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Eine Analyse der Anwendbarkeit von Wahrheitstheorien auf die Religion

"Religionen sterben, nachdem sie als wahr bewiesen wurden" (Oscar Wilde)

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Korrespondenztheorie
2.1 Grundlegendes Konzept
2.2 Theoretische Herleitung
2.3 Geltungsbereich und Grenzen
2.4 Die Sonderrolle der Religion

3. Die Kohärenztheorie
3.1 Grundlegendes Konzept
3.2 Theoretische Herleitung 9
3.3 Geltungsbereich und Grenzen
3.4 Die Sonderrolle der Religion

4. Die Konsenstheorie
4.1GrundlegendesKonzept
4.2 Theoretische Herleitung
4.3 Geltungsbereich und Grenzen
4.4 Die Sonderrolle der Religion

5. Konsequenzen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Wer es unternimmt, auf dem Gebiet der Wahrheit und der Erkenntnis als Autorität aufzutreten, scheitert am Gelächter der Götter.", sagte Albert Einstein zum Thema der Wahrheits- und Erkenntnistheorie.[1] Dabei ist diese Aussage als Bekräftigung der definitorischen Erfassungsproblematik des Begriffes der Wahrheit ohne zusätzliche Prämissen oder Ausschlüsse hinsichtlich des Geltungsbereichs zu sehen und nicht als theologische Aussage über die Natur des göttlichen Humors. Aber trotz seiner mangelnden Intentionalität bringt diese Aussage Einsteins ein Problem jeglicher erkenntnistheoretischen Beschäftigung mit der Wahrheit auf den Punkt: Die Religiosität entzieht sich der philosophischen Erfassung oder gar „Messung“ ihres Wahrheitsgehaltes weitaus hartnäckiger als dies in den meisten anderen Bereichen der Wirklichkeit der Fall ist. Doch zur Bestimmung dieses besonderen Verhältnisses von Wahrheit und Religion ist zunächst eine genauere Beschäftigung mit der Natur der Wahrheit erforderlich.

2. Die Korrespondenztheorie

2.1 Grundlegendes Konzept

Der Korrespondenztheorie zufolge ist etwas genau dann wahr, wenn eine Übereinstimmung von gedanklichen Vorstellungen der Wirklichkeit und der Wirklichkeit selbst vorliegt.[2] Die Wahrheit ist dabei die Beziehung von einem geistigen Bild oder einer Idee von etwas und dem in der Wirklichkeit real vorhandenen Bezugspunkt. Daher ist beispielsweise weder ein im Raum stehender Stuhl noch ein mentales Abbild eines Stuhls wahr, sondern erst durch die Verknüpfung von beidem, welche durch den Verstand in Beziehung zueinander gebracht werden, kann durch die Übereinstimmung Wahrheit entstehen.

2.2. Theoretische Herleitung

Als erster Vertreter der Korrespondenztheorie kann Aristoteles angesehen werden. Er sagt zum Thema der Wahrheit „Nicht darum nämlich, weil unsere Meinung, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.“[3] Die Natur der Wahrheit wird von ihm bereits als eine Beziehung von Aussage und Realität und nicht als reine Aussage begriffen. Die Aussage oder gedankliche Vorstellung, ob jemand oder etwas weiß ist, hat alleine keinen Einfluss auf die Realität. Ihr Wahrheitswert ist nicht generell erfassbar; die Aussage „du bist weiß“ kann je nach vorhandenem realen Bezugspunkt sowohl falsch als auch wahr sein, wobei die Konjunktion „sowohl... als auch“ hier nicht gleichzeitig im Sinne von „weiß und auch nicht weiß“ verstanden werden soll, sondern als Möglichkeit, jeden der beiden möglichen Wahrheitswerte einzunehmen. Wahrheit entsteht erst durch einen konkreten Bezug zur Realität. Selbst Sätze wie „die Erde ist eine Kugel“ sind nicht von sich aus bereits wahr, sondern erst durch den Bezug zur tatsächlichen, runden Form des dritten Planeten unseres Sternensystems. Dabei geht die Wahrheit für Aristoteles nicht vom Verstand aus, der eine Aussage tätigt oder eine Überlegung vollzieht, sondern stets von der Realität. Erst durch die real vorhandene weiße Färbung der bezeichneten Person gewinnt die Aussage „du bist weiß“ einen Wahrheitswert, unabhängig davon, ob dieser nun positiv oder negativ ist, also die Aussage wahr oder falsch ist. Was genau wahr und falsch eigentlich bedeuten, konkretisiert Aristoteles durch die Festlegung von „falsch“ als Verleugnung von Existentem oder das Zusprechen von Existenz zu nicht Vorhandenem. Der Begriff „wahr“ bezeichnet demzufolge die Negation von Nichtexistentem oder die Akzeptanz von Realem.[4] Dabei beschränkt sich sein Verständnis des Begriffes der Wahrheit nicht auf Existenzsätze, sondern lässt sich auch auf Subjekt-Prädikat Sätze anwenden, welche Dingen Eigenschaften zuschreiben.[5]

