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Der Künstler als Freund oder „Verräter“ – van Gogh/Gauguin

Zur problematischen Begegnung von Vincent van Gogh und Paul Gauguin in Arles

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 36 Seiten

Kunst - Bildende Künstler

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung - Vorgeschichte

2. Vorbereitung einer Künstlergemeinschaft
2.1 Historischer Exkurs: Freundschaft unter Künstlern
2.2 Begegnung in Paris - Vorbereitung einer Freundschaft
2.3 Austausch von Ideen
2.4 Hilfe als Zeichen der Freundschaft
2.5 Das Gelbe Haus
2.6 Unerträgliche Einsamkeit

3. Die Gemeinschaft als Meisterstreich
3.1 Geschäft geht vor
3.2 Ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann
3.3 Pokerspiel auf beiden Seiten
3.4 Der zarte Beginn einer Künstlergemeinschaft

4. Das Zusammenleben auf einem Vulkan
4.1 Gauguins Ankunft und erste Zeichnen von Wettbewerb
4.2 Die Farbe Gelb
4.3 Sternstunde und Krise
4.4 Erneute Zusammenarbeit mit dem „Verräter“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung - Vorgeschichte

Vincent kommt in Arles an, nachdem er fluchtartig Paris verlassen hatte. Das flucht- artige Abreisen überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass Paris aus ihm beinah einen Trinker gemacht hatte. Er war sich für die Arbeit nicht zu schade und wurde in Folge extensiven Malens und der daraus resultierenden Erschöpfung noch physisch krank.1 Mit anderen Worten war Vincent kaputt, fühlte sich todunglücklich und beschloss kur- zerhand abzureisen. In Arles suchte er vor allem eine Zufluchtsstätte, um seine „psychi- sche Krise“2 zu überwinden, die den Ursprung im übermäßigen Trinken und dem Um- gang der Künstler der Metropole untereinander hatte. Die Malerfreunde enttäuschten ihn, wo er sich doch so danach sehnte, unter ihnen zu leben. Vincent klagte über den gänzlich fehlenden Gemeinschaftsgeist unter den Künstlern, die sich zu allem Überfluss bekrittelten und sich gegenseitig die Augen auskratzten3 - „ein Glück nur, dass es ihnen nicht gelingt, sich gegenseitig umzubringen!“4 Zudem anerkannte die impressionistische Malergruppe Vincent nicht als einen von ihnen, was ihm zusätzlich viel Kummer bereitete. Am eindringlichsten wurde diese Ablehnung durch Cézanne kundgetan: „Er malt wie ein Verrückter.“5 Die Ablehnung steigerte in Vincent zusätzlich das Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein. Paris erschien ihm als eine „Art Friedhof, wo viele Künstler zugrunde gehen.“6

Von Arles versprach sich Vincent außerdem Licht und Sonne in seine Bilder zu bringen, etwas, das ihm Paris nur bedingt bieten konnte. Konkret trachtete Vincent da- nach, zu einem unverwechselbaren malerischen Stil zu kommen und unter anderem sein Farbgefühl weiterentwickeln zu können. Und noch mehr brannte er darauf der Land- schaft Cézannes und derjenigen der japanischen Holzschnitte zu begegnen.7

