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Die zwei Gesichter des Perseus - Polybios und der letzte König der Makedonen

Seminararbeit 2005 14 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Perseus – Eine neue Hoffnung

3. Das Bildnis des Perseus

4. Der Perseus des Polybios

4.1. Eine Warnung an die Zukunft?
4.2. Tyche

5. Fazit

6. Quellen und Literatur

1. Einleitung

„…aber er war nicht geschaffen ein Unternehmen zu leiten,

das von Haus aus verloren war, wenn nicht ein außerordentlicher Mann es beseelte.“[1]

So urteilt Theodor Mommsen in seiner Römischen Geschichte über Perseus, den letzten König Makedoniens. Tatsächlich erschien der junge König am Ende seines Reiches nicht im günstigsten Licht. Schmählich geflohen endete er als Gefangener der Römer fern seiner Heimat, in Italien. Wenn er stark erschien, so oftmals deshalb, weil seine Gegner schwach waren. Und dennoch mutet Mommsens Urteil im Lichte der Schriftfragmente des Polybios ein wenig undifferenziert an. Denn betrachtet man diese, so stellt sich die Unfähigkeit des Königs als das Resultat einer Entwicklung dar, deren Anfang die Dramatik des Endes nicht unbedingt erahnen lassen hätte. Stellt man Anfang und Ende des Perseus in der Darstellung des Polybios gegenüber, so lassen sich zwei ganz verschiedene Bilder des Makedonenherrschers zeichnen.

Einerseits das des hoffnungsbeladenen Perseus in der Nachfolge seines Vaters Phillip V. und andererseits das des dem Irrsinn nahen, von den Römern besiegten, Perseus. Es soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, diese beiden Bilder anhand der vorliegenden Fragmente der Bücher XXV-XXIX aufzuzeigen. Dabei soll der fragmentarische Charakter der Schriften des Polybios, der viele Leerstellen, v. a. in der Zeit zwischen Amtsantritt und Kriegsbeginn bedingt, nicht so sehr als fundamentaler Nachteil betrachtet werden. Vielmehr erleichtern die großen Sprünge das Aufzeigen der zwei verschiedenen Bilder, auch wenn dadurch zugegebenermaßen der Entwicklungsprozeß vernachlässigt werden muß.

Nicht zuletzt zu berücksichtigen ist auch, daß es sich mit Polybios von Megalopolis um einen romfreundlichen Autor handelt, der viele Züge des Perseus sicher aus einer tendenziellen Sichtweise darlegt, nicht zuletzt auch unter Berücksichtigung der ihm eigenen Prinzipien und Vorstellungen von einer belehrenden Geschichtsschreibung. Auch dies, ebenso wie die Verbindung von Perseus Handeln mit dem Wirken der Tyche bei Polybios wird eine kurze Behandlung finden.

Letztendlich soll jedoch die Frage geklärt werden, welche jeweilige Ausdehnung innerhalb der Darstellung diese zwei Bilder erreichen und mit welchem möglichen Hintergedanken sie bei Polybios angelegt wurden.

Obwohl die Monographien zu Perseus, gerade auch im deutschsprachigen Bereich, rar gesät sind, war es dank der eingegrenzten Themenstellung möglich, ja z. T. sogar von Vorteil auch ältere Literatur in die Arbeit mit einzubeziehen.

2. Perseus – Eine neue Hoffnung

Als Perseus im Jahre 179 v. Chr.[2] die Herrschaft über Makedonien antrat, war er der Erbe einer Jahrhunderte währenden Königstradition, die von so großen Namen wie Alexander dem Großen geprägt worden war. Makedonische Heere hatten sich die Griechen unterworfen und die Perser besiegt, waren bis ins ferne Indien vorgedrungen. Und dennoch hatten die stolzen Makedonen in zwei Kriegen Niederlagen gegen die italischen Römer hinnehmen müssen, mußten mit ansehen wie der einst so mächtige zeitweilige Verbündete Karthago von den Römern demütigend geschlagen wurde. Sogar der Osten und auch die Griechen standen nun unter der Dominanz dieses emporstrebenden Nachbarn aus dem Westen. Es verwundert daher nicht, daß der junge König sich zunächst mit den Römern gut zu stellen suchte. Folgt man Polybios[3], so versuchte Perseus, nachdem ihm dies gelungen war, jedoch auch Popularität bei den Griechen zu erwerben. Zu diesem Zweck befahl er zunächst einen Schuldenerlaß und darüber hinaus eine Amnestie, die sogar vor Majestätsverbrechern, die man modern wohl als Dissidenten bezeichnen würde, nicht nur nicht haltmachte, sondern den nunmehr ehemaligen Verbannten ehemaliges, beschlagnahmtes, Eigentum zurückerstatten sollte. Dies alles galt auch für das makedonische Kernland. „Das machte nicht geringes Aufsehen, denn es schien, als berechtigte der neue König alle Griechen zu den schönsten Hoffnungen“[4], bemerkt Polybios hierzu. Dazu berechtigen seiner Ansicht nach auch die sonstigen Qualitäten des neuen Herrschers: So ließe sich in seiner Lebensführung etwas von königlicher Würde finden, er sei von guter Erscheinung und von seiner körperlichen Verfassung her den an ihn gestellten Aufgaben wohl gewachsen. Auch im Ausdruck seines Gesichts herrschten Ernst und Beherrschtheit vor. Zudem sei er fern davon, sich gleich seinem Vater sexuellen Ausschweifungen oder gar der Trunksucht hinzugeben. Ebensowenig täte dies sein Freundeskreis.[5] Alles in allem macht der für das Jahr 179 v. Chr. von Polybios beschriebene Perseus einen guten, wenn nicht gar einen hervorragenden Eindruck. Es überrascht also nicht, wenn Polybios bemerkt: „Perseus’ Regierung ließ sich also in seinen Anfängen nicht übel an.“[6] Fast mutet es an wie im romantischen Märchen: Der junge, rechtschaffende Prinz tritt, in der Nachfolge seines dekadenten, tyrannischen Vaters, an, die Dinge zu einem bessern zu führen. Dennoch: In einem Punkt soll es eine gewichtige Gemeinsamkeit zwischen Perseus und seinem Vater gegeben haben: Unbändiger Haß auf die Römer.[7] Franz Dorotheus Gerlach ging sogar so weit, zu behaupten, daß dieser Haß Perseus stets Antrieb gewesen sei.[8] Polybios hat hierzu geschrieben, daß das zur Katastrophe führende Unheil schon vor der Zeit von Perseus’ Wirken liege und in einem Gleichnis Phillip II und dessen Plan Persien zu erobern, was von seinem Sohn Alexander ausgeführt worden war, mit dem Verhältnis zwischen Phillip V. und Perseus verglichen.[9] Perseus habe demnach den Plan seines Vaters, die Römer letztendlich zu besiegen, weiterverfolgt. Da Polybios mit seinem Werk als Römerfreund gilt, wie eigentlich alle über diesen Abschnitt berichtenden Autoren, die auf uns gekommen sind[10], kann bezweifelt werden, ob Perseus wirklich aggressive Absichten bezüglich der Römer verfolgte. Dieses jedoch nicht im Rahmen dieser Arbeit. Dafür bleibt vielmehr festzuhalten, daß Perseus bei Polybios zu Beginn seiner Herrschaft zwar noch keinerlei Anzeichen von Unvernunft oder gar Wahnsinn aufweist, wohl aber sein Schicksal durch die hintergründige Fixierung eines fraglichen „Endzieles“ gleichsam determiniert erscheint.

