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Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland: Ein Vergleich zweier historischer Migrationsphasen

Fachbuch 2011 76 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Migrationstheoretischer Ansatz (theoretische Betrachtungen)
2.1 Hoffmann-Nowotny`s Soziologie des Fremdarbeiterproblems
2.2 Wirtschaftliche, internationale Betrachtungen
2.3 Sozialpsychologische Betrachtungen
2.4 Esser`s Aspekte der Wanderungssoziologie

3 Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland im 19. Jahrhundert
3.1 Die Ausgangssituation 1815
3.2 Die Entwicklung der Wirtschaft
3.2.1 Historische Hintergründe
3.2.2 Politische Hintergründe
3.3 Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland im 19. Jhh
3.3.1 Wirtschaftsintensivierung und Bevölkerung
3.3.2 Die Zuwanderung der Ruhrpolen
3.4 Fazit Kapitel 3

4 Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland im 20. Jahrhundert
4.1 Die Ausgangssituation 1989
4.2 Die Entwicklung der Wirtschaft
4.2.1 Das polnische Wirtschaftssystem
4.2.2 Die Wirtschaft in (Ost-)Deutschland
4.3 Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland im 20. Jhh
4.3.1 Ziele polnischer Migranten
4.3.2 Repräsentativuntersuchung polnischer Arbeiter
4.4 Fazit Kapitel 4

5 Entwicklung der Arbeitsmigration (Heute)
5.1 Wirtschaftliche Bedingungen und Arbeitsmigration
5.2 Sozialpsychologische Bedingungen und Arbeitsmigration
5.2.1 Identifizierung, Wahrnehmung und soziale Strategien
5.3.2 Esser: kulturelle Teil-Identitätsarbeit im Migrationsfeld
5.4 Fazit Kapitel 5

6. Schlussbetrachtungen / Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Arbeit möchte auf migrationstheoretischer, wirtschaftlicher und sozialpsychologischer Folie zwei Arbeitsmigrationsphasen von Polen nach Deutschland betrachten, um für die Migrations-/Integrationspraxis relevante Ansatzmöglichkeiten erarbeiten zu können, sowie für weitere Bildungskontexte interessant zu erscheinen. Dafür sollen mit Kapitel 2 theoretische Instrumente gefunden werden, indem auf Hoffmann-Nowotny`s Soziologie des Fremdarbeiterproblems (2.1), auf wirtschaftliche und sozialpsychologische Betrachtungen (2.2 u. 2.3) und auf Esser`s Aspekte der Wanderungssoziologie eingegangen wird. Mit Kapitel 3 soll die erste Phase beobachtet werden. Dabei soll ein geschichtlicher Ausgangspunkt (3.1) und die wirtschaftliche Entwicklung (3.2) mit historischen und politischen Hintergründen (3.2.1 u. 3.2.2.) berücksichtigt werden, um darauf die Zusammenhänge bei der Arbeitsmigration im 19. Jhh. (3.3) zwischen Wirtschaftsintensivierung/Bevölkerung (3.3.1) und Zuwanderung der polnischen Arbeitsmigranten (3.3.2) breiter darstellen zu können und in einem Fazit (3.4) zusammen zufassen. Kapitel 4 betrachtet die zweite Phase und geht für einen aussagekräftigen Vergleich in ähnlicher Gangart vor; mit einem geschichtlichen Ausgangspunkt (4.1), der wirtschaftlichen Entwicklung (4.2) in Polen und in Deutschland (4.2.1 u. 4.2.2), sowie der Arbeitsmigration im 20.Jhh. (4.3), mit den Zielen polnischer Migranten (4.3.1) und einer Repräsentativuntersuchung polnischer Arbeiter (4.3.2), um dann zu einem Fazit zu kommen (4.4). Kapitel 5 versucht einigen wirtschaftlichen (5.1) und sozialpsychologischen Bedingungen (5.2) diskutierend über Identifizierung, Wahrnehmung, soziale Strategien (5.2.1) und Arbeitsteilung, Entwicklungsblockaden (5.2.2) nach zugehen, um darauf (5.3) mit den Modellen von Hoffmann-Nowotny (5.3.1) und Esser (5.3.2) die beiden Phasen genauer zu vergleichen und Ansätze für die Migrationspraxis zu diskutieren und zusammen zufassen (5.4). Kapitel 6 möchte die Arbeit resümieren und einen möglichen Ausblick geben.

2 Migrationstheoretischer Ansatz (theoretische Betrachtungen)

Das zweite Kapitel möchte eine theoretische Grundlage herstellen, um die beiden historischen Migrationsphasen (im 19. Jhh. und im 20. Jhh.) zu beleuchten. Dafür soll zunächst die Theorie von Hoffmann-Nowotny aufgezeigt (2.1), seinen theoretischen Empfehlungen nachgegangen (2.2 u. 2.3) und ein weiterer migrationstheoretischer Ansatz (2.4) im Kern dargestellt werden.

2.1 Hoffmann-Nowotny`s Soziologie des Fremdarbeiterproblems

Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny ist am 17.3.1934 in Mühlheim an der Ruhr, in Deutschland geboren. Er war ein Sohn einer polnischen Einwandererfamilie. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung zum Dachdecker, später hat er noch die Meisterprüfung abgelegt. Von 1961-66

