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Was ist eigentlich „Schreibkompetenz“?

Ein Rekonstruktionsversuch auf der Grundlage von Bildungsplänen, EPA und fachdidaktischen Entwürfen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Versuch einer Definition des Schreibprozesses- Das Schreiben als Prozess
2.1 Das Schreibprozessmodell von Hayes und Flower

3. Die Schreibkompetenz - Das Schreiben als Kompetenz
3.1 Das Modell von Carl Bereiter zur Schreibkompetenz

4. Aufgaben und Ziele des Deutschunterrichts bezüglich des Schreibens - Der Lehrplan für das Fach Deutsch in der Sekundarstufe I mit dem Fokus auf den Bereich des Schreibens
4.1 Anregungen zur Förderung der Schreibkompetenz im Deutschunterricht

5. Fazit

6. Quellenangaben

1. Einleitung

„Schreiben lernt man nur durch Schreiben!“[1]

Als ich mit dem Schreiben meiner Hausarbeit anfing, fiel mir auf, dass ich doch selber sehr stark von meinem Thema, dem Schreibprozess und der Schreibkompetenz und deren Auswirkungen auf den Unterricht, betroffen bin. Auch ich musste mich mit den Problemen auseinander setzen, welches Thema ich behandele, wo ich Quellen finde, die mir mit Informationen weiterhelfen, wer , neben mir, die Arbeit korrigiert und das ich das Anfertigen der Arbeit rechtzeitig abschließen muss, um den Abgabetermin einzuhalten. Ich muss die Formalitäten und Konventionen einhalten und darf den Sinn und Zweck dieser Arbeit nicht aus den Augen verlieren, denn schließlich geht es nicht nur darum, einen Erkenntnisgewinn zu erlangen. Eine weitere Motivation ist für mich das Bestehen des Hauptseminars.

In dieser Arbeit möchte ich versuchen, einen Einblick in die Komplexität des Schreibens zu geben, indem ich zwei Modelle darstelle, die sich mit dem Schreiben beschäftigen. Da beide einen anderen Ansatzpunkt haben, wird sowohl das Prozesshafte des Schreibens deutlich als auch das Erlangen des Schreibens als Kompetenz, für die der/ die Schreibende[2] verschiedene Kompetenzstufen durchlaufen muss.

In meinem letzten Punkt möchte ich einen Abriss geben, in wie weit die Sprachwissenschaft in den Lehrplan Einzug gehalten hat, um dann noch einen Ausblick zu geben, wie man die Schreibkompetenz bei Schülern fördern könnte.

2. Der Versuch einer Definition des Schreibprozesses- Das Schreiben als Prozess

Der Schreibprozess als sprachwissenschaftlicher Begriff ist nur schwer beziehungsweise gar nicht allgemeingültig zu definieren, da unter diesem Terminus Unterschiedliches zusammengefasst wird. „ Schreibprozesse und die Qualität, mit der sie ablaufen, können unter einer Entwicklungsperspektive betrachtet werden.“[3]

In diesem Falle zeigen die Art und die Qualität des Schreibprozesses in wie weit der Schreiber seine Schreibfähigkeiten ausgebildet hat. „ Hier werden die Schreibprozesse als Indikatoren für den Grad der Ausdifferenzierung der Schreibentwicklung betrachtet.“[4]

Doch die Textproduktion selbst kann auch Betrachtungsmittelpunkt werden, so dass dann die Prozesse an sich und deren Ergebnisse (Schreibprodukte) Zentrum des Interesses werden.[5] „ Dabei geben unterschiedlich verlaufende Prozesse unter verschiedenen Bedingungen Hinweise darauf, was überhaupt alles zur Schreibfähigkeit gehören kann.“[6]

Aufgrund der oben beschriebenen Schwierigkeiten gibt es bisweilen noch kein integratives Modell, das den Schreibprozess in seiner Gesamtheit beschreiben könnte, weil die Modelle immer unter mindestens zwei verschiedenen Aspekten gestaltet werden/ wurden. Da der veranschlagte Rahmen dieser Hausarbeit nicht ausreichen würde, um den Schreibprozess in seiner Ganzheit zu definieren, möchte ich anhand des unten beschriebenen Modells von John Hayes und Linda Flower die Prozesse, die während des Schreibvorgangs ablaufen, beispielhaft darstellen und verdeutlichen, um dann im dritten Punkt dieser Arbeit auf ein anderes Modell einzugehen, das exemplarisch den Erwerb und die Entwicklung von Schreibfähigkeiten im Zusammenhang oder in Abhängigkeit mit den kognitiven Entwicklungen in Blickfeld hat.

