beinhaltet sie etwas Ausgren- zendes, Undemokratisches, denn nur eine Minderheit verfügt über sie. Das äußert sich zudem darin, dass die Beschäftigung mit ihr stark von äußeren Bedingungen abhängig ist, wie etwa der Verfügbarkeit von Zeit und Geld.

Schönheit hat mit der Hässlichkeit einen klaren Gegenbegriff (vgl. De- gele 2004, 11), wobei eine so beschaffene Begriffsbestimmung eine Definition von Hässlichkeit ebenso notwendig machen würde. Sie ist ein Ganzes und nicht etwas aus seinen teilweise ambivalenten Einzelbestandteilen Rekonstruierbares (vgl. Weber 2006, 54). Wichtig ist, dass nicht die einzelnen Komponenten, sondern deren Zusammen- spiel für das ästhetische Ganze Ausschlag gibt. Dabei gilt Schönheit zwar als naturgegeben, aber zugleich auch als herstellbar und vor allem als vergänglich (vgl. Degele 2004, 209).

Unser Sinn dafür, was wir als schön empfinden, ist keine überzeitliche Konstante, sondern kulturellen Veränderungen unterworfen. Während die kurvige Marilyn Monroe mit Kleidergröße 42 in den 50er-Jahren als Idol gefeiert wurde (vgl. Posch 2009, 85/91), löste die untergewichtige Twiggy diese in den 60er-Jahren ab (vgl. Penz 2010, 13). Die verwen- deten Klassifikationskriterien von Schönheit sind selbst kulturelle Begrif- fe (vgl. Degele 2004, 11). Schönheit beinhaltet Objektivität, weil es ei- nen weitgehenden Konsens über sie gibt und damit kommunizierbare Merkmale, die eine Schönheitswirkung beim Betrachter auslösen. Sie beinhaltet aber auch Subjektivität - sie ist abhängig davon, wahrge- nommen und als solche beurteilt zu werden und liegt damit im Auge des Betrachters. Das impliziert, dass Schönheit den Blick der anderen sowie deren Bewertungen braucht und ihnen ausgesetzt ist. BAYERTZ und SCHMIDT verweisen dementsprechend darauf, dass „Schönheit nie der Besitz einer Person ist, sondern sich zwischen den Personen ereignet.“ (Bayertz/Schmidt 2006, 60) Damit ist sie ein Interaktionspro- zess.

Während Narziß und Adonis männlich waren, gilt Schönheit spätestens seit den 70er-Jahren des 18. Jahrhunderts (vgl. Posch 1999, 18) als inhärent weiblich und Frauen werden als das schöne Geschlecht bezeichnet (vgl. Degele 2004, 209). Ist eine Frau im Auge des Betrachters hässlich, läuft sie Gefahr, auch als unweiblich wahrgenommen zu werden. Dies verweist auch darauf, dass Schönheit „in hohem Maße Erotik und Sexualität [bestimmt] […].“ (Liesmann 2009, 7) Sie ist immer ein Mittel zum Zweck, da mit ihr ein spezifischer Nutzen verbunden wird. Wie POSCH ausführt, ist sie ein Hilfsmittel der persön- lichen und sozialen Positionierung in einer unsicher erscheinenden Welt (vgl. Posch 2009, 33). Sie bezeichnet den Ausspruch, dass schöne Menschen mehr vom Leben haben, als „alles dominierende öffentliche Botschaft“ (ebd. 201). Auf Schönheit werden Glückserwartungen proji- ziert, die Sehnsucht nach ihr folgt damit einer hedonistischen Prämisse. Sie wird als ein Zeichen des Guten wahrgenommen, als ein Verspre- chen des Heils. Obwohl wissenschaftliche Beweise für den Zu- sammenhang von Charakter und Aussehen fehlen, wird physische Schönheit mit moralisch-sittlichen Qualitäten verbunden, weshalb man vom Halo - Effekt (Koppetsch 2000, 99) spricht. Dies kann mit Glorifizie- rungseffekt (http://www.dict.cc/englisch-deutsch/halo. html, 25.01.2011) übersetzt werden, der durch ein einzelnes Merkmal, nämlich in diesem Fall das Aussehen, ausgelöst wird. Innere Schönheit wird damit von außen zugeschrieben. So ergeben sich Stereotype, wodurch als schön