studierte er in der Soziologie, Sozialpsychologie, Volks- und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Köln. 1969 promovierte er in Zürich (in Soziologie). 1973 erlang er die Habilitation. Von 1975-2001 war er Professor für Soziologie an der Universität Zürich. Hoffmann-Nowotny starb am 16.3.2004 (vgl. http:// Historisches Lexikon der Schweiz). Sein Band: Soziologie des Fremdarbeiterproblems, leistete einen bedeutenden Beitrag zur soziologischen Theorie. Es zeigt, "was ein solches Vorgehen ... für die Formulierung einer Fremdarbeiterpolitik leisten kann" (Hoffmann-Nowotny, 1973, Vorwort: Heinz). Für Westeuropa ist die Fremdarbeiterfrage schon seit längerem ein soziales Problem höchsten Ranges (vgl. Hoffmann-Nowotny, 1973, S. 1). Der theoretische Diskurs darüber, mündete in einer makrosoziologischen Theorie sozietaler Systeme, deren zentrale theoretische Konzepte Macht und Prestige sind (vgl. ebd., S. 4). In diesen sozietalen - oder gesellschaftlichen, sozialen - Systemen werden zwei unterschiedliche Gruppen von Kräften unterschieden, a) "Kräfte, die dazu tendieren, ein Ungleichgewicht zwischen Macht und Prestige der Einheiten des Systems zu produzieren und b) Gegenkräfte, die dazu tendieren, ein Gleichgewicht zwischen Macht und Prestige zu produzieren bzw. ein gegebenes Ungleichgewicht zu stabilisieren" (ebd., S. 6). Die Gleich- und Ungleichgewichte von Macht und Prestige werden zum einen durch die Position bestimmt und zum anderen hängen sie davon ab, "in welcher Weise der Zugang zu den Positionen bewerkstelligt wurde" (ebd., S. 8). In diesem Aktionsfeld von Positionen und Zugängen entstehen Ungleichgewichtsspannungen in Form von Marginalität, "die durch eine ungleichgewichtige Statuskonfiguration hervorgerufen wird" (ebd.). Dabei wird Marginalität als geringer Grad an Integration definiert, denn der Grad an Integration wird gemessen durch den Grad des Zugangs zu Positionen, Werten, Teilhabe usw. Die sogenannte Fremdarbeiterfrage ist dann z. B. ein Problem, "das zumindest teilweise eine vom Auswanderungs- in den Einwanderungskontext verlagerte und transformierte Spannung zum Ausdruck bringt" (ebd., S. 15). Hoffmann-Nowotny hat nun versucht das Fremdarbeiterproblem, unter Verwendung dieses allgemeinen soziologischen Ansatzes, als theoretisches Problem zu formulieren, damit "es einer empirischen Behandlung zugänglich ist" (ebd., S. 22). Um einen theoretische Grundlage dafür zu präsentieren, hat er vier Modelle entwickelt. (I) Migrationseinfluss auf die soziale Struktur des aufnehmenden Systems = Über- oder Unterschichtung der gesell. Strukturen; (II) Situation der autochthonen (einheimischen) Unter- und unteren Mittelschicht vor der Einwanderung = traditionelles Spannungsfeld in der Statuskonfiguration, Mobilität und Anomie; (III) Veränderungen für die Einheimischen nach dem Einwanderungseinfluss = pluralisiertes Spannungsfeld von Status, Mobilität und Anomie; (IV) Situation der Einwanderer im Einwanderungskontext = unterste Positionen und geringe Bildungsaspiration, transformierte Spannungen, kollektive Marginalität, individuelle Anomie/Anpassung und Diskriminierungserfahrung. Hoffmann-Nowotny konstatiert in seiner theoretischen Modellierung, dass Migration aus den Entwicklungsunterschieden im internationalen System entsteht. "Die Migration kann sowohl in Richtung abnehmender wie auch in Richtung zunehmender Entwicklung verlaufen" (ebd., S. 24); d. h.: Über- oder Unterschichtung der Sozial- und Berufsstruktur des aufnehmenden Systems. Eine Unterschichtung bedeutet für Hoffmann-Nowotny eine Einwanderung aus weniger entwickelten Ländern und stellt eher den besagten Spannungstransfer dar. Denn im abgebenden System kommt es zu einer Reduktion der Gesamtspannung und im aufnehmenden System zu neuen Spannungen, aufgrund der als Unterschichtung stattfindenden Einwanderung. Die Unterschichtung bedeutet, dass die Mobilitätschancen, der sozial nach gestellten Einheimischen, auf Positionen und deren Zugängen, in der nun expandierenden unteren Beschäftigungstruktur differentieller, pluralisierter und auch undurchsichtiger werden. Auch die zuvor als geordnet empfundene klassische, kollektive oder individuelle Rückzugsmöglichkeit, resultierend aus den Rang-, Status-, Gleich- und Ungleichgewichtsspannungen in der bisherigen Macht- und Prestigekonstellation, erfährt nun eine differentiellere Legitimation und Nicht-Legitimation von Anomie. Einheimische, die der Pluralisierung von Mobilität und Anomie keine Teilhabe oder Handlungsstrategie entgegen zusetzen haben, "perzipieren die Einwanderung zu einem großen Teil als latente oder manifeste Bedrohung" (ebd., S. 151). Das Spannungsfeld von Macht und Prestige, die Konkurrenz um Status, Bildung, Positionen und Zugängen auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Bereichen innerhalb eines Systems, scheint sich bei einer Unterschichtung der Sozial- und Berufsstruktur, nach Oben (arbeitsteilig) positiv und vor allem nach Unten negativ auszuweiten. Empfundene Spannungen, Bedrohungen, Anomien oder sogar gefühlte Verluste erfahren womöglich so eine neue Projektionsfläche, eine neue untere Plattform als Ventil der nicht mehr fassbaren, komplexer werdenden Strukturen in industriell hoch entwickelten Ländern. Die alte Plattform: Oben, oder auch: Gesellschaft, wirkt weiterhin schwer erreichbar und wird immer undurchsichtiger; schwerer handhabarer für den arbeitenden oder politischen Akteur. Die Einwanderer: die Fremden, sind nur der Aufhänger für interne Probleme von hoch entwickelten Einwanderungsgesellschaften, die in der Auseinandersetzung mit den Fremden "lediglich sichtbar werden, und dies nicht einmal immer sehr deutlich" (Hoffmann-Nowotny, 1973, S. 151). Die Einwanderer nehmen schon bei der Migration in das aufnehmende Land, bei den zentralen Statuslinien: Beruf, Einkommen, Bildung, zumeist die tiefsten Positionen ein, sofern sie im Herkunftsland einer der unteren sozialen, marginalen Schichtungen angehörig waren und manövrieren nun in eine andere, wenn auch ein wenig bessere Marginalität. Eine im Auswanderungsland marginale Gruppe wird "zu einer im Einwanderungsland wiederum

marginalen Gruppe" (ebd., S. 265). Spannungen bei den Einwanderern nehmen dann z. T. anomische Anpassungsformen an, durch Aufgabe von, oder Resignation über gesellschaftlichen Aspirationsversuchen. Eine Dauer über einen Verbleib im Einwanderungsland ist dann nur durch neofeudale/anomische Anpassungen und einem nun hingenommenen Integrationsverzicht möglich (vgl. ebd., S. 267 ff.). Die Anomie: Rückwanderung, als Folge von Diskriminierungserfahrungen, fällt um so viel stärker aus, desto geringer die Integration ist, also desto geringer die Teilhabe an den Werten, Positionen, Zugängen und Identitätsmöglichkeiten im aufnehmenden System ist. Hoffmann-Nowotny verweist aber am Schluss seiner Analyse am Bsp. Schweiz - das kein Sonderfall ist gegenüber anderen hoch entwickelten Gesellschaften - auch darauf, dass eine soziologische, auf die Makrostrukturen zielende Betrachtung, alleine nicht ausreicht. Eine Ausweitung in den Bereich der Ökonomie und eine sozialpsychologische Betrachtung ist ebenso nötig (vgl. ebd., S. 330). Dahingehend möchten die nächsten beiden Abschnitte kurz darauf eingehen.