Arles bescherte Vincent ein weiteres ungewolltes Phänomen, die Isolation. Ent- täuscht über die Tatsache, dass es in Arles keine Kunstliebhaber gab, zog er sich zurück und konzentrierte sich auf seine Arbeit. Enttäuscht resümierte er; „aber bisher bin ich keinen einzigen Zentimeter ins Herz der Menschen eingedrungen (…) so vergeht eine lange Reihe von Tagen, ohne dass ich auch nur mit einem einzigen Menschen spreche, außer, dass ich mein Essen bestelle oder einen Kaffee (…) bisher hat mich die Einsamkeit freilich nicht sehr gestört, weil mich das stärkere Son- nenlicht (…) so stark gefesselt hat.“8 Vincents Einsamkeit ist gewollt, ein Verlangen nach Freunden und Kollegen verspürte er nicht, denn die Erinnerung an die Pariser Zeit war allgegenwärtig gewesen. Die Hektik der beiden letzten Jahre, all die vielen Künstlerkol- legen mit ihren hitzigen Theorien, Diskussionen und Debatten über Kunst sorgte ja gerade dafür, dass Vincent schlagartig aus Paris flüchtete. Der Rummel von Paris wurde ihm zu viel.9 Die intensive Arbeit an seinen Bildern in den ersten Wochen von Arles ver-schaffte Vincent ein Gefühl von Ablenkung, sodass er sein Leiden verdrängen konnte. Er verschaffte sich durch den Arbeitsrausch das Gefühl über seine Krankheiten, seine Armut, gesellschaftliche Missachtung, Isolierung und Einsamkeit hinwegzuschweben. Aber die Arbeit konnte ihm nicht helfen, er dachte nach wie vor zu viel über seine miss-liche Lage nach und erklärte: „Wenn der Sturm im Inneren zu arg wütet, trinke ich ein Glas über den Durst, um mich zu betäuben.“10 Auf diese Weise versuchte er seine Ängste, nervliche Überspanntheit, innere Konflikte und vor allem seine Einsamkeit zu bekämpfen. Die gleiche Strategie wandte Vincent auch in Paris zuvor an. Was jetzt für ihn zur Tortur wird, ist die unerträgliche Einsamkeit und die aus dieser Einsamkeit entstandene Sehn-sucht nach menschlicher Nähe und Wärme.11

Zudem spürte Vincent wieder das Leben in der neuen Umgebung, dieses gestei- gerte Lebensbewusstsein erfüllte ihn so stark, dass er es nicht für sich alleine behalten konnte, er musste es anderen Menschen mitteilen. Das Malen war in seinen Augen nur ein „kümmerlicher Ersatz für das wirkliche Leben.“12 Das wirkliche Leben bestand für ihn aus Familie und Kindern. Aber nun ersetzte die Malerei das wirkliche Leben und Vincent begann darüber nachzusinnen, wie er Komponente des wirklichen Lebens in sein Dasein einflechten konnte. Er dachte an eine Gemeinschaft von Malern, die alle unter einem Dach wohnen und arbeiten würden. Sie würden in seinem zuvor angemiete- ten Gelben Haus, dem „Haus der Freunde“ beheimatet sein.13 Auf diese Weise entstand der Plan eines gemeinsamen Künstlerlebens. In diesem Haus wollte Vincent nicht nur an seinen Werken arbeiten, sondern auch „leben“, gemeinsam leben mit anderen Künst- lern. „Wenn jeder für sich alleine lebt, lebt man wie ein Verrückter oder Verbrecher“14 fügte er hinzu. Um den Anfang zu machen, eine Gemeinschaft von Malern um das Gel- be Haus zu versammeln, setzte Vincent auf Paul Gauguin, den er einlud, mit ihm in Ar- les zusammenzuleben. Dieser zögerte lange und kam schließlich, um nach nur acht Wo- chen den Plan mit Vincent zusammenzuleben aufzugeben und für gescheitert zu erklä- ren. Der Plan einer Künstlergemeinschaft zwischen den beiden Menschen, zwischen den beiden „kochenden Vulkanen“,15 ging in die Brüche, aber offenbar nicht ihre Freund- schaft. Deshalb ist es an dieser Stelle angebracht, nach der Bedeutung dieser Freund- schaft für Vincent und Gauguin zu fragen, denn die Beziehung der beiden Maler be- schränkte sich nicht nur auf eine bloße Künstlerfreundschaft im Sinne der Zeit des 19. Jahrhunderts, also auf eine Interessenfreundschaft. Sie war wesentlich mehr. Die Beziehung war zu facettenreich, als dass man sie einfach Freundschaft nennen könnte. Warum verbanden sich zwei charaktergegensätzliche Maler - die sich vor allen Dingen kaum kannten und erbitterte Konkurrenten hätten sein können - um gemeinsam unter einem Dach weitab vom Zentrum der Kunst, der Stadt Paris, zusammenzuarbeiten und zu leben? Warum dieser Schicksalsschlag, wie kamen sie zusammen und was sollte damit bezweckt werden? War Gauguin gar der falsche Freund?

