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Charakterisierung der Figuren in Ionescos "Rhinocéros" im Hinblick auf seine Totalitarismus- und Ideologiekritik

Seminararbeit 1998 29 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Das Thema des Stückes
1.1. Das Geschehen

2. Charakterisierung der Hauptcharaktere
2.1. Jean
2.2. Bérenger
2.3. Dudard
2.4. Botard
2.5. Daisy
2.6. Der Logiker
2.7. Nebenakteure:

3. Rhinocérosals politisches Theaterstück
3.1. Die Charaktereigenschaften im Hinblick auf die Gesamtaussage des Stückes
3.2. Die Allgemeingültigkeit und Aktualität des Stückes

Literaturverzeichnis

A. Text:

B. Sekundärliteratur:

Vorbemerkung

In meiner Arbeit geht es darum, die Charaktere des TheaterstücksRhinocérosnäher zu analysieren, die gerade in diesem Stück Ionescos eine besondere Rolle spielen, da sie den Durchschnitt einer normalen Bevölkerung vertreten. Denn hier sollen besonders diejenigen Charaktermerkmale aufgezeigt werden, die für die Anfälligkeit der Personen für die „Rhinozeritis“, ausschlaggebend sind und die Gründe dafür liefern, warum es zu überhaupt zu einer Entwicklung eines totalitaristischen Systems kommen kann. Einer der Schwerpunkte ist auch die Rolle des Helden Bérengers, der als einziger versucht, sich dem Einfluß der Masse entgegenzustellen und anders als seine Bekannten zu handeln, obwohl auch er Schwächen zeigt. Wichtig war es mir, die Charaktereigenschaften mit möglichst vielen Zitaten aus dem Text zu belegen, da viele Aussagen mit ähnlichem Wortlaut in tatsächlich existierenden unterdrückenden Systemen des 20. Jh. von Leuten geäußert worden sind.

Im zweiten Teil zielt die Untersuchung darauf ab, zu zeigen, daß der Autor keine bestimmte Ideologie kritisiert und keine andere dafür entgegensetzt. Er kann nur jedem empfehlen, darauf zu achten, sich seine Persönlichkeit und seine Menschlichkeit nicht nehmen zu lassen, was ebenso auf die heutige Zeit übertragbar ist. Daher habe ich versucht, diese in den Aussagen Bérengers und im Negativbild der anderen Charaktere versteckten wichtigsten Ratschläge Ionescos herauszufiltern.

1. Das Thema des Stückes

Im Gegensatz zu früheren Stücken ist an diesem Stück bemerkenswert, daß die Handlung Sinn macht. Das Thema, die Ausbreitung der „Rhinozeritis“ in einer Kleinstadt, ist nicht abstrakt. Es ist realistisch, da in der Interpretation deutlich wird, daß es sich eigentlich um die Vermassung und Ausbreitung eines Totalitarismus handelt, was nur durch die Verbindung mit einem Element aus der Tierfabel verfremdet wird. Außerdem baut das Stück langsam eine Spannung auf bis zum Ende. Aus diesen und anderen Gründen, z.B. des Aufbaus, sagen viel, das Stück gleiche dem „traditionellen Theater“[1], gegen das sich Ionesco bis dahin so aufgelehnt hatte. Diesen Sonderstatus des Stückes muß man bedenken, da es Ionesco hier also sehr wohl um Inhalte und Sinn ging. Viel weist darauf hin, daß der Zuschauer sich in das Stück `hineindenken` soll, um bestimmte Erfahrungen zu machen.

1.1. Das Geschehen

Im ersten Akt tritt bereits das erste Nashorn auf einer Caféterrasse auf, das bei allen Leuten für große Verwirrung und Schrecken sorgt. Während ein älterer Herr und ein Logiker sich über logische Schlüsse unterhalten, versuchen Jean und Bérenger zu klären, woher das Tier kam. Außerdem kritisiert Jean das vernachlässigte Aussehen seines Freundes und seine Lebenseinstellung. Dann erscheint das zweite Nashorn und zertrampelt diesmal eine Katze. Nach dem Trauern um die Katze können sich die Anwesenden nicht darüber einigen, ob das Nashorn ein oder zwei Hörner hatte, ob es überhaupt dasselbe war und ob es aus Asien oder Afrika war. Jean und Bérenger streiten sich so heftig darüber, daß Jean wütend geht.