Fazit Hoffman-Nowotny: zu (I) Einwanderung von weniger entwickelten Ländern = Unterschichtung der unteren Sozial- und Berufsstruktur; zu (II) traditionelle Macht-, Prestige-, Status- und Ungleichgewichtskonstellation bei den Einheimischen; zu (III) Auswirkung der Einwanderung auf Einheimische = Zunahme der Bedeutung von Positionen, Status, Prestige = empfundene Bedrohung und Kontrollverlust für zumeist nach gelagerte, einheimische Sozialstrukturen; zu (IV) Einwanderer fühlen sich noch ohnmächtiger, z. T. durch schlechte Sprach- und Strukturkenntnisse, sowie fehlendem gesellschaftlich-kulturellen Hintergrundwissen = Anomien.

2.2 Wirtschaftliche, internationale Betrachtungen

Eine Einwanderung, in Form einer Unterschichtung, bedeutet nach Hoffmann-Nowotny eine Einwanderung aus weniger entwickelten Ländern. Was aber bedeutet Entwicklung in einem Land ? Entwicklung wird hier verstanden als ein gesellschaftlicher Prozess, "der Menschen in wachsendem Maße in die Lage versetzt, ihre lebensnotwendigen und ihre verallgemeinerungsfähigen Bedürfnisse zu befriedigen". Eine Unterentwicklung ist demzufolge "ein gesellschaftlicher und struktureller Mangelzustand" (Welthaus Bielefeld e. V., 2001, S. 147). Zu einer wachsende Bedürfnisbefriedigung von immer mehr Menschen gehört ein wirtschaftliches Wachstum, auch Vorsorge, Sicherheit, ökologische Nachhaltigkeit und eine Teilhabe an Politik und kultureller Identität (vgl. ebd.). Welche Voraussetzungen müssten gegeben sein, damit die Wirtschaft sich entwickeln kann, um Menschen die Möglichkeit geben zu können, für immer mehr allgemeiner werdende Bedürfnisse selbst zu sorgen ? Die Wirtschaft spielt sich als Prozess in einem Rahmen ab, "der in jedem Land durch die natürliche Umwelt, die Größe und Zusammensetzung der Bevölkerung, den Ausbildungstand der Erwerbstätigen und die Kenntnisse technischer Verfahren, durch rechtliche Vorschriften und institutionelle Gegebenheiten gebildet wird" (Stobbe, 1989, S. 2). Wirtschaftliche Prozesse sind Entscheidungen, die zu einem großen Teil über ökonomische Güter verfügen, "ihr Verbrauch oder ihr Gebrauch erhöhen die menschliche Wohlfahrt" (ebd.). Güter werden in drei große Kategorien eingeteilt: Sachgüter, Dienstleistungen und Nutzungen. Des Weiteren lassen sie sich nach dem Verwendungszweck einteilen. Zum Einen in Produktionsgüter: z. B. Rohstoffe, Transportmittel und Arbeitsleistung. Zum Anderen in Konsumgüter: z. B. Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Die gesamten wirtschaftlichen Prozesse von Produktion, Konsum oder Güter aller Art in einem Land, nennt man den volkswirtschaftlichen Produktionsprozess, der hauptsächlich durch die weitgehende Arbeitsteilung gekennzeichnet ist. Es gibt eine innerbetriebliche, eine volkswirtschaftliche und eine internationale Arbeitsteilung. Die Innerbetriebliche wird zumeist aus klar abgegrenzten, zuarbeitenden Abschnitten/Bereichen bestehen. Die volkswirtschaftliche Arbeitsteilung ist geprägt durch ein enges Netz von Lieferbeziehungen. Der volkswirtschaftliche Produktionsprozess kann als ein Riesenbetrieb in einer Gesellschaft aufgefasst werden, der aus der Umwelt Produktionsfaktoren aufnimmt und Erzeugnisse an sie wieder ab gibt. "Seine Ausstattung mit dauerhaften Produktionsmitteln einschließlich der Wohnbauten sowie sämtlicher Lagerbestände an Rohstoffen, unfertigen und Fertigungserzeugnissen ist der volkswirtschaftliche Produktionsapparat" (ebd., S. 7). Die internationale Arbeitsteilung bezeichnet einen Güterhandel zwischen verschiedenen Nationen. Sie ist eine Folge "der unterschiedlichen Ausstattung der Länder mit Bodenschätzen, Bodenfruchtbarkeit, Möglichkeiten zur Ausnutzung der Wasserkraft und anderen natürlichen Ressourcen sowie der unterschiedlichen Klimabedingungen" (ebd., S. 8). Auch spezielle, historisch-kulturell erworbene und weiter gegebene Fertigkeiten spielen bei der internationalen Arbeitsteilung eine wichtige Rolle. Ein Wirtschaftsprozess besteht aus mehreren Wirtschaftseinheiten (Arbeitsteilung, Einzelwirtschaften, Volkswirtschaften oder internationale Wirtschaften). Diese stehen interdependent in einer Gesamtwirtschaft und bilden einen Kreislauf des Wirtschaftsprozesses. In diesem Wirtschaftskreislauf sind zwei Kreisläufe relevant. Das ist zum einen der Güterkreislauf und zum anderen der Geldkreislauf. Im Güterkreislauf stellen Haushalte: private Personen, Gruppierungen, Institutionen, Staat usw., dem Unternehmen Arbeitskraft, Boden und Kapital zur Verfügung und die Unternehmen liefern an diese Haushalte die von ihnen produzierten Konsumgüter. Im Geldkreislauf zahlen die Unternehmen an die Haushalte Einkommen: Lohn, Zinsen, Steuern usw., die dann das Geld in Form von Konsumausgaben wieder an die Unternehmen zurück geben (vgl. Bartling, 2008, S. 9). Die Voraussetzung für eine entwickelte Wirtschaft - für ein entwickeltes Land - ist also zunächst die Verfügung über Ressourcen und Güter (Mittel) für menschliche Bedürfnisse. Wichtig scheint dann, dass diese Mittel durch Arbeitsteilung und Konsum in einem volkswirtschaftlichen Prozess ge- und verbraucht werden. Bei den weniger entwickelten Ländern sind demnach die Arbeitsteilung, der Güter- und Geldkreislauf weniger ausgeprägt. Die UNO unternimmt eine Länderklassifikation mit der UNO-Liste der Least developed countries - der Liste der am wenigsten entwickelten Länder. Dafür zieht sie drei Kriterien heran: das pro-Kopf-Einkommen im Durchschnitt beträgt weniger als 750 US$; die menschliche Entwicklung verharrt auf einem niedrigen Niveau; das Land ist wirtschaftlich verwundbar (vgl. Sangmeister, 2009, S. 49). In dieser Liste werden ca. 50 Länder aufgezeigt, die als am wenigsten entwickelt eingestuft werden. Davon kommt der größte Teil - 35 Länder - aus dem mittleren Osten und vor allem aus Afrika, südlich der Sahara - 33 Länder (vgl. ebd.). Bei der Betrachtung der internationalen Aktivitäten fällt auf, dass nur ca. 15% in die Entwicklungsländer investiert wird, hingegen 85% in die Industrieländer. Allerdings stellen die Industrieländer wiederum nur 15% und die Entwicklungsländer 85% der Weltbevölkerung dar (vgl. Welthaus Bielefeld e. V., 2001, S. 84). Die weniger entwickelten Länder wirken durch die Investitionen/Kapitalströme seit den 1980er - nach Japan/Asien, Westeuropa, USA = Triade - wie abgekoppelt und marginalisiert (vgl. die Gruppe von Lissabon, 1997, S. 57). Dabei könnten sich die schon vorhandenen Ungleichgewichtsspannungen (nach Hoffmann-Nowotny) in den marginalisierten Ländern vermehren, da der notwendige Güter- und Geldkreislauf sich nicht entwickeln, stabilisieren, oder erst gar nicht im Vergleich zur Triade initiieren lässt. Die Arbeitsteilung wird/ist national und international demnach für marginalisierte Länder schwierig; sie scheint unsicher und verwundbar zu sein. Bei einer Arbeitsteilung spielen sicherlich immer auch individuelle Beweggründe eine bedeutende Rolle (vgl. Durkheim, 1992, S. 309). Ob dann individuelle Beweggründe für die Arbeitsteilung förderlich und hinderlich, oder bedeutend bei Ungleichgewichtsspannungen sind, dem möchte der nächste Abscgnitt nach gehen.

