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Soundscape und Atmosphäre im urbanen everyday Soundtrack

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition und Entwicklung
2.1 Charakterisierung der Lautsphäre
2.2 Die Entstehung der urbanen Lautsphäre

3 Die heutige Lautsphäre
3.1 Die urbane Geräuschkulisse
3.3 Medien in Konsumtempeln

4 Auswirkungen
4.1 Auswirkungen auf den Menschen
4.2 Auswirkungen auf die Musik

5 Fazit

Bibliographie

1 Einleitung

Tagtäglich ist der Mensch verschiedenen Umweltreizen ausgesetzt, die über die fünf Sinne Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen aufgenommen werden. Dem Menschen ist es dadurch möglich sich über lebenswichtige Eigen- schaften seiner Umwelt zu informieren und angemessen agieren zu können. Der Gehörsinn mit seinem Hörapparat, dem Ohr in seiner Gesamtheit, stellt eine Be- sonderheit dar, da er sich nicht abschalten bzw. verschließen lässt. Das Ohr ist bei jeder Wahrnehmung automatisch beteiligt, ob wir wollen oder nicht. Vor allem der verstärkte Einsatz von Sound in alltäglichen Situationen und die generell von Ge- räuschen dominierte, akustische Umwelt werden häufig als allgemeine Belastung angesehen.

Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über das weitläufige Feld der Lautsphä- re, mit Hinblick auf den urbanen Raum, ermöglichen und im Folgenden deren Ein- flüsse auf den Menschen aufzeigen. In dem gegebenen Rahmen ist es leider nicht möglich die Historie der urbanen Lautsphäre vollständig abzubilden und die von ihr ausgehenden Einflüsse vollständig zu erfassen. Die Ausführungen der ein- zelnen Themen erheben daher Aufgrund ihrer Komplexität keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sollen aber einen nachvollziehbaren Überblick gewährleisten.

Diese Arbeit wendet sich generell an aktive und interessierte Personen im Bereich der Klanganthropologie, die ein gewisses Hintergrundwissen mit sich bringen und soll ihnen einen Eindruck davon vermitteln, in wie weit die Menschen von ihrer alltäglichen klingenden Umwelt beeinflusst werden.

2 Definition und Entwicklung

Eine Beschreibung der Lautsphäre und ein Überblick ihrer Entwicklung.

2.1 Charakterisierung der Lautsphäre

Der Begriff Lautsphäre entstand der allgemeinen Auffassung nach aus dem inter- nationalen Begriff des Soundscape, der von R. Murray Schafer und Michael Southworth etwa gleichzeitig und unabhängig von einander erfunden wurde. Übersetzt wurde der Begriff mit Klanglandschaft und ist heute einer von vielen Be- griffen für unsere klingende Umwelt, auch Schallumwelt genannt. Laut Schafer setzt sich die Lautsphäre aus den drei Elementen Keynote (Grund- ton), Signals (Signallaute) und Soundmarks (Orientierungslaute) zusammen. Die Grundtöne definieren hierbei den zentralen Geräuschcharakter und werden von der Geografie, dem Klima und der der Fauna bestimmt. Veränderungen in diesem Gefüge sind ausschlaggebend für die Unterscheidung und Abgrenzung von ande- ren Klängen und machen eine Lautspähre unverwechselbar. Eine Person, die sich hauptsächlich nur in einer Lautsphäre aufhält, wird diese Grundtöne nicht mehr oder nur noch selten wahrnehmen. Sie werden Teil ihrer Hörgewohnheiten.1

Soziale Bedeutsamkeit weisen die Signal- und Orientierungslaute auf, die für besondere Situationen und Orte stehen und sogar Gemeinschaften definieren können. So ist beispielsweise das Martinshorn eines Krankenwagens ein Signallaut, dessen Bedeutung wir durch unser kulturelles Umfeld erlernt haben. Im Gegensatz zum Grundton sind die Signallaute klar konturiert.

Die für einen Ort charakteristischen Klänge und Geräusche sind die Orientierungs- laute. Sie geben unmittelbar Aufschluss darüber, wo wir uns befinden und können entweder durch den Menschen erzeugt werden oder natürlichen Ursprungs sein.2 Das spezifische Zusammenspiel aus Grundton, Signallauten und Orientierungs- lauten definiert die jeweilige Lautsphäre. Jedoch ist diese nicht nur abhängig von den Klängen und Geräuschen selbst, sondern auch von der sozialen Bewertung dieser Klänge und der sozial geformten Wahrnehmung.3

Zusätzlich zu den drei genannten Elementen unterscheidet Schafer die Lautsphäre auch nach Qualitäten. So gibt es die Attribute Hi-Fi und Lo-Fi, die der Lautsphäre jeweils nach verschiedenen Umgebungen/Perioden zugeordnet werden. Die ländliche Umgebung wird aufgrund ihres geringen Grundtones, der es dem Zuhörer ermöglicht weiter in die Tiefe zu hören als Hi-Fi bezeichnet und die urbane Großstadt mit ihrem stark im Vordergrund rangierenden Grundton, der jegliche Unterscheidung feinerer Nuancen unmöglich macht als Lo-Fi.4

„The lo-fi soundscape was introduced by the Industrial Revolution and was extended by the Electric Revolution which followed it. The lo-fi soundscape originates with sound congestion.“5

Jede Lautsphäre ist also ein Konstrukt, das erst durch physische Wirkungsvorgänge, die mit der Geräuschbildung verbunden sind, in seiner jeweiligen Umgebung entsteht und dadurch auch seinen ganz eigenen Charakter enthält.

