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Mit Facebook und Co. auf Erasmus

Eine sozialwissenschaftliche Studie über die Nutzung von Social-Software während des Erasmus-Studienaufenthaltes

Masterarbeit 2011 110 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Das Bildungsprogramm Lebenslanges Lernen (LLP)
2.1 Die Einzelprogramme des Bildungsprogrammes „Lebenslanges Lernen“
2.2 Erasmus an der Pädagogischen Hochschule Steiermark
2.3 Online-Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Steiermark für Erasmus-Studierende

3 Social-Software

4 Sozialkapital
4.1 Formen des Sozialkapitals
4.2 Social-Software und Sozialkapital

5 Die qualitative Untersuchung
5.1 Grounded Theory
5.2 Theoretical Sampling
5.3 Erhebungsverfahren, Interviews
5.3.1 Problemzentriertes Interview
5.3.2 Datenerhebung aus Sicht der Grounded Theory
5.4 Durchführung der Datenerhebung
5.4.1 Interviewleitfaden
5.4.2 Interviewverlauf
5.4.3 Transkribieren
5.5 Kodieren
5.5.1 Offenes Kodieren
5.5.2 Ergebnisse des offenen Kodierens
5.5.3 Phasenmodell
5.5.4 Axiales Kodieren
5.5.5 Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase
5.5.6 Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase
5.5.7 Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase
5.5.8 Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase
5.5.9 Selektives Kodieren
5.5.10 Ergebnisse des selektiven Kodierens

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Text für die Kontaktaufnahme und Fixierung eines Interviews mittels Facebook
8.2 Ursprünglicher Interviewleitfaden
8.3 Veränderter Interviewleitfaden

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ansicht eines E-Portfolios in Mahara

Abbildung 2: Ablauf eines Problemzentrierten Interviews (vgl. Mayring 2002)

Abbildung 3: Anzahl der genannten Internetdienste und Social-Software-Applikationen in den Transkripten

Abbildung 4: Kodierparadigma für sozialwissenschaftliche Fragestellungen (Legewie 2004, S. 17)

Abbildung 5: Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase

Abbildung 6: Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase

Abbildung 7: Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase

Abbildung 8: Ergebnisse des axialen Kodierens der Phase

Abbildung 9: Phase 0 oder prämobile Phase

Abbildung 10: Phase 1 oder mobile Phase

Abbildung 11: Phase 2 oder mobile Phase

Abbildung 12: Phase 3 oder postmobile Phase

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Begriffsbestimmung qualitativ orientierte Interviewformen (Mayring 2002, S. 66)

Tabelle 2: Wortnennungen von Internetdiensten und Social-Software-Applikationen

Tabelle 3: Anzahl der genannten Internetdienste und Social-Software-Applikationen in den Transkripten

Vorwort

Liebe Leserin, liebe Leser! Die Erasmusmobilität als Teil des Bildungsprogrammes Lebenslanges Lernen (Lifelong-Learning-Programme – LLP) der Europäischen Union (EU) ist das Erfolgsmodell unter den Bildungsprogrammen der EU. Im akademischen Jahr 2008/2009 studierten fast 200.000 Studentinnen und Studenten in einem der 31 am Erasmus-Programm beteiligten Länder (EU-Mitgliedstaaten, Island, Liechtenstein, Norwegen und Türkei). Bezogen auf den Anteil der Gesamtzahl der Studierenden ist Österreich, nach Luxemburg und Liechtenstein, eines der erfolgreichsten Länder bei den Erasmus-Outgoings-Zahlen.

Neben all diesen Jubelmeldungen darf aber nicht vergessen werden, welchen großen Mehraufwand die Studierenden auf sich nehmen müssen, um an diesem Programm teilnehmen zu können. Es muss eine neue Sprache gelernt werden, Lehrveranstaltungen müssen in Fremdsprachen besucht, Prüfungen in Fremdsprachen absolviert werden. Für die Zeit der Mobilität muss eine Wohngelegenheit im Gastland gesucht und unter Umständen für die Wohnung zuhause ein Mieter gefunden werden. Neue Freundschaften müssen erst aufgebaut, die alten in der Heimat gepflegt werden. Man ist weit weg von seiner Familie, die sich meist finanziell am Unternehmen Erasmus beteiligen muss, da das Stipendium nicht ausreicht. Und es müssen unzählige Formulare ausgefüllt werden.

Trotzdem bewertet der Großteil der ehemaligen Erasmus-Studierenden seinen Aufenthalt als sehr positiv. Im Bericht eines ehemaligen Outgoings findet man Folgendes: „Es ist eine Bereicherung in akademischer, kultureller und sozialer Hinsicht, die man nur schwer in Worte fassen kann.“

Als Mitarbeiter des International-Office der Pädagogischen Hochschule Steiermark bin ich ein Teil der großen „Erasmus Familie“. Als Teil dieser Familie war es für mich selbstverständlich, dass meine Master-Thesis diesen Bereich thematisiert. Als Verantwortlicher für die virtuelle Begleitung unserer Erasmus-Outgoings vor, während und nach der Mobilität widme ich mich der Erforschung des virtuellen Raums in der Studierendenmobilität und untersuche, wie sich die Mobilität auf die Nutzung von Internet und Social-Software auswirkt. Ich hoffe, damit einen kleinen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des Phänomens Erasmus leisten zu können.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei all jenen bedanken, die direkt oder indirekt an diesem Werk beteiligt waren: Herrn Mag. Klaus Himpsl-Gutermann, MSc, dem Betreuer meiner Master-Thesis, für die vielen E-Mails und Telefonate, in denen er mir immer wertvolles Feedback gegeben hat; bei allen Kolleginnen und Kollegen des Zentrums 2 nationale und internationale Bildungskooperation sowie Public-Relations, Frau Elfriede Koller, Frau Elfriede Losinscheck, bei Thomas Markart für die grafische Gestaltung und insbesondere bei der Leiterin dieses Zentrums, Frau Mag. Susanne Linhofer, für ihre vielen kritischen Gedanken und die für mich wichtigen aufmunternden und motivierenden Worte; bei Frau Mag. Elgrid Messner, Herrn DDr. Walter Vogel und Herrn Mag. Alfred Schneller für die freundschaftlich motivierende Unterstützung in der Forschungspraxis; bei Herrn Prof. Raimund Wysocki und Herrn Stuart Burns für das Korrekturlesen; bei allen Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern, an deren Erasmuserlebnissen ich teilhaben durfte. Des Weiteren danke ich ganz besonders meiner Familie, meiner Partnerin Petra und meiner Tochter Leni für das Verständnis, das sie mir in den letzten beiden Jahren entgegengebracht haben.

Frohnleiten, März 2011 Heiko Vogl

1 Einleitung

Im Jahr 2008/2009 haben mehr Studentinnen und Studenten als je zuvor ein, von der Europäischen Union unterstütztes Erasmus-Studium in einem europäischen Gastland absolviert. Fast 200 000 Studierende (vgl. Europäische Kommission 2010) erhielten dafür ein Stipendium von der EU. Seit dem Start des Programmes 1987 haben bereits mehr als zwei Millionen junge Europäerinnen und Europäer an diesem Programm im Zuge ihres Studiums an diesem Programm teilgenommen.

Seit 2003 hat das Internet verändert. Das Web 2.0 im Allgemeinen und die Social-Software im Besonderen beeinflussen unsere Gesellschaft nachhaltig. Wir sind heute immer und überall erreichbar, unabhängig von Ort und Zeit. Aktuell benutzen weltweit mehr als 500 Millionen User das soziale Computernetzwerk Facebook. In Österreich sind es immerhin über 2,2 Millionen User (vgl. Digital Affairs GmbH 2010). Facebook hat in den USA soeben Google als die am meisten besuchte Website abgelöst und hat laut New York Times aktuell einen Marktwert von 50 Milliarden US-Dollar (vgl. Helft 2011).