wahrgenommenen Menschen positivere Charaktereigenschaften zuge- schrieben werden, als solchen, die als hässlich empfunden werden (vgl. Liessmann 2009, 91ff.). Moralische Qualitäten werden also aus einem Erscheinungsbild abgeleitet, das in Zeiten der Schönheitschirurgie nicht mehr als angeborenes Schicksal gilt, sondern zunehmend machbar ist und folglich der Verantwortung des Einzelnen zugeschrieben wird. Wenn schöne Menschen dadurch Vorteile genießen, bevorzugt behan- delt werden und hässliche schlimmstenfalls Hänseleien und Diskrimi- nierungen ertragen müssen, verselbstständigt sich das Nutzenverspre- chen und wirkt wie eine self-fulfilling-prophecy (vgl. Posch 2009, 203). Schönheit dient der Verkörperung von Status und hat durch ihre Wir- kung auf andere, durch ihr Potential, Aufmerksamkeit zu bündeln und Anerkennung zu erlangen Macht im sozialen Feld. Doch „[d]ie Macht der Schönheit ist wesentlich die Macht eines ihrer Wahrnehmung ein- geschriebenen Versprechens.“ (Menninghaus, zit. n. ebd. 209) Sie ist kein Garant für Wohlbefinden und Glück, vor allem, wenn man bedenkt, wie wandelbar der Sinn für Schönheit und wie vergänglich sie als sol- che ist.

Schönheit ist ambivalent. Auch wenn sie zum einen als etwas Erstre- benswertes gilt, wird sie auf der anderen Seite als banale Äußerlichkeit, als Oberflächlichkeit abgewertet. Sie löst Neid und Rivalitäten aus und kann bei anderen als Bedrohung empfunden werden. Gerade bei Frau- en gilt sie zudem seit jeher als gefährliche, die Männer ins Verderben stürzende Verführungskraft. Arroganz, Eitelkeit und bisweilen auch Dummheit werden mit weiblicher Schönheit assoziiert. Unterdessen werden schönen Männern häufig wechselnde Geschlechtspartner, schlechte Liebhaberqualitäten und mangelnde Bindungsfähigkeit nach- gesagt (vgl. Bernsberg 2008, 12f.).

Insgesamt ist es nicht möglich, eine allzeit gültige, universelle Formel zu finden, denn Schönheit ist mehrdeutig und Schönheitsansichten än- dern sich im Laufe der Zeit und von Kultur zu Kultur. Genauso wenig kann eine wissenschaftlich brauchbare Definition für Schönheit gefun- den werden. DEGELE schlägt aber eine Beschreibung vor, an die ich mich im Weiteren halten werde. Sie beschreibt Schönheit als

„massenmedial produzierte und im Alltag relevante Auffassungen vom dem, was Schönheit als hegemoniale Norm im medial-öffentlichen Diskurs in Abgrenzung zum Nicht-Schönen oder Hässlichen ist oder sein soll.“ (Degele 2004, 10)

Schönheit ist damit im Sinne allgemein verbindlichen Standards körperlicher Erscheinung zu verstehen (vgl. Koppetsch 2000, 109)6, die schon sehr früh vermittelt werden. Sie sind Bestandteil des Sozialisationsprozesses, weshalb sich das nächste Kapitel mit der Sozialisation im Zusammenhang mit Schönheit befasst.

2.1 Schönheit und Sozialisation

Die Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess, in dessen Verlauf der Mensch seine Persönlichkeit entwickelt, die sich einerseits durch die Individualität anderen Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber aus- zeichnet, andererseits durch ihren Sozialcharakter. In diesem Sinne hat die Sozialisation sowohl eine emanzipatorische als auch eine affirma- tive Funktion, da der Mensch sich zu einer autonomen und gefestigten Persönlichkeit entwickeln kann, sich auf der anderen Seite aber auch den gesellschaftlichen Rollen- und Verhaltensanforderungen anpasst. Dabei erfolgt die Sozialisation mittels einer aktiven Auseinandersetzung des Individuums mit der gesellschaftlich beeinflussten und vermittelten Umwelt, aber auch über den Einfluss der auf das Individuum einwirken- den Sozialisationsinstanzen. Bei der primären Sozialisation, die etwa bis zum Ende des Kleinkindalters andauert und für die Basis der Per- sönlichkeit ausschlaggebend ist, umfassen diese insbesondere die Fa- milie. Hier entwickeln sich die Grundstrukturen der Persönlichkeit in den Bereichen der Sprache, des Denkens und Empfindens sowie Muster des sozialen Verhaltens in Form sozialer Regeln und Umgangsformen. Bei der sekundären Sozialisation wird das Individuum zunehmend von anderen Institutionen und Menschen beeinflusst (vgl. Brockhaus-Enzy- klopädie 1993, 533f.).7