Leider sind große Teile der folgenden Schriften des Polybios nicht überliefert, so daß wir uns damit begnügen müssen, daß von Perseus erst wieder kurz vor dem Beginn der Wirren vor dem Krieg berichtet wird. Perseus ist zu diesem Zeitpunkt bereits von Eumenes II. von Pergamon vor dem Senat beschuldigt worden, kriegerische Absichten zu hegen. Während römische Gesandte überall in Griechenland versuchten die Griechen dem Perseus abspenstig zu machen, versuchte dieser den Konflikt zu beruhigen, indem er an alle Griechen Briefe sandte, in denen er die Argumente beider Seiten darstellte und versuchte seinen Rechtsstandpunkt darzulegen.[11] Polybios urteilt, der König habe damit zeigen wollen, daß er im Recht wäre, zugleich jedoch bezweckt herauszufinden, wie die Stimmung ihm gegenüber bei den Griechen sei.[12] So erweckt er zumindest den Anschein, daß Perseus mit Krieg rechnete. Wie dem auch sei, so war der König zunächst offenbar nicht zu konkreten Handlungen fähig: Als ihn die boetischen Städte Koroneia und Haliartos um Beistand gegen das sie bedrängende römerfreundliche Theben baten, erteilte er ihnen lediglich den Rat: „sich der Thebaner nach besten Kräften zu erwehren, aber sich keinesfalls auf einen Krieg mit den Römern einzulassen, sondern ruhig beiseite zu stehen“[13]. In Bezug auf die Fragestellung bieten sich zwei Interpretationen dieser Handlungsweise an: Einerseits könnte man das Nichteingreifen als vernünftigen Versuch eines umsichtigen Herrschers begreifen, der versucht die Kriegsgefahr einzudämmen. Andererseits wäre es möglich, Perseus’ Verhalten als gefährliche Angst vor Risiken, Initiativlosigkeit, ja sogar Feigheit im Angesicht eines drohenden Krieges zu deuten. Bei Polybios nicht überliefert ist die Täuschung des Perseus durch römische Gesandte, die ihn dazu bewegte zunächst stillzuhalten und keine kriegsvorbereitenden Maßnahmen größeren Stils vorzunehmen. Wiemer urteilt hierzu: „Aus makedonischer Sicht bleibt das am Peneios geschlossene Abkommen ein verhängnisvoller Fehler, für den Perseus die Verantwortung tragen muß“.[14]

[...]


[1] Mommsen, Theodor: Römische Geschichte, Phaidon Verlag, Essen, n.a., S. 355.

[2] Vgl. Liv. 40, 58, 9.

[3] Vgl. Pol. XXV, 3 (26,5).

[4] Pol. XXV, 3 (26,5).

[5] Vgl. Ebenda.

[6] Ebenda.

[7] Dies ist auch von Livius überliefert; Vgl. Liv. 42, 11, 5.

[8] Vgl. Gerlach, Franz Dorotheus: Perseus König von Makedonien und Lucius Aemilius Paulus., Schweigerhauser’sche Universitäts – Buchdruckerei, Basel 1857, S. 11 ff.

[9] Vgl. Pol. XXII, 8 (22,22a).

[10] Vgl. Heiland, Paul: Untersuchungen zur Geschichte des Königs Perseus von Makedonien (179-168), Universität – Buchdruckerei, Jena, 1913, S. 1ff.

[11] Vgl. Pol. XXVII, 4.

[12] Vgl. Ebenda.

[13] Pol. XXVII, 5.

[14] Wiemer, Hans Ulrich: Der Beginn des 3. Makedonischen Krieges. Überlegungen zur Chronologie, in: Historia – Zeitschrift für Alte Geschichte, Band 53, Heft , 2004, Franz Steiner Verlag, Wiesbaden.

Details

Seiten
14
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640895403
ISBN (Buch)
9783640895885
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170611
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
2,0
Schlagworte
Perseus Makedonien Polybios Rom

Autor

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