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Extremistische Gruppen in der BRD - „Autonome“ und „Autonome Nationalisten“

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theorierahmen
2.1. Der Begriff des politischen Extremismus
2.2. Rechtsextremismus
2.3. Linksextremismus

3. Analyse extremistischer Gruppen in der BRD
3.1. Die „Autonomen“
3.1.1. Entstehung
3.1.2. Sozial- und Organisationsstruktur, Potential
3.1.3. Selbstverständnis und Ideologie
3.1.4. Themen und Aktionsformen
3.2. Die „Autonomen Nationalisten“
3.2.1. Entstehung
3.2.2. Sozial- und Organisationsstrukturen, Potential
3.2.3. Selbstverständnis und Ideologie
3.2.4. Politische Praxis/Aktionsformen

4. Fazit - Gemeinsamkeiten und Unterschiede

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zwei jugendliche Subkulturen bilden in Deutschland seit einigen Jahren den Ausgangspunkt eines Großteils der politisch motivierten Gewalttaten: Autonome und Autonome Nationalisten. Beide stellen bei Demonstrationen durch ihr Auftreten - schwarz vermummt und formiert in einem sogenannten „Schwarzen Block“ - auf martialische Art und Weise ihre Kampf- und Gewaltbereitschaft zur Schau. Diese und weitere stilistische Ähnlichkeiten machen es dem Beobachter und der Polizei zunehmend schwer, links- und rechtsextreme Szeneangehörige voneinander zu unterscheiden. In ihrem Selbstverständnis stehen sich diese zwei Gruppierungen zwar als Feinde gegenüber, trotzdem stellt sich die Frage, ob Autonome und Autonome Nationalisten enger miteinander verwandt sind, als es die tieferen ideologischen Gegensätze vermuten lassen? Oder sind die Gemeinsamkeiten nur vordergründiger Natur?

Um diese Fragen beantworten zu können, werden in der vorliegenden Arbeit die beiden auf dem Links-Rechts-Spektrum einander entgegengesetzten extremistischen Gruppierungen untersucht. Dabei soll insbesondere auf die Organisierung, Ideologie und politische Praxis der Gruppen eingegangen werden. Für den theoretischen Rahmen wird auf den Extremismus-Ansatz zurückgegriffen. Dazu muss zunächst eine Begriffsbestimmung von Extremismus allgemein vorgenommen werden, um dann die Ausprägungen in Form des Rechts- und Linksextremismus mit Hilfe inhaltlicher Besonderheiten voneinander abgrenzen zu können.

Der erste Teil der Analyse beschäftigt sich mit linksautonomen Gruppierungen im Kontext der Autonomen-Bewegung. Sie hat sich als äußerst heterogener und fluktuierender, aber gleichzeitig sehr beständiger Bestandteil des bundesdeutschen Linksextremismus erwiesen. Anschließend wird das Phänomen Autonome Nationalisten, die jüngste Entwicklung innerhalb des rechtsextremen Spektrums in Deutschland, untersucht. Im Schlussteil wird abschließend nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden dieser beiden extremistischen Gruppierungen gefragt.

Im Gegensatz zum Linksextremismus stellt der Rechtsextremismus seit Jahrzehnten einen eigenen Forschungsgegenstand dar. Dementsprechend umfangreich ist die Literatur zu diesem Thema. Jedoch fehlen zu beiden extremistischen Gruppierungen detailierte empirische Untersuchungen. Besonders eklatant zeigt sich dieser Mangel an der seit Jahrzehnten existierenden Autonomen -Szene. Das Forschungsdesiderat bezüglich der Autonomen Nationalisten erklärt sich nicht zuletzt durch die Neuartigkeit dieser Entwicklung der extremen Rechten in Deutschland.

