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Warum sollte TZI eine Methode für alle „Ichs“ im „Wir“, auch im Studium und der Praxis der Sozialen Arbeit sein?

Themenzentrierte Interaktion (TZI)? - Wir "verstehen" uns doch!?

Seminararbeit 2006 24 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis/Gliederung

1 Einleitung

2 Themenzentrierte Interaktion (Barbara Langmaack)
2.1 TZI will dem einzelnen Menschen helfen, denn Ich-sein ist nicht selbstverständlich
2.2 Jedes „Ich“ lebt im Wir

3 Was heißt es, sein eigener Chairman zu sein und sich in seinen Aussagen selbst zu vertreten?

4 Ich-sein ist auch im „lockeren“ Fachhochschulstudiengang Soziale Arbeit nicht selbstverständlich

5 Resümee / persönliche Stellungnahme

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Themenzentrierten Interaktion (TZI) ist eine Methode, die universell angewendet werden kann bzw. möchte ich bereits im Vornherein andeuten, dass sie eigentlich Bestandteil jeder Gruppe unbewusst ist und gerade in der professionellen Teamarbeit bewusst sein sollte. Wenn mehr als zwei Personen, also Individuen zusammentreffen um gemeinsam beispielsweise etwas zu unternehmen oder zu erarbeiten spricht man bekanntermaßen von einer Gruppe. Ruth C. Cohn entwickelte eine einfache, jedoch gleichzeitig auch komplexe Methode die verdeutlicht, in welchen Ebenen sich Gruppen die zusammenarbeiten bewegen. Es scheint leicht verständlich und beinahe trivial sich den „Globe“ und dessen Inhalt, das „Ich“, „Wir“ und „Es“ vorzustellen, doch steckt viel mehr dahinter als es zunächst den Anschein hat. Der „Globe“, den der historische Zeitpunkt und der Ort oder Raum des Zusammentreffens bilden, ist kurz und einfach zu erläutert. Was die Hochschule betrifft wären dies der jeweilige Hörsaal, Datum und Uhrzeit des Zusammentreffens und etwa in einer sozialen Einrichtung ein bestimmter Gruppenraum. Zentral ist jedoch der Inhalt des „Globes“ und hier vor allem die am Gruppenprozess Beteiligten, die „Ichs“. Das Thema („Es“) und das „Wir“ (die Gruppe) sind nicht weniger wichtig, wie das eigentliche Ziel von TZI, die Balance dieser Eckpfeiler zeigt. Keines dieser drei bildlichen Punkte soll vernachlässigt werden und „zu kurz kommen“. Nun stellt sich hier bereits die Frage, ob dies denn in der Praxis überhaupt möglich ist. Genau deshalb stelle ich das „Ich“ in den Mittelpunkt meiner Arbeit, da in der praktischen Anwendung und dem Gelingen von TZI in erster Linie in der Eigenverantwortung jedes einzelnen Gruppenmitglieds liegt, was durch die aus den Axiomen abgeleiteten Postulate deutlich wird. Ein Axiom, wie es das Wort sagt, ist eine feststehende und nicht zu ver-ändernde Tatsache. Bei genauerer Betrachtung der Axiome wird deutlich, dass diese auf alle Menschen zutreffen, egal ob arm oder reich, Mann oder Frau und Jugendlichen oder Greis. In den Postulaten steckt aus meiner Sicht die praktische Relevanz für die Methode der TZI. ”Sei dein eigener Chairman”(vgl. Cohn, 1975, S.121) und ”Störungen haben Vorrang” (vgl. Cohn, 1975, S.122) gelten für jeden einzelnen Teilnehmer einer Gruppe, die mit TZI arbeitet. Dies sollte der Fall sein, ist jedoch nicht ganz so einfach, da diese auf den ersten Blick und gerade für den sozialen Arbeitsbereich als beinahe selbstverständlich geltenden Forderungen in der Praxis möglicher-weise sehr viel Überwindung kosten und auf jeden Fall aktive Verantwor-tung im Gruppenleben für jedes Gruppenmitglied bedeuten. Es stellt sich die Frage: Warum fällt es mir so schwer in einer Gruppe von Menschen wirklich ich selbst zu sein und für meine Belange offen, kongruent und authentisch einzustehen?

