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Der Roman "Ausgrenzung" von Waltraud Anna Mitgutsch - Zur Entwicklungssituation des "autistischen" Jungen Jakob und dem Bezug zu der neuropsychologischen Problematik "Autismus"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die soziale Entwicklungssituation Jakobs

3. „Autismus“ aus neurobiologischer Sicht
3.1. Definition „Autismus“
3.2. Die Auswirkungen des „Autismus“ bei Jakob

4. Aussicht auf Jakobs Zukunft

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit fiel mir in Form des Buches „Ausgrenzung“ von Waltraud Anna Mitgutsch eher zufällig in die Hände.

Als Betreuerin in der Lebenshilfe GgmbH in Berlin kam ich natürlich schon mit sogenannten „autistischen Kindern“ in Kontakt. Dieser bestand allerdings - und im Nachhinein zu meiner Schande – darin, diese Kinder irgendwie durch das dort angebotene Freizeitprogramm „hindurchzuschleifen“. Als Laie bekam ich die Information, dass diese Kinder nicht erreichbar wären und wiederholt, auf welche Art und Weise auch immer, mit unserer Wirklichkeit konfrontiert werden müssen, um zumindest ein für uns angenehmes Verhaltensrepertoire aufzubauen... Implizit habe ich angenommen, dass „Autisten“ unüberwindbare Schranken aufgebaut haben, die quasi nur mit „Hammer und Meißel“ zu zerstören sind.

Beim Lesen des Romans „Ausgrenzung“, auf dessen Hauptperson sich diese Hausarbeit bezieht, wurden mir die Augen im Hinblick auf meinen Anteil an dem Rückzug dieser Kinder in ihre eigene Welt geöffnet. Natürlich geschah dies aus Unwissenheit. Aber: Meine Schuld bestand darin, nicht mehr wissen zu wollen, nicht genauer nachzufragen und widerspruchslos die Problemzentrierung auf die Kinder hinzunehmen und genau diese Tatsachen erzeugten in mir riesige Betroffenheit.

Das neu erreichte Verständnis, die Wut auf die Umgangsweisen der Gesellschaft (meine Person wohl mit eingeschlossen...) mit Menschen aus ihrer Mitte und das tiefe Mitgefühl waren nur Bruchteile der Gefühle, die dieses Buch bei mir auslösten. Plötzlich wurde es mir wichtig zu verstehen, was hinter der „autistischen“ Fassade steckt, weswegen ich mich zu dieser Arbeit entschloss.

Ich werde versuchen, die soziale Entwicklungssituation des „autistischen“ Jungen Jakob aus dem Roman „Ausgrenzung“ darzustellen, woraus sich dann der Bezug zu der neuropsychologischen Problematik „Autismus“ ableitet. Die Grundfragestellung : „Wie kann sich ein Mensch sozial entwickeln, wenn ihm das Gegenüber als sozialer Partner genommen wird und die schon vorhandenen isolierenden Bedingungen durch permanente Nichtannahme verstärkt werden?“ soll hier nicht vollends geklärt werden, sondern als zu diskutierende These diese Arbeit wie ein roter Faden begleiten.

Abschließend werde ich einen optimistischen Blick in Jakobs Zukunft wagen, also Vorstellungen aufzeigen, wie sich seine Lebenssituation erheblich bessern könnte.

2. Die soziale Entwicklungssituation Jakobs

Jakob ist der einzige Sohn von Marta und Felix.

Marta besaß aufgrund ihrer sozialen Herkunft schon immer ein erhöhtes, fast schon blindes, Verlangen nach Wohlstand und Luxus (vgl. Mitgutsch 1992, S.20), welches durch die schnelle Heirat mit Felix vorerst gestillt wurde. Ihr Intellekt (Studium der Naturwissenschaften) war für Felix’ Familie ein Makel, sie wurde abgelehnt, sie schämte sich und leugnete ihre Herkunft. Trotzdem nahm sie die finanzielle Abhängigkeit von ihrer Schwiegermutter in Kauf (vgl. a.O., S.26).