2. Theorierahmen

Die Analyse der Subkultur der Autonomen und Autonomen Nationalisten als Ausprägungen des Links- bzw. Rechtsextremismus setzt die Bestimmung des Begriffs „Extremismus“ als übergreifenden theoretischen Rahmen voraus. Bevor auf die linken und rechten Spielarten des Extremismus eingegangen werden kann, muss zunächst das allgemeine Wesen dieses Phänomens diskutiert werden.

2.1. Der Begriff des politischen Extremismus

Jede Definition des Begriffs „Extremismus“ muss jedoch mit der ernüchternden Erkenntnis beginnen, dass ihr Betrachtungsgegenstand nicht unumstritten ist.1 Politischer Extremismus ist zunächst einmal allgemein eine Sammelbezeichnung für verschiedene antidemokratische Bestrebungen. Für Jaschke stellt „der Extremismus (…) eine mehr oder weniger stark ausgeprägte pathologische Komponente moderner demokratischer Gesellschaften“2 dar. Demokratie ohne extremistische Strömungen ist kaum denkbar, andererseits ist es wenig sinnvoll den Ausdruck auf geistige Strömungen vor der Entstehung des demokratischen Verfassungsstaates anzuwenden; setzt die extremistische Ideologie doch die Existenz demokratischen Ideenguts voraus.3 In diesem Verständnis wird der Begriff negativ bestimmt; „Extremismus beschreibt (…) wesentlich die fundamentale Gegnerschaft zur Demokratie, konkret zu den Ideen des demokratischen Verfassungsstaats.“4 Extremismus und Demokratie werden deshalb auch als „antithetisches Begriffspaar“ bezeichnet.5 Das dabei zugrundeliegende Modell der Demokratie ist dabei keinem real-existierenden Staat nachgebildet, sondern stellt vielmehr eine idealtypische Konstruktion dar. Der Analyse und Beurteilung extremistischer Bewegungen dient daher nicht das Verhältnis zum herrschenden System als Grundlage, sondern die Ideen der Gruppierungen selbst und die zu deren Verwirklichung eingesetzten Mittel. Solch ein Ansatz ist dementsprechend nicht staats- oder systemtreu, sondern demokratietreu.6 In diesem Kontext ist Demokratie im Sinne des modernen demokratischen Verfassungsstaates zu verstehen, dessen Kennzeichen insbesondere das Mehrheitsprinzip, sowie die Volkssouveränität als Grundlage einer auf den Menschrechten basierenden Verfassung sind.7 Politischer Extremismus kann folglich als Ablehnung der grundlegenden Werte, Verfahrensregeln und Institutionen freiheitlich-demokratischer Verfassungsstaaten bestimmt werden. Als „extremistisch“ können demnach politische Gesinnungen und Bestrebungen gelten, „die Bestandteile dieses Minimums im Kern negieren“.8 Eine Erweiterung der Begriffsbestimmung in einem positiven Sinn kann durch den Verweis auf strukturelle Gemeinsamkeiten der extremistischen Ablehnung des Verfassungsstaates erreicht werden. Hierzu zählen etwa „der Absolutheitsanspruch der eigenen Auffassungen, Dogmatismus, die Unterteilung der Welt in Freund und Feind, aber auch Verschwörungstheorien und Fanatismus“.9 Damit soll jedoch keine inhaltliche Gleichsetzung der verschiedenen extremistischen Bestrebungen vorgenommen oder gar deren Identität unterstellt werden, es sollen lediglich formale Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden. Eine weitergehende inhaltliche Unterscheidung ermöglichen die Begriffe des Links- und Rechtsextremismus, die jedoch ihrerseits Sammelbegriffe darstellen und einer präzisen Differenzierung bedürfen. Bildlich erfassen lässt sich das Verhältnis der beiden Extreme im Hufeisenmodell, das die beiden Pole als Nachbarn darstellt, die dennoch voneinander getrennt sind und die beide gemeinsam der demokratischen Mitte gegenüberstehen. Ein Übergang von der Mitte zu den Extremismen lässt sich mittels dieses Modells ebenfalls erfassen.10 Im Folgenden soll nun auf die Besonderheiten und Unterschiede des Rechts- bzw. Linksextremismus hingewiesen werden.

