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"Karl der Große" - Bearbeitung des Rolandsliedes durch den Stricker

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

0 Einleitung

1 „Karl der Große“ – Entstehung
1.1 Inhalt
1.2 Datierung
1.3 Überlieferung
1.4 Quellen

2 Inhaltlicher und formaler Vergleich zwischen dem Karl und dem Rolandslied
2.1 Die Sonderstellung der ersten 604 Verse
2.2 Formale Änderungen
2.3 Zusätze, Erweiterungen und Auslassungen
2.4 Weltlichkeit versus Geistlichkeit

3 Fazit

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Nach BÖHM (1995, S. 148) „erfreute sich der Karl[1] im Mittelalter größter Beliebtheit und verdrängte offensichtlich die Rezeption des altertümlichen ROLANDSLIEDES[2] [des Pfaffen Konrad] völlig.“ Laut BARTSCH (1857, S. XLV) jedoch steht „der Stricker […] daher gegen Konrad in dem nachtheile des übersetzers gegenüber seinem originale. Wir erhalten so statt der warmen frischen schilderung, wie wir sie bei Konrad finden, nur zu oft einen matten abglanz“. Mit dem Karl hat der Stricker ein Werk geschaffen, das besonders für die Überlieferung der Karlsgeschichte eine große Rolle spielt, aber es scheinbar nicht vermag aus dem Schatten der Vorlage, des RL des Pfaffen Konrad, zu treten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit diesen Versen kann der Stricker durch die Selbstnennung Strickære als Autor des Werkes „Karl der Große“[3] identifiziert werden[4]. Ebenso wird das Programm des erniuwens angesprochen[5], welches der Autor im Karl verfolgt. Doch ob es sich bei der Karlsbearbeitung des Strickers tatsächlich um eine Erneuerung der Vorlage handelt oder lediglich um eine Übersetzung in eine modernere Sprache[6] soll in der vorliegenden Arbeit diskutiert werden.

Um der Frage nach dem Grad der Erneuerung des Karlsstoffs nachzugehen, ist es zunächst notwendig, die Entstehungsgeschichte des Karl genauer zu betrachten. Anschließend soll ein Vergleich des Karl mit dem RL angestellt werden. Jedoch wird dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Vielmehr ist es Ziel der Arbeit, anhand des Aufbaus und ausgewählter inhaltlicher Besonderheiten einen Überblick zu entwickeln, der es zulässt, eine Lösung der oben aufgeworfenen Fragestellung zu skizzieren.

1 „Karl der Große“ – Entstehung

1.1 Inhalt

In Strickers Karl geht es um Karl den Großen, der von einem Engel zu einem Bekehrungs- und Eroberungsfeldzug nach Spanien aufgefordert wird. Dieser verläuft zunächst erfolgreich und Roland bekommt die Königswürde übertragen, weshalb er sich nun dem spanischen (und heidnischen) König Marsilie im Kampf stellen muss. Durch den Verrat Geneluns endet die kämpferische Auseinandersetzung mit dem Untergang aller Kriegsbeteiligten. Es folgt ein Rachefeldzug Karls gegen Pâligâns Heer, der im Zweikampf zwischen Pâligân und Karl endet, aus dem letztgenannter und somit die Christen als Sieger hervorgehen.

1.2 Datierung

Die Entstehung des Karl wird in der Sekundärliteratur in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert angesiedelt, genauer genommen zwischen 1215 und 1233. Dieser Datierung werden verschiedene Argumente zugrunde gelegt, die zum Teil im Zusammenhang mit einem Karlskult entwickelt werden, da eine Motivation laut SINGER „nicht allein mit der Person des Strickers gegeben sein kann, [sondern] vielmehr […] mit einer öffentlichen Motivation zu rechnen ist.[7]