Auch Erasmus-Studierende sind von diesem Trend betroffen. Sie verlassen für ein Semester ihre Familie, ihre Freunde und ihre gewohnte Umgebung und versuchen mittels unterschiedlicher Medien die Beziehungen zu den Daheimgebliebenen zu pflegen und neue Beziehungen mit neuen Personengruppen aufzubauen, um an einer Gastuniversität zu studieren. Die Pädagogische Hochschule Steiermark (PHSt) versucht ihre Erasmus-Outgoings optimal zu unterstützen. Bereits vor der Mobilität werden für interessierte Studierende Info-Meetings veranstaltet. Es wird versucht, ehemalige Erasmus-Outgoings mit Erasmus-Incomings und Erasmus-Interessierten zu vernetzen. Eine eigene Website mit Informationen über alle Partnerinstitutionen der Pädagogischen Hochschule, welche auch detaillierte Informationen über das Anmeldeprozedere enthält, soll Interessierte im Entscheidungsprozess für ein Erasmusstudium unterstützen. Zusätzlich werden E-Portfolios von ehemaligen Outgoings zur Verfügung gestellt. Erasmus-News wie Termine von Info-Meetings und Anmeldezeiten werden über eine Facebook-Fanpage veröffentlicht. In der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der eigentlichen Mobilität werden die Outgoings im Virtual-Erasmus-Office begleitet. Über dieses Portal werden die unterschiedlichen Schritte der Anmeldung, welche aus Onlinebewerbung, Europass-Lebenslauf, Motivationsschreiben und Empfehlungsschreiben bestehen, abgewickelt. Auch während des Auslandsaufenthaltes werden die Outgoings mittels Forum, Chat und Nachrichtesystem im Virtual-Erasmus-Office weiter betreut. Ihre Mobilität reflektieren die Outgoings in akademischer, sozialer und pädagogischer Sicht. Diese Portfolios werden zukünftigen Outgoings und den Lehrenden der Pädagogischen Hochschule Steiermark zur Verfügung gestellt.

Durch die ständig steigende Anzahl der Erasmus-Outgoings der Pädagogischen Hochschule Steiermark ist es notwendig, diese intensive Form der Betreuung der Studierenden zu überdenken. Eine Grundlage für künftige Entscheidungen über die Form der virtuellen Betreuung der Erasmus-Outgoings soll die hier vorliegende Studie bieten. Dabei sollen die Phänomene Internet- und Social-Software mit der Erasmus-Studierendenmobilität in Kontext gesetzt und untersucht werden. Ziel dieser Arbeit ist es, die Nutzung von Internet und Social-Software während eines Erasmusstudienaufenthaltes zu erforschen. Es soll gezeigt werden, welche Form und wie Social-Software von Erasmus-Studierenden verwendet wird. Die Ergebnisse bezüglich des Nutzerverhaltens sollen künftige strategische Entscheidungsfindungen bezüglich der virtuellen Betreuung von Erasmus-Studierenden unterstützen.

Die zentrale Forschungsfrage der hier vorliegenden Studie lautet daher:

- Wie nutzen Erasmus-Studierende (der Pädagogischen Hochschule Steiermark) das Internet und Social-Software vor, während und nach der Studierendenmobilität?

Zwei Subfragen werden von dieser zentralen Fragestellung abgeleitet. Einerseits besteht das Interesse an konkreten Softwareprodukten oder Social-Online-Netzwerken, die von Erasmus-Studierenden verwendet werden, andererseits soll diese Untersuchung auch aufzeigen, ob und wie sich das Nutzerverhalten verändert.

Die Subfragen der hier vorliegenden Studie lauten daher:

- Welche Social-Software-Anwendungen werden von Erasmus-Studierenden verwendet?
- Wie verändert sich die Nutzung von Social-Software und Internet während des Aufenthaltes?

Die Ergebnisse dieser Studie sollen helfen, die virtuelle Betreuung der Erasmus-Outgoings zu hinterfragen, wo möglich zu optimieren, mit dem Ziel, die Outgoings bestmöglich zu unterstützen. Ergebnisse werden dabei auf Ebene der Mesosoziologie erwartet. Ergebnisse auf makrosoziologischer Ebene werden in dieser Studie nicht erwartet, deshalb werden weder bildungspolitische Aspekte Österreichs noch der Europäischen Union behandelt.

Es gibt bereits einige wissenschaftliche Studien über das Nutzerverhalten von Jugendlichen in Bezug auf Social-Software, deren Ergebnisse in die vorliegende Untersuchung einfließen. Steinfeld, Ellison und Lampe (2008) erforschten die Veränderung des Sozialkapitals durch die Facebook-Nutzung. Wolak et al. (2003) versuchte, Jugendliche zu charakterisieren, welche enge Online-Beziehungen bilden. Bernadett Kneidinger (2010) führte eine soziologische Analyse von Interaktionsformen in Online-Social-Networks über Facebook durch. Allemann (2009) untersuchte die Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen mittels Social-Networking-Sites. Ritter (2010) untersuchte aber bereits die Internetnutzung von Jugendlichen während des Auslandsjugendaustausches. In der Studie „Internet User and Social Capital“ untersuchten Pènard und Poussing (2009) den Zusammenhang zwischen Sozialkapital, Internetnutzung und Veränderung des Wohnortes aufgrund von Jobwechsel. Wissenschaftliche Untersuchungen, die die Nutzung von Social-Software während der Erasmus-Mobilität von Studierenden thematisieren, gibt es bis jetzt nicht.

Der theoretische Teil der vorliegenden Untersuchung beschäftigt sich mit den Begriffen „Social-Software“ und „Sozialkapital“. Im empirischen Teil wird versucht, mittels der Grounded Theory das Nutzerverhalten der Erasmus-Outgoings zu untersuchen. Als Datengrundlage standen dafür die Transkripte von sechs Interviews, welche mit Erasmus-Outgoings der Pädagogischen Hochschule des Studienjahres 2009/11 geführt wurden, zur Verfügung. Diese Transkripte liegen in der Universitätsbibliothek der Donau-Universität Krems in anonymisierter Form auf.

Zunächst werden ein deskriptiver Überblick über das Bildungsprogramm Lebenslanges Lernen (LLP) der Europäischen Union (EU) und das Einzelprogramm Erasmus-Studierendmobilität gezeigt sowie deren Umsetzung an der Pädagogischen Hochschule Steiermark präsentiert. Im Kapitel 3 werden unterschiedliche Definitionen von Social-Software betrachtet sowie deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede gezeigt. Kapitel 4 beschäftigt sich mit dem Begriff und den unterschiedlichen Formen von Sozialkapital sowie deren Auswirkungen auf die Nutzung von Social-Software. Anschließend folgen im Kapitel 5 die Beschreibungen und die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung.

2 Das Bildungsprogramm Lebenslanges Lernen (LLP)

Ziel des Bildungsprogrammes Lebenslanges Lernen ist es, „dass sich die Europäische Union zu einer fortschrittlichen Wissensgesellschaft entwickelt – einer Gesellschaft mit nachhaltiger wirtschaftlicher Entwicklung, mehr und besseren Arbeitsplätzen und größerem sozialen Zusammenhalt“ (Europäische Kommission 2006, S. 3).

Teilprogramme des Programmes Lebenslanges Lernen beinhalten die Mobilität an sich als Lernzweck, um für den Arbeitsmarkt besser gerüstet zu sein:

„Die Mobilität zu Lernzwecken – d. h. ein Auslandsaufenthalt mit dem Ziel, neue Fähigkeiten und Kompetenzen zu erwerben – ist eine der grundlegenden Möglichkeiten, mit denen Einzelpersonen und insbesondere junge Menschen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigern und ihre persönliche Entwicklung voranbringen können.“ (Europäische Kommission 2009, S. 3)

Im Rahmen dieses Bildungsprogrammes hat die Europäische Union (EU) acht Schlüsselkompetenzen zur Erreichung der Ziele definiert (vgl. Cedefop 2009):

- Kommunikation in der Muttersprache;
- Kommunikation in Fremdsprachen;
- mathematische, wissenschaftliche und technologische Kompetenz;
- Computerkompetenz;
- Lernkompetenz;
- zwischenmenschliche, interkulturelle und soziale Kompetenz sowie Bürgerkompetenz;
- unternehmerische Kompetenz;
- kulturelle Ausdrucksfähigkeit.

2.1 Die Einzelprogramme des Bildungsprogrammes „Lebenslanges Lernen“

Das Programm Lebenslanges Lernen besteht aus unterschiedlichen Maßnahmen wie Austauschprogrammen, Studienbesuchen und Netzwerkaktivitäten. Schülern, Studierenden, Lehrenden, Lehrkräften, Ausbildern und allen anderen Akteuren der allgemeinen und beruflichen Bildung stehen zusätzlich offene Projekte zur Verfügung.