2. Vorbereitung einer Künstlergemeinschaft

2.1 Historischer Exkurs: Freundschaft unter Künstlern

Im Leben der Künstler des 19. Jahrhunderts nahmen Freundschaftsverhältnisse eine existentielle Bedeutung ein. Das ganze Jahrhundert, aber auch die Geschichte der mo- dernen Kunst, war gezeichnet von persönlichen Freundschaften. Künstlergruppen, Le- bensgemeinschaften von Künstlern, Literaturzirkel, Salons und andere Formen spielten eine wichtige Rolle. Der unbändige Wunsch nach Freundschaftsverhältnissen und nach Vergemeinschaftung resultierte aus den Lebensbedingungen der Künstlerexistenzen. Vor allem die Impressionisten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt16 und waren somit materieller Armut, Missachtung und vor allem Isolation ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, warum Freundschaftsverhältnisse zwischen Künstlern so eine eminente Rolle einnehmen.17 Die Freundschaft unter Gleichgesinnten, die Freundschaft zwischen Künstlern ermöglichte „die Abwendung der Gefahr sozialer Vereinsamung und zugleich eine Vergemeinschaftung auf der Grundlage gegenseitiger Unter- stützung, Anerkennung und Wertschätzung der Persön- lichkeit und der Leistung der Beteiligten.“18

Neben Künstlerfreundschaften zwischen einzelnen Künstlern war eine Form sehr verbreitet, die Form der Künstlergemeinschaft. So entstanden zum Ende des 19. Jahrhunderts Künstlerkolonien und Künstlergemeinschaften in einer Anzahl, die es bis dahin nicht gegeben hat. Die persönliche, gute, auf Zeit gewachsene Künstler- freundschaft unterschied sich allerdings von der Vereinigung der Künstler zu einer Künstlerfreundschaft darin, dass „deren Bindendes nicht allein das gemeinsame Berufs- interesse“19 war. Oft trugen Künstlergemeinschaften den Charakter von Interessengemeinschaften.

2.2 Begegnung in Paris - Vorbereitung einer Freundschaft

Die Grundlage für die enge Beziehung zwischen Vincent und Gauguin lieferte erst der Umstand, dass Gauguin sich mit den Neoimpressionisten entzweit hatte, damit gänzlich außerhalb der avantgardistischen Szene stand20 und Vincent sich von der impressionisti- schen Malergruppe ausgegrenzt fühlte, sodass die beiden Maler - u. a. mit Anquetin und Henri de Toulouse-Lautrec - der losen Gemeinschaft angehörten, die sich als Gruppe des „kleinen Boulevard“ bezeichnete.21 Das Fehlen der Korrespondenz aus der Pariser Zeit zwischen Vincent und Gauguin macht es schwer zu erfahren, was die Be- gegnung mit Vincent für Gauguin bedeutete, allerdings lässt sich mit großer Sicherheit sagen, dass Gauguin, der nach einem Kunsthändler Ausschau hielt, vorrangig an Theo van Gogh interessiert war,22 der für ihn als Käufer und Verkäufer seiner Bilder „ein Geschenk des Himmels war.“23 Ebenso ist es schwer nachzuprüfen, wie intensiv die Beziehung Vincents zu Gauguin in der Pariser Zeit war, auch nicht welche Meinung Gauguin zu den Arbeiten seines neuen Freundes hatte, lediglich die Überlieferung einer Bemerkung Gauguins ist erhalten geblieben, der zufolge Vincent über ein „kühnes Au- ge“24 verfüge. Auf diese Weise war Vincent als Maler zwar interessant für Gauguin, aber im persönlichen Umgang siedelte er ihn unter seiner Würde an.25 Das größere Inte- resse galt entschieden Theo. Auf der anderen Seite kann man mit Gewissheit sagen, dass Vincent wesentlich größeres Interesse und Sympathie für Gauguin hegte als Theo. Seine Hochschätzung ging so weit, dass er beschloss mit ihm Arbeiten auszutauschen.26 Vincent war von der Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit der Werke Gauguins so überzeugt, dass er sogar die Werke anderer Freunde wie der Bernards und Lautrecs, die er so schätzte und bewunderte, hinter die von Gauguin einreihte. Gauguins Werke über- schatteten in der Wirkung alles bis dahin Gesehene.27