Körperlichkeit ist ein wichtiger Teil menschlicher Identität und Körper sind in ihren täglichen Aktionen immer wechselseitig aufeinander bezo- gen. (vgl. Meuser 2006, 105) Deshalb kommt ihnen im Rahmen der So- zialisation eine besondere Rolle zu. Der Körper fungiert als Mittler zwi- schen Individuum und Gesellschaft. Dabei verkörpert er zum einen Ge- sellschaft, da er die verinnerlichten sozialen Regeln (re-)produziert und zum anderen wird der Körper vergesellschaftet, wenn sich in selbige so- ziale Regeln einschreiben (vgl. Degele 2004, 30). Dabei weist er sich als besonders gelehrig aus und verfügt über ein hohes Entwicklungspotenti- al. Mittels der Sinne unseres Körpers lernen wir die natürliche als auch die soziale Umwelt kennen. An den Körper und seine Sinne richten sich die sozialen Aufforderungen, gesellschaftlichen Ansprüche und Struktu- ren, welche dadurch viel grundsätzlicher erfahren werden, als über un- ser Bewusstsein oder mittels von Sprache. Dabei schreibt sich ein sinn- liches Wahrnehmungsmuster in unseren Körper ein, das verallgemeinert und objektiviert wird. Es bildet sich ein Habitus8 aus, eine generative Tie- fenstruktur, die sich auch von außen wahrnehmen lässt, wofür BOUR- DIEU den Begriff der Hexis9 verwendet (vgl. Wuttig 2010, 354f.). Men- schen entwickeln dadurch ein präreflexives Gespür für Beziehungen und Verhältnisse. Gesellschaftliche Strukturen werden inkorporiert, in den Körper eingeschrieben und verinnerlicht, sodass der Körper „durchdrun- gen [ist] von gesellschaftlichen Formierungs-, Disziplinierungs- und Ein- schreibungsvorgängen.“ (Abraham 2010, 16) Mit dem Grad der Verin- nerlichung gesellschaftlicher Ver- oder Gebote steigt dabei auch deren Wirksamkeit. „[A]bstrakte, allgemeine und meist diffuse soziale Werte [werden] derart ‚inkorporiert’, dass sie zu spezifischen Körperhaltungen und Gefühlen werden.“ (Bourdieu, zit. n. Villa 2007, 24) VILLA spricht von einem Körperwissen, das wir ausbilden. Es umfasst „das präreflexi- ve, soziale Wissen um all jene Erfahrungen und Dimensionen, die den Körper betreffen[.]“ (ebd.) Dieses Wissen befindet sich in einem ständi- gen Prozess des Anwendens, Überprüfens und Veränderns, wobei uns dies nicht bewusst ist. Veränderungen in Vorlieben und Geschmack nehmen wir dabei nicht als „Effekt sozialer, kollektiver Lern- und Aneig- nungsprozesse“ und als „Ausdruck eines milieuspezifischen Habitus“ (ebd.) wahr, sondern führen sie auf eigenständige Entscheidungen oder auf Veränderungen des Selbst zurück, die ohne den Einfluss der Au- ßenwelt vor sich gegangen sind. Der gesellschaftliche Einschreibungs- prozess entzieht sich folglich unserer Selbstreflexion und damit unserem intellektuellen Erkenntnisvermögen (vgl. Barlösius 2000, 17), denn „[w]as der Körper gelernt hat, das besitzt man nicht wie ein wieder- betrachtbares Wissen, sondern das ist man.“ (Bourdieu, zit. n. ebd.) Der Körper signalisiert die Zugehörigkeit zu Geschlecht und sozialer Gruppe. An ihm spiegeln sich die gesellschaftlichen Hierarchien in be- sonderem Maße wider, denn die Sozialisation erfolgt immer vor dem Hintergrund der jeweiligen sozialen Gruppe, die sich durch unterschied- lichen Zugang zu materiellen und immateriellen Ressourcen voneinan- der unterscheiden, was als Grundlage für soziale Ungleichheiten zu se- hen ist. Während der Sozialisation werden immer die spezifischen Ele- mente, wie Symbole, Werte, Normen, Rollen und Handlungsmuster der jeweiligen Gruppe übernommen. Demnach wird ein gruppenspezifi- sches Rollenverhalten internalisiert, das auch am Körper und seiner Gestaltung abgelesen werden kann. Bei geteilter Soziallage zeigt sich dann eine habituelle Gleichgerichtetheit, die sich in der Übereinstim- mung von Praktiken niederschlägt. Damit ergibt sich ein implizites Ein- verständnis (Bourdieu, zit. n. Meuser 2006, 102), das bedeutet, dass sich solche Menschen auf präreflexiver Ebene erkennen und wechsel- seitig verstehen (vgl. ebd.). Dadurch werden soziale Ungleichheiten auch immer verkörpert.

