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Filmanalyse "Verblendung" nach dem Roman von Stieg Larsson

Die Entwicklung der Dramaturgie der Hauptfigur Lisbeth Salander

Hausarbeit 2011 39 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Stieg Larsson - Biografie & Hintergründe

Inhaltsüberblick „Verblendung“

Theoretische Hintergründe
Das Drei-Akt-Modell zur Herstellung der Dramaturgie nach Syd Field
Die Charakterisierung der (Haupt)-figuren - der Kern jeder Geschichte .

Die Dramaturgie des Protagonisten am Beispiel der Lisbeth Salander

Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Filmografie (Anlage 4)

Anhang

Einleitung

Am Sonntag, 24. Januar 2011, sahen 4,52 Millionen Zuschauer[1] den ersten Teil der Millennium-Trilogie „Verblendung“ nach dem gleichnamigen Roman des Schweden Stieg Larsson. Nachdem der Originalfilm bereits 2009 in den deutschen Kinos lief, sendet das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) seit Januar jeden Sonntag einen Teil der Trilogie, jeweils in zwei Episoden aufgeteilt. Grund hierfür ist die um jeweils circa 30 Minuten längere Fassung in der Form eines Director’s Cut. Die Faszination an den Romanverfilmungen scheint seit der Erscheinung der Buchvorlage nicht abzureißen. Doch welche Gründe bewegen die Zuschauer, jeden Sonntag den Ermittlungen des Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist und seiner scheinbar asozialen und düsteren Kollegin Lisbeth Salander, die klassische Erscheinung eines Anti-Helden, zu folgen? Die Charakterisierung der Hauptfigur Lisbeth Salander, sowie deren Entwicklung im Verlauf des ersten Teils, ist das Anliegen der vorliegenden Hausarbeit.

Die Dramaturgie der Hauptfigur wird unter Berücksichtigung des Drei-Akt-Modells von Syd Field erklärt. Anhand dieses Modells wird die Struktur der Dramaturgie verdeutlicht, mit der die Protagonistin inszeniert wurde. Die Analyse soll weiterhin Aufschluss darüber geben, was das Besondere an dieser Verfilmung ist und welche Faszination sie auf den Zuschauer ausübt.

Stieg Larsson - Biografie & Hintergründe

Karl Stig-Erland Larsson wurde 1954 in Umeá, Schweden geboren.[2] 1979 begann Larsson’s journalistische Karriere bei der führenden schwedischen Nachrichtenagentur „TT“ als Nachrichtengrafiker. Seit 1982 war er als Skandinavienkorrespondent für die britische antifaschistische Zeitung Searchlight Magazine tätig. Im Jahre 1995, nachdem sieben Menschen von Rechtsextremisten ermordet wurden, gründete er die Expo-Stiftung, mit dem speziellen Ziel, die rassistischen und totalitären Organisationen und Aktivitäten in Schweden zu erforschen und zu enthüllen. Vom gleichnamigen antifaschistischen Magazin wurde er Herausgeber. Er galt als einer der weltweit führenden Experten für Rechtsextremismus sowie Neonazismus und veröffentlichte eine Vielzahl von Büchern zum Thema Rechtsextremismus in Schweden.[3]

1968 wurde Larsson Zeuge einer Vergewaltigung an einem jungen Mädchen durch seine Freunde, ohne dass er eingreifen konnte. Geplagt von Schuldgefühlen widmete er sein Leben dem Kampf gegen gesellschaftliche Missstände in Schweden, insbesondere der Gewalt gegen Frauen. Aus diesem Grund erschien der erste Teil seiner Millennium-Trilogie (dt. Titel: Verblendung, Verdammnis, Vergebung) unter dem schwedischen Originaltitel „Män som hatar kvinnor“ („Männer, die Frauen hassen“, dt. Titel: Verblendung). Alle Missstände und Tabus, die er Zeit seines Lebens aufzudecken versuchte, finden Beachtung in der Millennium­Trilogie und werden bereits im ersten Teil „Verblendung“ explizit thematisiert (Gewalt gegen Frauen/Vergewaltigung, Rechtsextremismus und Korruption (s. Kapitel “Inhaltsübersicht“). Stieg Larsson starb 2004 an den Folgen eines Herzinfarktes in Folge seines unsteten und ungesunden Lebenswandels durch Kaffee, Nikotin und notorischem Schlafmangel.