2.2. Rechtsextremismus

In der Wissenschaft existiert eine etablierte und differenzierte RechtsextremismusForschung, die von Vertretern diverser sozialwissenschaftlicher Disziplinen bedient wird und zu einer Fülle von Begriffen, Konzepten und Theorien führt.11 In der folgenden Untersuchung soll die Definition von Hans-Gerd Jaschke als Rahmen dienen. Nach ihm bezeichnet Rechtsextremismus die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassischen oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen.12

Diese Begriffbestimmung summiert die unterschiedlichen Ansätze sowie relevante, die Forschung leitende Fragen über den Rechtsextremismus und weist auf dessen unterschiedliche Dimensionen - Einstellungen und Verhalten - sowie deren Inhalte hin. Die Einstellung des Rechtsextremismus gegenüber dem Gleichheitsprinzip stellt ein grundlegendes Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Linksextremismus dar.13 Der Rechtsextremismus leitet aus den bestehenden ethnischen, geistigen und körperlichen Unterschieden der Individuen eine Ungleichwertigkeit der jeweiligen Menschen ab. Dies äußert sich etwa in „nicht näher begründeten Exklusivitätsrechten für die eigene ethnische Gruppe und damit zusammenhängenden Diskriminierung einer anderen, fremden ethnischen Gruppe.“14 Weitere ideologische Besonderheiten des Rechtsextremismus sind die Betonung von Nationalismus und Rassismus; die „jeweils eigene ‚Nation‘ oder eigene ‚Rasse‘ [wird] zum obersten Kriterium für Identität“15 erhoben. Antipluralistisches und identitäres Gesellschaftsverständnis sind zwar wichtige Elemente der rechtsextremen Ideologie, jedoch nicht ausschließlich auf den Rechtsextremismus beschränkt; sie finden sich auch - in einer anderen ideologischen Ausdrucksform - im Linksextremismus.

2.3. Linksextremismus

Der Linksextremismus stellt in der sozialwissenschaftlichen Forschung keinen dem Rechtsextremismus vergleichbaren, eigenen Forschungsgegenstand dar; jedoch werden einzelne Gesichtspunkte des Themenkomplexes von Revolutions-, Kommunismus-, Bewegungs- und Anarchismusforschung behandelt.16

Der in der Forschung nicht eindeutig bestimmte Begriff des „Linksextremismus“ vereint all jene Formen der Gegnerschaft zum demokratischen Verfassungsstaat, die einem radikal-egalitären Politikentwurf verpflichtet sind. Ideologische Grundlagen sind dabei der Kommunismus mit dem Streben nach Aufhebung sozial-ökonomischer Ungleichheit in einer „klassenlosen Gesellschaft“ und der Anarchismus mit dem Ziel der Beseitigung politischer Ungleichheit durch eine „herrschaftslose Gesellschaft“.17 Gemeinsam ist allen linksextremistischen Bestrebungen die Zielsetzung einer sozial homogenen Gemeinschaft.18 Um ihre Zielsetzung zu erreichen setzt dieses Spektrum politische Gewalt in erster Linie gegen die wirtschaftliche und politische Elite des Staates ein. Backes und Jesse machen „Berührungsängste vieler deutscher Sozialwissenschaftler gegenüber dem Thema ‚Linksextremismus‘“19 für die Forschungsdesiderate im Bereich der Untersuchung linksextremer Organisationen verantwortlich. Es fehlt an empirischen und organisationssoziologischen Untersuchungen sowie vergleichender Darstellungen, wie sie etwa im Bereich Linksterrorismus und Rechtsextremismus ausgiebig vorhanden sind.

In der Bundesrepublik Deutschland stellt die Bewegung der Autonomen den Großteil des militanten linksextremistischen Spektrums. Die Untersuchung linksautonomer Gruppierungen nimmt daher den ersten Teil der Analyse ein.

