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Johann Valentin Andreas "Christianopolis" - Traumspiel oder reale Zielvorgabe?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Christianopolis: Inhalt und quellenkritische Anmerkungen

3. Eine „echte“ Utopie? Definition und Vergleich mit anderen Werken

4. Johann Valentin Andreae und seine Zeit
4.1 Zu seinem Leben
4.2 Zielsetzungen

5. Die Christianopolis als utopischer Staatsentwurf?

6. Exkurs: Freudenstadt als Planungsvorbild?

7. Schlussteil: Wollte Andreae eine Realisierung?

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Zeitalter von Reformation und Gegenreformation fanden gesellschaftliche Umwälzungen statt, die sich vor allem auch in den Schriften der Gelehrten niederschlugen. Eine Säkularisierung des politischen Denkens brachte auch die schrittweise Loslösung vom religiösen Fundament mit sich und bald fanden neue Gedankenansätze ihre Ausdrucksform. Thomas Morus’ Staatsroman Utopia, der l5l6 erschienen war, kritisierte nicht nur die Zustände der Zeit, sondern schuf zudem eine neue Gattung innerhalb der Literatur, in der fiktive Bilder eines zukünftigen, besseren Gemeinwesens entworfen werden. Dies stand auch im engen Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Krisenerscheinungen der Zeit. Zudem ist das l6. Jahrhundert durch eine differenziertere Entfaltung des geistigen Bereichs gekennzeichnet. Neben den Einflüssen von Humanismus und Reformation entstanden neue Forschungsbereiche in der Physik, Chemie und Medizin, u. a. vorangetrieben durch Paracelsus. Der Religionsstreit, der auch innerhalb der einzelnen Konfessionen vorherrschte, verwickelte sich in Auseinandersetzungen um die Frage nach dem richtigen Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Aus diesem Gefüge heraus ging die Christianopolis – die einzige deutsche und zugleich lutherische Utopieschrift – von Johann Valentin Andreae1 hervor. Der von einem Mann der Kirche verfasste Text steht im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Schriften, die alle eine generelle Umwälzung der Verhältnisse zugunsten eines besseren Zusammenlebens thematisieren. Neben Morus’ Utopia ist vor allem Thommaso Campanellas Sonnenstaat zu erwähnen, von dem Andreae Kenntnis gehabt haben musste.2 Gedanken, die erst Anfang des l8. Jahrhunderts von Rousseau geäußert wurden, lassen sich bereits bei den Utopieverfassern des l6. und l7. Jahrhunderts im Ansatz festmachen: Anstelle der einfachen Moral des Volkes ist Zügellosigkeit getreten, das Naturrecht ist abgeschafft worden. Die größte Ungleichheit beruht auf dem Eigentum, das die Gesellschaft in Arm und Reich teilt. Auch Andreae muss man in die Riege dieser Vordenker einer neuen Epoche einreihen. Bei allem utopischen Gedankengut lässt sich allerdings kaum einmal der Versuch einer Realisierung festmachen. Wir wissen von dem Täuferreich zu Münster, einem in den 30er Jahren des l6. Jahrhunderts durchgeführten Versuch der Schaffung eines neuen Gemeinwesens, der blutig scheiterte. Hier gab es ein typisches Element, dass alle Utopien gemein haben: die Gütergemeinschaft. Dennoch lässt sich darüber streiten, inwiefern die Vorgänge in Münster im Zusammenhang mit einer „echten“ Utopie standen. Hier jedoch steht ein anderes Gedankenkonstrukt im Mittelpunkt. In dieser Untersuchung gilt es, zu hinterfragen, inwieweit die Christianopolis eine ausgewachsene Staatsutopie ist, in der sich Ansätze zu einem Realisierungsvorhaben aufzeigen lassen. Wir untersuchen daher also auch, worin Johann Valentin Andreaes Vermittlungsanliegen bestand. Dabei muss gefragt werden, ob sich die Christianopolis überhaupt in die Gattung der Utopieschriften einordnen lässt, inwiefern sie als Staatsentwurf zu verstehen ist und unter welchen Einflüssen der Autor seinen Text verfasst hat. Die Forschungsmeinungen divergieren in diesen Fragen, wie in den folgenden Teilen deutlich werden wird, und so soll unter Einbeziehung dieser oft gegensätzlichen Haltungen zu einem selbstständigen Ergebnis gefunden werden, das dem Werk Andreaes gerecht wird.