Parallelen zur Hauptfigur sind augenscheinlich. Mikael Blomkvist (gespielt von Michael Nyquist) verkörpert als „alter Ego“ Larsson. Er steht stellvertretend für das Gute, deckt Missstände in der schwedischen Gesellschaft auf, setzt sich bei seiner Arbeit hohen Risikos aus und handelt dabei stets moralisch. Er vertieft sich in seine Recherchearbeiten und geht dabei mit akribischer Genauigkeit vor.[4]

INHALTSÜBERBLICK „VERBLENDUNG“

Im Sommer 1966 verschwindet Henrik Vanger’s Nichte Harriet spurlos von dem Familienbesitz der Industriellen-Familie Vanger in Hedeby, Schweden. Seit dem erhält Henrik Vanger jedes Jahr an seinem Geburtstag von einem anderen Ort auf der Welt eine getrocknete Blume in einem Bilderrahmen. Der inzwischen 82-jährige kommt über diesen Verlust nicht hinweg, da er von einem Mord an Harriet ausgeht. Weder ihre Leiche noch ihr Mörder wurden je gefunden.[5]

Mikael Blomkvist, bekannter Enthüllungsjournalist und Verleger des renommierten Magazins „Millennium“ in Stockholm, steht wegen Verleumdung des Großindustriellen Hans-Erik Wennerström vor Gericht. Bei seiner Enthüllungsrecherche sollte bewiesen werden, dass Wennerström in illegale Waffengeschäfte und Wirtschaftskorruption verwickelt ist. Da er falschen Informanten und gefälschten Beweisen aufgesessen war, wird er zu sechs Monaten Haft verurteilt. Zur gleichen Zeit lässt Dirch Frode, Anwalt und Vertrauter von Henrik Vanger, Mikael Blomkvist durch die Firma Milton-Security überprüfen. Henrik ist überzeugt davon, dass Mikael das Rätsel um seine verschwundene Nichte lösen kann. Lisbeth Salander, eine junge Frau und Angestellte bei Milton-Security ist eine der besten Computer-Hacker in Schweden und macht das Leben von Blomkvist vollkommen transparent für ihren Auftraggeber. Beauftragt von Henrik Vanger, zieht Blomkvist vor Antritt seiner Haftstrafe für Vor-Ort-Recherchen auf die Insel Hedeby.

Lisbeth Salander, eine kleine, zierliche, introvertierte und düster erscheinende junge Frau steht aufgrund ihrer gewaltbelasteten Kindheit unter Vormundschaft. Ihr neu zugeteilter Vormund, Nils Bjurman, nutzt seine Machtposition erpresserisch aus, nötigt sie und vergewaltigt sie auf sadistische Weise. Lisbeth rächt sich auf ähnliche Wiese und kommt durch Erpressung von ihm los.

Mikael Blomkvist beginnt seine Recherchen und stößt dabei mit Hilfe von Lisbeth auf eine Serie sadistischer und sexuell motivierter Frauenmorde in Schweden mit scheinbar religiösem Hintergrund. Aufgrund verschiedener Beweise fällt der Fokus bei den Ermittlungen der beiden auf die Großfamilie Vanger. Bei den Nachforschungen stoßen sie auf ein dunkles Familiengeheimnis: Henrik Vanger‘s Brüder standen während des NS-Regimes in enger Verbindung zu den Nazis und verherrlichen auch lange nach Untergang des Dritten Reichs diese Zeit. Harald Vanger wird zunächst aufgrund seiner Nazi-Vergangenheit verdächtigt, was sich später als falsch herausstellt. Während der Ermittlungen kommen sich beide näher, was jedoch rein sexueller Natur zu sein scheint.

Bei einem Einbruch in sein Haus wird Blomkvist beinahe von Harald Vanger getötet. Martin Vanger, Neffe von Henrik Vanger kommt ihm zu Hilfe. Vermeintlich in Vertrauen wiegend wird Mikael von Martin in ein als Verlies umgebauten Keller verschleppt, wo er erfährt, dass Martin Vanger das Vermächtnis seines Vaters fortgelührt und über die Jahre unzählige Frauen vergewaltigt, sadistisch gequält und anschließend umgebracht hat. Die Hintergründe dieser Taten waren rassistischer Natur, da alle Frauen entweder Jüdinnen waren oder anderen Minderheiten angehörten. Harriet ist jedoch keines der Opfer, da sie fliehen konnte und seitdem spurlos verschwunden ist. In letzter Minute kommt Lisbeth Mikael zu Hilfe und rettet ihn vor dem Erstickungstod. Martin kann entkommen und wird von Lisbeth verfolgt. Er verliert die Kontrolle über seinen Wagen und verunglückt. Lisbeth hat die Möglichkeit ihn zu retten, lässt ihn aber in seinem Auto verbrennen.

