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Berufsverbände, gewerkschaftliche Interessensvertretung und Interessenhandeln der Praktiker der Sozialen Arbeit

Seminararbeit 2011 24 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1) Interessensverband

2) Historische Entwicklung der Interessensverbande der Sozialen Arbeit

3) Interessensverbände der Sozialen Arbeit
a. Wohlfahrtsverbände
b. Gewerkschaften
c. Berufsverbände
d. Exkurs: Der DBSH als exemplarisches Beispiel einer interessensverbandlichen Identitätsfrage
e. Bündnisse, Initiativen und Arbeitsgemeinschaften

4) Internationale Interessensverbünde der Sozialen Arbeit – ein Ausblick

5) Geringe Interessensvertretung der Praktiker der Sozialen Arbeit – mögliche Gründe

6) Fazit und Ausblick

7) Anhang
a. Abbildungs- und Abkürzungsverzeichnis

Quellen - 4 -

Einleitung

Die Profession der Sozialen Arbeit blickt in Deutschland auf eine über hundert jährige Geschichte zurück. Während dieser Zeit wurde die Soziale Arbeit immer von dem Umstand begleitet, dass sie sich einerseits überhaupt erst erkämpfen musste, dass manche ihrer Handlungsfelder als überhaupt nötig angesehen wurden, und andererseits dass die dafür nötigen Ressourcen bereitgestellt wurden (vgl. Schacht 2005). Das Erstreiten bestimmter Rechte und Privilegien kann jedoch nur durch eine starke Basis und einer gemeinsamen Stimme erreicht werden. Dazu sind in erster Linie Zusammenschlüsse von mehreren Personen nötig, die sich strukturell organisieren. Diese Arbeit soll daher der Frage nachgehen, wie und weshalb Praktiker der Sozialen Arbeit in Deutschland seitdem organisiert sind, wie ihre Strukturen aussehen, und somit darlegen, wie der Stand berufsverbandlicher und gewerkschaftlicher Organisation dieser Profession in Deutschland ist.

Diese Studienarbeit gibt die Inhalte der Präsentation „Berufsverbände, gewerkschaftliche Interessenvertretung und Interessenhandeln der Praktiker der Sozialen Arbeit?“ in erweiterter Form[1] wieder. Zunächst wird auf den allgemeinen Begriff des Interessensverbandes als Grundlage eingegangen, bevor sich anschließend dem Themenfeld mit der historischen Entwicklung genähert wird. Im darauf folgenden Abschnitt wird gezielt auf die existierenden Formen der sozialarbeiterischen Interessensverbünde eingegangen. Im Anschluss wird ein Ausblick auf den internationalen Stand unternommen. Ebenfalls werden mögliche Gründe für eine geringe Interessensvertretung der Praktiker der Sozialen Arbeit aufgezeigt. Zum Schluss werden die Erkenntnisse dieser Arbeit in einem Fazit und Ausblick zusammengetragen.

1.) Interessensverband

Unter einem Interessensverband versteht man eine auf Dauer angelegte außenwirksame Vereinigung, deren Ziel die Durchsetzung spezieller Interessen ist. Dabei werden grundsätzlich zwei Bereiche unterschieden. Zum einen gibt es Verbände von Einzelpersonen sowie Verbände von Gruppen. Während beim erstgenannten natürliche Personen die Mitglieder des Verbandes sind, handelt es beim zweitgenannten um einen Zusammenschluss von nicht-natürlichen Personen, in der Regel um Interessensverbünde von juristischen Personen[2] [3]. Sahner erweitert diese allgemeine Definition noch um zwei weitere Dimensionen: (1) zum einen fügt er die Beitrittsgründe von Freiwilligkeit und Zwang an, durch die Interessensverbünde entstehen können, sowie (2) die Dimension der politischen Verantwortung, welche Interessensverbünde trotz ihres Ziel der Verwirklichung der Interessen der Mitglieder in Form von Mitwirkung oder Einwirkung[4], nicht anstreben (vgl. Sahner 1993).

In Deutschland kann jeder Mensch Interessensverbünde gründen, da diese dem Koalitionsrecht und der Vereinigungsfreiheit unterstehen und im Grundgesetz (Art. 9 Abs. 1) geschützt sind.