Gefördert werden die Projekte auf unterschiedliche Weise durch die vier großen Einzelprogramme:

- Comenius für Schulen
- Erasmus für Hochschulbildung
- Leonardo da Vinci für Berufsbildung
- Grundtvig für Erwachsenenbildung

Die Maßnahmen des Comenius-Programmes zielen darauf ab, bei Schüler/innen und Lehrenden ein Verständnis für die Vielfalt der europäischen Kulturen sowie unterschiedliche Sprachen und Werte zu fördern. Es unterstützt Schüler/innen zusätzlich im Erwerb von grundlegenden Fertigkeiten und Kompetenzen für die künftige Beschäftigung und bei möglichem künftigem zivilgesellschaftlichem Engagement.

Hauptziel des Austauschprogrammes Erasmus ist es, einen europäischen Hochschulraum zu fördern. Es ermöglicht Studierenden, Lehrenden und Mitarbeiter/innen von Hochschulen im Ausland zu lernen, lehren und zu arbeiten. Zusätzlich gibt es noch Intensivprogramme, Netzwerke und multilaterale Projekte. Eines der Ziele des Programmes ist es, bis 2012 drei Millionen Erasmus-Studierenden die Mobilität zu ermöglichen.

In der beruflichen Bildung ist das Programm Leonardo da Vinci angesiedelt. Es finanziert praxisorientierte Projekte von Einzelpersonen und Initiativen, welche berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung im Ausland organisieren. Dazu zählen Mobilitätsinitiativen, welche Menschen die Möglichkeit bieten, sich im Ausland zu qualifizieren, Kooperationsprojekte zu starten oder um Netzwerke auszubauen, die sich mit Inhalten des Bildungsbereiches befassen.

Grundtvig richtet sich an Lehrer/innen, Kursleiter/innen, Bildungspersonal und in diesem Bereich tätige Einrichtungen und an Lernende in der Erwachsenbildung. Dieses Programm soll auch diesen Personengruppen und Organisationen die Möglichkeit bieten, in anderen europäischen Ländern Lernerfahrungen zu sammeln und Bildungsangebote zu nutzen.

2.2 Erasmus an der Pädagogischen Hochschule Steiermark

Die Pädagogische Hochschule Steiermark (PHSt) ist eine international anerkannte tertiäre Lehrerbildungsinstitution. Die PHSt gewährleistet eine Professionalisierung von Lehrern und Lehrerinnen Aus-, Fort- und Weiterbildung nach akademischen Qualitätsstandards im Sinne eines lebensbegleitenden Lernens und bietet international anerkannte Bachelor- und Masterstudiengänge an.

Bereits seit dem Gründungsjahr 2007 nimmt die Hochschule aktiv am europäischen Bildungsprogramm Lebenslanges Lernen (LLP) teil (Erasmus-Mobilitätsprogramme, Comenius-Projekte). Neben Teaching-Assignment (TA) – Mobilität von Lehrenden, Staff-Training (STT) – Mobilität von administrativem Personal werden auch Student-Mobility-Studies (SMS) – Studienaufenthalte für Incomings und Outgoings angeboten. Seit 2010 stehen für Studierenden der PHSt auch Erasmus-Studierendenpraktika (SMP) zur Verfügung. Alle Vorgängerinstitutionen der PHSt, die Pädagogische Akademie des Bundes in der Steiermark, die Berufspädagogische Akademie des Bundes in der Steiermark sowie das Pädagogische Institut hatten bereits mehrjährige Erfahrungen in diesen Bereichen.

An der PHSt hat die Internationalisierung einen besonders hohen Stellenwert und ist im Leitbild verankert:

„Internationalität

Die Internationalisierung von Lehre, Forschung und Wissenstransfer wird an der ‚Pädagogischen Hochschule Steiermark‘ in institutionalisierter Form gefördert. Schwerpunkte dieses Bereiches sind Bildungskooperationen im Rahmen der Mobilitätsprogramme und die aktive Beteiligung an europäischen und außereuropäischen Netzwerkprojekten.“ (Pädagogische Hochschule Steiermark 2010)

Das Zentrum 2 nationale und internationale Bildungskooperation sowie Public-Relations ist die an der PHSt zuständige Institution für Erasmus, wie im Leitbild verankert. Aktuell verfügt die PHSt über 40 bilaterale Abkommen mit Partnerinstitutionen für das Mobilitätsprogramm Erasmus in Europa. Je nach Studiengang können Studierende im dritten, vierten oder fünften Semester ein Semester an diesen Hochschulen absolvieren. Nach einem kurzfristigen Rückgang der Anzahl der SMS-Outgoings im Studienjahr 2008/09 steigt die Anzahl der Outgoings wieder kontinuierlich an. Im Studienjahr 2009/10 nutzten 28 Studierende die Möglichkeit des Auslandsaufenthaltes, im Studienjahr 2010/11 werden 40 Mobilitäten durchgeführt (vgl. Linhofer & Vogl 2010). Die Anzahl der Erasmus-SMS-Incomings blieben an der PHSt anfänglich konstant 13 Mobilitäten. Seit dem Studienjahr 2009/10 gibt es auch in diesem Bereich Steigerungen. Im Studienjahr 2008/09 wurde das Ansuchen der Pädagogischen Hochschule Steiermark bezüglich der erweiterten University Charta von Seiten der Europäischen Kommission zugestimmt. Die PHSt kann seither auch Erasmus-Praktika anbieten. Im Studienjahr 2009/10 nahmen dieses Angebot seitens der PHSt bereits vier Outgoings wahr.

2.3 Online-Aktivitäten der Pädagogischen Hochschule Steiermark für Erasmus-Studierende

Die Pädagogische Hochschule Steiermark und das für die Erasmus zuständige Zentrum 2 nationale und internationale Bildungskooperation sowie Public-Relations versuchten durch unterschiedliche Online-Aktivitäten Erasmus-Studierende zu unterstützen.

Website

Das zentrale Informationsmedium für Erasmus-Incomings und Erasmus-Outgoings der PHSt ist die Website des Zentrums 2[1], welche direkt über dem Hauptmenüpunkt „international“ der Website der Pädagogischen Hochschule Steiermark[2] erreichbar ist. Auf dieser Website werden das Bildungsprogramm Lebenslanges Lernen und die Einzelprogramme beschrieben. Die Website beinhaltet eine Übersicht über alle Partnerinstitutionen, die als Mashup mit Google Maps implementiert wurde. Sowohl für Incomings als auch für Outgoings werden das genau Prozedere und die notwendigen Voraussetzung für eine Erasmus-Mobilität bereitgestellt. Die News der Startseite der Website des Zentrums können auch als RSS-Feed abonniert werden.

Virtual-Erasmus-Office (VEO)

Seit dem Sommersemester 2007 betreibt das Zentrum 2 nationale und internationale Bildungskooperation sowie Public-Relations der Pädagogischen Hochschule Steiermark das Virtual-Erasmus-Office (VEO). Es handelt sich dabei um einzelne Kurse im Learning-Management-System Moodle, über die Erasmus-Studierenden vor, während und nach dem Erasmus-Aufenthalt betreut werden und über die der formale Ablauf der Mobilität gesteuert wird. Ziel des VEO ist die Vereinfachung der Kommunikation des International-Office mit den Erasmus-Outgoings und Erasmus-Incomings.

E-Portfolio

Neben dem Virtual-Erasmus-Office verwenden die Erasmus-Outgoings der PHSt das E-Portfoliosystem Mahara, welches von der Donau-Universität Krems zur Verfügung gestellt wird, für die begleitende Dokumentation ihrer Mobilität. Ziel des E-Portfolios ist es, künftigen Erasmus-Studierenden Informationen über das Studium an einer Gastuniversität zur Verfügung zu stellen, den Lehrenden der PHSt einen Einblick in die Tätigkeiten der Outgoings zu ermöglichen und den Praxisverantwortlichen der PHSt die durchgeführte Schulpraxis zu dokumentieren. Die Dokumentation beginnt bereits vor dem Prozess der Nominierung der Outgoings mit dem Bereitstellen der Kontakt-Daten und einer Übersicht der Lehrveranstaltungen an der Gasthochschule in der Ansicht der Mobilität. Während der Mobilität sind die Studierenden aufgefordert, Blogeinträge zu verfassen. Nach der Mobilität werden zwei Mahara-Ansichten für die Dokumente der Mobilität generiert. In der Ansicht Praxis reflektieren die Outgoings ihre Schulpraxis im Gastland, in der Ansicht Mobilität den gesamten Aufenthalt.