Lisbeth findet heraus, dass Harriet unter falschen Namen nach Australien geflohen ist. Mikael holt sie nach Schweden, um sich mit Henrik Vanger auszusprechen. Lisbeth findet weiterhin heraus, dass Hans-Erik Wennerström, wegen dem Blomkvist verurteilt wurde und zwischenzeitlich seine Haftstrafe verbüßt, in Waffenhandels- und andere korrupte Geschäfte verwickelt ist und lässt ihm im Gefängnis das gesamte Material zukommen. Hieraus entsteht eine umfassende Millennium-Enthüllungsgeschichte, die Mikael rehabilitiert und seinen Ruf wieder herstellt. Lisbeth zweigt von Wennerström‘s Konten einen Millionenbetrag ab und lässt sich unter einer falschen Identität auf den Cayman-Inseln nieder.

Theoretische Hintergründe

Das Drei-Akt-Modell zur Herstellung der Dramaturgie nach Syd Field

Strukturierung

Die Struktur ist die Grundlage eines jeden Drehbuchs. Sie hält alles zusammen und führt in eine Richtung zur Auflösung hin. Die Steuerung der Struktur erfolgt unaufdringlich und sollte im besten Fall so eng mit der Geschichte verbunden sein, dass sie nicht als solche gesehen werden kann.[6]

Paradigma

Beim Erstellen einer Struktur hilft das Paradigma[7]. Alle Drehbücher dramaturgischer (Spiel)- Flme basieren dabei auf einer Akt-Struktur und beziehen sich zumeist auf die Poetik [8] Aristoteles‘.[9] Als Dramaturgie wird „[...] eine lineare Verbindung von Vorfällen, Episoden, und Ereignissen, die zusammenhängen und zu einer dramatischen Auflösung führen “ bezeichnet6. Das Paradigma eines Drehbuchs teilt Field in drei Teile (Akte):

Exposition, Konfrontation, Auflösung[10]

Die Grundstruktur jeder Geschichte besteht aus Anfang, Mittelteil und Schluss. Das Drei-Akt­Modell von Syd Field ist dabei ein hilfreiches Werkzeug, um einen Spannungsbogen aufzubauen, mit dem Ziel, das Publikum an den Film zu fesseln.

Field unterteilt ein Standard-Drehbuch in drei Akte- Exposition, Konfrontation und Auflösung. Bei einem Standard-Drehbuch geht er von 120 Seiten aus, wobei eine Seite Drehbuch in etwa einer Minute Film entspricht.

Im ersten Akt, der Exposition (setup) wird die Geschichte etabliert, die Hauptpersonen werden vorgestellt und der Konflikt entsteht. Dies wird im ersten Viertel des Drehbuchs platziert (bei einem Standarddrehbuch auf den ersten 30 Seiten) und ist maßgebend, da der Kinobesucher bereits entscheidet, ob er den Film „mag“ oder nicht. Am Ende des ersten Aktes gibt es einen Plot Point- einen Vorfall oder ein Ereignis, dass in die Geschichte eingreift und sie lenkt.

Der zweite Akt, die Konfrontation, macht den Hauptteil der Geschichte aus. Er ist zwischen der 30. und 90. Minute platziert. Die Grundbedürfnisse der Hauptfigur werden definiert, es wird herausgestellt, was sie im Laufe des Films erreichen will, beziehungsweise was ihr Ziel ist. Erst dann können Hindernisse erfunden werden, die von der Hauptfigur überwunden werden müssen- ein Konflikt entsteht. In einer guten Geschichte gibt es viele Konflikte, der Protagonist hat jedoch zumeist nur einen Hauptkonflikt, in den er gerät. Dieser bildet das Rückgrat der Geschichte und kann primär physischer oder psychischer Natur sein.

Die Auflösung im dritten Akt erfolgt in der Regel zumeist zwischen der 90. und 120. Seite bzw. Minute. Die Geschichte bzw. der Konflikt werden durch einen starken Schluss aufgelöst, wodurch die Geschichte begreiflich und vollständig gemacht wird.[11]

Die Charakterisierung der (Haupt)-figuren - der Kern jeder Geschichte Die Geschichte eines Films wird in der Fiktion mithilfe von Personen[12] bzw. Figuren[13] entwickelt. Figuren sind dabei als Geschöpfe eines Autors bzw. Regisseurs zu verstehen. Weitere verwandte Begriffe mit jedoch abweichenden Bedeutungen sind Charaktere (individualisierbare Gestalt) oder Typus (Vertreter einer größeren Gruppierung).[14]

Figuren entstehen „[...Jdurch Textelemente erzeugte Vorstellungen []“, die der Autor durch bestimmte Textteile (Dialoge, Handlungen) im Drehbuch vorformuliert14 bzw. in Romanen auf narrativer Ebene literarisch erschafft. Im Film werden diese Rollen durch reale Menschen (Darsteller/Schauspieler) umgesetzt und erzeugen durch ihre Präsenz beim Zuschauer eine bestimmte Vorstellung von Grundeigenschaften und Verhaltensweisen. Diese werden im Verlauf des Films durch weitere Handlungen konkretisiert (bestätigt oder negiert).

