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Das Reale des Antagonismus. Politische Theorie und Psychoanalyse bei Slavoj Zizek

Seminararbeit 2001 31 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Jacques Lacan

2 Slavoj Zizek
2.1 Zu einer anti-essentialistischen Theorie des Sozialen
2.2 Ideologie
2.3 Multikultureller Liberalismus versus radikale Demokratie

3 Kritisch-würdigende Schlußbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der als global agierender Philosophie-Entertainer geltende Psychoanalytiker und Philosoph Slavoj Zizek, herausragender Vertreter der sogenannten Laibacher Lacan-Schule, zählt zu den wahrscheinlich schrillsten, amüsantesten, aber ebenso ernstzunehmendsten Persönlichkeiten der internationalen Theorie-Szene. Während Zizeks intellektueller Hauptbezugspunkt, Jacques Lacan, französischer Psychoanalytiker, auf den noch zu sprechen kommen sein wird, in Frankreich und Lateinamerika vor allem zu klinischen Zwecken, sowie im angloamerikanischen Raum vor allem in der Literatur-, Film- und feministischen Theorie rezipiert wurde, sticht dessen Rezeption durch Zizek und die Laibacher Lacan-Schule in erster Linie durch deren eminent philosophischen und politischen Charakter hervor.

Da die vorliegende Arbeit aus einem im Rahmen eines politikwissenschaftlichen Proseminars gemeinsam mit KollegInnen gehaltenen Referat über „Psychoanalyse und die Linke“ hervorgeht, konzentriert sie sich vorwiegend auf den politischen Aspekt der theoretischen Produktion Zizeks (die, wie sich noch zeigen wird, zweifelsohne als „links“ gelten kann), zielt also darauf ab, ein gewiß auch den persönlichen Interessenslagen des Verfassers dieser Arbeit entsprechendes Assortiment an darin enthaltenen Verknüpfungen von Psychoanalyse und politischer Theorie schematisch zu rekonstruieren. Vier Schwerpunkte Zizeks Erkundungsbewegung entlang der Berührungslinie von politischer und psychoanalytischer Theorie, wovon zumindest die ersten drei ebenso der Laibacher Lacan-Schule im allgemeinen zuzuschreiben sind, können generell hervorgehoben werden. Dies sind: erstens die Auseinandersetzung mit der Funktionsweise von Ideologie, zweitens der Entwurf einer radikal-demokratischen Politik, drittens die Spezifizierung der Struktur des stalinistischen und faschistischen Totalitarismus und viertens die Analyse verschiedenster Phänomene der Populärkultur.

Zumal sich Zizek in seinen, man könnte durchaus sagen, theoretischen Exzessen – neben spektakulären Ausritten zu solch heterogenen Gestalten wie Hegel, Marx, Heidegger, Nietzsche, Wagner, Kafka und Hitchcock – immer wieder auf Lacan bezieht, werde ich zunächst versuchen, bereits im Vorblick auf die darauffolgenden Ausführungen in gedrängter Form grundlegende Elemente Lacanschen Denkens kursorisch darzustellen bzw. in Erinnerung zu rufen (Kapitel 1). Daran anschließend sollen sodann einige der zentralsten Thesen Zizeks zur Sprache kommen (Kapitel 2). Aus der mittlerweile überbordenden Fülle des großteils essayistisch angelegten, keiner linearen Argumentationsstruktur verpflichteten, sondern vielmehr eine an Lacan angelehnte kreisend-mäandrische Gedankenführung verfolgenden und von daher nur schwerlich systematisierbaren Materials wähle ich dessen Beiträge zu einer anti-essentialistischen Theorie des Sozialen (2.1), dessen Reflexionen über Ideologie (2.2), sowie dessen von einer Kritik des liberalen Multikulturalismus ausgehende Konzeption eines radikal-demokratischen Politischen (2.3) aus. Daß bei dieser Darstellung freilich ein Großteil der allein schon aus der Form seines Denkens und Schreibens entspringenden Lebendigkeit verloren geht, sollte gleich an dieser Stelle angemerkt werden. In einem relativ kurz gehaltenen dritten Kapitel wird es schließlich darum gehen, auf mögliche Punkte der Kritik sowohl an Lacan selbst, als auch an dessen politisch-theoretischer Aneignung, wie sie Zizek vollzieht, hinzuweisen.