Was die Brüder van Gogh noch mehr begeisterte, war die Form von Kunst, die an Millet erinnerte, der für sie zu den „Fixsternen der modernen Kunst“28 gehörte. Beim Anblick der „Negresses“29 sprach Theo von der „seltsamen Poesie“ und erklärte deren Wirkung, indem er Monet als Kontrastfolie benutzte: „Monet … malte diese wundersamen Naturszenen, aber man muss selbst glücklich und gesund sein, um sie genießen zu können, denn sonst könnte einem manchmal der Gedanke kommen oh, ich wäre doch viel glücklicher, wenn ich nur dort sein könnte.“30 Allerdings verfehlten Monets Visionen die Wirkung bei Menschen, die am Rande der Gesellschaft standen oder sich aus derselben ausgeschlossen fühlten. Monets Bilder lösten im Menschen bestimmte Gefühle aus, die die Natur auch selbst hervorrief, Gauguin hingegen ahmte die Natur nicht nach, sondern gestaltete diese in seinem Kopf neu, er verarbeitete in seinem Geist die Wirkung, die die Natur auf ihn hatte und ver- wandelte sie „in etwas, das die Natur transzendiere und dadurch allgemeinere Legitimi- tät gewinne.“31 Vincent und vor allem Theo entdeckte einen Maler, der größer zu sein schien, als alle dachten, und ihr Geschäftssinn bescheinigte Gauguin eine große Zukunft. Es galt diesen großen Künstler zu begleiten, ihm zu helfen und an seiner Zukunft teilzu- haben. Seine Kunst würde in Zukunft „von jedem verstanden, weil die von ihm verkün- dete Poesie so kraftvoll ist, dass Alt und Jung gleichermaßen daran Gefallen finden.“32

Vincent erkannte in Gauguin aber noch etwas anderes, etwas das ihn vollends in den Bann dieses Malers zog. Er erkannte jede Menge Übereinstimmungen im Lebens- weg seines Freundes mit sich selbst. Gauguin war ein Mensch, der die Welt gesehen hat und an vielen Orten gelebt hat wie er, Vincent, es auch tat. Gauguin war ein Pilger, der seine Frau und Kinder verlassen hatte, um eine Suche zu beginnen, eine Suche nach revolutionär neuem künstlerischem Ausdruck. Vincent war ebenfalls auf der Suche nach einem neuen künstlerischen Ausdruck.33 Er erklärte offen, er fühle sich wie ein „Wan- derer auf dem Weg irgendwohin, unterwegs zu einem Ziel.“34 Da Gauguin ebenfalls durch die Welt reiste, ohne sein Ziel erreicht zu haben, erschien er für Vincent als per- fekter Gefährte für dieses Ziel. Keiner seiner Freunde, auch nicht sein Bruder, hatten „ein Leben geführt, das so klar seinen Erwartungen entsprach, wie bei Gauguin.“35

2.3 Austausch von Ideen

Der zwischen Gauguin, Vincent und Theo begonnene Briefverkehr im Jahr 1888 be- schränkte sich zu Beginn auf praktische und kaufmännische Angelegenheiten. Es wurde allerdings schnell klar, dass Gauguin „mehr und mehr eines offenen Ohrs bedurfte und dass er sich bewusst zu einer Künstlerfigur stilisierte: Er stellte sich als brillantes, aber verkanntes Genie dar, für das Ermutigung und materielle Unterstützung lebensnotwen- dig waren.“36 Vincent pflegte in der Korrespondenz seine Arbeiten zu kommentieren und damit Ideen offen zu legen, die für Gauguin sehr nützlich waren. Vincent behandel- te in seinen Briefen Themen wie Religion, Erotik oder aber allgemeine künstlerische Prinzipien. Gauguin tat es ihm nach. Interessant ist aber die Tatsache, dass Gauguin oft Theorien oder künstlerische Prinzipien, die er als sein geistiges Eigentum deklarierte, Vincents Briefen - oder aber Vincents Korrespondenz mit Bernard - entlehnte. Zu Brie- fen des Letzteren hatte Gauguin Zugang in Pont-Aven.37 So schrieb Vincent etwa an Bernard am 18. Juni 1888: „Die besten Bilder sind immer noch die, die man sich im Traum aus- denkt, wenn man mit einer Pfeife im Bett liegt, die dann aber nie verwirklicht werden.“38 Am 23. Juni schrieb Gauguin an Schuffenecker: „Du solltest dich wegen der Malerei nicht niedergeschlagen fühlen und ständig nach dem Absoluten suchen. Man träumt und malt dann in aller Ruhe.“39 Am 23. Juni schrieb Vincent an Bernard: „Ich mag Salomon nicht … Mir scheint, dass Salomon ein scheinheiliger Heide war. Ich habe überhaupt keinen Respekt vor seiner Art von Architektur, die eine Imitation anderer Stile ist, und noch weniger vor seinen Schriften: Die Heiden haben Besseres geleistet.“40 Einige Zeit später am 12. September schrieb Gauguin an Schuffenecker: „Welch ein Künstler, dieser Jesus, der in die Menschheit selbst gemeißelt hat! Und was für ein verdammter Quälgeist, dieser Salomon!“41