Die Charakterisierung von Figuren ist somit ein grundlegendes und unentbehrliches Element eines Drehbuches und kann entscheidend zum Erfolg eines Films beitragen. Sie ist der Kern jeder Geschichte, denn durch sie wird die Rolle der Figur erkennbar. Es ist wichtig, bereits vor dem Schreiben die Geschichte der Figuren zu kennen.[15] Man unterscheidet zwischen Haupt- und Nebenfiguren, wobei dem Protagonisten eine zentrale Bedeutung zukommt. Er ist dabei in der Regel „[] das Wahrnehmungszentrum im Film, die Schlüsselfigur, die Klammer, die alles zusammenhält. “ Dabei kann die Hauptfigur die Rolle des Helden (Bsp. James Bond), des Antihelden oder die Rolle als „alter Ego“ des Zuschauers einnehmen.[16] Field (1994) zerlegt bei der Erstellung der Wesensmerkmale der Hauptfigur die Komponenten deren Leben in zwei Grundkategorien- das innere und das äußere Leben.

Das innere Leben dauert von der Geburt bis zum Filmanfang. Bereits im Vorfeld der im Film erzählten Geschichte hat die Figur ein Leben. Es wird dabei z.B. festgelegt, wie alt die Figur am Anfang der Geschichte ist, wo und in welchem sozialen Umfeld sie geboren ist oder wie ihre grundlegenden Wesensmerkmale sind (z.B. introvertiert/extrovertiert). Die Biografie (das innere Leben) der Figur ist unentbehrlich für jede Geschichte. Wenn bereits vorher bestimmte Eigenschaften oder Hintergründe aufgezeigt werden, sind für den Zuschauer bestimmte Wesenszüge oder Handlungen innerhalb der Geschichte besser nachvollziehbar. Die Biografie bildet den Grundstein für das äußere Leben der Figur, welches vom Filmanfang bis zum Filmende dauert. Hierbei wird der soziale Kontext der Hauptfiguren gezeigt (z.B. Beziehungs- und Sozialstatus, Einstellung zum Leben). Dies geschieht, indem man sie zu anderen Sachen oder Personen in eine Beziehung setzt. Innerhalb der Geschichte agieren dramatische Figuren auf drei Arten: sie geraten in Konfliktsituationen, sie interagieren mit anderen Figuren bzw. sie interagieren mit sich selbst. Dabei spielen die Lebensumstände (Privatleben, Berufsleben, Beziehungen) eine wichtige Rolle. Diese drei Grundkomponenten machen die Persönlichkeit der Hauptfigur(en), deren Standpunkt und Einstellung im Verlauf der Geschichte aus[17] und prägen deren Charakter.[18] [19]

Dem ersten Auftritt des/der Protagonisten und der Art seiner Charakterisierung gilt zumeist besonderes Interesse, ,,[...]um die notwendige Glaubwürdigkeit und zugleich Attraktivität zu erzeugen.

Die Dramaturgie des Protagonisten am Beispiel der Lisbeth Salander Die Rolle der Lisbeth Salander ist für den Zuschauer nicht von Anfang an als Hauptrolle auszumachen, da sie bis zum Ende des ersten Teils (Sequenz 11) fast ausschließlich im Hintergrund agiert und nicht nach vorn tritt.

Die äußeren Umstände und die innere Gefühlswelt werden durch ihr Erscheinen widergespiegelt und zeigen sich deutlich im Kleidungsstil und ihren Verhaltensmerkmalen. Die düstere und bedrohliche Erscheinung (vorrangig schwarze Kleidung, nietenbesetzter Schmuck, Springerstiefel, Piercings, Tattoos, dunkles Make­Up, schwarze Haare) vermitteln dem Zuschauer den Eindruck, dass es sich keinesfalls um eine tragende Hauptfigur handelt, sondern Lisbeth Salander eher die Rolle eines Gegenspielers einnimmt. Der Autor beziehungsweise der Regisseur spielt dabei bewusst mit den gesellschaftlichen Klischeevorstellungen, denn die späteren Handlungsschritte weisen den Zuschauer in eine ihm paradox erscheinende Richtung, mit der er am Anfang des Films nicht rechnete.

