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Neuer Rassismus in einem neuen Europa

Einheit per Erlass

Essay 2010 7 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

"Neuer" Rassismus in einem "neuen" Europa? oder:

Einheit per Erlass?

In Anlehnung an Etienne Balibar möchte ich dem "neuen" Rassismus in einem "neuen"

Europa nachgehen. Als Anhaltspunkte dienen mir hier: „Wer ist fremd, wer ist einheimisch in Europa?“, „Gibt es zwei Arten von Ausländern in Europa?“ sowie etwaige Unterschiedlichkeiten der (rassistischen) Diskriminierung in Europa, welche sich zum Beispiel in Form von unterschiedlichen Einwanderungsbestimmungen und einem erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt zeigen könnte. Ich verweise hier auf die unterschiedlichen Grundlagen, z.B. zwischen Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Es liegen hier aufgrund der historischen Entwicklung verschiedene Arten der rechtlichen Gegebenheiten vor. Als Basis mag hier gelten: Ehemalige Kolonie versus Gastarbeitergedanke.

Allein der Titel der Vorlesung „Europa im Wandel“ verweist auf den Ruck der durch den Kontinent, den Koloss Europa, geht. Ein Ruck, welcher nicht zuletzt durch drei gewaltige Ereignisse entstand. Das erste Ereignis ist der Zusammenbruch des Sozialismus, das zweite die Krise im Nahen Osten und das dritte Geschehen, die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Auswirkungen dieser Vorkommnisse scheinen in ihrer Gesamtheit noch unabsehbar. Jedoch kommt es ggffs. zum erneuten Aufflammen des Nationalismus und eben zur Bildung einer (neuen) europäischen Nation nicht zuletzt als Gegengewicht darauf, dass sich die USA zur Supermacht entwickelt (Balibar 2000: 107).

Der Zusammenbruch des Sozialismus folgt einer Reihe von Begebenheiten in der Geschichte Europas, in welchem schon mehrere Welt/Supermächte wie auch Systeme untergingen.

Die Aufteilung der UdSSR in fünfzehn Staaten, zu Beginn der 1990er, ist eines der zentralen Ereignisse mit ungeklärten Auswirkungen auf Europa. Was geschah über diese territoriale Aufteilung hinausgehend mit der Identität der Betroffenen (und hier handelt es sich um 288 Millionen Menschen). Selbiges trifft für die Aufteilung Tschechiens und Jugoslawiens zu. Ich nehme hier den Blickwinkel ein, diese Staaten als Individuen zu betrachten und Europa als die Gesellschaft, in welcher diese Individuen leben und sich integrieren könnten und dass zumindest in einem Teil der Individuen das Erbe des Sozialismus gegenwärtig sein könnte und somit auf die (neue) Gesellschaft zurückwirkt.

Kann Europa davon ausgehen, dass hier in kurzer Zeit ein Nationenbewusstsein entstand? Gibt es ein supranationales Bewusstsein, ein Denken als (EU) BürgerIn? Bezeichnet sich der griechische, deutsche, österreichische,… Mensch als EuropäerIn? Wird diese Bezeichnung EuropäerIn erst in einem größeren Kontext schlagend, etwa dann wenn der europäische Mensch seinen Kontinent verlässt?

Europa steht also nicht losgelöst von den anderen Kontinenten da, ist in seiner „Gesamtheit“ zudem ein Teil des Weltgeschehens, somit auch ein Teil des zweiten Ereignisses, der Krise des Nahen Ostens. Kann Europa von der Annahme ausgehen, dass es vor einem durchschlagenden Missverhältnis zwischen wirtschaftlich-finanziellem Engagement und politischem Einfluss der EU auf den Nahen Osten steht? Wie auch davon ausgehen, dass gesellschaftliche (Miß)Verhältnisse des Nahen Ostens nach Europa (mit)importiert werden?