Der bekannteste Vertreter der Korrespondenztheorie ist Thomas von Aquin, welcher sich im dreizehnten Jahrhundert mit der Definition von Wahrheit auseinandersetzte. Das zentrale Ergebnis seiner Arbeit stellt der Satz „adaequatio rei et intellectus“ dar, welcher sich mit „Übereinstimmung von Sache und Verstand“ übersetzen lässt.[6] Zum Beleg der Übereinstimmung exerziert Thomas die Möglichkeiten des Primats des Verstandes und des Primats der Sache durch. Im Falle eines Vorrangs der realen Gegenständlichkeit besteht die Wahrheit darin, sich dieser anzugleichen, um über Sein und Nicht-Sein der Sache entscheiden zu können. Je nach Ergebnis der Analyse ist ein Gedanke oder eine Aussage, welche das Resultat dieser Analyse darstellt, entweder wahr oder falsch. Besteht jedoch ein Primat des Verstandes gegenüber der Sache, so wird diese an den Verstand angeglichen, um seinen Vorstellungen zu entsprechen. Als Beispiel hierfür führt Thomas die Erschaffung eines Kunstwerks an, bei dem der Künstler sein Rohmaterial nach dem Vorbild seiner geistigen Vorstellung bearbeitet, um das Material in einen Zustand zu verwandeln, der seiner Vorstellung entspricht.[7] Der Begriff der Sache bezieht sich dabei nicht zwangsläufig auf einen konkreten Gegenstand, sondern kann auch eine Eigenschaft, ein Zustand oder eine Situation bezeichnen.[8] Dabei kann das Verständnis der Wahrheit aus drei Perspektiven betrachtet werden. Die logische Wahrheit bezeichnet die Position des erkennenden Verstandes, dessen Wissen in Übereinstimmung mit dem Bezugspunkt in der Realität steht.[9] Thomas von Aquin bezeichnet die logische Wahrheit mit der Formel „adaequatio intellectus ad rem“. Die ontische Wahrheit auf der anderen Seite bezeichnet die Perspektive des Gegenstandes, bei der das vom Verstand erkannte reale Objekt mit der geistigen Vorstellung übereinstimmt. Diese „Unverborgenheit des Seienden“ bezeichnet Thomas mit „adaequatio rei ad intellectum“[10] Die ontologische Wahrheit zuletzt nimmt die Position der Übereinstimmung ein, welche zwischen Gegenstand und Verstand herrscht. Denn diese schließen sich gegenseitig in dem Sinne aus, dass weder ein direkter, durch Sinne oder Verstand unverfälschter Zugang möglich ist, noch jemals eine Wesensgleichheit erreicht werden kann, welche diese Trennung aufhebt. Daher kann das Verständnis vom Wahrheitsgehalt der Realität für den Verstand nur über Übereinstimmungen erreicht werden, so dass die ontologische Wahrheit ein Ausdruck der Aporie ist.[11]