Der Charakter der Lisbeth Salander wird vom ersten Auftritt (1. Teil, Sequenz 1.1) bis zu Sequenz 4.1 nicht vollständig gezeigt. Ihr Gesicht ist stets nur zur Hälfte zu sehen, da es zum Beispiel durch eine Haarsträhne (Sequenz 1.2) oder ein Laptop (Sequenz 2.1) verdeckt ist. In den ersten Szenen wird sie nur im Profil oder von hinten gezeigt. Die primären Kleidungsmerkmale werden vom Autor beziehungsweise dem Regisseur bewusst in den Vordergrund gestellt, um dem Zuschauer einen bedrohlichen und scheinbar asozialen, gesellschaftsuntypischen Charakter zu zeigen, der aufgrund der gesellschaftlichen Wertvorstellung zunächst auf Ablehnung stößt und alles andere als heldenhaft oder „protagonistisch“ zu sein scheint.

Ein weiterer Grund für die erste Annahme, dass sie keine Rolle einer Hauptfigur einnimmt, ist ihre Situation/ihr Leben, in das sie eingebunden ist und welches nicht unmittelbar mit den Geschehnissen um Blomkvist und dessen Auftrag zu verbinden ist. Mit dem ersten Aufeinandertreffen der Beiden am Ende des ersten Teils vermischen sich beide Leben und Lisbeth wird als zweite Protagonistin in den Film vollständig integriert, da sie hierarchisch auf der gleichen Ebene eingebunden ist wie Blomkvist (Blomkvist = hervorragender Journalist, Salander = Schwedens beste Hackerin). Nach und nach verdichtet sich das Beziehungsgefüge und die Verbindungen zwischen beiden Leben bzw. Situationen werden sichtbar.

Wie bereits im Kapitel „Charakterisierung der Hauptfiguren“ beschrieben unterscheidet Field den Charakter eines Protagonisten in zwei Grundkategorien, das innere und das äußere Leben.

Der Blick auf das innere Leben von Lisbeth Salander bleibt dem Zuschauer anfänglich vollkommen verborgen, denn sie wird zunächst nur durch ihr äußeres Erscheinungsbild als die Person wahrgenommen, die sie gegenwärtig verkörpert. Weder über ihren Familienhintergrund wie Kindheit oder Jugendalter noch über ihre sozialen Hintergründe ist etwas zu erfahren. Von daher sind die Wesenszüge und die Handlungsmotive von Lisbeth zunächst schwer bzw. nicht nachvollziehbar. Die Szene, in der Lisbeth erstmals im Büro ihres neuen Vormunds ist (Sequenz 5.3), gibt ein erstes Detail preis. Durch ihren hageren, sehr schlanken und kindlichen Körperbau ist das Alter von Lisbeth schwer auszumachen. In der besagten Szene sagt sie, dass sie 24 Jahre alt ist. Den Grund für die Vormundschaft, unter der Lisbeth steht, wird dem Zuschauer jedoch nicht direkt erklärt. Einen ersten Hinweis darauf bekommt er im zweiten Teil (Sequenz 13, siehe Protokoll), da mit einer Rückblende in ihre Kindheit gezeigt wird, wie sie ein Auto anzündet. Der Zuschauer hat den Eindruck, dass es sich um ein gestörtes und asoziales Kind handelt, das grundlos böse zu sein scheint. In der Szene, in der Martin Vanger in seinem Wagen verbrennt, wird die Erweiterung dieser Rückblende gezeigt und man sieht, dass Lisbeth einen Mann im Auto anzündet. Das letzte Teil des „Puzzles“ fügt sich zu einem Ganzen zusammen, als Lisbeth ihre Mutter in der Psychiatrie besucht (nähere Erläuterungen siehe unten). Ganz am Ende wird gezeigt, worauf sich Lisbeths Hass gegen Männer begründet und warum sie ein so verschlossenes und zurückgezogenes Leben führt, mit Angst vor Nähe, Zuneigung und Vertrauen zu anderen Menschen. Diese wenigen Details bilden den Grundstein für das äußere Leben des Charakters von Lisbeth. In ihrem gegenwärtigen Leben wird gezeigt, dass sie lediglich zu zwei Personen Kontakt hat, ihrem Hacker-Bekannten „Plague“ (zudem sie jedoch keine Freundschaft pflegt) und ihrer Freundin, die als einziges einen Zugang zu ihr zu haben scheint. Die (offensichtlich sexuelle) Beziehung zu ihr macht deutlich, dass sie die Erfüllung ihrer Bedürfnisse und die Suche nach Vertrauen nur bei Frauen zu finden scheint. Mit der Bekanntschaft zu Mikael ändert sich ihre Einstellung. Der soziale Kontext, in den sie gesetzt wird (soziale Isolation, Erfahrung häuslicher und öffentlicher Gewalt), macht deutlich und bewusst, warum sie ein Leben abseits der Gesellschaft führt und jeglichen weiteren sozialen Kontakt meidet. Die Einstellungen und das Verhalten gegenüber dem „öffentlichen“ Leben beeinflussen entscheidend ihren Alltag. Durch ihre düstere und gleichzeitig zierlich körperliche Erscheinung und ihre Wirkung nach außen gerät sie oft in Konfliktsituationen (z.B. Gewaltübergriff auf dem Bahnhof, 1. Teil, Sequenz 6.2) und macht sich für andere scheinbar angreifbar und verwundbar. Ihr Status, der ihr von der Gesellschaft aufgezwungen wird, veranlasst Andere dazu, sich über sie zu stellen und ihre Stellung auszunutzen (z.B. sexueller Übergriff Bjurmanns, 1. Teil, Sequenz 9.5). auf der anderen Seite ist anzunehmen, dass sie sich aufgrund ihrer Vergangenheit bestimmte Eigenschaften und Äußerlichkeiten bewusst angeeignet hat, um anderen gegenüber abschreckend und furchterregend zu wirken, damit man sie in Ruhe lässt. Die Tattoos auf ihrem Körper symbolisieren dabei wichtige Meilensteine in ihrem Leben und helfen ihr scheinbar dabei, mit diesen Situationen umgehen zu können. (z.B. Stacheldrahttattoo nach der Vergewaltigung, 1. Teil, Sequenz 10.1, weitere Tattoos z.B. Wespe auf dem Hals, Drache über dem ganzen Rücken etc.).