SINGER sieht als Motivation das Translationsfest 1215[8] und SCHNELL (1983, S. 350) legt als terminus post quem das Jahr 1217 fest, da dem Karl Kenntnisse des Willehalm zu entnehmen sind und dieser wiederum nicht vor 1217 beendet wurde. Außerdem spricht er sich für einen terminus ante quem 1220 aus und begründet dies zum einen mit der „Verbindung von Aachen, religiöser Karlsverherrlichung und Königskrönung im Jahr 1215“[9] und zum anderen mit der Wahl Heinrichs (Sohn von Friedrich II.) zum deutschen König in Frankfurt, was SCHNELLs Ansicht nach nicht „zur programmatischen Verteidigung des deutschen Königswahlrechts, das in Aachen ausgeübt werden soll“[10], passt. VON DER BURG (1974, S. 355) verbindet die Entstehung Karls mit dem „Aufbruch Friedrich[s] II. zum Römerzug […], der als Kreuzzug fortgesetzt werden sollte“[11] und folgt damit hinsichtlich der Frage der Datierung SCHNELL mit dem Jahr 1220.

Eine spätere Datierung wird von SCHNELL (1983, S. 350) verneint. So argumentiert er, dass das Erlangen des Titels ‚König von Jerusalem‘ von Friedrich II. durch die Hochzeit 1225 mit der Erbin des Königreiches Jerusalem vom Stricker nicht unbeachtet geblieben wäre und zumindest eine Aufnahme in den Katalog der eroberten Länder zur Folge gehabt hätte. Ebenso sei eine spätere Datierung fragwürdig, da Friedrich II. 1228/29 „David als Vorbild über Karl stellt“.[12]

GEITH (1977, S. 188) hingegen positioniert den Karl zeitlich zu dem 1233 einsetzenden Karlskult in Zürich.

All diesen Erwägungen ist hinzuzufügen, dass in Anbetracht des Wirkungszeitraums des Strickers zwischen 1220 und 1250 eine Entstehung vor 1220 unwahrscheinlich erscheint. Weiterhin gilt es als gesichert, dass die beiden großen Versepen des Strickes, der Karl und Daniel von dem Blühenden Tal, vor den kleinepischen Werken entstanden sind[13] und den Beginn seines schöpferischen Wirkens darstellen. Im Hinblick auf den knappen Wirkungsraum und den großen Umfang an kleinepischen Werken[14] scheint mir ein Entstehungszeitpunkt um 1220 bzw. kurz nach 1220 wahrscheinlich. Diese Argumentation fortsetzend steht die Datierung um 1233 im Widerspruch zum gesamten Schaffenszeitraum[15]. Außerdem scheint es unwahrscheinlich, dass der Stricker den großen Umfang seiner kleinepischen Werke in den ca. 17 Jahren von 1233-1250 geschrieben hat.

1.3 Überlieferung

Hinsichtlich der Überlieferung des Karl kann man festhalten, dass diese in Anbetracht von 24 erhaltenen Handschriften und 23 Fragmenten besonders reich ist.[16] BARTSCH (1857, S. XLIII) weist darauf hin, dass es „eine zweifache recension des Strickerschen gedichtes [gibt], die wohl vom dichter selbst herrührt.“ Das Verhältnis dieser beiden Fassungen ist allerdings bisher noch nicht geklärt. Die Ausgabe von BARTSCH, die der Arbeit zugrunde gelegt wurde, „hat den Nachteil, daß sie zwei Redaktionen des Werkes kontaminiert hat und daher einen Text bietet, der in dieser Form nie existiert haben kann.“[17] Zuletzt wurde ein Stemma von WEBER (2010, S. 239) vorgeschlagen[18].

Das Problem der beiden Redaktionen kann an dieser Stelle nicht gelöst werden, soll aber für die vorliegende Arbeit vernachlässigt werden.

