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Das Karussell - Interpretation und Auseinandersetzung mit Rilkes Poetologie des mittleren Werks

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Poetologie des Dinggedichtes

3. Das Karussell
3.1 Formale Analyse
3.2 Dasein und Kindheit
3.3 Das Gegenüber und der Prozess der Wahrnehmung

4. Schlussbetrachtung

Literatur

1. Einleitung

Betrachtet man das Werk Rainer Maria Rilkes, wird schnell deutlich, dass eine Einordnung in eine literaturhistorische Epoche nahezu unmöglich ist. Zwar lassen sich immer wieder Elemente entdecken, die Parallelen zu anderen Autoren aufweisen, eine schlichte Kategorisierung würde der Komplexität des Werkes jedoch nicht gerecht werden, denn die Kunstauffassung Rilkes war von einem stetigen Wandel geprägt. Grob kann man sagen, dass die Schaffenszeit und Poetologie drei Phasen umfasst: So hatte das Frühwerk Rilkes einen stark subjektiven und emotionalen Charakter. Eine Abwendung folgte mit dem mittleren Werk. Hier überwog mit der Trennung von Ich und Welt eine sachlichere Betrachtung der Dinge. Das Spätwerk schließlich beschäftigt sich mehr als die vorangegangenen Schaffenszeiten mit dem Dasein an sich und der Bewahrung der endlichen Dinge durch die poetische Sprache. Mit den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus ist es in der Forschung am intensivsten besprochen worden. Dies führte dazu, dass den Gedichten der anderen Werksphasen anfangs wenig Beachtung zuteil wurde. Seit einiger Zeit lässt sich jedoch eine gegenläufige Tendenz feststellen. In den Fokus tritt dabei insbesondere das mittlere Werk, das etwa den Zeitraum von 1902 bis 1910 umfasst.

Ziel dieser Arbeit ist es, die poetologischen Grundlagen dieser Zeit herauszuarbeiten. Im Zentrum steht dabei der daraus resultierende Gedichtstypus, das Dinggedicht. Im ersten Schritt soll die Entwicklung zur neuen Kunstauffassung dargestellt werden, weiter sollen die verschiedenen thematischen Schwerpunkte und Gestaltungskonzepte der Neuen Gedichte aufgezeigt werden. Eine genauere Analyse folgt dann anhand des Gedichts Das Karussell. Dabei soll zuerst mit der formalen Untersuchung gezeigt werden, inwiefern sich die Poetologie im Text niederschlägt. In einem nächsten Schritt soll das Gedicht unter zwei Aspekten genauer betrachtet werden. Im ersten Teil stehen dabei die Themen Dasein und Kindheit im Zentrum, zweitens soll dargestellt werden, wie sich das Gegenüber − ein zentrales Element des Dinggedichts − konstituiert und welche Prozesse durchlaufen werden.

2. Poetologie des Dinggedichtes

In Bezug auf das mittlere Werk Rainer Maria Rilkes wird häufig von einer Abkehr oder Zäsur gesprochen. Einen Hinweis darauf liefern schon die Titel der Zyklen Neue Gedichte und Der neuen Gedichte anderer Teil, die zwischen 1902 und 1908 entstanden und erschienen sind. In der Tat macht ein Vergleich zum Frühwerk deutlich, dass bei Rilke eine Art Akzentverschiebung innerhalb seiner Kunstauffassung stattgefunden hat. Das Frühwerk ist noch stark von subjektiven Empfindungen geprägt. Zwar spielt auch schon hier das Ding eine zentrale Rolle, jedoch ist es das vorrangige Ziel des Dichters, die Gefühle direkt in den dargestellten Situationen und Gegenstände abzubilden. Durch diese Verschmelzung von Empfindung bzw. Mensch und Ding entsteht eine Art Selbsterkenntnis oder Gefühlsoffenbarung, das Ding selbst dient dabei einzig und allein als Projektionsfläche.[1]