2 Themenzentrierte Interaktion (Barbara Langmaack)

2.1 TZI will dem einzelnen Menschen helfen, denn Ich-sein ist nicht selbstverständlich

Ich? Wer bin ich und was will ich? Ich denke, in unserem Zeitalter sind diese wichtigen Fragen, ob gewollt oder ungewollt in den Hintergrund der wahrscheinlich sogar meisten Menschen gerückt. Stress, Zeitnot, Zukunfts-ängste, und das globalisierte Leben gerade in Industrienationen lassen keinen Platz für solch existentielle Fragen wie diese. Doch ist nicht jeder einzelne sein eigenes „Ich“ mit ganz individuellen Bedürfnissen, Wünschen, Ängsten und Erfahrungen? Wie kann ein gefestigtes, starkes und in der Praxis der Sozialen Arbeit notwendiges „Wir“ entstehen, wenn die beteiligten „Ichs“ „schwach“ sind?

TZI setzt genau hier an und zwar beim einzelnen. Die Themenzentrierte Interaktion ist eine Methode, die von Ruth C. Cohn entwickelt wurde und für alle Bereiche, egal ob Schule, Berufswelt, Studium oder andere Bereiche in denen Gruppen „arbeiten“ angewendet werden kann. Sie ist allerdings keine Methode, die sich beispielsweise „nur“ mit Gruppenentwicklung beschäftigt, sondern sie geht tiefer. Dies liegt daran, dass Ruth C. Cohn Erkenntnisse aus ihrer praktischen Arbeit mit der Psychoanalyse (Humanistische Psychologie) mit einbringt. Diese Erkenntnisse sind gleichzeitig die Basis von TZI, die Axiome. Es ist zunächst einmal völlig unwichtig, welche Rolle das Gruppenmitglied besitzt, sondern um den einzelnen Menschen, der durch die Axiome beschrieben wird. Der Mensch gilt als Maßstab aller Entscheidungen(vgl. Langmaack, 1991, S.12), was vor allem durch das ethisch-soziale Axiom deutlich wird. Hier heißt es: ”Ehrfurcht gebührt allem Lebendigen und seinem Wachstum. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen”(vgl. Langmaack, 1991, S. 13). Das heißt, alle Entscheidungen müssen (”...auf ethischen Überlegungen basieren”)(vgl. Langmaack, 1991, S.13) um den Erhalt menschlicher Grundwerte auch zukünftig sicherzustellen. Das existentiell-anthropologische Axiom beschreibt den Menschen als Ganzes und zeigt auf, dass er nicht nur physische Bedürfnisse wie etwa Atmen, Essen und Trinken hat, sondern auf mehreren Ebenen gleichzeitig befriedigt werden will. Der Mensch ist demnach eine (”...Einheit...”)(vgl. Langmaack, 1991, S.12) aus Körper, Geist und Seele und jeder (”...Teilbereich...”)(vgl. Langmaack, 1991, S.12) der angesprochen wird, spricht den gesamten Menschen an. Das bedeutet, herrscht z. B. zwischen den Mitgliedern einer Lerngruppe Antipathie, leidet zu hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur der Lernerfolg auf intellektueller Ebene, sondern auch die physische Befind-lichkeit aller. Somit ist der Mensch zwar einerseits (”...autonom...”)(vgl. Langmaack, 1991, S.12) gegenüber anderen Menschen, doch zugleich eben auch abhängig von diesen. Sämtliche Teilbereiche des Lebens, egal ob Familie, Berufsleben oder Freizeit beeinflussen sich gegenseitig, da der Mensch Teil der Gesellschaft ist und nur durch Interaktion mit anderen (Über-)leben kann. ”Je mehr er sich dieser Zusammenhänge und Abhängigkeiten bewusst wird, um so mehr Möglichkeiten hat er, um das zu verteidigen, was ihm voll Wert für sich und für die Welt erscheint.”(vgl. Langmaack, 1991, S.13) Nur wer beispielsweise weiß, dass sich ein ständiges negatives Privatleben automatisch auch auf das Berufs- oder Studienleben negativ auswirken kann, kann bereits präventiv Maßnahmen ergreifen. Etwa kann allein das Sprechen über Probleme, in diesem Fall mit Arbeitskollegen oder KommilitonInnen Klarheit zwischen die Fronten bringen. Das heißt nicht, dass diese der Seelendoktor sein sollen, doch allein die Andeutung des Problems verhindert Unklarheiten zwischen den persönlichen Beziehungen in der jeweiligen Gruppe und unnötige Gedanken, die bekanntlich auch nicht wenig Kraft kosten. Das Auftreten von zwischenmenschlichen „Störungen“ hat häufig die alleinige Ursache in der fehlenden Kommunikation zwischen den Betroffenen. Ich kann nur etwas Verändern, wenn ich mir bewusst bin, wo und mit wem das Problem besteht und dann mögliche Lösungen suchen und finden. Hier befinden wir uns bereits auf der Ebene der Postulate, in welcher der einzelne Chairman seiner selbst, seine Störungen, die zu Störungen in der Gruppe führen, soweit möglich und sinnvoll ansprechen soll, um den Gruppenprozess und das Bearbeiten des Themas („Es“) wieder in den Mittelpunkt rücken zu lassen (Weiterentwicklung und Fortschritt sind nicht nur das Ziel von TZI, sondern in der Regel auch einer Arbeitsgruppe).