2. Die Christianopolis: Inhalt und quellenkritische Anmerkungen

Ein kurzer Blick auf die wichtigsten inhaltlichen Punkte soll an dieser Stelle eine Arbeitsgrundlage schaffen. Der Text ist mit einer Rahmenhandlung versehen, die den Leser durch das utopische Christianopolis führen soll. Ein Reisender auf dem Mare Academicum erleidet Schiffbruch und wird allein an eine Insel gespült, auf der er auf eine vollkommen harmonische, ganz der Hinwendung zu Gott verpflichtete Gemeinschaft trifft, die eine nach Idealmaßen konstruierte Stadt bewohnt. Das Werk ist in hundert einzelne Kapitel unterteilt, deren Überschrift nicht immer genau den Inhalt widerspiegelt. Der Reisende arbeitet sich innerhalb dieser Kapitel durch alle Bereiche der Christianopolis, beschreibt die Ausmaße der Stadt, ein Wirtschaftsgefüge, das ohne Geldmittel auskommt, eine vollkommen durchgeplante und gelenkte Familienpolitik und vor allem – hier liegt ein klarer Schwerpunkt – das aufwändige Bildungswesen. Der Autor nutzt vor allem das Mittel der Allegorie, indem er jedem positiven Aspekt der Christianopolis einen Misstand in der Realität gegenüberstellt. Sicherlich war Andreae in Vielem ganz ein Kind seiner Zeit und ließ restriktive Elemente des Protestantismus auch in seiner Utopieschrift aufgehen – gerade was das Frauenbild oder z.B. seine Verachtung des Müßiggangs betrifft.

Andererseits finden wir aber auch hier gewisse Ansätze, die erstaunlich zukunftsweisend anmuten. Jungen und Mädchen werden zunächst gleichermaßen ausgebildet, und hier postuliert Andreae über den Umweg seiner fiktiven Figur:

„Ich kann mir nicht vorstellen, warum das weibliche, an sich nicht ungelehrigere Geschlecht […] anderen Orts von der Gelehrsamkeit ausgeschlossen wird“

Dennoch kommt der Frau in der Christianopolis danach nur eine untergeordnete Rolle zu. Aber auch im Hinblick auf die menschliche Arbeitspflicht lässt der Text an manchen Stellen aufhorchen; Plackerei und zu Tode schindende Arbeiten gibt es in der Christianopolis nicht:

„Während wir sonst mit anhaltender Arbeit unsere Kräfte zermalmen, so wird hier der Leib durch das Gleichgewicht der Arbeit und der Kräfte in seinem Vermögen erhalten und bestätigt.“

Wirklich wegweisend ist allerdings der große Abschnitt über die Bildung in der Christianopolis, und das nicht allein aufgrund des gewagten Zusammenbringens von freiheitlicher Wissenschaft und orthodoxem Luthertum, sondern vor allem hinsichtlich des pädagogischen Elements. In der Christianopolis sollen die Schüler unter hervorragenden äußeren Bedingungen behutsam und auf Grundlage des Verstehens, nicht des Auswendiglernens, unterrichtet werden und auf diese Weise zum Ideal des christlichen Bürgers finden.

Nach den Auditorien der Lehranstalt, durch die der Reisende geführt wurde, erblickt er den Tempel im Zentrum der Stadt und wird von den Einwohnern in religiöse Bräuche und Traditionen eingeführt. Danach kehrt er zurück in seine Heimat, um den Menschen dort Bericht zu erstatten und sie zu ermuntern, selbst zur Christianopolis zu gehen.

Bemerkenswert innerhalb der Schilderungen zur christianopolitanischen Gesellschaft ist auch das gänzliche Fehlen eines Geblütsadels. In der Gemeinschaft steigen nur diejenigen auf, die sich am tugendhaftesten Verhalten, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft.