Jede Ansicht hat Pflichtbestandteile und eine bestimmte Anzahl von Wahlmöglichkeiten.

Die Ansicht Praxisbericht enthält folgende Pflichtbestandteile:

- Kontaktdaten der Praxisschule (Adresse, Website …)
- Stundenübersicht
- Reflexionen
- Vergleich der Schulpraxis: Österreich – Gastland

Wahlmöglichkeiten:

- Stundenbilder
- Fotos

Die Ansicht Mobilität enthält folgende Pflichtbestandteile:

- Cover-Letter zur Mobilität (Erwartungshaltung)
- Beschreibung und Kontaktdaten der Partnerinstitution
- Kontaktdaten des International-Office
- Kontaktdaten der Erasmus-Koordinatorin /des Erasmus-Koordinators
- Vergleich: Ausbildung an der PHSt und an der Partnerinstitution
- Beschreibungen der besuchten Lehrveranstaltungen (Bezeichnung der Lehrveranstaltung, Ziele, Inhalte, Lehrende/r, Beurteilung)

- Beschreibung der Unterkunft
- Lebenshaltungskosten
- Bewertung des Auslandsaufenthaltes in akademischer, kultureller und sozialer Hinsicht
- Reflexion über die Arbeit mit dem Portfolio

Wahlmöglichkeiten:

- Unterrichtsmaterialien
- praktische Tipps
- Freizeitgestaltung

Alle Ansichten werden veröffentlicht. Die URL der Ansichten werden im Online-Café des jeweiligen Virtual-Office der PHSt bekannt geben und nach Beendigung des Aufenthaltes auf der Website des Zentrums veröffentlicht. Die Adresse der Ansicht Praxisbericht wird am Ende des Aufenthaltes dem jeweiligen Praxisverantwortlichen an der PHSt weitergleitet.

Skype

Alle Mitarbeiter/innen des Zentrums 2 sind für Studierende über Skype erreichbar. Im VEO wird der Skype-Onlinestatus der Zentrumsleiterin und des Stellvertretenden Zentrumsleiters mittels Skype-Buttons angezeigt. Outgoings und Incomings können über Skype per Voice-Chat, Video-Chat und Instant-Message mit dem International-Office kommunizieren.

Facebook-Fanpages

Das Zentrum 2 betreibt mehrere Facebook-Fanpages. Über die Euroweek-Fanpage[3] werden Studierenden und Lehrende bezüglich der jährlich stattfindenden Euroweek an der PHSt informiert. Auf dieser Fanpage werden mittels der Facebook-Anwendung RSS-Graffiti auch die News der Website des Zentrums veröffentlicht. Auf der Fanpage Erasmus-TV[4] veröffentlichen Incomings und Outgoings der PHSt Personal-Streams und Online-Videos über ihre Mobilität. Für Erasmus-Incomings der PHSt ist die Betreuung diese Fanpage mit dem Internationalen Modul und der Lehrveranstaltung „Digitale Kommunikation“ gekoppelt. Die Facebook-Fanpage European Teachers[5] wurde im Zuge des internationalen Projektes European-Teachers-Synthesize (ETSize) erstellt. Ziel der Fanpage ist es, das Projekt zu begleiten und darüber hinaus ein Netzwerk für europäische Lehrer/innen aufzubauen. Aktuell wird die Fanpage von sechs europäischen Hochschulen betreut (Hogeschool-Universiteit Brussel; Universitat Autonoma de Barcelona; University Educational Circle, Riga; Uludag University, Bursa; University of Teacher Education Styria, Graz).

3 Social-Software

Da Social-Software eine zentrale Rolle in dieser Arbeit spielt und in unterschiedlichsten Formen bereits in der virtuellen Betreuung der Erasmus-Outgoings eingesetzt wird, soll dieser Begriff im folgenden Kapitel näher betrachtet werden.

Als Social-Software wird eine Gruppe von Software-Applikationen bezeichnet, welche die menschliche Kommunikation und Zusammenarbeit unterstützt. Diese Systeme oder Applikationen dienen dem Aufbau und der Pflege von virtuellen und realen Gemeinschaften über das Medium Internet. Meist geschieht dies über das World Wide Web. Zugegriffen wird auf diese Applikationen über unterschiedliche Devices, meist über den Computer oder das Smartphone.

Eine einheitliche Definition von Social-Software existiert noch nicht. Je nach Autor werden der kollaborative Charakter der Software, der Transfer von Inhalten, Beziehungen, informellen Prozessen und unterschiedliche Arten der Kommunikation akzentuiert.

Seufert & Brahm (2007) bezeichnen Social-Software als internetbasierte Anwendungen, welche das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten ermöglicht. Interaktion zwischen Benutzer/innen können dabei ausgelöst werden. Der Aspekt von Beziehungen zwischen den Benutzerinnen/Benutzern wird dabei nicht beachtet. Auch in der Definition von Maier-Häfele & Häfele (2005) wird die Hauptaufgabe von Social-Software dem Erstellen von Inhalten zugeschrieben. Erweitert wird dies aber um die Funktion des Austausches dieser Inhalte. Sie sehen in Social-Software die Weiterführung des Community-Gedankens, die Netzwerkbildung wird unterstützt, ein nachhaltiger Einfluss auf die Spielregeln der sozialen Interaktion erwartet. Im Gegensatz zu Seufert & Brahm (2007) und Maier-Häfele & Häfele (2005) legt Baumgartner (2006) in seiner Definition den Schwerpunkt auf Beziehungen zwischen den Userinnen und Usern. Er bezeichnet Social-Software als Anwendung, die nicht Daten miteinander verknüpft, sondern Personen in Beziehung setzt. Gleichzeitig wird aber die Richtung dieser Beziehungen als von unten nach oben („bottum-up“) eingeschränkt. Seiner Auffassung nach sind sowohl E-Mails und Foren als auch Blogs, Podcasts und Wikis nicht der Social-Software zuzuordnen, da diese keine Basis für soziale Kontakte auf gleicher Interessensebene zur Verfügung stellen (vgl. Baumgarter 2006). Den Charakter von informellen Prozessen als Teil der menschlichen Kultur stellt Rheingold et.al. (2005) in den Mittelpunkt der Definition. Social-Software wird dabei als ein Werkzeug bezeichnet, welches Menschen hilft, diesen Prozess intelligent und konstruktiv zu managen. Rheingold et.al. (2005) sieht dabei Social-Software als Werkzeuge auf einer gesellschaftlichen (Makro-) Ebene angesiedelt. Die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen im Nahen Osten, die durch eine informelle Kommunikation in Social-Online-Netzwerken unterstützt wurde, zeigen auch die Möglichkeiten von Social-Software auf makrosoziologische Ebene auf.

Für Klobas & Beesley (2006) ist Social-Software hingen ein Überbegriff für eine Softwaregruppe von Werkzeugen, die die Zusammenarbeit von Menschen und den Beitritt zu Online-Communities ermöglicht. Diese Werkzeuge können verschiedenartige Formen von Kommunikation ermöglichen. Sie unterscheiden dabei zwischen synchroner und asynchroner Kommunikation sowie der Anzahl der Sender und Empfängerin in:

- synchrone 1-1-Kommunikation (zum Beispiel Instant Messaging),
- synchrone 1-n-Kommunikation (zum Beispiel Skypecasts),
- asynchrone 1-n-Kommunikation (Blogs),
- asynchrone n-m-Kommunikation (zum Beispiel Wikis) und
- asynchrone n-1-Kommunikation (zum Beispiel RSS-Feed-Aggregatoren).