Das pragmatisch-politische Axiom zeigt auf, dass sowohl persönliche Grenzen jedes einzelnen, als auch Grenzen gegenüber der Umwelt unsere Freiheit einschränken. Da auch unsere Mitmenschen Freiheit besitzen, sollte bzw. muss genau hier unsere Freiheit enden. Ruth C. Cohn sagt selbst: ”Ich glaube, dass nur eine feste Struktur Freiheit ermöglicht”(vgl. Cohn, 1975, S.113) Wie soll man Freiheit definieren, wenn man keine Grenzen kennt? Nur wer Struktur und Grenzen vorfindet und akzeptiert, kann auch Freiheit genießen und lernt neue Freiheiten zu schätzen. Mit persönlichen Grenzen ist nicht nur der Grad von körperlicher (”َ...Gesundheit, Intelligenz und materiellen Mitteln ...َ”)(vgl. Cohn in Langmaack, 1991, S.14), sondern z. B. in der Gruppensituation auch die momentane psychische Befindlichkeit und Stärke aller. Es ist nämlich fraglich, ob ich überhaupt Entscheidungen treffen kann und mehr als körperlich am Gruppengeschehen teilnehmen kann, wenn ich psychisch angeschlagen bin oder Angst und eine innere Blockade habe, mich aktiv in die jeweilige Gruppe einzubringen. Kann ich so für mich subjektiv richtige Entscheidungen treffen und gleichzeitig aber auch objektiv sein? Nein, da ich womöglich so sehr mit meinen Problemen und Ängsten beschäftigt bin, dass ich gar nicht erst authentisch sein kann und somit nicht kongruent zu mir selbst, zur Gruppe und gegenüber der Themenbearbeitung bin.