Die folgende Veränderung im Werk Rilkes lässt sich auf dessen Bewunderung für die bildenden Künsten zurückführen. Rilkes Hinwendung zu anderen Formen der Kunst kann dabei als Antwort auf die Sprach- und Erkenntniskrise des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelesen werden. Verschiedene Schriftsteller und Lyriker nahmen Teil an dem Diskurs über den Wert der Worte, so beispielsweise Stefan George und Hugo von Hofmannsthal. Kern der Sprachskepsis ist dabei die Frage, inwiefern die Sprache das Wesen der Dinge erfassen kann. Diese grundsätzliche Überlegung hatte häufig Resignation und Verstummung der Dichter zur Folge. Rilke suchte und fand eine neue Perspektive für sich in den bildenden Künsten. Insbesondere die Orientierung am Sichtbaren beeindruckte ihn. Während die Sprache nach Rilke keine Verbindung zwischen Ding und Wesen aufbauen konnte, sah er im Sichtbaren einen unendlichen Nuancenreichtum. Wie groß sein Interesse für die Kunst war, zeigt sich an den verschiedenen kunsttheoretischen Schriften Rilkes. Insbesondere seine Monographie über den Bildhauer Auguste Rodin und der erst 1952 veröffentlichte Sammelband Briefe über Cézanne lassen seine Bewunderung erahnen. In den Jahren seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Sichtbaren lernte Rilke verschiedene Formen der Sprache kennen. Rodin verdeutlichte ihm die Bedeutung der Sprache des menschlichen Körpers, der Gestik und Mimik. Mit Cézanne entdeckte er die Sprache der Farben und deren expressive Kraft.[2] Rilke fand somit neue Optionen, die eigene Sprachskepsis zu überwinden. Als Ergebnis dieses Erkenntnisprozesses lässt sich eine Abwendung von der Subjektivität der Sprache des Frühwerks feststellen.

Der Fokus der Dichtung liegt im mittleren Werk demnach auf dem Sichtbaren, auf der geschauten Welt. Anstatt jedoch eigene Empfindungen direkt einfließen zu lassen, konzentriert sich Rilke nun auf eine sachlich-objektive Darstellung. Diese Gedichte, die unter dem Einfluss der schaffenden Künste entstanden sind, werden allgemein als Dinggedichte bezeichnet. Bereits der Entstehungsprozess steht dabei unter dem Zeichen der neuen Kunstauffassung. Drei Aspekte sind dabei zentral: das Immer-Arbeiten (toujours-travailler), das schaffende Schauen und das sachliche Sagen.[3] Insbesondere in Bezug auf die Neuen Gedichte spricht Rilke wiederholt von „Arbeit“, dies lässt sich auf die Bewunderung der Geduld und Disziplin Rodins zurückführen. Der Künstler ist nicht mehr Inspirierter, er wird nicht von der Muse geküsst, stattdessen ist Kunst das Produkt konstruktiver und planmäßiger Arbeit. In einem Brief von 1907 spricht Rilke von einem Übergang von kommender Inspiration zu herbeigerufener und festgehaltener.[4] Einher mit diesem Arbeitsethos geht die Vorstellung des schaffenden Schauens. Die Werke Rodins machen Rilke deutlich, dass nur das konzentrierte Schauen ein Ding zu einem Kunst-Ding macht. Somit entspricht allein das Studieren der Dinge einem Schaffensprozess, der aus einer reinen Abbildung eine Darstellung mit höherem Wirklichkeitsgrad macht, das Ding in Kunst verwandelt.[5] Am deutlichsten wird der Unterschied zum Frühwerk jedoch in Bezug auf das sachliche Sagen. Die Entwicklung zur Objektivität lässt sich auf Cézanne zurückführen. Der zentrale Begriff in dessen Kunstauffassung ist die réalisation, die Rilke als Übersetzung des Gegenstands in „seine malerischen Äquivalente“ definiert.[6] In seiner Übertragung auf die Dichtung setzt Rilke demnach auf eine den Dingen angemessene Sprachform, die auf ästhetisierende Sprache verzichtet und sich auf neutralen, sachlichen Ausdruck konzentriert.[7]

