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Jeden Tag ein Buch: Der frühe Aufbau-Verlag

von Christine Gabriele Behm (Autor)

Hausarbeit 2009 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verlagsgründung

3. Etablierung des Verlages
3.1 Stellung zur SMAD
3.2 Materielle Bedingungen

4. Verlagsprogramm
4.1 Verlagsprogramm unter Wiegler/Wilhelm 1945 –
4.2 Verlagsprogramm unter Wendt/Schroeder ab

5. Ausblick

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen übersichtlichen Einblick in die frühen Jahre des Aufbau-Verlags 1945 – 1949 zu geben. Ein Verlag, der wie kein anderer einem steten Wandel unterlag und trotz unterschiedlicher Staatsformen nicht nur bis heute existiert, sondern auch sein angestrebtes Programm erhalten und ausbauen konnte. Hieraus leitet sich folgende These ab, die in der Hausarbeit beantworten werden soll: Ohne die Unterstützung der SMAD[1] wären Gründung, Etablierung und Erfolg des Aufbau-Verlags als größter belletristischer Verlag der Nachkriegszeit so nicht möglich gewesen. Das erste Kapitel behandelt folglich die Umstände der Verlagsgründung im Jahre 1945. Anschließend wird an Hand der Stellung zur SMAD und den materiellen Bedingungen auf die Etablierung des Verlages eingegangen. Das dritte Kapitel zeigt den Erfolg durch Darstellung der zwei Phasen des Verlagsprogramms der Zeit 1945 – 1949. Die Hausarbeit endet mit einem Ausblick auf das Programm ab 1949 und einer Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse.

2. Verlagsgründung 1945

Unmittelbar nach Kriegsende wird unter dem Namen Aufbau-Verlag GmbH, Berlin einer der größten belletristischen Verlage Deutschlands gegründet – mit einem enormen Produktionsumfang: Jeden Tag ein Buch[2]. Die Arbeit von Aufbau wurzelt auf sehr schlechten Startbedingungen, es fehlt an allem, Bücher scheinen nur von geringer Bedeutung. Dies zeigt Heinz Willmanns Zitat im Mai 1947 über die Verlagsgründung: „Sie dürfen doch nicht vergessen, daß das alles in Berlin 1945 geschah, in einer Stadt, in der die letzten Schüsse noch kaum verhallt waren, in der die wichtigsten Existenzgrundlagen für die Bevölkerung erst wieder hergestellt werden mußten.“ (Wurm 1995: 7). Der Journalist erklärt am 16. August 1945 zusammen mit Volkswirt Klaus Gysi, Verlagsbuchhändler Kurt Wilhelm und Verlagskaufmann Otto Schiele vor einem Berliner Notar, dass er „zum ‚Betrieb eines Buch- und Zeitschriftenverlages’ eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung unter der Firmenbezeichnung Aufbau-Verlag GmbH “ gründen will (Wurm 1997: 137). Initiator Johannes R. Becher, seit August 1945 Leiter des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands[3], ist bei den zuständigen sowjetischen Besatzungsoffizieren Bürge für die politische Richtung des Unternehmens (vgl. Wurm 1997: 137). Der Aufbau-Verlag ist folglich unmittelbar nach seiner Entstehung eng mit dem Kulturbund sowie der russischen Besatzungsmacht verbunden – dies zeigt auch Paragraph 4 des Gesellschaftsvertrages, der die Wahrung der Belange des Kulturbundes durch Veröffentlichung seiner Zeitschriften sowie der von ihm geförderten Buchproduktionen vorsieht (vgl. Wurm 1997: 137). Ein weiteres Beispiel sind die Verlagsziele: Das „alte nationale Erbe“ sowie die Literatur anderer Völker, vor allem der Sowjetunion, soll als Fundament für folgende junge Autoren bewahrt und die junge Generation gefördert werden (vgl. Wendt 1955: 13). Am Vorbild Russlands wird somit die nationale Einheit der deutschen Literatur angestrebt. Erste Geschäftsführer werden Kurt Wilhelm als Verlagsleiter und Otto Schiele als kaufmännisch-technischer Leiter[4], die bereits seit Anfang August an der Herstellung der ersten Titel arbeiten (vgl. Wurm 1997: 137). Am 18. August 1945 erhält der Aufbau-Verlag die sowjetische Lizenz zur Buchproduktion. Bereits einige Tage zuvor erteilt der russische Zensor Hauptmann J. Filippow die „Druckgenehmigung für Theodor Pliviers Roman Stalingrad sowie […] für die Broschüre Manifest und Ansprachen […] des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands “ (Wurm 1997: 137). Diese Werke besitzen bereits durch ihre Titel einen unmittelbaren Bezug zu Russland bzw. zum russlandkonformen Kulturbund und legen die politische Linie des Verlages öffentlich fest.

