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Wer wandert, wer wandert von einem Ort zum andern? Oder: Welche Faktoren beeinflussen die Entscheidung zur Migration und das Gelingen?

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Fremde oder Einheimische: Wer kann es wissen?
Balibar, „Es gibt keinen Staat in Europa, Rassismus und Politik im heutigen Europa“…...

II Ge/liebtes/lobtes (Einwanderungs-)Land?
II/1 Faist, „Migration und der Transfer sozialen Kapitals oder „Warum gibt es relativ wenige internationale Migranten“
II/2 Treibel, „Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung“.

III Gelungene Migration?
Esser, „Assimilation, Integration und ethnische Konflikte. Können sie durch ‚Kommunikation‘ beeinflusst werden?“
Mein Resümee

Literaturverzeichnis

EINLEITUNG:

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit Faktoren, welche Migration begünstigen und zum Gelingen von Migration beitragen, und solchen, welche Migration hemmen.

Migration ist Wanderung, ist Bewegung. Migration bewegt. Bewegt nicht zuletzt ein Europa. Ein Europa, in welchem Etienne Balibar eine Rassismuspolitik ortet und die Lösung der Aufgabe verlangt: Wer ist fremd, wer einheimisch?

Balibar, der an der Universität Paris/Nanterre politische Philosophie lehrt, ein Schüler Louis Althussers und zudem Marxismus-Experte ist, hat sich in der Vergangenheit immer wieder in die Diskussion um die Konstruktion Europas eingemischt (http://www.zeit.de). Balibars Text zur fehlenden Begrifflichkeit Europas, des Europäers, des Fremden und nicht zuletzt seine Darstellung von Rassismus habe ich gewählt und an den Beginn meiner Arbeit gestellt, da mir der Einfluss politischer Gegebenheiten auf die Entscheidung zur Migration bedeutend und als übergeordneter Faktor erscheint.

Liegt in diesem massiven politischen Einfluss die Antwort auf die Frage von Thomas Faist, Professor für Politikwissenschaft, „Warum gibt es relativ wenige internationale Migranten“? Ist die von Annette Treibel, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, beschriebene These des „mobilen Menschen“ ein ausschlaggebender Faktor für die Entscheidung zur Migration?

Oder wird die Entscheidung gegen Migration getroffen, um den sozialen Folgen, wie Treibel sie beschreibt, zu entgehen?

Können Entscheidungen zur Migration und die Folgen dieser Entscheidungen gelenkt werden, etwa durch Kommunikation, wie Hartmut Esser, Professor für Soziologie und Wissenschaftslehre, es in seinem Text „Assimilation, Integration und ethnische Konflikte“ untersucht?

I Fremde oder Einheimische: Wer kann es wissen?

Balibar, Es gibt keinen Staat in Europa, Rassismus und Politik im heutigen Europa

Balibar geht davon aus, dass durch Migration zumindest eine Bündelung des Rassismus in seiner heutigen Form erfolgt. Dies ist auch der erste Faktor, anhand dessen ich hinterfrage, ob er Migrationsentscheidungen beeinflusst.

Zuerst wirft Balibar die Frage auf: Was ist Europa? Er meint, dass die Beantwortung dieser Frage notwendig ist, um Migration und Rassismus zu analysieren. Diese Neu-Definition von Europa ist durch den Zusammenbruch des Sozialismus, der Wiedervereinigung Deutschlands sowie der Krise im Nahen Osten nötig. Balibar stellt nun Hypothesen über die Auswirkung dieser Ereignisse auf die „europäische Einigung“ an.

Seine erste Hypothese ist, dass die Idee des politisch-wirtschaftlichen Kleineuropas nicht umsetzbar ist, u.a. deshalb, weil die „europäische Einigung“ auf dem Gleichgewicht der verschiedenen Länder basiert, jedoch mit dem vorhandenen Ungleichgewicht der Macht und zudem noch unterschiedlichen Interessen nicht zurechtkommt (Balibar 2000: 108).

Ich meine, dass dieses Ungleichgewicht der verschiedenen Länder, welches sich u.a. darin zeigt, dass sich die Europäische Union (EU) offensichtlich nicht als Zuwanderungsregion versteht, ein Signal setzt. Ein Signal, welches z.B. ausländische Arbeitskräfte, die aus Ländern außerhalb der EU stammen, unabhängig von ihrer persönlichen Entscheidung, an Migration hindert.

Etienne Balibar zeigt eine aus den Umschichtungen Europas heraus entstehende neue Form von Rassismus auf, die seines Erachtens u.a. die Umkehrung des Prozesses der Kolonialisierung bewirkt. Dies drückt aus, dass die Menschen der ehemaligen Kolonien in die Länder der ehemaligen Kolonisatoren ziehen.

Zu diesen Ausführungen Balibars möchte ich als Erläuterung und Ergänzung auf die Darstellung von Münz/ Reiterer (vgl. Münz/Reiterer 2007: 170f) hinweisen, die zeigt, dass diese Form der Wanderung erst seit den späten 1950ern in erwähnenswertem Ausmaß besteht. Unter diesen mehrere Millionen umfassende Kolonialrückwanderern befanden sich viele, die nie zuvor in den Mutterländern gewesen waren und die zudem auch nicht aus eigenem Antrieb handelten, sondern teilweise aufgrund von Verträgen zwischen den Kolonialmächten und den neuen Nationalstaaten. Ich finde es hilfreich, diese Umstände in die Betrachtungen einfließen zu lassen, welche Faktoren die Entscheidungen zur Migration und das Gelingen derselben beeinflussen, da diese Vorgänge relativ kurz zurückliegen, der Prozess keineswegs abgeschlossen scheint und dessen Auswirkungen noch nicht in ihrer Gesamtheit bekannt sein können.