2.) Historische Entwicklung der Interessensverbände der Sozialen Arbeit

Bereits gegen Ende des 19 Jahrhunderts des vergangenen Jahrtausends wurden in Berlin die ersten Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit gegründet.[5] Jedoch dauerte es noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis sich über das Ehrenamt oder die Hilfsarbeit hinaus Frauen begannen als voll Berufstätige in der Sozialen Hilfe zu organisieren. Einige Jahre bevor Alice Salomon die erste Lehrstätte der Sozialen Frauenschule in Berlin eröffnete, und damit den Grundstock für die institutionelle professionalisierte Ausbildung Sozialer Arbeit in Deutschland legte, schlossen sich 1903 die Berufsarbeiterinnen der Inneren Mission, als sozial tätige Frauen, zu einem Verband zusammen. Dennoch sollte es noch ein weiteres Jahrzehnt dauern bis Hedwig Wachenheim und andere Mitglieder der Mädchen- und Frauengruppen die Gründung eines Berufsverbandes für den Frauenberuf der Sozialarbeiterinnen für öffentliche und private Wohlfahrtspflege verkündeten (vgl. Reinicke 2008). Daraufhin wurde im Oktober 1916 der Deutsche Verband der Sozialbeamtinnen gegründet, der die beruflichen Interessen der ersten Sozialarbeiterinnen vertreten sollte. Im gleichen Jahr wurde ebenfalls der Verein katholischer deutscher Sozialbematinnen gegründet. Im Zuge der Professionalisierung Sozialer Arbeit nannte sich der 1903 gegründete Verband der Berufsarbeiterinnen der Inneren Mission zu Verband der evangelischen Wohlfahrtspflegerinnen um. Diese drei ersten Berufsverbände der Sozialen Arbeit schlossen sich 1920 zu der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtspflegerinnen Deutschlands (AG) zusammen, und bildeten somit einen ersten Dachverband Sozialer Arbeit in Deutschland. Gemeinsam veröffentlichten diese drei Verbände unter dem Dach der AG eine monatliche Fachzeitschrift, welche überkonfessionell und verbandübergreifend als Berufsorgan der AG galt. Ebenfalls erging im Jahr 1920 der erste Erlass einer Ausbildungs- und Prüfungsordnung durch den Preußischen Minister für Volkswohlfahrt, an dessen Erarbeitung die Verbünde der AG maßgeblich beteiligt waren. Auch wenn sich die vermehrt ausgebildeten Männer in der Sozialen Arbeit bereits 1925 begannen im Bund Deutscher Sozialbeamten zu organisieren, entwickelte sich die Mehrzahl der Berufsverbände für Männer in den sozialen Frauenberufen erst später. Bis zum Jahre 1933 wurden noch weitere Berufsverbände und –vereine gegründet, die jedoch alle zwangsaufgelöst und durch die Fachschaft der Wohlfahrtspflegerinnen/Volkspflegerinnen unter Führung der Deutschen Arbeiterfront unter den Nationalsozialisten ersetzt wurden. Diese bis dato entstandenen Berufsverbände waren jedoch bis 1933 kaum gewerkschaftlich organisiert (vgl. Reinicke 2008).

Nach 1945 wurden erneut Berufsverbände der Sozialen Arbeit gegründet, die jedoch nachwievor nach konfessionellen und weltanschaulichen Gesichtspunkten geteilt waren, dadurch gelang es wieder nicht die Grenzen zu überwinden und einen starken Berufsverband zu gründen. Ebenfalls scheiterte die Gründung einer starken gewerkschaftlichen Interessensvertretung häufig daran, dass zwar einige der neu gegründeten Berufsverbände es ihren Mitgliedern gewährte, sich außerhalb der Verbandsaktivitäten zu organisieren (andere Berufsverbände hingegen wollten es selbst machen), die Mitglieder sich jedoch nicht angemessen vertreten fühlten (vgl. Paulini 2003), und sich somit die gewerkschaftliche Entwicklung Sozialer Arbeit weiterhin nur langsam entwickelte.

Abb. 1 Übersicht der historischen Entwicklung (relevante Daten)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Darstellung Schilling/Zeller 2007, S. 252; ergänzt durch weitere Eintragungen

Die nach 1945 gegründeten Berufsverbände der Sozialen Arbeit existierten zu weiten Teilen noch bis zu Beginn der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, bis sich durch eine Annäherung der beiden großen Verbände, dem Deutschen Berufsverband der Sozialarbeiter, Sozialpädagogen (DBS) und dem Berufsverband der Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Heilpädagogen (BSH) schließlich die Gründung eines konfessionell und weltanschaulich übergreifenden Berufsverbandes am Horizont abzeichnete. Sie schlossen sich 1994 zum Deutschen Berufsverband der Sozialen Arbeit (DBSH) zusammen.

Heute ist der DBSH zwar immer noch der größte Berufsverband für die Profession der Sozialen Arbeit, doch der mühsame Weg bis dahin war sicherlich einer der ursächlichen Gründen für die heutzutage existierende zersplitterte Interessensverbundlandschaft der Sozialen Arbeit in Deutschland.