Auffallend in dieser Unterteilung ist das Fehlen einer 1-1-asynchroner Kommunikation. Wird ein Online-Social-Network wie Facebook bezüglich der Definition Klobas & Beesley betrachtet, so stehen folgende Arten von Kommunikation zur Verfügung. Sowohl die asynchrone 1-n-Kommunikation, asynchrone n-m-Kommunikation wie auch die und asynchrone n-1-Kommunikation sind durch „Postings“ auf das persönliche Profil oder auf Profile von Freunden möglich. Wird die Facebook-Nachrichtenfunktion betrachtet, so zeigt sich, dass es sich hier aber um eine 1-1-asynchrone Kommunikation ähnlich der E-Mail, aber eingebettet in ein Online-Community, handelt. Die Social-Software-Definition von Klobas & Beesley (2006) kann daher in diesem Bereich als unscharf bezeichnet werden. Eine auf drei Zieldimensionen aufbauende Unterscheidung von Social-Software schlägt Hippner (2006) vor. Sein Klassifikationschema unterscheidet zwischen Information, Beziehung und Kommunikation. Richter und Koch (2009) ordnen Beziehung dem Begriff Kommunikation untern und fügen dafür die Zieldimension Identitäts- und Netzwerkmanagement hinzu. Damit lauten hier die Zieldimensionen Informationsmanagement, Identitäts- und Netzwerkmanagement sowie Kommunikation. Die unterschiedlichen Klassifikationen und Unterscheidungen zeigen, dass die Zuordnung von Software zu Social-Software auf Grund der unterschiedlichen Definitionen sich als schwierig gestaltet (vgl. Hippner 2006).

Zusammenfassend kann Social-Software als internetbasiertes Werkzeug bezeichnet werden, welches das Sozialkapital des Users verändert.

4 Sozialkapital

Das folgende Kapitel behandelt die Auswirkungen von Sozial-Software auf das Sozialkapital und beginnt mit einem Überblick über unterschiedliche Definitionen und Formen des Sozialkapitals.

Soziale Kontakte und Interaktionen mit anderen Personen sind elementare Teile des menschlichen Seins und bestimmen den Lebensverlauf einer Person. Dahrendorf (2010) beschreibt den Menschen als „homo sociologicus“ und streicht damit seine zentrale Rolle als soziales Wesen heraus. Die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen können sehr unterschiedlich gelagert sein. In der Mikro-Ebene werden familiäre Beziehungen durch die Geburt in ein verwandtschaftliches System festgelegt, die Meso-Ebene behandelt Organisationen und Verbände sowie deren Funktionsweise und die Marko-Ebene die Gesamtgesellschaft. Auch nach der Intensität von Beziehungen kann zwischen engen und weiteren Freundschaften unterschieden werden. Noch geringer ist der Bindungsgrad unter Bekannten, die oft nur auf gleiche Interessen, das gleiche Studium oder denselben Wohnort begründet werden. Soziale Kontakte von Erasmus-Studierenden betreffen sehr viele dieser Bereiche. Während der Mobilität entsteht zwischen ihnen und dem sozialen Konstrukt der Familie und der Freunde eine große räumliche Distanz, welche die Pflege dieser Beziehungen erschwert. Um erfolgreich im Ausland zu studieren, ist es für sie notwendig, sich in neue Organisationen einzubinden. An der Gastuniversität herrschen andere soziale Regeln und Normen, die teilweise sogar im Widerspruch zum den gültigen sozialen Rahme der Heimatinstitution stehen. Wird zum Beispiel in Graz ein großes Augenmerk auf die Pünktlichkeit der Studierenden gelegt, so kommen in Barcelona auch Professorinnen und Professoren zu spät zu den Lehrveranstaltungen. Für die Anrede von österreichischen Lehrenden wird das höfliche Sie verwendet, in den Niederlanden werden Studierende mit einem vertrauten Du begrüßt.

Neben den oben beschriebenen unterschiedlichen Arten von Beziehungen gibt es zwei grundsätzliche Ansätze, wie der Aufbau von Freundschaften und Beziehungen untersucht werden kann. Der Ansatz der sozialen Bedürfnisse („social needs“) geht davon aus, dass Menschen Beziehungen bilden, um den Bedarf von Intimität, Selbstwertschätzung und Gesellschaft zu erfüllen (vgl. Buhrmester 1998). In der Studie über die Charakteristik von engen Online-Beziehungen zwischen 10- und 17-jährigen Jugendlichen zeigt sich dies besonders ausgeprägt bei 14- bis 17-jährigen Mädchen (vgl. Badura u. a. 2008). Der Ansatz der sozialen Kompensation („social compensation“) beschreibt weiter fördernde Faktoren bezüglich des Aufbaues von Freundschaften und Beziehungen. Besonders Konflikte im sozialen Umfeld der Familie sind dabei förderlich (vlg. Mesch & Talmud 2006). Die Kontaktaufnahme und Pflege der Beziehungen erfolgt dabei ohne direkte Kontrolle der Familienangehörigen. Bei weiblichen Jugendlichen sind dabei besonders Konflikte mit den Eltern förderlich, bei männlichen Jugendlichen erweist sich dabei eine geringe Kommunikation mit den Eltern als besonders förderlich (vlg. Wolak, Mitchell & Finkelhor 2003). Bei einem Erasmusstudierendenaufenthalt können sowohl die sozialen Bedürfnisse als auch die soziale Kompensation als Begründung für den Aufbau von Freundschaften und Beziehungen stehen – besonders am Beginn des Auslandsaufenthaltes. Durch den Wegfall des direkten Kontaktes zur Familie und zu Freuden an der Heimatinstitution und im Heimatort entsteht ein neuer Bedarf an Intimität, Selbstwertschätzung und Gesellschaft, der durch Social-Software gedeckt werden kann. Im Bereich der sozialen Kompensation kann nicht die Familie als Ursprung des Neuaufbaues angesehen werden, vielmehr werden durch die kulturelle Veränderung eher Kulturkonflikten als Ausgangspunkt gesehen.

Durch den Aufbau von neuen Freundschaften und Beziehungen sowie durch die die räumliche Trennung von bestehenden Freunden und der Familie verändert sich während des Auslandsaufenthaltes das Sozialkapital der Studierenden sehr stark.

Der Begriff Sozialkapital wird in der Literatur für mehrere unterschiedliche Konzepte verwendet. Je nach unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Disziplin wie der Politikwissenschaft, den Wirtschaftswissenschaften und der Soziologie wird dieser Begriff unterschiedlich verwendet. In der Soziologie wird das Sozialkapital als Ressourcen bezeichnet, welche der Akteur nicht selbst besitzt, sondern über die er verfügen kann aufgrund eines Netzwerkes bzw. aufgrund von Beziehungen (vgl. Bourdieu 1983). Sozialkapital kann dabei als Wert für soziale Beziehungen gesehen werden. Voraussetzung dafür ist, dass dieses Beziehungsnetzwerk zuerst aufgebaut und danach gepflegt werden muss. Lin (1999) hebt den Vorteil von solchen Beziehungen hervor. Von Investitionen einzelner Personen in ein solches Netzwerk profitiert das gesamte Netzwerk. Aber auch die Einzelpersonen erwarten für solche Investitionen Vorteile und Gewinn. Robert Putnam (1995) beschreibt das Sozialkapitel durch seine unterschiedlichen Merkmalen auf makrosozialogischer Ebene. Er spricht dabei von Netzwerken, Normen und Vertrauen, von denen das Individuum und die Gesellschaft an sich profitieren. Es steht dabei der wechselseitige Nutzen von Sozialkapital im Zentrum seiner Betrachtung. Netzwerktheoretiker/innen wie Nan Lin sehen im Gegensatz zu Putnam das Sozialkapital nicht auf der makrosozialogischen Ebene angesiedelt (vgl. Koob 2007). Sie sieht Sozialkapital als Ressource, welche in soziale Strukturen eingebettet ist. Die Inanspruchnahme solcher sozialer Strukturen beinhaltet nach Lin drei Elemente: die Einbettung, die Erreichbarkeit und die Verwendbarkeit dieser Strukturen. In Anlehnung an Bourdieu heben hingegen Franzen/Pointner (2007) besonders die netzwerkbasierte Dimension von Sozialkapital hervor.

