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Erkenntnisquellen der "islamischen Soziologie" und Unterschiede zur westlichen Soziologie

Essay 2011 10 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

1 Einfuhrung

Die Vermutung liegt nahe, dass die westliche Soziologie in einiger Hinsicht anders „funktioniert" als die morgenlandische, denn alle Gesellschaften fuhren bestimmte Theorien, denen gemaR sie ihr Handeln bestimmen. Es gibt so gut wie kein theorieloses Handeln.[1] In der Soziologie stand schon fur die „Klassiker fest, dass die westlichen Gesellschaften einen eigenstandigen Typus menschlichen Zusammenlebens darstellen."[2] Zudem wird die Frage, was die Soziologie sei, unbeantwortet bleiben.[3] „Fruchtbarer als die Suche nach einer allgemeingultigen Definition der Soziologie ist das Auffinden von ,Brennpunkten soziologischer Theorien', also Kernfragen, um deren Losung soziologische Erklarungsmuster bemuht sind."[4] Um die Klarung dieser Kernfragen geht es auch der islamischen Soziologie. Dabei verwendet sie besondere Methoden, gleichwohl in einiger Hinsicht westliche und islamische Soziologie jedoch auch mit gleichem Verstandnis arbeiten. Die Unterschiede entstehen moglicherweise dadurch, dass unterschiedliche Erkenntnisquellen herangezogen werden. Anhand einiger Beispiele soll vorgelegt werden, dass im Morgenland anders beobachtet und durch bestimmte, mittels Religion gesteuerte Vorannahmen anders gewertet wird. Dennoch setzt die islamische Soziologie auch identische Erkenntnismethoden ein. Auch hier soil mit Bespielen Klarheit geschaffen werden. Die Hauptaufgabe dieser Arbeit besteht darin, mogliche Grunde fur diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten vorzulegen.

Dazu mochte sie die Wissensquellen des Islam vorstellen und ggf. einen Vergleich der beiden Systeme aufstellen. An sich ist die Fragestellung allumfassend und nicht nur auf die Soziologie eingegrenzt. Dennoch spezialisiert sich diese Arbeit anhand der Beispiele auf die Soziologie. Nach Auffassung des Autors sind es die Wissensquellen, auf deren Basis unterschiedliche soziologische Gegebenheiten erkannt und interpretiert werden.

2 Erkenntnisquellen bzw. -theorien

Durch unterschiedliche Erkenntnisquellen werden die Problemfelder der Soziologie verschieden ausgewertet. Im islamischen Gedankengut bildet die prophetische Oberlieferung (Sunna bzw. Hadith) eine Wissensquelle fur die Theologie. Viele islamische Soziologen behaupten, dass sie auch fur die Soziologie, also fur die Analyse der Gesellschaft, eine Wissensquelle darstelle. Demnach konnte folgender Fall entstehen: Es bestehen einige prophetische Oberlieferungen, deren Authentizitat durch Theologen zwar zunehmend hinterfragt, aber von Laien wie muslimischen Soziologen als nicht kritisierbare Quelle fur die Analyse der Gesellschaft angesehen werden. Darunter fallt beispielsweise eine Aussage, die dem Propheten in den Mund gelegt wurde, dass die zunehmende Homosexualitat ein Zeichen fur das Ende der Welt sei.[5] Demnach konnten islamisch gepragte Soziologen durch Einsetzen dieser Wissensquelle zu dem Schluss kommen, dass die zunehmende Homosexualitat gesellschaftlich negativ zu bewerten sei. In der westlichen Soziologie wurde diese Beobachtung ganz anders bewertet werden. Hinzuzufugen ist zudem, dass dieses Beispiel einen Extremfall darstellt. Dennoch lautet die Frage: Wie entsteht diese unterschiedliche Betrachtungsweise? Allein die Werkzeuge, die eingesetzt werden, um die Gesellschaft zu analysieren, sind ausschlaggebend. In diesem Fall sind es die Hadithe, also die Ausspruche des Propheten, welche die Sicht der Muslime auf die Gesellschaft beeinflussen. Die Treue gegenuber diesen Quellen macht auch die Staatsform aus: „Der Islamische Staat ist religiosen Ursprungs und hat weder ethnische noch geographische Grenzen; seine Gesetze bezieht er aus dem Koran, der Sunna, dem Kiyas und dem Konsensus der Glaubigen".[6] Dennoch spielt die Vernunft keine minderere Rolle als die Quellenbezogenheit. Selbst in der Utopica Islamica des Sozialphilosophen al-Farabi (ca. 870-950) kommen die kosmopolitische Sicht und die ethische-islamische Perspektive und Lebensauffassung zum Ausdruck. Mit dieser Vision nahm al-Farabi die Idee von Augustin auf, aber im Unterschied zu ihm betonte er die Rolle der Vernunft in seinem Staat.[7] Die Balance zwischen Quellentreue und Vernunft ist ein Merkmal der islamischen Geistigkeit.