Über die Axiome treffen wir also auf das genannte Problem: ”Ich-sein ist nicht selbstverständlich.”(vgl. Langmaack, 1991, S.37) Zum einen kann Ich nicht Ich sein weil man mich nicht lässt, zum anderen wenn ich es aus persönlichen Gründen heraus einfach nicht kann. Je mehr ich mit mir selbst „im Reinen“ bin, umso leichter kann ich mich auf andere einlassen, in neue Gruppen einbringen und die Bearbeitung des Themas angehen. Langmaack spricht ”(...) von - dem Ich, als der Summe aller Aspekte der Persönlichkeit (...)”(vgl. Langmaack, 1991, S.37), was eine Parallele zum existentiell-anthropologischen Axiom aufzeigt. Weiter spricht sie von ”(...) Ich-Identität t (...”)(vgl. Langmaack, 1991, S.37), (”... Individuation als Weg der Selbstentwicklung...”)(vgl. Langmaack, 1991, S.37) und (”... dem Selbstkonzept...”)(vgl. Langmaack, 1991, S.37). Ich-Identität ist keinesfalls determiniert, da der Mensch sich nicht nur körperlich verändert, sondern auch geistig und charakterlich weiterentwickelt. Genau hier liegt wie bereits erwähnt das Ziel von TZI, dass ständige Weiterentewicklung für den einzelnen, als auch für den Gruppenprozess heißt. Die noch zu erläuternden Postulate fordern jedes Gruppenmitglied gerade dazu auf, sein eigenes Gruppenleben selbst in die Hand zu nehmen und nicht dem Groupworker (an der Universität der Dozent) zu überlassen. TZI heißt lebendiges Lernen und nicht nur sich berieseln zu lassen und die Zeit abzusitzen. ”TZI weckt vorhandenes Wachstumspotential im Menschen und ermutigt ihn zur Eigenregie.”(vgl. Langmaack, 1991, S.37) TZI gibt uns die Möglichkeit zur ”(...) individuellen Entwicklung (...)”(vgl. Langmaack, 1991, S.38) im Rahmen unserer (... inneren und äußeren) ”َGrenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich!َ”(vgl. Cohn in Langmaack, 1991, S.14) TZI schafft also den äußeren Rahmen, jedoch liegt das Nutzen dieser womöglich bisher unbekannten Freiheit in der Hand jedes einzelnen. Es darf dabei nicht vergessen werden, dass dies nicht ganz so einfach umzusetzen ist, da es aufgrund persönlicher Prägung und Erfahrung dem einen leichter oder schwerer fällt, diesen Freiraum zu nutzen. War man es bisher vielleicht gewohnt, seine Identität durch das (... soziale Umfeld ...)(vgl. Langmaack, 1991, S.38) zu erhalten, wird man durch TZI aufgefordert, sich seine Identität selbst zu erarbeiten und für diese auch offen einzustehen. Gerade in der Vergangenheit war es nicht gerne gesehen, sich von der breiten Masse abzuheben und eigene Wege zu gehen. Langmaack bezeichnet dies als ”(...) Einengung (...)”(vgl. Langmaack, 1991, S.38), die ”(...) psychische Einbrüche überspielte (...)”(vgl. Langmaack, 1991, S.38) und ”(...) Armut, Krankheit und Abhängigkeit (...)”(vgl. Langmaack, 1991, S.38) zur Folge hatte. Das heißt, es war nicht immer selbstverständlich, ein Recht auf Bildung, Chancengleichheit und somit die Möglichkeit auf eine bessere, eigenverantwortlich zu gestaltende Zukunft zu haben. ”Wurden die Normen von jemandem durchbrochen, so wurde er schnell als verrückt oder als Versager abgestempelt und musste seinen Bezugsrahmen verlassen.”(vgl. Langmaack, 1991, S.38) Ist das heute anders? Es ist sicherlich nicht mehr so „geächtet“ wie etwa im Mittelalter, eigene Präferenzen auszuleben, eigene Wege zu gehen und für seine Person und Meinung einzustehen, doch auch Langmaack stellt fest, dass (dieses Bild bis in die Neuzeit wirkt.)(vgl. Langmaack, 1991, S.38) Sie erkennt: ”Trotzdem ist es erstaunlich, wie viele Menschen auch heute noch Sklaven ihrer Tradition, ihres Milieus und der Normen ihrer Familie sind.”