Der zweite Gedanke Balibars, welchen ich in meine Arbeit einbeziehe, ist der, ob die Art und Weise der Bündelung Migration mit Rassismus in allen Ländern Europas in ähnlicher Form zutrifft und somit für die Migrationsentscheidung für einzelne Länder mitschwingt. Balibar führt u.a. Großbritannien an, wo die Opfer von Rassismus als „blacks“ bezeichnet werden. Dies stellt eine postkoloniale Bezeichnung dar und ist somit nicht einheitlich für Europa zutreffend. Meiner Ansicht nach, führt er dies an, um seine Interpretation der Vielfalt zu untermauern.

Balibar stellt nun die Frage, ob diese Vielfalt an nationalen Situationen -und somit eine Vielfalt im Umgang mit MigrantInnen, Migration, Rassismus - das daraus resultierende Phänomen des „europäischen Rassismus“ hervorbringt.

Und ich füge die Frage an, ob das nicht ein gewichtiger Faktor für Migrationsentscheidungen ist. Das o.a. Phänomen scheint nach Balibar durch die Struktur der EU (Balibar spricht in seinem Kontext von EG) begünstigt und zwar dadurch, dass die EU damit bereits zwei Kategorien von Ausländern produziert. Ausländer, welche zur „Gemeinschaft“ gehören und „Ausländer“ die nicht zur „Gemeinschaft“ gehören, die jedoch oftmals juristisch keine Ausländer sind. Was bedeutet dies nun für den Rassismus und die Migration und die Entscheidung dazu? Balibar sieht eine erneute Veränderung des Begriffes Rassismus, wie es in der Geschichte schon einige Male geschehen ist.

Das Vorwissen über Rassismus in Europa fußt in zwei europäischen Phänomenen: der antisemitischen Vergangenheit und dem Nationalismus (Balibar 2000: 111). Balibar meint, dass die Wiederherstellung des Nationalismus den Antisemitismus belebt und beide sich nun in einer Verdichtung auf Menschen arabisch-islamischen Ursprungs fokussieren. Für Balibar gibt die Vergangenheit die Antwort, warum der Rassismus in neuer Form entsteht. Hierzu bedarf es der Aufdeckung der strukturellen Grundlagen des neuen Rassismus (Balibar 2000: 112). Es zeigen viele Untersuchungen zur sozioökonomischen Basis, dass MigrantInnen oft als Arbeitskräfte im Aufnahmeland eingesetzt werden, da sie aus Ländern kommen, in welchen es an sozialen Rechten fehlt (Balibar 2000: 113).

Ich meine, dass diese Faktoren des Einsatzes von ausländischen Arbeitskräften aufgrund ihrer scheinbar geringeren Ansprüche besonders für die wachsenden Kluft zwischen Einheimischen und MigrantInnen entscheidend sind.

Diese Faktoren erscheinen mir zudem im Hinblick auf Annettes Treibels zweite These relevant, welche den Verlust des bisherigen Status der MigrantInnen im Zuwanderungsland beinhaltet. So sehe ich eine offene Schere, fußend auf der Tatsache, dass einerseits mit der Migration zumeist eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation erfolgt, jedoch Treibels These folgend auch ein Verlust an Status, verschärft durch den von Balibar georteten neuen Rassismus.

Als Schlussfolgerung seiner Ausführungen setzt Balibar sich entschieden für ein politisches Herangehen an das Thema ein. Er sieht darin „Perspektiven für eine erneuerungsdemokratische Politik“ (Balibar 2000: 118). Er ortet in Europa eine Rassismuspolitik und für eine Antirassismuspolitik nur dann eine Möglichkeit, wenn sie sich auf der europäischen Ebene organisiert oder koordiniert. Da es ihm in Europa in jeglichem Bereich unmöglich scheint, zwischen fremd und einheimisch zu unterscheiden, bietet dies den Nährboden für einen gefährlichen Klassenrassismus besonders zwischen den Arbeitern. Die Situation könnte jedoch auch das Potential für eine neue Arbeiterbewegung in sich bergen.

In diesem Text geht Balibar meines Erachtens nur am Rande auf ideologietheoretische Ansätze ein, von welchen ich annehme, dass sie im Bereich des neuen Rassismus wirken. Er geht in seinem Text nämlich kaum auf die Auswirkungen dieses neuen Rassismus auf die Beziehung der MigrantInnen zu den einheimischen Menschen ein. Beispielsweise auf Benachteiligungen im Aufnahmeland bei der Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen. Annette Treibels Text stellt hier ein Gegenbeispiel dar, da sich Treibel explizit der sozialen Folgen von Migration annimmt.

Meiner Ansicht nach stellt Balibars Text auch einen Erklärungsansatz für Treibels dritte These zur Verfügung, warum MigrantInnen durch gewisse Bezeichnungen stets eine fremde Gruppe innerhalb des Zuwanderungslandes bleiben und als solche gekennzeichnet werden. Mir erscheint, dass dies nicht nur die Integration erschwert, sondern zudem Folgemigration (z.B. den Nachzug) hemmt.

Der Text von Balibar erweckt bei mir im Gegensatz zur Frage von Faists Text „Warum gibt es relativ wenige internationale MigrantInnen“? den Eindruck, als handelte es sich bei der Zahl der MigrantInnen um eine relevante Größe.

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640889150
ISBN (Buch)
9783640889488
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170198
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
2,0
Schlagworte
Soziologie Migration

Autor

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Titel: Wer wandert, wer wandert von einem Ort zum andern? Oder: Welche Faktoren beeinflussen die Entscheidung zur Migration und das Gelingen?