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Der bestätigende und der korrektive Austausch Interaktionsanalyse Erving Goffman: face to face Interaktion

Hausarbeit 2003 20 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Ritualbegriff
1.1 Negative und positive Rituale
1.2 Verstoß gegen das positive oder das negative Ritual

2. Der bestätigende Austausch
2.1 grooming talk
2.2 Ratifizierungsrituale
2.3 Sozialer Kontakte

3. Begrüßungen und Abschiede
3.1 Zugänglichkeitsrituale
3.2 Rituelle Klammer

4. Der korrektive Austausch: Definitionen
4.1 Normen
4.2 Soziale Kontrolle
4.3 Korrektives Handeln

5. Struktur des korrektiven Austauschs

6. Schwächen des korrektiven Austauschs

7. Stellungnahme

Literatur

Einleitung

Innerhalb der Untersuchung des bestätigenden und korrektiven Austauschs von Erving Goffman werden alltägliche Interaktions-situationen – basierend auf Beobachtungen der amerikanischen Mittelschicht der 60er Jahre – aufgrund ihrer rituellen Funktionalität untersucht. Maßgeblich ist hierbei die Analyse von rituellem Verhalten und nicht von Kommunikation. Zu Anfang sollen die Prozesse des bestätigenden und korrektiven Austauschs erläutert werden. Es folgt abschließend eine Stellungnahme im Hinblick auf die zu erörternde Thematik.

1. Der Ritualbegriff

Von zentraler Bedeutung in Goffmans Analyse des bestätigenden Austauschs ist der Begriff des Rituals. Alltägliche rituelle Handlungen werden analysiert und deren Notwendigkeit für ein funktionierendes Miteinander innerhalb der öffentlichen Ordnung anhand von vielfältigen Beispielen verdeutlicht. Ursprünglich impliziert das Ritual eine spirituelle Handlung, eine Abfolge von mehreren Ritualen wird dann als Zeremonie verstanden. Ein Katholik, der beim Beten die Hände faltet, vollzieht damit eine rituelle Handlung. Wird ein Paar in der Kirche getraut, wird durch eine Vielzahl von Ritualen eine Zeremonie abgehalten. In diesem Sinne ist ein Ritual „eine mechanische, konventionalisierte Handlung, durch die ein Individuum seinen Respekt und seine Ehrerbietung für ein Objekt von höchstem Wert gegenüber diesem Objekt oder seinem Stellvertreter gegenüber bezeugt“ (Goffmann 1982: 97). Das „Objekt von höchstem Wert“ ist in den angeführten Beispielen folglich Gott, Stellvertreter der Priester, der die Zeremonie durchführt, und die Handlung symbolisiert deren Anerkennung und Verehrung durch die Gläubigen.

Ethnologisch wird das Ritual heute als „adaptives Verhaltensmuster“ (Goffman 1982: 97) interpretiert, welches sich von seiner ursprünglichen spirituellen Funktion gelöst hat und dazu dient, innerhalb der Interaktion gegenüber anderen Signale zu senden und zu empfangen. Im Gegensatz zum spirituellen Ritual wird während des interpersonellen Rituals nicht eine göttliche Instanz verehrt, sondern der jeweilige Interaktionspartner beispielsweise über kulturell legitimierte Höflichkeitsformen respektiert und in seinem Stellenwert bestätigt. Goffman verweist zu Recht darauf, dass die rituelle Struktur von Interaktionsabläufen innerhalb der säkularen Welt in der Regel nicht wahrgenommen wird. Er spricht von „armseligen Varianten dessen, wonach Anthropologen in ihrem Reich suchen“ (Goffman 1982: 98). Um die Komplexität und die Auswirkungen dieses Phänomens auf die öffentliche Ordnung zu vertiefen, ist es daher zunächst notwendig, die Rituale zu klassifizieren.

1.1 Negative und positive Rituale

Gemein ist beiden Ritualformen der ihnen zugeschriebene Sinn. Sie dienen jeweils dazu, die soziale Beziehung zwischen den Interaktionspartnern zu bestätigen und zu bekräftigen. Allerdings werden durch die negativen Rituale die sogenannten „Reservate des Selbst“ (Goffman 1982: 97) geschützt, während die positiven eine Annäherung zwischen den jeweiligen Personen ermöglichen. Zu den negativen Ritualen zählt Goffman folglich Verbote, Vermeidungen und Fernbleiben, wohingegen die positiven ein „Opfer“ des Ausführenden implizieren, wodurch er den Respekt seines Gegenübers bezeugt und so einen Zugang ermöglicht (vgl. Goffman 1982: 97).

1.2 Verstoß gegen das positive oder das negative Ritual

Erst die Auseinandersetzung mit der möglichen Missachtung der beiden Ritualformen lässt deren Komplexität und Bedeutung im täglichen Miteinander verstehen. Liegt der Sinn beim positiven Ritual darin, dem Gegenüber Respekt und Anerkennung zu bezeugen, wird über Nichtkenntnis des kulturellen Kontexts oder durch zu aufdringliches Verhalten oft das Gegenteil bewirkt.

