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Zur Geschichte des Lateinischen Alphabets

Von seinen Vorformen bis zur Moderne

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung - Was ist Schrift?

2. Der Weg zum Alphabet

3. Entwicklungen bis zum klassischen Lateinischen Alphabet
3.1 Das phonizische Alphabet
3.2 Die europaische Tradition
3.2.1. Das griechische Alphabet
3.2.2. Das etruskische Alphabet
3.2.3. Das lateinische Alphabet

4. Nachklassische Varianten

5. Schluss

1. Einleitung - Was ist Schrift?

Die Frage, was Schrift sei, scheint angemessen, will man einen Uberblick uber die Geschichte des Lateinischen Alphabets geben. Interessanterweise schweigen sich die groBen Schriftgeschichten fast vollig daruber aus. Sie beschranken sich weitestgehend darauf, Uberlegungen zur Funktion oder der Frage „Warum Schrift?44 - also zu ihrer Bedeutung - anzustellen. KUCKENBURG definiert hingegen in seiner „Kulturgeschichte uber die menschliche Verstandigung44 treffend:in der Schrift [steht]jedes Zeichen fur ein einzelnes Wort und einen einzelnen Laut, [sie] folgt dem syntaktischen Prinzip und reiht die einzelnen Wort- und Lautzeichen entsprechend ihrer Abfolge in der gesprochenen Sprache aneinander.“[1] Weiterhin grenzt er sie durch die Feststellung: „[d]ie Schrift im eigentlichen Sinne weist dagegen immer eine enge »sprachliche Bindung« auf, gibt in Satze gefugte Texte in exakt festgelegtem Wortlaut wieder“[2] von der Bildersprache ab, die sich im Gegensatz zur Schrift nicht in direkter Beziehung zur Sprache sondern zur Gedankenwelt befinde, was beide als unterschiedliche Kulturtrager charakterisiere.[3] Ihre Funktion betreffend konstatiert ROBINSON, dass Schrift schlicht nutzlich sei,

Schriftgeschichte und Geschichte allgemein erst moglich mache[4] und gesteht ihr damit eine Bedeutung zu, der unter anderem HAARMANN widerspricht, wenn er die „extremen Gedachtnisleistungen [...] durch Spezialisten der oralen Tradition“[5] aliteraler Gesellschaften betont. Trotzdem wurdigt er Schrift als Hilfe, Informationen und Nachrichten zu vermitteln. Schreiben forme und erhalte zwar „zivilisatorische Organisationsformen menschlicher Gemeinschaften“[6], sei aber nicht die einzige Moglichkeit dafur.

Bezuglich der Frage nach dem 'Warum' der Schrift zitiert ROBINSON einen „Experten fur alte sumerische Schrift44 dahingehend, dass sich die Schrift „als unmittelbare Folge der zwingenden Anforderungen einer wachsenden Wirtschaft“[7] entwickelte. Wen er damit meint, bleibt unklar. Er stimmt damit allerdings ein in die verbreitete Vorgehensweise, die Entstehung von Schrift im Kontext komplexer werdender menschlicher Lebensverhaltnisse zu untersuchen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, aufbauend auf diesen theoretischen Uberlegungen zu Schrift und Schriftlichkeit im Allgemeinen, die Entwicklungstendenzen des Lateinischen Alphabets beginnend mit der ersten Alphabetschrift uberhaupt, dem Phonizischen, und deren Weg bis zu den nachklassischen Formen zu skizzieren. Ich werde mich dabei auf fur die Ausbildung des modernen Alphabets relevante Varianten beschranken. Die grofien Schriftgeschichten, alien voran JENSENs „Die Schrift“ und HAARMANNs „Universalgeschichte der Schrift“, untersuchen nicht nur diese sehr ausfuhrlich, sondern geben daruber hinaus in beeindruckender Manier auch Einblicke in dem Abendland fremde Schriften und deren Entwicklungen. Besonders hervorheben mochte ich die durch FOLDES-PAPP in „Vom Felsbild zum Alphabet44 immer wieder getatigten schriftpsychologischen Aussagen, welche in der vorliegenden Arbeit aber leider nur am Rande zitiert werden konnen.

2. Der Weg zum Alphabet

„Der Kaufmann musste sein eigener Buchhalter sein. Dies war der soziologische Ursprung der phonizischen Schrift.“[8] Dieses Feststellung beschreibt treffend die Situation, wie wir sie ab der Mitte des 2. Jt. v. Chr. an der gesamten Ostkuste des Mittelmeers vorfinden. Aufgrund bluhender Handelsbeziehungen unterschiedlichster Kulturen, die im Suden bis Agypten und im Norden bis nach Mesopotamien reichten und unterschiedliche Schriften, die im Folgenden vorgestellt werden, besafien, entwickelte sich aufbisher ungeklarte Weise das erste Alphabet, d.h. eine konsequente Fixierung des phonetischen Prinzips innerhalb der Schrift und somit ein leichter erlernbares System von max. 30 Zeichen.[9] Bis das Alphabet im 10./9. Jh. v. Chr. nach Europa gelangte, handelt es sich um ein rein konsonantisches System. Weniger „vollstandig“ wird es dadurchjedoch nicht. Im Gegenteil: Die Entwicklung des Alphabets stellt zum einen eine enorme kulturelle Leistung dar, auf der nachfolgende Systeme lediglich aufgebaut und es nach ihren Anforderungen verandert haben, zum anderen verlangen semitische Sprachen allein aufgrund ihrer Struktur nach keiner Vokalisierung im Schriftbild.