Ihr Arbeitsplatz bei Milton-Security ist die einzige Verbindung zum öffentlichen Leben und bietet ihr die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Sie nimmt durch ihre Undercover- Recherchen unbemerkt am Leben Anderer teil und macht sich diese zu Nutze, um ihr Wissen zu erweitern. Von daher verfügt sie über ein hohes Maß an Allgemeinbildung und technischem Know-How (z.B. Beweismaterial zur Wennerström-Affäre, 2. Teil, Sequenz 20, Ausstattung der Hütte mit Überwachungskameras, 2. Teil, Sequenz 14.5), was ihr bei ihrem Arbeitgeber Respekt und Anerkennung verschafft. Als sie auf Bitten von Dirch Frode hin zu einem Kundentermin erscheint, hat sie ihr Äußeres betont hervorgehoben (Sequenz 3, extremes Make-Up, schwarze Kleidung, Stachel- und wenn überhaupt sehr kalt, emotionslos und nur auf sachlicher/geschäftlicher Ebene. Durch den Schutzmantel, den sie sich durch ihr Äußeres und ihr Verhalten aufgebaut hat, lässt sie keinerlei Einblicke in ihre Persönlichkeit zu. Lisbeths Fähigkeit, sämtliche Computer der Welt zu hacken um sich jegliche Informationen zu beschaffen, zeigen, dass sie technisch versiert, schlau und engagiert ist. Ihre Arbeit erledigt sie präzise, schnell und sehr genau (z.B. Sequenz 3). Da diese Arbeit keine Sozialkompetenz erfordert und niemand auf ihr Äußeres und ihr introvertiertes Verhalten achtet, scheint dies der ideale Job zu sein, in dem sie förmlich aufblüht.

Im Laufe des Films ist eine deutliche Wandlung bei Lisbeth zu erkennen, sowohl in den Äußerlichkeiten als auch von ihrer inneren Haltung. Um dies am Modell von Field fest zu machen, wird die Rolle Lisbeths in Einleitung, Hauptteil und Schluss aufgeschlüsselt (Exposition, Konfrontation, Auflösung).