Zudem erfolgt die Sozialisation immer geschlechtsbezogen, denn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, abseits des Biologischen, sind nicht naturgegeben, sondern Produkt geschlechtsspezifischer Er- ziehung. Damit ist Geschlecht ein soziales Konstrukt (vgl. Villa 2007, 21), obgleich die Differenz immer wieder als natürlich postuliert und damit bekräftigt wird (vgl. Degele 2004, 99). Geschlecht ist eine zentra- le Kategorie in unserer Kultur und eine fundamentale Dimension des Habitus (vgl. Penz 2010, 50). Kinder werden von Geburt an hinsichtlich ihrer Geschlechtsrolle beeinflusst. Bestimmte Haltungen, Denkmuster und Gefühle werden geschlechtsbezogen induziert, verstärkt oder ge- dämpft, bis sich die Handlungen automatisieren und permanente Nei- gungen entstehen (vgl. Posch 1999, 83), die in ihrem präreflexiven Charakter als selbstverständlich gelten. Die Sozialisation ist dabei aber nicht als einseitiger Prozess zu verstehen, sondern folgt einem dialogi- schen Prinzip. Aktive Aneignung und gesellschaftliche Produktion sind dabei verflochten. Während also die Gesellschaft auf die individuelle Körperlichkeit einwirkt, wirkt jene wiederum auf die Gesellschaft zurück (vgl. dies. 2009, 13).

Die Geschlechtskörper sind damit auch das „Ergebnis eines sich permanent vollziehenden Konstruktionsprozesses […], in welchem sowohl die sozialen Strukturen sich in den Körper einschreiben als auch die Individuen durch ihr ‚Körperhandeln’ diese Strukturen (re-) produzieren.“ (Beier 2006, 164)

Schönheitsideale wirken dabei schon sehr früh und vor allem sehr subtil in und am Körper. Ein Beispiel dafür ist das „typische Mädchenspiel- zeug“ Barbie, das es seit 1959 gibt. Mit den Maßen 99-48-84 (vgl. Posch 1999, 57) ist Barbie anormal und vor allem, so WALDRICH, ma- gersüchtig (vgl. Waldrich 2004, 115). Sie fördert schon früh die Festle- gung der Mädchen auf das Schönheitsideal. Das Pendant für Jungen ist in den USA G.I. Joe, ein Plastiksoldat, und in Deutschland HeMan. Bei- de haben eine enorme Muskulatur und scheinen nur aus Haut und Mus- keln zu bestehen (vgl. ebd., 117ff.). Zudem sind Helden in erzählten Geschichten oder in Zeichentrickfilmen oftmals doppelt so groß wie Frauen (vgl. Posch 2009, 162f.), so dass Körpergröße als Kriterium von Männlichkeit suggeriert wird.

Ein weiteres Moment ist der Spielwert. Während dieser bei Jungen von der gelungenen Handlung abhängig ist, sind Mädchenspielzeuge oft darauf ausgerichtet, Dinge schön zu machen. Somit ist die Anerkennung und Bestätigung anderer entscheidend für den Spielwert (vgl. Posch 1999, 86). Diese Abhängigkeit von den Bewertungen anderer zieht sich durch das weitere Leben. Mädchen lernen sehr früh, dass sie als das schöne Geschlecht gelten und Schönheit einen obligatorischen Teil ihrer Weiblichkeit und ihre größte Macht ausmacht. Sie lernen, dass ihr Aus- sehen begutachtet und dessen „Vorzüge […] laut und ausgiebig erörtert werden“ (Drolshagen 1995, 17). Dadurch erhalten sie gewissermaßen einen Objektstatus, es findet eine Verdinglichung statt. Dies führt dazu, dass Mädchen lernen, ihren Körper zu kontrollieren, da er nicht nur ihre eigene Sache ist, sondern ein body-for-others (Penz 2010, 24). Dabei ist Frausein „stark definiert […] über Schönheit, Körperlichkeit und Be- gehrtwerden durch Männer.“ (Waldrich 2004, 92) Wenn sich Frauen im Spiegel betrachten, ist der Prüfer in ihnen selbst männlich, sie betrach- ten sich mit dem antizipierten männlichen Blick. Das Geprüfte ist dem- nach weiblich und wird häufig als defizitär empfunden (vgl. ebd., 43f.). Geschlechterrollen werden internalisiert und immer weitergegeben. Mädchen orientieren sich bei der Entwicklung ihrer Geschlechterrolle an der Mutter, die geltende sozialen Normen und Schönheitsideale unmit- telbar weitergibt. POSCH bezeichnet sie deshalb als „Handlanger des Schönheitsdiktates“ (Posch 1999, 94). Entscheidend ist hier der Zugang der Mutter zum eigenen Körper. Wenn diese stark auf ihr Äußeres ach- tet und sich mittels Nahrungsrestriktionen an das Ideal anzupassen sucht, wirkt sich dies stark auf das Mädchen aus. Häufig kontrollieren Mütter zudem schon sehr früh das Essverhalten der Mädchen und grei- fen regulierend ein, obwohl eine Studie, die in den USA durchgeführt wurde, zeigte, dass Kinder durchaus in der Lage sind, die Kalorienzu- fuhr in gesundem Maße selbst zu regulieren, wenn man sie denn lässt, und Kontrolle sich gerade gegenteilig auswirkt (vgl. dies. 2009, 105). Mädchen wird damit suggeriert, dass es wichtig für eine Frau ist, dünn zu sein (vgl. ebd. 87ff.). Schlankheit wird folglich bereits in der frühen Sozialisation als eines der Ideale körperlicher Schönheit einverleibt.