Die Bedeutung von Aufbau zeigt sich bereits am 19. September 1945: Eine Annonce fordert in mehreren Berliner Zeitungen die Zeitschriftenhändler zur Abholung der ersten Publikationen des Verlages auf, vermutlich der ersten deutschen Nachkriegswerke überhaupt (vgl. Wurm 1997: 137f). Sowohl das Manifest des Kulturbundes (70.000 Ex.) als auch Ausgabe 1 der kulturpolitischen Zeitung Aufbau (45.000 Ex.) besitzen enorme Startauflagen, die an Hand des Papiermangels nach dem Krieg Fragen zu den Produktionsbedingungen aufwerfen (vgl. Wurm 1997: 138). Denn trotz der schlechten Bedingungen[5] folgen bis Jahresende „zwei weitere Nummern der Zeitschrift und 11 Bücher mit einer Gesamtauflage von 264.000 Exemplaren“[6] von Autoren wie George Lukács, Johann Wolfgang Goethe und Heinrich Heine (vgl. Aufbau-Verlag). Ende 1946 liegen weitere „62 Erstauflagen und 45 Nachauflagen in rund 1,5 Mill. Exemplaren vor.“ (Wurm 1997: 138). Bereits die Gründungsjahre des Aufbau-Verlags sind somit sehr erfolgreich und begründen dessen späteren Erfolg. Auch die Beziehung mit dem Kulturbund ist intensiviert, am 30. März 1946 übernimmt der nun als eingetragener Verein voll gesellschaftsfähige Kulturbund e. V. die Gesellschaftsanteile an der Aufbau-Verlag GmbH (vgl. Wurm 1995: 119). Doch wie kann sich der Verlag trotz der fatalen Situation in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) unmittelbar nach Kriegsende so schnell etablieren?

3. Etablierung des Verlages

Die Probleme des Buchmarktes in der SBZ sind zahlreich und sollen hier nur kurz aufgeführt werden[7]: (1) Rohstoffknappheit, vor allem bezüglich Papier und Karton für Einbände.
(2) Bürokratischer Weg der Lizenzierung. Es wird eine Lizenz für den Verlag an sich, also quasi ein „Existenzrecht“, benötigt sowie eine Druckgenehmigung für jedes einzelne Werk. (3) Weiterhin schränkt die kommunistische Ideologie die Lizenzvergabe von Verlagen, Neugründungen sowie die Veröffentlichung bestimmter Werke ein. Dies bedeutet, dass nur parteitreue Verlage auf Dauer bestehen können und gefördert werden. Dem Aufbau-Verlag gelingt dies durch seine Stellung zur SMAD sowie den hervorragenden Beziehungen zu Lieferanten und Fabrikanten, die dieses Kapitel näher erläutern soll.

3.1 Stellung zur SMAD

Die Protektion durch die SMAD bedeutet eine enorme Unterstützung von russischer Seite für den frisch gegründeten Verlag: (1) Der Sowjetische Chefdiplomat Wladimir S. Semjonow erkundigt sich beim Generalsekretär des Kulturbundes und Gründungsgesellschafter Heinz Willmann nach den Plänen des Verlages und seinen leitenden Mitarbeitern und sagt anschließend Unterstützung zu[8]. (2) Major Tscheglow besorgt Verlag und Kulturbund „unter Ausschaltung des Alliierten Kontrollrates einen günstigen Kredit.“ (Wurm 1997: 138). (3) Die Zuweisung der Gewerberäume im ehemaligen Bankhaus Delbrück, Schickler & Co. wäre ohne russischen Einfluss nicht so schnell möglich gewesen[9]. (4) Die anfangs strenge Zensur durch Hauptmann Filippow wird vom Chef der Kulturadministration Alexander Dymschitz abgemildert: „Eigenhändig machte er dessen umfangreiche Streichungen in den Reden der Gründungskundgebung des Kulturbundes […] wieder rückgängig.“ (Wurm 1997: 138). Das Ziel des SMAD ist jedoch mit Hilfe des Kulturbundes eine Hausmacht im SBZ-Buchmarkt zu etablieren – der Verlag erhält hierfür finanzielle Unterstützung und ausreichende Druckpapiermengen, die nach dem Krieg schwer zu beschaffen sind (vgl. Wikimedia). Günther Weisenborns Berliner Requiem ist das einzig nachweisbare Buchverbot 1945/46, das selbst Bechers Einspruch bei der Besatzungsmacht nicht verhindern kann (vgl. Wurm 1997: 138f). Die geringe Zahl der Buchverbote direkt nach Kriegsende zeigt die Konformtreue des Verlages und dessen Bedeutung für die SMAD. Die Verlagsleitung besitzt noch ein Stück Spielraum.

