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Der Informationsweg vom Kurzeitgedächtnis zum Langzeitgedächtnis

Hausarbeit 2010 19 Seiten

Psychologie - Kognitive Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Kurzzeitgedächtnis
1.1 Das Modal Model
1.2 Kapazität
1.3 Kodierung
1.3.1 Akustischer Code
1.3.2 Visueller Code
1.3.3 Semantischer Code

2. Das Arbeitsgedächtnis

3. Das Langzeitgedächtnis
3.1 Arten des Langzeitgedächtnis
3.2 Speicherung im LZG
3.3 Biochemische Reaktionen
3.4 Informationsbeschaffung

4. Praxisbezug im Bereich des Innovationsmanagments..

Literaturverzeichnis

1. Das Kurzzeitgedächtnis

Anzusiedeln ist das Kurzzeitgedächtnis ( oder das „unmittelbare“ Gedächtnis) zwi- schen den Rezeptoren, welche eine enorme Anzahl von Reizen aus der Umwelt auf- nehmen, und dem Langzeitgedächtnis (LZG). Im Vergleich zu anderen Gedächtnis- zentren ist das Kurzzeitgedächtnis (KZG) klein im Hinblick auf seine Aufnahmekapa- zität, jedoch riesig in seiner Bedeutung. Die heutige Wissenschaft ist sich größten- teils einig, dass die Reize der Umwelt primär im KZG verarbeitet werden. Ein im Jah- re 1959 von Loyd Peterson und Margaret Intons-Peterson durchgeführtes Experi- ment brachte bahnbrechende Ergebnisse zu Tage: Zuvor ausgesuchte Versuchsper- sonen sollten eine Gruppe von drei Buchstaben lesen und wurden nach unterschied- lichen Zeitspannen darum gebeten, diese aus ihrem Gedächtnis abzurufen. Um zu verhindern, dass die Probanden die Buchstabenfolgen wiederholen konnten, zählten sie in Dreierschritten von einer dreistelligen Zahl ausgehend rückwärts, welche ihnen nach der Gruppe von drei Buchstaben beispielsweise folgendermaßen präsentiert wurden:

- Versuchsleiter sagt: FRG/476
- Versuchsperson antwortet: 476, 473, 470 usw.

Ergebnis dieses Experiments war, dass die Abrufmenge erheblich schwindet, wenn den Probanden keine Möglichkeit zur Wiederholung gegeben wird. Dieser Sachverhalt ließ darauf schließen, dass es dem Menschen möglich ist, Informationen in einem Gedächtnissystem abzuspeichern, diese jedoch ohne Wiederholung aus dem Gedächtnis verschwinden. Somit erhielte man erste Ansatzpunkte, dass ein vorübergehendes Gedächtnis (KZG) existieren muss, welches sich in seinem Charakter erheblich von einem permanenten Aufbewahrungsort für Informationen (LZG) abhebt1. Bevor dieses Experiment durchgeführt wurde, war die Mehrheit der Wissenschaftler der Ansicht, dass der Unterschied zwischen KZG und LZG nur in psychologischen Begrifflichkeiten und neurologischer Strukturen läge.

Aktuellere neurophysiologische Befunde deuten daraufhin, dass sich innerhalb des menschlichen Gehirns ein getrennter Gedächtnisspeicher befindet.2 Zu diesem Schluss kam unter anderem Brenda Milner, welche klinische Patienten mit körperli- chen Traumas oder auch Hirnverletzungen untersuchte. Der bekannteste Fall ist der von H.M., welcher unter einer schweren Epilepsie litt. Nach einer gründlichen medizi- nischen Untersuchung wurde eine bilaterale chirurgische Exzision der medialen Temporalregion durchgeführt. Mit Hilfe dieses Verfahrens wurde dem Patienten also Teile des Temporallappens sowie des Hippocampus entfernt. Nach diesem Eingriff verbesserte sich zwar die Epilepsie, jedoch konnte er anscheinend keine neuen In- formationen im LZG mehr abspeichern, während sein KZG jedoch nicht beeinträch- tigt war. So konnte er sich an Zahlenreihen erinnern, welche ihm für einen kurzen Augenblick präsentiert wurden, an Namen und Gesichter, die er regelmäßig sah je- doch nicht. Aus diesen klinischen Untersuchungen lässt sich der Schluss ziehen, dass die Hirnregion des Hippocampus einen temporären Aufbewahrungsort für das LZG darstellt. Wie diese Informationen jedoch gespeichert und verarbeitet werden ist immer noch weitgehend ungelöst.3