Diese und andere Passagen aus den Briefen, die Vincent an Gauguin schrieb, offenbaren, dass Gauguin ein großes Verlangen nach neuen Ideen hatte. Er ließ sich von Vincents Ideen anregen, denn vieles war ihm neu und unbekannt und, flocht dieses in seine Ideenwelt ein. Allerdings bediente er sich dieser Ideen und Gedanken oft auf eine dreiste Art und Weise und gab sie für seine eigenen aus. Die Quelle dieser Gedanken wurde ausgeblendet. So gewann er Erkenntnisse über die Kunst und entwickelte seine eigenen Ideen weiter. Was vielleicht noch entscheidender war, ist die Tatsache, dass Gauguin von Vincent lernte, seine eigenen Gemälde in Briefen zu analysieren. Diese Selbstanalyse von Technik, Stil und Bedeutung eigener Bilder zog vielfältige Verände- rungen nach sich, sie „bewirkte den Anstoß in Richtung einer bewussteren, literarischen Kunstform, kurz: des Symbolismus … sein Briefwechsel mit Vincent … löste den ent- scheidenden Schritt aus, dass Gauguin sich fortan als Synthetizist und Symbolist begriff.“42

2.4 Hilfe als Zeichen der Freundschaft

Aus einem der Briefe43 Gauguins Ende Februar 1888 erfuhr Vincent, dass sein Freund in Pont-Aven unter Geldnot und Krankheit litt. Vincent erkannte sofort den Ernst der Lage seines Kameraden und wollte ihm als Zeichen der Solidarität helfen.44 Dazu stellte er zahlreiche Überlegungen an, unter anderem reiche, mit ihm befreundete Sammler anzuschreiben. Vincent kontaktierte den Sammler und Maler Russel. Er hoffte, dieser könnte Gauguin eines seiner Bilder abkaufen. Russel stellte aber keine Kaufabsichten in Aussicht und Vincent gelang es auch nicht, in einem komplizierten Manöver diesen dennoch zum Kauf zu bewegen. Parallel schrieb Vincent auch Theo an, aber Theo stell- te ebenfalls keine Verkäufe von Gauguins Werken so kurzfristig in Aussicht, erklärte sich aber bereit, etwas gegen die missliche Lage Gauguins zu unternehmen.45 Doch plötzlich kam Theo der konkrete Einfall, Gauguin nach Arles einladen zu wollen,46 den er auch Vincent unterbreitet, nachdem dieser im Mai 1888 das Gelbe Haus gemietet hatte. Der Vorschlag, Gauguin nach Arles kommen zu lassen, schien für Vincent nicht sehr überraschend gewesen zu sein. Er stimmte zu und unterbreitete Theo sofort Vor- schläge, welche Sachdinge notwendig wären, um das Zusammenleben zu ermöglichen. Eine nur geringfügige Aufstockung des Budgets hätte für beide Maler zum Leben aus- gereicht, dem Freund Gauguin würde damit geholfen werden. Das bekam Theo zu hören auf seinen „Wunsch, ihm (Gauguin) aus der Patsche zu helfen.“47

2.5 Das Gelbe Haus

Der Vorschlag Theos Gauguin nach Arles kommen zu lassen, löste in Vincent Glücksgefühle aus, denn er hegte seit geraumer Zeit den Wunsch eine Arbeitsgemeinschaft von Künstlern mit festem Sitz zu gründen:48 „Übrigens denke ich ja immer daran“ schreibt Vincent an Theo „mich mit anderen zusammenzutun.“49