In den Köpfen der Bevölkerung der westlichen Industriestaaten sind die Schönheitsideale als etwas Selbstverständliches fest verankert, ja ver- innerlicht, so dass sie als selbst gewählt empfunden werden. POSCH spricht diesbezüglich davon, dass das Korsett in den Kopf gewandert sei (vgl. Posch 2009, 166) und bezeichnet die Schönheitsideale als „Paradebeispiel dafür, wie äußere Zwänge und Normen […] konsensual als innerer Wunsch interpretiert werden.“ (ebd., 168)

2.2 Schönheitsideale

Das Wort Ideal leitet sich aus dem Wort Idee ab, welches aus dem Griechischen kommt und Gedanke, Einfall und Vorstellung bezeichnet. Ein Ideal ist damit im eigentlichen Sinne ein gedachtes, vollkommenes Muster, doch wir bezeichnen damit heute ein Vorbild, das unter Aufbringung finanzieller Mittel, Zeit und Anstrengung erreichbar und

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dar. 1: Schönheitsideale herstellbar ist (vgl. Posch 2009, (Illustration von Rene Habermacher, SPIEGEL special 4/1997, 125) 173f.).

Hat sich ein Schönheitsidealerstmal etabliert, ist man sich innerhalb einer Gesellschaft weitestgehend einig darüber, was als schön empfunden wird,10 Schönheitsideale avancieren so zu einer sozial anerkannten Norm.

„Die Gesellschaft gibt uns vor, nach welchen Kriterien wir Personen einordnen, und nennt uns auch gleich die Attribute, die wir bei ihnen als natürlich und normal erwarten können.“ (Goffman, zit. n. Abels 2006, 350)

Bezüglich des Gesichtes - folgt man soziobiologischen Konzepten - gilt das Ideal der Harmonie, der Proportioniertheit und der Symmetrie11 (vgl. Degele 2004, 11). Werden viele Bilder unterschiedlicher Individuen beim Morphing (Posch 2009, 85) übereinandergelagert, entsteht ein sogenanntes Modalbild, das attraktiver erscheint, als die dem Bild zugrundeliegenden einzelnen Gesichter. Der Attraktivitätshypothese zufolge sind attraktive Gesichter damit Durchschnittsgesichter, bei de- nen Asymmetrien ausgeglichen wurden, aber gerade diese Ge- sichter kommen sehr selten vor. Hier zeigt sich ein grundsätzliches Charakteristikum der Schönheits- ideale, nämlich dass sie immer nur für sehr Wenige erreichbar sind. Frauen werden als schön empfunden, wenn sie dem Kind- chenschema möglichst nahe kommen und volle Lippen, über-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dar. 2: Da Vincis vitruvianischer Mensch (http://www.pimath.de/quadratur/beispiel_pr oportion/vitruv_leonardo_Q.jpg, 28.01.2011)