1.1 Das Modal Model

Konzipiert wurde dieses Modell von Richard Atkinson und Richard Shiffrin welches versucht, die grundlegenden Prinzipien des Gedächtnisses zu erläutern. Darüber hinaus gelang es den Forschern eine Erklärung darüber zu geben, warum wir uns z.B. eine Telefonnummer lange genug merken können um einen Anruf zu tätigen, sie anschließend jedoch nicht mehr gespeichert ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Das Modal Model

Aufgeteilt ist dieses Modell in drei Hauptteile:

- Sensorisches Gedächtnis: Speichert jegliche eintreffende Information der Umwelt für Sekunden bzw. Bruchteilen von Sekunden
- KZG: Speichert ca. sieben Objekte für einen Zeitraum von 15-30 Sekunden
- LZG: Speichert eine große Datenmenge für einen langen Zeitraum

Atkinson und Shiffrin beschreiben das Gedächtnissystem als eine Art von Kontroll- prozess, indem wir versuchen, Strategien zu entwickeln, um uns eine Telefonnum- mer für einen kurzen Zeitraum merken zu können. Die häufigste auftretende Strate- gie ist es, sich die Nummer durch Wiederholungen einzuprägen. Desweiteren ist es möglich mit Hilfe des Kontrollprozesses, die Telefonnummer in Beziehung mit dem Datum eines historischen Ereignisses zu setzen. Im Detail bedeutet dies: Ließt man die Telefonnummer im Telefonbuch, so landet diese Information im sensorischen Gedächtnis. Mit Hilfe des Kontrollprozesses, lässt sich die Information im KZG ab- speichern. Nachdem der Anruf erfolgreich getätigt wurde, vergessen wir die zuvor gelernte Telefonnummer jedoch wieder, da die Information nicht ins LZG transferiert wurde. Wie dies funktionieren kann wird später im Abschnitt des Langzeitgedächtnis- ses dargestellt. Um jedoch Informationen des LZG abrufen zu können, spricht man von einer Bereitstellung (retrieval), da sie vom LZG bereitgestellt werden müssen, damit die Information wieder ins KZG transportiert werden kann.

1.2 Kapazität

Wie bereits zuvor geschildert, ist die Informationsmenge welche abgespeichert wer- den kann im KZG sehr klein im Gegensatz zum LZG. Basierend auf folgendem Zitat des Philosophen Sir William Hamilton:“Wenn man eine Hand voll Murmeln auf den Boden wirft, wird man es als schwierig empfinden, mehr als sechs oder höchstens sieben auf einmal zu betrachten, ohne sie durcheinander zu bringen“, wurden weite- re Experimente entwickelt. So laß Jacob im Jahre 1887 eine Reihe von Zahlen laut, ohne eine festgelegte Reihenfolge, vor und bat seine Probanden so viele Zahlen auf- zuschreiben, an die sie sich erinnern. Das Ergebnis war verblüffend: Die maximale Anzahl an die sich die Versuchspersonen erinnern konnten betrug etwa sieben. Wei- tere Experimente aus dem 20. Jahrhundert untermauerten dieses Ergebnis und es lässt sich festhalten, dass das unmittelbare Gedächtnis auf ca. sieben Einheiten be- grenzt ist. Unter der Betrachtungsweise, dass eine Reihe von Buchstaben weniger inhaltliche Informationen als eine Kette von Wörtern, z.B. Auto, Kleid, Computer usw. enthalten, klingt die Kapazität unseres Gehirns paradox. Ausweg aus dieser Misere bot George Miller, welcher ein Modell postulierte, indem einzelne Buchstaben jeweils einzelne Informationsteile repräsentieren und auf diese Weise jeder einzelne Buchstabe einen der sieben freien Plätze ausfüllt.4 Solche Buchstaben, welche zu- sammen ein Wort ergaben, wurden in eine Worteinheit „gechunkt“, welche einen frei- en Platz im KZG besetzte. Durch diese Kodierung der Buchstabenfolgen in Wortein- heiten wurde also die höhere Kapazität des KZG erreicht. Somit lässt sich festhalten, dass obwohl unsere unmittelbare Gedächtniskapazität auf sieben Items begrenzt zu sein scheint, erweitert das Chunking (oder die Kodierung einzelner Einheiten in grö- ßere Einheiten) diese enorm. Chunking liefert also eine Erklärung, wie eine große Menge von Informationen im KZG verarbeitet werden kann. Ohne diese Kodierung würde es sonst zu einem Engpass innerhalb der Sequenz der Informationsverarbei- tung kommen. Zum chunken kann es jedoch nur kommen, wenn bestimmte Informa- tionen im LZG aktiviert sind. Passen die neuen Informationen der Umwelt zu ihrer Repräsentation im LZG, lässt sich scheinbar mit dem menschlichen Wissen zusam- menhangloses Material strukturieren.5 So demonstrierten Bower und Springston im Jahre 1970 die Verbindung zwischen Chunking und dem LZG, indem Probanden ei- ne Buchstabenfolge lesen mussten um diese dann aus dem Gedächtnis abzurufen. Unter der Bedingung (A) wurden Buchstaben gelesen, welche keine wohl bekannte Gruppe bildeten (und somit nicht im LZG vorhanden waren). Unter einer Bedingung (B) wurden bekannte Gruppen vorgelesen:

