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Freiarbeit nach Maria Montessori

Analyse und Untersuchung eines reformpädagogischen Konzeptes im Kontext schulischer Bedürfnisse und Anforderungen

Seminararbeit 2010 22 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Person Maria Montessori

3 Die Pädagogik nach Maria Montessori

4 Freiarbeit und freie Arbeit – Grundlagen der Montessori-Pädagogik
4.1 Die Grundprinzipien
4.2 Bedingungen für freies Arbeiten
4.3 Die Bedeutung der Montessori-Freiarbeit

5 Prinzipien der freien Arbeit

6 Probleme bei der freien Arbeit nach Montessori
6.1 Wahl der Arbeit
6.2 Wahl des Materials
6.3 Wahl des Raumes
6.4 Das Kind
6.5 Der Erzieher / Lehrer

7 Wie frei ist freie Arbeit

8 Fazit

9 Literatur

1 Einleitung

„Non scholae, sed vitae discimus“ – Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.1 So ist es zumindest der Wunsch aller Eltern, Lehrer und zuletzt auch des Bildungssystems.

Dass Wunsch und dessen Erfüllung jedoch manchmal weitgehend auseinander divergieren, lässt die Suche nach alternativen Handlungsmöglichkeiten erwachen und führte in der Menschheitsgeschichte schon oft zu mehr oder weniger bahnbrechenden Entdeckungen und Fortschritten. Solche Handlungsalternativen werden besonders häufig in Diskussionen zur richtigen Erziehung von Kindern und Jugendlichen gefordert – leider aber zu selten gefördert. Der Anspruch an unser Bildungswesen nimmt stetig zu, bedingt durch die hohen Anforderun- gen an Leistungs- und Bildungsstandards. So wächst auch der Druck auf die Schüler, die die Inhalte der Lehrpläne aufnehmen sollen und oft genau mit den einhergehenden Problemen konfrontiert sind. Im Laufe der Geschichte entwickelten sich aus verschiedenen Blickrichtun- gen Ansätze zur Kompensation oder vielmehr zur Verbesserung des Bildungswesens. Einen dieser Ansätze findet man in der Reformpädagogik. Den Beginn dieser neuen Sichtweise auf die Erziehung und Bildung von Jugendlichen zeichnet sich zum Ende des 19. Jahrhunderts ab. Neben Selbstständigkeit, Erlebnispädagogik und Lernen durch Handeln ist dieser Ansatz

durch das freie Lernen gekennzeichnet. Maria Montessori rückte dabei insbesondere das Kind in den Fokus weiterer Ideen – das Kind als „Baumeister seiner selbst“.2 Durch freies Arbeiten lernt das Kind seine Umwelt wahrzunehmen und mit dieser umzugehen, Teil der Welt zu werden und problemorientiert Aufgaben zu lösen. Montessori entwickelt mit ihrer Kinder- zentrierten Pädagogik einen der entscheidenden Bildungsansätze der Moderne und nicht zu- letzt auch Konzepte für heutige, führende Bildungsstrategien.3

Ausgehend von den Gedanken Montessoris möchte ich in dieser Arbeit neben den Grundla- gen der Montessoripädagogik besonders auf das Konzept der freien Arbeit eingehen, des freien Lernens im Kontext heutiger Schulkonzepte und Möglichkeiten zur Vereinbarkeit mit Lehrplänen und Standardanforderungen an das heranwachsende und lernende Individuum. Im Zentrum der Fragestellung soll aber auch besonderes Augenmerk auf die Frage nach der Frei- heit der Freiarbeit gelegt werden. Wie weit kann ein Kind frei lernen und an welche Grenzen stoßen dabei Lehrer und Eltern, vor allem aber die Schüler innerhalb des Bildungsprozesses.4

In einem modernen und effektiven Bildungssystem ist die Freiarbeit – oder besser die freie Arbeit, wie Montessori selbst immer wieder betont – nicht mehr wegzudenken und ebnet stets neue Möglichkeiten und Fortschritte, die ich mit dieser Arbeit kompakt vorstellen möchte.