3. Analyse extremistischer Gruppen in der BRD

3.1. Die „Autonomen“

Ein Großteil der vom Verfassungsschutz registrierten linksextremistisch motivierten Gewalttaten geht seit Jahren von der Autonomen- Szene aus.20 Sie stellt eine militant auftretende jugendliche Subkultur dar, die sich aus organisatorisch ungebundenen Gruppierungen zusammensetzt; gelten doch feste Hierarchien und Strukturen als Ausdruck des abgelehnten autoritären Denkens. Zentrales Merkmal in ihrem Kampf für eine grundlegend andere Gesellschaftsordnung ist das Prinzip der Selbstbestimmung („Autonomie“).

3.1.1. Entstehung

Die Selbstbezeichnung „Autonome“ knüpft an die italienische „Autonomia Operaia“ („Arbeiterautonomie“) Ende der 1960er Jahre an. Diese Gruppe von jungen Fabrikarbeitern und Studenten grenzte sich bewusst durch Sabotageaktionen und Streiks von den etablierten Gewerkschaften und der Kommunistischen Partei ab.21 Die Wurzeln der deutschen Autonomen- Szene liegen jedoch in der Sponti-Bewegung der 1970er Jahre.

[...]


1 Vgl. Jesse, Eckhard, Formen des politischen Extremismus, in: Bundesministerium des Inneren (Hrsg.), Extremismus in Deutschland, Berlin 2004, S. 12.

2 Jaschke, Hans-Gerd, Politischer Extremismus, Wiesbaden 2006, S. 12.

3 Vgl. Kailitz, Steffen, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung, Wiesbaden 2004, S. 15.

4 Ebd., S. 15; in Anlehnung an Backes/Jesse, Klingemann/Pappi, Lipset/Raab.

5 Vgl. Kailitz, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, 2004, S. 15.

6 Vgl. ebd., S. 16.

7 Vgl. Pfahl-Traughber, Armin, Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, München 2000, S. 12.

8 Backes, Uwe/Jesse, Eckhard, Vergleichende Extremismusforschung, Baden-Baden 2005, S. 24.

9 Jascke, Politischer Extremismus, 2006, S. 31.

10 Vgl. ebd., S. 25.

11 Vgl. Winkler, Jürgen R., Rechtsextremismus. Gegenstand - Erklärungsansätze - Grundprobleme, in: Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.), Rechstextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Bonn 2000, S. 38f.

12 Jaschke, Hans-Gerd, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Begriffe, Positionen, Praxisfelder, Opladen 1994, S. 31.

13 Vgl. Pfahl-Traughber, Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, 2000, S. 14.

14 Ebd., S. 14.

15 Ebd., S. 15.

16 Vgl. Neugebauer, Gero, Extremismus - Rechtsextremismus - Linksextremismus: Einige Anmerkungen zu Begriffen, Forschungskonzepten, Forschungsfragen und Forschungsergebnissen, in: Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Eine Bilanz, Bonn, 2000, S. 23.

17 Vgl. Backes, Uwe, Linksextremismus im vereinten Deutschland, 2008, S. 1.

18 Vgl. Kailitz, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, 2004, S. 22.

19 Backes/Jesse, Vergleichende Extremismusforschung, 2005, S. 46.

20 Vgl. Backes, Uwe, Organisationen 2009, in: Backes, Uwe/Gallus, Alexander/Jesse, Eckhard (Hrsg.), Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 22, Baden-Baden 2010, S. 131.

21 Vgl. Schultze, Thomas/Gross, Almut, Die Autonomen. Ursprünge, Entwicklung und Profil der Autonomen, Hamburg 1997, S. 29f.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640899449
ISBN (Buch)
9783640899159
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170822
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
Schlagworte
extremistische gruppen extremismus rechtsextremismus linksextremismus autonome autonome nationalisten anarchismus nationalismus radikalismus

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