proportional große Augen, eine hohe vorgewölbte Stirn und eine zarte Kinnpartie haben. Hinzu kommen hohe Augenbrauen, eine kleine Nase, hohe Wangenknochen und schmale Wangen (vgl. Liessmann 2009, 96; Bernsberg 2008, 4f.). Männer werden als attraktiv empfunden, wenn sie ein breites Un- tergesicht, mit einem kräftigen Kiefer und ausgeprägtem Kinn sowie tiefliegende Augen haben (vgl. Liessmann 2009, 96). Bei beiden Ge- schlechtern sind gesunde Haare, glatte, feinporige Haut sowie Jugend- lichkeit entscheidende Dimensionen (vgl. ebd.). Wichtig für das ästheti- sche Ganze ist das Zusammenspiel der Komponenten, ganz im Sinne davon, dass d as Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile . PENZ spricht von einem nie dagewesenen Ausmaß des Schönheits- booms, der beide Geschlechter und alle sozialen Gruppen einschließe (vgl. Penz 2010, 7), wobei für männliche und weibliche Schönheitsidea- le noch immer eine strikte Geschlechterdifferenzierung gilt (vgl. Degele 2004, 27). Männer, so PENZ, seien dem Diktat der Schönheitsideale weit weniger unterworfen (vgl. ebd., 13) und auch POSCH führt an, dass das Schönheitsideal deutlicher für Frauen als für Männer gelte, welche sich in allen Altersgruppen weniger mit Schönheit befassen (vgl. Posch 2009, 14/157). Doch muss diesbezüglich auch erwähnt werden, dass der Schwerpunkt der Schönheitsforschung auf Mädchen und Frauen liegt (vgl. ebd., 144) und vielerorts unerwähnt bleibt, dass sich das Schönheitsideal auf beide Geschlechter ausgeweitet hat, obgleich in ungleichem Maße. Auch die Männerschönheit hat sich als Markt etabliert, seit den 80er-Jahren sind Männer in der Werbung deutlich mehr nach den Kriterien der Sexyness und Schönheit inszeniert (vgl. ebd., 158f.). Männer sehen sich zunehmend durch den Blick der ande- ren und die Bewertung hängt von den Erwartungen der Betrachter ab. PENZ begründet diese Entwicklung mit einer Veränderung der Macht- konstellation zwischen den Geschlechtern. Dazu habe die eigenständi- ge Berufstätigkeit der Frauen und die damit verbundene Befreiung aus materiellen Abhängigkeitsverhältnissen ebenso beigetragen, wie die Erfindung der Pille in den 60er-Jahren, die eine Entkopplung von Sexu- alität und Fortpflanzung ermöglichte (vgl. Penz 2010, 33). Damit sind Frauen nicht mehr existentiell darauf angewiesen, von Männern ge- wählt zu werden. Einerseits brechen so Geschlechterstereotype auf, andererseits werden dadurch auch Männer zunehmend dem Schön- heitsdiktat unterworfen.12

Die sozial anerkannten Schönheitsideale können in einer von Instabilität und Unsicherheit geprägten Zeit als Sicherheit und Orientierungshilfe gesehen werden und zudem als Ziel, auf das hinzuarbeiten es sich vermeintlich lohnt. Die Hauptkriterien des heutigen Schönheitsideals, die im Folgenden thematisiert werden, sind Jugendlichkeit, Schlankheit und Fitness. Authentizität bildet ein weiches Kriterium körperlicher Schönheit und spielt in alle Bereiche hinein, denn wenn man schön er- scheinen möchte, muss es gelingen, „die besonders bewunderten Merkmale der äußeren Erscheinung als natürliche Persönlichkeitseigenschaft ausgeben zu können. Dies erfor- dert eine völlige Habitualisierung und Inkorporierung von Schönheits- maßnahmen. Je vollständiger die Aneignung, desto natürlicher wirkt die Attraktivität, und desto größer erscheint das Ausmaß an Freiheit ge- genüber Schönheitszwängen. Paradoxerweise ist also die maximale Ausdehnung sozialer Kontrolle über den Körper mit der Wahrnehmung von Souveränität und Freiheit verknüpft[…].“ (Koppetsch 2000, 114)

2.2.1 Jugendlichkeit

„ Es ist schon eigenartig:

In einer Zeit, in der Persönlichkeit und Selbstverwirklichung

hoch geschrieben werden,

arbeiten [ … ] viele Menschen daran, geschichtslos auszusehen. “ (Posch 1999, 53)

Der demografische Wandel in Deutsch- land schreitet immer weiter fort, die Generationen werden aufgrund der sich kontinuierlich verringernden Geburtenra-

ten immer kleiner, weshalb die Bevölke-

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dar. 3: Jugendlichkeit

(Illustration von Detlef Kellermann, SPIEGEL special 4/1997, 57)