Während der Schwangerschaft war die Angst um das Kind die bestimmende Emotion Martas: Sie atmete z.B. im Auto eines Freundes wohl so viele nach innen geleitete Abgase ein, dass sie ohnmächtig wurde. Zu diesem Zeitpunkt war sie im dritten Monat schwanger. Später im Verlaufe der Schwangerschaft bekam sie einen Stoß gegen den Bauch, ihrer Meinung genau dorthin, wo der Kopf des Kindes lag. (vgl. a.O., S.28)). Sie wurde viel alleingelassen und sah sich dem Aberglauben-Denken der Schwiegermutter ausgesetzt. Felix entpuppte sich in dieser Zeit als karrieresüchtig. Ihre niedere Stellung in seinem Wertesystem wurde ihr mehr als einmal deutlichst klar gemacht (vgl. a.O., S.26 ff.). Daraus erwuchs die Erwartungshaltung an das ungeborene Kind, eine Gemeinschaft für Marta lebbar zu machen (vgl. a.O., S.119). Alle Erwartungen an den Mann wurden von ihm abgezogen und als Auftrag an das Kind weitergegeben (vgl. a.O., S. 126). In ihrer Vorstellung sollte das Kind aufgeweckt, frühreif und wortgewandt sein (vgl. a.O., S.126).

Nach dem plötzlichen Abgehen des Fruchtwassers eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin, stellten sich bei Marta keine förderlichen Wehen ein. Anschließend, nach 24 Stunden, wurde in der Klinik ein Kaiserschnitt unter einer PDA veranlasst. Marta begegneten in diesen Stunden Kälte und Verständnislosigkeit vonseiten des Personals und Felix. Sie hatte mit großen Schmerzen zu kämpfen. Das Kind zeigte keine weiteren Auffälligkeiten. (vgl. a.O., S.30ff.)

Das Stillen gestaltete sich sehr schwierig, da Jakob nicht trank. Begleitet wurde dieser Lernprozess von Schuldzuweisungen an Marta. Sie war sehr allein und traurig in dieser Zeit, und ließ sich nur von der Anwesenheit des Kindes beruhigen (vgl. a.O., S.31ff.). Felix schämte sich ihrer, ekelte sich und wich ihr aus. Beide können sich nicht auf einen Namen für das Kind einigen.

Zuhause wurde Jakob im Alter von ca. zwei bis drei Wochen krank (Fieber, Durchfall). In der Klinik musste er für fünf Tage in den Brutkasten und erhielt eine Rückenmarkspunktion (vgl. a.O., S.37). Falls eine Nottaufe nötig wäre, einigten sich die Eltern eiligst auf den Namen. Wieder zuhause schlief Jakob sehr wenig und schrie stundenlang. Der Gesang der Mutter und klassische Klaviermusik wirkten manchmal beruhigend.

Es herrschten Jakobs Entwicklung erschwerende Familienzustände: Der Alltag war begleitet von einander Alleinlassen, Schuldzuweisungen, einer „Atmosphäre des Hasses und Lieblosigkeit“ (a.O., S.41) und zudem permanenter Erschöpfung (vgl. a.O., S. 40ff.). Der Vater verhing ein Ausgehverbot (er sah draußen zu viele Gefahren fürs Kind) als Jakob 5 Monate alt war, woraus eine große Belastung für Mutter und Kind entstand. Erst nach 13 Monaten bekamen sie den Wohnungsschlüssel zurück.

Jakob hatte panische Angst vor Lautem und Grellem (vgl. a.O., S.43). Bei der Behauptung ihrer Position in der Familie stellte sich die Mutter schon zu diesem Zeitpunkt auf Jakobs Seite: „...uns fehlt eine Isolierschicht!“ (a.O., S.43).

Jakob entwickelte vorerst keine Sprache. Die Wörter kamen und gingen (außer „Mama“) (vgl. a.O., S.44). Er hatte einen unheimlichen Bewegungsdrang- er lief ständig mit wildem Gebrumm im Kreis herum (vgl. a.O., S.50). Abläufe ritualisierte er, sonst geriet er in Panik, welche sich in Schreianfällen äußerte. Er liebte Rhythmus und Gereimtes, Tanz, Karussell und Nachlaufen spielen (vgl. a.O., S.53).

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640897087
ISBN (Buch)
9783640896875
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170702
Institution / Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Görlitz
Note
1
Schlagworte
roman ausgrenzung waltraud anna mitgutsch entwicklungssituation jungen jakob bezug problematik autismus

Autor

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Titel: Der Roman "Ausgrenzung"  von Waltraud Anna Mitgutsch - Zur Entwicklungssituation des "autistischen" Jungen Jakob und dem Bezug zu der neuropsychologischen Problematik "Autismus"