Allein der hier dargestellte Schaffensprozess des Dinggedichts lässt auf inhaltliche und weitere formale Konzepte schließen. Zentraler Unterschied zum Frühwerk ist dabei, dass Ding und Mensch keine Einheit mehr bilden. Dies ist Folge der Distanz, die durch konzentriertes Schauen und sachliches Sagen aufgebaut wird. Der Mensch projiziert nicht schlichtweg seine subjektiven Empfindungen in seine Umwelt. Die Dinge werden so nicht mehr von den Emotionen des Künstlers vereinnahmt, sondern lediglich in Beziehung gesetzt. Dabei ist die Darstellung keine Wesensschau, vielmehr spiegelt sie die Erfahrungen wieder, die in der Wahrnehmung der Gegenstände gemacht werden. Das geschaute Ding ist somit Auslöser und Träger von Erfahrungen. So bewegt es sich stets zwischen wahrhaftiger Präsenz als Objekt und seiner Aufhebung in der Wahrnehmung des betrachtenden Subjekts.[8] Diese Dichotomie prägt die Struktur der Neuen Gedichte. Das Ich findet in der realen Welt ein Gegenüber und entwickelt sich in der Wahrnehmung des geschauten Objekts. Diese Art der Selbsterforschung oder Selbstbespiegelung findet jedoch – um es noch einmal zu betonen – nicht auf emotionale bzw. subjektive Weise statt, im Gegenteil: Das Ich kann sich durch die sachliche Darstellung von seiner Subjektivität lösen und sich durch die Distanz, durch die Selbstentäußerung selbst finden bzw. erkennen. Ein tatsächliches lyrisches Ich tritt dabei nicht in Erscheinung, stattdessen wird ein Gegenüber der Welt generiert, das allein in den geschauten Dingen gegenwärtig ist.[9]

Das sachliche Sagen bei Rilke zeigt sich in verschiedenen Formen der Darstellung. Vergleiche spielen dabei eine zentrale Rolle. Häufig besteht die Metaphorik der Gedichte darin, andere Bereiche dinglicher Wahrnehmung einzubeziehen. So werden die blassen Blüten im Gedicht Blaue Hortensie beispielsweise mit verwaschenen Kinderschürzen und blauem Briefpapier verglichen. Dies ruft unvermeidlich Assoziationen hervor. Bereits erlebte Gegenstandserfahrungen werden so genutzt, um bestimmte Gefühle zu evozieren.[10] Das Subjekt erkennt den Bezug des eigenen Innenlebens zur äußeren Welt. Die Sachlichkeit des Sagens besteht demnach nicht in einer rein objektiven Sprache, vielmehr entsteht in der Wahrnehmung des Gegenübers ein sachliches und doch persönlich motiviertes Gesamtbild. Rilkes Bewunderung für die schaffenden Künste findet sich dabei insbesondere in den Beschreibungen der Dinge wieder, beispielsweise in der Farbgestaltung. Ein häufig genutztes Mittel von Rilke ist dabei die Substantivierung von Farben. So werden die Dinge häufig nicht mit Adjektiven beschrieben, sondern gänzlich durch die entsprechenden Substantive ersetzt: „ein Rot“, „ein Grün“. Diese Form der Abstraktion ähnelt der Technik der zeitgenössischen Malerei.[11] Der Bezug auf Cézanne ist auch hier offensichtlich. Statt das Konkrete eines Dings zu betonen, verweist Rilke somit auf das Abstrakte und dadurch auf die Notwendigkeit der subjektiven Wahrnehmung und Verarbeitung. Wieder verarbeitet das Subjekt das Äußere und setzt es so mit dem eigenen Ich in Verbindung.

[...]


[1] Löwenstein, Sascha: Poetik und dichterisches Selbstverständnis. Eine Einführung in Rainer Maria Rilkes frühe Dichtungen (1884-1906), Würzburg 2004, S. 147.

[2] Büssgen, Antje: Bildende Kunst, in: Rilke-Handbuch. Leben – Werk − Wirkung, hg. v. Manfred Engel, Stuttgart u. Weimar 2004, S. 136.

[3] Löwenstein: Poetik und dichterisches Selbstverständnis, S. 225.

[4] Müller, Wolfgang: Neue Gedichte / Der Neuen Gedichte anderer Teil, in: Rilke-Handbuch, S. 297.

[5] Ebd., S. 297.

[6] Ebd., S. 298.

[7] Löwenstein: Poetik und dichterisches Selbstverständnis, S. 224.

[8] Müller: Neue Gedichte, S. 299.

[9] Szendi, Zoltán: Perspektivierung und Daseinsdeutung in der Lyrik der mittleren Periode Rainer Maria Rilkes, Wien 2010, S. 12f.

[10] Müller: Neue Gedichte, S. 300.

[11] Ebd., S. 311.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640899456
ISBN (Buch)
9783656550860
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170824
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Rilke Dinggedicht mittleres Werk Neue Gedichte

Autor

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Titel: Das Karussell - Interpretation und Auseinandersetzung mit Rilkes Poetologie des mittleren Werks