rung, trotz Zuwanderungszuwachses, seit 2003 beständig zurückgeht. Das Alter der Bevölkerung nimmt immer weiter zu, was noch durch die stetig anstei- gende Lebenserwartung begünstigt wird. Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass sich die Einwohnerzahl in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2030 auf 77 Millionen Menschen belaufen wird, wovon 12,7 Millionen unter zwanzig sein werden, während die Gruppe derer, die 65 Jahre und älter sind, auf über 22,1 Millionen Menschen beziehungsweise 29 Prozent der Gesamtbevölkerung ansteigt (vgl. http://www.statistik-portal.de/statistik-portal/demografischer_wandel_ heft1.pdf, 21.11.2010). Nach der Sterbetafel 2007/2009 des Statisti- schen Bundesamtes haben neugeborene Mädchen eine Lebenserwar- tung von durchschnittlich 82,53 Jahren und Jungen von 77,33 Jahren (vgl. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/ DE/Content/Statistiken/Bevoelkrung/GeburtenSterbefaelle/Tabellen/Co ntent100/SterbetafelDeutschland,property=file.xls, 21.11.2010). Das Alter umfasst also mittlerweile eine längere Zeitspanne als Kindheit und Jugend zusammen und das in einer Gesellschaft, die das Altern als et- was Negatives bewertet, in der Jungbleiben einem gesellschaftlichen Wert entspricht (vgl. Degele 2004, 207). Der Alterungsprozess wird nicht als normaler Bestandteil des Lebens angesehen, der mit dem Tod endet. Dies würde die Endlichkeit vor Augen führen, folglich wird der Tod in unserer Kultur vielerorts tabuisiert. POSCH stellt fest, dass „un- ser Respekt nicht dem Alter [gilt], sondern in Wahrheit der Jugendlich- keit.“ (Posch 2009, 50) Lob gebührt dem, der trotz seines Alters noch fit und eigenständig ist, der wesentlich jünger aussieht, als er ist, der für sein Alter noch attraktiv ist, bei dem Alter also gar nicht wirklich - zu- mindest nicht sichtbar - stattfindet. Jugendlichkeit ist ein wesentliches Kriterium von Schönheit in unserer Gesellschaft, „wobei der Terminus ‚Jugendlichkeit’ im Gegensatz zu ‚Jugend’ sowohl die innere als auch die äußere Dimension beinhaltet.“ (ebd., 112) Äußerlich zeigt sich Ju- gendlichkeit vor allem an der Haut, die glatt, straff und faltenfrei sein sollte. Das bedeutet aber genau genommen „auch weniger Ausdruck, weniger Spuren, weniger Prägung und in letzter Konsequenz weniger Persönlichkeit.“ (dies. 1999, 53) Und das, obwohl Persönlichkeit in der heutigen Gesellschaft von großer Bedeutung ist. Zudem hat das Kriteri- um der Symmetrie auch in Bezug auf körperliche Schönheit Gültigkeit. Doch der alternde Körper kann diesem durch die allmähliche Krüm- mung der Wirbelsäule oder arthrotische Gelenkveränderungen kaum noch entsprechen. „Als schön gilt, wem man das gelebte Leben nicht in seiner vollen Dimension ansieht.“ (dies. 2009, 112)

Die Ausstellung der Fotografin Melanie Manchot ist im Kontext öffentli- cher Präsentationen eine Seltenheit, denn sie zeigt Aktbilder der 66- jährigen Mutter der Fotografin.

Dar. 4: Bild der 66-jährigen Mutter Melanie Manchots

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(http://www.portlandmercury.com/imager/love_is_a_stranger/b/original/26462/6d76/art-4844.jpeg, 11.01.2010)

Ihr Beweggrund sind die „immer gleichen Bilder des Menschen, die durch die Medien massiv auf unsere Vorstellung vom Selbst“ einwirken. Das Bild der Frau sei aus der Perspektive des begehrenden Mannes gestaltet und „lasse gerade noch die Wahl zwischen unglaublich jung und irrsinnig dünn oder maschinengestylt, besser noch silikongeschwol- len.“ Manchot aber wollte mit einem Körper arbeiten, „der aus der Rep- räsentation vollkommen rausfällt […], weil er durchs Leben gegangen ist.“ (http://www.zeit.de/1998/10/Die_Mutter_das_Alter_die_Liebe, 14. 12.2010) Nach einem Interview mit Melanie Manchot war in der Zeitschrift Die Zeit Folgendes zu lesen:

„Wer verstehen möchte, warum Melanie Manchot solche Bilder von ihrer heute 66jährigen (sic) Mutter macht - in einem Zyklus, der auf fast sechzig Werke angewachsen ist - und sie auch öffentlich zeigt […], muß (sic) dem eigenen Schrecken nachspüren, der beim Anblick dieser Bilder aufkommen kann. Eine so alte Frau. Ein Körper, der sich verformt hat. Und hinter der Leinwand lauert der Tod! Muß (sic) man das zeigen? Anders gefragt: Darf man das zeigen?“ (ebd.)

Sowohl der Artikel als auch der abgedruckte Gästebucheintrag eines Jungen, der die Worte „Ich mag die fette alte Frau nicht.“ (ebd.) in das Gästebuch schrieb, zeigen, wie wenig solch realistischen Bilder in den Medien präsent sind und welche ablehnenden Reaktionen sie auslösen können. Der Anblick eines alternden Körpers scheint unzumutbar. Das

[...]