Im zweiten Akt geht wird dann die langsam die Verwandlung aller Menschen in Rhinozerosse aufgezeigt. Im1.Bild dieses Aktes diskutieren die Angestellten der juristischen Kanzlei, in der Bérenger arbeitet, über die Existenz der Nashörner: der Volksschullehrer Botard hält sie für Pressegeschwätz und Mythos, obwohl Bérenger und die Sekretärin Daisy, in die Bérenger verliebt ist, von dem Rhinozeros erzählen, das sie mit eigenen Augen gesehen haben. Der Jurist Dudard unterstützt die beiden.

Plötzlich erscheint die Frau des Angestellten M. Boeuf, die von ihrem Mann verfolgt wurde, der sich in ein Nashorn verwandelt hat und das Treppenhaus des Büros zertrampelt. Da sie ihn nicht verlassen will, stürzt sie sich zu ihm hinunter und wird auch Nashorn. Mittlerweile sind mehrere Fälle in der ganzen Stadt zu verzeichnen, wie von der alarmierten Feuerwehr zu erfahren ist, und mit deren Hilfe die Belegschaft aus dem Fenster flüchtet. Im 2.Bild: stattet Bérenger stattet seinem Freund Jean einen Besuch ab, um sich mit ihm zu versöhnen. Bald muß er miterleben, wie auch Jean sich nach und nach in ein Nashorn verwandelt

Im 3.Akt hat wird Bérenger von Dudard besucht, der versucht, den in Panik geratenen Bérenger zu beruhigen. Dessen Sorgen um Ansteckung kann er nicht verstehen. Aber Bérenger möchte sich nicht mit der Situation abfinden, da er zudem noch erfährt, daß nun auch der Bürochef Papillon ein Nashorn geworden ist. Er versucht, Gründe dafür zu finden. Bérenger übt Kritik an Dudards gleichgültiger Einstellung; er vergleicht ihn mit dem Logiker, der wie beide beobachten, auch eine Verwandlung durchgemacht hat. Daisy erscheint und erzählt, daß auch Botard zum Rhinozeros geworden ist. Später läßt Dudard sich auch nicht mehr zurückhalten, zu den Tieren überzulaufen. Danach macht Bérenger Daisy eine Liebeserklärung; die beiden beschließen, zusammen zu bleiben. Daisy versucht, den immer noch aufgebrachten Bérenger zu beruhigen. Nachdem beiden klar ist, daß die Rhinozerosse bereits Behörden und Rundfunk eingenommen haben, stellen sie fest, daß sie nun noch die einzigen Menschen sind. Sie streiten heftig darüber, ob es sinnvoll ist, Widerstand gegen die Tiere zu leisten. Dann versöhnen sie sich kurz wieder. Aber obwohl Daisy Bérenger liebt, kann sie sich nicht gegen die Rhinozeritis wehren.

Bérenger ist nun alleine. In seiner Verzweiflung wünscht er sich bald, auch so zu sein wie die Tiere, obwohl er sich nicht mehr verwandeln kann. Aber nach dieser Krise und den Zweifeln faßt er den Entschluß, nicht aufzugeben und sein Menschsein bis zum Ende zu verteidigen.

2. Charakterisierung der Hauptcharaktere

Die Handlung des Stückes wird bestimmt durch die Reaktion der Personen auf das erste und die weiteren Rhinozerosse, das heißt die fortschreitenden Verwandlungen. Wichtig dabei ist, daß die Gründe für die Verwandlungen, die Anfälligkeit für ein „totalitäres Gedankengut“,[2]durch die unterschiedlichen Charaktereigenschaften der einzelnen Personen motiviert werden, die meistens schon am Anfang angedeutet werden. Die äußere Metamorphose zu dem häßlichen Tier Nashorn entspricht dabei einer inneren: der Mensch verliert seine Persönlichkeit, das, was ihn als Menschen ausmacht. Er folgt nun nur noch der Herde, dem Ruf der Masse der Rhinozerosse, welche die Macht an sich genommen haben

Auffällig ist, daß die dargestellten Figuren in diesem Stück nicht mehr austauschbar sind in dem was sie sagen und tun, - so wie etwa in Ionescos „Cantatrice chauve“ - sondern ihr Charakter wird im Stück skizziert, obwohl weniger im Detail. Sie tragen „realere, menschlichere Züge“[3]als in Ionescos anderen Theaterstücken. Sie werden typisiert, alle Personen könnten repräsentativ für den Durchschnitt einer Bevölkerung stehen. Jeder Charakter besitzt eine andere Eigenschaft, die später zur Verwandlung führt. Und die Austauschbarkeit von Personen, die sonst Ionescos Stücke kennzeichnet, findet sich hier in der Masse der unterdrückenden Nashörner wieder: „Ils sont tous pareils, tous pareils!“ (S.218).[4]