2.1 Das Schreibprozessmodell von Hayes und Flower

„ Das wohl am meisten beachtete kognitiv orientierte Modell von Textproduktion ist das von Hayes und Flower. In diesem Modell wird Textproduzieren als Gesamthandlung (writing process) analytisch in Teilkomponenten (subprocesses) zerlegt, die dann wiederum aufgeschlüsselt werden, bis ein Auflösungsgrad erreicht ist, der einzelne Handlungen beschreibt, die eigene Einheiten bilden und nicht weiter differenziert werden müssen.“[7]

Das Textproduktionsmodell von John Hayes und Linda Flower gilt als ein Ansatzpunkt der gesamten Schreibforschung und bildete somit die Grundlage für folgende Modelle.

„ Vor allem von dem Modell von HAYES/FLOWER gingen für die Weiterentwicklung nachfolgender Schreibmodelle die wesentlichen Impulse aus, und es kann sicher als Basismodell bezeichnet werden, auf das in der Schreibdidaktik häufig zurückgegriffen wird.“[8]

Die Abwendung von der Vorstellung, dass die Textproduktion als lineare Abfolge von diskreten Prozessen erfolgt und ebenso die Abkehr von der Annahme einer rekursiven Organisation einzelner Teilprozesse sind die Kernpunkte diesen Modells.[9]

„ Das Modell nimmt die in der bisherigen Schreibforschung gängigen Teilprozesse Planen, Übertragen, Prüfen auf, sieht ihre Abfolge aber nicht linear-sequentiell, sondern nimmt die Möglichkeit an, dass der Schreiber in schon durchlaufene und im Modell früher angeordnete Subprozesse zurückkehrt und von hier neuerlich startet. Diese Phänomen, von Hayes/ Flower als Rekursivität der Subprozesse bezeichnet, ist ein Charakteristikum der kognitiv-orientierten Modelle des Textproduzierens wie der neueren Modelle des Problemlösens überhaupt.“[10]

Für ihre Untersuchungen beobachteten Hayes und Flower Versuchspersonen, die gebeten wurden, jeden Gedanken, der bei einem Problemlösungsprozess getätigt wurde, laut zu äußern. Sie gingen dabei davon aus, dass es sich beim Schreiben um einen kognitiven Problemlöseprozess handelt.[11] Durch das Dokumentieren dieser Gedankengänge, welches durch Protokolle der psychischen Forschung zu Problemlösungsprozessen erfolgte, konnten Rückschlüsse, in Bezug auf die einzelnen Phasen des Schreibprozesses, gezogen werden. Aus diesen Untersuchungen und den entstandenen Rückschlüssen entwickelten Hayes und Flower das bereits angesprochene Modell, welches ich zur Veranschaulichung im Folgenden als Abbildung 1 darstelle. Dieses zeigt nicht nur die einzelnen Entwicklungsgänge des Schreibprozesses, sondern stellt auch die Beziehungen und Interaktivitäten zwischen diesen dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb.1: Das Schreibprozessmodell von Hayes/ Flower, 1980.)[12]

Wie bereits erwähnt, gliederten HAYES/ FLOWER den Schreibprozess an sich in die Subprozesse Planen (Planning), Formulieren (Translating) und Überarbeiten (Reviewing). Die Subprozesse Planen und Überarbeiten sind ihrerseits noch einmal in untergeordnet ablaufende Prozesse unterteilt. Eine Kontroll- und Steuerungsinstanz (Monitoring) ist während des Vollziehens der drei kognitiven „Hauptprozesse“ aktiviert, die es ermöglicht, dass das Individuum die Prozesse wiederholt vollziehen kann. Die drei Prozesse Planen, Formulieren und Überarbeiten stehen in Abhängigkeit mit den äußeren Einflüssen der Aufgabenumgebung (Task environment) und des Langzeitgedächtnis (The writer’s long term memory) des Autors/ der Autorin .

Um eine bessere Lesbarkeit zu gewährleisten und ein daraus resultierendes besseres Verständnis, möchte ich im Folgenden die Subprozesse des Modells einzeln beschreiben.

Bei der Aufgabenumgebung ist besonders der gegenständliche Schreibauftrag von Bedeutung, da dieser das Thema, den Adressaten und die Schreibmotivation bedingt.