1 Jacques Lacan

Trotz seiner zahlreichen vehementen KritikerInnen, die in ihm weniger einen genialen Denker des Unbewußten, sondern eher einen wissenschaftlich unredlichen, an den Grenzen des Wahnsinns wandelnden Elitisten sehen, kann Jacques Lacan wohl als eine der bedeutendsten Figuren in der Geschichte psychoanalytischer Theorie gelten. Zeit seines Lebens zielten Lacans Erkundungen unter dem Motto einer Rückkehr zu Freud auf eine subtile Untersuchung der Freudschen Psychoanalyse im Hinblick auf deren Fundamente, deren Effektivität, aber auch deren Widersprüche, Inkonsistenzen und noch nicht hinreichend elaborierten Probleme ab.[1] Der harte, anstößige Kern der Entdeckungen Freuds sollte dabei aus seinen diversen vor allem durch die Ich-Psychologie Hartmanns initiierten Verschüttungen freigelegt, hervorgehoben und gegen verschiedenste Aufweichungen verteidigt werden. Dies schloß freilich auch die ebenso interessante, wie eigentümliche Operation mit ein, Freud gegen Freud zu lesen, d.h. dessen Werk überall dort zu radikalisieren, wo Freud noch nicht Freudianer genug war, wo also er selbst hinter den Implikationen seiner eigenen Erkenntnisse zurückgeblieben war.

Eine der zentralsten Thesen Lacans ist die der sprachlichen bzw. symbolischen Struktur des Unbewußten. Lacans Konzeptualisierung von Sprache orientiert sich in produktiv-modifizierender Art und Weise an der strukturalen Linguistik Ferdinand de Saussures. Dieser begreift Sprache aus einer synchronen Perspektive als differentielles Gefüge von Zeichen. Zeichen, die nach Saussure jeweils unzertrennliche Einheiten von Wortvorstellung (Signifikant) und Sachvorstellung (Signifikat) bilden, stehen in für sie konstitutiven Verhältnissen gegenseitiger Opposition. Sie selbst bzw. deren Bedeutung sind nicht isoliert zu betrachten, sondern allein durch Inblicknahme des kontextuellen Bezugs, sowohl des syntagmatischen (der Position eines Zeichen innerhalb eines Satzes, Textes usw.), als auch des assoziativen (der Einbettung des Zeichens in ein bestimmtes Wortfeld), zu definieren.

Worauf aber hebt Lacan ab, wenn er das Unbewußte als sprachlich strukturiert auffaßt? Bereits Freud spricht von Wort- und Sachvorstellungen, womit seine Einsichten eine erstaunliche Affinität zur Saussureschen Linguistik zeigen, die es Lacan erlaubt, Konzepte Saussures für seine eigenen psychoanalytischen Erkundungsbewegungen fruchtbar zu machen. Freud setzt das Unbewußte mit Sachvorstellungen gleich, versteht es also als etwas Außersprachliches. Durch Rekurs auf die der psychoanalytischen Kur zugrundeliegende Vorraussetzung der prinzipiellen Ansprechbarkeit unbewußter Wünsche und Affekte, sowie durch eine genaue Analyse der Ausführungen Freuds über den Witz und die Fehlleistungen, zeigt Lacan entgegen der expliziten Auffassung Freuds auf, wie die Grundlagen der Psychoanalyse implizit die Annahme einer von vornherein sprachlichen Verfaßtheit des Unbewußten zu ihrer notwendigen Folge haben. Wie etwa sollte, so argumentiert Lacan, etwas grundsätzlich Außersprachliches jemals angesprochen werden können oder sich in den berühmten „Versprechern“ artikulieren können?

Ist einst die sprachliche Strukturiertheit des Unbewußten anerkannt, so fällt freilich auch die vermeintliche Eigenständigkeit des alltäglichen, zielgerichteten Denkens und Sprechens. Dieses erweist sich als vom Unbewußten immer wieder unterlaufen, wie sich besonders anschaulich am Phänomen der schon erwähnten Fehlleistungen zeigt. Somit zersplittert Lacan sodann aber auch endgültig jenes Bild eines selbstmächtigen, durch vernünftige Zwecke geleiteten, rationalen und autonomen Subjekts, welches bereits durch Freud seine ersten Risse abbekam.