Fazit: - für ein entwickeltes Land gelten folgende Komponenten zu initiieren, zu stabilisieren oder auszuweiten: Ressourcen, Güter, Arbeitsteilung, Konsum, innerhalb eines Güter- und Geldkreislaufs, geregelt durch rechtliche und institutionelle Verbindlichkeiten. Weniger ausgeprägte, moderne oder geregelte Wirtschaften in Ländern, beinhalten ein mögliches Arbeitsmigrationspotenzial - nach Hoffmann-Nowotny.

2.3 Sozialpsychologische Betrachtungen

Eine differenzierte Arbeitsteilung in einer Gesellschaft ist dienlich für die Entwicklung der Wirtschaft und somit für den Wohlstand von immer mehr Menschen (siehe 2.2.). Sie schreitet um so mehr voran, "je mehr Individuen es gibt, die in genügend nahem Kontakt zueinander stehen, um wechselseitig aufeinander wirken zu können" (Durkheim, 1992, S. 315). Eine Annäherung, oder ein naher Kontakt der Individuen, produziert eine dynamische oder moralische Dichte der Gesellschaft, die die Arbeitsteilung verändern oder fortschreiten lässt, im direkten Verhältnis zum Volumen und zur Dichte. Ein hohes Volumen an Individuen zieht nicht zwangsläufig eine erhöhte Arbeitsteilung/Entwicklung nach sich. Die ehemaligen Ostblockländer China und Russland in den 1980/90er, waren viel volkreicher als die europäischen Nationen, jedoch war zu dieser Zeit ihre Arbeitsteilung nicht nach Maßgabe des sozialen Volumens entwickelt. "Die Zunahme des Volumens ist ... nicht notwendigerweise ein Zeichen von Höherwertigkeit (von höherer Arbeitsteilung/Entwicklung, A. S.), wenn sich die Dichte nicht zu gleicher Zeit und im gleichen Verhältnis verstärkt" (ebd., S. 320). Eine höhere Dichte, ein naher Kontakt, oder auch die Integration von Individuen in die Gesellschaft, bedeutet demnach ein erweiterter Aufgabenbereich, ein schnelleres Wachstum, sowie vermehrte Bedürfnisbefriedigung von immer mehr Individuen. Mehr arbeitsteilige Gesellschaften ermöglichen scheinbar somit auch eine individuellere Persönlichkeit (vgl. ebd. S. 475). Wie kommt es aber nun nach Hoffmann-Nowotny, dass einige Kräfte in einer entwickelten Gesellschaft dennoch Ungleichgewichte produzieren und andere sie erhalten möchten, und dabei Spannungen und Marginalität erzeugen, die dann bei einer Einwanderung auf die Migranten transformiert werden und eine Integration (aller Individuen) bei erhöhter Dichte behindern können ? Welche sozialen Zusammenhänge sind zu beachten, wenn es um Position, Teilhabe, Werte und Identität geht, die Hoffmann-Nowotny bei Migrationen als transformierte Spannungen thematisiert und problematisiert ? Die Welt, die der Mensch schafft, wirkt wie eine zweite Natur. Darin wird er sein eigenes Thema, in dem er immerfort an sich Aufgaben findet, "deren Lösung zugleich ein Fortschritt in seiner Welt ist" (Lenk, 1987, S. 120). Jedes Verhalten bei der Wahrnehmung, Bewegung und bei der Sprache basiert zumeist auf reflektierte Vorgänge. Jedes Verhalten nach außen geht überwiegend nur durch ein Verhalten zum Individuum - zu sich selbst, und umgekehrt. Der Mensch muss sich scheinbar immer in Spiegelbildern spiegeln und finden, seien sie sozial, magisch oder selbst produzierte Werkstücke. Nur durch Veräußerlichung könnte er sich selbst bestätigen und muss dies auf sich selbst zurück spiegeln. Daher das Reflektieren, daher die Notwendigkeit, dass der Mensch sich selbst immer zum Thema werden muss und sich selbst das interessanteste Thema ist. Das scheint die Grundsituation des Menschen zu sein, als ein nicht festgestelltes Wesen (vgl. ebd., S. 121 f.). Handelt der Mensch bei den notwendigen Veräußerlichungen sozial/interaktiv mit anderen, dann handelt er in einem Kommunikationsprozess, durch einen ständigen Austausch von Gesten, Äußerungen oder Bewegungen, die eine gemeinsame Orientierung entwickeln und erhalten (vgl. Helle, 2001, S. 72). Gemeinsame Aktivitäten über einen längeren Zeitraum lassen einen Austausch von bedeutenden/signifikanten Symbolen entwickeln und praktizieren, die eine Zusammenarbeit ermöglichen und erleichtern, die somit auch eine Identität durch reflektierte Vorgänge, innerhalb dieser Zusammenarbeit, ermöglichen können. Jedoch ein zentrales Problem von menschlicher Identität/Persönlichkeit ist das Verhältnis von Kontinuität und Wandel. "Jede Person muss sich in ihrer Veränderung ... immer mit sich selbst gleich fühlen, sie muss ihre Identität bewahren, um handlungsfähig zu sein und um psychisch gesund zu bleiben" (Faltermaier, Mayring, Saup, 2002, S. 64). Ein Wandel, oder eine Veränderung in Form von Migration, hat demnach auf die Identitätsarbeit einen sehr dynamischen Einfluss, dass eine Orientierung an Gesten, Äußerungen, signifikanten Symbolen und Bewegungen erschweren kann. Bei der Betrachtung von unterschiedlichen sozialen Räumen/Milieus, in und zwischen Gesellschaften - also auch bei Schichtungen, oder bei Migrationen - mit unterschiedlichen Orientierungen an Gesten, Äußerungen usw., bestünde die Identitätsarbeit dann in der Entwicklung von Teil-Identitäten (vgl. Keupp, Ahbe, Gmür, Höfer, Mitzscherlichj, Kraus, Straus, 2002, S. 241). Teil-Identitäten müssten sich auf die Lebensbereiche: Primärbeziehungen, Rechtsverhältnisse und Wertgemeinschaft beziehen, in denen Anerkennungsformen ausgehandelt werden. Dabei wären jeweils drei Anerkennungsformen relevant: (1) Aufmerksamkeit von anderen, (2) Positive Bewertung durch andere und (3) Selbstanerkennung (vgl. ebd., S. 181 ff. und 254, ff.). In diesen Anerkennungsformen schält sich dem Anschein nach ein gemeinsamer Nenner heraus: Wertschätzung oder Akzeptanz, der bei der Teil-Identitätsarbeit, oder wenn man so will, bei den reflektierten Vorgängen auf ein soziales Verhalten, eine tragende Rolle zu spielen scheint. Denn wirkt der Mensch auf andere ein, dann erfährt er durch eine normale Aufmerksamkeit der anderen eine formale Aufwertung, oder Akzeptanz seines Daseins. Erfährt er dann bei dieser Aufmerksamkeit eine auf die Kontrolle der Situation positiv einstufbare Bewertung, oder zufriedenstellendes Ergebnis, dann steigt die Wertschätzung seines Daseins um ein n-faches. Hat die Auf- und die positive Bewertung ein ausreichendes Volumen erreicht, ist dies vermutlich förderlich für den Selbstwert, der die Selbstanerkennung erleichtert, sowie die Identität und Zufriedenheit festigt. Wertschätzung scheint so auch ein Antriebsfaktor für Zugehörigkeitsbedürfnisse zu anderen zu sein. Zugehörigkeitsbedürfnis bedeutet "die elementare und angeborene Motivation des Menschen, positive, starke und stabile Bindungen zu anderen zu knüpfen" (Jonas, Stroebe, Hewstone, 2007, S. 412). Die produzierten, oder zu erhaltenden