Sowohl bei Aristoteles als auch bei Thomas von Aquin verursacht eine wahre Aussage nicht die Existenz einer Sache, sondern die Sache ist ursächlich für den Wahrheitsgehalt der Aussage verantwortlich.[12] Die Wahrheit ist durch die verbindende, angleichende Beziehung von Sache und Verstand die Ursache der Erkenntnis, welche in einem kausalen Wirkungsprozess aus der Wahrheit hervorgeht.[13]

2.3 Geltungsbereiche und Grenzen

Die Wahrheit ist - besonders bei Berücksichtigung des Aspektes der Erlangung von Erkenntnis - in hohem Maße mit dem kognitiven Bereich verknüpft. Ohne die Fähigkeit, einen Gegenstand, einen Zustand oder irgendeinen anderen Aspekt der Realität verstandesmäßig zu erfassen und zu begreifen, kann keine Wahrheit entstehen. Der Gegenstand existiert dabei unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt auch ohne das Erkennen der Vernunft weiter, ohne jedoch im Sinne der Korrespondenztheorie wirklich „wahr“ sein zu können.[14] Das führt zur paradoxen Situation, dass für einen hinsichtlich seiner kognitiven Kapazitäten eingeschränkten Menschen ein Stein, welchen er nicht als solchen erkennt und daher vielleicht noch nicht einmal wahrnimmt, nicht wahr ist, während dies für einen anderen Menschen durchaus der Fall sein könnte - der Stein ist jedoch in beiden Fällen derselbe. Während dies im Bereich der Existenzsätze nicht von entscheidender Relevanz ist, führt dies bei Bezugnahme auf Zustände zu massiven Problemen, sobald die Zuschreibungen in ihrer potentiellen Problematik über Aspekte wie der des „weißen Menschen“ bei Aristoteles hinausgehen. Denn während der Zustand eines Menschen für den einen gut und akzeptabel ist, kann ein anderer den genau gleichen Zustand als Verletzung der Menschenwürde erachten. Als Beispiel lassen sich die Lebensbedingungen von in Konzentrationslagern inhaftierten Menschen nennen. Während diese für einen Nationalsozialisten für einen „Untermenschen“ angemessen sein können, so würde ein zur Toleranz erzogener Demokrat dies völlig anders bewerten, so dass die „Wahrheit“ über den Zustand in erheblichem Maße voneinander abweicht. Die Korrespondenztheorie prädiziert also einen gut ausgebildeten, leistungsfähigen Verstand, welcher ohne Verfälschung oder Ressentiments irgendeiner Art die Realität zu erfassen versucht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Veränderung der Realität durch den Verstand selbst. Denn eine vom Subjekt getroffene Aussage über ein Objekt ist gleichzeitig auch Bestandteil der Realität in Form von Schallwellen, welche von anderen Menschen dekodiert und verstanden werden können. So hat beispielsweise die Aussage „Pass auf, der Bus überfährt dich gleich!“ zwar einen positiven Wahrheitsgehalt hinsichtlich des zu erwartenden Fortgangs der Situation, aber wird sich - hoffentlich - aufgrund des deswegen geänderten Verhaltens des Rezipienten als falsch erweisen. Ähnliche Probleme treten auf, sobald man den Bereich der Gegenwart verlässt. Denn Aussagen über die Vergangenheit sind nicht möglich, ohne auf eigene, subjektiv gefärbte Erinnerungen zurückzugreifen, sich auf Aussagen anderer zu verlassen oder durch die Anwendungen wissenschaftlicher Methoden auf Forschungsobjekte die wahrscheinlichste Form der „wahren“ Vergangenheit zu ermitteln. Im Bereich der Zukunft ist die Wahrheit dabei noch ungewisser, da sie sich zum einen erst mit zeitlicher Verzögerung als wahr oder falsch erweisen wird und zum anderen, wie obiges Beispiel zeigt, selbst den Verlauf der Zeit bis zum Eintreffen der Zukunft mit verändert. Auch eine reine Beobachterposition, bei der das mit dem Verstand beteiligte, analysierende Subjekt keinen Einfluss auf das Geschehen zu nehmen versucht, wird durch seine schiere Präsenz in der Realität beeinflusst und somit das „Messergebnis“ des Wahrheitsgehaltes möglicherweise verfälscht.[15] Gleichzeitig erschließen wir unsere Realität primär mit dem Mittel der Sprache, so dass die Erfassung der Realität durch das Subjekt durch die Sprache nicht nur beeinflusst, sondern vielmehr in wesentlichem Maße bestimmt wird.[16] Wenn also sowohl der Verstand als auch die verwendete Sprache sowohl limitiert als auch im Fall des Verstandes voreingenommen und im Fall der Sprache wesensverändernd sind, muss die Erlangung von Wahrheit durch die Korrespondenztheorie eine theoretische bleiben, welche in der Praxis so nicht möglich ist.