(vgl. Langmaack, 1991, S.39) Den Menschen bieten sich durch die vielen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung heute mehr Chancen zur Identitätsfindung, als dass dies nur über das Berufsleben möglich wäre. Dabei werden bereitwillig Risiken(vgl. Langmaack, 1991, S.39) in kauf genommen und neu gewonnener Freiraum weckt Lust auf mehr. Es wissen jedoch dann viele oft nicht, diesen sinnvoll zu nutzen bzw. werden dann häufig Pflichten und die Freiheit und Rechte anderer unterdrückt und übergangen. Die Axiome sollen uns daran erinnern, dass nicht nur gewichtige Entscheidungen einer Gruppe wohl überlegt und unter Berücksichtigung menschlicher Werte zu treffen sind, sondern jeder einzelne in seinem Verhalten daran zu halten hat. ”Wie setze ich meine Wünsche und Bedürfnisse durch unter Berücksichtigung der Wünsche anderer und eingedeckt dessen, dass die Welt mir Grenzen setzt?”(vgl. Langmaack, 1991, S.40) Gesunder Egoismus ist wichtig, doch schadet es nicht, sich an anderen zu orientieren und zu versuchen, sich dann durch Reflexion ein eigenes Bild zu machen und dann eigenverantwortlich zu handeln. Freiheit hat oberste Priorität, doch ohne Rücksichtnahme und nötige Unter- und Einordnung kann keine Kleingruppe und erst recht keine Gesellschaft „funktionieren“. TZI ist in diesem Zusammenhang als Anstoß von außen(vgl. Langmaack, 1991, S.40) zu verstehen, über die eigene Identität nachzudenken und soweit möglich, etwas aktiv und zum positiven zu verändern. Der Mensch als Gewohnheitstier, geht gerne den „leichteren Weg“ und unterlässt es dann meist, sich Gedanken über das Leben und sich selbst zu machen. Solange alles in geregelten und gewohnten Bahnen verläuft und der Alltag, wenn auch meist fad und eintönig sich wiederholt, sind Fortschritt, Wachstum und Weiterentwicklung Fremdwörter. Veränderung kann positiven Fortschritt bedeuten, doch sich deshalb etwaige Strapazen zuzumuten wird gescheut. Sicherlich blockiert die Stress-gesellschaft, die sich unter anderem durch wachsende Zukunftsängste und sich ständig steigernden beruflichen Druck auszeichnet und lässt so sowohl keinen Platz für Emotionen, als auch rationales Nachdenken über grundlegende Fragen des Lebens. Häufig lassen uns erst Krankheit oder durch andere Umstände bedingte Zwangspausen(vgl. Langmaack, 1991, S.40) zum Nachdenken kommen. Diese Tatsache birgt allerdings Gefahren, da es dann oft zu spät ist, um fundamental Wichtiges im Leben noch zu ändern. Zum Beispiel hört man aus China, dass gerade alleinstehende Rentner nach ihrem Arbeitsleben, das von einer Sechstagewoche a`12-14 Std. pro Tag geprägt war, größte Probleme haben, eine „neue“ Identität zu finden und eine Selbstfindung zu starten. Dies führt oftmals zu Depressionen bis hin zum Suizid. Dieses Beispiel zeigt, dass sich die Axiome von Ruth C. Cohn immer wieder bewahrheiten. Der jeweilige Rentner aus China mag finanziell abgesichert sein, also physisch scheint er befriedigt, doch es fehlt ihm ein Lebensinhalt, der Sinn im Leben. Hatte er je die Chance zum Nachdenken? Für die Gruppensituation heißt das, auch einmal innezuhalten, Gruppenmitglieder zum nachdenken anzuregen und allen die Möglichkeit zu bieten, sich persönlich einzubringen. Auch hier ist Struktur ausschlaggebend, was heißt, nicht etwa sofort mit dem Thema zu starten, sondern die Teilnehmer „ankommen“, „setzen“ zu lassen. ”Mit Selbstverwirklichung und wachsender Ich-Identität ist also in erster Linie gemeint, sich der Realität des Wandels zu stellen, diesen auch zu wollen, die Bilder von sich selbst aktiv zu gestalten, anstatt sie geschehen zu lassen oder sie von außen benennen zu lassen.”