2 Zur Person Maria Montessori

Maria Montessori wird zum Ende des 19. Jahrhunderts in Italien als Tochter einer katholi- schen, der Bildung zugewandten Familie geboren.5 Nach ihrer Schulzeit und dem Abitur nahm sie das Studium der Naturwissenschaften an der Universität zu Rom auf und erhielt als erste Frau Italiens mit ihrer Promotion einen Doktortitel.6 Neben Anthropologie und Philoso- phie studierte sie insbesondere auch Erziehungsphilosophie, die Grundlage für ihre späteren Reformpädagogischen Ansätze. Besonders prägend waren dabei die Ideen von Itard und Se- guin, aber auch die eigene Arbeit mit geistig behinderten Kindern.7 Aus diesen Erfahrungen und Ansätzen heraus setzte sich Montessori neben Frauenrechten stark für neue Ideen im Bil- dungswesen der damaligen Zeit ein und wurde somit neben Petersen und Steiner zu einer der führenden Reformpädagogen.8

Nach der Gründung eines Armenhauses für Kinder 1907 in Rom verwirklichte Montessori ihre pädagogischen Gedanken und erweiterte ihre Konzepte anhand der gesammelten Erfah- rungen und Erfolge.9 Ausgehend von den Kernpunkten ihrer Erziehung wurde 1923 die erste Montessori-Schule auch in Deutschland gegründet und ermöglichte in Jena bis zur Schließung 1929 durch die Nationalsozialisten reformpädagogische Bildung im Sinne Montessoris, der kosmischen Erziehung, auf die ich im Folgenden noch genauer eingehen möchte.10

Bis zu ihrem Tod 1952 in den Niederlanden setze sie sich stark für den Ausbau ihrer Pädago- gik ein und entwickelte die kosmische Erziehung zu einer umfassenden Bildungscharta für moderne Erziehung von Kindern.11 Die Erfahrungen die sie dabei auf Reisen nach Indien und in ihren Arbeiten mit Schülern sammelte waren stets die Grundlage ihrer Ansätze – getreu dem Prinzip des freien Lernens.

3 Die Pädagogik nach Maria Montessori

Aus der einfachen Bitte eines kleinen Mädchens heraus – Hilf mir es selbst zu tun – entwi- ckelt Maria Montessori eine neue Leitlinie der Pädagogik. Dabei setzt sie den Fokus auf das Kind selbst und orientiert sich direkt an den Bedürfnissen der Heranwachsenden. Erkenntnis- se, die sie durch die Beobachtungen von Kindern erlangte waren Ausgang ihrer Ideen, die später zum Kernaspekt der kosmischen Erziehung führen. Dieser Leitgedanke fußt in all ihren Ansätzen zu einer Pädagogik, die dem Kind in erster Linie Freiheit gewähren soll seine Um- welt zu erleben, wahrzunehmen und zu entdecken. Aus der Neugier heraus sollen Objekte erfasst und Wissensstrukturen arrangiert werden. Der Wunsch nach Selbstständigkeit – eine der Kernkompetenzen von Kindern – steht hier ganz im Zentrum, gegensätzlich zur Bevor- mundung und ungewollter Hilfe von Erwachsenen.12 Ihr geht es nicht darum, dass Kinder etwas nachahmen oder ohne zu hinterfragen tun, sondern den Sinn und den Gedanken der kosmischen Ganzheit hinter all ihrem Tun erkennen und verstehen. Sie entwickelt eine neue Sicht auf das Kind als „konzentrationsfähiges und aktives Wesen, das seine individuelle Per- sönlichkeit selbst aufbaut“. Grundlegend für diesen Ansatz ist ein Verständnis von Erziehung, die dem Lehrer eine Rolle des fördernden Hilfestellers zuschreibt, einem Erzieher, der dem Kind eine Umgebung schafft, in der es sich frei entfalten kann. Einem Erzieher, der das Kind in seinem Streben motiviert seine Umwelt entdecken und erkunden zu wollen und dadurch kulturelles Bewusstsein und erforderliche Kompetenzen zu entwickeln. Es geht also um die „Freude am Lernen“.13 Es ist nicht das Bild des Erziehers oder des Dompteurs, das hier ge- zeichnet wird, sondern mehr ein Bild des Helfers oder Begleiters.14 Ihre Vision ist ein Erzie- hungsausziel, das selbstständige und unabhängige Menschen fokussiert, die in der Lage sind eigene Entscheidungen zu treffen und zu vertreten. Sie geht stets dabei davon aus, dass es keinen „Einen“ Weg gibt, sondern das der Weg das Ziel ist und der Lehrer diesen Werdegang des Kindes begleitet. Die Funktion des Erziehers, wie sie Lehrer und Eltern oft bezeichnet, liegt klar im Beobachten und sobald das Kind darum bittet auch in der Hilfestellung, aber nur in dem unbedingt notwendigen Umfang.15 Erziehung wird nach Montessori somit direkt vom Zwang entkoppelt und fußt in der Freiheit des Kindes und Begleitung durch den Erwachse- nen.16