Problematisch dabei ist der Abruf auf dieses im Netzwerk vorhandene Kapital. Erfolgt der Zugriff auf Sach-, Finanz- oder auch Humankapital direkt, so ist dies beim Sozialkapital nicht so eindeutig, da der Zugriff auf Sach-, Finanz- oder auch Humankapital ein Zugriff auf private Ressourcen des jeweiligen Individuums ist. Der Zugriff auf Werte des Sozialkapitals ist ein Zugriff auf Ressourcen von anderen Personen, die Verfügbarkeit hängt dabei nicht nur vom Individuum ab. Wird zum Beispiel eine Freundin/ein Freund um Hilfe bei der Jobsuche gebeten, hängt dies nicht nur von der Bittstellerin/vom Bittsteller, sondern auch von der Empfängerin/vom Empfänger der Bitte ab. Es zeigt sich daher, dass Sozialkapital kein privates Gut wie Human- oder Sachkapital ist, aber auch kein öffentliches Gut, welches von Personen automatisch genutzt werden kann. Das Sozialkapital liegt daher zwischen den Ebenen von Individuum und öffentlichem Gut wie Institutionen (vgl. Brauer 2005). Ähnlich argumentieren Franzen/Pointner (2007), sie bezeichnen Sozialkapital als semi-privates Gut. Jansen bezeichnet Sozialkapital als Zwitterstellung zwischen Individuen und Sozialstruktur von und als Konzept, welches den Spalt zwischen Mikro- und Makro-Ebene schließt (vgl. Jansen 2006). Es erlaubt daher auch Interaktionsstrukturen sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene zu analysieren. Eine Zusammenfassung der unterschiedlichen Definitionen und Auslegungen von Sozialkapital schaffen Franzen/Pointner durch die Aufspaltung ihrer Definition in drei Dimensionen von Sozialkapital. Die erste Dimension beschreibt die netzwerkbasierten Ressourcen von Sozialkapital, die zweite Dimension die Vertrauensstellung (generalisiertes Vertrauen) und die dritte Dimension die Normen und Werte.

„Als Sozialkapital werden erstens die Ressourcen aufgefasst, auf die ein Individuum aufgrund seiner Zugehörigkeit zu verschiedenen Netzwerken potenziell zugreifen kann. Zweitens wird unter dem Begriff auch das generalisierte Vertrauen in Personen und Institutionen verstanden. Drittens schließlich wird der Begriff „Sozialkapital“ auch verwendet, wenn von allgemeinen Normen, wie der Fairness- oder der Reziprozitätsnorm, gesprochen wird.“ (Franzen & Pointner 2007, S. 6)

4.1 Formen des Sozialkapitals

Ähnlich unterschiedlich wie die Definitionen von Sozialkapital sind auch die unterschiedlichen Formen von Sozialkapital in der Literatur ausgearbeitet. Aus der Definition von Sozialkapital, welche besonders die Vorteile der Beziehung hervorhebt, hat Lin (1999) instrumentelle und expressive Aspekte des Sozialkapitals abgeleitet. Als instrumentelle Aspekte werden jene Aspekte bezeichnet, welche den Vorteil des Individuums durch den Zugriff auf Ressourcen der Gemeinschaft erhält. Beispielsweise können Studierende gratis Bücher in den Studienbibliotheken der Universitäten und Hochschule ausleihen. Jene Vorteile, die alleine durch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft entstehen, werden als expressive Aspekte charakterisiert. Erasmus-Studierende erhalten zum Beispiel durch Mitgliedschaft beim Erasmus Students Network (ESN) zahlreiche Vergünstigungen wie vergünstigte Eintritte in Museen und Lokale, günstigere Kontoführungsgebühren bei Banken oder Gratis-SIM-Karten bei Telefongesellschaften. Lins Unterteilung in instrumentelle und expressive Aspekte des Sozialkapitals bezieht sich aber lediglich auf die Dimensionen der netzwerkbasierten Ressourcen von Sozialkapital, der Vertrauensstellung. Die Dimension der Werte und Normen wird durch diesen dualen Aspekte nicht berücksichtig. Diese Dimension wird bei Robert Putnams Unterteilung berücksichtigt. Er unterscheidet Netzwerke, die auf Normen und Vertrauen beruhen und unterteilt diese in drei Formen. Sozialkapital wird nicht wie bei Lin nach Werten und Ressourcen unterteilt, sondern auf drei unterschiedliche Beziehungsformen zurückgeführt (vgl. Putnam, Leonardi & Nanetti 1994). Es wird zwischen horizontalen und vertikalen Beziehungen, formellen und informellen Beziehungen sowie starken und schwachen Beziehungen unterschieden. Horizontale Beziehungen beschreiben Beziehungen von Personen mit ähnlichem Status und ähnlicher Macht. Vertikale Beziehungen beschreiben die Beziehungen von Personen mit unterschiedlichem Status und unterschiedlichen Machtverhältnissen. Umgelegt auf Erasmus-Studierenden kann man die Beziehungen unter den Outgoings als horizontale Beziehung bezeichnen. Durch die Unterzeichnung des Erasmusvertrages durch die Studierenden wird der Status als Erasmus-Studierende zuerkannt, jeder hat die gleichen Rechte und Pflichten, die in der Erasmus-Studierenden-Charta festgelegt sind (vgl. Nationalagentur Lebenslanges Lernen 2009). Gleichzeitig manifestiert die Erasmus-Studierenden-Charta auch die vertikale Beziehung der Erasmus-Studierenden mit der entsprechenden Nationalagentur des jeweiligen Landes. Nach Putnam (1994) kann eine vertrauensbildende und kooperationsfördernde Wirkung nur durch Beziehungen in horizontalen Netzwerken entstehen. In vertikalen Beziehungen wird dies durch Verträge wie dem Erasmusvertrag geregelt. Gegenüber den horizontalen und vertikalen Beziehungen beschreiben formelle und informelle Beziehungen unterschiedliche Organisationsformen. Als formelle Beziehungen werden jene Beziehungen bezeichnet, die im Rahmen von Organisationen institutionalisiert sind. Diese Beziehungen können durch Regeln und Normen festgelegt und beispielsweise durch ein Organigramm dargestellt werden. Informelle Beziehungen werden nicht durch äußere Vorgaben festgelegt, sondern entstehen zwischen Individuen. Eine besondere Rolle bei Social-Software spielt die dritte Form von Sozialkapital. Putnam betrachtet dabei den unterschiedlichen emotionalen Bindungsgrad zwischen den Individuen und bezeichnet diese als starke beziehungsweise schwache Beziehungen. Die Stärke einer Beziehung wird dabei als eine Kombination von Zeit, emotionaler Intensität, Intimität und wechselseitigen Dienstleitungen betrachtet. Starke Beziehungen („strong ties“) bestehen hauptsächlich zwischen engen Freunden und engen Verwandten, schwache Beziehungen („weak ties“) bestehen zwischen oberflächlich Bekannten (vgl. Kriesi 2007). Nach Granovetter (1973) nimmt mit der Stärke der Beziehung von zwei Personen auch der Anteil der gemeinsamen Beziehungen zu. Zum Beispiel hat ein lange verheiratetes Ehepaar hauptsächlich Beziehungen zur gleichen Personengruppe. Kennt sich ein Paar erst kurz, so haben sie Beziehungen zu sehr unterschiedlichen Personenkreisen. Gibt es in einer Gemeinschaft viele starke Bindungen zwischen den Mitgliedern, kann es zu einer sozialen Schließung im sozialen Netzwerk kommen. Daraus wird abgeleitet, dass der Informationstransfer zwischen Personen mit starken Bindungen geringer ist als zwischen Personen mit schwachen Bindungen. Zwischen Personen mit schwachen Bindungen besteht ein unterschiedlicher Informationsstand (vgl. Granovetter 1973). Individuen mit schwachen Bindungen helfen daher Informationsdefizit zwischen verschiedenen sozialen Gemeinschaften zu überbrücken („bridging“). Putnam entwickelte aufbauend auf Granovetters Idee das Modell von brückenschlagenden („bridging“) und bindenden („bonding“) Formen des Sozialkapitals (vgl. Putnam 1995). In einer Studie zur Arbeitsplatzsuche unter Berücksichtigung von starken und schwachen Beziehungen hat sich gezeigt, dass besonders schwache Beziehungen eine größeren Informationsgewinn bei der Jobsuche bieten (vgl. Granovetter 1995). Personen mit starken Beziehungen haben meist denselben Informationsstand. Geht es darum, die freie Stelle zu bekommen, so sind Personen mit starken Bindungen von Vorteil. Nur sie haben das notwendige Vertrauen untereinander, um die Jobsuchen auch weiterzuempfehlen. Jansen (2006) konnte zeigen, dass sich die Ergebnisse der Arbeitsplatzsuche auch auf andere Bereiche übertragen lassen. Er zeigt auch, dass Netzwerke mit starken Bindungen nicht beliebig wachsen können, da sie sehr viel Zeit und Aufmerksamkeit verlangen – die Beziehungskapazität der einzelnen Akteure ist begrenzt. Große und differenzierte Gesellschaften sind auf schwache Beziehungen angewiesen, nur durch sie werden neue Information und Normen vermittelt. Sie sind notwendig für alle Mobilitäts-, Modernisierungs-, Innovations- und Diffusionsprozesse einer Gesellschaft (vgl. Jansen 2006).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das brückenschlagende Sozialkapital aus schwachen losen Beziehungen („weak ties“) besteht. Hier steht der Gewinn von Informationen im Mittelpunkt des Netzwerkes. Emotionale Unterstützung wird von starken Beziehungen („strong ties“) zu engen Freunden oder zur Familie erwartet.