Bereits in den Niederlanden hat sich Vincent Gedanken gemacht, wie man jun- gen Avantgardekünstlern helfen könnte. Er dachte an Alternativen zum herkömmlichen, neuen Künstlern verschlossenen Kunstmarkt nach. In Vincents Augen sollten sich die erfolglosen Künstler zusammenschließen, um einen Graphikbetrieb aufzubauen. Durch den Zusammenschluss dürften die Künstler Unabhängigkeit vom Markt erlangen, indem sie diverse Rücklagen bilden etc.50 In Arles arbeitete Vincent mit Nachdruck an dem Gedanken des Zusammenschlusses und erarbeitete zahlreiche Details. Die Teilnehmer dieser Künstlergemeinschaft sollten Bernard und Gauguin sein. Mit ihnen sollte der Anfang gemacht werden. Als nächstes dachte er, Künstler wie Degas, Monet, Renoir, Sisley, Pissaro und Seurat mit der Idee anzustecken. Die etablierten Künstler sollten dabei den Unbekannten unter die Arme greifen, vor allem in finanzieller Hinsicht. In erster Linie ging es um die Selbstbestimmung: „Die Große Revolution: Die Kunst den Künstlern, mein Gott, vielleicht ist es eine Utopie, und dann - umso schlimmer.“51 Die Künstlergemeinschaft würde im Sinne einer Bruderschaft dem einsamen und isolierten Maler eine Heimat bieten, ein Obdach für all diejenigen Maler, die mit den harten Da- seinsbedingungen zu kämpfen hätten. Ferner würde die Künstlergemeinschaft den Ma- ler in künstlerischen Fragen unterstützen, ihm Freiheit und Sicherheit für seine schöpfe- rische Arbeit geben und Unabhängigkeit vom bürgerlichen Kunstbetrieb verschaffen.52

[...]


1 vgl. Vincent an Gauguin Brief 553a

2 vgl. Arnold 1993, S. 476

3 vgl. Vincent an Bernard Brief B11

4 vgl. Vincent an Bernard Brief B6

5 Nigg 2003, S. 96

6 ebd.

7 vgl. Platte 1963, S. 33

8 vgl. Vincent an Theo Brief 508

9 vgl. Arnold 1993, S. 562

10 Vincent an Theo Brief 513

11 vgl. Nigg 2003, S101

12 ebd.

13 vgl. Nagera 1973, S. 100

14 Vincent an Rappard Brief 521

15 Nigg 2003, S. 102

16 vgl. van Uitert 1977, S. 149

17 vgl. Lemke 1996, S. 2f.

18 ebd., S. 3

19 ebd. 4

20 vgl. Druick/Zegers 2002, 81

21 vgl. Platte 1963, S. 33

22 vgl. Arnold 1993, S. 475

23 Druick/Zegers 2002, 82

24 Gauguin an Theo Brief 146

25 vgl. Walther/Metzger 1993, S. 441

26 Anhang Bild 1, 2, 3

27 vgl. Druick/Zegers 2002, 82

28 Stolwijk 2009, S. 76

29 Anhang Bild 4

30 Druick/Zegers 2002, 82

31 Stolwijk 2009, S. 76

32 ebd.

33 vgl. Druick/Zegers 2002, 83

34 Vincent an Theo Brief 660

35 Druick/Zegers 2002, 83

36 Thomson 1987, S. 64

37 vgl. Druick/Zegers 2002, 133

38 Vincent an Bernard Brief 630/B7

39 Druick/Zegers 2002, 133

40 Vincent an Bernard Brief 651/B12

41 Druick/Zegers 2002, 133

42 Thomson 1987, S. 65

43 vgl. Cachin 2004, S. 70f.

44 vgl. Vincent an Theo Brief 493

45 vgl. Arnold 1993, S. 593

46 vgl. Vincent an Theo Brief 493

47 ebd.

48 vgl. Druick/Zegers 2002, 107

49 Vincent an Theo Brief 493

50 vgl. Schneede 2003, S. 53ff.

51 Vincent an Theo Brief 498

52 vgl. Schneede 2003, S. 54

Details

Seiten
36
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640898145
ISBN (Buch)
9783640898244
Dateigröße
14.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170728
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Kunstgeschichte
Note
1,7
Schlagworte
Der Künstler als Freund oder „Verräter“ – van Gogh/Gauguin Zur problematischen Begegnung von Vincent van Gogh und Paul Gauguin in Arles

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Titel: Der Künstler als Freund oder „Verräter“ – van Gogh/Gauguin