3. Eine „echte“ Utopie? Definition und Vergleich mit anderen Werken

Nach der Definition von Otto ist eine Utopie ein fiktionaler, ohne Anspruch auf Verwirklichung rational konstruierter Entwurf eines idealen, harmonischen Gemeinwesens, das als kritisches Gegenbild zur Gegenwart konzipiert und in ferne Zeiten oder Räume verlegt ist.3 Dieser Ansatz bietet für unsere Untersuchungen eine nützliche Grundlage, kann jedoch keinesfalls als absolut oder vollständig gelten – gerade auch vor dem Hintergrund einer sehr ausdifferenzierten Diskussion innerhalb der Utopieforschung. Im Folgenden werden wir dennoch diese Punkte mit der Christianopolis in Beziehung setzen, um den Erörterungen eine formale Eingrenzung voranzustellen. Sehr schnell können wir feststellen, dass der Aspekt der Fiktionalität zutrifft; Andreae hat seine Schrift bewusst im Reich der Fantasie verortet und nutzt eine erdachte Rahmenhandlung, um seine Inhalte darzustellen. Wir erkennen ohne weiteres die Konstruktion eines idealen Gemeinwesens, das zudem als kritisches Gegenbild zu den damaligen Zuständen verstanden werden muss; Andreae stellt im Text jeder positiven Errungenschaft der Christianopolis ein negatives Bild aus der Realität gegenüber. Die Verlagerung in einen fernen Raum ist zweifelsohne ebenfalls gegeben. Bewusst wurde bei diesem kurzen Abgleich mit den formalen Kriterien der Punkt des Verwirklichungsanspruchs übergangen. Zum einen erklärt es sich aus der Fragestellung dieser Arbeit heraus, dass diesem Aspekt viel mehr Raum gewidmet werden muss, andererseits stellt sich allerdings auch die Frage, inwieweit das Fehlen eines Verwirklichungsanspruchs zwingendes Kriterium für die Gattung der Utopie sein muss. Hier bietet sich ein rascher Blick auf das bereits erwähnte Täuferreich zu Münster an, dessen Konzeption und theoretischer Anspruch durchaus den Kriterien einer Utopie genügen könnte. Es gilt daher, grundsätzlich zu überlegen, aus welcher Zielsetzung heraus eine Utopie verfasst werden kann, und wann sie aufgrund zu großer Realitätsnähe keine „echte“ Utopie mehr ist. Es ist klar, dass wir uns bei derartigen Überlegungen auf einer Gradwanderung befinden. Für die weitere Untersuchung jedenfalls wird der Aspekt der Verwirklichung in Ottos Definition ausgeklammert.

Neben der rein formalen Einordnung der Christianopolis anhand von Kernbegriffen soll auch der zum Teil uneinheitliche Forschungsstand Berücksichtigung finden.

Seewald spricht davon, dass es sich bei der Christianopolis um eine Utopie handelt, da sie das Ziel aller Utopien verfolge, nämlich das Idealmodell einer Gemeinschaft zu konstruieren und dadurch gleichzeitig bestehende Verhältnisse zu kritisieren.4 Diese noch recht weit gefasste Aussage reicht sicherlich noch nicht aus, um eine endgültige Bestimmung aufzustellen, weist allerdings in eine bestimmte Richtung. Auch Saage ordnet die Christianopolis als Utopie in die Tradition von Morus Utopia und Campanellas Sonnenstaat ein.5 Bernet bezeichnet die Christianopolis als „wichtigste deutsche Utopieschrift“ und spricht weiterhin von einer „Utopie, die eine ideale Stadtgründung reflektiert“ und auf das utopische Jerusalem Bezug nehme.6 Braungart bezeichnet die Christianopolis dagegen lediglich als Staatsroman, nicht als Utopie.7

Auch Edighoffer spricht dem Text einen Utopiestatus ab und hält dagegen die Bezeichnung Pantopie für adäquater.8 Dabei wird wiederum deutlich, dass es in erster Linie von den Maßstäben abhängt, anhand derer man eine Utopie als solche bezeichnen würde. Sinnvoll für uns scheint hier der Vergleich: Beziehen wir wenigstens die zwei großen anderen Schriften, Morus’ Utopia und Campanellas Sonnenstaat, mit ein, so kommen wir nicht umhin, die Christianopolis derselben Gattung zuzuordnen. Der Begriff literarische Utopie scheint in diesem Zusammenhang passend. Ein Ausschluss der Christianopolis aus dem Kanon der Utopieschriften der frühen Neuzeit ist demnach wenig zweckmäßig.