Eine weitere Form des Sozialkapitals wird durch die zunehmende Mobilisierung der Gesellschaft notwendig. Diese Form wird als aufrechterhaltendes Sozialkapital („maintained social capital“) bezeichnet, welche es erlaubt, mit ehemaligen Gemeinschaften in Kontakt zu bleiben. In einer Langzeitstudie über Sozialkapital, Selbstwertgefühl und die Nutzung von Online-Social-Network Sites zeigte sich, dass zum Beispiel nach dem Wechsel des Wohnortes Online-Social-Networks wie Facebook oder Friendster die Aufrechterhaltung und Pflege zur Personen des früheren Wohnwortes ein wichtiges Nutzungsmotiv dieser Systeme ist (vgl. Steinfield, Ellison & Lampe 2008). Diese Form des Sozialkapitals trifft bei Erasmus-Studierenden in zwei Bereichen zu. Am Beginn des Auslandsstudiums erlaubt es dem aufrechterhaltenden Sozialkapital die Beziehungen zur ehemaligen Gemeinschaft im Heimatort und zur Heimathochschule zu pflegen. Nach dem Ende des Auslandsstudiums wird der Kontakt zur ehemaligen Gemeinschaft an der Gastinstitution aufrechterhalten. Die Pflege und Aufrechterhaltung von Bindungen zur ehemaligen Gemeinschaft wird dabei hauptsächlich durch die Verwendung Social-Software unterstützt (vgl. Steinfield, Ellison & Lampe 2008).

4.2 Social-Software und Sozialkapital

Wie beeinflusst Social-Software nun die verschieden Formen von Sozialkapital? Social-Software im Allgemeinen und Online Social Networks wie Facebook im Speziellen ermöglichen die Pflege schwacher und starker Bindungen und damit den Aufbau und den Ausbau von Sozialkapital. Mit unterschiedlichen Werkzeugen können Beziehungen zu unterschiedlichen Gemeinschaften gebildet und gepflegt werden. Auch der Austausch von Hilfeleistungen hat sich durch Social-Software verändert und erweitert. Social-Software ermöglicht es, diese Hilfeleistung und Beziehungen orts- und zeitunabhängig zu erhalten. Für Kneidinger (2010) erleichtern Online-Social-Networks den Aufbau und die Pflege von Sozialkapital. Sie fasst diese in drei große Bereiche zusammen. Erstens bieten diese Tools neue und bequeme Möglichkeiten für den Kontaktaufbau und die Kontaktpflege. Sie sind ortsunabhängig, da sie sowohl vom Computer wie auch von Smartphones genutzt werden können. Je nach Kontakt kann der Kanal der Kommunikation unterschiedlich genutzt werden. Facebook bietet beispielsweise mehrere unterschiedliche Möglichkeiten der Kommunikation. So kann zum Beispiel über den Chat synchron mit einzelnen Kontakten kommuniziert werden. Eine asynchrone 1-1-Kommunikation ist über die Nachrichtenfunktion und das „Anstupsen“ möglich. Postings an die eigene oder an die Pinwand von Freunden kann als n-m-Kommunikation eingestuft werden. Der zweite Bereich in Kneidingers Unterteilung betrifft das Teilen von Vorlieben und von Aktivitäten. Auf diese Weise wird die Kommunikation mit Personen ermöglicht, die über klassische Kommunikationsformen kaum kontaktiert worden wären. In Facebook sind diese mittels Fanpages und Gruppen implementiert. Die Universität Orebro beispielsweise richtet Facebookgruppen für Erasmus-Incomings und ihren „Buddies“ bereits vor der Mobilität ein, um den Erstkontakt herzustellen. Als dritten und letzen Bereich fasst Kneidingers die Förderung von Offline-Kontakten durch Online-Social-Networks zusammen. Die Offline-Kontaktaufnahme im realen Leben wird durch das Zur-Verfügung-Stellen von Kontaktinformationen wie Telefonnummer, E-Mail-Adresse, Arbeitgeber oder Wohnortdaten im Online-Profil begünstigt. Facebook versucht mit den Profilangaben „hat hier studiert“ und „wohnt in“ die Bildung von aufrechterhaltendem Sozialkapital („maintained social capital“) zu unterstützen.

Besonders der Aufbau von schwachen Bindungen („weak ties“) wird durch Social-Software unterstützt (vgl. Schmidt & Nurcan 2009). Erst durch den Einsatz von Social-Software ist es überhaupt erst möglich, große Netzwerke mit schwachen Bindungen aufzubauen und zu pflegen (vgl. Teten & Allen 2005). Beispielsweise hatten alle Erasmus-Studierenden der vorliegenden Studie mehr als 300 Facebook-Kontakte. Teten und Allen (2005) zeigten in sieben Punkten, welche Vorteile Social-Software beim Aufbau von Netzwerken und Sozialkapital hat und wie sie die Größe von sozialen Netzwerken positiv beeinflusst:

- Die Persönlichkeit des Einzelnen wird sichtbarer und mehr Personen können diese Persönlichkeit kennen lernen.
- Der/die Einzelne wird kompetenter, da er/sie Zugang zum kollektiven Wissen des Netzwerks erhält.
- Es können Beziehungen zu wichtigen Personen aufgebaut werden, welche Unterstützung bei der Zielerreichung geben können. In Online-Netzwerken sind diese Personen sichtbarer und leichter erreichbar.
- Durch die Bindung kann die höhere Frequenz bei der Kommunikation gestärkt werden.
- Informationen zum eigenen Netzwerk können leichter geteilt werden.
- Die Anzahl der Beziehungen kann erhöht werden.
- Es kann ein sehr vielfältiges Netzwerk aufgebaut werden.

Gerhards et.al. (2008) untersuchten in ihrer Studie, welche Personen Social-Software verwenden und damit ihr Sozialkapital verändern. Es wurde versucht, Nutzertypologien zu entwickeln, welche sich im Bereich des Gestaltungsgrades beziehungsweise im Kommunikationsgrad unterscheiden. Der Gestaltungsgrad pendelt dabei zwischen den Bereichen Konsumentin/Konsument von Contents und den Produzentin/Produzent von Contents. Gerhards et.al. bezeichnen diese beiden Positionen als rein betrachtende Nutzung des Internets beziehungsweise als gestaltende Nutzung des Internets (vgl. Gerhards, Klinger & Trump 2008). Der Kommunikationsgrad wird durch die Möglichkeiten von individueller und öffentlicher Kommunikation determiniert. Als Beispiel für individuelle Kommunikation wird das Schreiben von E-Mails, als Beispiel für öffentliche Kommunikation das Schreiben von Blogs genannt. Durch die Auswertung von Expertinnen-/Experteninterviews und Fokusgruppen wurden acht unterschiedliche Typologien von Web 2.0 Nutzer/innen entwickelt, die sich in den Bereichen individuelle beziehungsweise öffentliche Kommunikation und aktive beziehungsweise passive Partizipation unterscheiden (vgl. Gerhards, Klinger & Trump 2008):

- Als Produzentinnen/Produzenten werden Nutzerinnen/Nutzer bezeichnet, die das Internet hauptsächlich zur Verbreitung der eigenen Werke nutzen. Auch Kommunikation und Vernetzung dienen nur diesem Ziel.
- Selbstdarstellerinnen/Selbstdarsteller sind Userinnen/User, die ähnlich wie Produzentinnen/Produzenten das Web hauptsächlich zur Veröffentlichung von Inhalten benutzen. Im Mittelpunkt dieser Veröffentlichungen stehen aber nicht Produkte, sondern die Person an sich.
- Zur Kommunikation über besondere Interessen wie Hobbys nutzen spezifisch Interessierte das Internet. Neben der Kommunikation wird dabei auch die Möglichkeit der Mitgestaltung genutzt.
- Hauptnutzerinnen/Hauptnutzer von Social-Networking-Sites sind „Netzwerkerinnen/Netzwerker“. Sie nutzen dieses System zum Aufbau und zur Pflege von Kontakten.
- Sowohl für die Selbstdarstellung als auch, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen oder zu bleiben, nutzen profilierte Nutzerinnen/Nutzer das Web. Häufig kommen dabei Blogs zur Anwendung.
- Kommunikatorinnen/Kommunikatoren versuchen im Web 2.0 hauptsächlich bestimmte Themen auszutauschen. Sie beteiligen sich häufig mit Kommentaren an öffentlichen Diskussionen. Andere Menschen kennen zu lernen und Inhalte zu veröffentlichen, ist nicht das primäre Ziel.
- Weder gestaltend noch kommunikativ nutzen Infosuchende das Internet.
- Der Aspekt der Unterhaltung steht bei Unterhaltungssuchenden im Mittelpunkt.

