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Der Fluch der Ressourcen als Entwicklungshemmnis?

Die Beispiele Nigeria und Botsuana

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2.Der Ressourcenfluch
2.1 Rohstoffe und Entwicklung
2.2 Rohstoffe und Konflikte
2.3 Lösungsansätze

3.Länderbeispiele
3.1 Nigeria
3.2 Botsuana

4.Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ I call petroleum the devil ’ s excrement. It brings trouble … waste, corruption, consumption, our public services fall apart, and debt - a debt we shall have for years ” (Juan Perez Pablo Alfonso 2003; zitiert in: Onyeukwu 2007, 10 ).

Dieses Zitat des Mitbegründers der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) verwundert, denn normalerweise werden Rohstoffe als entwicklungsfördernd und Länder, die Rohstoffe besitzen, als reich angesehen. Allerdings werden schon seit Jahrzehnten gravierende Probleme beobachtet, die bis zu gewaltsamen Konflikten führen können - in der wissenschaftlichen Debatte wird dies gemeinhin als ‚resource curse‘, Ressourcenfluch, bezeichnet. Dieses Phänomen tritt interessanterweise allerdings nur in Entwicklungsländern auf und kann sogar Armut produzieren. Daher werden Ressourcen nunmehr als internes Hindernis für Entwicklung betrachtet. Die Frage, die sich hier stellt, ist, inwiefern Ressourcen wirklich eine Entwicklung beeinträchtigen oder gar zu Konflikten führen. Sind es nicht vielmehr andere Faktoren, die einen Einfluss auf die Nutzung der Ressourcen ausüben? Warum gibt es Ressourcenkonflikte? In der aktuellen Wissenschaft werden zwei mögliche Erklärungen kontrovers diskutiert: Eine These geht davon aus, dass Ressourcen bei der Entstehung von Konflikten zentral sind. Die andere These ist, dass Ressourcen eher für die Fortsetzung von Konflikten wichtig sind, d.h. beispielsweise für die Finanzierung von Rebellengruppen. Diese These findet mittlerweile mehr Anhänger als die andere und spiegelt den aktuellen Forschungsstand wider. Wichtig in der gesamten wissenschaftlichen Debatte sind vor allem Jeffrey Sachs, der den Ressourcenfluch empirisch nachgewiesen hat, und Paul Collier, der zusammen mit Anke Hoeffler immer wieder Forschungen in diesem Themenkomplex betreibt.

Trotz aller Forschung bleibt die Frage, ob zwischen Ressourcen und Konflikten wirklich ein direkter Zusammenhang besteht oder ob nicht vielmehr Politik und Regierungsführung eine Drittvariable darstellen. Dieses Thema wird stark diskutiert und beeinflusst mögliche Konfliktregelungsversuche oder auch die Gestaltung der Entwicklungszusammenarbeit, weswegen ihm eine besondere Relevanz zukommt. Vor diesem Hintergrund lautet die These dieser Arbeit wie folgt:

Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Rohstoffreichtum und einer stagnierenden Entwicklung. Vielmehr ist es der Einfluss des Staates, der einen Ressourcenfluch oder einen ‚Ressourcensegen‘ herbeiführt. Ressourcen stellen an sich kein Entwicklungshindernis dar, sondern können bei verantwortungsvoller Nutzung ein Land wirtschaftlich oder gesellschaftlich voranbringen.

Um diese These zu prüfen, wird in dieser Arbeit die bestehende wissenschaftliche Literatur zu den Theorien der Ressourcen kritisch analysiert werden. Anschließend werden diese Theorien anhand zweier Länderbeispiele überprüft. Dementsprechend werden in einem ersten Teil die grundlegenden Theorien erläutert. Da es in der These hauptsächlich um die politischen Aspekte des Ressourcenmanagements geht, werden spezielle finanzpolitische Aspekte, die durch den Ressourcenfluch auftreten können, hier ausgelassen1. Die wichtigen Bereiche der Theorien, die die Regierungsführung betreffen, werden herausgearbeitet und dann anhand von Länderbeispielen überprüft. In einem zweiten Teil werden dann die Länderbeispiele Nigeria und Botsuana2 mit ihren Erfahrungen deskriptiv erläutert werden. Diese beiden Länder haben grundlegend unterschiedliche Erfahrungen gemacht, was der Überprüfung der Hypothese dienlich ist. Es wurden hier absichtlich Länder wie die Demokratische Republik Kongo, obwohl sie sehr extreme Erfahrungen mit Ressourcenkonflikten gemacht hat, ausgelassen, da der Konflikt dort selbst verschiedene Stadien und Ebenen aufweist, die im Rahmen dieser Arbeit nicht ausreichend diskutiert werden können. Am Ende wird vor dem Hintergrund der Theorien ein kritisches Fazit gezogen und die These bestätigt oder verworfen.