Ungleichgewichte bei Hoffman-Nowotny, in einem gegebenen System, könnten zunächst in der Ermangelung an, oder in der Sicherung von Anerkennungsformen/Wertschätzungen entstehen; an den Schnittstellen zwischen den Primärbeziehungen, Rechtsverhälnissen und Wertgemeinschaften bei der Teil-Identitätsarbeit. Pluralisierte Schnittstellen bei Unterschichtungen/Arbeitsmigtrationen, können für eine Ordnung von Symbolik und Gestik, für "ein mit sich gleich fühlen ... um handlungsfähig zu sein", eine hohe Anpassungsfähigkeit und flexible Strategie vom Einzelnen abfordern. Das elementare Zugehörigkeits-, oder auch Wertschätzungsbedürfnis scheint demnach bei jeder differenzierter werdenden Schnittstellenform auf das Neue heraus gefordert zu sein. Erhöht sich die Dichte des Volumens an Individuen in hoch industriell-arbeitsteiligen Gesellschaften, pluralisieren sich womöglich die Schnittstellen für Teil-Identitätsarbeiten, die ein "sich finden und spiegeln" in sozialen Spiegelbildern - auf das eigene Verhalten - erschweren können.

Fazit: - gelingt es nicht die drei Anerkennungsformen (Keupp), oder eine Wertschätzung an den Schnittstellen der notwendigen Teil-Identitäten zwischen den Primärbeziehungen (z. B. Familie, Arbeit, Lebensbereiche-Freizeit), den Rechtsverhältnissen (z. B. gesetzliche, soziale Absicherungen) und den Wertgemeinschaften (z. B. Status, Prestige, Kultur, Tradition) zu erarbeiten, oder zu stabilisieren, so scheint es, dass darauf Ungleichgewichte produziert oder erhalten werden möchten. Individuelle Beweggründe scheinen also sehr wohl förderlich und hinderlich für eine Arbeitsteilung, eine wirtschaftliche Entwicklung, Migration und Integration zu sein, die wiederum im Allgemeinen förderlich und hinderlich für eine Identität, Teilhabe, Wertschätzung und im Besonderen für kulturelle Eingliederungen bei Migranten sein könnte. Die Veräußerlichungen, die Anerkennungen, die Wertschätzungen sowie die Teil-Identitäten - oder auch, die Spiegelungen in reflektierten Vorgängen auf das eigene soziale Verhalten - haben dem Anschein nach, innerhalb eines Wirtschafts-, Migrations-, Gesellschafts- und Integrationsprozesses für den Einzelnen/Migranten eine bedeutende Rolle in seinem Seelenhaushalt, oder in dem "mit sich selbst gleich fühlen". Der Migrant müsste ggü. dem Einheimischen aber noch weitere, neue, oder zusätzliche, kulturelle Teil-Identitäten erarbeiten, wenn er im Aufnahmesystem eine mit sich selbst identifizierbare Eingliederung beschreiten möchte. Für eine kulturelle Eingliederung von Migranten in ein Aufnahmesystem bei längerem Aufenthalt, sollen aber noch weitere Aspekte betrachtet werden. Dem möchte ein weiterer migrationstheoretischer Abschnitt kurz nach gehen.