Dem Westen ist dieses Phanomen nicht fremd, wenn man bedenkt, dass Schriften von Weber oder Comte von vielen Soziologen als absolute MaRstabe eingesetzt werden, auch wenn diese empirisch nicht nachgewiesen wurden. „Comte, der als Erster die Bezeichnung ,Soziologie' verwendete, verstand die neue Disziplin als ,soziale Naturwissenschaft'. Er pladierte dafur, die soziale Wirklichkeit durch Beobachtung, Experimente und vergleichende Methoden zu erforschen."[8] Diese konnen wir als die Quellen der Soziologie benennen. Aber auch die Theorie selbst ist fur Comte eine Quelle der Sozialwissenschaften. Nach Comte ist die Empirie ohne Theorie nicht moglich.[9]

Soziologinnen oder Soziologen fangen in ihrer Arbeit nie bei null an, sondern stehen immer in einer Tradition - haufig bewusst, indem sie an die Klassiker anknupfen, haufig aber auch unbewusst, weil bestimmte Argumentationsfiguren fast automatisch in ihr Denken eingegangen sind.[10]

[...]


[1] Biermann, Soziologie, UTB Reinhardt, Munchen, 2006, S. 18.

[2] Stark und Lahnusen, Theorien der Gesellschaft, Oldenbourg-Verlag, Oldenburg, 2002, S. 12.

[3] Morel, Soziologische Theorien, Oldenbourg-Verlag, Munchen, 2007, S. 1.

[4] Morel, Soziologische Theorien, Oldenbourg-Verlag, Munchen, 2007, S. 1.

[5] Gumushanevi, Ramuz El-Ehadis,Pamuk Yayincilik, Istanbul, 2008, S. 448.

[6] Irabi, Abdulkader, Arabische Soziologie, Wissenschaftlicher Buchverlag, 1989, Darmstadt, S. 33.

[7] Irabi, Abdulkader, Arabische Soziologie, Wissenschaftlicher Buchverlag, 1989, Darmstadt, S. 34.

[8] Atteslander, Peter, Methoden der empirischen Sozialforschung, Erich-Schmidt-Verlag, 11. Auflage, Berlin, 2006, S.9.

[9] Atteslander, Peter, Methoden der empirischen Sozialforschung, Erich-Schmidt-Verlag, 11. Auflage, Berlin, 2006, S.9.

[10] Treiber, Annette, Einfuhrung in soziologische Theorien der Gegenwart, 7. Auflage, Wiesbaden, 2006, S. 12.

Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640898473
ISBN (Buch)
9783640898442
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170795
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Kultur- und Religionssoziologie
Note
Schlagworte
erkenntnisquellen islamische Soziologie Islam Soziologie islamische Studien islamische Theologie

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Titel: Erkenntnisquellen der "islamischen Soziologie" und Unterschiede zur westlichen Soziologie