Im Social-Software-Teilbereich Weblogs gibt es weitere Versuche der Typisierung. Auf unterschiedliche Beziehungs- und Kontaktformen aufbauend, wurden drei Nutzertypen entwickelt (vgl. Krauss 2008).Die privaten „Netzwerkerinnen/Netzwerker“ nutzen Weblogs, um existierende Beziehungen zu stärken und zu erhalten. Inhalte werden durch gleiche Interessen bestimmt. Neue Kontakte können als themenorientierte Kontakte bezeichnet werden, es entstehen dabei nur schwache Bindungen („weak ties“). Professionelle „Netzwerkerinnen/Netzwerker“ nutzen Weblogs, um an spezifische, oft berufsfeldbezogenen Informationen zu gelangen. Die dabei entstehenden virtuellen Beziehungen sind dauerhaft, verbindlich und bilateral, sie sind aber nicht als starke Bindungen („strong ties“) ausgeformt. Spezialisierte „Netzwerkerinnen/Netzwerker“ nutzen einerseits lose virtuelle Kontakte, um einen Zugriff auf unterschiedliche Informationen zu haben. Zusätzlich werden gezielt Kontakte zu Kolleginnen/Kollegen aufgebaut, die für die berufliche Zusammenarbeit genutzt werden. Die von Krauss für Weblogs entwickelten Typologien können auch auf weitere Bereiche der Social-Software übertragen werden. Ähnliches gilt auch für die Typologisierung von „Podcasterinnen/Podcaster“ durch Mocigemba. In dieser Studie wurden 17 „Podcasterinnen/Podcaster“ untersucht und anhand der Dimension Sendemotivation, Qualitätsanspruch und Interaktion in folgende sechs Typen unterteilt: Explorer, Personality Prototyper, Journalist & ThemenCaster, Rebell, Social Capitalist und Social Gambler. Die Sendemotive und Qualitätsansprüche von Explorer sind technologisch begründet. Inhalt und Format der Sendung entwickeln sich im Prozess des Sendens. Die Interaktion mit Hörerinnen/Hörern ist eher zufällig. Die in der Interaktion mit anderen „Podcasterinnen/Podcastern“ wird mit der technischen Hilfestellung begründet. Personality Prototyper sind mit Gerhards et.al. (2008) Selbstdarstellerinnen/Selbstdarstellern vergleichbar. Ein eigener Stil, Authentizität sowie gute Aufnahme- und Tonqualität bezeichnen den Qualitätsanspruch. Aus der Interaktion mir Hörerinnen/Hörern wird auf die Qualität des Podcast geschlossen. Starke Themenorientierung und Nützlichkeit der präsentierten Information zeichnen die Journalist & ThemenCaster aus. Die Interaktion mit Hörerinnen/Hörern wird als Pflicht wahrgenommen und als positiv empfunden. Der Typ Rebell sendet politische Podcasts. Mit Hörerinnen/Hörern wird versucht, eine Allianz im Namen des Podcasts einzugehen. Das Motiv, neue Menschen über Podcasts kennen zu lernen, ist das Motiv des Types Social-Capitalist. Der Qualitätsanspruch wird durch attraktive und hochwertige Kommunikation bestimmt. Durch die Interaktion mit Hörerinnen/Hörern, Gästen und anderen Podcastern werden neue Beziehungen aufgebaut. Podcast als Feldexperiment ist das Sendemotiv für den Typen Social-Gambler, es wird zur eigenen Unterhaltung durchgeführt. Die hauptsächlich virtuelle Interaktion erfolgt mit Hörerinnen und Hörern.

Die meisten „Podcasterinnen/Podcaster-Typen“ ähneln den Web-2.0-Typologien wie der Themen-Caster dem Produzenten. Einen vergleichbaren Typen für den intrinsisch motivierten Explorer gibt es aber in der Aufstellung der Web-2.0-Typologien von Gerhards et.al. (2008) nicht, dieser Typ nimmt daher eine Sonderstellung ein. Sowohl die Typologisierung der Web-2.0-Nutzerinnen/Nutzer (vgl. Gerhards, Klinger & Trump 2008) als auch die der „Podcasterinnen/Podcaster“ (vgl. Mocigemba 2006) können in die Typologisierung von Krauss (2008) eingeordnet werden. Eine Typologisierung von Social-Software-Nutzerinnen/Nutzern sowohl in den Dimensionen (individuelle oder öffentlich) Kommunikation, (aktiv oder passiv) Partizipation sowie auch Motivation gibt es nicht. Die Ausarbeitung dieser Typologie ist aber nicht Ziel der vorliegenden Studie. Um die qualitative Untersuchung zu vereinfachen, findet hier nur die Dimension der Partizipation Beachtung. Von den oben genannten Typologien ist davon auszugehen, dass insbesondere die „Netzwerkerinnen/Netzwerker“ und Social-Capitalists bewusst in den Aufbau und in die Pflege von Sozialkapital investieren.

Über die Auswirkungen eines Ortswechsel, wie er bei der Erasmusmobilität auftritt, und der Nutzung von Social-Software gibt es bis heute erst wenige Studien. Pènard und Poussing (2009) konnten in ihrer Studie über die Stärke der virtuellen Bindungen („The Strengt of Virtual Ties“) keinen Zusammenhang zwischen einem durch Jobwechsel erzwungenen Ortswechsel und der Bereitschaft, online in das Sozialkapital zu investieren, zeigen. Einen schwachen Zusammenhang zwischen diesen Aspekten konnte nur bei Paaren gezeigt werden, bei denen beide Eltern in einem anderen Land geboren wurden – in weiteres Ergebnis dieser Studie. Es zeigte sich aber deutlich, dass bestimmte junge Generationen mittels Social-Software ihre Sozialkapital besonders bei schwachen Bindungen („weak Ties“) vergrößern und dadurch besseren Zugang zu mehr Informationen und unterschiedlicheren Ideen erhalten.

Einen Zusammenhang zwischen Mobilität von Jugendlichen während des Auslandsjugendaustausches und Online-Kommunikation konnte Ritter (2010) zeigen. Besonders in Krisensituationen griffen Jugendliche vermehrt auf die Internetkommunikation zurück und nahmen damit Kontakt zu engen Freunden und der Familie auf („strong ties“).

Aus den beiden letzten Studien wird geschlossen, dass Erasmus-Studierende sowohl in schwache als auch in starke Bindungen investieren müssen. Über schwachen Bindungen können Informationen über Studienbedingung und die soziale Situation am Studienort erfahren werden. Starke Bindungen geben emotionalen Halt in der Situation der Veränderung. Ausgehend von der Altersstruktur der Outgoings wird dafür hauptsächlich Social-Software genutzt werden. Welche Social-Software während der Mobilität genutzt wird und wie diese Software genutzt wird, darüber soll der folgende empirische Teil Aufschluss geben.

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[1] http://z2.phst.at/

[2] http://www.phst.at/

[3] http://www.facebook.com/euroweek

[4] http://www.facebook.com/erasmus.tv

[5] http://www.facebook.com/european.teachers

Details

Seiten
110
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640902712
ISBN (Buch)
9783640902859
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170863
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung – Department für Interaktive Medien und Bildungstechnologien
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Erasmus Facebook Social-Software Social-Media Sykpe

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Titel: Mit Facebook und Co. auf Erasmus