2.4 Esser`s Aspekte der Wanderungssoziologie

Hartmut Esser ist 1943 im Harz geboren, studierte Volkswirtschaftslehre und Soziologie und ist seit 1991 Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim. Esser erarbeitet, im Vergleich zu Hoffmann-Nowotny`s Problematisierungs-Modell (s. 2.1), ein dreischichtiges Eingliederungsmodell, um sich dem Problem der Eingliederung von Wanderern zu widmen. Im speziellen möchte er einerseits "die Determinanten und Prozesse und andererseits Folgen und ' Funktionen ' der Eingliederung von (quasi-) freiwillig wandernden und ethnisch zum Aufnahmesystem unterschiedlichen Personen für funktional differenzierte, 'moderne' Gesellschaften (als Aufnahmesystem) untersuchen" (Esser, 1980, S. 13). Dafür zeigt er zunächst bei anderen Konzepten auf, "daß sie ... den Zustand bzw. den Prozeß der Angleichung von Personen an ein soziales und kulturelles System bei gleichzeitiger Entlastung und Orientiertheit der Personen und bei (Weiter-) Funktionieren des Gesamtsystems bezeichnen" (ebd., S. 20). Daraus zieht er drei Grundaspekte: den Prozess der Angleichung an einen beliebigen Standard; den Zustand der Ähnlichkeit zu einem beliebigen Standard nach erfolgter Angleichung; den Zustand des Gleichgewichts eines Systems, unabhängig vom Zustand der Annäherung des Objekts an einen Standard, der im Aufnahmesystem gilt. Den Prozess der Angleichung nennt er Akkulturation, den Zustand der Ähnlichkeit Assimilation und den Zustand des Gleichgewichts Integration. Esser fasst seine Überlegungen zu diesen drei Aspekten in einem "Grundmodell" der Assimilation von Wanderern zusammen und erweitert dieses zu einem "Prozessmodell" der Assimilation von Wanderern. Sein Grundmodell zeigt auf, dass die Assimilation einerseits beeinflusst wird durch die Variablen der Person/Migrant: Motivation, Kognition, Attribuierung und Widerstand, und andererseits von den Variablen der Umgebung: den Opportunitäten, den Barrieren und Alternativen beeinflusst wird (vgl. ebd., S. 213). Mit dem Prozessmodell möchte Esser eine genauere Analyse der Wanderungs- und Assimilationsvorgänge anbieten. Dabei betrachtet er die beiden Faktoren: Person und Umgebung über drei Phasen, in einer Vorwanderungs-Situation, in einer Anfangs-Situation und in einer Folge-Situation. Sein Prozess-Modell zeigt auf, dass das Herkunftssystem über die beiden Faktoren: Person und Umwelt, in die Assimilation im Aufnahmesystem einwirkt. Zunächst steht die Wanderungsentscheidung in einer Wechselbeziehung zwischen Herkunfts- und Aufnahmesystem, also zwischen Zustand und Erwartung. Diese Wechselbeziehung wirkt auf bisherige Variablen der Person in der Anfangssituation. Die Variablen der Umgebung, z. B. Motivation und Widerstand, werden beeinflusst von den Gegebenheiten des Aufnahmesystems, die wiederum auf assimilative Handlungen der Einwanderer einwirken und die Folge-Situation bestimmen (vgl. ebd., S. 218). Der Einwanderer bringt eine gewisse motivationale, kognitive und soziale Ausstattung aus dem Herkunftssystem mit, die dann je nach Stärke und Volumen sich anders gewichteten Opportunitäts-, Barrerie- und Alternativ-Strategien im Aufnahmesystem stellen muss, um Erwartungen oder Identitätsvorstellungen zu erfüllen, oder anzupassen. Bei dem Prozess der Assimilation erlernt der Migrant zunächst die neuen kulturellen Gepflogenheiten, um darauf Erfahrungen der Ähnlichkeit kennen zu lernen. Im Anschluss daran kann er dadurch ein gleichberechtigten Status erlangen und die Integration abschließen. Eine erfolgreiche Integration basiert auch auf der Akzeptanz durch die Majoritätsbevölkerung im Aufnahmesystem, allerdings auch bei den Migranten = neue Teil-Identitäten für Einwanderer. Fazit: - Determinanten = Person und Umwelt; Prozesse = Akkulturation, Assimilation und Integration; Folgen = Akzeptanz; Funktion = Erhalt des aufnehmenden Gesamtsystems.

3 Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland im 19. Jahrhundert

Kapitel 3 möchte die Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland im 19. Jhh. betrachten. Dabei wird von einem historischen Ausgangspunkt und von wirtschaftlichen Bedingungen ausgegangen, um die Hintergründe und die Vorgeschichte der Arbeitsmigration im 19.Jhh. mit aufzuzeigen.