[...]


[1] Einstein, AlbertlCAiAPRicE, Alice (Hrsg.): Einstein sagt: Zitate, Einfälle, Gedanken. Piper. München. 1999. S. 143.

[2] Vgl. Keuth, Herbert: Erkenntnis oder Entscheidung. Zur Kritik der kritischen Theorie. Mohr. Tübingen.

1993. S.119f.

[3] Aristoteles: Metaphysik. Buch 10. Übers. aus dem Griech. v. Szlezak, Thomas A. Akademie Verlag. Berlin. 2003.1051 b 1-9.

[4] Vgl. Aristoteles: Metaphysik. Buch 10. Übers. aus dem Griech. v. Szlezak, Thomas A. Akademie Verlag,

Berlin. 2003. 1011 b.

[5] Vgl. Keuth, Herbert: Realität und Wahrheit. Zur Kritikdes kritischen Rationalismus. Mohr. Tübingen. 1978.

S.29.

[6] Enders, Markus: Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit. De Gruyter. Berlin. 2006. S.

149f.

[7] Vgl. Thomas von Aquin: Über sittliches Handeln. Summa theologica I -II q. 18 - 21 lateinisch-deutsch. Übersetzt v. Schönberger, Rolf. Reclam. Stuttgart. 2001. I, q.21 a.2.

[8] Vgl. Keuth: Realität und Wahrheit. 1978. S.30.

[9] Vgl. Wildfeuer, Лгт/n/KRiNGs, Hermann/BAUMGARTNER, Hans Michael: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Bd. 3. Alber. Freiburg. 2007. S. 1665.

[10] Vgl. Hermann, Friedrich Wilhelm von: Wahrheit - Freiheit - Geschichte. Eine systematische Untersuchung zu Heideggers Schrift „Vom Wesen der Wahrheit“. Klostermann. Frankfurt a. M. 2002. S.41.

[11] Vgl. Vinco, Roberto: Unterwegs zur ontologischen Wahrheit. Hegelsche Elemente in der Fundamentalontologie Heideggers in Bezug auf das Thema "Wahrheit". Königshausen & Neumann. Würzburg. 2008. S.11.

[12] Vgl. Keuth: Realität und Wahrheit. 1978. S.30.

[13] Vgl. Enders: Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit. 2006. S. 151.

[14] Vgl. Enders: Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit. 2006. S. 151.

[15] Vgl. Atteslander, Peter. Methoden der empirischen Sozialforschung. Schmidt. Berlin. 2008. S. 92f.

[16] Vgl. Lacan, Jaque. Das Drängen des Buchstabens im Unbewußten oder die Vernunft seit Freud. Übersetzung aus dem Französischen von Haas, Norbert. In. Olten. Schriften II. Walter Verlag. Freiburg i. Br. 1975. S. 201-203.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640887286
ISBN (Buch)
9783640887354
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170091
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Korrespondenztheorie Kohärenztheorie Konsenstheorie Wahrheit Wahrheitstheorie Wahrheitswert Religion

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