1 Die Individualisierung bezeichnet den „Zwang, einen unübersichtlich gewordenen Raum selbst zu strukturieren.“ (Abels 2006, 224)

2 Status und soziale Position werden hier synonym verwendet und bezeichnen analog zur räumlichen Anordnung den jeweiligen Ort einer Person in einem sozialen Beziehungsgefüge. (vgl. Kopp/Schäfers 2010, 315)

3 „Individualität meint einerseits das Bewusstsein des Menschen von seiner Besonderheit und das Bedürfnis, diese Einzigartigkeit auch zum Ausdruck zu bringen, und andererseits die von ihm selbst und den anderen objektiv festgestellte Besonderheit und Einzigartigkeit.“ (Abels 2006, 43)

4 Persönlichkeit allgemein: „[D]er einzelne Mensch, insofern er seine Anlagen zu besonderer Entfaltung und Ausprägung in Form individueller Eigenart , charakterlicher Originalität und sittlicher Identität gebracht hat[.]“ (Brockhaus-Enzyklopädie 1993, 705)

5 Das Schönheitshandeln verweist auf vielschichtige Strukturen von Ungleichheiten und Unsicherheiten. Geschlecht ist omnipräsent und gerade das Feld der Schönheit und des Schönheitshandelns weisen auf enorme Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern hin. Dies zu thematisieren wäre eine eigene Arbeit, weshalb ich in machen Kontexten lediglich darauf verweise, es aber nicht vertiefend behandle. Auch die sozialen Ungleichheiten bleiben weitestgehend unberücksichtigt.

6 Attraktivität, die als Begriff oftmals synonym verwandt wird und keinesfalls (überschneidungsfrei) von Schönheit zu trennen ist, soll hier in Anlehnung an KOPPETSCH im weiteren Verlauf als „authentische Verkörperung des schönen Selbst“ (Koppetsch 2000, 106) verstanden werden, die sich im Spannungsfeld zwischen Körperschönheit und Darstellungskompetenz bewegt. Körperliche Attraktivität bezeichnet sie dabei als „Weg zur Akkumulation von Aufmerksamkeit[…] in Interaktionen“ (ebd., 100), die von großer Bedeutung für das Selbstbild und den Selbstwert ist.

7 Der Duden definiert Sozialisation als „(Prozess der) Einordnung des (heranwachsenden) Individuums in die Gesellschaft u[nd] die damit verbundene Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen durch das Individuum[.]“ (Duden 2003, 1474)

8 „Der Habitus bezeichnet das Ensemble inkorporierter Schemata der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens, Bewertens, Sprechens und Handelns, das alle expressiven, verbalen und praktischen Äußerungen der Mitglieder einer Gruppe oder Klasse strukturiert.“ (Bourdieu, zit. n. Wuttig 2010, 354)

9 Die Hexis bildet die auf dem Habitus beruhende äußerlich wahrnehmbare, erworbene Körperhaltung und -bewegung, gewissermaßen eine körperliche Grundeinstellung. (vgl. Penz 2010, 25)

10 Dabei sind sicherlich die Medien als Voraussetzung für eine Durchsetzung von Schönheitsidealen zu betrachten, da sie die breite Masse wie keine andere Institution erreichen. Während man sie auf der einen Seite nach Belieben nutzen kann, ist es schier unmöglich, sich ihnen zu entziehen, auch wenn niemand in deterministischer Weise von ihnen beeinflussbar ist.

11 Auch wenn hier der Fokus auf der Beschaffenheit des Gesichtes liegt, gelten diese Kriterien auch für den Körper, was an die Zeichnung des vitruvianischen Menschen von Da Vinci erinnert, auch weil eine Norm (z.B. der BMI) als Maß fungiert, um einen allgemeinen Standard zu erwirken.

12 Bei ihnen dominiert allerdings die Angst, aufgrund ihrer Schönheit, die nicht vereinbar mit der traditio- nellen männlichen Position zu sein scheint, mit Homosexualität in Verbindung gebracht zu werden. Seit 2003 existiert der Begriff der Metrosexualität für heterosexuelle Männer, die sichtlich auf ihr Aussehen bedacht sind. POSCH bezeichnet Beckham als Ikone der Metrosexualität. (vgl. Posch 2009, 160)

Details

Seiten
77
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640903627
ISBN (Buch)
9783640903689
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171215
Note
Schlagworte
schönheitsideale schönheitshandeln gesellschaft

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Titel: Schönheitsideale und Schönheitshandeln