3.1 Die Ausgangssituation 1815

Die Jahrhundertwende um 1800 war von der napoleonischen Herrschaft geprägt und begann sich nach dem Russlandfeldzug (1812) aufzulösen (vgl. Leisering, 2009, S. 89). Nachschubschwierigkeiten, russischer Widerstand, der einbrechende Winter und Krankheiten zwangen Napoleon zum Rückzug. "Die Katastrophe der Großen Armee entflammt den nat. Widerstand in Europa" (Kinder, Hilgemann, Hergt, 2005, S. 315). In der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 besiegte die Koalition - Russland, Preußen, Österreich - die französische Große Armee. 1814 zogen die Verbündeten in Paris ein und setzten mit dem "ersten Pariser Frieden" den Schlusspunkt unter die Befreiungskriege gegen Napoleon. Gleichzeitig wurde "ein internationaler Kongreß (in Wien) zur generellen Neuordnung der erschütterten europäischen Staatenwelt vereinbart" (Pleticha, 1993a, S. 298). Der Wiener Kongress nahm im November 1814 seine reguläre Arbeit auf (vgl. ebd., S. 299). Zögerlichkeiten und Spannungen, während des Wiener Kongresses, verführten Napoleon zu einem letzten kriegerischen Aufgebot. Im Juni 1815 wurde das letzte französische Heer bei Waterloo (Belgen) vernichtet und Napoleon wurde auf die Atlantikinsel St. Helena deportiert. Er starb 6 Jahre darauf (vgl. Kinder et. al., 2005, S. 315). "1815 war der mehr als zwanzigjährige Krieg zwischen Frankreich und Europa beendet" (Demandt, 2007, S. 218). Die Siegermächte von 1815 - Russland, England, Österreich, Preußen - hatten in mühsamen Kompromissen, mit Frankreich, eine Neuordnung des europäischen Staatensystems auf dem Wiener Kongress vorgenommen; ein Bündnissystem "das bis in die zwanziger Jahre (des 19 Jhh., A.S.) hinein wirksam funktionierte" (Lutz, 1994, S. 14). Für andere europäische Länder: z. B. Ungarn, Böhmen und Polen, "wo sich die nationale Frage bald zuspitzen sollte", wirkten sich die politischen Entwicklungen vorerst "im innerstaatlichen Rahmen Österreichs, Rußlands und Preußens aus" (ebd., S. 19). Der Wiener Kongress sollte vor allem das europäische Gleichgewicht, die Hegemonie der Großmächte wieder herstellen (vgl. Pleticha, 1993a, S. 300). In Deutschland, dass zu dieser Zeit von der - durch die napoleonischen Kriege weiter hervor gegangenen - Großmacht Preussen geprägt war, wurde Preußen der Staat mit den »langen Grenzen« (vgl. ebd., 1993a, S. 303). Preußen "begnügt sich mit der Teilung Sachsens und wird mit der Rheinprovinz und Westfalen entschädigt ... und wächst in Deutschland hinein" (Kinder et. al., 2005, S. 317). Der Territorialgewinn am Reihn machte eine Modernisierung Preußens notwendig, aufgrund des "ökonomisch und sozial fortgeschrittenen Rheinlande mit ihren Rohstoffen (Kohle, Eisen) und ihren frühindustriellen Unternehmungen (Ruhrgebiet)" (Pleticha, 1993a, S. 303). Deutschland konnte mit Preußen etwas positiver, bezüglich der wirtschaftlichen und staatlichen Verfasstheit, in eine Zukunft nach Napoleon blicken. Beim Wiener Kongress hatte dagegen Polen keine Lobby, "keine Großmacht wollte es ernsthaft wieder erstehen lassen" (Jäger-Dabek, 2003, S. 40). Polen war nach dem Wiener Kongress gleich unter drei fremdstaatlichen Rahmenbedingungen aufgeteilt. "Am 3. Mai 1815 besiegelte ein Vertrag die vierte Teilung Polens; er ging in die Wiener Schlußakte vom 9. Juni 1815 ein" (Schmidt-Rösler. 1996, S. 65). Damit war Polen nach 1815 russischer, österreichischer und preussischer Besitz (vgl. Fuhrmann, 1981, S. 59). Polen fand nach Napoleon - siehe vierte Teilung - keine nationalstaatliche Einigung. Wieso wurde zu dieser Zeit Polen schon das vierte Mal geteilt ? Polen erstreckte sich vor den Teilungen in der Nord-Südausdehnung - als polnisch-litauische Personal-Union - von Riga, im heutigen Lettland an der Ostsee, bis nach Balta, im heutigen Nord-Moldawien in der Schwarz-Meer-Region, an der Grenze zu Rumänien. In der West-Ostausdehnung von Gorzow Wielkopolski, ca. 50km östlich vom heutigen Frankfurt/Oder, bis Mscislaw im heutigen Weissrussland, ein Grenzort zu Russland, ca. 400km vor Moskau. Ein ziemlich großes Gebiet im damaligen Europa, mit ca. 1200x1000km; etwas größer im Vergleich zum damaligen Frankreich. Die erste Teilung Polens fand 1772 statt. Dabei fielen an Preußen die Region Danziger Raum, zwischen den beiden preussischen Ostseegebieten, der Osten an Rußland und Süd-Polen an Österreich. 1793 teilte sich Polen ein zweites Mal und trat weitere, noch größere Gebiete an die vorherigen Regionen von Preußen und Russland ab. Die dritte Teilung Polens war 1795 und löste das Land vollends unter Preußen, Russland und Österreich auf (vgl. Leisering, 2009, S. 85). Die vierte Teilung auf dem Wiener Kongress 1815, war demnach nur eine Fortführung, eine Aufrechterhaltung, oder Stabilisierung der zuvor unternommenen Aufteilung seit 1795 zwischen Preussen, Russland und Österreich, wobei Russland nochmal einen größeren Teil zugesprochen bekam. Mit dem Wiener Kongress wurde für Polen nur eine bisherige politische Ordnung für weitere, unabsehbare Zeit festgeschrieben. Allerdings entsteht hier noch die Frage, wie ein solch großes Land innerhalb von 23 Jahren (1772-1795) sich komplett aufteilen lassen kann. Wie kam es zu diesen Teilungen, die Polen scheinbar mehr und mehr außenpolitisch und womöglich auch wirtschaftlich marginalisierte ? Immerhin erwarb Polen mit Boleslaw I. Chrobry schon im Jahr 1025 einen ersten polnischen Herrscher, mit päpstlicher Billigung zur Königswürde (vgl. http:// Bundeszentrale für politische Bildung, b). 1795 schien eine fast 800-jährige polnische Geschichte in kürzester Zeit beendet worden zu sein. Diesen historischen und wirtschaftlichen Gedanken möchte der nächste Abschnitt nach gehen.

Fazit: - ein polnischer Staat existierte 1815 nicht. Politische Großmächte in Europa haben versucht 1815 das Ungleichgewicht zu Polen stabil zu halten (s. Hoffmann-Nowotny).

3.2 Die Entwicklung der Wirtschaft

Die theoretischen Betrachtungen haben gezeigt, dass einerseits zunächst die wirtschaftliche Grundlage wichtig ist, damit sich eine Region, ein Land, ein Staat entwickeln kann und dass andererseits eine innere legitime/politische Stabilität dafür notwendig wird, um die Ressourcen in der Region, im Land, oder im Staat wirtschaftlich, effektiv und rechtlich nach innen und außen zu nutzen und zu behaupten (s. 2.2). Damit die Wirtschaft und das Land nach innen und außen handels-, entwicklungs-, stabilitäts-, militär- und sozialpolitisch handlungsfähig wird und bleibt.