- Bedingung (A): DTW...M...AIB...FB...IPH
- Bedingung (B): TWA...IBM...FBI...PHD

Bedingung (B) wurde also nach dem Prinzip der Abkürzungen gruppiert, welche den amerikanischen Studenten wohl bekannt sind. Dies gestattet den Versuchspersonen, in ihrem mentalen Lexikon „nachzusehen“ und dadurch die Buchstaben in einem Chunk zu enkodieren. Aus diesem Experiment ließ sich zudem schließen, dass die Kapazität des KZG zwar auf sieben Einheiten begrenzt zu sein scheint, die Dichte der Information jedoch in einer Einheit sehr große Variationen aufweisen kann.6 Ab- schließend lässt sich also festhalten, dass das KZG nicht auf ca. sieben Items, son- dern auf sieben Chunks beschränkt ist.

Jedoch nicht nur die Kapazität des KZG ist beschränkt, sondern auch die Dauer, in welcher wir Informationen dort abspeichern können. Mit Hilfe von Experimenten, durchgeführt von Peterson und Peterson, fand man heraus, dass die durchschnittliche Dauer auf ca. 15-20 Sekunden beschränkt ist.

1.3 Kodierung

Innerhalb der Wissenschaft sind in den letzten Jahren mehrere Theorien aufgestellt worden, wie die Kodierung innerhalb des KZG vonstattengeht. Zu den Grundpfeilern der Kodierungstheorie gehören die akustische, die visuelle und die semantische Kodierung, welche im folgenden vorgestellt werden.

1.3.1 Akustischer Code

Obwohl aktuelle Studien auf eine gewisse Überlappung zwischen den Codes hindeu- ten, scheint die akustische Kodierung innerhalb des KZG deutlich zu überwiegen. Ein Beispiel aus dem Alltag soll dies verdeutlichen: Wenn wir für eine gesuchte Telefon- nummer z.B. die Auskunft anrufen, so wird uns die Nummer mitgeteilt. Falls wir keine Möglichkeit zur Mitschrift haben, versuchen wir mit großer Wahrscheinlichkeit diese für uns selbst bzw. laut zu wiederholen. Bei diesem Vorgang handelt es sich um eine Übung zur Aufrechterhaltung der akustischen Repräsentation von Ziffern in unserem KZG. Suchen wir die Nummer im Telefonbuch, was einen visuellen Reiz darstellt, so werden wir wahrscheinlich in der gleichen Weise die Nummer akustisch wiederholen. Somit lässt sich an dieser Stelle festhalten: Wie auch immer eine Information reprä- sentiert sein mag, die Speicherung im KZG scheint eine akustische zu sein. Eines der bekanntesten Experimente zu dieser Thematik wurde von R. Conrad in den Jah- ren 1963, 1964 durchgeführt. Er fand heraus, dass Fehler des KZG weniger auf der Basis visueller, sondern eher auf Basis akustischer Charakteristika gemacht wurden. Obwohl viel dafür spricht, dass das KZG von seiner Eigenart etwas akustisches ist, findet man weitere vielversprechende Theorien, welche sich mit der Kodierung im KZG auseinandersetzen.

1 Gage, N. L., Berliner, C. D. (1996). S. 283

2 Solso, R. L. (2005). S.181

3 Hartje, W., Poeck, K. (2006). S.256

4 Solso, R. L. (2005). S.185

5 Goller, H. (2009). S. 107

6 Bower, G. H. (1987). S.29

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640897285
ISBN (Buch)
9783640897360
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170744
Institution / Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,3
Schlagworte
informationsweg kurzeitgedächtnis langzeitgedächtnis Arbeitsgedächtnis

Autor

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Titel: Der Informationsweg vom Kurzeitgedächtnis zum Langzeitgedächtnis