Bevor im nächsten Kapitel die Theorien des Ressourcenfluchs erläutert werden, muss zunächst der Begriff der Entwicklung, der in dieser Arbeit häufig vorkommen wird, definiert werden. Dafür soll hier die Definition des United Nations Development Programme (UNDP) dienen: „Human development is about freedom. It is about building human capabilities - the range of things that people can do, and what they can be. Individual freedoms and rights matter a great deal, but people are restricted in what they can do with that freedom if they are poor, ill, illiterate, discriminated against, threatened by violent conflict or denied a political voice” (UNDP 2005, 18).

Entwicklung als Freiheit wird hier also verstanden als ein gewisses, grundlegendes Maß an politischer und wirtschaftlicher Sicherheit und Unversehrtheit.

2.Der Ressourcenfluch

In diesem Kapitel wird der Einfluss von Rohstoffen auf die Entwicklung eines Landes sowie auf Konflikte in einem Land diskutiert. Am Ende des Kapitels werden mögliche Lösungsansätze erläutert. Voranzustellen ist, dass es keine einheitliche Definition oder Theorie zum Ressourcenfluch gibt. Für diese Arbeit soll daher die folgende, recht weit gefasste Definition von Palley gelten:„natural resource wealth creates stagnation and conflict, rather than economic growth and development” (Palley 2003).

2.1 Rohstoffe und Entwicklung

Rohstoffvorkommen in einem Land gelten zunächst als Motor der Entwicklung. Es wird davon ausgegangen, dass sie dem Land helfen, sich zu industrialisieren und damit die Grundlage für eine weitere wirtschaftliche, aber auch soziale Entwicklung bilden. Allerdings wird seit Jahrzehnten auch darauf aufmerksam gemacht, dass Rohstoffe ein Fluch sein können. Sie können Habgier und Korruption wecken sowie zu Machtmissbrauch führen. Weiterhin kann es durch sie wirtschaftliche Probleme wie Verzerrungen von Löhnen und Wechselkursen geben, was unter dem Namen ‚dutch disease‘ (Holländische Krankheit) bekannt ist (vgl. Bleischwitz/Pfeil 2009, 24-25).

Tatsächlich wurden in verschiedenen Studien Beobachtungen gemacht, die bestätigen, dass Länder, die sehr abhängig von Rohstoffeinnahmen sind, in der Entwicklung nicht voran kommen. Es wurde aufgezeigt, dass diese Staaten im Vergleich zu denen, die weniger oder keine Rohstoffe besitzen, folgende Probleme haben:

- Sie liegen niedriger im United Nations Human Development Index (HDI)3 Sie haben mehr Korruption
- Sie besitzen ein höheres Konfliktrisiko
- Ein größerer Anteil ihrer Bevölkerung lebt in Armut
- Ein größerer Anteil ihres Haushaltes wird dem Militärsektor zugeführt
- Ihre politischen Systeme sind autoritärer
- Ihr Wirtschaftswachstum ist langfristig langsamer (vgl. Gylfason 2000 & Palley 2003).

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Der Reichtum an natürlichen Ressourcen kann der Bevölkerung ein falsches Sicherheitsgefühl verleihen, was zur Folge hat, dass Regierungen die Notwendigkeit für eine gute und wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitik verlieren, d.h. freien Handel, bürokratische Effizienz und eine bestimmte institutionelle Qualität nicht weiter ausbauen (vgl. Gylfason 2000). Ebenfalls diversifizieren sie ihre Wirtschaft nicht, was direkt in eine Wirtschaftskrise führen kann, wenn der Handel durch Preisschwankungen ungünstig wird oder einbricht (vgl. Brack 2007, 6). Sie scheitern darin, stabile Institutionen aufzubauen, was darin begründet liegt, dass sie nicht auf eine generelle Besteuerung ihrer Bevölkerung angewiesen sind (vgl. Brack 2007, 6). Nach Colliers Meinung ist das Hauptproblem des Ressourcenfluches, dass Ressourceneinnahmen zu einer funktionellen Störung der Demokratie führen. Länder mit Erdöl oder anderen Rohstoffen sind meist resistent gegenüber einem politisch-demokratischen Druck, der durch Wahlkampf und Parteienwettbewerb erzeugt wird. Das liegt daran, dass diese Länder eben nicht auf Steuereinkünfte angewiesen sind. Daher besteht für die Bürger keine Notwendigkeit, zu kontrollieren, wie ihre Steuergelder ausgegeben werden. Dadurch wird die Rechenschaftspflicht der Regierung unterminiert (vgl. Collier 2008, 63f).