Diese Neudefinition von Erziehung setzt bestimmte Ansichten einer Pädagogik voraus, in der das Kind von Geburt an die Kompetenz des selbstständigen Lernens, aber auch den Willen zur Entdeckung des Kosmos besitzt. Der Erzieher muss zwar Grundkenntnisse über die Be- dürfnisse des Kindes haben und diese bei der Erziehung berücksichtigen, wird aber im Pro- zess der Erziehung in eine sich zurückhaltende Position versetzt. Seine Aufgabe besteht viel- mehr darin, die Lernumgebung zu schaffen und dafür zu sorgen, dass keine Störungen in der Erkundung der Umwelt auftauchen.17 Kernaspekt ist hierbei die Vorstellung, dass Kinder ih- ren eigenen Weg finden, der nicht mit dem Weg kongruent sein muss, den ein Erwachsener dank seiner Erfahrung oder Vorstellung wählt.18 So formuliert Hobmair das Ziel der Pädago- gik Maria Montessoris mit „Erziehung als Hilfe zum Leben“.19

4 Freiarbeit und freie Arbeit – Grundlagen der Montessori-Pädagogik

4.1 Die Grundprinzipien

Für Montessori liegt in der freien Arbeit der Schlüssel zur Entwicklung des Kindes. Von zent- raler Bedeutung ist die Selbstfindung des Kindes im Kontext der kosmischen Erziehung. Es überrascht daher nicht, dass sie in der freien Wahl des Kindes „die höchste Tätigkeit“20 über- haupt sieht. „Nur das Kind, das weiß, was es benötigt, um sich zu üben und sein geistiges Leben zu entwickeln, kann wirklich frei auswählen.“21 Auch wenn sie selbst den Begriff der Freiarbeit nie verwendet, so sieht sie in der selbstständigen Arbeit den zentralen Ansatzpunkt ihrer Entwicklungskonzeption.22 Es ist die Freiheit der Zeit, die Freiheit des Interesses aber auch die Freiheit der Kooperation, die ihrer Meinung nach von größter Bedeutung für Lerner- folg und Spaß am Lernen ist.23 Es gilt für den Erzieher, die Lernumgebung so herzurichten, dass dem Kind Freiheiten zur Selbstentscheidung gewährt werden. Dabei sollen der Schüler in sich in folgenden Punkten entfalten können:24

- Freiheit in der Wahl der Arbeit

Das Kind entscheidet selbst, womit es sich beschäftigen möchte

- Freie Wahl der Arbeitszeit

Das Kind legt selbst fest, wie viel Zeit für eine Arbeit investiert wird und in welchem Arbeitsrhythmus die Problemstellung bearbeitet wird

- Freiheit in der Auswahl der Organisationsform

Das Kind sucht die jeweilige Arbeitsweise und Organisationsform selbst aus

- Freie Wahl des Arbeitsplatzes

Das Kind entscheidet selbst, wo es arbeiten möchte. Die Arbeitsumgebung kann frei gestaltet und den Bedingungen angepasst werden

- Freiheit in der Wahl der Schwierigkeitsstufe

Dem Kind wird die Entscheidung überlassen, nach welchem Anforderungsgrad Auf- gaben bearbeitet werden

- Freie Bewegung zu jeder Zeit

Das Kind kann den gesamten Raum nutzen und seine Arbeitsposition zu jeder Zeit än- dern oder anpassen

Unterstrichen werden müssen aber insbesondere die Grenzen dieser freien Arbeit. Während des Arbeitsprozesses können die Kinder nicht nur „tun was sie wollen“, sondern werden von den Erziehern beobachtet und begleitet. So sind die Lernenden im Prozess der freien Arbeits- strukturen nicht sich selbst überlassen, sondern können lediglich im Rahmen der Anforderun- gen und Aufgaben selbst wählen und entscheiden. Lernerfolge werden zudem von den Kin- dern selbst dokumentiert und führen somit zu einer zusätzlichen Motivation.