Es kommen nach heutigem Stand vier Systeme in Frage, aus denen das erste Alphabet entstanden sein konnte. Zum ersten die Agyptischen Hieroglyphen. Die beiden Systeme eint nicht nur die Vokallosigkeit sondern auch ihre Linkslaufigkeit und die mutmafiliche Hauptschreibtechnik, namlich mit Tinte oder Tusche auf Papyrus oder Leder.[10] Da die semitischen Schriftzeichen aufierdem nach konkreten Dingen, also Ochse, Haus oder Kamel, benannt sind, liegt die Vermutung nahe, dass sie aus den agyptischen Bildem dieser Objekte hervorgegangen sind, auch wenn die phonizischen Zeichen davon kaum etwas erkennen lassen. Die Entdeckung der Sinai- oder protosinaitischen Schrift schien diese These zu stutzen, indem sie als fehlendes Bindeglied zwischen Hieroglyphen und phonizischem Alphabet galt. KUCKENBURG beschreibt sie als „sehr archaische und wahrscheinlich agyptisch beeinflusste, aber von Semiten entwickelte BuchstabenschriftA[11] Die Entschlusselung dieser hoffnungsvollen Entdeckung istjedoch bis heute nicht gegluckt. Auch stellt sich die Frage, wieso sich ein dermafien leistungsfahiges System nicht dort entwickelte, wo es notig war, namlich in den handeltreibenden Stadten, sondern in Minen und an Felswanden weit abseits dieser. Eine im gesamten Kustengebiet des Mittelmeers gefundene Schrift, die ebenfalls als Vorreiter des Alphabets gehandelt wird, ist die protokanaanaische Schrift, die 1-2Jh. alter als die Sinai-Schrift ist. Auch sie giltjedoch bis heute als nicht entschlusselt, da in ihr fast ausschliefilich Namen oder Besitzinschriften gefunden wurden. Uberdies ist zumindest in den alteren Funden weder ihre Zeichenanzahl bekannt, noch ob es sich um eine Alphabet- oder Silbenschrift handelt. Fur die Funde ab der 2. Halfte des 2. Jt. v. Chr. ist die Situationjedoch eine andere: Hier handelt es sich eindeutig um eine Konsonanten-Schrift, die manchmal auch in Abgrenzung altkanaanaisch genannt wird.

,,[...] wenn man die altkanaanaischen Inschriften in bruchloser Entwicklung aus den protokanaanaischen ableitet, kommen wegen der Bildhaftigkeit letzterer eigentlich nur die agyptischen Hieroglyphen als ursprungliches Vorbild und Modell in Frage, ahnlich wie bei einer Ableitung aus der Sinai-Schrift. Sieht man hingegen keine solche Kontinuitat, sondern betrachtet die protokanaanaischen Inschriften als folgenlose fruhe Versuche [...], dann bietet sich fur die Ableitung derja ausgepragt linearen altkanaanaischen Schrift eher die agyptische Kursive, das Hieratische, an.“[12]

Beim Hieratischen handelt es sich um die agyptische Alltagsschrift. Im Laufe ihrer Entwicklung wurde sie auch als Konsonanten-Schrift benutzt, allerdings nur fur fremde Orts- und Eigennamen. Die Vermutung, die Semiten hatten sowohl Konsonanten und Halbkonsonanten als auch das Prinzip hinter deren Verwendung entlehnt, ist ebenfalls bis heute unbewiesen. Das Prinzip der protokanaanaischen Schrift hingegen weist die Ugaristische Schrift auf. Sie ist eine Keilschrift, deren 30 Zeichenjedoch Buchstabenwert haben. Ihre Berechtigung, als mogliche Vorstufe des Phonizischen Alphabets zu gelten, erklart sich aus dem Fund der sogenannten ABC-Tafeln von Ugarit, welche die gleiche Reihenfolge wie im phonizischen und somit auch wie im modernen Alphabet aufweist.

[...]


[1] Kuckenburg: 1996, S. 167

[2] Ebd.

[3] Haarmann: 1991: S. 21

[4] Robinson: 1996, S.11

[5] Haarmann: 2004, S. 10

[6] Haarmann: 1991, S. 21

[7] Robinson: 1996, S.11

[8] Childe: ?, S. 223fzitiertnachKuckenburg: 1996, S. 283

[9] Ebd.

[10] Kuckenburg: 1996, S. 284

[11] Kuckenburg: 1996, S. 287

[12] Kuckenburg: 1996, S. 289

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640890026
ISBN (Buch)
9783640889624
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170222
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Lateinisches Alphabet Schrift Schriftgeschichte Geschichte Schrift

Autor

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