Desweiteren wird die Weiterentwicklung des Humankapitals, insbesondere durch Investitionen in den Bildungssektor, nicht beachtet (vgl. Gylfason 2000). Auch werden andere grundlegende Dienstleistungen wie Gesundheitssysteme nicht weiter entwickelt, wenn die Regierungen von Ressourcenerträgen und nicht von Steuereinnahmen abhängig sind (vgl. Brack 2007, 6). Korrupte Regierungen oder Offizielle können Erträge durch Ressourcen unterschlagen, sodass diese eben nicht für Wachstum und Entwicklung genutzt werden (vgl. Palley 2003).

Außerdem können lokale Missstände auftreten, die durch die Aktivitäten von Rohstoffindustrien entstehen und die ein Zerbrechen lokaler Gemeinschaften und Umweltschäden zur Folge haben können. Die Aufteilung der Leistungen der Ausbeutung natürlicher Ressourcen kann Ungleichheiten vergrößern - selbst wenn die Korruption nicht so hoch ist - und dadurch Unzufriedenheit und Instabilität erzeugen (vgl. Brack 2007, 6-7). Armut und niedrige Wachstumsraten erzeugen Missgunst, die durch die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, insbesondere wenn sie auf nicht nachhaltigen Wegen beruht, noch vertieft werden kann, denn häufig wird die Kluft zwischen Arm und Reich größer und die Bevölkerung bekommt kaum etwas von den in ihrem Land ausgebeuteten Ressourcen (vgl. Smillie 2007, 54).

Man kann an dieser Stelle sehen, dass die Tatsache, dass Rohstoffe Armut erzeugen können, hauptsächlich an Regierungsführung und staatlichen Institutionen zu liegen scheint, wenn diese nicht auf die Unterstützung der breiten Bevölkerungsschicht angewiesen ist. „[It] is important to realize that it is not natural resources per se that are the problem; rather, it is lack of good governance and democracy” (Palley 2003). Gute Politik kann Ressourcenreichtum für eine gute und nachhaltige Entwicklung nutzen, wie auch das Beispiel Norwegen, das auf dem ersten Platz des HDI-Rankings liegt, illustriert (vgl. Gylfason 2000).

Die Tatsache, dass Rohstoffe zu Stagnationen in der Entwicklung führen können führt auch dazu, dass der Frieden in den Ländern gefährdet wird. Denn nachhaltige Entwicklung bedingt Frieden und Sicherheit und Armut kann Konflikte zur Folge haben. Entwicklungsländer haben ein generell höheres Risiko an gewaltsamen Konflikten und schlechter Regierungsführung (vgl. Brack 2007, 3-4). Armut ist zugleich Ursache und Folge gewaltsam ausgetragener Konflikte. Der Staat in Entwicklungsländern ist schwach, weil er arm ist und er ist arm, weil er schwach ist. Das ist sozusagen eine Art Teufelskreis. Soziale Frustration schafft den Nährboden für Gewaltbereitschaft und kann auch Gewaltanwendung rechtfertigen (vgl. Kevenhörster 2006, 140 & Nuscheler 2006, 408). Dies können die oben genannten Probleme, die mit Ressourcen einher gehen können, daher auch zur Folge haben. Die Beziehung zwischen Rohstoffen und Konflikten wird im folgenden Kapitel aufgezeigt.

2.2 Rohstoffe und Konflikte

Wie schon oben angedeutet, können Ressourcen Konflikte zur Folge haben. In der Wissenschaft werden zwei mögliche Varianten diskutiert: Einerseits können Konflikte der Grund für Konflikte sein, andererseits könnten sie aber auch für die Fortführung von Konflikten relevant sein (vgl. Brzoska/Paes 2007, 8). Es gibt für beide Annahmen Studien, die das belegen.

Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass Länder deren Wohlstand zu einem großem Anteil auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruht - worunter oft neben natürlichen Ressourcen auch landwirtschaftliche Produkte gefasst werden - höchst anfällig für Gewalt sind (vgl. Humphreys 2005, 510). Paul Collier fand heraus, dass es Bürgerkriege oft in Ländern gibt, die ein niedriges Einkommen, ein geringen Wirtschaftswachstum haben und abhängig von Rohstoffexporten sind.

[...]


1 Dies betrifft z.B. die sogenannte Holländische Krankheit, die zwar erwähnt, aber nicht im Detail erläutert werden soll.

2 Oft auch ‚Botswana‘

3 Der HDI ist eine Messzahl für den Entwicklungsstand eines Landes und setzt sich aus den Komponenten Lebenserwartung, Ausbildung und Kaufkraft zusammen. Je höher der Wert ist, desto besser ist ein Land entwickelt (UNDP 2005, 212)

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640899807
ISBN (Buch)
9783640900091
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170856
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
Schlagworte
fluch ressourcen entwicklungshemmnis beispiele nigeria botsuana

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