Aber nicht nur wird Freuds Theorie des Unbewußten über sich selbst hinausgeführt; auch die Saussuresche Linguistik erfährt durch Lacan eine spitzfindige immanente Umgestaltung. Lacan demonstriert, wie Saussures differentielles Sprachmodell zu einem Primat des Signifikanten über das Signifikat, des Nicht-Sinns über den Sinn führt. Bedeutungen, die bei Lacan vor allem (wie auch in mancher Hinsicht bei Saussure) auf der Ebene der Signifikate zu verorten sind, schälen sich erst allmählich im Laufe der Artikulation von primär bedeutungsnackten Signifikanten, also des lautlichen Materials heraus.

Das Symbolische, die symbolische Ordnung, den großen Anderen, die Lacan in erster Linie mit der Sprache – die Saussure zufolge als soziale (gesellschaftlich, durch Konventionen hervorgebrachte) Tatsache zu begreifen ist – gleichsetzt, die zugleich aber auch das Soziale als solches bezeichnen können, insofern dieses als sprachanaloges Zeichensystem funktioniert, betrachtet Lacan mit besonderem Augenmerk im Hinblick auf die für sie konstitutive Differenz; die Differenz zwischen Signifikanten, zwischen Signifikant und Signifikat, sowie zwischen sich herausgebildeten Zeichen. Gerade in diesen gestaltlosen, rein negativen Differenzen, die ihren Ursprung in der primordialen Differenz zwischen den Signifikanten haben, sieht Lacan den Grund dafür, weshalb Sprache prinzipiell etwas verfehlt. Unser Sprechen verweist auf eine insistierende Abwesenheit, die sich nicht einholen läßt und als solche unser Sprechen aufrechterhält. Anders ausgedrückt: Eben aufgrund einer unauflösbaren Nicht-Entsprechung von Signifikant und Signifikat, die ihrerseits im Primat vorgängig sinnloser Signifikanten gründet, kann weder der Sinn einer Rede noch die Rede selbst (das Sprechen) jemals abgeschlossen sein. Stets bleibt ein Rest an Ungesagtem bzw. Unsagbarem.[2] Ebendieser uneinholbare, von der Sprache ausgegrenzte Rest, diese drängende Abwesenheit, ist – innerhalb gewisser Grenzen – dasjenige, was Lacan mit dem Begriff des Realen zu umreißen sucht. Drei Charakterisierungen dieses schwer zu fassenden, weil von der Sprache ausgegrenzten Realen, auf die nochmals im zweiten Kapitel zurückzukommen sein wird, seien hier erwähnt: Lacan bezeichnet es erstens als das Unmögliche, zweitens als dasjenige, was immer am selben Platz ist – wobei darunter sowohl Körperliches, als auch Zeitloses fallen kann –, und drittens ebenso als das Widerständige, wogegen man gleichsam mit dem Kopf anrennt. Neben dem Symbolischen und dem Realen wäre als dritte Ebene – oder, wie Lacan sagen würde: als drittes Register – noch das Imaginäre zu nennen, dem vor allem die Aufmerksamkeit des frühen Lacan gilt, der in seiner Theorie des Spiegelstadiums zu zeigen versucht, daß die Einheit des Ich – man könnte frei interpretierend hinzufügen: das Selbst(-bild) –, wie sich dieses (das Ich) in diesem und jenem wiedererkennt, Effekt einer illusionären Verkennung ist, deren grund-legende Matrix die verkennende Wiedererkennung des Kleinkindes im Spiegel ist.[3] Am Schnittpunkt des Imaginären, des Symbolischen und des Realen konstituiert sich das menschliche Subjekt.

Als vorhin von einer prinzipiellen Unabschließbarkeit des Sprechens, von einem uneinholbaren Abwesenden gesprochen wurde, war auch schon die Brücke zu einem der wohl wichtigsten Punkte Lacanschen Denkens geschlagen. Wenn nämlich erstens das Unbewußte und d.h. vor allem unsere Wünsche sprachlich strukturiert sind, und wenn zweitens das Sprechen unabschließbar ist, insofern es stets auf etwas uneinholbar Abwesendes verweist, so sind auch unsere Wünsche strukturell unabschließbar, verfehlen bzw. verweisen auf ein unerreichbares Abwesen[4]. Genau dieses apriorische Verfehlen bezeichnet Lacan als Begehren. Das Begehren, das vom Pulsieren der Triebe unterspült, aber durch deren symbolische / sprachliche Artikulation einen nicht zu schließenden Mangel darstellt, kann durch kein einziges, immer nur partial bleibendes Objekt jemals ganz gestillt werden. Selbst, oder man könnte womöglich sagen: gerade die erfüllte Liebe bleibt zumindest partiell unerfüllt und impliziert von daher ein Minimum an Melancholie.