2.1. Jean

Die Eingangsszene beschreibt sein Äußeres hinreichend: Jean ist „soigneusement vêtu“ (S.14), das heißt er tritt sehr geschniegelt und korrekt mit Anzug und Krawatte gekleidet auf. Denn er ist ein sehr eitler Mensch; seine Charaktereigenschaften werden dem Zuschauer besonders durch die Dialoge mit Bérenger deutlich. Er ist ziemlich arrogant, besonders seinem Freund gegenüber, den er wegen seiner Lebenseinstellung und seinem Erscheinungsbild kritisiert: “C´est lamentable, lametable! J´ai honte d´être votre ami.“(S.19).

Denn Jean vertritt die Meinung, daß ein ordentlicher Mensch sich der Gesellschaft anpassen muß. Das fängt schon mit dem Einhalten von Pünktlichkeit an, denn Jean beschwert sich, er müsse immer auf Bérenger warten. Letzterer befinde sich in einem „triste état“ (S.16), da er trinkt und nicht so gepflegt herumläuft. Jean behandelt ihn wie ein Kind und verlangt streng, er solle sich rasieren, die Krawatte und den Kamm nehmen, die er als guter Bürger stets in Reserve bei sich hat, was auch zeigt, daß er diese Dinge wohl für unerläßlich hält; er macht ihn spitz auf sein schmutziges Hemd und die ungewachsten Schuhe aufmerksam (S.16-19).

Des weiteren soll Bérenger gebildeter, ein „homme cultivé“ (S.54), werden, sich um seine Angebetete Daisy bemühen, seine gleichgültige Einstellung zum Leben bzw. seine Moral ändern: er soll sich mit dem täglichen Leben und der Arbeit abfinden, mehr Entschlossenheit und Selbstbewußtsein zeigen, wobei der Zuschauer den Eindruck gewinnen muß, daß Jean die Freundschaft mit Bérenger nur pflegt, um seine eigene Überlegenheit ihm gegenüber zu demonstrieren. Schon wenn er ihn wegen seiner Kleidung kritisiert, zeigt seine Gestik, daß seine eigene Erscheinung tadellos ist, eben wie es sein muß. Er ist sehr überzeugt von sich und eingebildet: „Bérenger, regardez-moi. Je pèse plus que vous.“.

Er ist eben ein „homme mésuré“ (S.59) und versucht, Bérenger seine angebliche „force morale“ (S.44) zu zeigen. Am besten kennzeichnet ihn folgendes Zitat: „L´homme supérieur est celui qui remplit son devoir.“ (S.20). “ Dies zeigt, daß er ein Ideal hat, vielmehr eine von der Gesellschaft aufoktruierte Norm, an die man sich anpassen muß, nur diese ist für ihn gültig. Knabe bezeichnet diesen Charakter des Stückes deswegen auch als „autoritätsbezogenen Konservativen“[5], und Leiner spricht von einer „konformistischen Haltung“ Jeans, die sich darin niederschlägt, auch seinen Freund so einheitlich machen zu wollen wie oben beschrieben. Seine große Intoleranz verbietet ihm, Individualisten wie Bérenger so zu akzeptieren wie sie sind und auch andere Meinungen gelten zu lassen. Zu seinen schlechten Eigenschaften gehört so auch, daß er sehr aufbrausend wird, wenn eine andere Ansicht als seine eigene für richtig gehalten wird. Die Regieanweisung sagt, er ist „hors de lui", später „furieux" (S.72-74). Denn als er mit Jean und den anderen über das erste Nashorn, über dessen Herkunft und Anzahl der Hörner diskutiert, wird er immer wütender. Vor lauter Mangel an Argumenten beleidigt er Bérenger, bezeichnet ihn zuerst als -„espèce d´Asiatique“, und dann als „imbécile“, bevor er verschwindet. Gerade im ersten Zitat und in dem mehrmaligen Ausrufen von „Ils sont jaunes!“ (S.72-73) in Bezug auf Asiaten wird seine Ausländerfeindlichkeit deutlich, was seine Intoleranz und Engstirnigkeit nur noch unterstreicht. Als auch andere Bérenger unterstützen in der Auffassung, daß auch Asiaten ganz normale Menschen sind, insistiert Jean nochmal, verschwindet dann beleidigend, ohne sich jedoch einer weiteren Diskussion zu stellen.