(vgl. Langmaack, 1991, S.41) Wir werden auch in der Gruppensituation, an der Hochschule und im Beruf von unserer Umwelt beeinflusst, doch liegt es in der Hand jedes einzelnen, was er daraus macht (siehe existentiell-anthropologisches Axiom). ”Schau nach innen zu Dir und nach außen zu den anderen, heißt es im Chairmanpostulat.”(vgl. Langmaack, 1991, S.41) Jeder Mensch ist ein freies Individuum, was keinesfalls angezweifelt werden soll und ansonsten ja auch gegen die Axiome sprechen würde. Eigene Identität kann er jedoch nur durch seine Familie und sein soziales Umfeld erhalten, die zitierte Interdependenz. Die familiären Wurzeln und die erfahrene Erziehung prägen uns, doch heißt das nicht, dass damit unser Wachstum, unsere Entwicklung endet. Wir entdecken uns und unsere Umwelt jeden Tag neu, wenn wir nur wollen und ein stückweit offen dafür sind. Selbst tiefverwurzelte Ängste und Schwächen können stets bekämpft und bearbeitet werden. ”Leben entwickelt sich im Leben”(vgl. Langmaack, 1991, S.41) Langmaack weist darauf hin, dass nicht nur positive Erfahrungen Wachstum bedeuten, sondern auch „harte Zeiten“ und vermeintliche Rückschritte Fortschritt bedeuten können. Bewusste Entscheidungen, die, ich möchte es „ Ich kann dahinterstehen Entscheidung“ nennen, sind der „Schlüssel zum Erfolg“. ”Wachstum gestalten, führt in größere Höhen des Erlebens und in größere Tiefen der Erkenntnis. Um auf einen nächsten Gipfel zu gelangen, kann man keine Regenbogenbrücke benutzen, man muß dazu durchs Tal, wo alle Wege ihren Anfang nehmen, wie C. G. Jung uns lehrt.”(vgl. Langmaack, 1991, S.41) Nach Maslows Bedürfnispyramide(vgl. Langmaack, 1991, S.43) bedeutet nur die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse Wachstum, doch das Leben, also auch der Mensch schreibt nicht nur angenehme und „schöne“ (Lebens-)Geschichten. ”Umwege und Rückschritte beherrschen ebenso das Bild wie Fortschritte.“(vgl. Langmaack, 1991, S.48) Wenn wir von einer Gruppe sprechen, ist es also wichtig zu bedenken, dass es sich zunächst um viele individuelle „Ichs“ handelt. Ist er so wie ich ihn sehe? Meint er das, was ich denke das er meint? ”َSag einfach, was istَ, so forderte Ruth Cohn in einem Gespräch zu Echtheit und Direktheit auf. Das ist gemeint, wenn vom Finden und Verwirklichen des eigenen Ichs die Rede ist, von Selbstkonzept und Eigenverantwortung.”(vgl. Langmaack, 1991, S.46) Ich-sein verlangt also zunächst Kongruenz gegenüber mir selbst und dann gegenüber meiner Umwelt. ”Und schließlich: Entwicklung zu eigener Identität geht nicht ohne den mutigen Schritt über Angst und Konformität hinaus, denn es ist nicht gesagt, daß alle Menschen meiner gewandelten Identität freudig zustimmen werden. Viele hätten mich gern verlässlich gleichbleibend. Andere fühlen sich durch mein Wachsen selbst in Frage gestellt.”(vgl. Langmaack, 1991, S.48) Ganz nach dem Motto, wie es im Studium und in der Arbeitswelt oftmals vorherrscht: „Zu viel Engagement und zu gute Leistungen sind nicht gerne gesehen, da dies für andere Veränderung bedeuten könnten, Neid aufkommen lässt und Angst macht.“

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Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640890767
ISBN (Buch)
9783640890958
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170303
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,5
Schlagworte
TZI Soziale Arbeit

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Titel: Warum sollte TZI eine Methode für alle „Ichs“ im „Wir“, auch im Studium und der Praxis der Sozialen Arbeit sein?