Bereits geschriebene Textelemente gehören ebenfalls zu dem äußeren Einflussfaktor der Aufgabenumgebung, weil der Autor/ die Autorin diese für Zwischenbeurteilungen einsetzen kann, welche sich wiederum auf die noch zu produzierenden Textelemente auswirken können.[13]

Das Langzeitgedächtnis ermöglicht es dem Autor/ der Autorin sowohl themen- und adressatenbezogenes Wissen als auch das so genannte „Weltwissen“ (Vorerfahrungen) in seinen Schreibprozess mit einzubeziehen, welche für den formalen Aufbau der Texte wichtig sind. Das Langzeitgedächtnis beinhaltet auch die Ziele und Pläne des Autors/ der Autorin und gehört ebenso zu den äußeren Einflussfaktoren.[14]

Der Schreibprozess ist, wie ich bereits oben erwähnt hatte, in die Subprozesse des Planens, des Formulierens und des Überarbeitens gegliedert.

Das Planen ermöglicht es dem Leser eine Zielsetzung und eine entsprechende Schreibkonzeption zu entwickeln, welches wiederum in den untergeordneten Prozessen des Generierens (Generating), Strukturierens (Organizing) und Ziele setzen (Goal setting) stattfindet.[15] Das Generieren schafft die Voraussetzungen für das Strukturieren und das „Ziele setzen“ durch das assoziativ-verkettende Abrufen von Informationen aus dem Langzeitgedächtnis. Die so erlangten Informationen werden in Bezug auf das Schreibvorhaben geordnet und bewertet (Organizing) und somit in einen Schreibplan gewandelt, was letzten Endes eine Zielsetzung erst möglich macht. „Nicht themenrelevante Ergebnisse des Generierens werden für die Lenkung späterer Schreibprozesse im Hinterkopf behalten.“[16]

In dem Teilprozess des Formulierens werden die Informationen der Aufgabenumgebung und des Langzeitgedächtnisses in Wörter und Sätze, und somit in einen kohärenten Text umgesetzt.[17]

[...]


[1] Fix, Martin: Texte schreiben. Schreibprozesse im Deutschunterricht. Paderborn u.a. 2006. Seite 11.

[2] Ich möchte darauf hinweisen, dass ich im Verlauf dieser Arbeit das generische Maskulinum verwenden werde.

[3] Bredel, Ursula/ Günther, Hartmut/ Klotz, Peter/ Siebert- Ott, G./ Ossner, J.: Didaktik der deutschen Sprache: ein Handbuch. Paderborn 2006. S. 208.

[4] vgl. ebd., S. 208.

[5] vgl. ebd., S. 208.

[6] vgl. ebd., S. 208.

[7] Winter, Thomas: Metakognition beim Textproduzieren. Tübingen 1992. S.19.

[8] Merz- Grötsch, Jasmin: Schreiben als System, Band 1: Schreibforschung und Schreibdidaktik: Ein Überblick. Freiburg im Breisgau 2000. S. 87.

[9] Jechle, Thomas: Kommunikatives Schreiben, Prozess und Entwicklung aus der Sicht kognitiver Schreibforschung. Tübingen 1992. S. 6f.

[10] Eigler, Gunther/ Jechle, Thomas, u.a.: Wissen und Textproduzieren. Tübingen 1990. S. 7.

[11] Hayes, John R.; Flower, Linda S.: Identifying the Organization of Writing Processes. In: Gregg, Lee W.; Steinberg, Erwin R. (Hrsg.): Cognitive processes in Writing. Lawrence Erlbaum Associates. Hillsdale 1980,

S. 3ff.

[12] http://www.ualberta.ca/~german/ejournal/35/Feist1a.jpg.

[13] Hayes, John R./ Flower, Linda S.: Identifying the Organization of Writing Processes. In: Gregg, Lee W.; Steinberg, Erwin R. (Hrsg.): Cognitive processes in Writing. Lawrence Erlbaum Associates. Hillsdale 1980.

S. 12.

[14] vgl. ebd., S. 12.

[15] vgl. ebd., S 12f.

[16] http://www.karteikarte.com/lesson/295/textproduktion. 26.04.2010.

[17] Hayes, John R./ Flower, Linda S.: Identifying the Organization of Writing Processes. In: Gregg, Lee W.; Steinberg, Erwin R. (Hrsg.): Cognitive processes in Writing. Lawrence Erlbaum Associates. Hillsdale 1980.

S. 15.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640890309
ISBN (Buch)
9783640890422
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169991
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Germanistisches Seminar
Note
3,0
Schlagworte
rekonstruktionsversuch grundlage bildungsplänen entwürfen

Autor

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Titel: Was ist eigentlich „Schreibkompetenz“?