3.2 Materielle Bedingungen

Nach der Einstellung der Buchproduktionen im totalen Krieg 1944 sowie dem generellen Verlagsverbot der Alliierten nach der Besetzung hat Aufbau mit erschwerten materiellen Bedingungen zu kämpfen, es ist „die Gunst der Stunde, die den Erfolg in sich [birgt]“ (Wurm 1997: 139). Neben dem erwähnten Papiermangel sehen sich besonders graphische Unternehmen nach Bergung der noch verwendbaren Produktionsanlagen mit einer sehr geringen Auftragslage konfrontiert, auch bei den Setzereien ist die Leistung größer als der Bedarf[10]. Die Besatzungsmächte sind „fast die einzigen Auftragsgeber, die für ihren Bedarf an Zeitungen, Flug- und Mitteilungsblättern allerdings nur bestimmte Anlagen [nutzen]“ (Wurm 1997: 139).

Dennoch ist Aufbau im Vorteil: (1) Die Verlagsleitung kann von SMAD, durch Eigeninitiative und „gute Beziehungen zu den ‚Lieferanten und Fabrikanten’ erstaunliche Mengen“ für sich sichern (Wurm 1997: 139). (2) Sämtliche Druckmaschinen sind für Buch- und zwei davon auch für Rotationsdruck verwendbar, somit sind dem Verlag große Möglichkeiten gegeben und er wird gegenüber anderen Verlagen bei der Zuteilung durch die SMAD bevorzugt[11]. Dies ändert sich erst 1947 mit der „Zulassung weiterer Buchverlage und Zeitschriften in allen vier Sektoren Berlins und der Ostzone“[12]: Durch Konkurrenz um Produktionskapazitäten und Papier verschlechtern sich die Produktionsbedingungen für den Aufbau-Verlag, vor allem bei Aufbau und Sonntag[13] kommt es zu Absatzschwierigkeiten (vgl. Wurm 1997: 139).

Zusammenfassend zeigt dies dennoch, dass Aufbau im Gegensatz zu anderen Verlagen in der SBZ – und auch in den anderen Besatzungszonen – durch Eigeninitiative, gute Beziehungen zu Lieferanten und Fabrikanten sowie die Hilfe der SMAD seine Stellung stark ausbauen kann und enorme Druckpapiermengen erhält. Weiterhin ist erkennbar, dass sich der Verlag vermutlich auch ohne russische Hilfe etabliert hätte, aber weniger erfolgreich oder zumindest mit der Produktion geringerer Druckauflagen bzw. wenigerer Werke.

[...]


[1] Sowjetische Militäradministration in Deutschland.

[2] Vgl. Wurm 1995: Klappentext.

[3] Ebd., S. 119.

[4] Vgl. Wurm 1995: 119.

[5] Vgl. 3. Etablierung des Verlages.

[6] Vgl. Wurm 1997: 138.

[7] Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Börsenblatt 1946/8, S. 66f. Frankfurter Ausgabe.

[8] Vgl. Wurm 1997: 138.

[9] Ebd., S. 138.

[10] Vgl. Wurm 1997: 139.

[11] Ebd., S. 139.

[12] Ebd., S. 139.

[13] Die Zeitschrift kann ab 1950 nur noch durch Subventionen aus den Gewinnen des Buchverlages bestehen.

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640901197
ISBN (Buch)
9783640901890
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170800
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Aufbau-Verlag Buch Buchhandel Nachkriegsdeutschland Verlage 1945 Nachkriegszeit Medienwissenschaft Buchwissenschaft

Autor

  • Christine Gabriele Behm (Autor)

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Titel: Jeden Tag ein Buch: Der frühe Aufbau-Verlag