3.2.1 Historische Hintergründe

Im Fall Polen müssen demnach schon im 18. Jhh. (s. 1772, 1. Teilung) diese beiden Faktoren - Wirtschaft und Politik - gegenüber den Einflüssen, verschiedener Art, keine gemeinsame oder feste Position gefunden haben, sodass die Teilungen sich lange zuvor abgezeichnet haben und die wirtschaftliche und politisch schwache Lage mit und nach Napoleon sich weiter zu manifestieren schien. Polen war zuvor im 17. Jhh. lange Zeit unter schwedischer Herrschaft, aufgrund der vorangegangenen Zeit der Wahlkönige in der polnischen Adelsrepublik, seit des Interregnums nach dem Tod des letzten Jagiellonen 1572 (vgl. Schmidt-Rösler, 1996, S. 39), und das bedeutete, dass Polen für die damalige schwedische Dynastie immer wieder in langwierige Kriege außerhalb der polnischen Landesgrenzen hinein gezogen wurde. Auch ein bis zum Exzess betriebenes Liberum Veto (ein Einspruchsrecht jedes Adligen seit 1572) machte das Land unregierbar und "die unzähligen Kriege hatten das Land ruiniert. Die Städte, als Handelszentren einst Motoren der polnischen Wirtschaftskraft, waren verarmt, die Heere ausgeblutet, die Innenpolitik wurde zum Spielball der Adligen" (Jäger-Dabek, 2003, S. 36). Unter habsburgischen (österreichischen) Druck folgte dann die Sachsenzeit für Polen, mit erneuten Kriegsverwüstungen und -verwicklungen, mit schweren inneren Konflikten, weitgehendem Verlust des Gemeinsinns zugunsten adliger Partikularinteressen, sowie - vmtl. aufgrund dessen - eine "zunehmende Einmischung der drei absolutistischen Nachbarstaaten Preußen, Österreich und vor allem des Russischen Reiches" (Schmidt-Rösler, 1996, S. 47). Für eine Reform des polnischen Staates zeigte August III. aus Sachsen kein Interesse, er hielt sich mehr in Dresden auf und innenpolitisch dominierten eher die Magnatengruppen (Grundbesitzer, Großindustrielle), "deren Konkurrenz zwischen 1736 und 1763 alle Reichstage durch ein liberum veto platzen ließ" (ebd., S. 49). Nach dem Ende der Sachsenzeit, durch den Tod Augusts III. 1763, folgte ein einjähriges Interregnum. Die Königswahl lag - wie in der Vergangenheit - erneut im Interesse der Nachbarstaaten. Preussen und das Russische Reich waren sich darin einig, diesmal einen König zu bestimmen, der nicht mit Österreich oder Frankreich sympathisierte "und keine Reform des polnischen Staates anstrebte" (ebd., S. 53). Beide Länder vereinbarten 1764 die bisherige polnische Verfassung, die Adelsrepublik, zu garantieren (vgl. Hoensch, 1990, S. 162). Preussen billigte den Thronkanditaten des Russischen Reiches: Stanislaw II. August Poniatowski; in den die russische Zarin Katharina II. ein politisches Instrument sah, um Polen instabil zu halten (vgl. Schmidt-Rösler, 1996, S. 53). Stanislaw II. war einst ein Liebhaber der russischen Zarin Katharina gewesen, "doch zeigte er sich dem Zarenreich gegenüber keineswegs als willfährig" (Jäger-Dabek, 2003, S. 36). Entgegen den Erwartungen Katharinas, begann Stanislaw, unter Einfluss der Czartoryski-Familie, grundlegende Reformen durchzuführen, die den polnischen Staat festigen und seine Funktionsfähigkeit steigern sollten (vgl. Schmidt-Rösler, 1996, S. 53). Mit seinen Reformvorstellungen hatte er jedoch nicht nur gegen den Widerstand weiter Teile der Adelsnation, sondern bald auch gegen den Unwillen der sich zurückgesetzt gefühlten Czartoryski-Familie, "und vor allem gegen den entschiedenen Einspruch Rußlands und Preußens anzukämpfen" (Hoensch, 1990, S. 163). Nach den bitteren Erfahrungen der Auswüchse des Einstimmigkeitsprinzips (s. liberum veto), entsprang der Versuch viele Reichstagsentscheidungen und Wahlen mit Stimmenmehrheit zu treffen, "um das unbeeinträchtigte Funktionieren von Legislative, Exekutive und Jurisdiktion zu gewährleisten ... doch diese Reformmaßnahmen wurden von den Schutzmächten sofort energisch unterbunden" (ebd.). Als Vorwand diente die zunehmende religiöse Intoleranz in Polen. Die Dissidenten (Nichtkatholiken) durften seit langem nicht mehr an Reichstagen teilnehmen. "1768 erzwang Rußland vom Sejm (dem Reichstag, A.S.) die Ratifizierung eines »Toleranztraktates«. Das rief die katholische Konföderation von Bar auf den Plan, die den russischen Truppen blutige Kämpfe lieferte und das Land für vier Jahre ins Chaos stürzte" ( Fuhrmann , 1981, S. 55). In Folge dieser kriegerischen Auseinandersetzung drohten militärische Verwicklungen für Österreich und Preussen. "Um ihnen vorzubeugen und alle Beteiligten zufrieden zustellen, schlug Friedrich II. (Preussen, A.S.) die Wegnahme von polnischen Gebieten vor" (ebd.). Zwischenzeitlich wurde Stanislaw II. 1770 von den Barern für abgesetzt erklärt (vgl. Schmidt-Rösler, 1996, S. 55). Im August 1772 wurde dann der erste Teilungsvertrag in Petersburg zwischen Preussen, Russland und Österreich unterzeichnet und ein Jahr darauf erzwangen die Teilungsmächte von den Polen die Unterschrift unter einen Abtretungsvetrag (vgl. Fuhrmann, 1981, S. 55). Nach weiteren Auseinandersetzungen, Protesten und Ungleichgewichtsspannungen zwischen, wegen und mit den Teilungsmächten, vereinbarten Russland und Preussen nach längeren Verhandlungen Anfang 1793 eine weitere Amputation Polens, worauf Ende 1793 der Sejm die Abtretungsverträge zu ratifizieren hatte (vgl. Hoensch, 1990, S. 167). Als im verbliebenen polnischen Reststaat die Verminderung der militärischen Truppen durchgeführt werden sollte, kam es zur Erhebung unter Führung eines der prominentesten Patrioten, Tadeusz Kosciuszko. Er rief im März 1794 den Aufstand auf; seine unzulänglichen Kräfte mussten aber vor einer russischen Übermacht kapitulieren. "Der Aufstand wurde zum Vorwand für die dritte Teilung genommen (Januar und Oktober 1795)" (Fuhrmann, 1981, S. 56). Die Republik Polen-Litauen hatte 1795 aufgehört zu existieren (vgl. Davis , 2001, S. 281). Eine wirtschaftliche und politische Grundlage für das beginnende 19. Jhh., wie anfangs beschrieben, konnte sich - genau genommen - seit der Zeit der Wahlkönige (1572) nicht richtig heraus bilden, oder festigen. Die notwendigen Gesetzgebungen, die reformerischen Versuche im Heer- und Staatswesen von Stanislaw II., stießen um 1772, wenn man so will, auf eine rund 200-jährige traditionelle, politische Gewohnheit den Reichstag in der polnischen Adelsrepublik zu zerreißen (vgl. Schmidt-Rösler, 1996, S. 50). Die napoleonische Zeit verwickelte Polen nur ein weiteres Mal in Kriege außerhalb polnischer Grenzen. Polen schien zu dieser Zeit (1815) vielmehr ein geographisch brauchbares Instrumentarium für andere europäische Großmächte zu sein. Katharina II. wünschte die polnische Republik eher auf dem Stand vorangegangener Jahrzehnte, "als verarmten und geschwächten Klientelstaat an Rußlands Westgrenze, ein bequemer und billiger Puffer gegenüber den europäischen Mächten" (Davis , 2001, S. 278).

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Details

Seiten
76
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640890262
ISBN (Buch)
9783640892389
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170277
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
Schlagworte
arbeitsmigration polen deutschland vergleich migrationsphasen

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Titel: Arbeitsmigration von Polen nach Deutschland: Ein Vergleich zweier historischer Migrationsphasen