3.) Interessensverbände der Sozialen Arbeit

Im Bereich der Praktiker der Sozialen Arbeit in Deutschland können drei große Interessenszusammenschlüsse ausgemacht werden:

- Wohlfahrtsverbände
- Gewerkschaften
- Berufsverbände/Fachverbände

a.) Wohlfahrtsverbände

Die Wohlfahrtsverbände, welche die Freie Wohlfahrtspflege in Deutschland ausüben, bestehen aus sechs Dachverbänden (die sogenannten Spitzenverbände), mit einer Vielzahl von angeschlossenen Verbänden, Institutionen und Trägern der Sozialen Arbeit. Diese auf freigemeinnütziger und organisierter Arbeit beruhenden Verbände haben sich unter dem Dach der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossen (BAGFW), und vertreten somit ca. 3 Millionen Angestellte und Ehrenamtliche aus ca. 100.000 Einrichtungen in Deutschland.[6] Während die jeweiligen Wohlfahrtsverbände (WFV) „bei sozialer, gesundheitlicher und sittlicher Gefährdung bzw. Not vorbeugend oder heilend zum Wohle der Gesellschaft oder des Einzelnen“[7] eingreifen, und somit den Dritten Sektor[8] – neben Familie, Freundschaft und Verwandtschaft ergänzen (vgl. Schwendtke 2007) –, ist das Ziel der BAGFW die „Sicherung und Weiterentwicklung der sozialen Arbeit durch gemeinschaftliche Initiativen und sozialpolitische Aktivitäten“. In den Satzungsgemäßen Aufgaben der BAGFW steht dies daher im Vordergrund. Dieser Interessensverbund sieht sich selbst als Akteur, der an der Gesetzgebung mitwirkt und Kontakt zu relevanten politischen Gremien und Entscheidungsträgern hält und in zentralen Angelegenheiten mit Bund, Ländern und Kommunen, sowie weiteren Organen der öffentlichen Selbstverwaltung zusammenarbeitet. Auch beteiligt sich die BAGFW an Fachorganisationen und Initiativen und wirkt in diesen mit.[9] Somit wirkt der Dachverband der Wohlfahrtsverbände in Deutschland auf anderen Ebenen als es die jeweiligen WFV selbst tun. Dieser betreibt neben den wohlfahrtsverbandlichen Aufgaben Lobbyismus, welcher als fünfte Gewalt[10] im Staat bezeichnet werden kann (vgl. Leif / Speth 2006) und im Bereich der Sozialen Arbeit als „Soziallobbyismus“ bezeichnet werden kann. Auch wenn die WFV keine Zusammenschlüsse von Praktikern bzw. Angestellten der Sozialen Arbeit im eigentlichen Sinne sind, so sind sie dennoch durch das Organ des BAGFW mit seiner Zielsetzung und der Größe der unter ihrem Dach vereinten Sozialarbeiter als Interessensverbund im eigentlichen Sinne zu verstehen.

[...]


[1] Aufgrund der Zeit die für die Präsentation zur Verfügung stand, musste diese um einige Inhalte gekürzt werden, die jedoch in dieser Ausarbeitung enthalten sind.

[2] Vgl. http://www.wikipedia.de; 17.10.2010

[3] Eine Bürgerinitiative, die beispielsweise für den Erhalt günstigen Wohnraums ist, kann, muss aber nicht ein rechtsfähiger Zusammenschluss sein. Dies wäre in diesem Sinne auch als Interessensverbund zu verstehen, der jedoch keine juristische Person darstellt.

[4] Vielmehr kann versucht werden durch Druck Einfluss zu nehmen. Solche Vereinigungen bezeichnet man als pressure groups: „Organisierte Interessengruppen, die auf Regierung, Parlament, Parteien, Verwaltung und öffentliche Meinung Einfluss und Druck auszuüben versuchen“: vgl. http://www.wissen.de; 01.12.2010

[5] Vgl. http://www.dbsh.de/html/geschichte1.html; 01.12.2010

[6] Vgl. Gesamtstatistik 2008. Einrichtungen und Dienste der freien Wohlfahrtspflege: http://bagfw.de/uploads; 17.10.2010

[7] Vgl. www.wikipedia.de; 17.10.2010

[8] Als weiterer Pol der Dreiteilung steht der Staat als Erster Sektor sowie der Markt als Zweiter Sektor: vgl. http://www.wirtschaftslexikon.gabler.de; 01.12.2010

[9] Vgl. Satzungsgemäße Aufgaben der BAGFW: http://www.bagfw.de; 17.10.2010

[10] Neben den drei regulären Gewalten eines Staates (Legislative, Exekutive, Judikative) und der so genannten vierten Gewalt, den Medien.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640901371
ISBN (Buch)
9783640901807
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171020
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln – Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften
Note
Schlagworte
Soziale arbeit Sozialpädagogik Sozialarbeit Gewerkschaft BDSH

Autor

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