Jene unerreichbare, unmögliche, in das Register des Realen fallende Instanz, die als Brenn- oder Fokuspunkt des Begehrens fungiert, nennt Lacan das Ding: das totale Genießen, das für immer entzogen ist. Zugleich jedoch erscheint das Ding als Ort totalen Genießen paradoxerweise ebenso als etwas absolut Unerträgliches, ja als die ultimative Bedrohung, insofern es nämlich das menschliche Selbst bei einer totalen Triebentladung in Gestalt eines unmittelbaren Kurzschlusses mit dem Ding – metaphorisch ausgedrückt – zerfetzen würde, soll heißen: das Selbst würde seine psychische Integrität verlieren und sich in eine Art absoluten Genießens auflösen.

Zeichnet Lacan aber nicht ein allzu graues Bild menschlicher Existenz, wenn er von einem nicht zu schließenden Mangel, von einem prinzipiellen Unbefriedigt-bleiben des Begehrens spricht, welches sich, weil auf das unerreichbare Ding bezogen, in einer fundamentalen Sackgasse befindet? Zumindest zwei Punkte sind hierzu festzuhalten: der teilweise Ausweg der Sublimierung, sowie die Möglichkeit partiellen Genießens.

Zunächst zu ersterem: Zizek liefert eine kurze und prägnante, aber ebenso anschauliche Darstellung des spezifisch Lacanschen Begriffs der Sublimierung im Kontrast zu seiner üblichen Konzeptualisierung:

„Üblicherweise wird Sublimierung mit Desexualisierung gleichgesetzt, d.h. mit der Verschiebung einer libidinösen Besetzung von dem ‚rohen’ Objekt, das angeblich irgendeinen grundlegenden Trieb befriedigt, zu einer ‚höheren’, ‚kultivierten’ Form der Befriedigung: Anstatt einen direkten Anschlag auf eine Frau zu machen, versuchen wir sie zu verführen und zu erobern, indem wir Liebesbriefe und Poesie schreiben; anstatt die Person, die wir hassen, grün und blau zu schlagen, schreiben wir einen Aufsatz, der eine vernichtende Kritik enthält – und dann, so geht die Legende, erklärt uns die Interpretation, daß unsere poetische Aktivität nur eine sublime, mittelbare Form der Erfüllung unserer körperlichen Bedürfnisse war, daß unsere elaborierte Kritik nur ein sublimer Weg war, unseren Feind ordentlich zu prügeln ... Lacan bricht gänzlich mit dieser ganzen Problematik eines Nullpunkts der Befriedigung. Sein Ausgangspunkt ist das genaue Gegenteil: Nicht das Objekt der angeblich ‚rohen’, direkten Befriedigung, sondern dessen Kehrseite, die primordiale Leere, um die der Trieb kreist, der Mangel, der im umrißlosen Umriß des Freudschen ‚ Dinges ’ positive Existenz annimmt, die unmögliche-unerreichbare Substanz des Genießens. Und das sublime Objekt ist genau jenes ‚Objekt, das zur Würde des Dinges erhoben ist’, das heißt ein gewöhnliches alltägliches Objekt, das eine Art von Transsubstantiation durchmacht und in der symbolischen Ökonomie des Subjekts zu funktionieren beginnt als eine Verkörperung des unmöglichen Dinges“ (1998b, S. 177f.).

[...]


[1] Die folgenden Ausführungen lehnen sich über weite Strecken an Peter Widmers (1997) Standard-Einführung zu Lacan an.

[2] Womit auch die Grenzen pschoanalytisch-therapeutischer Praxis angezeigt sind.

[3] Eine Auffassung, die vor allem durch Althusser ideologietheoretisch rezipiert wurde, auf die jedoch aus sachökonomischen Gründen nicht näher eingegangen werden kann.

[4] Bewußt verwende ich an dieser Stelle den Ausdruck „Abwesen“ im Gegensatz zu „Anwesen“, das bekanntlich sowohl „Präsenz“, als auch „bebautes Grundstück“, d.h. dasjenige, was man besitzt, bezeichnen kann.

Details

Seiten
31
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638110532
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1709
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Philosophie
Note
sehr gut
Schlagworte
Reale Antagonismus Politische Theorie Psychoanalyse Slavoj Zizek Proseminar Politikwissenschaft

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