Balibar weist in einem seiner Interpretationsmodelle jedenfalls auf das Ensemble eines euro- arabischen Europas hin. Ich denke hier den Faktor Ökonomie mit, was auch eine von Etienne Balibars Hypothesen darstellt und zwar dass die Idee des politisch-wirtschaftlichen Kleineuropas nicht umsetzbar ist u.a. da die „europäische Einigung“ auf dem Gleichgewicht der verschiedenen Ländern basiert, jedoch mit dem vorhandenen Ungleichgewicht der Macht und zudem noch mit den unterschiedlichen Interessen nicht zurechtkommt (Balibar 2000: 108).

Die Wiedervereinigung Deutschlands als drittes genanntes Ereignis eröffnet mir eine Flut an Fragestellungen. Die Verwendung des Begriffs Wiedervereinigung zweifelt offensichtlich nicht an, dass eine Einigung jemals bestand.

Anhand all dieser knappest angerissenen Bewegungen scheint die Klärung der Frage „Wer ist fremd, wer ist einheimisch?“ in weite Ferne zu rücken. Ich sehe einen Prozess, welcher sich bestenfalls in der Einleitungs/Sortierung/phase befindet. Baut sich hier -in einer Analogie -, nicht zuletzt durch die eklatante Verschiebung des (politischen) Kräfteverhältnisses, ein unaufhaltsamer auf Europa zurollender Tsunami erst auf? Die Neuordnung der äußeren Grenzen scheint abgeschlossen. Gibt es ein gemeinsames Zusammenleben über die Gesetze hinaus? Wonach ich frage: Gibt es Europa in der Realität? Anders gefragt. Wird der Koloss standhalten und eine europäische Union erschaffen?

Bringt dieser Umbruch - wie Balibar meint -, eine neue Spaltung, einen neuen Rassismus, hervor? Er stellt zwei Interpretationsmodelle auf. Das erste beinhaltet eben das Ensemble eines euro-arabischen (muslimischen) Europas, das zweite ein (ex)sowjetisch-euroöstliches Europa. Beide Modelle scheinen für sich jeweils mindestens so stark wie die europäische Einheit. Balibar sieht darin die Entstehung von „instabile[n] komplexen ethno-sozialen Gruppen“. Er ortet die Begrenztheit von Einheit in eben dieser Vervielfachung der Nationalität bzw. des Nationalgefühls. In einer Umkehrung der Vergangenheit sieht er darin die Probleme der Welt anhand Europas aufgezeigt und verweist in einer weiteren Verkleinerung auf den Brennpunkt Deutschland nach der Wiedervereinigung (Balibar 2000: 109f).

Mir drängt sich in diesem Bezug auf Europa das Bild einer Matrjoschka, einer russischen Puppe, auf. Gleich der Matrjoschka birgt Europa die anderen Länder in sich. Wobei die Gesamtheit der Welt Europa in sich bewahrt. Und so keines für sich steht, weder politisch noch wirtschaftlich.

Es ist einer der Gedanken Balibars, „ dass von allen europäischen Ländern vielleicht gerade Deutschland das Land ist, das sich in den schärfsten Formen mit der Krise der »Nation«-Form konfrontiert finde[t]“ (http://www.uni-muenster.de).

Die Wiederherstellung zu „einem einzigen deutschen Volk“ zeigt auch für mich in musterhafter, veranschaulichender Weise die Situation und die Nöte einer europäischen

„Gemeinschaft“ weil sich hier Deutschland - ganz wie Europa auch - die Frage gefallen lassen muss, ob, wann und wie eine deutsche Nation bestand. Auch in der Geschichte (zumindest bis vor Bismarck) war Deutschland zwar gekennzeichnet durch die gemeinsame Sprache, aber nicht durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

So mutet mir übertragen auf einen ganzen Kontinent, welchen noch nicht einmal die

Sprache eint, die Klärung der Frage „Wer ist fremd, wer ist einheimisch?“ vom heutigen Stand als nahezu unbewältigbar an.

[...]

Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640890835
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170321
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Schlagworte
Europa Rassismus Nationenbewusstsein

Autor

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Titel: Neuer Rassismus in einem neuen Europa