Entgegen des Drei-Akt-Modells von Field, nach dem im ersten Akt die Geschichte etabliert wird und die Hauptfiguren und deren Hintergründe gezeigt werden, bleiben die Hintergründe von Salander ungeklärt und der Zuschauer erfährt nichts außerhalb des Gesehenen auf der Leinwand. Lisbeth Salander wird dem Zuschauer nicht als typische junge Frau gezeigt sondern wirkt mit ihrer kleinen, drahtigen, anorektischen Gestalt eher burschikos, was den Eindruck durch die kurzen schwarzen Haare zusätzlich verstärkt. Ihre Kleidung weist keine weiblichen Eigenschaften auf, ihr Körperschmuck (Piercing, Tattoos) wirken brutal und wenig schmeichelhaft. Vom Verhalten her erscheint sie emotionslos, kalt und ohne jegliche warme menschliche Eigenschaften, die einen sozial kompetenten Menschen normalerweise ausmachen. Bis zur Sequenz, in der Lisbeth im Büro von Bjurmann sitzt, zeigt sie keinerlei Gefühlsregungen, wirkt sehr entschlossen und gefühlskalt allen Dingen gegenüber und scheint keinerlei Freude am Leben zu haben oder Freunde in ihrem sozialen Umfeld. Die Einrichtung in ihrer Wohnung ist sehr spartanisch, lieblos und unaufgeräumt. Sie wirkt wenig einladend und lässt auf Ähnlichkeiten zu Lisbeths Charakter schließen. In der Szene im Büro des neuen Vormunds Bjurman (Sequenz 5.3) erfährt der Zuschauer erstmals etwas Persönliches über Salander, ihr Alter (24 Jahre). In Ansätzen wird durch die Andeutungen von Bjurmann gezeigt, dass ihre momentane Situation auf Geschehnisse in der Vergangenheit zurück zu führen ist, ohne jedoch gezielte Informationen über die Hintergründe preis zu geben. Weitere Details aus dem Leben, das Lisbeths Charakter geformt hat, wie sie gegenwärtig auftritt, werden nicht bekannt. Die sexuelle Nötigung durch Nils Bjurmann in Sequenz 7.8 kündigt die erste Konfliktsituation an und steuert auf den ersten Plot Point zu. Lisbeth ist ihrem Vormund ausgeliefert, da dieser sie erpresst und alle „Fäden in der Hand“ zu haben scheint und sie körperlich unterlegen ist. Nachdem sie von ihm geschlagen wurde, lässt sie den Missbrauch über sich ergehen, zeigt dabei keinerlei Gefühlsregungen oder Abwehrreaktionen, da sie weiß, dass sich die Situation verschärfen würde. Danach wäscht sie sich den Mund mit Seife aus, was ein Zeichen dafür ist, dass sie sich benutzt und dreckig fühlt. Ihr Blick wirkt nun stark und entschlossen und es scheint, als ob in ihr Rachegefühle aufsteigen und es eine solche Situation nicht wieder geben wird. Mit der Vorahnung, dass etwa sehr unangenehmes auf sie zukommen wird, sie jedoch finanziell keine Wahl hat, ruft sie ein paar Tage später Bjurmann erneut an (Sequenz 9.5) und stimmt dem Treffen zu. Ihr Verhalten ist an jenem Abend sehr nervös und ängstlich. Sie beobachtet ihre Umgebung sehr genau und spürt die bevorstehende Gefahr. Ihre Intelligenz wird dadurch deutlich, dass sie eine Kamera versteckt platziert um später Beweise gegen Bjurmann in der Hand zu haben. Den ersten Plot Point stellt die sadistische Vergewaltigung Lisbeths dar (Sequenz 9.5, ca. 1:06:00). Sie ist vollkommen ausgeliefert und unfähig, sich zu wehren. Sie hat keinerlei Kontrolle über ihre Situation und ihr beherrschtes und selbstbestimmtes Leben entgleitet ihr unter unsagbaren Schmerzen. Nachdem sie Stunden später freigelassen wird, schafft sie es aus eigener Kraft nach Hause. Sie scheint körperlich gebrochen zu sein (Sequenz 9.7), psychisch ist sie jedoch gefasst und raucht zur Beruhigung eine Zigarette während sie sich das Video noch einmal anschaut. Ihr ausdrucksstarker Blick verdeutlicht, dass sie sich rächen wird. Als Zeichen für die Schmerzen und gleichzeitig als Symbol, dieses Ereignis überlebt zu haben, lässt sie sich ein Stacheldrahttattoo auf das linke Handgelenk tätowieren, wo sie am Abend zuvor gefesselt worden ist. Von diesem Punkt an verändert sich Lisbeths Verhalten dahingehend, dass ihr Blick entschlossener wird, sie gewillt ist gegen ihren Peiniger vorzugehen und sich zu rächen, um nicht noch einmal Opfer eines solchen Übergriffs zu werden. Ihr Überlebenswille schärft ihre Gedanken und sie entwickelt einen gut durchdachten Racheplan, um Bjurmann dauerhaft „außer Gefecht“ zu setzen. (Sequenz 10.3).