Wird ein Bankdirektor, ohne dass er dazu aufgefordert hätte, von einem Auszubildenden plötzlich salopp mit dem Vornamen angesprochen, wird er das in der Regel als grobe Beleidigung wahrnehmen, selbst wenn man dem Angestellten unterstellen würde, er habe sich nichts Schlimmes dabei gedacht. Mangelnder Respekt und die Nichtanerkennung des Stellenwerts seiner Position werden die soziale Beziehung ohne korrektive Leistung durch den Auszubildenden stark belasten.

Ein Verstoß gegen ein negatives Ritual könnte folgendermaßen aussehen. Ein Trauernder wird von einem entfernten Bekannten besucht. Dieser erzählt permanent von seinen eigenen Problemen und ignoriert die Trauer des Betroffenen vollkommen. Dies stellt eine grobe Verletzung der Privatsphäre des Trauernden dar, die fehlende Distanz und die mangelnde Empathiefähigkeit des Besuchers kann als zusätzlich belastend empfunden werden. Sehr wichtig ist in diesem Kontext die soziale Beziehung der einzelnen Personen zueinander. Selbstverständlich erwartet auch der Bankdirektor von seiner Familie und seinen Freunden ein anderes, im allgemeinen ungezwungeneres Verhalten, als von seinen Angestellten. Ein Trauernder hingegen erwartet oftmals von seinen engsten Freunden Trost und kann es als kränkend empfinden, wenn diese sich aus zu großem Taktgefühl von ihm distanzieren.

Die Entscheidung, welches Ritual in welcher Situation das richtige ist, steht also einerseits in direkter Abhängigkeit zur Situation selbst, aber andererseits kann erst über das Bewusstsein um die soziale Beziehung der beiden Interaktionspartner die richtige Wahl getroffen und die angemessene Form gewahrt werden. Je fremder sich demnach die beiden Personen sind, um so mehr gewinnen Distanzregeln und Höflichkeitsbekundungen an Bedeutung.

2. Der bestätigende Austausch

Nach Goffman besitzen interpersonelle Rituale einen dialogischen Charakter, woraus sich wiederum der Begriff des bestätigenden Austauschs ableiten lässt (vgl. Goffmann 1982: 98). Hat also der eine Interaktionspartner durch ein positives Ritual dem anderen gegenüber dessen Anerkennung signalisiert, erwartet er nun von diesem eine bestätigende Reaktion. Diese kleine Zeremonie wird von Goffman als „geben und danken“ beschrieben oder anders ausgedrückt, auf eine Leistung folgt eine Gegenleistung. Das entsprechende dialogische Prinzip gilt ebenso bei negativen Ritualen, allerdings muss dabei einschränkend gesagt werden, das unter bestimmten Umständen, beispielsweise einem Trauerfall, aus Rücksichtnahme keine Erwiderung erwartet wird.

2.1 grooming talk

Goffman fährt mit seiner Analyse fort, indem er unterschiedliche Handlungen untersucht, die ein formales Merkmal gemeinsam haben. Er spricht in diesem Zusammenhang von der „Ritualisierung der identifikatorischen Sympathie“ (Goffman 1982: 101). Dies meint die Fähigkeit des einen Interaktionspartners, ein bestätigendes Ritual aufgrund von Kenntnissen über die Bedürfnisse des anderen Interaktionspartners einzuleiten, die er aus der sich momentan ergebenden Situation erschließen kann.

Am besten lässt sich dies am Beispiel des sogenannten „grooming talks“ verdeutlichen. So ist der Wirt eines Gasthauses allein durch die neu angekommenen Gäste, die sich an einem Tisch niedergelassen haben in der Lage, einiges über deren potentielle Bedürfnisse zu deuten. Um seine Bereitwilligkeit deren Wünsche zu erfüllen und seine Anerkennung den Gästen gegenüber zu demonstrieren, kann er sich einleitend freundlich nach deren Wohlbefinden erkundigen (grooming talk) und anschließend erfragen, welche Bestellungen sie aufgeben möchten. Dies zeigt, dass auch Personen, die sich völlig fremd sind, in einer Situation, die ein gemeinsames formales Merkmal aufweist, durch bestätigende Rituale einen Zugang herstellen können, um sich gegenseitig in ihrem Stellenwert zu bestätigen (vgl. Goffman 1982: 101). Dies könnte bedeuten, das ein allzu unfreundlicher Wirt den Gästen gegenüber nicht die erwartete Bestätigung entgegenbringt und diese deshalb das Lokal verlassen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638216760
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16989
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Fachbereich 1 Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
Austausch Interaktionsanalyse Erving Goffman Interaktion

Autor

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