1.4 Quellen

Als Hauptquelle für Strickers Karl dient unumstritten das RL, denn wie ich im Kapitel 2 zeigen werde, hat der Stricker einen großen Teil des RL übernommen und lediglich formal geglättet. Darüber hinaus waren dem Stricker aber auch weitere Elemente aus der Karls- und Rolandssage bekannt. Obwohl nicht konkrete Dichtungen als Vorlage ausgewiesen sind, kannte der Stricker sowohl die Geschichte von Karl und Galie als auch die Bertasage.[19] Weiterhin fügte er in den Versen 125-274 eine Jugendgeschichte Karls ein.[20]

Aus den Versen 93-96 geht außerdem die Kenntnis der Sage von Balaams Eselin hervor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus einigen Erweiterungen gegenüber dem RL lässt sich die Kenntnis der jüngeren Fassung der französischen Chanson de Roland schlussfolgern[21]. Weiterhin sind Kenntnisse des Willehalm [22] , der Ägidius -Legende[23] und des Pilgerführers von Compostela [24] wahrscheinlich.

[...]


[1] Gemeint ist das Werk „Karl der Große“ vom Stricker. Die Abkürzung Karl wird in dieser Arbeit beibehalten.

[2] Das Rolandslied wir in dieser Arbeit RL abgekürzt.

[3] K 115-118 (wobei K den Karl bezeichnet gefolgt von der Versangabe).

Die im Folgenden zitierten Verse sind allesamt, sofern nicht anders angegeben, der von BARTSCH (1857) herausgegebenen Edition „Karl der Große von dem Stricker“ entnommen.

[4] Die Forschungslage bezüglich des Strickers bietet nur sehr wenige gesicherte Fakten. Sowohl Wirkungsraum als auch –zeit sind nur vermutbar. Ebenso konnte auch das Zuschreibungsproblem bisher nur unzureichend gelöst werden. Auf Grund der Selbstnennung gilt aber der Karl als eines der wenigen gesicherten Werke des Strickers. Zur biographischen Forschungslage vgl: LIMMER, Julia: Der Stricker. Betrachtungen zu Leben und Werk. Seminararbeit zum Proseminar Stricker – Erzählungen. Universität Jena. 2008.

[5] Das gesamte literarische Schaffen des Strickers ist geprägt durch das erniuwen.

[6] Vgl. BARTSCH 1857 , S. XLV.

[7] Vgl. GEITH 1977, S. 189.

[8] Ebd.

[9] Vgl. SCHNELL 1983, S. 350.

[10] Ebd.

[11] Vgl. VON DER BURG 1974, S. 355.

[12] Vgl. SCHNELL 1983, S. 350.

[13] An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Chronologie vom Karl und Daniel nicht abschließend geklärt werden konnte (Vgl. Verfasserlexikon 1995, Sp. 423).

[14] Auf Grund des Zuschreibungsproblems kann der Korpusumfang nicht abschließend quantifiziert werden. Zur Orientierung soll aber die Maßzahl von 165 Stücken (Vgl. Literaturlexikon 1991, S.257) gelten, die einen Anhaltspunkt für den Umfang des schöpferischen Schaffens des Strickers gibt.

[15] Die Jahre 1220-1233 fielen ja als Wirkungszeitraum weg, geht man davon aus, dass der Karl das erste oder zweite Werk ist.

[16] Vgl. Verfasserlexikon 1995, Sp. 419.

[17] Vgl. GEITH 1977, S. 165.

[18] In einer Korrespondenz mit Stefanie WEBER wies diese darauf hin, dass sie sich in ihrer Arbeit auf Stemmata stützt, von der die neuere Forschung abrückt und Dinge annimmt, die sich „vermutlich nie Hunderprozent belegen lassen“, weshalb ihre Arbeit gewiss kontrovers ist.

[19] Vgl. GEITH 1977, S. 172.

[20] Ebd. S. 171.

[21] Vgl. VON DER BURG 1974, S. 224 und GEITH 1977, S.182. Diese Beobachtung beweist auch, dass der Stricker des Altfranzösischen mächtig war.

[22] Vgl. Verfasserlexikon 1995, Sp. 42, GEITH 1977, S.183 und BÖHM 1995, S. 151.

[23] Vgl. GEITH 1977, S. 178f. und K 3003-3007.

[24] Vgl.GEITH 1977, S. 181f.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640891924
ISBN (Buch)
9783640892143
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170383
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Stricker Karl der Große Rolandslied Pfaffe Konrad

Autor

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