Nach diesem Ereignis beginnt sich Lisbeth in die Recherchearbeit von Mikael stärker einzumischen, indem sie ihm durch die Verbindung der Bibelzitate mit den Namen den entscheidenden Hinweis liefert. Da sie sonst ein Einzelgänger ist, stellt der Kontakt zu Mikael via E-Mail einen Wendepunkt dar, da sie ihre Fähigkeiten öffentlich und sich dadurch angreifbar macht. Dieser Schritt fällt ihr schwer, da sie lange zögert, die Mail abzusenden und sich kurz danach darüber Gedanken macht, ob sie das Richtige getan hat. Mit Sequenz 11 endet der erste Teil von „Verblendung“ nach 01:30:08, fast exakt die Hälfte des kompletten Films. Gleichzeitig wird mit dem Aufeinandertreffen von Lisbeth und Mikael eine völlig neue Wendung genommen, da beide Geschichten zusammen kommen und Lisbeths isoliertes Leben ein Ende zu nehmen scheint. Sie muss von nun an mit einem anderen Menschen zusammen arbeiten und sich ihm anpassen, was bis dahin für sie nicht in Frage gekommen ist.

Der zweite Teil beschäftigt sich hauptsächlich mit der Aufklärung der Morde und ist für mich nach Fields Modell bis Sequenz 15.4 als Hauptteil zu verstehen. Im Vordergrund steht die Zusammenarbeit zwischen Lisbeth und Mikael auf geschäftlicher und zwischenmenschlicher Ebene. Nach wie vor lässt Lisbeths kaltes und unwirsches Verhalten darauf schließen, dass sie keinerlei Kontakt bzw. platonische Nähe von Mikael zulassen will. Mit der Reise nach Hedeby verändert sich das Äußere von Lisbeth grundlegend. In Stockholm ging sie stets dunkel geschminkt mit provokanter Kleidung in die Öffentlichkeit. Nun ist sie dezent geschminkt und tritt zum ersten Mal nicht in schwarz auf, sondern in einer hellblauen Motorradjacke (Sequenz 12). Kaum ist sie angekommen, setzt sie ihre akribische Arbeit mit höchster Konzentration fort und gibt Mikael keine Gelegenheit, sie zu begrüßen oder kennenzulernen. Umso mehr verwundert es, dass sie Bibelstellen fehlerfrei zitieren kann. Wenn sie jedoch darauf angesprochen

[...]


[1] Schröder, Jens (2011). "Verblendung" trotzt dem Dschungelcamp" [Online]

[2] Koivisto, Knut (2011). Das Phänomen Stieg Larsson, Über den Autor und die Millennium-Trilogie [Online]

[3] ZDF-Mediathek: Die Stieg Larsson Story (2011)

[4] ZDF-Mediathek: Stieg Larsson, Fiktion und Realität (2011)

[5] Übersicht über die Figurenkonstellation als Abbildung 1 im Anhang angefügt

[6] Field (1994), S. 11

[7] Ein Paradigma (Grundmuster) ist ein Modell eines Drehbuchs. Es folgt einer grundlegenden, geradlinigen Struktur. Field, S. (1994), S. 11

[8] Die Poetik - die schaffende, dichtende [Kunst]) ist ein wohl um 335 v. Chr. als Vorlesungsgrundlage verfasstes Buch des Aristoteles, das sich mit der Dichtkunst und deren Gattungen beschäftigt. (Wikipedia: Poetik (Aristoteles))

[9] Krützen, Michaela (2006): Dramaturgie des Films. Wie Hollywood erzählt. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 104.

[10] grafische Darstellung zur Verdeutlichung siehe Abbildung 2 im Anhang

[11] Field (1994), S. 11 ff.

[12] lat. Persona: Maske des Schauspielers

[13] lat. Figura: Gestalt

[14] Hickethier (2007), S. 121 f.

[15] Field (1994), S. 21

[16] Faulstich (2008), S. 97

[17] Field (1994), S. 22 f.

[18] zur besseren Übersicht stellt Field (1994) das äußere und das innere Leben einer Figur in einem Schaubild dar (siehe Anhang)

[19] Faulstich (2008), S. 99

Details

Seiten
39
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640903986
ISBN (Buch)
9783640904259
Dateigröße
3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171154
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
filmanalyse verblendung roman stieg larsson entwicklung dramaturgie hauptfigur lisbeth salander

Autor

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