Die Bezüge zwischen Morus Utopia und der Christianopolis lassen sich schnell feststellen: Erstens werden beide Gesellschaftsentwürfe fernab der bekannten Welt auf einer Insel verortet. Dieses Merkmal ist nicht allein formaler Hinweis auf die literarische Gattung der Utopie, es versinnbildlicht zudem auch den griechischen Ursprung des von Morus geschaffenen Fantasiebegriffs: ou (nicht) und tópos (Ort), das „Nirgendwo“. Zum zweiten nimmt Andreae in seiner Vorrede Bezug auf Morus, indem er sein Werk ein Lustspiel nennt, „dergleichen man Thomas Morus nicht getadelt hat“. 9 Die geistige Nähe Andreaes zur Utopia oder zumindest deren literarischer Form muss somit angenommen werden. Die vieldiskutierte Anlehnung an Campanellas Sonnenstaat 10, der ebenfalls auf eine ferne Insel verlagert wurde, soll hier nur in Grundzügen Erwähnung finden. Entscheidend sind sicherlich strukturelle Ähnlichkeiten im Aufbau des Gemeinwesens und der Oberherrschaft durch ein Triumvirat, sowie eine grundsätzlich religiöse Ausrichtung des Staates. Dennoch bezeichnet Seewald den Sonnenstaat lediglich als Anstoß für Andreaes Schrift.11 Auch in anderen Arbeiten werden die Unterschiede stärker als die Gemeinsamkeiten herausgearbeitet12 Es ist nicht zu übersehen, dass Andreae sich im Hinblick auf die äußere Form seines Werkes in die von Morus begründete und Campanella fortgeführte literarische Tradition bewusst einreiht. Wir können somit die Christianopolis mittels der angestellten Vergleiche, die in der Fachliteratur weithin Rückhalt finden, ohne weiteres in die Gattung der literarischen Utopien einordnen. Inwieweit das Innerste der Christianopolis noch den anderen beiden Werken ähnelt, wird im Folgenden deutlich werden. Es soll vor allem das Eigene, selbstständige im Text gesucht werden, das uns schließlich zur Beantwortung der Fragestellung dienen muss.

4. Johann Valentin Andreae und seine Zeit

4.1 Zu seinem Leben

In diesem kurzen Abschnitt zu Andreaes Leben geht es in erster Linie um den Einfluss auf sein geistiges Anliegen, das schließlich auch aus der Christianopolis hervorgeht. In Verbindung mit der Betrachtung seiner Zielsetzungen unter 4.2 soll so ein schlüssiges Bild des Autors der Christianopolis gezeichnet werden, das uns das Vermittlungsanliegen der Utopieschrift verstehen helfen kann.

[...]


1 Vgl. van DÜLMEN, Richard (hg.): Joh. Valentin Andreae: Christianopolis 1619, Stuttgart l972, S. ll.

2 Vgl. Ebd., S. l3.

3 Dirk OTTO: Das Utopische Staatsmodell von Platons Politeia aus der Sicht von Orwells Nineteen Eighty-Four, Berlin l994.

4 Sixt Alexander SEEWALD: Das Verfassungsbild in der Christianopolis des Johann Valentin Andreae, Frankfurt a. M. l986, S. 56.

5 Richard SAAGE: Utopische Profile, Band I: Renaissance und Reformation, Münster 200l, S. l26.

6 Claus BERNET: „Gebaute Apokalypse“. Die Utopie des himmlischen Jerusalem in der frühen Neuzeit, Mainz 2007, S. l66.

7 Wolfgang BRAUNGART: Die Kunst der Utopie. Vom Späthumanismus zur frühen Aufklärung, Stuttgart l989, S. 28.

8 Zitiert nach Christoph NEEB : Christlicher Haß wider die Welt. Philosophie und Staatstheorie des Johann Valentin Andreae (1586-1654), Frankfurt a. M. l999, S. 5.

9 Joh. Valentin ANDREAE: Christianopolis 1619, hg. v. R. van Dülmen, Stuttgart l972, S. 35.

10 Näheres dazu u. a. bei BERNET: „Gebaute Apokalypse“ (wie Anm. 6), S. l75-l77 und van DÜLMEN, (hg.): Christianopolis 1619, (wie Anm. l), S. ll-l9.

11 SEEWALD : Das Verfassungsbild (wie Anm. 4) , S. 7l.

12 Vgl. v.a. BERNET: „Gebaute Apokalypse“ (wie Anm. 6), S. l76ff.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640901500
ISBN (Buch)
9783640901760
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171057
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Utopie Morus Campanella Reformation Rosenkreuzer Staatsutopie Täuferreich Frühe Neuzeit Fraternitas Christi Sonnenstaat Utopia Freudenstadt Civitas Solis praxis pietatis Sozietäten Mare Academicum Gesellschaftsentwurf Idealer Staat

Autor

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