Bérenger durchschaut ihn schon ganz früh: „Vous n´êtes qu´un prétentieux. Un pédant... ... un pédant qui n´est pas sûr de ses connaissances...“ (S.70), und er bemerkt auch, daß Jean keinen Widerspruch zuläßt und daß die kleinste „objection“ ihn wütend werden lasse (S.77).

Insgesamt wirken sich besonders diese Intoleranz und das Konformismus-Denken, die Vorstellung von einer Pflichterfüllung, auf Jeans Anfälligkeit für die Rhinozeritis aus. Was die Mehrheit der Gesellschaft tut, ist für ihn normativ. Deshalb kann und will er sich auch später der „totalitären Ideologie“ der Masse der Nashörner nicht widersetzen Gegen Persönlichkeiten wie Bérenger werden Vorurteile gehegt und versucht, die erkennbaren Laster umzukehren, die Person in die Masse einzugliedern. Diese Merkmale sind in ihm vorher schon angelegt.

Bei seiner Verwandlung ändern sich mit seinem Äußerem schließlich dann auch seine vorher verbreiteten Ideen des Humanismus. Für Jean, der sogar von Bérenger als „garÇon si humain, grand défenseur de l´humanisme“ (S.175) bezeichnet wurde, ist der Humanismus „périmé“. Die immer extremer werdende Haltung gipfelt in der Äußerung: „Il faut dépasser la morale.“(S.159). Nun ist deutlich, daß er ein wahres Nashorn geworden ist, sowohl äußerlich - seine Haut wird grüner, seine Stimme rauher, ihm wächst ein Horn, und er fängt an, zu brüllen und hin und herzurennen - als auch innerlich, wie seine Aussagen dem erschreckten Bérenger vor Augen führen. Er glaubt nicht mehr an die Freundschaft - eigentlich an gar nichts mehr bis auf seine animalische Ideologie der Brutalität, des Zerstörens, dem Herdentrieb - , bis hin zum Ausruf: „Oui, je suis misanthrope, misanthrope, misanthrope...“ (S.151). Auf einmal lehnt er das Menschsein vollkommen ab, das einzige, was für ihn zählt, ist die Natur. Seine vorher beschriebenen Eigenschaften haben also dazu geführt, daß er plötzlich, als er sieht, daß es nun in der Gesellschaft gilt, Nashorn zu sein, freiwillig dieses Schicksal akzeptiert und sich damit „identifiziert“.[6]

Bérenger kann auch nicht begreifen, warum Jean die Gefahr, die von den Rhinozerossen ausgeht, nicht erkannt hat, wenn er, der sich immer auf die Vernunft und die Intelligenz berufen und anfangs doch noch verkündet hat,erwandere nicht im Nebel, da er im Gegensatz zu seinem Freund, einen „esprit clair“ habe (S.69). Aber gerade sein Verwandlung macht deutlich, daß er schließlich nicht mehr „maître“ (S.145) seiner Gedanken ist und scheinbar so von seinen eigenen Idealen verklärt wurde, daß er nachher zur machthabenden Masse überlief.

[...]


[1]P.E. Knabe, „Rhinocérosin: Einführung in das Studium der frz. Literaturwisenschaft, Hg. W.D. Lange (Heidelberg, 1979), S.172.

[2]Wolfgang Leiner, Ionesco, Rhinocéros, in: J. v. Stackelberg (Hg.),Das frz. Theater vom Barock bis zur Gegenwart(Düsseldorf 1968, Bd.2), S.344.

[3]Ebd S.348.

[4]Die nachfolgenden runden Klammern beziehen sich alle auf „Rhinocéros“ von Eugène Ionesco (Editions Gallimard, 1959).

[5]P.E. Knabe, S.169.

[6]Leiner, S.347.

Details

Seiten
29
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638216913
Dateigröße
640 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v17004
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Romanisches Seminar
Note
sehr gut (1,0)
Schlagworte
Charakterisierung Figuren Ionescos Rhinocéros Hinblick Totalitarismus- Ideologiekritik Proseminar Theater

Autor

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