Besonders eingrenzend - im positiven Sinne – wirkt aber auch die Gemeinschaft, in der das Kind lernt. Da der Erzieher trotz aller Freiheit die Aufgabe hat, die Lernumgebung so zu ge- stalten, dass ein ungestörtes Lernen des Kindes möglich wird, kann und muss er eingreifen, wenn einzelne Kinder die Gemeinschaft stören. Die Freiheit des Kindes endet also spätestens dort, wo ein Kind beginnt, die Arbeit eines anderen zu stören oder die Grundregeln des Zu- sammenseins missachtet.25

4.2 Bedingungen für freies Arbeiten

Das Kind kann in jeder Situation selbst über seine Arbeitsweise oder den Inhalt des Lernens entscheiden. Grundvoraussetzung dafür ist allerdings, dass seine Lernumgebung so beschaf- fen ist, dass Materialien, Räumlichkeiten und Möglichkeiten zum selbstständigen Lernen zur Verfügung stehen.

[...]


1 Vgl. Pelikan, R.: Ethik lernen in der Arbeitswelt. Berlin 2009, S. 22

2 Vgl. Ludwig, H: Montessori-Pädagogik und frühe Kindheit. Münster 2004, S. 94

3 Vgl. Wallrabenstein, W: Freiarbeit in der Grundschule. Frankfurt (Main) 2002, S. 12

4 Vgl. Hilger, G:Religionsdidaktik. München 2001, S. 479

5 Vgl. Heiland, H: Maria Montessori. Reinbek 1993, S. 9

6 Vgl. Meinhard, G: Hilf mir es selbst zu tun. http://www.gilthserano.de/bio/m/montessori.html

7 Vgl. Ludwig, H: Sozialerziehung in der Montessori-Pädagogik. Münster 2005, S. 21

8 Vgl. Berg, H.K.: Freiarbeit im Religionsunterricht. Stuttgart 2003, S. 13 f.

9 Vgl. http://www.montessori-seminar.de/maria-montessori/casa-dei-bambini.php

10 Vgl. Helsper, W: Schule und Bildung im Wandel. Wiesbaden 2009, S. 83

11 Vgl. Meinhard, G: Hilf mir es selbst zu tun. http://www.gilthserano.de/bio/m/montessori.html

12 Vgl. Schmutzler, H.J.: Fröbel und Montessori. Freiburg 1996, S. 93

13 Hellmich, A.: Montessori-, Freinet-, Waldorfpädagogik. Weinheim 2007, S. 77

14 Vgl. Becker-Textor, I.: Maria Montessori. Freiburg 1994, S. 9

15 Vgl. Montessori, M.: Lernen ohne Druck. Freiburg i.B. 1995, S. 152

16 Vgl. Hobmair, H.: Pädagogik. Troisdorf 2002, S. 401

17 Vgl. Montessori, M.: Kinder sind anders. Stuttgart 1993, S.56 f.

18 Vgl. Tilmann, H.: Montessori Pädagogik – Was ist das? in Winkels, T.: Montessori Pädagogik. Bad Heilbrunn 2000, S. 14 f.

19 Hobmair, H.: Pädagogik. Troisdorf 2002, S. 401

20 Montessori, M.: Das kreative Kind. Freiburg i.B. 1996, S. 244

21 Ebd.

22 Vgl. Heimbring, D.: Montessori Pädagogik und naturwissenschaftlicher Unterricht. Aachen 1990, S. 73 f.

23 Vgl. Eichelberg, H.: Handbuch zur Montessori-Pädagogik. Wien 1997, S. 21

24 Vgl. Allmann, S.: Lernalltag in einer Montessori-Schule. Münster 2007, S. 99 f.

25 Vgl. Miller, R.: Lern-Wanderung. Weinheim 2001, S. 75

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640900152
ISBN (Buch)
9783640900169
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171021
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,8
Schlagworte
freiarbeit maria montessori analyse untersuchung konzeptes kontext bedürfnisse anforderungen

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