2.2 Entstehung der urbanen Lautsphäre

Die Entstehung einer urbanen Lautsphäre lässt sich schon in der Antike feststel- len. Bereits 500 v. Chr. wurden störende Geräusche in Städten wie Wägen, Trommeln, Lieder, Tiere und Menschen aufgelistet.6 Auch an Wänden im verschüt- teten Popmeji finden sich Inschriften, die zur Ruhe aufrufen.7 Größere Ausmaße nimmt die urbane Lautspähre im Spätmittelalter an, als in den heute größten Städ- ten Europas die Bevölkerungsdichte auf bis zu 100.000 Menschen wächst. Zu dem dadurch verursachten Anstieg der Lautstärke kommen nun bedeutende archi- tektonische Neuerungen im Häuser- und Straßenbau hinzu. Anfang des 14. Jahr- hunderts wird in den Städten vermehrt mit Stein gebaut und immer mehr Straßen gepflastert.8 Das Verwenden von so genannten schallharten Flächen reflektiert den Schall mit nur wenig Verlust in seiner Intensität und sorgt dadurch für eine enorme Verstärkung. Schon hier wird deutlich, inwieweit sich die Lautsphäre zu verändern beginnt. Kutschen und Wagen fahren nun auf Stein und füllen die Stadt mit eben jenem rhythmischen Geräusch, das vorher nicht existierte. Auch die Ein- führung der Glocke ist neu. 1385 wird in Regensburg die erste deutsche Schlag- uhr eingeweiht, die von nun an den Rhythmus der Zeit vorgibt. Sie verändert die Lautsphäre, sowie das gesellschaftliche Leben nachhaltig.9

Beginnend mit der industriellen Revolution sind die Änderungen zunehmend dras- tischer. Mit dem Aufkommen von Maschinen und Fabriken entsteht nicht nur ein völlig neuer Zeit-Rhythmus, der die Lautsphäre nachhaltig verändert und den der Glocke ablöst, sondern der auch dafür sorgt, dass eine Vielzahl neuer Geräusche entstehen, die zum Ansteigen der Lautstärke führen. Der Puls der Maschinen ist nun dauerhaft, redundant und monoton. Auch in der Nacht sind jetzt die Geräu- sche der Industrie zu vernehmen. Mit dem Expandieren der Eisenbahnen und Straßen dehnt sich auch ihr Klangradius aus.

„Das Geräusch des neunzehnten Jahrhunderts, das wir zuerst hören, wenn wir uns seelisch darauf konzentrieren, ist kein Schlachtendonner und kein Feldgeschrei irgend welcher weltlichen oder geistlichen Art: es ist das Donnern eines Eisenbahnzuges (…), das Pfeifen von Dampfma- schinen, das Singen des Windes in Telegrafendrähten und der sonder- bare heulende Laut, mit dem der elektrische Straßenbahnwagen an seiner Leitung daher kommt.“10

[...]


1 Schafer, R. Murray: The Soundscape. Our Sonic Environment and the Tuning of the World, Destiny Books, Rochester 1993, S. 214 - 225

2 Ebd. S. 214 - 225

3 Truax, Barry: Acoustic Communication, Norwood, New Jersey 1984, S. 9 ff

4 Schafer, R. Murray: The Tuning of the World, The Canadian Publishers, Toronto 1977, S. 43

5 Ebd. S.71

6 Friedrich, Malte: Urbane Klänge: Popmusik und Imagination der Stadt, Transcript, Bielefeld 2010,

S. 236

7 Ebd. S. 236

8 Volker Bernius, Peter Kemper, Regina Oehler, Karl-Heinz Wellmann: Der Aufstand des Ohrs - die neue Lust am Hören, Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 103 ff

9 Ebd. S. 284 ff

10 Bölsche, Wilhelm: Hinter der Weltstadt. Friedrichshagener Gedanken zur ästhetischen Kultur, Diedrichs, Leipzig 1901, S.5 f

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640892556
ISBN (Buch)
9783640892464
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170411
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Sound Studies
Note
2,7
Schlagworte
Soundscape Lautsphäre Murray Schafer Barry Truax Urban Soundtrack Klanganthropologie Klangökologie Klang und Krach Urbane Geräuschkulisse Urbane Lautsphäre Sound Studies Soundmarks Klang UdK

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